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Zuldaer Zeitung

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TlTonats-Btitage:

40. Zahrgang.

Dienstag den 7. Oktober 1913

Crstes Blatt.

Nr. 232

Erschein, täglich mU Ausnahme der Sonn- und Jetertage. Oiertei- whrttcher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld In Julba sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsbru* und Verlag der S z Zuldaer flctienbnidterel In Zulba. Zemsprecher Nr. 9. s s

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Illustrierte SonntagszeUung

Sulbücr 6etchichtsl>lütter KoäüreS"™”?’’“« deÄmo^/R-ÄeM-

** ' ' klagen von Zordenmgen ist Sulbo. Anzeigen-Annahme hU

Ziehungslisten der preußisch-siibbeutschen Klaffen-Eotterie. — tzaldjährlich Taschenfahrplan. v u n Sr-gm finnigen «bitten mir ms tag* °>

Anzeigen: Per Reu» du» elnfpolflpcn Cefonetjetle, 47 bb »reit, «litt 15 Pta.

Reklamen: Der Raum einer Cotonetjelte, 74 m »reit, *on«t 40 Pfe- »M — - — —— - - *■ " —H«, 20 Df, extra. Jn

KSEssnsta t&arwiz

Sortierungen ist Suita, flnjelgen-finnobme bis fO Uhr uermlttag*. 6rtgere findigen erbitten wir uns tag« vorher. ~ “

4- „Das Ieutrum, wie es war, ist und bleibt."

Als Ende August ganz unvermutet der ehemalige Reichs- und Landtagsabgeordnete Geh. Justizrat R o e r e n , der im Februar 1912 vor der Niedcrlegung seiner Mandate erklärt hatte, „daß diejenigen Gegner, die vielleicht jetzt eine Verschärfung des Streites im eigenen Lager erhoffen, jedenfalls, was meine Person angeht, sich enttäuscht sehen werden", eine Kampf­schrift veröffentlichte: „Zentrum und Kölner Rich­tung", da hat die Zentrumspresie von dem Erscheinen dieser Schrift nur Kenntnis genommen, sich aber ver­sagt, einen schon ausgetragenen Streit nochmals zu führen. Man erwartete damals, daß von berufener Seite eine aktenmäßige, sachliche Gegenschrift erschei­nen werde, um für die Zukunft einer Geschichtsklit­terung vorzubeugen. Diese Gegenschrift liegt jetzt vor. Sic betitelt sich: „D a s Z e n t r u m, w i e e s w a r, i st u n d b l e i b t" und hat zum Verfasser den bekannten Publizisten und Politiker, Justizrat Dr. Julius Bachem, der wie kaum ein anderer be­rufen erscheint, in der „sachlichen und endgültigen Entscheidung" in dem Streit um den Zentrumscharak­ter, die Geheimrat Roeren gefordert hat, mitzusprechen.

Was der um die katholische Sache in Deutschland hochverdiente Politiker und Redakteur der „Kölnischen Volkszeitung" in der 79 Seiten umfassenden Schrift auf die Roerenschen Einwände und Ausführungen er­widert, was er an plastisch politischen Erwägungen hier niedergelegt, hat die überzeugende Kraft sachlicher Neberlegenheit und den festen Rückhalt geschichtlicher U Überlieferung. Wenn für die Zentüumspartei und die Zentrumspresse die Frage nach der Wesensart des Zentrums auch längst keine offene mehr ist, und wir cs uns darum gemeinhin versagen, erledigte Streit­fragen immer wieder auszugraben, so macht es uns die durch einen solch verdienten Mann wie Geheim­rat Roeren versuchte Wiederaufnahme des alten Streits und auch die vielfach noch vorherrschende Un­klarheit über den Kernpunst der Streitftage doch zur Pflicht, auf die Bedeutung und den Wert der vor­liegenden Schrift Bachems hinzuweisen, die in ihren knappen, schlichten und beweiskräftigen Darlegungen das geignetste Mistel ist, um einem jeden ein klares Bild über den Stand der Angelegenheit zu geben und jedermann in die Lage zu versetzen, ein selbständiges Urteil sich darüber zu bilden, ob nun das Zentrum nach den Absichten seiner Gründer eine konfessionell­katholische oder eine interkonfessionell-politische Partei ist, und ob darum die sogenannte „Kölner Richtung" das Zentrum in neue Bahnen drängen oder vielmehr dasselbe gegen die Bemühungen anderer in den alten Bahnen erhalten will. — Wenn wir im folgenden in knappen Zügen einen Umriß der gehaltvollezr Schrift Julius Bachem's niederzeichnen, so soll da­durch das Studium der Broschüre selbst durchaus nicht überflüssig gemacht, sondern erst recht empfohlen werden.

Kirchenpolitische Bedrängnis hat zweiffellos das Zentrum ins Leben gerufen, aber von Anfang an haben die Führer der Partei mit allem Nachdruck betont, daß das Zentrum keine exklusive katholische, sondern politische, nichtkonfes­sionelle Partei sei. Grundsätzliche Bedenken können darum auch keineswegs gegen den vielbespro­chenen „Turmartikel" des Verfassers geltend gemacht werden, deffen Zeitgemäßheit und Richtigkeit die in­nerpolitische Entwicklung bereits zur Genüge darge­tan hat.

, Von besonderem Interesse ist natürlich die Stel­lungnahme des Verfaffers zu der heiß umstrittenen .allgemein ch r i st l i ch e n B a s i s". In lichtvoller Klarheit zeichnet er die Begriffe „christliche Weltan­schauung" und „katholische Weltanschauung": wenn

Der Krcrndflifter.

33] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

„For was braucht Ihr denn des viele Werg?" gab ich do den Stallbub, den Lenz, der jo en halber Simpel is, gefragt. Ei — Hot der do gesagt — des hawe wir vor e Wochener vier gebraucht, wie der Gaul krank gewese ts — der Hot Umschläg demit ge­macht krieht! Gestern hot's unser junger Herr von dem Gestell do obe herunnergeholt! Jetzt Mußt ich genug. Weil ich zwaa Dag druff grab tn Camberg zu tun hast, bin ichs uff's Amtsgericht un hab gesagt, -aß ich in der Sach Wege dem Brand vernomme tcern wollt' Do hot's gchaaße, daß die Akte schon ncGria Wiesbade gange warn, wohin sic aach den Ernst gebracht hatte. Aach gut, hob ich do gesagt — dann gehst du gleich vor die recht Schmied, hab mich uff die Dahn gesetzt un bin nooch Wiesbade gefahr'n, tvo ich nooch vielem Hin- und Herfroge endlich bei dem Ilnnersuchungsrichter, der die Sach in de Händ hot, ankommc bin. Der ho: sich des Messer mit dem Werg von mir gewe lasse, bot m:ch ganz genau nooch Allem ausgefrogt un hot schließlich zu mir gesagt, wenn ich's Merklich gut mit dem Ernst maane tat. dann sollt ich über alles, was ich Mußt, des Maul halle---na.a, so hot er grob nit gesagt" — ver­

besserte sich der Sprecher — „er ho- gesagt, ich sollte gegen jedermann das strengste Stillschweigen beob­achten, weil nur dann die Ilniersuchung in anderer Richtung Erfolg verspräche. No — ich hab mir des hinner die- Ohre geschriewe -- kaan Mensch, aach Ihr nit, bot e Stcrbenswörtche von mir gehört!"

Frau Rother hatte sich während der Erzählung lautlos von ihrem Stuhl erhoben und starrte, die Hände auf den Tisch gestützt, mit vorgeneigtem Oberkörper auf den Sprechenden. Als dieser ge­endet, hob ein tiefer Atemzug ihre Brust und sich hoch auftichtend sagte sie:

„Es ist gar kaan Zweifel — der Eicher is es ge- äjyfel Der 6ai!a tu seiner Narrbeit aetan. die er von

auch zuweilen hie und dort in der Hitze des Gefechts und bei besonderen Anlässen Aeußerungen gefallen sind, die sich vom katholischen Standpunkt aus nicht wohl rechtfertigen lassen, so hat eine Verwirrung der Begriffe doch nie die Erkenntnis der Sache selbst ge­trübt, und vor allem kann der zumeist befehdeten „Köl­nischen Volkszeitung" nicht der Vorwurf gemacht wer­den, sie habe „Religionsmengerei" getrieben. Zahl­reich und überzeugend sind die Belege, die der Ver­fasser zur Niederlegung dieser Behauptung anführt. Mit Recht bemerkt er, daß die Wendung „im Ein­klänge mit der katholischen Weltanschauung", die von der Osterdienstagkonferenz in die Definition des Zen­trums aufgenommen werden soll, auch sehr unbe­stimmt sei. ' „Wenn dann einmal definiert werden soll, so möge man sich konkreter ausdrücken und etwa sagen: „Im Einklänge mit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre," denn das Wort „Anschauung" bezeichnet vielfach die Auffassung des Einzelnen, während „Lehre" eine objestive verbürgte Wahrheit und Norm zum Ausdruck bringt."

Für den einzelnen katholischen Zentrumsabgeord­neten kann cs gar nicht zweifelhaft sein, daß er auch seine politische Tätigkeit mit der Lehre der katholischen Kirche in Glaubens- und Sittensachen in Einklang bringen muß, aber muß auch für die Partei gel­ten, was für den einzelnen Abgeordneten gilt? Auf diese Frage gibt der Verfasser die in den tatsächlichen Verhältnissen begründete und vollauf gerechtfertigte Antwort: „Nur dann würden katholische Frakstons- mitglieder und Fraktion des Zentrums mit Bezug auf die Betätigung der Weltanschauung gleich zu setzen sein, wenn das Zentrum als solches eine grund­sätzlich konfessionell-katholische Gruppe wäre, was es nach der Absicht seiner Gründer und Führer und sei­ner gesamten Tätigkeit während eines mehr als 40jährigen Zeitraums eben nicht ist." „Die nicht konfessionelle Fraktion als solche, die auch Nichtkatho­liken umfaßt, kann nicht die „Uebereinstimmung" mit den katholifchen Glaubenssätzen in eine progra- matische Erklärung aufnehmen, so wie die einzelnen Mitglieder ihren katholischen Glauben in allem als Richtschnur hochhalten müssen."

In der Roerenschen Schrift wird versucht darzu­tun, daß eine Definition des Zentrums, wie die Osterdienstagskonserenz sie vertritt, das Zentrum nicht zu einer konfessionell-katholischen Fraktion ma­chen solle und machen würde. Dr. Bachem legt jedoch dar, wie das Zentrum im Bannkreis der Roeren'schen Definition aller Proteste ungeachtet zweifellos als konfessionelle Partei verschrien und verfehmt werden würde. Eindringlich ist auch sein Hinweis auf die scharf politischen Gesichtspunkte, unter denen die Frage des Zentrumscharakters doch auch betrachtet lverden muß: „Im staatlichen In­teresse der konfessionellen Minderheit ist es wichtig, daß der Fraktion des Zentrums auch Mitglieder evangelischen Bekenntnisses angehörcn und gemein­sam mit den Katholiken gemeinsame Angelegenheiten beraten und in Fragen, in welchen die Gemeinsam­keit ausgeschlossen ist, wenigstens wohlwollendes Ver­ständnis für die Wünsche und Interessen des katho' lischen Volksteilcs gewinnen." Herr Dr. Bachem geht dann auch noch aus die Stellung der n i chtkatho­lt s ch e n Kreise gegenüber dem Zentrumsstreit und die Stellung der Organisationen der Zentrums­partei zur Osterdienstagskonferenz ein und hofft dann im Schlußwort, „daß die gegenwärtige Darle­gung eines überzeugten Katholiken und alten Zen­trumspolitikers etwas dazu beitragen wird, die Un­klarheit zu erhellen und die Besorgnis zu zer­streue n."

Damit gibt der Verfasser auch den letzten Grund feiner Gegenschrift zu erkennen; es ist nicht zu leug­nen, daß "sich einesteils der katholischen Bevölkerung wegen der ständigen Beunruhigungen von gewissen Stellen aus eine nervöse A c n g st l i ch k e i t bemäch-

seiner Mutter geerbt Hot Mir hot's von jeher ge­graust vor dem seine unheimliche Aage, mit bette er immer in's Licht acstiert bot! Wenn's nur Gottes Wille is, daß die (8c schicht heraus kimmt! Ich dank dir August — ich dank dir von Herze, for des,, was du for uns un unfern arme Ernst getan host!"

„Awer macht doch kaa Sache Mutter!" wehrte der junge Mann ab. „Ich werd doch de Bruder von meiner Gustel nit stecke lasse! Awer Ihr habt recht! Mit dem Jakob war's von jeher nit ganz recht im Oberstübche — der Hot von jeher so etwas gehabt, wie die Sucht nach dem Feuer. Wie damols dem Bachphilipp sei Häusche abgebremst is, do Hot er, anstatt an der Spritz zu helfe, nur immer in des Feuer hinciugeguckt, als könnt er sich gar nit dran satt sehe! Der Borjermaaster Hot ihm noch Grob- hcite gemacht. Uff de Kerb Hot er for über fufzig Mark Feuerwerk von Wiesbade komme losse un Hot de ganze Owend Spauzenmänncher damit gemacht! Der bot c krankhaft Sucht nach dem Feuer — des laß ich mir gar nit ausrede! Wie der die Scheuer angesteckt hatt, do is die Narrbeit vollständig zum Ausbruch kämme un sie hawe ihn Hals über Kopp in e Nerveheilanstalt tun müsse — des is doch mit ann-rc Worte nix als wie e Narrehaus!"

Während des letzten Teiles des Gespräches war bet alte Lenhard in die Stube getreten unb haste bei den Worten Apguft Bremsers beistimmend mit dem Kopse genickt. Jetzt sagte er in seiner ruhigen Weise:

»Uff des Eichers Hakob hab ich gleich Verdacht gehabt, denn kaan Annerer wie der is es gewese, der aach vor eme Jahr des Feier uff unferm Hei- speicher angesteckt Hot!"

„Aber woh^r willst Du dann des wisse Lenhard?" fragte August Bremser erstaunt. „Ihr warum host Du dann do devon noch kaa Wort gesägt?"

„Warum ich nix gesagt hab? Weil- ich kaan be­stimmte Beweis hast un Wahrscheins ausgelacht wor'n wär, wenn ich dem reiche Mann so was nooch- gereb hast! Des Eichers Jakob Hot doch bomols an dem Owend, wie unser junger Herr for immer haam is kumme, dort brühe, an bem Tisch gefasst un is aleich nooch dem Borjermaaster fort gange!

tigt hat, bie einem gedeihlichen Wirken nicht zuträg­lich ist. Dr. Bachem hat in seiner Schrift nichts neues gesagt; er hat keinen Rückzug angetreten, tote gegne­rische Blätter verzeichnen, er hat nur in klaren, einfachen Worten die Stellung gekennzeichnet, die das Zentrum vom Tage feiner Gründung an im öffent­lichen Leben Deutschlands eingenommen hat. Ge­wiß hat Dr. Bachem als Privatmann geschrieben, doch entsprechen seine Darlegungen vollauf den Ansichten der übergroßen Mehrheit der Zentrumspartei und vor allem auch dem Standpunkt der führenden Part et- instanzen. Es war keine schöne Kampfeswetse in Roeren's Schrift, die alle deutschen Katholiken, die nicht mit ihm eines Sinnes sind, in Gegensatz ztlm Papste brachte und gegen die Entscheidung der maß­gebenden Autoritäten der deutschen Zentrumspartet an das katholische Volk, welches die Masse der Zen­trumswähler stellt, appellierte.

Wir sind gewiß, daß die Erwartung, bte Dr. Ba­chem am Schluß seiner verdienstreichen Schrift äußert, sich erfüllen wird, daß nämlich das katholische deutsche Volk die Berufung des Geheimrats Roeren verwer­fen wird. _

* Die nationalliberale Partei und der Schutzzoll.

Wiesbaden, 6. Okt. 1913. Die na ti onallib e- rale Reichstagsfraktion hielt eine Tagung ab, zu der etwa 30 Abgeordnete erschienen waren; neben Herrn Bassermann, dem Führer der Reichstagsfraktion, auch Herr Dr. Friedberg, der Führer der nationalltbe- alen Fraktion des preußischen Abgeordnetenhauses. Zur braunschweigischen Thronfolge - Frage wurde eine Entschließung angenommen, wonach bte Fraktion die Befürchtungen ihrer hannoverschen Landes­organisation durch das von der Welfenpartei in der neuesten Zeit beobachtete Verhalten in vollem Umfang als gerechtfertigt betrachtet und sich bereit erklärt, diesen Standpunkt gegebenenfalls mit den parlamentarischen Machtmitteln gegenüber den Verbündeten Regierungen zur Geltung zu bringen. Weiter sprach man sich für das Festhalten an den Grundlagen unserer Wtrt. schaftspolitik aus, lehnt einerseits den Abbau der bestehenden Schutzzölle und andererseits extreme Schutz­zollforderungen ab, „weil solche eine Erschwerung der Lebenshaltung unseres Volkes herbeiführen und den an sich schon schwierig gewordenen Abschluß guter Han» dels Verträge, die wir für die Stetigkeit unserer volkswirtschaftlichen Entwicklung für unbedingt notwen. big erachten, gefährden oder unmöglich machen würden." Die Frage des Arbeitswilligenschutz.es wurde einer Kommission überwiesen, ebenso die Prüfung der schwebenden Fragen der Gewerbe- und Handwerker­politik. Zur Frage eines Dtaatsarbeiterrechts will die Fraktion eine Denkschrift von der Regierung über die einschlägigen Fragen fordern.

Vor allem interessiert uns die Stellungnahme zu der bevorstcheubeit Erneuerung bes Zolltarifs unb ber Handelsverträge, unb wir erkennen gern an, baß der Stanbpunkt ber nationalliberalen Fraktion, wie er in ber Wiesbadener Entschließung bargelegt ist, sich vorteilhaft unterscheidet von ber jüngsten zweideutigen Kundgebung des Hansa­hn n b e s. 1

Das Direktorium des Hansabundes sprach freilich von ber Erhaltung ber „notwendigen" Schutz­zölle, aber es bermteb bie Gewährleistung ber b e - stehenben Schutzzölle unb hielt sich also eine Hin. tertür offen, durch die es jeden Augenblick zu den Freihändlern übergehen kann. Die nationalliberale Fraktion aber lehnt in Wiesbaden in aller Form den „Abbau der bestehenden Schutzzölle" ab; sie er­klärt sich also rückhaltlos für die A u f r e ch te r h a l- t u n g der bestehenden Schutzzölle. Es wird auch nicht jede Erhöhung ber Schutzzölle unbebingt abge- lehnt, fonbern nur gegen „extreme" Steigerungen wegen ihrer näher bezeichneten Gefährlichkeit Stel­lung genommen.

Man kann wohl ben Standpunkt ber national­liberalen Fraktion kurz so kennzeichnen: Kein A b -

Er is awer nit Haarn, benn wie ich nooch bem Nacht- esse noch ernol in bc Garte bin, bo hab ich ihn ganz langsam ben Felbweg herunterkomme sehe, ber hin» ner unserer Scheuer vorbeiführt. Manchmol is er stehe gebliewe un Hot sich umgeguckt, als tat er uff etwas warte. No — ich hab mir weiter nix bobet gedacht un bin in mei Kammer gange. Wie's awer am annern Dag gehaaße Hot, ber Nachtwächter hast en Mann von unserer Scheuer aus über bte Wiese nooch bem Wald zu laafe sehe, bo es mir gleich toibber ber Eicher eingefalle! Des Schönste atzoer is am nächste Dag passiert! Ich bin hinaus ins Felb un hab ben Nero mitgenomme! Do begegnet mir gleich an's Kahsers Hans toibber ber Eicher. Kaum sieht ben ber Hunb, bo is er wie rasend uff ihn zu, so daß ich Müh hatt, ihn abzuhalle un der Eicher is so bleich wie e Leintuch wor'n, grad als wenn er etwas Böses uff dem Gewisse hält. Der Nero läßt doch sonst bie Seit uff ber Gaß in Ruh, warum Hot er bann bo uff aamol so getobt? Gewiß Wege weiter nix, als weil er be Dag vorher uff bie Spur von bem Brand­stifter gehetzt war toorn un weil er ben Brandstifter tn des Eichers Jakob gefunne hatt! Des war aber als kaan Beweis, wenigstens kaan Beweis, uff den hin mer den Eicher hast anzeige könne —*

„Trotzdem sag ich's übermorge bem Unter­suchungsrichter", unterbrach August Bremser ben Alten, „un zwar deshalb, bah ber Sach noch emol usf be Grund gange werd! Die Sach is bomols ntebergeschlage wor'n, well mer geglaabt Hot, ber Stromer, ber in ber nämlich Nacht aus dem Kittche (Gefängnis) ansgebroche is, hast Eiern Heispeicher angeftedt un weil ber Kerl nit erwischt is wor'n. Ich waaß awer genau, daß die Füßspure von dem Mann, ber bomols über bte Seiet un die Wiese gelaaft is, von be Schandarme genau gemeffe un abgezeichenb sinn toorn— bo könne die Herrn vom Gericht jo jetzt emol prowiere, ob die Grüß mit bem Eichers Jakob feine Schuh stimmt! Stimmt ftev bann wär en Beweis bo — un baß sie stimmt, bo möcht ich mein Kopp brunt verwette! Am Gescheideste wär's", fuhr ber Sprecher gegen Frau Rother ge­wendet fort, „wenn der Senbarb übermorje mit mit

bau unb ein Ausbau nur mit Vorsicht und Mäßigung!

Bei ben Konservativen unb namentlich im Bunde der Landwirte gibt es bekanntlich Anhänger eines be­trächtlichen Aus baues ber landwirtschaftlichen Zölle, wie ja auch schon im Jahre 1902, bei der Feststellung des gegenwärtigen Tarifs, solche Wünsche und Be­strebungen Vorlagen. Es mußte damals die mitt­ler e L i n i e gesucht werden, unb bas ist auch jetzt bie realpolitische Aufgabe. Nun werben gewiß auch bie Herren von ber Rechten anerkennen, daß die natio­nalliberale Entschließung kein unbedingtes Nein aus­spricht und Verhandlungen über einen Ausgleich nicht von vornherein abschneidet.

Wenn die Fraktion im Reichstag geschlossen und getreu an den Leitsätzen von Wiesbaden festhält, bann, barf man hofft«, daß bie Rechte, das Zentrum unb bie Nationalliberalen sich verständigen wer­ben über ben Zolltarif und trotz bem Anwachsen der Sozialdemokratie die alte schutzzöllnerische Mehrheit sich als Hort der deutschen Wirtschafts3 politik bewährt. ,

Diese Aussicht ist um so mehr zu begrüßen, als; unlängst in ber Presse von angeblich itationalliberaler Seite eine „Taktik" empfohlen würbe, bie eine Groß- bl o ck p o l i t i k zur Vergewaltigung ber Rechten unb bes Zentrums empfahl. Der Mann ging von ber sonberbaren Ansicht aus, baß im Großblock bie natio­nalliberale Partei trotz ihrer geringen Zahl bie allei­nige Führung unb unbedingte Herrschaft haben würde, so daß sie in der Sage wäre, bem Reichstag unb ber Regierung alleweil ihren Willen aufzuzwingen. Als ob bie 110 Sozialdemokraten mitsamt ihren fortschritt­lichen Schleppträgern sich einfach zu Vollstreckern ber nationalliberalen Fraktionsbeschlüsse hergäben! Der Versuch, mit Hilfe bes Großblocks bie Diktatur einer Minderheitspartei herbeizuführen, würde natürlich die gemeinsame positive Arbeit lahmlegen und das Laub in heillose Konflikte stürzen. Wir knüpftn an bte Wiesbabener Zollentschließung bte Hoffnung, daß die Haß- und Rachestimmung von 1909 und die Neigung zu Kraftproben mit Hilfe der Umsturzpartei überwun­den ist, wenigstens für das Gros der Berliner Frak­tionen unb auf bem Gebiete ber Reichstagsarbeiten.

Als das Zentrum int Verein mit ben Natio­nalliberalen bie Deckungsfrage löste, glaubte bie kon­servative Partei abseits stehen bleiben zu müssen. Ob ihre ablehnenbe Haltung sachlich begrünbet war, wol­len wir nicht von neuem erörtern. Inzwischen wird man aber auch wohl allseitig erkannt haben, baß es für ben Fortgang ber Reichsgeschäfte • vorteilhaft war, bie Fühlung mit ben National­liberalen wieberherzustellen unb ben gemäßigten Liberalismus zur gemeinsamen Tätigkeit mit ben an3 beren positiven Parteien Wieder heranzuziehen.

Die beste „Taktik" ist bie, welche bie Retchsinter» essen unb das Volkswohl fördert.

Deutsches Reich.

: Berlin, 6. Okt. 1913. Der Kaiser hat sich am Montag zu mehrtägigem Jagbausenthalt nach Hubertusstock begeben. — Herzogin Viktoria Luis» zu Braunschweig unb Lüneburg hat am Sonntag zum crftenniale nach ihrer Erkrankung mit ihrer Mutter, ber Kaiserin, vom Neuen Palais aus einen Spazierritt unternommen. Der Gesundheitszustand der Herzogin ist so gut, daß sie beabsichtigt, an ben Herbstparforcejagden teilzunehmen. — Die Be­sprechungen über ein neues Kaligesetz sollen dem­nächst unter ben Bundesregierungen wieder auf­genommen werden. Es muß zweifelhaft erscheinen, ob dem Reichstag in der kommenden Tagung bereits eine Novelle zum Kaligesetze zugehen kann. — Die Kommission zur Prüfung der Rüstungs- lieferungen wird nach Berliner Blättern Anfang nooch Wiesbade an's Gericht fahre un dort sage tat, was er domols gewahr is wor'n! Jedenfalls könnt's nix schabe! Was maant Ihr dazu Mutter?"

Fran Rother hatte mit in dem Schoß liegenden gefalteten Händen dem Gespräch der beiden Männer zugehört. Auf ihrem verhärmten Gesicht lag es wie ein Abglanz neuerwachter Hoffnung unb leise be­wegten sich ihre Lippen, als stammele sie ein Gebet. Jetzt, bei ben letzten Worten bes jungen Mannes nickte sie zustimmenb mit dem Kopfe und mti ihrer früheren Energie sich emporrichtenb, sagte sie bebend:

„Alles muß getan toer’n — alles, um bie Nn- schull> von meim arme Bub an das Licht zu bringe! Der Lenhard soll mit Dir fahr'«!" Unb die gefalteten Hänbe nach oben hebend, fuhr sie fort:

„Vielleicht hot unser Hergott endlich e Einsche — vielleicht Hot be Herr Pfarrer recht gehabt, wie er am Sonntag gepredigt Hot: „Gleichwie bas Gold durch das Feuer, also werben bie, so bem Herrn ge­fallen, durch das Feuer ber Trübsal bewährt!"

12. Im Lichte ber Wahrheit.

Herr Landrichter Dr. Welzhäuser, ber die Unter­suchung gegen den wegen vorsätzlicher Brandstiftung gefänglich eingezogenen Ernst Rother leitete, saß in seinem, tn dem Gertchtsgebaude zu Wiesbaden be­findlichen Amtszimmer und blätterte in bem um­fangreichen Aktcnbünbcl, das ben Fall behandelte. Ihm gegenüber hatte ein martialisch aussehender älterer "Herr Platz genommen, ber wie -s schien mit Zeichen leiser Ungebuld ben Ausführungen des Rich­ters zuhörte uno diesen jetzt unterbrach: -

„Aber. Herr Landrichter, bas Bewetsmaterial scheint mir boch ein so überwältigenbes zu ftin, baß der Erhebung ber'Anklage nichts mehr im Wege steht. So viel ich aus den Akten ersehen habe, ist die ganze Einwohnerschaft bes Ortes ber festen Ueberzeugung, daß ber Beschuldigte wirklich ber Tä- ter ist, abgesehen von bem Zeugnis ber beiden Gen­darmen, bte ben Betreffenden doch in flagranti er* tatet haben!"

(Fortsetzung folgt.)