Fuldaer Zeitung
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Fuldaer Seschlchlsblätter
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I 3Hu|toerte Sonntagszeitung
s - Zuldaer fldienbrudterd in Julöa. Zemsprecher Nr. 9. :: ~ Ziefjungsliften der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan, n
Crstes Blatt.
Montag den 6. Oktober 1913.
fir. 231.
flrntigen: Cer Roum einer einzölligen Colonelgeite, 47 m* »reit, tollet pfg. Reklamen: Der Roum einer Colonel;eile, 74 nm »reit, kostet 40 Pfg. Bel Wiederholungen Rabatt $ür Offert- und fluskunffanjeigen 20 pf. extra. 3n Konkursfällen wird der bewilliqte Rabatt hinfällig. Erfüllungsort für das Anklagen oon Sortierungen ist Sui6a. flnjeigen-Annahme bis 10 Uhr eormlttags. U u Größere Anzeigen erbitten wir uns tags vorher. s «
40. Zahrgang.
j? Die Freiheit der Reserveoffiziere.
Amtsrichter Knittel war der Meinung, er habe auch als Reserveoffizier das Recht, als Mitglied der Zentrumspartei bei der Wahl sich zu betätigen.
Sind die Reserveoffiziere in ihrer Bewegungsfreiheit, namentlich auf dem politischen Gebiet, durch ihr militärisches Verhältnis eingeschränkt? Wenn ja: in welcher Weise und in welchem Umfange? Das sind wichtige Fragen, die für Tausende jeden Augenblick brennend werden können und auch schon gelegentlich brennend geworden sind. Haben wir nun in den behördlichen Entscheidungen und in den Urteilssprüchen, die der Fall Knittel veranlaßt hat, eine klare und sichere Beantwortung dieser Frage erhalten? Leider nicht.
Ein scharfmacherisches Blatt, die „Post", schreibt zum Fall Knittel: „Es wäre im beiderseitigen Interesse besser gewesen, wenn dem Reserveoffizier Knittel sofort klipp und klar erklärt worden wäre: D u hastdenPolengewählt.bittcraus! . . . Die Milde hat sich hier Wieder einmal gerächt." Was sich hier gerächt hat, war nicht die Milde, sondern die Unklarheit und Zweideutigkeit in der Behandlung dieses Falles.
Als der sonderbare Hauptmann Kammler die politische Tätigkeit Knittels denunziert hatte, mußten die militärischen Vorgesetzten prüfen und entscheiden, ob er gegen die Pflicht und die Ehre eines Offiziers gehandelt habe. Ergab sich der hinreichende Verdacht auf Pflicht- und Ehrverletzung, so mußte des geordneten Verfahrens wegen Entfernung aus dem Offizierstande eingeleitet werden- Ergab sich das Gegenteil, so mußten Herr Kammler und seine angeblichen Gesinnungsgenossen zur Ruhe verwiesen werden.
Leider wurde dieser Weg zum Austrag der Sache nicht eingeschlagen, sondern man verfügte, ohne nähere Untersuchung des Tatbestands und der Rechtslage „im Interesse des Dienstes" die Versetzung des Angeschuldigten von der Reserve in die Landwehr. Das mußte natürlich .Knsitel als eine Maßregelung empfinden; die Gegner Knittels betrachteten cs erst recht fo. Die Militärbehörde aber blieb dabei, daß die Anordnung nur im dienstlichen Interesse erfolgt sei. Ja, man bescheinigte sogar Herrn Knittel, daß zu einem ehrengerichtlichen Verfahren kein Anlaß vorlicge. Diese „Milde" war aber dem Versetzten gar nicht erwünscht. Er wollte ja gerade eine Entscheidung über seine Schuld oder Unschuld haben, und die wurde ihm vorenthalten, indem man das unkontrollierbare „Interesse des Dienstes" vorschob.
Herr Knsitel hätte sich vielleicht mit der Ehrenerklärung begnügen und die sog. dienstliche Maßregel mit fatalistischer Ergebenheit hinnehmen können. Aber er nahm den Kampf um das Recht auf, und das war keineswegs gegen die gesunde Vernunft, wie das lebhafte Urteil von Gleiwitz behauptet. Der Gedankengang war durchaus logisch: entweder habe ich etwas gegen Pflicht und Ehre getan, daun möge man auch richten und verurteilen. Oder ich bin unschuldig, dann soll man mich bei meinem lieben Regiment belasten.
Soweit man das vorgeschobene „dienstliche Interesse" durchschauen kann, besteht es nur in der Vermutung, daß der Korpsgeist unter den Offizieren leiden könne, weil Hauptmann Kammler berichtet hatte, daß man Anstoß nehme an dem politischen Verhalten des Reserveoffiziers -Knittel- Wenn fo ein Bericht ohne weiteres (ohne Vernehmung und Prüfung) zur Abschiebung eines Offiziers in die Landwehr genügt, dann ist es freilich um die Freiheit eines Reserveoffiziers verzweifelt schlecht bc- stellt. Die Gegensätze im politischen Parteileben
führen mit Naturnotwendigkeit zu Reibungen und Anstößen. Ein Querkopf, ein wichtigtuerischer Geck, ein Fanatiker der Gegenpartei, ein hinterlistiger persönlicher Feind — sic finden da bald eine Gelegenheit, um nach oben kund zu tun: das Verhalten von X. hat Anstoß erregt (natürlich „allgemeinen" Anstoß). Damit erscheint die „Homogenität des Offizierkvrps" gefährdet, der Angegriffene wird ohne Verhör und Verteidigung, ohne Untersuchung und Urteil bei Seite geschoben „im Interesse des Dienstes". Im russischen Sprachgebrauch heißt cs „a u f a d m i n istra- t i v e m Weg c". Wcr sich dagegen wehrt und in der Hitze, des Gefechts ein Wort zu viel sagt, wird wegen Beleidigung angeklagt. Dabei kann er, wie die Erfahrung zeigt, schließlich für verrückt erklärt werden.
Wenn dieses System bei uns landesüblich wird, so müssen die Reserveoffiziere, die ihre Ueberzeugung nicht nach dem jeweiligen Winde hängen wollen, auf die Teilnahme am politischen Leben verzichten. Sogar an den Wahlen für kommunale oder kirchliche Körperschaften dürfen sic sich, wie Figura zeigt, nicht ungefährdet beteiligen, weder aktiv noch passiv. Die Gefahr besteht nicht bloß für Zentrumsanhänger, sondern auch für L i b c r a l e , die bei einem scharfen Wahlkampfe leichi den konservativen Kameraden vom Schlage Kammlers zum Opfer fallen können. Und wenn mal ein liberales oder auch nur ein neues Bülow-Ministerium kommen sollte, so können leicht auch die Gesinnungsgenossen des Herrn v. H c y d c b r a n d in die Landwehr abgeschoben werden — im Interesse des Dienstes.
Diese Entrechtung der Reserveoffiziere ist eine Angelegenheit von ganz außerordentlicher Tragweite, die in der Volksvertretung auf das gründlichste behandelt werden muß. Und zwar im wirklichen Interesse des Dienstes und des Reichs-
*
* Gleiwitz, 4. Okt. 1913. Amtsrichter Knittel legt gegen das Urteil des Gleiwitzer Landgerichts keine Revision ein. Eine Revision kann sich bekanntlich nur darauf stützen, daß bei der Rechtsprechung eine Verletzung des Verfahrens stattgefunden hat. Man muß aber annehmen, daß ein Urteil, das fünf Stunden Beratung erfordert hat, formell stichfest ist. Dann aber kann das Reichsgericht nichts daran ändern, selbst wenn es das Urteil für zu scharf hielte. Eine Berufung kann bekanntlich gegen ein Urteil zweiter Instanz nicht mehr eingelegt werden.
* Boni aroßen „Klad?eradatsck."
Nach der sogenannten „Verelendungstheorie" des offiziellen sozialdemokratischen Parteiprogramms, dessen innere Unhaltbarkeit und Unwahrhastigkeit wir letzthin nachgewiesen haben, sollen- die A r m e n immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, so daß zuletzt einem Häuslein schwerreicher Kapitalisten die breiteste Masse besitzloser, verelendeter Proletarier gegenübersteht. Und dann kommt der große Tag. der K l a d d e r a - d a t s ch, der plötzliche Ucbergang von der kapitalistischen Ordnung zum Sozialismus: am Tage des großen Zusammenbruchs, loo die Riesenkapitalisten gleichsam unter der Massenhaftigkeit ihrer eignen Vermögen keuchend Zusammenstürzen, wo die Fabrikation und der Handel so gewaltig angeschwollen seien, däß Privatmenschen ganz den Kopf verlleren müßten, in diesem Augenblick kämen die Führer des Proletariats lächelnd heran, um das Zusammen- gcbrochcne mit Beschlag zu belegen und den Zu - k u n f t s st a a t a u f z ü r i ch 1 e n.
Brandstifter.
32] : ' Eine ^Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.
III-Ein Hoffnungsstrahl.
Das trübselige Herbstwetter, das bereits feit Mitte September herrschte und die a~ nuslandschaft mit grauen Nebelschleiern oder anhallenden Regengüsten verhüllte, entsprach so recht der niedergedrückten Stimmung, die sich der Bewohner »es Gasthauses „Zur Linde" seit der Verhaftung des Sohnes des Haufes bemächtigt hatte. Wenn Mutter and Schwester des unter der schweren Anklage der vorsätzlichen Brandstiftung Stehenden und mit ihnen Ker alte Knecht Lenhard von der Unschuld Ernsts auch fest überzeugt waren, fo nmhten sie sich doch sagen, Saß nach dem Urteil eines jeben Unbefangenen die 'rissigsten Verdachtsmomente gegen ihn vorlagen, lind das quälende Bangen um das Schicksal des Gefangenen wurde durch die Wahrnehmung gesteigert, daß alle Leute im Dorfe die Auffassung der Anklagcbchördc teilten und von der Schuld Ernsts überzeugt waren, was sich schon daraus erkennen ließ daß die Wirtschaft auffällig von dcn Einbeirntt scheu gemieden wurde, sodaß die großen Räume von Tag zu Tag mehr verödeten. Es war fast, als betrachte die -ach dem äußeren Schein urteilende Welt die für die Unschuld ihres nächsten Angehörigen einiretendcn Frauen sowie den alten Knecht als Mitschuldige, denen man ebenfalls die allgemeine Ver- acbtung zu zeigen habe, und in der Tat waren schon Stimmen laut geworden, die der Vermutung eines planmäßigen, gemeinsamen Vorgehens der Bewohner der „Linde" bei Ausführung des Verbrechens Raum gaben. Diese bösen Nachreden waren von dem alten Herrsche! angeregt worden, der sich in den Tagen nach dem Brande geradezu wie ein Unsinniger gebcrdct hatte und sich nicht genug darin tun konnte,, den verhafteten Ernst Rother zu schmähen, besten. Schuld als zweifellose Gewißheit hinzustellen und -seine Angehörigen als der Mitschuld teilhaftig zu verdächtigen. Und so wenig beliebt und geachtet auch der alte Geizhals , bei den Leuten im Dorfe, war, (a.
fanden seine stets wiederholten höhnischen Bemerkungen über die beiden Frauen und den alten Knecht in der „Linde" dennoch mit der Zeit Gehör. Umsomehr dies, als die Verdächtigten bei verschiedenen Gelegenheiten jede Schuld Ernst Rothers trotz der cr- dückcnbcn Beweise entrüstet in Abrede stellten, anstatt wie es sich gehört hätte, über ihr Unglück zu jammern und sich von dem geradezu Ucberwiesenen loszusagen. Das mußte ja zu dem Schlüsse führen, daß der alte Herrschel mit seinen Behauptungen im Rechte war und baß die ganze Gesellschaft im Lindenwirtshouse unter einer Decke gesteckt hatte. Und wie die große Herde einmal zu tun pflegt, daß sic sofort, wenn es sich auch um den tugendhaftesten Menschen handelt, „Kreuzige" nachbrüllt, sobald nur einige Schreier den Ruf einmal anstimmen, so war mit einem Schlage bei den Leuten in Oberhausen vergessen, daß die Familie Rother sich stets der größten Ächtung und Wertschätzung erfreut hatte, daß Frau Rother und ihre Tochter als Muster der Rechtschaffenheit gegolten.
Fast alle, mit wenigen Ausnahmen, gaben die Wahrscheinlichkeit der Mitschuld der Verdächtigten zu und mieden die „Linde"! Auch der Bürgermeister und sein Sohn Adam, die daselbst regelmäßig als Stammgäste verkehrten, hatten sich in dcn letzten vierzehn Tagen nicht sehen lassen, sodaß anzunehmen war, daß auch sie die allgemeine Stimmung teilten und eilten vorsichtigen Rückzug anzutretcn beflissen waren. Und das war der Umstand, welcher Frau Rother aus der hoheitsvollen Ruhe, die sic dem ihrem Hause widerfahrenen Unheil entgegensetzte, herausriß. Mit dem auffallenden Fernbleiben des Bürgermeisters brach ihre letzte Hoffnung zusammen, daß durch eine Heirat Guttels mit Adam, dem Sohne des Bürgermeisters, der in sicherer Aussicht stehenden Kündigung der Hypothek seitens des alten Herrschel begegnet werden könnte. Außer dem reichen Bürger- meister wäre wohl niemand im Dorfe imstande gewesen, dir Hypothek zu übernehmen. Heinrich Kayser, hätte es wohl, vermocht, aber niemals hätte sich Frau Rother dazu überwinden können, diesen anzusprechen mit Rücksicht darauf, daß Ernst an Klärchen nach ihrer unveränderten Auffassung, so schmählich gehmrdelt hatte. Heinrich Kayser hatte ihr aller- -bings-vor drei Jahren nach dem Tode ihres Mannes
Was ist nun von dieser sozialistischen Lehre vom Sprunge der Menschheit und vom großen Tage, an welchem die kapitalistische Welt ihre Schlußkrisis erleben soll, um dann endgültig aus den Fugen zu gehen — wohl zu halten??
Ter Genosse Kampfmcyer hat einmal eine Rückschau gehalten über unser Wsitschastsleben und dann erklärt: Wiederholt seien die Produktivkräfte riesig geivachsen, und jedesmal habe man auf den Zusammenbruch gewartet — und gehe da, cs gab zwar mehr oder weniger große Einzcllrachs; aus diesen habe man jedoch gelernt, da? ganze Wirtschaftsleben d'ster zu bändigen, und stctt Zusammenbruch sei das Gegenteil gekommen —- neue Blüte, neues W a ch s t n in der Produktivkräfte (Wohin steuert die ökonomische und staati'che Entwicklung? S. 14). Wörtlich sagt er.
.Die Produktivkräfte sind der Gesellschaft über den Kopf g.'wachsen, so dozierte <lehrtet in der ereignisreichen Epoche des großen Krachs so mancher sozialdemokratische Theoretiker. Und dte Produktivkräfte dehnten und iedlen sich abermals riesenhaft aus. Die Produklivkräste sind der Gesellschaft über den Kopf gewachsen, fo ließ sich in unfern Tagen das Ersurter Programm vernehmen. Die Produktivkräfte aber schreiten in mächtigem Sturmschritte vor wärt 8.“
Das Gegenteil aller sozialistischen Lehren und Erwartungen sicht vor ihm als Tatsache, die ihn zum Bekenntnis zwingt: „Aller Prophezeiung zum Trotz haben bisher die Prod»knvkräftc (die in der Eütercrzcuguitg tätigen Kräfte und Einrichtungen) nicht die ProduiuonsvcA,a!>r.tsse gesprengt."
Die allgemein anerkannte Tatsache, daß unser, trotz mancher Mängel, doch wem geordnetes, blühendes Wirtschaftsleben n i ch t vor dem allgemeinen Bankrott steht, gibt d-": Mitverfasser des Erfurter Programms, der Freund des „Propheten" Friedrich Engels, der Genosse Eduard Bernstein, klipp und klar zu: „Weder lassen sich Zeichen eines ökonomischen Weltkrachs von unerhörter Vehemenz (Gewalt) feststellen, noch kann man die dazwischen eingesetzte Geschäftsbesserung als besonders kurzlebig bezeichnen." (Voraussetzungen 70 und 75.) Ja, in einem Bortrage, den Bernstein in Holland (1909) vor Akademikern und Arbeitern gehalten hat, bezweifelt er, ob überhaupt das Proletariat so ohne weiteres fähig wäre, alles so zu übernehmen, wie es Engels schildert ('er verweist auf die traurigen Erfahrungen in dcn großen Fabriken bei der letzten Revolution); ferner, ob gerade alles noch besser aufblühc, wenn die Kapitalisten, deren persönliche und deren ange- worbenc Arbeitskräfte, aus ihren alten Zusammenhängen und Bedingungen hcrausgcnommen und unter ganz andern 'Bedingungen wieder eingefügt würden. Seine für den alten wissenschaftlichen Sozialismus schwärmenden eGenossen verweist er auf folgende nüchterne Erwägung:
„Eine Geicllschalt, deren Einrichtungen und Gewohnheiten auf Jahrtausende alter Eutw dlrng beruhen, kann man nicht von heute auf morgen nach einer ganz andern Richtung hin umändern......Das
wirtschaftliche Leben hat gewisse Leben-sgesetzc, über die der bloße Wille der Menschen eben nicht hinaus kann" (Revisionismus in der Sozialdemokratie ”5).
Also unhaltbar ist auch die Zusammen b r u ch s t h e o r i e, ganz ebenso wie die Kon- zenirations-, Bcrclendnr.gstheoric, wie wir bereits bargetan haben. In der ganzen sozialistischen Wissenschaft vom Wirtschaf'sleben fehlt es nach all dem, was wir bisher über die „wissenschaftlichen Grundlagen" der Sozialdemokratie gehört haben, nicht an der Mauerkrone, sondern tief im Fundament! Und die Zusammcnbruchsthcoric, der Hinweis auf den sogenannten Kladderadatsch, ist eines der Mittel, mit der die Sozialdemokratic, die sehnsuchtsvoll des immer noch nicht cintretenben Zukunftsstaates Harrenden an der Nase h e r u msühr t!
seine Hilfe angeboten, aber erst, nachdem ihr bon dem alten Herrschet, der sich ihr geradezu aufgedrängt hatte, bereits geholfen worden war. Damals lagen aber auch die Tinge anders. Der von den beiderseitigen Vätern gefaßte Plan, aus Ernst und Klärchen ein Paar zu machen, schien sich zu verwirklichen — da lag cs doch nahe, daß die Eltern des Mädchens für ihre künftigen Verwandten eintraten.. Heute war jene Voraussetzung vollständig hinfällig, und wenn auch der fromme und gucherzigc Heinrich Kayser vielleicht zu bewegen gewesen wäre, fo hätte seine Frau bei ihrer bekannten Abneigung gegen die Familie Rvthcr gewiß ihren ganzen Einfluß aufgeboten, um ein Eintreten ihres Mannes zu Hintertreiben. Nein — da war nichts zu hoffen! — Die beständig quälenden Sorgen hatten der Willensstärken Frau auch äußerlich ihren Stempel ausgeprägt.'Ihre Wangen waren fahl, ihr noch vor einem Jahr dunkles Haar vollständig grau geworden und mit einer Haltung, als ruhe eine schwere Last auf ihren Schultern, ging sic einher. Ein jedes Kommen und Gehen im Hause erschreckte sie, als befürchte sic, daß neucs Unheil int Anzngc fei, und jedem tröstenden Zuspruch der Tochter oder des treuen Knechtes setzte sic ein stumpfes Schweigen ober die von einem schweren Seufzer begleitete Bemerkung entgegen:
„For uns gibt'S faan Trost ttn kaa Hilf — unser Herrgott hot sich von uns abgewend un will uns zugrund gehe löste!"
Ter Gang der Ereignisse schien dieser Auffassung recht zu geben. Als Martini herannahte, wurdc^ wie vorauszusehen, die Hypothek seitens des alten Herrsche! aus Ostern gekündigt, und alle von Frau Rother bei den verschiedenen Geldleuten und Agenten gemachten Versuche, das Geld anderweitig aufzutrei- bcn, schlugen schl, sodaß es keinem Zweifel unterlag, daß die „Linde" unter den Hammer kam und von dem alten Herrschet' gesteigert wurde. Selbstverständlich hatten sich sowohl die Brandkasse wie die Versicherungsgesellschaft geweigert, für den durch absichtliche Brandstiftung entstandenen Schaden aufzukommen, sodaß an ein Wiederaufbauen der zerstörten Gebäude vorläufig nicht zu denken war. Wüste und öde wie am Tage nach dem Feuer lag die Brandstätte- einen unangenehm brenzlichen Geruch verbreitend, der das ganze Hans durchzog, zu jeder Stunde an das
Deutsches Reich.
** Berlin, 4. Okt. 1913. Der Kaiser traf Samstag vormittag von Romintcn kommend auf der Station Wildpark ein und begab sich nach dem Neuen Palais. — Wie Berliner Blätter berichten, besteht int Staatsni inisterium keine Meinung, den Landtag im November bereits cinzuberufen, Die mc.jtcn Ressorts sollen sich gegen eine Herbsttagung ausgesprochen haben.
0 Abg Klose t- Der Reichstagsabgeordnete Florian Klose ist Samstag vormittag in Loewitz§ gestorben. Er hat ein Alter von 67 Jahren erreicht und war von Beruf Landwirt. Klose gehörte \ der Zentrums-Fraktion an und vertrat den Wahlkreis! Leo b schütz feit 1887 im Reichstage; von 1882 bi§i 1908 war er auch Mitglied des Preußischen Ab»' geordnetenhauses. Die Zenlrumsfraktion verliert inj dem Verstorbenen ein arbeitsfreudiges, stets hilf», bereites Mitglied, das eine langjährige parlamentarische Erfahrung hinter sich hatte. Der Wahlkreis Leobschütz gehört zu dem sicheren Besitzstände des Zentrums. Bei der letzten Reichstagswahl im Jahre 1912 erhielt Klose von 10094 gültigen Stimmen 8663.
* Der Reichskanzler in München. Der Reichskanzler und Unterstaatssekretär Wahnschaffe sind Sonntag vormittag von Berlin kommend in München cingetroffen. Der Reichskanzler begab sich nach dem preußischen Gesandtschaftspalais, wo er Wohnung nahm. Der Reichskanzler besuchte den Ministerpräsidenten Frhrn. von H e r t I i n g und verweilte eine Stunde in Begleitung des Gesandten v. Treut- ler. Er frühstückte sodann in der preußischen Gesandt-^ schäft, Nachmittags fuhr er mit Begleitung zur Oktobcrwiesc. Am. Dienstag vormittag begibt er sich auf Einladung des Prinzrcgenten nach dem Schloß, Lindenhof, wo er einige Tage der Hochgebirgsjagd obliegt.
* Offiziöses zur Welsensrage. In einer augenscheinlich offiziösen Auslassung der „Kölnischen Ztg." wird die O Öffentlichkeit „gewarnt, die Welsensrage nach den Mitteilungen aus wclfischer Quelle zu beurteilen. In dem augenscheinlich Beschwichtigungszwecken dienenden Artikel wird weiter auf das Schweigen der beiden nächstbeteiligten Landesregierungen — der preußischen und der braunschweigischen — hinge- wicsen- Das Schweigen sei daher zu erklären, daß zwischen dcn „Näherbeteiligten" noch Verhandlungen schweben. Uebrigens sei seit längeren Zeit die Lösung für Ende Oktober oder Anfang November angckündigt worden. Eine Verzögerung fei also nicht eingetreten. — Gegenüber diesen offiziösen Beschwichtigungsversuchen mag erwähnt werden, daß laut einer Berliner Korrespondenz man in Hofkreisen von einer starken Spannung zwischen Berlin und Gmunden spricht. Es wird dort weiter darauf hingewicsen, daß nicht nur der Gegenbesuch des Kaisers in Gmunden unterblieben ist, sondern der Kaiser auch seinen Schwiegerjohn seit bcr Hochzeit, nicht gesehen habe. Uebrig-eit§ stehe die Reise des R e i ch s- kanzlers zum Prinzregenten Subtot® in engem Zusammenhang mit der Welsensrage.
** Der neue deutsche Kurienkardinal. Von un-, terrichteier Seite erfährt die „Köln. Ztg.", daß Prälat Dr. Werth mann in Freiburg zuin deutschen, Kurienkardinal auserschen sei, d. i. zu einem Kardinal, der in Rom, an der die Kurie seinen Sitz hat, zum Unterschiede von den in Deutschland verbleibenden Kardinalen, z. B. Kardinal Kopp. Dr. Werth- mann gelte als guter Jurist und Kenner der deutsch- italienischen Verhältnisse. Die Berufung als Ku-i ricnkardinal dürfte cs erklären, weshalb er von der preußischen Regierung, weil zu Höherem bestimmt, von der Liste der Kandidaten für den Bischofssitz
Geschehene erinnernd und den wenigen, sich noch aus Neugierde einfindenden Gästen den Aufenthalt in der „Linde" zu einem unbehaglichen machend.
Im Gegensatz zu bcr nicbcrbrütfcnben trostlosen Stimmung; welche sich Frau Rothers bemächtigt hatte, war Gustel gefaßter und sah dem Kommenden wenn auch nicht mit Hoffnung, so doch mit einem Gesühl entgegen, als könne nicht alles so schlimm kommen, wie die Mutter befürchtete, als müßten, Ereignisse eintreten, die eine Wendung zum Besseren bringen würden. Gerade der Umstand, der die Mutter fast verzweifeln ließ — das Fernbleiben des Bürgermeisters und seines Sohnes und die sich hieraus ergebende Folgerung, daß die Absicht um sie, Gustel, zu werben, aufgegcben worden war, erschien ihr wie ein Licht. Wurde sie doch dadurch ganz von selbst des Versprechens entbunden, das sie der Mutter gegeben hatte und war sie doch nicht mehr gezwungen, ihr Herzensglück, das sie an der Seite des braven August Bremser zu finden hoffte, den Verhältniffen zu opfern. Wie ein Gefühl der Erlösung von etwas Schmählichem empfand sie den Rückzug des Bürger- mcistcrsohnes. lieber ein Jahr lang hatte er um sie geworben; sein Vater hatte die Werbung augenscheinlich unterstützt — ihr zur Schau getragenes passives Widerstreben hatte die Neigung des jungen Mannes offenbar immer mehr entfacht und mit bangem Herzen hatte Gustel darauf gewartet, daß er mit einem offenen Anträge hervortetcn werde, den sie, ihrem der Mutter gegebenen Versprechen gemäß, nicht ablehnen hätte dürfen. Das über ihr Hans hereingebrochene Unglück hatte sie vor dem gefürchteten Anträge bewahrt; der verliebte, aber unendlich Willensschwäche Adam hatte dem Gebot des energischen Vaters zufolge jede Beziehung zu ihr abgebrochen — Gott sei Dank! Der war auch einer von den Freunden gewesen, von welchen in der Not - rufend auf ein Lot gehen! Wie hoch stand dagegen der bescheidene August mit seiner immer heiteren zuversichtlichen Gemütsart. Unentwegt hielt er zu ihnen, fand sich allabendlich nach seinem schweren Tagewerk für ein' Stündchen ein und suchte den Frauen Trost und Hoffnung zu spenden. Weder das falt cEweisende Benehmen Fran Rothers, noch die ihm kurz nach dem Brande von Gustel unter Tränen gemachte Mit- teilung, daß er nach Lage der Dinge, so sehr sie ihm.