Einzelbild herunterladen
 

Zuldaer Leitung

Erscheint tägNch mit knsnohme der Sonn- und Zetertage, viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlol)» and Bestellgeld in Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rototionstiruck und Verlag der 5 » Zuldaer kctiendruckerei in Zulda. Zemsprrcher Nr. 9.

“ ~ Wochen-Beilage: s s f r. s Monats-Beilage: s s

Illustrierte Sonntagszeitung | Zuldaer Seschichtsblütter

S Ziehungslisten der preußisch-Mdeutschen Kloffen-Eotutie. — halbjährlich Laschenfahrplan. K

flnieigm: der Renm dner tlnfpolflgen Celentijdle, 4T «u» «rdt, to|tct U pfg. Reklamen: Ter Raum einer Colonehelle, 74 mm breit, ko (lei 40 pfg. Bn Wiederholungen Rabatt $ür Offert- und fluskunllcnjeigrn 20 Pf. cxb-a. Jn Konkursfälten wird der bereinigte Rabatt hinfällig. CrfClIuncsorf fOr bas Lin­klagen oon Forderungen ist Suita. fln)elgen-flnnal)me bis 10 Uhr oormiitags. s s Größere ßnjeigen erbitten wir uns tags vorher. :: s

Nr. 234» erstes Blatt.

Donnerstag den 9. Oktober M3.

40. Zahrgang.

Eine Erklärung des Prinzen Ernst August von Cumberland.

Das Wolff'sche Telegraphen-Bureau verbreitet folgende halbamtliche Erklärung:

Die von verschiedenen Seiten unternommenen Ver­suche, die unter Berufung auf den Fahneneid abgegebenen Erklärungen in dem Briefe Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ernst August, Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg, an den Reichskanzler zu mißdeuten, stehen, wie uns aus Gmunden von zuständiger Seite mitgeteilt wird, im scharfen Gegensatz zu der Auffassung des Prinzen selbst. Der Prinz ist der Meinung, daß seine in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen über das in dem Fahneneid liegende Versprechen so klar und bestimmt seien, daß niemand das Recht habe, an feinen Worten zu deuteln und zu rütteln. Es sei für ihn unverständlich, rote jemand daran zweifeln könne, daß dieses Versprechen auch in Geltung bleibe, sobald er deutscher Bundesfürst geworden sei, da es eine Ver­pflichtung enthalte, die sich für einen deutschen Bundes­fürsten von selbst ergebe, und daß er fich daher an sein Versprechen für immer gebunden fühle.

Die Mitteilungen der .Frankfurter Nachrichten' über die Verhandlungen vor der Hochzeit sind, wie wir aus Gmunden und aus Berlin erfahren, unrichtig- Die Besprechungen des Reichskanzlers in Homburg mit Seiner Königlichen Hoheit dem Herzog von Cumberland und dem Prinzen erzielten ganz klar das Ergebnis, das in dem Briese des Prinzen an den Kanzler nieder­gelegt ist. Die Schilderung eines Auftrittes mit dem Prinzen August Wilhelm gehört in das Reich der Fabel.

Die halbamtliche Kundgebung berichtigt nach rechts und nach links hin. Sie sagt, es seien „von verschiedenen Seiten" Versuche unternommen die Er­klärungen des Prinzen Er-, August in seinem Schrei­ben an den Reichskanzler zu mißdeuten. Merdings waren die beteiligten „Seiten" grundverschieden. Wortführer der deutsch-hannoverschen Partei, vor allem dec Abg. Colshorn, wollten nachweisen, datz kein „Verzicht" vorliege oder überhaupt zu erwarten sei, und die alldeutschen und nationalliberalen Erb­feinde der Welfen und ihre Freunde griffen mit Eifer und Vergnügen den Ball auf und stellten die Zulassung des Prinzen zum braunschweigischen Thron als eine blanke Unmöglichkeit hin. Der Schluß der Erkl.ung wendet sich gegen eine Darstellung, die kürzlich die Frankfurter Nachrichten über die Vor­geschichte der Verlobung des Prinzen mit der deut­schen Kaisertochter gegeben hatten. Sie berichteten über einen angeblichen Ausspruch des Prinzen Ernst August, datz für ihn in erster Linie die Ehre, erst in zweiter Linie die Liebe in Betracht komme. Prinz August Wilhelm sollte dann den Prinzen Ernst August der das Zimmer verlassen hatte, zurückgeholt haben.

Die halbamtliche Erklärung weist die tendenziösen Fabeln und Legenden zurück "und stellt andererseits fest, datz die einschränkende Auslegung de? prinzlichen Briefes unrichtig ist. Das letztere ist die Haupt­sache.

Wir haben schon damals, als der Bundesrat seine Beschlüsse ge g e n den Antritt der Regierung m Braunschweig faßte, auf denselben Standpunkt ge­stellt, den jetzt die Regierung als den Standpunkt des Prinzen lernst August verkünden läßt: Ein deutscher Bundessürst, der im Rahmen der Reichsverfassung seines Amtes waltet, kann nichts unternehmen gegen den Besitzstand eines Bundesstaates. Der Her­zog von Cumberland hatte schon damals für sich und seinen Sohn die Reichsverfassung rückhaltlos aner­kannt. Daraufhin hätte man die legitime Erbfolge in Braunschweig einfach zulassen sollen. Umso mehr, als jeder Realpolitiker sich sagen mußte, daß die „Be-

Ker Brandstifter.

35] Eine Bauerngeschichte ans dem Taunus von Fritz Ritzel.

„DaF hängt mir zu hoch, Herr — ich waaß nit, wie ich Sie anrede soll--"

„Herr Staatsanwalt!" warf der Landrichter ein.

,Herr Staatsanwalt!" fuhr August ruhig fort — „awer was en Eid is, des waaß ich' un Sie toer’n doch nit glaawe, daß ich etwas uff mein Eid nemme. was ick nur glaab' und nit ganz gewiß waaß. Do täte Sre uns Naffauer Lauern awer schlecht kenne, Herr Staatsanwalt!"

Die freimütigen Worte in Verbindung mit der gewinnenden Erscheinung des jungen Mannes, der die Rechte wie beteuernd auf die Brust gelegt, vor den Gerichtsherren stand, gefielen diesen offenbar, denn der Richter nickte lächelnd mit dem Kopfe und der Staatsanwalt murmelte vor sich hin: „Noch echtes Schrot und Korn!"

„Nun aber", hob der Landrichter wieder an, „wollen wir fortfahren. Sie heißen also August Bremser, sind Landwirt, 25 Jahre alt, unbestraft. „Ich werde Sie jetzt vereidigen."

Dies geschah und nachdem August den Eid abge­legt hatte, erzählt: er nochmals genau, wie er in den Besitz des auf dem Tische liegenden, mit Werg umwickelten Messers gelangt war, welche Beobach­tungen er an dem nämlichen Tage tn dem Kahser- schcn Gehöft gemacht hatte und fügte noch hinzu, daß er sowohl, toi* auch andere Leute in Oberhausen des öfteren schon beobachtet hätten vaß sich bei dem erkrankten Jakob Eicher eine seltsame Sucht nach dem Feuer geäußert habe. Ohne zu zögern, beant­wortete der Zeuge verschiedene, von dem Richter an ihn gestellte Zwischensragen und schloß mit dem Hinweis darauf, daß sein Begleiter, der alte Len- Hard, gleichfalls Verschiedenes zu bekunden habe, das feine Aussagen bestätige.

drohung" des preußischen Besitzstandes, wen» eine solche überhaupt beabsichtigt wäre, viel eher von der Freistadt in Gmunden, als von der Hauptstadt des konstitutionellen Braunschweig aus erfolgen könnte.

Fürst Bülow hatte in seiner unglückseligen Dlock- zeit auch in der sogen. Weifenfrage den Kurs noch weiter verschlechtert. Diese Berscharfung des Zwistes auf gute Manier rückgängig zu machen, bot ine Hei­rat des Welfenprinzen mit der Kaisertochter eine Ge­legenheit, die von allen unbefangenen Friedens­freunden aufs wärmste begrüßt wurde. Wenn da gewisse formelle Schwierigkeiten auftauchten und wenn die Eiferer von hüben und von drüben sich nicht gleich in die neue Ordnung der Dinge fügen konnten oder wollten, so behalten nun doch schließlich diejenigen recht, die.sich einfach auf die Logik der Tatsachen verließen und sagten: Es wäre unsinnig und ist vollständig undenkbar, daß der Schwieger­sohn des Kaisers als Reichsfeind und Staats- bedroher von der Erbfolge in Braunschweig auSge- schloffen bleibe!

Unsere „nationalen" Kampshähne werden Wohl trotz der neuesten Erklärung des Prinzen Ernst Au­gust ihren gewohnten „Krieg gegen das Welsentum" fortzufetzen suchen. Es heißt schon heute in tfjrer Presse, daß der förmliche „Verzicht auf Hannover" noch immer fehle, daß der Herzog schweige, daß Prinz Ernst August sich nur für seine Person aber nicht für seine Nachkommenschaft binde ufw. Man will die alte Wunde sich nicht schließen lassen; darum kratzt man so krampfhaft daran herum. Der Herzog von Cumberland hat seine Genehmigung zu dem Briese seines Sohnes gegeben, und wenn der einzige männ­liche Sproß des Welfenhauses eine Verpflichtung „für immer" öffentlich übernimmt, so wird er wahrlich nicht seine Kind er, die Enkel des Kaisers und Königs, zu Rebellen gegen den Besitzstand Preußens erziehen! Aus solchen Quer­treibereien und Verdächtigungen spricht persönliche oder parteiische Selbstsucht. Maßgebend darf nur das Gemeinwohl fein, das den inneren Frie­den erfordert.

*

* Potsdam, 8. Okt. 1913. Prinz Ernst August von Cumberland ist heute vormittag im Neuen Palais eingetroffen, wo er einige Zeit zu bleiben gedenkt. ■

(1 Die Ltrasrechtskommiws«.

Die Kommission zur Umgestaltung des gleich nach der Reichsgründung geschaffenen heutigen Straf­rechts, die am 10. Februar in die zweite Lesung ein­getreten ist, hat sich aufgelöst. Nach ihren Vorschlä­gen sollen die bis jetzt geltenden Bestimmungen des Strafrechtes teilweise einen Ausbau, teilweise Aen- derungen erfahren.

Grundsätzliche Aenderungen bringen die Be­schlüsse über die Behandlung des RechtSirr- t u m s, der dann gegeben ist, wenn der Täter au8 Irrtum über das Gesetz ober dessen Anwendbarkeit nachweislich in dem Glauben gehandelt hat, die Tat sei erlaubt. Gewisse besonders schwere Strafen, na­mentlich Todesstrafe und Zuchthaus, sowie Ehren­strafen sollen bei Vorhandensein des Rechtsirrtums ausgeschlossen sein, und an die Stelle der an sich an» gedrohten Strafen sollen mildere Strafen treten. Ist der Irrtum entschuldbar, so soll der Richter die Strafe nach freiem Ermessen mildern und sogar von Bestrafung absehen können.

In dem jetzt geltenden Gesetz ist Notstand, d. i. der Zustand der Gefahr, aus dem man sich nur durch Verletzung eines fremden Rechtes befreien kann, nur dann zulässig, soweit Leib und Leben in Gefahr steht. Diese Begrenzung soll aufgehoben werden; auch da ist eine Milderung eingetreten. Der Einwand des Notstandes soll zum Schutze eines jeden Rechtsgutes geltend gemacht werden können.

Verschärft sollen die Bestimmungen über die Einzelhaft der Zuchthaus- und Gefängnisge-

Der alte Lenhard, der bei Beginn des Verhörs das Zimmer verlassen hatte ntüffen, wurde herein­gerufen und schilderte, nach dem er gleichfalls ver­eidigt worden war, die Beobachtung, die er vor einem Jahr gelegentlich des kleinen Brandes auf dem Heu­speicher gemacht hatte. Dabei erwähnte er sowohl das eigentümliche Gebahren beS Hofhundes Nero gegen den Verdächtigen, wie auch den Umstand, daß damals, tote er sich genau erinnere, ein Abdruck von der Fußspur des Brandstifters genommen worden war.

Auch seine Aussagen trugen so sehr das Gepräge der Wahrhaftigkeit, daß sie chren Eindruck auf den Landrichter nicht verfehlten und diesen veranlaßten, die betreffenden Akten über die damals niederge­schlagene Prozeßsache herbeiholen zu lassen. . In der Tat war denselben die Zeichnung des Abdrucks einer Schuhsohle beigefügt

Der Untersuchungsrichter wandte sich an den ruhig zuhörenden Staatsanwalt mit Den Worten:

„Der Herr Staatsanwalt sind gewiß damit ein­verstanden, wenn neue Erhebungen in dieser Ange­legenheit gemacht werden. Bestätigt sich die Ver­mutung des Zeugen, daß die Fußspur wirklich von dem verdächtigen Jakob Eicher herrührt, dann ist dessen Selbstbezichtigung wohl als schwerwiegender Beweis für seine Täterschaft in beiden Fällen zu betrachten!"

„Unter allen Umständen muß die Sache klar ge­stellt werden", erwiderte der Angeredete, „und wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf, möchte ich empfehlen, beit, angeschuldigten Ernst Rother vor- führen zu lassen und ihn den beiden Zeugen gegen« überzustellen! Vielleicht ergeben sich dabei Momente, die zur Klarstellung der Sache beitragen!"

Der Landrichter nickte beistimmend, drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel und befahl dem eintretenden Gerichtsdiener, den Häftling Ernst Ro­ther vorführen zu lassen. Die beiden Zeugen wieS' er an, sich in das Nebenzimmer zu verfugen.

fangenen werden. Während bis jetzt die Anordnung der Einzelhaft dem Ermessen der Gesängnisverwal- tung unterliegt, hat die Kommission vorgeschlagen, daß Zuchthaus- und Gefängnisgefangene im An­fang der Strafzeit drei Monate in Einzelhaft zu halten sind. Die AnstaltSbehörde kann dre Einzel­haft verlängern, ebenso entscheidet sie über die Ein­zelhaft bei Einschließungsgefangenen, Haftgefange­nen und Jugendlichen/

Die Vorschriften über das Arbeitshaus sol­len vielfach umgeftaltet werden. Zunächst soll leider die Zulassung von Arbeitshaus bei Erpressern und gewerbsmäßigen Glücksspielern beseitigt werden. Im übrigen ist der Gedanke durchgedrungen, daß auf Unterbringung in das Arbeitshaus nur erfannt werden darf, wenn die Gefängnisstrafen mindestens einen Monat und höchstens ein Jahr betragen. Die Dauer der Unterbringung soll IC'’,* Gericht bestimmen. Doch soll die Landespolizeibe- hörde den Verurteilten bei schlechter Führung über die bestimmte Zeit hinaus bis zu einer gesetzlich fest­gelegten Höchstdauer zurückbehalten dürfen. Auf die Hebung der Arbeitskraft und der geistigen und sitt- lichen Fähigkeiten des Verurteilten durch die Arbeit im Arbeitshause soll Bedacht genommen werden.

Wichtig ist bei dem Abschnitt über den Meineid die Einschaltung einer Bestimmung über die Be­strafung der falschen uneidlichen Aussage eines Zeu­gen ober Sachverständigen. Danach soll der Täter aber nur dann strafbar sein, wenn er auf die Straf­barkeit falscher uneidlicher Aussagen von der zur eidlichen Vernehmung zuständigen Behörde hinge- totefen wurde. , , •

Neu ist die Bestimmung, die denjenigen bestraft, der bet einer vor einer Behörde abgelegten Prü­fung zwecks Anstellung, Erlangung . eines Titels oder eines ■ Berufes die Versicherung abgibt, die Prüfungsarbeit selbständig hergestellt zu haben, während er sie sich teilweise oder ganz von einem anderen hat anfertigen lassen. Den Hersteller trifft die gleiche Strafe, die sich verschärft, wenn er die Prüfungsarbeiten erwerbssiiäßig anfertigt.

Jn die Paragraphen über die Körperver­letzung wird die neue Bestimmung vorgeschlagen, daß eine mit Einwilligung des Verletz­ten vorgenommene Körperverletzung nicht rechts­widrig ist. Die Tat darf jedoch nicht gegen die guten Sitten verstoßen, und das wird sie Wohl stets tun, sofern es sich nicht um ärztliche Maßnahmen handelt.

* Die „Taten" der roten 110.

Als bas Zentrum im früheren Reichstag über 100 Mandate zählte und damit biestärksteFraktion bildete, konnte sich die Sozialdemokratie nicht genug darin tun, zu behaupten, mit 100 Mandaten ließe sich hier einfach alles erreichen, wenn man nur wolle.

Seit den letzten Reichsiagswahlen, die der Sozial­demokratie 110 Mandate brachten, ist die Sache aber umgekehrt; heute ist die Sozialdemokratie im Reichstage die stärkste Fraktion, stärker sogar als früher daS Zentrum. Nun sollte man meinen, daß die Sozialdemokratie als nunmehrige stärkste Fraktion schleunigst das nachholen würde, was früher das Zentrum als damalige stärkste Fraktion versäumt haben soll. Aber nichts von alledem! Dieroten Maulhelden werden allmählich wohl selbst einsehen müssen, daß es mit ihren protzigen Reden und end­losen Schimpfereien nichts auf sich hat. Schrieb doch sogar letzthin der Obergenosse Kautsky im /Vorwärts' (1913, 239): .Wir sind die stärkste Partei im Reichs­tage geworden und den Proletariern geht es immer schlechter!" Dieses Eingeständnis steht in einem seltsamen Widerspruch zu den sonstigen hoch­tönenden Redensarten der Sozialdemokratie und ihren ftühercn Anschuldigungen gegen das Zentrum als damalige stärkste Partei.

Nach einigen Minuten erschien, begleitet von einem Gefängniswärter, Eirnst Rother. Der sechS- wöchentliche Aufenthalt in der einsamen Gefängnis­zelle war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Das frische, gesunde Braun seines Gesichtes war einem fahlen Grau gewichen, und ein bitterer Zug hatte ftch in seine mager gewordenen, von Bartstop- veln überwucherten Wangen eingegraben, der mit dem unendlich traurigen" Ausdruck seines Blickes übereinstimmte. Nur in seiner Haltung zeigte sich die frühere Festigkeit, als er jetzt der Aufforderung des Landrichters, näher zu treten, folgte und dessen Anrede erwartete.

„Sie haben bei den früheren Vernehmungen jede Schuld an dem Ihnen zur Last gelegten Vergehen trotz des gegen Sie vorliegenden erdrückenden Be- weismatermis in Abrede gestellt!" begann der Rich­ter. „Beharren Sie immer noch auf diesem Stand­punkt?"

„Ich kann nur wiederholen, Herr Landrichter, daß nur eine unglückliche Verkettung von Umständen vorliegt, die gegen mich zeugt" — der Gefangene bediente sich der Sprache der Gebildeten — „eine Verkettung von Umstanden, wie sie Wohl selten bei einem Verfahren beobachtet wird. Der Schein ist wider mich — ich sehe das ein; sämtliche Einwohner meines Ortes mit nur einzelnen Ausnahmen halten mich für den Täter, aber nichtsdestoweniger 6m ich frei von jeder Schuld! Ein anderer, den ich in jenem verhängnisvollen Moment nicht erkannt habe, hat den Brand angelegt!"

„Und hegen Sie keine Vermutungen, wer dieser Andere fein könnte? Haben Sie persönliche Feinde unter den Einwohnern Ihres Ortes oder können Sie sonst einen plausiblen Grund anführen, aus wel­chem ein Fremder ein so schweres Verbrechen be­ging?"

„Persönliche Feinde habe ich meines Wissens nicht! Das Motiv der Rachsucht dürfte somit kaum in Betracht kommen!" erwiderte Ernst.

„Mer aus welch anderen Mottven sollte denn

Jn großen Siegesartikeln wurde 1912 der Einzug der roten 110 in den Reichstag gefeiert, und stolz wurde in der sozialdemokratischen Presse der Beginn eines neuen Zeitalters verkündet. Man brüstete sich damit, daß „die herrschende Klasse" durch die Wucht der sozialdemokratischen Siege jetzt zu Zuge­ständnissen gezwungen würde, daß der „Rüstungs­wahnsinn" jetzt gedämpft würde usw. Und was ist die Folge all dieser kühnen Proklamationen gewesen? Die stolzen Prophezeihungen sind nicht nur nicht ein» getroffen; sondern gerade umgekehrt ist es ge­kommen. So ist z. B. noch niemals eine so große Wehrvorlage so glatt zur Annahme gelangt wie ge­rade in diesem „toten" Reichstage mit der Sozial­demokratie als stärkste Fraktion. Hören wir darüber nut die sozialdemokratische »Leipziger Volkszeitung' (Nr. 213):

Die Wehrvorlage, die ungeheuerste RüstungS» Vortage, die dem deutjchen Volte je zugemulei wurde, diese riesenhaste Ausgeburt des Imperialismus bewies uns recht anschaulich, daß der glänzende Wahlsieg von 1912, die Verstärkung der soziatvemokraiischen ReichS- tagsfraktion auf 110 Köpfe, die herrschende Klasse keineswegs zu Zugeständnif sen geneigt macht, datz im Gegenteil die Gegensätze sich immer schärfer gestalten, die bürgerlichen Parteien sich in entscheidenden Fragen immer fester zur ge­schlossenen Phalanx gegen bas ktassenbewußle Proletariat zusammenschließen.

Insbesondere sucht die Sozialdemokratie ihren Nachläulern 'einzureden, daß es nur ihr zu danken fei,; wenn die Deckung der Wehrvorlage durch direkte! Steuern erfolgt sei. Ohne den Druck der starken Sozialdemokratie hätten die bürgerlichen Parteien die Deckung durch neue indirekte Steuern votgenommen. Aber auch diese Wichtigtuerei wird von bet Leipziger Volkszeitung' kurzerhand abgetan mit den Worten:

„Da wäre erst einmal zu beweisen, daß dies wirklich geschehen wäre, und das dürfte nicht leicht fallen; der Wehrbeitrag konnte durch indirekte Steuern über­haupt nicht erfetzt werden."

Diese Feststellungen dürsten den großsprecherischen sozialdemokratischen Agitatoren wohl etwas lästig fallen. Ueberhaupt wird cs sich für diese in Zukunft wohl nicht mehr so bequem le^cn lassen, denn die öde Schaumschlägerei und das fortwährende Schimpfen auf andere genügt heute nicht mehr. Das Volk will von der größten deutschen Partei endlich einmal; Taten sehen, und hier wird die Sache für die großmäulige Sozialdemokratie allerdings äußerst-' brenzlich.

* Serbische Toleranz.

Die Wiener.Reichspost' veröffentlicht einen Briest aus Neuserbien, dessen Verfasser eine „angesehene kirchliche Stelle" bekleide. Wir geben aus dem Briefe, folgende Stellen wieder:

Es gab in Serbien selbst bisher an die 6000: Katholiken, deren große Mehrheit in Belgrad ansässig! ist und sich aus Ausländern zusammenfetzt. Die, zweite Gruppe von Katholiken befindet sich in Nisch.f Ebenso bekannt wie diese Tatsache ist auch, daß es < den Katholiken in Belgrad noch nie ermöglicht^ wurde, sich eine eigene Kirche zu bauen, obwohl sie die Zahl 3000 überschreiten. Zu Nifch besteht eine kleine Kirche, die einzige katholische in dem ganze» bisherigen Königreich Serben; sie ist noch m der Zeit be:: — Türkenherrschast von Monsignore Dairo, Erzbischof von Uesküb, erbaut worden. Seit Nifch unter serbischer Herrschaft steht, war es nicht mehr möglich, auch nur einen neuen Stein der Kirche anzufügen; die serbische Regierung verbot jede noch so notwendige Erweiterung.

Im Jahre 1890 willigte der Heilige Stuhl in die Errichtung eines eigenen Bistums mit dem Sitze in Belgrad; die Ausführung blieb, dank der Un» duldfamkeit der Behörden, bis heu:e auf bemi Papiere; die damals eingegangenen Verpflichtungen sind bis heute unerfüllt. — Mit Ausnahme der Russen, mit denen ich nie persönlich in Berührung kam, habe ich kein Volk in Europa gesunden, das

der Unbekannte gehandelt haben? Ein materieller Vorteil konnte ihm doch daraus nicht erwachsen, wenn er anderen Leuten die Häuser anzündet!"

„Darüber habe ich mir seit Wochen den Kopf zermartert, Herr Landrichter! Aber mit dem besten Willen kann ich mir die Motive des Brandstifters nicht erklären!" ;

„Wie standen Sie mit dem Landwirt Jakob Eicher? Waren Sie mit demselben befreundet oder: nur oberflächlich bekannt und hat es jemals zwischen, ihm und Ihnen ein Zerwürfnis gegeben?" ,

„Mit Jakob Eicher?" fragte der Befangene, bet-i wundert, indem eine leichte Röte sein Gesicht über­flog. „Mit dem stand ich überhaupt nicht ober —- um ber Wahrheit die Ehre zu geben — ich mied ihn, wenn er unsere Wirtschaft besuchte, weil er mich stets mit auffallender, an Unfreundlichkeit grenzen­der Kürze behandelte!"

„Aus welchem Grunde begegnete Ihnen ber Mann so kurz angebunden — fast unfreundlich, wie Sie sagen?"

„Einen Grund dafür vermag ich nicht anzugeben! Vermutlich war Eicher mir nicht wohlgesinnt, wett ich während der Militärzeit keinen näheren Verkehr mit ihm pflegte!"

„So, so — und an eine tiefere Abneigung gegen Sie glauben Sie nicht?"

„Immerhin stelle ich die Möglichkeit einer solchen nicht in Abrede!" erwiderte der Gefragte mit einiger Befangenheit. ,

„Aus welchem Grunde?"

„Der Grund ist etwas intimer Natur — Eicher! Frau und ich.standen einst in Beziehungen zu ein­ander!" .

Zögernd und in sichtlicher Verlegenheit hatte bei Gefangene die letzten Worte borge,bracht, jetzt schlug er sich plötzlich vor die Stirne und fuhr hastig fort: „Herr Landrichter — Ihre Fragen bringen mich da auf einen Gedanken, der mir das Rätsel löst!