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u Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan. ::

Montag den 29. September 1913

Erstes Blatt.

Nr. 225

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Fuldaer Sefchichtsblütter

LrlcheiNl tügNch mit klusnohme öer Sonn jik xriertugt Oiertel- acher Bezugspreis ohne Bringer lohn anö Beilei'.gelö in Zulda (otoie auswärts 1.50 Mark. •••• Rolationsöru* und Verlag der 5 z Zuldaer flctienöruckerei in Zulda. Fernsprecher Nr. S. z z

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40. Zahrgang

* Die christlichen Gewerkschaften gegen das „Kartell der Arbeit."

Tas Zentralblatt der christlichen G e- verksch asten nimmt in seiner neuesten Nummer charf Stellung gegen das sogenannte Leipziger „Kar­tell" zwischen dem Zentralverbande deutscher Indu­strieller, dem Bund der Landwirte und dem Deutschen Vlitetlstandsverband.

Das Arbeitsprogramm dieses Kartells lasse zwischen den Zeilen folgenden Zweck durchblicken: 1. Arbeitswil- sigenschutz, Zertrümmerung der Gewerkschaften und Tarifverträge, um die Arbeiter an der Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen zu hindern. 2. Erhal­tung und Vermehrung der Lebensmittelzölle ohne Rück­licht auf die herrschende Teurung und auf die Ernäh- lungsmöglichkeiten dees Volkes. 3. Zertrümmerung der Nenossenschaften zum Zwecke des gemeinschaftlichen Ein­laufes von Lebensmitteln, um den Arbeiter zu hindern, für leinen sauer verdienten Lohn die Lebensmittel gün­stig einzukaufen. Als nächste praktische Aktion der neuen Arbeitsgemeinschaft sei zu erwarten ein Vorstoß gegen das Koalitionsrecht und Verweigerung aller Maßnahmen zur Verhinderung der Teurung. Zum Schlüsse schreibt das Zentralblatt: „Das Leipziger Gemeinschaftskartell ist ein Srurmzeichen für die ganze bürgerliche Arbeiter­bewegung. Wenn es irgend noch eines Anstoßes bedürfe, um den christlich-nationalen Arbeitern begreiflich zu machen, wie ernst die Zeiten für sie. sind und wie not­wendig die Stärkung unserer Organisation, insbeson­dere der christlichen Gewerkschaften ift, dann ist es dieses Kartell der Arbeiterfeinde von Leipzig."

Das „Kartell der schaffenden Arbeit", das in Leip­zig angebahnt wurde, hat seine Bedeutung für die praktische Politik darin, daß es durch Sammlung und Verständigung in den beteiligten Erwerbskreisen die Erhaltung der bisherigen Wirtschafts­politik erleichtert.

In den Kreisen der christlichen Gewerkschaften richtet man, wie die Auslassung des Zentralblattes zeigt, besondere Aufmerksamkeit auf die sozial­politischen Aeußernngen, die in Leipzig gefallen sind, und befürchtet, daß dieses sog. Kartell den Still­stand oder gar den Rückschritt in derSozial- reform herbeiführen werde.

Ist die Besorgnis gerechtfertigt, daß es zur Beschränkung der Arbeiterrechte, zur Zertrümmerung der Gewerkschaften und der Tarifverträge und der Genossenschaften usw. kommen könnte? Wir glauben nicht. Allerdings sind Stimmungen und Bestre­bungen nach dieser Richtung vorhanden; doch nicht erst von Leipzig an, sondern schon seit Jahren. „Scharfmacher" waren schon im vorigen Jahrhundert an der Arbeit; die Gegensätze zwischen den wirklichen und vermeintlichen Interessen und Rechten haben von Beginn der Sozialreform ab zeitweilig zu Miß­verständnissen und Reibungen geführt. Wenn aber trotzdem die deutsche Sozialpolitik in fortschrei­tender Entwicklung geblieben ist, warum sollte jetzt auf einmal ein verderblicher Rückschlag zu be­fürchten sein?

Auch wenn man den Vereinigungen, die das „Kartell" bilden sollen, das ärgste zutrauen wollte, so liegt doch eine gründliche Beruhigung in der Tat­sache, daß der Reichstag das entscheidende Wort zu sprechen hätte. Die Zusammensetzung des Reichs­tages entspricht keineswegs unseren Wünschen; aber man muß doch anerkennen, daß die Abwehr- mehrheit gegenüber scharfmacherischen und rück­schrittlichen Bestrebungen auf sozialpolitischem Ge­biete zur Zeit vorhanden ist, und zwar in grö­ßerer Stärke, als in manchen früheren Wahlperio­den. Wenn nun früher schon die „Zuchthausvorlage" im Reichstage scheitert, warum sollten ähnliche Be­strebungen setzt mehr Erfolg haben?

Die Befürchtung, daß die fraglichen Vereine der Arbeitgeber den Zolltarif nur in Druck- und Zwangsmittel benutzen könnten, um Zuge­ständnisse auf sozialpolitischem Gebiete zu erpressen,

ist wirklich unbegründet. Die betreffenden Erwerbs­stände werden froh und dankbar sein; wenn ihnen eine befriedigende Verständigung über die Zollsätze und die Handelsvertrags-Bestimmungen unter sich und mit der Regierung und der Reichs- tagsmehrheit gelingt. Diese Aufgabe erfordert die ganze Kraft und Geschicklichkeit; für „Nebenge­schäfte" bleibt kein Raunr und keine Gelegenheit. Wie ging es denn 1902 bei den Zollverhandlungen? Es galt, die Ansprüche von rechts zu ermäßigen und die Obstruktion von links zu bekämpfen. Damit hatte man genug und übergenug zu tun; alles andere blieb unverändert.

So wird man auch diesmal die wirtschafts­politische Aufgabe fiir' sich lösen müssen, ohne sie mit Uebergriffen auf das sozialpolitische Gebiet noch schwieriger zu machen, als sie so schon ist.

Die beste Gewähr dafür, daß die Sozialreform nicht dem Zolltarif geopfert wird, bietet uns die aus­schlaggebende Stellung des Zentrums. Das Zen­trum "ist für die Erhaltung unserer bewährten Wrrt- schaftspslitik, und es ist zugleich für die Fortführung unserer bewährten Sozialpolitik. So lange das Zentrum das Zünglein in der Reichstagswage bildet, braucht rnan keine Rechtskränlungen und Freiheitsbeschränkungen an die Zukunftswand zu malen.

Was nun die Lebensmittelzölle angeht, so bildet freilich der angemessene Schutz der Land­wirt s ch a s t einen lnesentlichen und unentbehrlichen Teil unserer bewährten Wirtschaftspolitik. Eine Ver­mehrung oder Erhöhung dieser landwirtschaftlichen Schutzzölle ist nicht ernstlich zu befürchten; die Ab­schaffung ist aber geradezu unmöglich. Sie würde auch nicht int Interesse der Arbeiter lie­gen. Denn erstens ist es mehr als fraglich, ob die Aufhebung der Zölle den Preis für Brot und Fleisch im Einzelverkauf merklich erniedrigen würde, u. zwei­tens würde die Erschütterung der Kaufkraft der Land­bevölkerung den ganzen Jnlandsmarkt so in Ver­wirrung bringen, daß der Handel und Wandel in eine schwere Krisis geraten und die Arbeits­löhne sinken müßten.

Daher sollten sich die verständigen Arbeiter klar machen: die Sozialpolitik ist nicht bedroht, und die Wirtschaftspolitik dient auch den Arbeitnehmern.

* Hoensbroech

„Der Jesuitenorden gegen Hoensbroech" — so wird es in den nächsten Wochen in den Spalten der katholikenfcindlichen und katholikenhassenden Presse zu lesen sein. Hofsentlich! Denn vielleicht hat das zur Folge, daß der eine oder andere, der bisher kritiklos die haßgeschwollenen Verlästerungen von Kirche und Orden des Exiesuiten hingenommen, wenn auch nur aus Neugierde, diese angebliche „Antwort des Or­dens" zur Hand nimmt/ Wir meinen die Schrift des p. "b. Nostitz - Niene ck" „Graf Hoensbroechs Flucht aus Kirche und Orden" (Kempten 1913, Kü­sel). Wenigstens das würden sie bei der Lektüre dieses Büchleins erkennen, daß ihre Meinung, in dem Epjesuiten einen zuverlässigen und zuständigen Zeu­gen wider Orden und katholische Kirche zu haben, furchtbar lächerlich ist. Es hat eine allgemeinere Be­deutung, wenn Nostih-Rieneck einmal unter einem ganz besonder» Gesichtswinkel die Frage aufwirft: „Für welche Kinder ist denn das geschrieben?" (S. 33). Denn jeder, der das Jahr, in dem ein normaler Sterblicher zum Vernunftgebrauche gelan­gen soll — es soll das 7. Lebensjahr sein —, erreicht hat, konnte und mußte sich von vornherein sagen, daß, wenn irgendeiner ein unberufener und unzuverlässiger Zetlge wider Kirche und Or­den ist und sein muß, so der Apostat von Kirche und

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Der Brandstifter.

26] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

„Meine Gesellschaft bat auf meine Befürwortung hin Ihrem Wunsche entsprochen und setzte die Ver­sicherungssumme herab, Herr Rother!" sagte er da­bei. „Von einer Zurückzahlung der schon bezahlten Prämiengelder muß dagegen die Direktion absehen, in Anbetracht, daß ein Brandschaden im vorigen Jahre entstanden ist, der ja auch anstandslos sofort reguliert wurde, — anstandslos Herr Rother — das müssen Sie doch selbst sagen! Immer nobel und koulant, das ist das Prinzip der „Allemania" — im­mer nobel, da könnten sich andere Gesellschaften ein Beispiel nehmen! Bei denen wird gemäkelt und ge­handelt — die sind nur zu sprechen, wenn sie Geld ju kriegen haben!"

„Schon gut Herr Maler!" unterbrach Ernst den Redeschwall. „Ich hab mir gleich gedacht, daß Ihr von dem nix mehr herausrückt, was Ihr aam emol abgeknöppt habt! Also was hawe Sie zu kriege?"

„Nach der ausgestellten Polize 62,50 Mark. Wie Sie mir schrieben,"habe ich eine zweite Quittung für Ihren Nachbarn Anton Herrsche! ausgestellt, für den Betrag der von dem Genannten in Ihrer Scheuer aufgestapelten Frucht. . Macht 32,70 Mark! Wollen Sie den Betrag vorlegen?"

„Ich bezahl nur des, was ich selbst versichert hab und leg nir vor!" entgegnete Ernst. „Un zwar deß- wege, weil der alte Herrsche! sich einbild, ich müßt die Versicherung for sei Frucht, die er in unserer Scheuer sitze hot, trage! Do müßt ich jo en Narr sein! Wenn Sies riskiere wolle, hinausgeschmisse zu wer'n, dann gehe Sic hin un lege ihm die Quittung vor — ich will mit der ganz Sach nix mehr zu tun hawwc!"

„So, so!" meinte der Agent. „Na — da ich ein­mal hier bin, will ich den Versuch machen und ein­mal bei ihm vorsprechen. Auffressen wird er mich

ja nicht gleich und das Hinausschmeißen denk ich, überlegt er sich auch noch einmal — der Spaß könnte ihm eine Beleidigungsklage einbringen, die Geld kostet und Geld, das ist ein knifflicher Punkt bei dem Alten!"

Herr Maler ließ ein blechernes Lachen vernehmen und kramte wieder in seinen Papieren, während Ernst in das jenseits des Hausflurs liegende Wohn­zimmer ging, das Geld holte und dem Agenten auf den Tisch zahlte. Dieser strich es ein und meinte aufstehend:

„So, jetzt können Sie wieder ein ganzes Jahr lang ruhig schlafen! Tann will ich einmal mein Glück bei dem alten Herrschei probieren!"

„Traus im Hof is er noch bei seine Knecht, die sei Frucht ablade!" belehrte der junge Bauer. „Do könne Sie jo gleich von ihm höre, wie er's halle will. Awer höre Sie emol — wie is dann des?" fuhr der Sprecher fort, nachdem er einen Blick auf die Quit­tung in seinen Händen geworfen hatte — „die „Quit­tung is jo schon vom 15. August ausgestellt un heut hawe wir doch erst de zwölfte!"

„Hat nichts zu sagen, Herr Rother!" versicherte der Agent. „Die Versicherung läuft erst am 15. August ab, da sind Sie also bis zu diesem Tage für die höhere Summe versichert!"

„So Jo", meinte der junge Mann nachdenklich und schritt mit der Quittung wieder nach dem Wohn­zimmer, während Herr Maler sich nach dem Hofe be­gab, um den alten Herrsche! aufzusuchen.

Es dauerte nicht lange und der Agent kam mit hochrotem Kopfe und in offenbarer Erregung zurück, denn seine Stimme schlua fast über, üls er hervor­sprudelte: „Hat mer ie so was erlebt? Is das ein Grobian! Kein Wunder, wenn dem jeder zehn Schritt vom Leib bleibt! Hab ich ihm gemacht den Vorschlag, die Quittung zu bezahle — hat er mich bald aufge- fresse! Getobt hat er wie ein Wilder un hat gerufe, wenn ihm der aufgcblase verkracht Rechtsverdreher noch einmal in das Haus käm, dann schlage er ihm alle Knochen im Leib entzwei! Damit hat er Sie gemeint, Herr Rother" — wandte sich der Sprecher an den eben wieder eintretenden Ernst —■ „ein recht

Orden, und beides ja Merkmale, deren sich der Ex­jesuit besonders gerne rühmt!

.Zwischen ihm und Der Kirche", sagt ihm sein einstiger OrDensgenosse, „steht eine Tatsache, die nicht und nie wegzubrmgen ist, die Verleugnung des Priester­tums. Nun kann er Kirche und Orden nicht mehr an­ders sehen und beurteilen, als durch das schwarze Glas des Erlebnisses. Nur dann kann der gewaltsame Bruch irgendwie gerettet werden, wenn die Kirche ein Trug, der Orden ein Ungeheuer ist. Die Flucht ist sonst eine Untat. Folglich muß die Kirche ein Trug sein, der Orden ein Ungeheuer. Muß! Muß! Was wird da aus Studien, Forschungen, Urteilen, Erinnerungen! Das Gedächtnis muß ein Hohlspiegel werden. Unentrinnbare Schicksale, unausbleibliche Konsequenzen! Der vertrag­brüchige Flüchtling kann scheinbar für einen Kronzeugen gehalten werden; aber er bleibt ojettio und sachlich ein disqua ifizierter Zeuge". (S. 70.)

wenigstens könnte man aus der neuen Schrift lernen! Doch wir wollen ehrliche Makler sein »nd saAen, daß es sich in dieser Schrift gar nicht um eine „Antwort des Ordens" wider den Exjesuiten handelt: als ob jetzt die Jesuiten einen ihrer feder­gewandten Schriftsteller beauftragt oder angestiftet öder kraft des „Kadavergehorsams" (hu! hu!) abkom­mandiert hätten, um doch noch den „Wackern Grafen" mundtot zu machen. Wie schnell doch diese Leute ihr eignes Urteil über die Jesuiten vergessen! Die sol­len doch von raffinierter Schlauheit sein! Nun, dann sollte man ihnen doch nicht die überflüffige Arbeit zu­trauen, noch einmal die Arbeit des Mausetotmachens des Grafen Hoensbroech zu besorgen, nachdem dieser in seinen eignen Schrift fortgesetzt sich selbst umge­bracht hat.

Tatsächlich ist das Buch von Nostitz-Rieneck keine Antwort des Ordens, sondern die Schrift eines Ordensmanncs, der für sich p r o t e st i e r t. gegen die Verunglimpfungen von Ordensgenossen, die ihm hochverehrte Lehrer und Freunde waren, wie gegen die Verunglimpfungen von Orden und Kirche durch einen von giftigem Haß erfüllten Apostaten. Dieser selbst wird nur nebenher erwähnt, dafür aber die Kirche und das katholische Ordensleben verteidigt durch Aufzeigung ihres wirklichen Wesens.

In schwungvoller, oft poetischer, hinreißender Sprache wird die Schönheit und unerschöpfliche Wahr­heit der katholischen Weltanschauung wie die Schön­heit und ethische, sozial-kulturelle Bedeutung des Or­denslebens geschildert. Es ist bitter, aber wohlver­dient, wenn der Exjesuit, der sich auf feine theologische Weisheit so viel einbildet, sich sagen lassen muß, daß ^r eigentlich, wenn er die katholische Weltanschauung schmähen will, diese nie gekannt hat:

„Wo in oller Welt gibt es einen Gedankenbau von so geschlossen logischem innern Gefüge tote diese Lehre der Kirche i Eine Gedankenwelt, die von Anfang an bis heute schärfste Intransigenz verbände mit selbst­tätiger Fähigkeit zur Uebernahme alles Wahren, Schö­nen und Guten, verbunden mit der Fähigkeit, das Uebernommene sich anzupassen? Wo eine Gedanken­welt, die sich als die absolute Synthese von Körperlichem und Geistigem, von Diesseits und Jenseits, oon Intellek­tuellem und Voluntaristischem, von Individuellem und Sozialem, von Autorität und Freiheit, von religiöser und profaner Kultur, von Zeitlichem und Ewigem, Na­türlichem und Uebernatürltchem, Menschlichem und Göttlichem" iS. 19).

Das Buch gibt dabei auch wahrheitsgemäßen Aufschluß über die Ursachen der Flucht des Grafen. So heißt es da u. a.:

Man erinnere sich an die Daten. Die Flucht war 1892. 1893 erschien die Schrift „Mein Austritt aus dem Jesuitenorden". 1895 erfolgte der Uebertriit zur preu­ßischen Landeskirche. „Heute würde ich diesen Schritt nicht mehr tun: ebensowenig mache ich ihn rückgängig." 1909 und 1910 erschien das Buch „14 Jahre Jesuit". Dazwischen Polemik. Polemik und kein Ende, Polemik in Wort und Schrift und Wandlungen, Entwicklungs­phasen, Enttäuschungen. Dabei sitzt ihm das schwarze Erlebnis im Nacken. Er empfindet die Wirkungen der Jllussionen und Konsequenzen. Niemand versteht den

liebenswürdiger Herr, Ihr Herr Nachbar — wirklich ein Gemütsmensch! Dem geschähe es recht, wenn ihm fein ganze Frucht verbrenne tat!"

„Was unnersteht sick der alte Geizkrage?" fuhr Ernst empört auf. Uff meint eigne Grund un Bod­den reißt der uff die Art des Maul uff? Dem will ich gleich zeige, wo Bartel de Most holt —"

Damit schickte er sich an nach dem Hofe zu gehen, doch seine Schwester Gustel trat ihm entgegen und legte beschwichtigend ihre Hand auf seine Schulter. „Ernst — loß Dich um Himmelswille nit hinreitze! — Was springt dehei heraus, wenn Du ihm Grob- heite machst? Domrt werd alles nur t noch viel schlimmer! Denk, es is en alter Mann, der nit waatz, was er schwätzt!"

„Uff kaan Fall leid ich daß Du mit dem Nach­bar Streit anfängst!" fügte Frau Rother kalt hinzu, die von ihrem Platz am Fenster aufgestanden und nähergetrcten war. „Du waaßt am beste, daß wir gar kaa Ursach hawe, uns mit ihm zu verfeinde!"

„Alles kann ich mir nit von ihm gefalle lasse, Mutter!" erwiderte der Sohn nur halb beschwichtigt. „Un die Freindschaft mit ihm Hot so wie so e Loch! Wenn dem nit gehörig die Zähn gezeigt Wern, dann trampelt er immer unverschämter uff uns herum! Die unverschämte Rcdensarte sinn ihm nit geschenkt — er soll sich hüte vor mir'"

Nur mit Mühe gelang es Gustel, den Aufgeregten vollständig zu keiubigen und ihn zu veranlassen, an einem der Tische Plast zu nehmen, wo das Vesper- brot für ihn und Lcnhard angerichtet war. Letzterer trat gleich darauf in die Stube und meldete, daß der alte Herrsche! soeben fluchend und schimpfend nach Hause gegangen sei und ihm noch zugerufen habe, daß es mit der Freundschaft ab und vorbei wäre, wenn nicht alles nach seinem Willen geschähe.

„Do kann er lang gesund bleiwe, wenn er do druff wart!" rief der junge Bauer hohnlachend und ruhtger fügte er' hinzu:

„Uff die Tauer hätt's jo doch kaa gut getan mit dem un mit mir — do müsse wir ewe sehe, wie wir ohne ihn zurechtkomme! Was der verlangt, dofor bin

Katholizismus und Jesuitismus wie Graf Paul van Hoensbroech. Und doch hört man ihn nicht, wie er ge­hört zu werden verdient. Sich Gehör zu verschaffen, muß er Anklagen erheben, so schrill, grell, laut, lärmend, wie keiner seiner Vorgänger, zumal feiner Vorgänger auf dieser Gleitbahn. Auf dieser Gleitbahn! Gleich nach der Flucht stand vor seiner Erinnerung der Je­suitenorden so da: „Der Jesuitenorden ist eine wunderbare großartige Institution; ein Organismus von staunenswerter Einheitlichkeit, Lebens­kraft und Vielseitigkeit; seine Ziele sind die umfassend­sten, die edelsten, erhabenden, würdig der Begeisterung und der Liebe. Das habe ich nie verkannt und werde es nie verkennen." Jetzt heißt es so: „Der Geist des Jesuitenordens ist der Geist der Herrschsucht, der Geist des Luges und Truges, maß >fer Selbstsucht, der Geist der Habgier nach der Menschen Hab und Gut, und mehr nach ihrer Freiheit und Selbständigkeit, der Geist der Unreligion und des Antichristentums." Man kann zur Erklärung dieses Wandels nicht auf die historischen Studien Hinweisen, welche zwischen den beiden Schriften betrieben worden sind. In welchem Geist konnten diese Studien vorgenommen werden? Im Geist ruhiger Ge­lassenheit und hoher, innerer Freiheit etwa? Mit dem schwarzen Erlebnis im Nacken und wachsendem Haß im Herzen! In der Zwangslage, alles überdröhnende An­klagen sammeln zu müssen! In Stimmungen, die sich also ktmdgeben: „Wie ich ihn hasse, diesen Jesuiten echtester Färbung"; „ein erbärmlicher Tropf wäre ich, wenn ich den Jesuitenorden nicht haßte"; „wenn der Jesuitenorden mir auch nichts zugefügt hätte als die Verwüstung meines sittlich-intellektuellen Seins, als die Entnervung meiner schönsten Jugendjahre, als die Nie- derhaltung und Brüchigmachung meiner Kraft. Haß gegen ihn wäre gerechtfertigt". Zu der „Verwüstung des sittlich-intellektuellen Seins" sind die Worte des Autors zu vergleichen: der Erziehung im Orden ver­danke er; daß zu zielbewußtem Tun alles, alles, was an Energie in ihm steckte, angeleitet worden sei. Zu der „Entnervung der schönsten Jugendjahre" ist an das Ur­teil zu erinnern, das der Autor über seine Jugendjahre im Jesuitenkolleg niederschreibt: Frohsinn und sittliche Reinheit charakterisieren sie; zwei Dinge, die zu den wertvollsten aller Jugenderinnerungen gehören". Zu der „stolzen Entfaltung" der Persönlichkeit wäre zu bemer­ken, daß diese ihm weder der Orden je verhieß, noch er lie da suchen konnte. Was ihm der Orden verhieß und was er verließ, ist vielmehr demütige Nachfolge Christi.

So schreibt Nostitz-Rieneck die beste Antwort auf die Schmähungen des Ordenslebens durch einen mit demselben zerfallenen wilden Hasser. Was der tun wird? Keine Prophetenfrage! Wird feinen alten Schmähschriften eine neue hinzufügen, wird damit nur die psychologische Diagnose bestätigen, daß ihm das schwarze Erlebnis im Nacken sitzt.

Deutscher Reich.

I Beilin, 28. Sept. 1913. Die mit der Aufstellung des Entwurfes eines neuen Strafgesetzbuches betraute Kommission hat ihre Arbeiten beendigt. — Eine Berliner Meldung, daß der Kronprinz „im nächsten Frühjahr bestimmt" seine angeblich seit längerer Zeit geplante Reise nach den afrikanischen Kolonien antreten werde, ist der Kreuzztg. zufolge, gänz ich unrichtig.

* Der Krupp-Prozeß. Die Hauptverhandlung gegen Brandt und Genoffen in der jogenannten Kruppaffäre wird am 23. Oktober vor dem Land­gericht in Berlin beginnen. Die Staatsanwaltschaft hat aegen drei von den elf Personen, gegen die sich die Untersuchung richtete, die Anklage ausrechterhalten. Da das Gericht auch von diesen noch einen außer Verfolgung gesetzt hat, wird sich außer Brandt, dem Berliner Vertreter der Firma Krupp, nur einer der maßgebenden Leiter der Firma Krupp zu verantworten haben.

+ Sozialdemokratie und preußisches Wahlrecht. Der /Vorwärts^ veröffentlicht in seiner Samstag-

ich nit zu hawe — do sag ich äußerste Fall: Lieber e End mit Schrecke, als wie en Schrecke ohne End!" Herr Maler zahlte seine Zeche und machte sich auf den Heimweg. Auch die Gensdarmen brachen auf, um ihren Dienstgang fortzusetzen, während Ernst und der alte Lenhard sich nach Beendigung des Ves­perbrotes wieder auf den Hof begeben, um den Wa­gen abzuladen, so daß Mutter und Tochter in der Gaststube allein blieben.

Eine Weile saß Fran Rother stumm mit ihrem Strickstrumpf beschäftigt am Fenster, dann sagte si plötzlich zu der die Tische mit einem Wischtuche be­arbeitenden Tochter: „Unser junger Herr scheint sich jo Widder uff de Großhans hinausspiele zu wolle, weil er so mir nir dir nir mit dem alte Herrsche! Spektakel ansänqt!" Er söll's nur nit zu weit treiwe — der Alt versteht kann Spaß un wär im Stand uns die Hypothek uffzusage'"

„Des bleibt nit aus — do druff mußt Du Dich gefaßt mache!" erwiderte Gustel.

„Wenn auch der Ernst noochgibt un die Ver­sicherung verlangt, dodrin kann ihm nit zu Wille fein un do liegt der Has im Pfeffer!"

„Was der alt Herrsche! sonst noch von ihm ver­langt? So — was verlangt er dann noch von ihm? Do waaß ich jo gar nix devon!"

„Awer denke kannst Du Dir's schon Mutter! Er verlangt nix mehr und nix weniger, als daß der Ernst fein Tochtcimann gibt — deutlich genug hol er's ibnl vorhin im Hof zu verstehe gerne!"

„No un mär dann des so was Ferchterliches? Der Ernst is doch frei, denn von fei’m vornehme Schatz, den er in Wiesbade hatt, do hört mer doch feit Jahr un Dag nix mehr! Die Hot ihm gewiß de Laafpaß getoe, wie sie gehört Hot, daß bei uns nix mehr dehaarn is! Dem Herrsche! sei Jnlche — die Partie wär so übe! nit!"

„Mutter, Du Werst doch um Himmelswille dem Ernst nit zumute, daß er des arm verkrüppelt Ding zur Fraa nimmt!" sagte Gustel und trat der am Fenver Sitzenden einige Schritte näher,

(Fortsetzung folgt.)