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Nr. 223. erstes Blatt

Freitag den 26. September 1913.

40. Zahrgang.

X Bom Wahlkampf in Baden.

Die Aussichten für die badischen Landtagswahlen, die in knapp vier Wochen stattfinden, sind für das Zentrum und die rechtsstehenden Gruppen gar nicht so schlecht.

Vis zum Jahre 1905 bestand in Baden das Sy­stem der indirekten Wahl, das auf die Interessen des Liberalismus zugeschnitten war. Als mit diesem System zum erstenmal gebrochen worden war, schloß der Liberalismus in der blassen Angst,, seine führende Stellung in Baden einzubüßen, bei der Hauptwahl 1905 den Block mit der fortschrittlichen Volkspartei, die bisher zusammen mit dem Zentrum gegen die Nationalliberalen gekämpft, und dann bei der Stichwahl sogar noch den Bund mit der Sozialdemokratie. Durch diese Bündnisse, die 1909 erneuert wurden und die in der Kammer sich zur Arbeitsgemeinschaft des Li n k s b l o ck s aus­wuchsen, wurde zweifellos die Lage des Zentrums nicht verbessert; in mancher Hinsicht war das Zen- trum, trotz des besten Willens zur Mitarbeit für dar Wohl des Ganzen mehr oder weniger ausgeschaltet. Gewiß keine anaenehme Lage für eine große, ja die größte Partei eines Landes, die künstlich durch die Wahlkrerseinteilung niedergehalten wird! Die Linke triumphierte bereits: Wacker, der Zentrumsführer, und seine Politik, für die er ein Menschenalter ge­kämpft, sind erledigt! Noch vor zwei Jahren waren solche und ähnliche Stimmen gar nicht selten im Laaer des Großblocks, ja sogar bei den Rechtslibe­ralen.

Und heute? Niemand wagt mehr, eine solche Siegesfanfare zu blasen, weil heute jedermann weiß, daß die Politik WackerS keineswegs erledigt, sondern trotz Großblock, ja gerade wegen des Großblocks dar­an ist, weitere Erfolge zu erringen. Bei der Reichs­tagswahl 1912 ist es der Politik Wackers gelungen, die e r st e Bresche in den badischen Großblock zu legen, indem unter ausschlaggebender Mithilfe des Zentrums in Pforzheim und Karlsruhe der sozialdemokratische Vertreter geworfen wurde. Was damals geschehen, blieb nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung der Landespolitik. Im liberalen Wäh­lerpublikum war bei den Siegen in Pforzheim und Karlsruhe der Gedanke erwacht, daß es möglich sei, sich von der Umklammerung der immer anmaßender auftretcnden Sozialdemokratie wieder los zu machen. In diesem Frühjahr schrieb Geistlicher Rat Wacker eine Broschüre, in welcher er zahlenmäßigen Beweis erbrachte, auf wie schwachen Füßen die ton­angebende Macht der Sozialdemokratie in Baden ruht. Int Großblock hat man mit ein paar nichtssagenden Worten diese Broschüre abgetan. Trotzdem ist dieses Buch Wackers nicht fruchtlos den Weg anderer Bücher gegangen,; es hat seinen" Zweck erreicht. Ohne daß Wacker mit den rechtsgerichteten Kreisen in der nationalliberalen Partei irgendwie in Berührung kam, hat der Gedanke, der diesem Buche und den Reden Wackers zu Grunde lag, doch größere Fortschritte in den Reihen des Liberalismus gemacht, als man vor einem halben Jahre ahnen konnte. Noch am 22. Juni dieses Jahres, am Tage des Ab­schlusses der Großblockbündnisse für die bevorstehen­den Wahlen glaubte der Abg. Dr. Frank in Frei­burg freudig konstatieren zu können:

„Nicht durck Worte bloß, sondern durch die Tal rufen die Vertreter der Nationalliberalen Partei und der Fortschrittlichen Bolkspartei dem Zentrum zu: wir durch­schauen euer plumpes Manöver und wir wollen eure Stimmen nickt, die uns nicht unterstützen, sondern ruinieren wollen "

Heute, ein Vierteljahr später, hören wir die so­zialdemokratische Mannheimer „Volksstimme" be- reits ein anderes Lied singen, das gar nicht zu dem

£>exr Brandstifter.

34] Eine Bauerngefchichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

In der Erscheinung Ernst RotherS erinnerte 'nichts mehr an den schneidigen Studenten, wie wir ihn vor einem Jahr an der gleichen Stelle kennen gelernt haben; sein ganzes Tun und Lassen hatte sich den ihn umgebenden Verhältnissen angepaßt — er war verbauert. Genau tote ein Bauernknecht sah er aus, nur in seiner Haltung und in seinen Betoegun- gen drückte sich eine Ungezwungenheit und Sicherheit aus, die sich von dem schwerfälligen Wesen der auf den benachbarten Feldern arbeitenden Landleute ent­schieden zu seinem Vorteile abhob. Dagegen war seine Redeweise wieder die landesübliche geworden, tote dann eben von dem Wagen herab dem Knechte zurief:

„Es werd hart Halle, daß toir alles uff de Wage kriege, Lenhard! Loß des Seil e wink (wenig) nooch, sonst krieg ich de Baum nit über die Garbe! So is recht! Wir wolle mache, daß wir dehaam sinn, eh der alt Herrsche! mit seine. Wage kimmt, sonst gibt's am End Dorchenanner mit dem Ablade!"

Und eifrig machte sich der Sprecher daran, die letzten, ihm von dem Knechte heraufgereichten Gar- ben zurcchtzulegen und den langen Haltebaum dar­über zu spannen, worauf er gewand zur Erde glitt.

„So, jetzt kann's loSgehe!" sagte er sodann, warf seine neben dem Wagen liegende Joppe über die Schulter und ergriff den Gaul am Zügel, um ihn nach dem nach der Landstraße führenden Feldweg zu leiten. Der alte Lenhard schritt hinter dem Wagen her, um bei dem etwas abseits fiihrenden Wege die Bremse zu bedienen und gesellte sich erst zu seinem jungen Herrn, als die ziemlich eben laufende Land­straße erreicht war.

»Fnfzehn Mark fttfzig sinn mir vom Schmulche Löb for die Frucht gebotewor'n!" erzählte Ernst nach einer Weile., „En"ganz schöner Preis! Gott waaß, ob der sich bis in de Herbst hinein hält! Ich denk', ich schlag sie los! Do wolle wir gleich morje mit dem Dresche anfange!"

„Wenn uns nur der Herrsche! kaan Strich dorch die Rechnung micht un in der link' Scheuer ablade will" meinte Lenhard.

„Geh — warum denn? Bis er die recht Scheuer vollgefahre Hot, sinn toir fertig! Loß mich nur mit ihm rede — ich werd schon mit ihm fertig! Der is gar nit so schlimm, wie er von de Seit gemacht toerd!"

Ter Alte warf dem Sprecher einen lustigen Sei- tenbliick zu und nickte gedankenvoll mit dem Kopf. Dann sagte er langsam:

„Nemm Dich nur in Acht vor dem alte Geizkrage un steck ihm de Finger nit ins Maul! Weil Du's bei ihm fertig gebracht host, daß er Dir im vorige Johr Ausstand getoe Hot un jetzt Mietzins for bte Scheuer bezahlt, glaabst Du, er wär nit so, wie er beii de Leit verschriee is? Nemm dem sei süß Ge­schmus nur nie for Baar Münz! Der hot's faust­dick hinner de Ohre — ich waaß besser, warum er Dir so de Bart streicht!"

„So — warum dann?"

„Weil er for sei Julche en Mann sucht un weil ihm Du dofor grad recht wärst!"

„For des atm verwachse kränklich Ding?" rief Ernst. „Geh, loß Dich doch nit auslache, Lenhard — des Julche denkt doch bei ihr'rn Zustand nit an's heirate!"

„So — maanft Du?" erwiderte der Alte bedäch­tig. „Do kennst Du die Weibsleit schlecht un die Mannswelt nach! Manch aaner micht sich gar nix draus, wie fei Hochzeitern aussieht, wenn sie nur en gehörige Brocke Geld mitbringt — do schad's nix, wenn sie gleich die Geldkaff' uff dem Buckel Hot, wie des Herrscheis Julche! Des Mädche hält' schon mebr wie aan hawe könne — es Hot ihm atoer kaaner ge­falle! Du scheinst de Vogel bei ihr abgeschosse zu hawe!"

Der junge Bauer wurde nachdenklich. Erst jetzt fiel ihm auf, daß Julchen Herrsche! ihm jedes Ma! mit einer überaus gewinnenden Freundlichkeit ent­gegengekommen war, wenn er gelegentlich in das HauS ihres Vaters kam, um mit "diesem über irgend eine. Angelegenheit zu verhandeln. Er hatte dieses Entgegenkommen des armen Geschöpfs mit dem blei­chen Gesichtchen und bett sanften braunen Augen, bas von einem unglücklichen Fall in frühester Jugend her rin verwachsenes Rückarat unb anbatternbe Kränk­

Jubel Franks vom Juni passen will. Ihr ists nicht recht geheuer,

weil Zentrum und Konservative in 8 Wahlkreisen, die bisher sozialdemokratisch waren, noch keine Kan­didaten ausgestellt haben, das deute auf eine lieber» rumpelung durch die „Reaktion" hin. Ja noch mehr: verschiedene Kandidaten ihrer Verbündeten gefallen ihr nicht: In Schopfheim ein Nationalliberaler, der sich als Gegner des Großblocks bezeichnet; in Lörrach Land ein Fabrikant, der für den Kampf gegen Zentrum und Konservative nicht mit Grundjätzen belaßet, in Lahr (Stadt) ein Liberaler, der soweit rechts steht, daß er nach der offenen Erklärung der Zentrumspresse öui<r Partei genehm ist; in Karlsruhe-Süd haben die Fortschrittlichen Kandidatenanwärter ähnliche Mängel, einer hat schon den Weg in kath. Pfarrhäuser zu Wahl. $eiten gefunden, ein anderer bei einer Wahl schon be­wiesen, daß er über die bevorstehende Zentrumswahl­parole gut unterrichte; in Lörrach-Etadt haben die Fortschrittler noch keinen Kandidaten. Sollte das, fragt die „Bolksstimme", damit zusammenhängen, daß man Kandidaten sucht, mit denen man Zentrumsstimmen angeln kann? In Heidelberg-WieSloch kandidiert ein ausgesprochener liberaler „Rechlskandtdat" und in Heidelberg-Eberbach machen Liberale, Zentrum und Konservative aus ihrer gemeinjameu Auffassung der politischen Lage gar lein Hehl. Der „Voltsstimme" dämmert etwas: „Soweit in diesen Bezirken von der bürgerlichen Linken schon Kandidaten aufgestellt find, ertcheinen sie dringend verdächtig, Gegner der von ihrer Partei offiziell und feierlich verkündeten Wahl» paiole zu fein. Jmoweit die Kandtdatensrage noch nicht gelöst ist, muß man ganz unwillkürlich za der Auffassung kommen, daß zwischen dem Zögern der Reaktion und der Liberalen etn innerer Zusammenhang besteht, so zwar, als ob die bürgerliche Linke auf der Suche nach Kandi­daten wäre, die das Plazet der Recht-parieien finden".

Dem Zentrum und der Rechten macht es keine Sorgen, ob bte Wahlen mit ober ohne Großblock gemacht werben. Die Stimmung unter ihren Wäh­lern ist gut; bte Aufklärungsarbeit schreitet rüstig voran. Sich bei ber total toeränberten Situation in Prophezeiungen über bey Ausfall ber Wahl zu er­gehen, wäre ein müßiges Spiel. Nach menschlicher Berechnung werben bas Zentrum unb bie Rechts­parteien Eroberungen machen. Wie weit ein etwaiger Großblock Erfolge erzielen ober Mißerfolge haben wirb, bas hängt ganz davon ab, tote sich bie von ber Großblockpolitik abweichenden Nationallibe­ralen anlassen werben, ob es nur bei vereinzelten mannhaften Bekenntnissen bleiben ober ob nament­lich bie ländlichen Mähler in größerem Umfang gegen den Großblockgedanken auch durch die Tat stand hal­fen.

Die Konservativen haben namentlich aus angesehenen Jndustriellenkreisen wertvollen Zuwachs erhalten. Schon bei der Reichstagswahl 1912 hat ein angesehener ehemals liberaler Industrieller nahmhafte Beiträge zum konservativen Wahlfonds gegeben. Die neue „Süddeutsche Zeitung" schreibt über die Situation in Baben:

„Mit einer Verstärkung des konservativ-bündlerischen Mandatbesitzes kann gerechnet werden. Dieser Ansicht ist auch die Linke, ihr Schlachtruf lautet nicht mehr bramarbasierend: „Erringung einer Zweidrittel-Mehr­heit", sondern schreckerfüllt beschwört man die Wähler, doch artig zu sein und die drohende „klerikal-konservative Mehrheit", zu verhindern. Zusammenfassend wird ma ohne Widerspruch zu finden schreiben können: die Land­tagswahlen 1909 standen im Zeichen des „Zuges nach Links", diejenigen des JahreS 1913 werden im Zeichen des „Zuges nach Rechts" ausgekämpit werden."

Das fühlen offenbar auch bie Großblockführer selber. Nur so ist es erklärlich, baß Rebmann ber Wahrheit zum Trotz bas Zentrum unb bte Katholiken in ben schwärzesten Farben malt, baß er ihnen, ohne ben geforberten Beweis zu wagen, nachsagt, sie übten gegen Politisch unb religiös Andersdenkende geschäft­

lichen Boykott aus. Nur so ist es zu erklären, baß z. B. ber „Bad. Landesbote" dem Führer bes Zen­trums „Vertoilberung" ber Politischen Sitten" unb „Politische Brunnenvergiftung" vorwirst, lebiglich deshalb, weil er einen öffentlichen Protest erhob gegen bie unwahren unb int höchsten Grade beleidi­genden Anschuldigungen Rebmanns gegen bie Katho­liken. Nur so ist es zu erklären, baß z. B. ber Kon­stanzer sozialbemokratische Kandidat Großhans in einer Versammlung sich folgenden Satz leistete: „Wer Wacker sieht, glaubt den leibhaftigen Teu- f e l, bis an die Füße angezogen mit einem schwarzen Gewände, vor sich zu sehen und wer diesen Mann einmal gesprochen hat, wird den dämonischen Eindruck, den er auf ihn gemacht hat, in seinem Leben nie vergessen." Nur so ist es zu verstehen, daß liberale Blätter alle Minen konfesiioneller Ver­hetzung springen lassen; daß z. B. das „Badener Tagblatt" am Schlüsse eines von Katholikenhaß trie­fenden Artikels ausruft: Schaut ihr Bürger unb Bauern, ihr Arbeiter, nach Bayern unb ihr wißt, was ihr in ber entscheidenden Stunde zu tun habt — ohne Unterschied des Glaubens und der Konfession. Was hat Bayern mit unserer Landtagswahl zu tun? Nur die dortige Mehrheit des Zentrums und das Ministerium Hertling ist's, was dem Liberalismus Bayern so schrecklich macht. Darum all diese Akte der Verzweiflung, um dem liberalen Bier- Philister einen Schrecken und Abscheu vor dem Zen­trum einzuflößen.

D8s ist die letzte Weisheit, das letzte Zugmittel, auf das matt im Großblock seine Hoffnung setzt. Wie viele liberale Wähler diesen traurigen Manövern einer heruntergekommenen Großblockführerschaft zum Opfer fallen toerben? Der 21. Oktober wirds zeigen.

Je? Das „ruhige" Oesterreich

Die rauflustigen Albanier haben im Bezirk Dibra bte serbische Besatzung über ben Haufen gerannt; Serbien wirb größere Truppenmassen in Bewegung setzen, um sich zu rächen.

Die Sache gewinnt mehr und mehr bas Gesicht eines wirklichen Krieges, also bes brüten Balkankrie­ges, unb wenn auch schließlich bie reguläre serbische Slrmee bie artillerielosen Freischärler zurückschlagen wirb, so wirkt auch biese Aussicht keineswegs beruhi- genb. Denn bte Serben werben zweifellos über bie in London gezogene Grenze Vordringen, unb baran wirb sich wahrscheinlich ein lang anbauernder Gueril­lakampf knüpfen. Die Albanier sind darin Meister, wie ihre früheren Oberherren, die Türken, lange Jahre hindurch bitter erfahren mußten. Wie soll nun unter diesen Umftätiben das neue albanische Staatswesen in einen erträglichen Zustand kommen? Wie will man die Freischärler zur Ruhe brin» g e n, und wer soll die Serben aus ben nördlichen Teilen von Neu-Albanien wieder hinauskompli- mentierett?

Eine sehr ernste Verwicklung. In Wien aber, too man doch von den Ereignissen am schärfsten und schwersten betroffen wird, predigt man „kühle Nüch­ternheit" und scheint sich auf das gemächliche Abwarten verlegen zu wollen. Ein Artikel im „Neuen Wiener Tageblatt", der allgemein als halb­amtlich betrachtet wird, bedauert die Vorgänge unb weiß kein anderes Heil- und Hilfsmittel anzugeben, als den Hinweis auf die Londoner Beschlüsse. Oester­reich und Italien wollen das „gegebene Wort" halten, und Serbien soll auch „seine übernommenen Ver­pflichtungen erfüllen." Wenn Serbien das nun aber nicht tut? Für den Fall wird die lendenlahme Droh­ung begefügt: „Jeder Schritt weiter, als unbedingt zum Niederwerfen des Aufstandes notwendig ist, kann

lichke.it davongetragen hatte, immer mit einem Tone warmer Teilnahme erwidert, ohne jemals im Ent­ferntesten auf den Gedanken zu kommen, daß Julchen Herrsche! aus feiner Freundlichkeit falsche Schlüsse ziehen könne. Sollte Lenhard am Ende Recht haben? Der Alte, mit feinem scharfen Blick und feinem ge­sunden Urteil sagte niemals ein Wort zu viel unb sprach keine Vermutung aus, bie ber Grundlage ent­behrte! Jedenfalls war es angezeigt, ein Zusammen, treffen mit dem Mädchen so viel wie möglich für bie Folge zu vermeiden und falls ein solches nicht zu umgehen war, fein Benehmen auf das Genaueste zu kontrollieren, damit es am Ende nicht zu einem un­liebsamen Zerwürfnis mit dem Gläubiger kam. Denn für absehbare Zeit war er noch von dem alten Herr- schel abhängig und mußte ihn sich wohlgewogen er­halten. Wenn es ihm auch durch rastlosen Fleiß und stetes Mühen im vergangenen Jahre möglich gewesen war, seinen Verpflichtungen pünktlich nach­zukommen und wenn auch bie nächste Zukunft ge­sichert erschien — wer bürgte bafür, daß nicht wieder ein unvorhergesehener Unglücksfall feine ganze Be­rechnungen über den Hausen warf?

Das war ein Jahr voll Sorgen gewesen! Im Anfänge ließen ihm diese gar keine Zeit, über ferne verlorene Liebe nackizudcnken und merkwürdig war es, wie rasch bie Gestalt ber schönen Elvira Wert­hauer in seinen Träumen verblaßte. Dieses gekün­stelte Menschenkinb paßte allerbings nicht zu ber ur­wüchsigen Natur mit ihrem herben erfrischenben Hauche, bie ihn jetzt umgab unb mit ber er sich von Tag zu Tag in seinem innersten Empfinden immer mehr verwachsen fühlte. Glücklich wäre er nicht mit Elvira geworben, wenn biese ben Glanz ihrer Ver­hältnisse geopfert hätte, um an seiner Seite ein be- scheidenes Dasein zu führen — bavon war er jetzt felsenfest überzeugt: an seine Seite gehörte ein Weib von frischer Natürlichkeit, arbeitsfreudiger Denkungs­art und doch warmem Herzen, wie er es dort unter der hinter dem Vaterhaust emporragenden Linde einst am Herzen gehalten.

Der Sinnende schreckte aus seinen Gedanken auf und sah hinüber nach dem großen Kornfelde — dort stand sie, vom Sonnenlicht umflossen, eifrig den Rechen handhabend und neben ihr auf die Sense ge­stützt, ber schlanke Manu mit den febtoermütiaen

für Serbien nur ben Grund für neue Schwierigkeiten Bieten." Tas klingt so, als ob man in Wien schon als selbstverständlich ansehe, daß die Serben über die Londoner Grenze hinaus Vordringen werden. Wie weit dürfen sie straflos gehen, und wo hört die „un­bedingte Notwendigkeit auf? Wenn man in Wien erklärte: Das zu weit gehende Serbien wird auf österreichische Truppen stoßen! — so würde das viel­leicht Eindruck machen. Die kraftlose Ankündigung von neuen Schwierigkeiten wird die serbische Kriegs­partei schwerlich erschrecken.

Gewiß, es ist etwas schönes um die langmütige Selbstbeherrschung, die bis zur letzten Menschenmög­lichkeit jeder Friedeusgesahr ausweicht. Aber man kann das geduldige Abwarten auch zu weit treiben unb gerade dadurch Gefahren für den Frieden auf­kommen lassen. ES ist schon mehrfach behauptet worden, die österreichische Politik zeige zu wenig Ent­schlossenheit und Schnelligkeit Ob der zweite Bal­kankrieg mit seinen bedauerlichen Folgen sich nicht vielleicht hätte vermeiden lassen, wenn Oesterreich rechtzeitig eine Verständigung zwischen Rumänien und Bulgarien durchgedrückt hätte, wollen wir heute nicht untersuchen. Aber offenbar ist man in der Ordnung der albanischen Verhältnisse zu langsam vorgegangen. Die Schuld an der Verzögerung, deren bedenkliche Folgen sich jetzt zeigen, verteilt sich auf die österreichischen und die italienischen Staatsmänner. Nun sollte man sich jetzt wenigstens etwas beeilen, um das Versäumte nachzuholen," und sollte in diesem kritischen Augenblick vor aller Welt bekunden, daß man entschlossen ist, die Londoner Beschlüsse über Al­banien im Bedarfsfälle auch unter gewaltsamer Abwehr der inneren und äußeren Feinde des neuen Staatswesens durchzusühren.

Deutschland wird seine Bündnispflichten ge­treu erfüllen; aber Deutschland ist an Albanien nicht unmittelbar beteiligt und kann deshalb keine Ini­tiative übernehmen. In Deutschland herrscht jedoch der, Wunsch, daß der drückenden Unsicher- h e i t möglichst bald durch klare Entschlüsse und ziel- bewußtes Handeln ein Ende gern ad) t werde.

*

* Belgrad, 25. Sept. 1913. Nach serbischen Mel­dungen wächst die Zahl der Albaner, die gegen die Serben ziehen, lawinenartig an. In dem kleinen Städtchen G a l i t s ch i ck kam es zu einem heftigen Zusammenstoß. Tie Albaner, die in der Min­derzahl waren, besetzten den Platz. Bei Mayare- too k kam es heute zu einem blutigen Kampf. Die Serben verteidigen heldenmütig den Platz. Der Kampf bauert an, bas Refultat ist noch unbekannt. —< Bei Hostiwar schlugen bie Serben einen großen Trupp Albaner zurück und verhinderten einen Angriff auf das Jamagebirge. 25 000 Albaner griffen D j a3 kowitza an. Sie wurden nach zweitägigem Kampf zurückgeschlagen. 150 Tote blieben auf bem Kampf­platz.

* Belgrad, 25. Sept. 1913. Die Opposition macht ber Regierung schwere Vorwürfe wegen bes jetzigen brüten Krieges, ber nach allgemeiner An­sicht hatte bermicben werden können, wenn bie Grenze gegen Albanien durch hinreichende Truppen geschützt gewesen wäre. Man nennt in Regierungs­kreisen als einzigen Schuldigen hierfür den Kriegs­minister. Infolge der Mobilmachung stockt Wiederum der Bahnverkehr für Private.

♦ Rom, 25. Sept. 1913 In Rom werden bie neuen albanisch-serbischen Verwicklungen für z i e m- lich gefährlich gehalten. Man ist ber Ansicht, daß der Ausstand in Albanien nicht von selbst ent­standen sei. sondern künstlich geschürt wurde. Allerdings, so wird versichert, gehe aus verschiedenen Anzeichen hervor, daß die Urheber der Aufruhrbe-

dunklen Augen, dem sie jetzt angehörte. Vorbei, vor­bei — für immer verloren!

„Langsam, Ernst, daß wir die Kehrt richtig kriege an dem Stich!" mahnte jetzt der alte Lenhard unb eilte nach bem Hinterteil des Wagens an bie Bremse. Der Weisung folgenb, ergriff ber junge Bauer bie Zügel des Pferdes und langsam schwankte der Wagen bie jetzt abwärts führende Straße dem Dorfe zu. —-

Der schlanke Schnitter auf dem benachbarten Kornfelde starrte immer noch dem Gefährte nach, als dasselbe bereits in der Straßensenkung verschwunden war. Auf seinem regelmäßig geschnittenen Gesicht lag ein eigenartig hämischer Ausdruck, als hege er keine besonders freundlichen Gesinnungen gegen bie Dahinfahrenden. Jetzt griff er toieber zur Sense unb einen raschen Blick nach ber arbeitenden Frauen­gestalt werfend, ging es plötzlich wie ein leises Lä­cheln über fein Gesicht unb mit einem befriebigten Kopfnicken, baS blitzende Gerät mit weit ausholenden Streichen handhabend, schritt er wieder die Zeile entlang.

Sein Weib hatte den Vorüberfahrenden offenbar gar keine Beachtung geschenkt; es schien sogar, als vermeide sie es geflissentlich, nach der Landstraße hinüberzusehen und den von dem alten Lenhard 6er- übergerufenen kurzen Gruß zu erwidern. Eifrig rechte sie die geschnittenen Halme zusammen und schien nur Sinn dafür zu haben, daß dieselben in bie rechte Sage kamen, um zu Garben gebunben werden zu können. — Wenn auch in dem von einem Hellen Kopftuch zum Schutz gegen die Sonne halb verhüll­ten Gesicht der jungen Frau nichts darauf hindeutete, daß sie mit ihrer gegenwäriiaen Lebenslage nicht zu­frieden fei — das frühere Klärchen Kayser war es nicht, das aus diesen, wie verträumt blickenden Augen berausfah. Da togr keine Spur mehr von dem harmlosen kindlichen Fiohsinn, dem zu Mutwillen neigenden Ausdruck wie früfjer zu gewahren, selbst bie lebhaften raschen Bewegungen schienen ber jun­gen Frau fremd geworden zu fein, denn ruhig und gelaffen, fast mechanisch verrichtete sie ihre Arbeit. Das junge Weib in feiner blickenden Schönheit glich ber kaum entfalteten Rose, welcher ein rauher Nacht­frost den auf ihren Blütenblätiern liegenden zarten Schmelz genommen und die der milden Sonnen- toärme bedarf, um nicht vor der Zeit zu verwelken.

(Fortsetzung folgt )