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Zuldaer Zeitung

J» 230.

»amrtaa 4. Oktober ms.

s. Blatt.

vruck -er 5uld«<r Bctitnöreaetei in Selb«.

>J< Für die HeidenmWon

Es waren herrliche Worte, welche die Katholiken­tagung von Dietz den deutschen Katholiken zugernfen hat, um das Interesse für unsere Missionen lebendiger zu machen. Die Begeisterung, welche die Erinnerung an die Missionen bei verschiedenen Gelegenheiten und Veranstaltungen ausgelöst hat, läßt das Beste erhoffen, wenn nur diese Begeisterung und dieses Interesse wach gehalten wird. Unser ganzes Ver­einswesen müßte dieser Sache dienstbar gemacht wer­den. Und warum auch nicht? Oder gibt cS etwas Erhabeneres als mitzuwirken an der Erfüllung des großen Missionsbefehls des göttlichen Heilandes: Gehet hin und lehret alle Völker!

Die Stunde drängt! Denn die Erschließung der außereuropäischen Völkerwelt, wie sie das 19. Jahr­hundert gesehen und die Gegenwart noch sieht, hat bei jenen Völkern nicht bloß einen wirtschaftlichen Umschwung, sondern auch innere Krisen hervor­gerufen.

„Die östliche und westliche Hemisphäre sind nicht nur räumlich, sondern auch geistig-sittlich in die innigste Berührung getreten. Ein Strom neuer christlicher Ideen ergoß sich in die öden Steppen der Heidenwelt. 9c eue Kräfte werden im politischen, religiösen und sozialen Leben der unzivilisierten Völ­ker ausgelöst, und diese neuen Kräfte sehen wir in Japan, China, Indien und selbst im dunkeln Afrika sich zum Lichte cmporringcn. Der Osten ist erwacht aus seinem jahrtausendelangen Schlummer. Er ist müde der alten Götter, die ihm weder Befreiung von Schuld für das sündenbeladene Herz, noch Licht für den wahrheitsuchenden Geist geben konnten. Ein stil­les Adventseheil nach höherm bessern Leben macht sich in seiner Seele fühlbar, und da die alten Götter ihn im Stich lassen, streckt er aus dem Dunkel seiner geistigen Nacht die Hände aus nach dem großen Lichte, das im Westen dämmert," heißt es in der von Pater Huonder herausgcgebenen Sammlung von Predigten und Vorträgen über die katholischen Missionen, deren 2. Bändchen soeben erschienen (Freiburg, Herder), die allen denen, welche von der Kanzel oder Vcreins- rednerbühne aus für die Missionen werben wollen, reichen und gediegenen Stoss bieten.

Man könnte verzagen und mutlos werden ange- sichts der ungeheuren Länderkomplexe, welche der mo­

Wochen-Kundschau.

Fulda, 3. Oktober 1913.

Das Kartell der schaffenden Arbeit, «is in Leipzig zwischen dem Zentralverband deutscher Industrieller, dem Bund der Landwirte und dem deutschen Mittelstandsverband angebahnt worden ist, hat vielfach die Geister erregt. Alles, was politisch links steht, hat von Anfang an schärfster Weise gegen die gemeinschaftliche Interessenvertretung der ge­nannten drei Verbände Stellung genommen, da die Ziele des Kartells dem Wollen der politischen Links­parteien entgegengesetzt sind. Denn, das Kartell ver­langt vor allem den Schutz der nationalen Arbeit, mit anderen Worten die Beibehaltung der bisherigen Wirtschaftspolitik. Nun ist dem neuen Kartell auch in den christlichen Gewerkschaften ein neuer Gegner erstanden, da von denselben befürchtet wird, daß der Arbeiterbewegung und der Sozialpolitik in dem neuen Kartell ein erklärter Feind auf dem Kampfplatz er­schienen sei. Es ist allerdings nicht zu verkennen, daß in dem Leipziger Kartell sich auch scharfmacherische Elemente zusammengefunden haben, die der Arbei­terbewegung nicht sonderlich freundlich gegenüber­stehen. Die Befürchtung ist aber wohl unbegründet, daß diese Scharfmacher durch das Kartell an Macht und Einfluß gewönnen, denn zunächst verfolgt der wirtschaftliche Zusammcnfchluß der drei Erwerbs- krcise wirtschaftliche Ziele, und dann ist die heutige Zusammensetzung des Reichstags nicht danach, daß ein Erlaß scharfmacherischer Gesetze zu befürchten wäre.

Wenig erfreulich ist wieder einmal die Tätigkeit des Wehrvereins, der es jetzt, wo die letzte Mlitärvorlage noch nicht ganz zur Durchführung ge­laugt ist, schon wieder für gut befindet, ein neues Programm für erneute Heeresvermehrung aufzustel­len. Vorläufig haben wir noch genügend an der letzten großen Heeresvorlage zu tragen und außer einigen unverantwortlichen Generälen des Wehrver­eins dürfte kaum einem Deutschen die Lust abwan­deln, neue Forderungen für die Verstärkung unserer Wehrmacht zu erheben. Wir haben gerade eine ko­lossale Kraftprobe hinter uns, unsere Kriegsverwal" tung könnte doch wirklich einpacken, wenn sie wieder nnmal nur Flickschusterei geleistet hätte.

Unerquicklich waren für einen Jeden, der für den konfessionellen Frieden ehrlich begeistert ist, die Ver­handlungen der Generalversammlung des E v a n - gelischen Bundes in Görlitz. "Mehr ist Wohl selten über konfessionellen Frieden gesprochen worden, wie jüngst in Görlitz, aber trotzdem wurde in jeder Rede in schärfster Weise gegen den Katholizismus und das Zentrum losgezogen. Warum eigentlich das Zentrum für die Weh' - und Deckungsgesetze gestimmt hat? Das hat Prof. Dr. Schulze aus Berlin entdeckt und in Görlitz der glücklichen Bundlerschar offenbart: „Es war auch Selbsterhaltung dabei, denn die deut­schen Grenzprovinzen, die den ersten feindlichen An­griff auszuhalten haben, sind überwiegend katho­lisch." Das ist doch einmal etwas wirklich Neues und Patentfähiges! Zugleich ein neuer Beweis für unsere ,.Rückständigkeit". Denn kein einziger Zen- trumswäbler ist so „klug" gewesen, bei der Beratung der Militärdorlage an die konfessionelle Statistik der Grenzprovinzen auch nur zu denken. Nicht einmal an das „überwiegend protestantische" Ostvrcußen! Bon Berlin über Görlitz muß uns erst die Lehre kommen, daß man bei den politischen Maßnahmen immer erst fragen müsse, ob sie mehr den katholischen oder den protestantischen Landesteilen zugute kämen. Hinter dem Ofen der konfessionellen Engherzigkeil und Selbstsucht scheinen jene Herren meisterhaft "Be­scheid zu wissen. Wir verzichten auf die Nacheiferung. Neber den ersten Erfolg der „systematischen römischen Propaganda in Preußen" belehrte die Görlitzer Rede des Pastors Dr. Feh. Der weise Mann führt aus: „Seit 1622 hat man von Rom her versucht, die pro­testantischen Gebiete Deutschlands wieder katholisch zu macken; erzielte inan an den Höfen und unter dem Adel nur vereinzelte Erfolge, so kamen dock nament­lich unter den preußischen Soldaten allmähliK Ka­tholiken nack sonst rein evangelischen Gegenden Nord- dcutscklands." Wer hätte gedacht, daß der schlagfer­tige Svldatenkönig Friedrich Wilhelm I., der seine „langen Kerls" aus allen Gegenden mit großem Mensckenschlag zusammensuchte, ein Werkzeug der „römischen Provaaanda" war? Vermutlich waren seine Werber Jesuiten im kurzen Rock. Nebrigens begrüßen wir in der Klage über „römische Propa­

Unpolitische Zeitläufe.

N. Berlin, 2. Oktober 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Ein ergreifender Auftritt spielte sich soeben vor dem Berliner Schwurgericht ab. Ein Mann namens Bierwagen, der schon im Zuchthause gesessen, schlug vor etwa acht Jahren seine Frau tot und war dann spurlos verschwunden. Nach einiger Zeit wurde ein Mann, der sich Kürschner nannte, wegen eines Münz­verbrechens verurteilt. Er kam in dasselbe Zucht­haus, wo Bierwageu gesessen hatte, und die Wärter sagten sofort: Das ist ja unser alter Sträfling Bier­wagen! Er blieb aber hartnäckig bei der Behauptung, daß er Kürschner heiße. Als nun wegen des Frauen­mordes Anklage erhoben wurde, mußte zuriächst be­wiesen werden, daß er wirklich der geflüchtete Bier­wagen sei. Etwa 30 Zeugen erkannten ihn als sol­chen wieder, die meisten mit der größten Sicherheit und Bestimmtheit. Nun wurde auch noch die siebzig­jährige Mutter des Bierwagen als Zeugin vorge­rufen. Sie sollte sagen ob der Angeklagte ihr Sohn sei oder nicht.

In welch entsetzliche Lage kam diese alte, gebrech­liche Frau! War der Angeklagte ihr Sohu und sie erkannte ihn wahrheitsgemäß an, so wurde sie, die Mutter, die Richterin und Henkerin ihres eigenen Kindes. Das mütterliche Gefühl mußte in schweren Kampf mit der Eidestreue treten. Im Gesetz steht 'restlich, daß die nahen Verwandten die Aussage ver­weigern können. Aber auch diese einfache Frau wird wohl gefühlt haben, daß es auf die Geschworenen einen belastenden Eindruck machen mußte, wenn sie die Aussage verweigert. Tenn man sagt sich: Wäre ver Angeklagte nicht ihr Sohn, so würde sie das ja anstandslos erklärt haben

Diese Schlußfolgerung wurde auch offen gezogen. Als nämlich der Angeklagte seine Mutter verleug­nete, erklärte diese: „Nach der Sprache glaube ich bald auch, daß es mein Sohn nicht ist; aber ich habe ihn ja seit 19 Jahren nicht gesehen, ich will lieber die Aussage verweigern." Darauf bemerkte der Präsi­dent „Eine Mutter kennt ihren Sohn wieder, auch wenn sie ihn 20 Jahre nicht gesehen bat. Wenn Sic Ihre Aussage verweigern wollen, so ist das vielleicht auch für Sie besser. Sre wollen wohl Ihren Sohn

nicht belasten, nicht wahr?" Weinend sagte das Müt­terchen: „Ja, ja, so ist es."

Mit diesem Ja, ja hatte also dock die Frau selbst über ihren Sohn das Urteil gesprochen! Wäre ich Geschworener gewesen, so hätte ich sreilich auf diese Worte der Mutter keinen entscheidenden Wert gelegt. Vermutlich haben auch die zwölf Geschworenen sich an die Aussagen der übrigen Zeugen gehalten, die klar und überzeugend genug waren. Aber ge­rade w e i l die Sache ohnehin geklärt war, lag keine Notwendigkeit vor, die arme Frau in so große Seelen­kampfe und Herzensqualen zu stürzen. Ihr Zeugnis war entbehrlich. Hätte die Frau eidlich abgeleug­net, daß der Angeklagte ihr Sohn sei, so würde das dem Angeklagten schwerlich geholfen haben; denn an­gesichts der schweren Gegenbeweise hätte man sich flesagt, das mütterliche Mitleid habe die Frau zur Unwahrheit hingerissen. Andererseits war kaum zu erwarten, daß die Frml bestimmt bezeugen würde: das ist mein Sohn. Vielmehr war sicher vorauszu- ehen, daß sic lieber ihre Aussage verweigern würde. Wenn sie nun von diesem gesetzlichen Recht Gebrauch macht, so durfte nach meiner Ansicht der Präsident nicht die verfängliche Frage stellen: Sie tun das Wohl, um Ihren Sohn nicht zu belasten? Dadurch wurde die verwirrte und ungewandte Frau verleitet, unwill­kürlich doch die Aussage zu machen, die sie eben mit gesetzlicher Berechtigung abgelehnt hatte.

Man sieht aus diesem Vorgänge, daß die Verwci- a°rnng der Aussage vor Gericht auch ihre Haken hat. ..can lagt sich gewöhnlich: „Wenn die nahen Ver­wandten etwas z u g u n st e n des Angeklagten sagen konnten, fo, würden sie sickcrlich gern Zeugnis able­gen; verweigern sie das Zeugnis, so wissen sie offen­bar etwas Belastendes! Diese Schlußfolgerung ist gewagt. Es können Gründe innerer und äußerer Art vorliegen, die den Verwandten bestimmen, sein Zeugnis zu verweigern, auch wenn er nichts Bela­stendes Vorbringen könnte oder sogar Entlastendes Vorbringen müßte. Er fürchtet z. B., daß Dinge zur Sprache kommen, die ihn (den Zeugen) oder andere Familienmitglieder bloßstellen würden. Es ist auch denkbar, daß der Zeuge sich selbst als Mitschuldigen oder gar als Hauptschuldigen verraten würde wenn er spräche. Ferner kann der Zeuge von Zweifeln gequält werden: er ist nicht ganz sicher, ob das Un­günstige, was er Vorbringen müßte, auch wirklich sich genau so verhält, und die volle Bedeutitua hat, die

ganda" einen alten Bekannten. In den neunziger Jahren wurde darüber sogar in den Synoden von Groß-Berlin amtlich verhandelt. Natürlich kam nichts dabei heraus; denn wer nicht auf beiden Augen krank ist, der sieht sofort, daß hier von keiner „Propaganda" die Rede ist, sondern von den natür­lichen Wirkungen der Freizügigkeit, und daß die Kirche in der Diaspora nicht nur riesige Mühen und Kosten, sondern auch große Verluste hat. Herr Fey ist aber offenbar der Meinung, daß nur die Prote­stanten das Recht der Freizügigkeit und der kirchlichen Versorgung der Minderheiten haben. Er behauptet nämlich, die Ausbreitung des katholischen Kirchen­wesens in protestantischer Umgebung sei mit einer steten Gefährdung des konfessionellen Friedens ver­bunden, — „weil die Hoffnung, ganz Deutschland werde wieder katholisch werden, in ultramontanen Kreisen gehegt, das praktische Verhalten bestimmt." Ach ja, die armen Katholiken, die in der Diaspora zerstreut sitzen, ihre Kinder in protestantische Schulen schicken müssen und ihren zeitweiligen Gottesdienst in euer Scheune oder einem Tanzsaal abhalten, bis all­mählich das Geld für eine kleine Kapelle zusammen­gekratzt und -gebettelt ist, die arbeiten zielbewußt und siegessicher auf die Bekehrung der erdrückenden pro­testantischen Mehrheit hin! Und wenn wirklich in Deutschland eine katholische Propaganda betrieben würde, hätte der Evangelische Bund das Recht, sich zu beklagen? Was tut er denn in Oesterreich? Wird da nicht das praktische Verhalten bestimmt durch die Hoffnung, ganz Oesterreich toerte protestantisch wer­den? Ja, Bauer, das ist etwas anderes! Der Evan­gelische Bund handelt immer „friedlich", auch wenn er in Nachbars Garten qjndringt. Die Katholiken aber handeln immer unfricdlich und rücksichtslos, auch wenn sie nur Rechtsgleichheit und Anteil an der allgemeinen Freiheit verlangen. So stehts auch in der Görlitzer Resolution zur Jesuitenfrage.

In der württembergischen Kammer hielten sich bisher die Rechte und die Linke die Wage. Jeder Teil hatte 46 Stimmen, und bei der Wahl des Prä­sidiums hatte der Zufall der Rechten zum Siege ver­halfen, so daß Württemberg nach langer Zeit wieder einmal ein von rechts geleitetes Parlamentspräsidium hat. Nun sind zwei Mandate für ungültig erklärt worden, das Zentrumsmandat von Rottweil und das liberale Mandat von Gerabronn. In Rott­weil hat das Zentrum verloren infolge der maß­losen konfessionellen Hetze der Gegner, und wenn das bisherige Präsidium- des Landtages bestehen bleiben soll, dann muß der Bund in Gerabrunn siegen. Auf beiden Seiten wird mit großer Erbitterung gekämpft. Der Hansabund und der Bund der Landwirte haben ihre besten Agitatoren mobil gemacht, und die Leute vom Hansabund buhlen in einer Weise um die katho- lischcu Stimmen, daß der Gruß „Gelobt sei Jesus Christus" des freisinnigen Rektors Kopsch aus dem Wahlkreise Greiffenberg demgegenüber nur eine Harmlosigkeit ist. Leider haben die Leute vom Bunde der Landwirte in Rottweil ihren feindlichen liberalen Brüdern Wasser auf die Mühlen geliefert, indem sie dort in völliger Verkennung ihrer eigenen Interessen den Zentrumskandidaten zu Fall gebracht haben. Derartige Erfahrungen, wie sie das Zentrum bc: den Herrschaften von rechts schon so ost gemacht hat, werden die Zentrumsleute in Gerabronn aber nicht abhalten dürfen, mit äußerster Energie für den Sieg des Landwirtebundes ins Zeug zu gehen.

flusere lieben Nachbarn im Westen bemühen sich zur Zeit wieder einmal unermüdlich mit einer echt französischen Selbstverständlichkeit, Frankreich in den Vordergrund der europäischen Politik zu drängen. England und Rußland haben sie sich zu Freunden gemacht, der König Alphonso von Spanien dürste seine an Auszehrung leidende Kriegskasse mit fran­zösischen Banknoten wieder füllen, der König von Griechenland mußte von seinem sauer erworbenen I Kriegsruhm den Zehnten in Paris lassen, und man findet cs int Grunde unbegreiflich, daß nicht auch Oesterreich und Italien sich an den französischen Siegeswagen fesseln lassen wollen. Nur wir arme Deutsche werden recht stiefmütterlich von unseren guten Nachbarn behandelt, unser Land ist ihnen fast nur noch ein Gegenstand militärischer Beobachtungen I Der , französische Ministerpräsident Bartzhou hielt "vor wenigen Tagen bei der Enthüllung eines Krieger­denkmals in der Provinz in der Gegenwart des Prä­sidenten Poincarä eine auffallend chauvinistische Rede m der er den Revanchegedanken geradezu ver­herrlichte. Diese auffallende' Tonart zeigt sehr ge- nau, daß auch nach Einbringung des Dreijahrs-

dcr Staatsanwalt ihm vermutlich beilegen würde, und andererseits weiß er, daß man aus seiner Mit­teilung die schärfsten Folgerungen ziehen würde, weil man sich saft, ein naher Verwandter wird eher zu wenig, als zu viel gegen den Angeklagten sagen. Tie Verhältnisse int Leben und die Scelcnbewegungeu am Menschen sind sehr verwickelte Dinge, die sick nicht so glatt auf eine Formel bringen lassen. Der Gesetz­geber hat mit Recht zur Vermeidung von Wirrungen und Irrungen die Verweigerung der Aussage zuge­lassen. Nun gut, dann sollte man auch die Zeugen, die nach dem Gesetze versagen dürfen, wirklich aus dem Spiel lasseu. Es könnt ;a vorher festgestellt werden, ob sie autzsagen wollen oder nicht: Im letzteren Fall brauchte man sie gar nicht zur Hauptverhandlung zu laden. Daun brauchte der Verwandte nicht erst vor den Richtern und Geschworenen sein Stillschwei­gen zu erklären. Der ungünstige Eindruck dieses Rück­zuges siele fort: das wäre am besten für den Ange­klagten, der unter Umständen unter diesem ungünsti­gen Eindruck ungerecht leidet, und es wäre auch besser für die Angehörigen, die dann vor den Aufregungen der Hauptverhandlung und dem öffentlichen Hervor- treien verschont blieben.

Das Gottesgebot lautet: Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten. Damit ist aber nicht gesagt, daß man immer und überall ein ungünstiges Zeugnis abgcben muß, wenn cs wahr ist. Man darf keine Unwahrheit sagen, aber man braucht nicht jede Wahrheit offenbar zu machen. Die Zeug­nispflicht vor dem staatlichen Gericht ist für jeden braven Bürger heilig und für eineu gewissenhaften Christen erst recht. Wenn aber das Staatsgesetz zu- läßt, daß man seine Aussage verweigert, so darf man davon Gebrauch machen, - - es sei denn, daß andere, höhere Interessen und Pflichten doch die Aussage not­wendig machen. Solche außerordentlichen Verwick­lungen der Pflichten können im vielgestaltigen Leben eintreten: da muß man im Einzelfall sich die Sache gewissenhaft überlegen und den Rat von kundigen Vertrauenspersonen einholen, damit man nicht durch Schweigen Unrecht und Schaden herbeiführt.

Die gewissenhafte Ueberlegung ist natürlich auch dann geboten, wenn man sein Zeugnis abgeben will oder muß. „Kein falsches Zeugnis!" Das gilt nicht nur für die bewußte, böswillige Unwahrheit, sondern auch für die fahrlässige Unrichtigkeit. Es gibt Leute, denen es schwer wird, die Wirklichkeit richtig darzu- |

gesetzes sich in der kriegerischen Stimmung Frank­reichs ganz und gar nichts geändert hat, daß man vielmehr das unheimliche Gefühl zu haben scheint, daß mit der Einführung der dreijährigen Dienstzeit die militärische Ueberlegenheit noch lange nicht ent­schieden ist.

In England haben die Gegner der Homerule (Selbstverwaltung) für Irland es glücklich fertig ge­bracht, die Sache auf das Gebiet der religiösen Lei­denschaft hinüberzuschieben. Die Masse der Jndu- striebevölkerung in Ulster im Norden des Landes gehört der englischen Landeskirche an; dagegen sind die übrigen Irländer katholisch, und nur einen flei- uen Teil, die Ulsterleute, hat man gegen „Homerule" mobil gemacht. Ein ebenso ehrgeiziger wskrupel­loser Rechtsanwalt hat es sogar fertig gebracht, eine regelrechte Rcvolutiousarmee zu organisieren. In Wirklichkeit ist die religiöse Frage nicht der sprin­gende Punkt der irischen Bewegung. Die irische Frage ist eine soziale Frage, eines der traurigsten Kapitel der sozialen Geschichte überhaupt. Der Grund und Boden in ganz Irland ist im Laufe der Zeit in die Hände Londoner Großkapitalisten geraten, und diese wollen den Irländern keine Selbstverwaltung zuge­stehen, weil das zu einer vernünftigen Agrarg -tz- gebung führen würde, die der Herrschaft der Lon­doner Kapitalisten und dem Elend der irischen Päch­ter ein Ende machen würde. Daß die Iren katho­lisch sind, ist den wirklichen Hintermännern der Homerulegegner sehr gleichgültig, denn ihr Götze ist das Geld.

Auf dem Balkan wollen die Dinge nicht vor­wärts. Zwar haben Bulgarien und die Türkei offi­ziell Frieden gemacht, aber die Türkei scheint - nun­mehr mit einem Kriege gegen Griechenland zu drohen, und Serbien hat es mit den Albaniern zu tum Aus jeder Zeitungsnachricht liest man heute den Beweis heraus, daß an friedliche Verhältnisse auf dem Bal­kan erst dann zu denken sein wird, wenn alle Stämme dem Staate ihrer Nationalität zugeteilt werden. So­lange die Volksstämme weiter durcheinander wohnen, werden sie sich weiter bis aufs Messer bekriegen.

derne Verkehr erschlossen hat, und der Kräfte, die auf* geboten werden müssen, um diese Welt des Heiden­tums zu erobern. Aber christliche Gesinnung kennt keine Verzagtheit und auch kein Schwanken, wo es gilt, Christi Wort auszuführen und zu verwirklichen, wo es gilt, ganzen Völkern die höchste Wohltat zu bringen. Denen, die solche Gedanken hegen sollten, möchten wir die Worte zurufen:

„Ein halbes Jahrhundert der modernen großen Missionsepoche liegt hinter uns. Und wenn sie zu End» gekommen lein roir>\ dann werden sich in der Heidenwelt überall große Völierurchen erhoben haben. Können wir daran zweifeln? Die Christen der ersten Jahrhundert« mögen zwei elnd am endlichen Erfolg in bte Zukunft geschaut Haden: sie hatten nicht den Tatsachenweis der Geschichte, um ihre Zweifel zu verscheuchen. Die Christen des 4. und 5. Jahrhunderts mochten einen Schein von Recht haben, wenn sie zweifelten, daß die wilden Bar- • barenhorden, die aus dem Osten über die christliche Welt hercinbrachen, jemals die Träger der christlichen Kultur in Europa würden. Und doch 'wurden sie es. Fürwahr, selbst wenn die Wurzew der Heidenmisston nichl in den ewigen Ratschlüssen verankert lägen; selbst wenn sie sich nicht auf des Gottmenschen ausdrücklichen Beseht und unerschütterliche Hilseverheißung gründete: die groß­artigen Erfolge der Sliiffion in der Vergangenheit wären genug, jeden Zweifel an ihrem endlichen Erfolg in der Zukunft verstummen zu lassew (bei Huonder, 1. Bänd­chen S. 17).

Und bann vergesse man nicht die Rückwirkung des Missionsinteresses. Wo große Aufgaben sich auftun, da wird auch neues Leben geweckt. Daß für die Laienwelt das Interesse für die Mission zugleich ein Anlaß wird, sich selbst etwas mehr mit der Religion zu befassen, ist eine allgemeine Erfahrung. So heißt cs in einem amerikanischen Bericht über den Erfolg der Misswnsagitation unter der Laienwelt:

„Die Wirkung dieser Bewegung ist auf die Männer ganz überraschend. Biele Männer, die gleichgültig, kritisch, so sogar seindselig zur Mission standen, sind heute aufrichtige und tätige Förderer derselben; Hundert« sind ernste Beter geworden und haben eine Vertiefung des geistlichen Lebens erfahren. Staatsmänner, Rickter und Kaufleute und Handwerker hader in diesen Ver­sammlungen für die Missionen das Wort ergriffen. Dte Stellung der weltlichen Presse zur Mission ist durch sie eine durchaus andere geworden.

An eine andere Rückwirkung erinnert der prote­stantische Missionsschriftsteller Warneck, wenn er an Eroberung der altheidnischen griechisch-römischen Welt für das Christentum erinnert, wie damals das -Chri­stentum sich stark erwiesen habe, den vulgären Poly­theismus ebenso gründlich zu überwinden wie die Skepsis (Zwcifelsucht) der Philosophie. „In diesem Kampfe empfing die Kirche viel mehr als sie lei­stete: ihre Kraft stählte sich, in der Selbstausbreitung ihrer L'ebe wurden weltweite Ziele gesteckt, ihre Er kcuntnis wuchs über die engen Grenzen des schüchter­nen Anfanges hinaus; im Missionswexke enthüllte sich ihr die Fülle der Person Jesu, seine Universa­lität, seine Allgenngsamkeit. Sie lernte größer von ihrem Herrn denken. ... Es müssen große Aufgaben und Antriebe von außen her an die Kirche heran­getragen werden, wenn ihr Blut frisch zirkulieren soll. Großzügige auswärtige Politik bringt oft frische Luft in die kleinliche Parteisucht und das unfrucht­bare Gezänk der Parlamente" („Paulus im Lichte der heutigen Heidenmission" S. 6f. Berlin, 1913).

So lohnt also die Förderung der Heidenmission auch die Gemeinden in der Heimat.

Und cs will uns sckeinen, als gäbe cs keinen so dringlichen Appell als die Erwägung, daß von dem Erfolg oder Mißerfolg der Mission des 20. Jahr­hunderts die religiöse Zukunft der ganzen noch außer­halb des Christentums stehenden Menschheit abhängt. So steht heute die Kirche vor einem Wendepunkt von ungeheurer Tragweite und ihr in der Bewältigung der Aufgaben beizustehen, welche diese folgenschwere Gegenwart bringt, mitzuwirken an der Bewältigung dieser Riesenaufgabe, ruft sie heute alle ihre Kinder auf!

Wird sie in dieser ernsten Situation vergebens an den Opfersinn des katholischen Volkes appellieren?

Oooooooooooooocx»

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7 ßnd lll dkk Jul). Zg/ voll sicherem Erfo!

COOOOOOOOOOOOOOOOP

stellen. Sie haben etwas s e l b st gesehen und ge­hört, anderes haben sie von dritten Leuten sich er­zählen lassen ober in den Zeitungen gelesen. Das geht ihnen nun im Kopf bnrchcinanber, nnb schließ- lch wissen sic selbst nicht mehr, was beobachtete Tat. fache nnb was bloßes Gerücht ist. Auch in bem, was sie selbst gesehen unb gehört haben wollen, irren sie sich häufig, weil ihre Phantasie die Wahrneh­mungen verzerrt ober vergrößert. Manche haben einen großen Eifer, um bie Sühne eines Verbrechens ober Unrechts sich berbient zu machen, und lassen sich von diesem edlen Bestreben ober auch von ihrer Eitel­keit hinreißen, mehr auszusagen, als sie wirklich aus eigener Wissenschaft bestimmt bezeugen können. Gunst unb Haß, Vorurteile unb Vorliebe beenträchtigen auch oft die Sachlichkeit und Genauigkeit der Aussage. Dar­um muß jeder, der zum Zeugnis aufgefordert wird, erst gründlich und sorgfältig sich überlegen, was er wirklich gesehen ober gehört, was er mit voller Sicher­heit, nach Abzug ber eigenen Einbildung und des Ge­redes anderer Leute, als seine eigene Wahrnehmung bezeugen kann, — in ehrlicher Ueberzeugung, ohne Beschönigung unb ohne Verdunkelung der Wahr­heit, ohne alle Hintergedanken unb Nebenzwecke, ge­wissenhaft wie in ber Tobesstunbe. —

Ach, wenn bie gebührende Vorsicht in Zeu g> niSabgaben doch auch außerhalb des Gerichts­saales, im geselligen Verkehr, besser beobachtet würde! Es-gibt Leute, die sich eher die Hand abhacken lasten würden, ehe sie ihren Nächsten um einen Groschen bestehlen. Aber wenn sie so gelegentlich ihrem Näch­sten sein kostbarstes Gut rauben, die Ehre, dann sinden sie nichts dabei Sie haben ja nur g e- klatscht Ja, sreilich, sie haben nur ihre lose Zunge schießen lassen ohne zu bebenfen, daß rn Mitmensch ober vielleicht eine ganze Familie bnrt die 5Hoberer ins Unglück gestürzt werden kann. 8*u Jüngsten Tage wird denen, die ehrenrührige „Nenigkeiien" ge­wissenlos weiter getragen haben, auch das achte Ge­bot entgegengchalien werden. Der Teufel hat große und kleine Hilfsmittel auf Erden, unb mit bett klei­nen richtet er oft viel Unheil an, namentlich mit ben kleinen, giftigen Zungen der Klatschbrüder und Klatichschwcstern. Ans den K.affeetiscken und über den.Stammtischen sollte man die Inschrift anbringen: Du sollst kein Zeugnis gegen Abwesende geben!