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Zuldaer Zeitung

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40. Zahrgang.

Freitag den 3» Oktober 1913

Erstes Blatt.

Nr. 229

erKfetm täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Befteiigeid in Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsdruck und Verlag der - z Zuidaer flctienbrudterel in Zuiüa. Jernfpredjer Nr. 9. 2 x

| ~ n tüodjen-Beilage: s n f r. s HIonats-Beilage: “ “

| Illustrierte Sonntagszeifung | Zuldaer Seschichtsblätter

u Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan. ::

findigen: Der Raum einer elnfpottigen Colonehdle, 41 m» ereil, taflet 15 PJg. Reklamen: Der Raum einer Colcneljelle, 74 mm breit, koftei 40 Pfg. Bel tDieöerholungen Rabatt Zür Offert- und fiuskunltcnjeigen 20 Pf. extra. 3n Konkursfälten wird der bemllllgte Radau hinfällig. trfCUungsorf für bas tln- klagen von Joröerungen Ist suida. flnfelgen-flnnahme bis 10 Uhr aarmittags.

u Größere flnjeigen erbitten wir uns tags aorfaer. u #

X Der Aufruhr in Irland.

Von den fanatischen Ulftermen, den Nach­kommen des aus Schottland und England nach der Provinz Ulster verpflanzten und auf dem Eigentum vertriebener Katholiken angesiedelten Protestanten wird offen der Bürgerkrieg gepredigt. Er wird nicht nur gepredigt, sondern planmäßig verbrei­tet. Eine Nevolutionsregierung ist eingesetzt, ein 'Revolutionsheer ist bewaffnet und einexerziert und hat auch schon seine Vorübungen für den Ernstfall abgehalten.

- Was die irischen Rebellen wollen, ist bekanntlich nichts anderes, als daß H o m e r u l e, die Selbst­verwaltung für Irland, die im englischen Unterhaus- schön beschlossene Sache ist und deren Schicksal durch alle Phasen des parlamentarischen Kampfes geführt wurde, plötzlich fallen gelassen werden solle, weil eine Minorität, die protestantischen Ulstermän­ner, von einigen Politikern angestachelt, sich der Er­richtung eines irischen Parlaments widersetzt. Der Führer dieser Bewegung ist Sir Edward Carson, einer der tüchtigsten Ädvokaten Londons, der in West­minster auf der Seite der Konservativen sitzt. Seine politische Ueberzeugung ist ein immerhin seltsamer Konservatismus, denn er predigt jetzt Gewalttaten und offene Rebellion gegen die Regierung.

Vor dem Gerichtshöfe in Londonderry hat soeben die Verhandlung gegen jene Personen stattgefunden, die sich an dem" Aufruhr vom 12. August be­teiligten. Durch die Zeugenaussagen ergab sich, daß die Revolverschüsse ausschließlich von den protestan­tischen Unionisten ausgegangen sind, während die katholischen Nationalisten "sich nur mit Steinwürfen verteidigten. Der Polizeiinspektor hat im irischen Viertel der Stadt nirgends Schießwaffen gefunden, dagegen über 40G im unionistischen Viertel. Die Unionisten haben, indem sie gegen das katholische Viertel zogen, ein Schmählied auf den Papst ge­sungen. Daraus allein schon wird ersichtlich, daß es diesen fanatischen Orangisten nicht bloß um den Widerstand gegen die Homerule, sondern auch um die Betätigung des K a t h o l i k e n h a s s e s zu tun ist. In Banbridge gab der Führer der revolutio­nären Ulftermen, Captain Craig, den Namen des Generals bekannt, der die Truppen Ulsters gegen die englischen Truppen führen soll, wenn versucht wird, Ulster zum Gehorsam gegen das Gesetz zu bringen. Es ist Generalmajor Sir George Richardson, der in Afganistan und Aegypten gekämpft und in China und Indien Divisionen befehligt hat. Die Waffen­einfuhr aus Belgien und Frankreich wurde offen fortgesetzt.

Wird das englische Ministerium den Mut haben, der Revolution die Staatsgewalt entgegenzu­setzen? Wird sie die eirglischen Regimenter, die ja zum großen Teil ans angeworbenen Iren bestehen, gegen die Ulftermen marschieren lassen? Auf diese Frage läßt sich keine Antwort geben. In den letzten Tagen sind unter der ministeriellen Gefolgschaft Stimmen aufgetaucht, die angesichts des drohenden Verhaltens der irischen Provinz Ulster davon ab­rieten, die Homerule-Vcrlage in das Statute Book, die Gesetzessammlung Englands, nach Unter­zeichnung durch den König aufzunehmen. Lord Loreburn, bis vor einem Jahre Lordkanzler des Mi­nisteriums Asquith und nur aus persönlichen Grün­den zurückgetreten, also eine autoritative Persönlichkeit des englischen Radikalismus, hat in der „Times" einen Warnungsruf ausgestoßen, der die Uneinigkeit in der Regierungspartei offenbart. In seinem Schrei­ben an die „Times" sagte der Lord, das Land nähere sich rasch einer kritischen Zeit. Wenn Homerule Ge­setz werde, komme es in Ulster mit aller Sicherheit zur Revolution. Die Krisis werde dadurch verschärft, baß die Tory-Partei sich anschicke, die Rebellion zu

3>er Brandstifter.

;0J Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

K„ Fassungslos sank die junge Frau auf einen am "ffneten Fen stur stehenden Schemel und starrte in werdenden Morgen hinaus. Ein feuchter Brand­geruch zog von der 'Brandstätte herüber; dort stiegen noch immer graue Rauchschwaden empor, im Mor­genwinde zerflatternd, und halbverwehtes Durchein- anderrufcn von Menschenstimmen belehrte, daß die Leute immer noch mit dem Löschen der schwelenden Trümmer beschäftigt waren. Eine glutrote Scheibe, hob sich jetzt die Sonne über die östliche Kette des Gebirges und übergoß die waldbewachsenen Höhen­züge mit einem rosigen Schimmer, der von Minute M Minute mehr erblaßte, bis das satte Grün der Laubmassen im hellen Tageslicht herübergrüßte. Drunten im Hofe wurde es laut; Türen wurden zuge' schlagen, schwere Männertritte, und das quietschende ,Geräusch de? in Bewegung gesetzten Pumpbrunncns chnrden hörbar und aus den Ställen erscholl ununter­brochen das Gebrüll der Kühe — das alltägliche Le­ben im Bauernhause begann.

Mit einem schweren Seufzer erhob sich die junge Frau und schritt langsam auf den Zehen nach dem Schlafzimmer, um vor allen Dingen ihre von der Ar­beit auf der Brandstätte durchnäßten Kleider zu wech­seln. — Mit geschlossenen Augen tag ihr Mann im Bette, doch schien ihm kein ruhiger Schlummer be­schert zu sein, denn unruhig warf er, sich hin und her und abgerissene Laute entfuhren seinen Lippen.

„So is recht — immer höher noch, ihr Flamme <— immer hoher!" hörte die angstvoll Lauschende. „Ha, wie schön, ha, wie herrlich! Schad' um die Frucht! Fort damit — fort mir ihm, der mir das Herz von mcim Kläche gestohle hm! Mein is sic, mein — awer sie denkt "immer noch an ihn — ich waaß es! Drum fort mit ihm! Hoch Feuerche — hoch!"

Das junge Weib mußte sich an dem Bettpfosten halten, um nicht umzusinkcih Es war gar kein Zwei­fel! Ihr Dlann batte den Brand im LmdenwirtS-

billigen. Selbst wenn es gelinge, die Straßenkämpfe zu beendigen, der Geist, aus dem sie entstanden, werde bleiben zum unendlichen Schaden Irlands und des Reiches. Werde aber die Vorlage verworfen oder auf irgendeine andere Weise nicht zum Gesetz, dann könne auch das katholische Irland einmal die Geduld verlieren und das tun, was Ulster schon lange drobe. Ulster dürfe gewiß nicht allein das Recht zur Revolte in Anspruch nehmen. Blut­vergießen fei wahrscheinlich bei dem Durchdringen der Vorlage wie auch bei ihrem Scheitern ohne Ersatz. Es müsse offen beransgesagt werden, daß die beiden großen Parteien sich diesmal verständigen müßten, um dem Lande schlimme Zeiten zu ersparen. Die Verständigung solle mittels einer Konferenz erfolgen.

Das Bezeichnendste in der ganzen Angelegenheit ist die Haltung der staatlichen Autorität: sie sieht dem Treiben mit verschränkten Armen zu. Ste leistet einer Bewegung, die sich nicht nur gegen den Staat, sondern gegen den Willen des Volkes richtet, durch Duldung geradezu Vorschub.

vrittsches Reich.

* Beilin, 2. Ott. 1913. Der Kaiser nahm am Donnerstag im Jagdhaus Rominten den Dortrag des Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Dr. Frhr. v. Schorlemer entgegen. — Am Freitag fährt der Kaiser von Rominten an der russischen Grenze über Königsberg und Langfuhr bei Danzig nach Potsdam. Am Sonntag reift er mit der Kaiserin nach Hubertusstock und am 13. Oktober nach Trier. Vorgesehen sind die Besichtigung der neuen Moselbrücke, die Ausgrabungen beim Kaiserpalast, des Provinzialmuseums, des Arnphi- lheaters, der Basilika des Domes und der Liebfrauen, kirche. Nachmittags fährt der Kaiser nach Lieser und nimmt beim Landwirtschaftsminister v. Schorlemer Wohnung. Am 15. begibt sich der Kaiser nach Gerolstein zur Kircheneinweihung und zur Besich- ligung des neuen Krongutes Villa Sarabadis. Am gleichen Tage reist der Kaiser im Auto weiter nach Bonn, wo er in der Villa Schaumburg absteigt und sich bis zum 17. abends aufhält. Von Bonn aus fährt der Kaiser mit dem Hofzug nach L e i p z i g zur Einweihung des Völkerschlacht-Denkmals und kehrt am 18. abends wieder nach Potsdam zurück. — König Friedrich August von Sachsen hat dem Reichstage 100 Einladungen zur Einweihung des Leipziger Völkerschlacht-Denkmals zugehen lasten, die unter die Fraktionen verteilt werden sollen. — Der Bundesrat beschäftigt sich gegenwärtig mit Ausführungsbestimmungen über die Befreiung von der Krankenversicherungspsicht bei vorüber­gehenden Dienstleistungen. Diese Aussührungsbe- ftimmungen sind besonders für unständige Arbeiter von Wichtigkeit. Es wird darin festgesetzt werden, wieweit vorübergehende Dienstleistungen versicherungs­frei werden sollen.

4- Die Besoldungsreform im Reich. Ein Be­amtenfachblatt glaubt schon jetzt in der Lage zu sein, den Unfug der kommenden Besoldungsreform im Reichstag beurteilen zu können. Hierbei scheint die Ansicht zu bestehen, daß die Reichsregierung schon über die Grundsätze der Vorlage, die dem Reichstag in den nächsten Tagen vorgelegt werden soll, vollstän­dig im Klaren wäre. Eine solche Annahme ist aber nicht berechtigt. Bekanntlich werden alle Besoldungs­reformen im Reich Hand in Hand mit Preußen durch­geführt, um eine Abweichung der Gehaltssätze inner­halb einer Beamtenklasse in den beiden Verwaltun­gen zu vermeiden. Es müssen daher auch für die kommende Vorlage zunächst gemeinsame Grundsätze zwischen dem Reichsschatzamt und dem Preußischen Finanzministerium vereinbart werden, ehe an die

hause angelegt, nicht aus krankhafter Sucht, sich an den hochfchlagenden Flammen zu ergötzen, sondern auch aus Haß und um den vermeintlichen Neben­buhler zu verderben. Etwas wie Empörung regte sich in ihr gegen den dort ruhelos auf seinem Lager her- umwälzcnden und gleich darauf durchzitterte sie ein heißes Empfinden von Teilnahme für den Unglück­lichen, der jetzt unschuldig im Gefängnis saß. Durfte sie ruhig zusehen, daß Ernst Rother einem unverschul­deten, schweren Schicksal entgegenging, das gleichbe­deutend mit unauslöschlicher Schande, mit dem Ruin seines ganzen Lebens war? Aber konnte sie ihren eigenen Mann verraten, ihren ‘Scann, der vielleicht die Tat weniger aus schlimmem Antrieb, als unter dem Zwang eines Wahnzustandes begangen hatte und vielleicht mehr zu bemitleiden, als zu verdammen war? Was sollte sie tun od-r lassen? In dem Chaos der auf sie einstürmenden Empfindungen drohten sich die Sinne der jungen Frau zu verwirren — mit einem Stöhnen sank sie neben ihrem Bette auf die Knie und die gefalteten Hande gegen den an der Wand hängenden eingerahmten Spruch emporgeho­ben, kam es verzweifelt von ihren Lippen: „Herr, ich rufe Dich an in meiner Not — errette mich und ich will Dich Preisen!"

10. F ü r ch t e G o t t u n d b a l t e s e i n e G e b o t e.

Bedenklich hatte der auf telegraphischem Wege von Camberg herbeigerufene Arzt den Kopf geschüttelt, als er an das Bett des schwer erkrankten Jakob Eicher geführt wurde und die wilden Fieberphantasien des­selben vernahm. Die an jenem aufregenden Morgen dem Kranken von seiner jungen FrcM gegebenen Tro­pfen hatten nichts geholfen, im Gegenteil schienen sie bie Aufregung des Fiebernden noch zu steigern, denn seine anfangs von ihm ausgestoßenen abgerissenen Sätze und Ausrufe waren allmählich in wildes Toben übergegangen, das nur vorübergehend besänftigt wurde, wenn «Klärchen beruhigende Worte sprach. Die Stimme des geliebten Weibes Übte einen selt­samen Zauber auf den wild Phantasierenden aus: sobald er sie vernahm, ging es wie ein glückseliges Lächeln über sein von Purpurröte überzogenes Gesicht und rubjo ließ er sich die in kaltes Wasser getauchtan Leinentücher um den Kvpf legen, welche Behaudluua

Aufstellung einer Vorlage herangegangen werden kann. So weit sind jedoch die Erwägungen in den einzelnen Ressorts noch nicht gediehen, daß schon ein Anlaß zu gemeinsamen Beratungen zwischen dem Reichs- und preußischen Ressorts vorliegt.

* Tas neue Eftendahn-Anlethegesttz, das nach den bis jetzt vorliegenden Projekten etwa 3 70 9111114« onen Mark anfordern wird, Forderungen, die zum Ausbau bestehender Bohnen, zur Herstellung neuer Nebenbahnen, zur Auffüllung der Betriebsmittel usw. notwendig sind, wird der ,Poft' Nr. 462 zufolge u. a. auch neue Mittel für die Elektrisierung der Berliner Staatsbahn und für die Ueberbruckung der Ostsee zwischen Stralsund und Rügen sordein.

)( Der Vorstand des 3. Deutschen Arbeiter-Kongresses, der Ende November in Berlin tagen soll, erläßt einen Aufruf gegenüber dem ..gemeingefähr­lichen Mißmut" auf sozialpolitischem Gebiete. Da heißt es:

„Unter dem Vorwand, die Sozialpolitik nütze nur dem Radikalismus, soll der sozialpolitische Zug in unserem Volke aufgehalten, ja ins Gegenteil verkehrt werden. Gegen diese Strömungen müssen wir auf der ganzen Linie laut und überall vernehmbar unsere Stimme er­heben. Sonderinteressen dürfen nicht über soziale Kultur- interesien gehen. Deutschlands Gegenwart und Zukunst verlangt ein gesundes, kräftiges, arbeitsfreudiges und kulturell hochstehendes Volk. Keinen Stillstand gibt es im wirtschaftlichen Leben der Völker, keinen Still­st a n d in der s o zi a l e n Schutz-, Hilfs- u. Reformarbeit."

Der Ausruf erinnert dann weiter an die Steigerung der L bensmittelpreiie und die Wohnungsnot.

)( Einen häßlichen Streit hat die Entlassung des früheren Redakteurs des „Christlichen Textil­arbeiters", Röhling, herbeigeführt. Röh- ling war wegen der Enttäuschung, die er in bezug auf seine Karriere beim Christlichen Textilarbeiterverband erlitt, mehr und mehr in eine gehässige Stimmung gegen den Verbandsvorstand geraten, und jetzt erhebt er in einer Broschüre gegen den Vorsitzenden des Tex­tilarbeiterverbandes, den Zentrumsabg. Schiffer, in nicht mißzuverstehender Art den Vorwnrf, daß er in unerlaubter Weise über Beträge aus der Kasse des Textilarbeiterverbandes verfügt habe; der Fehl­betrag sei schließlich auf das Konto Lohnbewegung verbucht worden. Nachdem der Vorstand des Ver­bandes in neunstündiger Verhandlung mit diesen Anklagen sich besaßt hat, ist beschlossen worden, daß Schiffer gegen den Verfasser der Schrift und die Weiterverbreiter dieser Behauptungen es kommen besonders sozialdemokratische Zeitungen in Betracht — die Klagean strengen wird, der sich der Zen- tralvorstand, soweit er beteiligt ist, anschließen wird. Der Zentralvorstand kam einmütig zu der bestimm­ten und ehrlichen Ueberzeugung, daß die Anklagen und ungeheuerlichen Verdächtigungen vollständig haltlos sind. Insbesondere ergab die Prüfung, daß nicht der Schimmer eines Beweises bafür vorliegt, daß Herr Schiffer mit der in der Broschüre ange­schnittenen Geldschrankgeschichte als Schuldiger in Verbindung gebracht werden tarnt. Der Zentralvor­stand ist im Gegenteil der zweifelsfreien Ueber­zeugung, daß Herr Schiffer speziell in dieser Ange­legenheit makellos dasteht. Angesichts bereit liegt für den Zentralvorstand kein Grund vor, dem langjähri­gen, verdienstvollen Vorsitzenden das Vertrauen zu entziehen. Er erachtet es im Gegenteil als seine Pflicht, den Vorsitzenden in dem setzt einsetzenden schweren Kampf gegen Lüge und Verleumdung zu unterstützen.

*, Die Rüstunastreiber geben keine Ruhe. Die .Rheinisch-Westfälische Zeitung^ schreibt:

Wie voransznseh en (!) war, erheben stch setzt Stimmen in leitenden militärischen Kreisen, welche Er­gänzungen zu den in diesem Sommer vom Reichs­tage bewilligten Heeresvermehrungen ver­langen. Es liegt in der Natur der Sache, daß solche

bet der früheren Erkrankung eine wohltuende Wir­kung ausgeübt hatte. Als aber die junge Frau an jenem Morgen nur für einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte, um Oie Mutter zum Beistand zu ho­len, brach das Toben von neuem los, sodaß Klärchen, begleitet von der Mutter, angsterfüllt wieder nach dem oberen Stock in das Schlafzimmer geeilt war, wo sich den beiden Frauen ein entsetzlicher Anblick dargeboten hatte. Ter Fiebernde war aus dem Bette gesprungen und raste wie ein Unsinniger in dem Raume hin und her, jeden Gegenstand, der ihm in den Weg kam, zerschmetternd und dabei gellende Rufe ausstoßend: „Zum Feier muß ich, zum Feier — ich muß sehe, wie ihm alles verbrennt — alles bis usf's letzte Stümpche! Seht Ihr, wie's lodert? Ha„ ha! Jetzt schlägt's zum Dach heraus — immer höher, immer höher! Ha, ha, ha!" Und unter gräßlichem Gelächter hob er die von dem Waschtisch genommene Wasser­kanne in die Höhe und schlenderte sie auf den Boden, daß sic klirrend zerschellte!

„Jakob, nm Himmelswille, komm zu dir!" hatte die junge Frau entsetzt aufgeschrien und wieder war es, als übe ihre Stimme Zauberkraft ans. denn wie erschreckt fuhr der Kranke sich über die Stirne und stammelte in weichen Tönen:

„Klärche, mei lieb Klärche, sei mir nit bös! Och Gott, mei Kovp — mein armer Kopp, ich maanc, der müßt verspringe!"

Tann war er wieder, wimmernde Töne aus- stoßend, nach dem Bette getaumelt und kraftlos dar­auf hingesunken.

Während die junge Frau sich um den Kranken bemüht hatte, war Frau Kapser entsetzt nach unten geeilt, um den Arzt zu bestellen. Bis derselbe nach einigen Stunden eingetrofsen war, mußte Klärchen beständig an dem Lager des Kranken verweilen, denn sobald sie nur ben Rücken wandte, begann er wieder unruhig zu werben und. in wilbe Fieberphantasien auszubrechen. Glücklicherweise hatte ber Arzt, der Jakob Eicher schon öfters wegen dessen nervösem Kopfweh behandelt hatte, in Voraussicht, dessen, um was es sich handele, ein.stark wirkendes Beruhigungs' mittel aus. der Apotheke niitgebrachi, das bei dem Kranken von langanbauember Wirkung war. Der

Forderungen kommen mußten, da man den durch bie Heeresverftärkung notwendig werdenden Ergänzungs bedarf im voraus nicht so genau übersehen konnte. Man wird es aber den führenden Stellen unserer Heeresver- mehrung Dank wiflen, wenn ste beizeiten auf die Er­gänzungen dringen, die zur Vervollständigung des Heeres- dedarss dienen.

Wer sind den« diese leitenden militärischen Kreise, auf die sich die ,Rheinisch-Westfälische Zeitung* so geheimnisvoll beruft?

A Einen gehässigen Angriff richtet das Blatt des Evangelischen Bundes, die,Tägl. Rundschau", gegen die katholischen Jugendvereine. Das Blatt spottet über den „katholischen Klimmzng", die gut „konfessionelle Bauchwelle", den „ultramontanen Hoch« fprung in den Himmel" usw. — Es gibt neben den katholischen Jugendvereinen mindestens ebenso viel evangelische Jugendvereine, die ebenfalls die bürger­liche Betätigung in ihr Programm aufgenommen haben Aber das ist — was anderes und darum hat bi! ,Tägl. Rundschau" nie ein Wort darüber üertöten! Daß die Körperpflege in das Programm der Jugend- vereine ausgenommen wurde, ist doch sicher nur er­freulich; der Kernpunkt der Jugendpflege ist die Religiösttät, die Erziehung zu gut christlichen Männern, Darin liegt der tiefere Sinn des häßlichen Angriffs. Wir denken, Protestanten und Katholiken hätten an­gesichts der rapid wachsenden religionsfeindlichen sozialdemokratischen Jugendbewegung anderes zu tun, als sich so zu befehden. Möchte doch die Tatsache/ daß das Vaterlands- und religionsfeindliche Organ/ die sozialistische.Arbeiterjugend", bereits das Hundert­tausend ihrer Abonnenten überschritten hat, auch den Protestanten, die es ehrlich mit ihrem Christentum meinen, zu denken geben.

** Das ausländische Fleisch. Wie wir der ,Dentsch. Tagesztg/ (Nr. 500) entnehmen, dürfte der Land- wirlschaftsminister den Antrag der Stadt Berlin um Einfuhrerlaubnis für frisches ausländisches Fleisch bis zum 1. April 1914 ablehnen. Für die weitere Einführung ausländischen Fleisches, die seit Monaten tatsächlich geruht hat, liege ein dringendes Bedürfnis nicht vor, da die einheimische Viehzucht in der Lage sein werde, den deutschen Markt hinreichend zu ver­sorgen. — Das dürste allerdings der Standpunkt des Landwirtschaftsministeriums fein und nach Lag« der Dinge auch sein müssen.

* Erzieher und Erzogene im Rotblock. Als die Liberalen in Süddeutschlcmd ihre Bündnispolitik mit der Sozialdemokratie begannen, beriefen sie sich dar­auf, daß die dortigen Genossen zahmer, bildungsfähi­ger feien als die radikalen norddeutschen. Nament­lich Geheimrat Rebmann, Führer der ehemaligen Nationalliberalen in Baden, hatte sich, Wohl im Ver­trauen auf seine pädagogischen Talente, ber weit­gehendsten Erwartungen mbezug auf die Erziehung der Umstürzler zu nützlichen Mitgliedern der gegen­wärtigen Staatsordnung hingegeben. Die liberalen badischen Parteiführer haben deshalb bekanntlich auch für die dort bevorstehende Landtagswahl wieder ihren alten Block mit Demokraten und Sozialdemokraten erneuert, dabei zeigt sich deutlich, wer Erzieher und wer Erzogener in dieser G. m. b. H. (Gesell­schaft mit besonderen Hintergedanken) ist. In der „Mannheimer Volksst." richtet nämlich, wie wir in der „D. Tagesztg." lesen, die sozialdemokratische Par­teileitung „ein ernstes Wort an die natio­nalliberale Parteileitung Badens" weil ihr einige der von nationalliberaler Seite auf- gestellten Kandidaten nicht zusagen. Als nun die so scharf von ihren roten Schülern abgekanzelten „Er­zieher" an der Spitze ber Liberalen kein Wort der Er­widerung auf diese unberechtigte Einmischung in die liberalen Parteicmgelegenheiten sanden, riß endlich einem nationalHberalen Blatte (Bad. N. Nacht.) die Geduld. Unter dem Ausdruck des „lebhaftesten Be­dauerns" über die allzu demütige Haltung der natio-

Dakior hatte sodann der Familie zu deren Schrecken eröffnet, daß bet Jakob Eicher ein schweres Nerven­leiden zum Ausbruch gekommen sei, das unbedingt eine Behandlung in einer Anstalt erfordere. Er selbst könne allein unter keinen Umständen die 93es Handlung übernehmen und lehne jede Verantwortung dafür ab, daß der Kranke in einem Zustande gestei­gerter Nervosität möglicherweise unabsehbares Unheil anrichte, nach der Ursache der Krankheft gefragt, hatte der Arzt nur -kurz erwidert:

„Vererbung, liebe Frau Kayser — Vererbung von der Mutter her! Bei der zeigten sich die gleichen Symptome!"

Und einen Tag später hatte der Doktor die Ueber- führung des Kranken in die Nervenheilanstalt Fried- richstcft veranlaßt.

Das war vor sechs Wochen gewesen. Heute war der Doktor wieder getontnten, um nochmals nach der von schwerer Krankheit genesene» jungen Frau Eicher zu sehen. Die furchtbaren Aufregungen über die Er­krankung ihres Gatten und die mit dieser verbundenen Umstände hatten bie junge Frau aus das Krankenla­ger geworsen und nur ihrer unverwüstlichen Ju­gendkraft war es zu danken gewesen, daß die Krank­heit keine schlimme Wendung genommen hatte.

Auch bei ihrer Behandlung hatte der erfahrene Arzt öfters bedenklich den Kopf geschüttelt und den Eltern gegenüber geäußert, daß et sich den Zustand der Kranken nicht zu erklären vermöge. Der ausge- ftanbenc Schrecken könne es unmöglich allein sein, der eine so schwere, das ganze Nervensystem erschütternde Erkrankung bei ber jungen Frau ausgelöst habe — bei so gesunden Konstitutionen und so lebfrischen Na­turen würden auch schreckhaftere Vorkommnisse ge­wöhnlich 'eicht überwunden — es müsse da unbedingt ein nachhaltig wirkendes seelisches Leiden vorliegen, das die Genesung verzögere. Ob e§ ber Schmerz über bie Erkrankung ihreö hatten sei, wage er zu be­zweifeln. d-nn ans Beußerungen ber Kranken müsse er eher schließen, daß sie Angst und Schrecken vor ihren:. bedmiernSwerlen Manne empfinde und wäre es jebenfalls fßt die Eltern cmqezeigt, die Ursache be$ seltsamen Gemütszup mdcs aus ber Welt zu schaffen.