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Zuldaer Zeitung

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| Illustrierte Sonntagszeihmg | Zuldaer Seschichtsblätter

« Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Xlaffen-Lotterle. — Halbjährlich Taschenfahrplan, n

40. Zahrgang.

Mittwoch den 24. September 1913

Crstes Blatt.

fir. 221

erfdieint »glich mH «usnahme der Sonn- und Zelertage. Wertet- iahrti»er Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld In Zulda fowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsbru» und Verlag der 1 „ julöaer flctienbrudterei in Zulda. Zemsprecher fir. 9. s s

flnieigen: Ter Raum einer elnfpaltigen Colcneljelle, 47 au* ornu »« fjm. Reklamen: Der Raum einer Coloneljeile, 74 nun breit, Kostei 40 Pfg. Bd tDieöerbolungen Rabatt $ür Offert- und fluskunftanieigen 20 Pf. extra. 3n Konkursfätlen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. Erfüllungsort für bas ein­klagen von Sortierungen ist Hulda, flnjeigen-finnaljme bis 10 Uffr vormittags. :: :: 6räßere finjeigen erbitten wir uns tags vorder. :: st

K Z«r sog. Welfensrage

bringt die „Tägliche Rundschau" Mitteilungen „aus Kreisen, die an den Verhandlungen beteiligt sind. Ob dieser Ursprungsstempel recht ist, müssen wrr da­hingestellt sein lassen. Manche Angaben klingen wahr­scheinlich, und es wäre sehr zu wünschen, daß sich die Prophezeiung eines baldigen _ A b s chl u s s e s der Verhandlungen, zu Anfang Oktober, be­stätigen möchte. Dann bekäme endlich Braunschweig den längst gewünschten Herzog und Deutschland dre längst gewünschte N u h e.

Die „Verhandlungen", über welche dre „Tägliche Rundschau" berichtet, waren im Grunde genommen überflüssig. Nachdem der deutsche Kaiser und König von Preußen den Prinzen Ernst August als seinen Schwiegersohn in fern Haus und seine Armee genommen hatte, war tatsächlich die sog. Welfensrage erledigt. Denn es ist doch einfach unsinnig zu behaupten, daß der Schwiegersohn des regierenden Kaisers und Königs ein Reichsfeind und eine Staats­gefahr sei, der mit dem Königreich Preußen auf Kriegsfuß stehe und deshalb zum braunschweigischen Herzogsthron nicht zugelassen werden könne. Aber gegen diese einfache „Logik der Tatsachen" erheben sich Widerspruch und Widerstand. Sowohl von den un­erbittlichen Welf en fein den, die nur von der Vernichtung des ganzen Geschlechtes geträumt hatten, als auch von den F o r m e l k r ä m e r n, die, ange­sichts der kunstvoll stilisierten Bundesratsbeschlüsse von 1885 und 1907 durchaus neue „Garantien" auf dem Papier haben wollten, damit in den Akten keine Lücke und kein Bruch zutage trete. Der Reichs­kanzler hatte zur Beschwichtigung vor einigen Mo­naten bereits im Einverständnisse mit dem Hause Cumberland den Brief veröffentlichen lassen, in denen der Prinz Ernst August auf die Bedeutung seines militärischen Treueides hinwies. Es mußte aber trotzdem noch weiter verhandelt werden, um den Aengstlichen und Eigensinnigen Brücken zu schlagen- lieber das Ergebnis teilt nun das genannte Blatt mit, daß von dem Prinzen selb st keine weiteren Erklärungen gefordert werden sollen, als wie er sie bereits in dem erwähnten Brief und in mündlichen Aeußerungen gegeben, daß aber sein Vater, der Herzog'von Cumberland, gewisse Verpflich­tungen zu übernehmen habe.

Eine ausgesprochene Verzichterklärung auf Han­nover soll freilich nicht gefordert werden; darauf will Preußen „aus Gründen rein menschlicher Natur" gegenüber dem siebzigjährigen Herzog nicht bestehen. Die „Gründe rein menschlicher Natur" hätte man auch vor 6 Jahren schon gelten lassen können; denn es war auch damals schon bekannt, daß der Herzog mit Rück­sicht auf seinen Vater den förmlichen Verzicht nicht aussprechen könne, aber auf jede Bestrebung zur Aenderung des gegenwärtigen Besitzstandes ver­zichtet habe. 'Obschon der Herzog inzwischen nicht allein das tatsächliche Jriedensverhältnis gewahrt hat, sondern auch in die Verwandtschaft und Freund­schaft des kaiserlichen Hauses rückhaltlos ein getreten ist, soll ihm, wenn der Gewährsmann der „Tägl. Rundschau" recht hat, doch noch folgendes Bündel von Verpflichtungen und Garantien auferlegt werden:

1. Verpflichtung, sich jedes Versuches, in den Besitz von Hannover zu gelangen, m enthalten, und alle Schritte zu unterlassen, die den Besitzstand Preußen? gefährden können.

2. Dem Herzog soll künftighin nicht gestartet sein, Bestrebungen zu unterstützen, dir Preußens Ruhe und Frieden an tasten.

3. Der Herzog verzichtet auf alle seine Rechte tu Gunsten seines Sohnes, scheidet als staatsrechtliche Per­sönlichkeit für Deutschland vollständig aus und hat künftig­hin nur mehr den Charakter einer Privatperson.

Was den ersten Punkt angeht, so hat der Herzog diese „Verpflichtung" tatsächlich bereits andauernd erfüllt. Warum sollte er jetzt seine friedliche Haltung ändern?

Der Brandstifter.

82] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

„Ja. daß er recht korz angebunne gege Dich ge- tvese is, des hab ich aach gemerkt!" meinte Gustel. „Jetzt kann ich mir aach denke warum! Der Jakob laaft dem Klärche doch schon seit unserer Kerb uff Weg un Steg nooch! Alle Ritt war er ins Kahser's zu Besuch — dem Klärche sei Mutter is jo noch e weitläufig Wäsche von ihm — und do werd die ihm schon emol en Wink gewe hawe. daß mit dem Klärche un Dir etwas im Gang war."

„Aber wußten denn die Eltern Klärchens etwas davon, daß ich und Klärchen,—"

„Des Klärche selbst Hot seine Seit nix devon ge­sagt", unterbrach die Schwester, „aber die Sach scheint doch de Alte nit so ganz fremd gewese zu sein. Unser Vatter selig un der alt Kayser hätte jo früher als drüber gefproche, daß aus Dir un dem Klärche e Paar wer'n sollt, wenn Ihr Euch gern hawe könnt *— no, do is doch anzunemme, daß bei's Kahser's ach hin un Widder die Redd uff Dich komme is un daß die Alte dobei au dem Mädche gemerkt hawe, Wie die Partie steht!"

Wie in Träumen versunken starrte Ernst vor sich hin. Die unerwartete Neuigkeit hatte ihn tiefer ge­troffen, wie er es eingefiefien mochte. War es ver­letzte Eitelkeit, was in ihm wühlte, daß er so schnell vergessen werden könnte? Nein — das war es nicht! Ein unendliches Wehgefühl durchzitterte ihn bei dem Gedanken, daß Klärchen nun endgültig für ihn ver­loren sei — ein Gefühl, als senke sich ein grauer Wolkenvorhang vor seine Zukunft, der jedes freund­liche boffnungsfrohe Bild verhüllte. Er hatte eS selbst so gewollt, hatte die blaue Blume an seinem Lebenswege mißachtet und war dem farbensprühen­den Rosengarten in der Ferne entgegengehastet — würde er ihn jemals erreichen? Bis heute war auf seinen vor vierzehn Tagen an Elvira Werthauer in Diesbaden gerichteten Brief, in welchem er feine

Punkt 2 zielt anscheinend auf die deutsch-han­noversche Partei. Aber ist diese Partei von konservativen Hannoveranern wirklich gefährlich für Preußens Ruhe und Frieden?

Punkt 3 harmoniert nicht recht mit dem Vorher­gehenden. Wenn der Herzog alle Rechte auf seinen Sohn überträgt und Privatperson wird, kann man ihm dann noch besondere Verpflichtungen auferlegen unb von ihm staatsrechtliche Garantien verlangen?

Ans diesen und anderen Gründen möchten wir vermuten, daß hier Vorschläge mitgeteilt sind, aber nicht ausgereifte Abmachungen. Das letzte Wort über den Inhalt und die Form der Erklärung des Herzogs ist anscheinend noch nicht gesprochen. Wir wollen hoffen, daß habet nicht die alten Vor­urteile oder die dureaukratische Engherzigkeit den Aus­schlag geben, sondern die großherzige Auffassung des Kaisers und Königs, der den Bund der beiden Herrscher- Häuser abgeschlossen hat, ohne sich bei dem papternen Formelkram aufzuhalten.

Deutsches Reich.

* Berlin, 23. Sept. 1913. Ter Kaiser soll, wie die ,Datly Mail' sich aus Berlin melden ließ, in Vancouver unb anderwärts in Britisch Kolumbien für persönliche Rechnung Land erworben haben. Die ,Nordd. Allgem. Ztg/ stellt fest, baß diese An- gäbe erfunden ist. — Das Kommando dcs Kron­prinzen als Kommandeur der ersten Leibhusaren in Danzig ist bis zum 1. Oktober 1914 verlängert worden. Der Kronprinz hat den Plan, auf einer großen Auslandsreise die deutschen Kolonien zu be- suchen. — Der bisherige deutsche Konsul in Bel­grad, Schlieden, beffen Versetzung nach Ecuador so großeg Aufsehen gemacht hat, Hal die Annahme der ihm angebotenen Stellung verweigert und seine Pensionierung beantragt.

q_ Zu den Bezugsaufbesserungen für bestimmte Beamtcnklassen, die nach Pretzmeldungen im Reichs­etat vorgesehen sein sollten, bemerken Berliner Blät­ter, daß über diese Frage eine endgültige Entscheidung noch nicht getroffen sei. Die Schwierigkeiten, die sich der Neuregelung entgegenstellen, bestehen darin, daß int neuen Reichsetat laufende Deckungsmittel für eine Verbesserung der Gehaltsbezüge jedenfalls nicht verfügbar find. Und daher eine Aufbesserung der Gehaltsbezüge der betreffenden Beamtenklaffen herbeiführen zu können, wäre es notwendig, Neuein­künfte des Reiches für diese Zwecke bereit zu stellen. —• Wir meinen, daß die Reichsregierung über diese Sache noch mit sich reden lassen wird.

)( Petitionen im Reichstage. Bekanntlich wird immer Klage darüber erhoben, daß der Reichstag nur einen verschwindenden kleinen Teil der ihm zugegan­genen Petitionen erledige. Die Klage ist nur bis zu einem gewissen Grade berechtigt. Von den diesem Reickistage bisher zugegangenen rund 8400 Petionen sind schon jetzt fast 2100 endgültig erledigt; außerdem hat die Petittonskommission über 4000 Petitionen Bericht erstattet. Diese Kommissionsberichte dürften demnächst int Reichstage selbst verhandelt und erledigt tocTbctt

)( Wie reich ist Deutschland? Der Direktor der deutschen Bank Dr. Max Helfferich läßt in Kürze ein Buch erscheinen über den Besitzstand des deutschen Volkes. Die Arbeit ist angefertigt worden für das literarische Geoenkwerk, das der Verlag Stillse dem Kaiser zum Regierungsjubiläum überreicht hat. Er hat Untersuchungen angestellt über die Verschiebung des V-sihstanbes während der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. und gelangt zu solgendem Schlußer- aebnt§:

Das deutsche Volkseinkommen beträgt heute rund 40 Milliarden Mark jährlich, gegen 22-25 Milliarden Mark um das Jahr 1895.

jetzigen Verhältnisse klar dargelegt und der Geliebten es' anheimgestellt hatte, ihr Wort zurückzunehmen, noch keine Antwort eingetroffen. Wardies ein gün­stiges oder ein ungünstiges Zeichen? Würde die vor­nehme Elvira vor dem einfachen Leben, das er thr nur noch an feiner Seite bieten konnte, zurückschrecken, oder setzte sie sich in idealem Denken mit ihrem star­ken Geiste darüber hinweg, aus ihrem mit allem Komfort umgebenen Dasein in die einfachsten Ver­hältnisse hinabzusteigen, um nur ihrer Liebe zu ihm leben zu können?

Sein ©innen wurde von der Schwester unter­brochen, die auf ihn zugetreten war und ihre Hand auf feine Schulter gelegt batte.

„An was denfft Du, Ernst? Simulier nit weiter drüber nooch — es is ja jetzt alles in der schönste Ordnung! Do kann jo aach die Mutter nit mehr bös sein! Un Wege dem, was Du vorhin gesagt host, Ernst — an mir sollst Du en treue Kamerad hawe, der bord) Dick und Dünn mit Dir geht! Do host Du mei Hand druff!"

Aufblickend fah Ernst wieder die dunklen Augen der Schwester mit dem Ausdruck auf sich gerichtet, der ihn vorhin so wunderbar ergriffen hatte, und in aufwallendem Gefühl riß er das Mädchen an die Brust, küßte es stürmisch und flüsterte: „Ich dank Dir, Gustel — ich dank Dir! Jetzt weiß ich wenig­stens, wenn audj alles mich verlaßt, daß es noch ein Herz auf der Welt gibt, das für mich schlägt! Die Mutter kommt — gute Nacht, Gustel!"

Und noch einen Kuß auf die Stirne der Schwe­ster drückend, schritt er nach der hinteren, nach dem Flur führenden Türe, durch die eben die Mutter ein­trat, und verließ mit einem „Gute Nacht, Mutter!" die Stube.

Er fühlte sich innerlich freier. Den Weg zum Herzen der Schwester hatte er gefunden, was ihm wie die Erlösung aus einer Pein vorkam, denn jetzt erst fühlte er Jo recht, wie schmerzlich es die ganze Zeit her für ihn gewesen war, wie ein Fremder neben seinen nächsten Angehörigen einhergehen zu müssen. Auch die Mutter mußte ja mit der Zeit anderen Sinnes werden und ihr kühles Wesen gegen ihn ab-

Von den 40 Milliarden werden jährlich etwa 7 Milliarden Mark, also nahezu ein Sechstel, für öffentliche Zwecke aufgewendet, etwa 25 Milliarden Mark dienen dem privaten Verbrauch, und etwa 8—8,5 Milliarden, die sich durch den automatischen Wertzuwachs des vor­handenen Vermögens auf 9,5—10 Milliarden Mark er­höhten, wachsen als Mehrung dem Bolksvermögen zu, gegen etwa 4,5—5 Milliarden vor 15 Jahren.

Das deutsche Bolksvermögen beträgt heute mehr als 300 Milliarden Mark gegen rund 20is Milliarden Mark um die Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Die Ziffern geben ein überzeugendes Bild von dem Aufschwung Deutschlands in den letzten Jahrzehnten.

△ Die Mischehen in Preußen. Die Zahl der Mischehen steigert sick) von Jahr zu Jahr. Im Jahre 1911 wurden in Preußen 189 972 rein evangelische Ehen, 94 669 rein katholische Ehen und 33125 Misch­ehen geschlossen; ein Zehntel der Ehen waren Misch­ehen. An bestehenden Mischehen gab es nach dem statistischen Jahrbuch für Preußen 1912 nach der Volkszählung von 1910 434 548 Mischehen, davon waren 393 885 zwischen Katholiken und Protestanten abgeschlossen; 207 488 katholische Männer und 186 397 katholische Frauen lebten in einer Mischehe. Wie groß die Verluste der aus solchen Mischehen stammenden Kinder für die katholische Kirche ist, zei­gen folgende Zahlen: Am 1. Dezember 1910 betrug die Gesamtzahl dieser Kinder 789 495. Davon waren 450 379 evangelisch und 339 116 katholisch. Rechnet man auf jede Konfession die Hälfte der in Mischehen geborenen Kindern, so hat die katholische Kirche einen Verlust von 55 631 Kindern. Diese Verlustziffern erstrecken sich vor allem aus die Diaspora und die beiden überwiegend katholischen Provinzen Posen und Schlesien. Das evangelische Mehr in Schlesien be­trug 1910 16000, in Posen 600. Die Polenpolitik und schlimme Schulverhältnisse trugen hiezu bei. Bei weiteren Vergleichen ergibt sich, daß die Frau einen viel größeren Einfluß auf die religiöse Er­ziehung der Kinder ausübt als der Mann. Während aus Mischehen, in denen der Mann katholisch ist, 250 352 evangelisch würden, wurden aus Mischehen, in denen die Frau katholisch ist, 200 627 evangelisch, 177 396 katholisch, während in dem ersteren Falle nur 161 779 katholisch wurden. Auf Seite der pro­testantischen Kirche wird der Mischehenfrage eine be­sondere Aufmerksamkeit gewidmet. Auch manche staatliche Behörden scheinen es als ihre Aufgabe zu betrachten, für die Interessen der evangelischen Kirche bei Mischehen einzutreten. Schreibt da soeben ein katholischer Pfarrer der „Germania":

Neulicki las ich in der Germania, daß der Minister besondere Bestimmungen über die Willenskundgebung der Eltern in Mischehen erlassen wolle, in welcher Konfession ähre Kinder zu erziehen seien. Welche Schwierig­keiten die Landräte den Eltern bereiten, beweist folgendes Beispiel. Ich war neun Jahre in einer Kreis­stadt Masurens, die damals zum Regierungsbezirk Gumbinnen gehörte, Diasporapfarrer und hatte, da ich im ganzen Kirchspiel keinen katholischen Lehrer hatte, selbst überall den Religionsunterricht zu erteilen. Ob­wohl nun die Bestimmung mancher Regierungen über die Willenserklärung der Eltern beim Landrat bei der Regierung in Gumbinnen nicht bestand, verlangte auf einmal ein Landlehrer bei einem Kinde, das bereits längere Zeit am katholischen Religionsunterricht leilnahm, eine solche Erklärung und zwang das Kind zur Teilnahme am evangelischen Religionsunter­richt. Auf meine Beschwerde bei dem zuständigen Kreis- schulinspektor erhielt ich zur Antwort, die Königliche Regierung zu Gumbinnen habe zwar nicht ausdrücklich diese Bestimmung erlassen; es geht aber aus ihren sonstigen Bestimmungen hervor, daß sie dieselbe befolgt wissen wolle. Weil nun das Kind den evangelischen Religionsunterricht weiter besuchen mußte, bescbwerte ich mich zwar weiter, mußte jedoch, da der Beschwerdeweg ein so langwieriger ist, den Eltern raten, vor dem Landrat die verlangt» Erklärung abzugeben. Auf ihre zweimalige Eingabe wurden sie nach wochen- langrm Warten endlich vorgeladen. Der Land- rat nahm den evangelischen Vater vor

legen, wenn sie sah, daß er ganz in b'ent Bestreben aufging, die Wohlfahrt des Hauses zu fördern, und nichts anderes kannte, als strenge Erfüllung der von ihm übernommenen Pflichten. Nur weiter auf der nun einmal betretenen Bahn und sich durch nichts irre machen lassen!

Seiner Gewohnheit gemäß durchschritt der junge Mann wie allabendlich vor dem Schlafengehen noch­mals den Hof, um nach dem Rechten zu sehen. Die Sichel des Mondes stand am westlichen Himmel und warf ihr bleiches Licht auf das ungeheure Viereck, in welchem alles Ruhe und Frieden atmete. Der magische Schimmer floß auch um die Kronen der Gartenbäume, durch die der Nachtwind flüsterte. Zitterte es durch die ehrwürdige Linde drüben nicht wie ein leises, melodisches Klingen, ein wehmütiges Erinnern auslösend? Dort hatte er sie zum letzten­mal gesehen, die in seinem Gefühlsleben so eng mit dem Zauber verflochten war, den die Heimat auf ihn ausübte, deren Bild, wie er jetzt, nachdem sie für ihn verloren war, erkannte, trotz aller Vernunft­gründe und trotz seiner hochstürmenden Liebe für die schöne Städterin, immer noch in seinem Herzen lebte.

Ein feuchtes Etwas an seiner herabhängenden Rechten und ein leises Winseln schreckten den Ein­samen aus seinem Sinnen. Der Hofhund Nero war herangekommen und stand schweifwedelnd neben ihm. Der hatte sich jetzt an ihn gewöhnt und war fein Freund geworden, der ihm eine leidenschaftliche An­hänglichkeit bezeugte. War.es nicht, als wolle ihn das unvernünftige Geschöpf feinen trübseligen Ge­danken entreißen und ihn ermahnen, nur vorwärts zu sehen?

M't einem freundlichen: „Du bist ein braver Hund, Nero!", tätschelte Ernst des Tieres Kopf und wandte sich wieder dem Vorderhaufe zu.

Doch fya schimmerte ja noch Licht in der neben dem Pse'-destall gelegenen Knechtekammer. Da war der alte Lenhard noch wach unb vertrieb sich bie Zeit mit bem Lesen von Schlossers Weltgeschichte, für bie er eine besondere Vorliebe hatte. Unwillkürlich schritt der junge Mann auf den Lichtschein zu unb öffnete bie Türe. Richtig, ba saß ber alte Knecht in

unb stellte ihm alles Mögliche vor, um ihn von feinem Entschluß der katholifchen Kinder­erziehung abzubringen. Da dies nichts fruchtete, ließ er den Superintendent holen. Nun redeten sie beide aus den armen Mann ein. Als dieser trotzdem standhaft blieb, wurden die Eltern entlassen, ohne daß ihnen die Erklärung abgenommen wurde. Weil mir der Mann jetzt erklärte, daß er unter keinen Umständen mehr zum Landrat gehen würde u. das Kind noch immer den evangel. Religionsunterricht besuchen mußte, sah ich mich gezwungen, die Eltern aufs Gericht zur Abgabe der Erklärung zu schicken und die Kosten selbst zu tragen.

Auch ein Beitrag zu bem Kapitel: was in Preußen möglich ist! Schreien solche Zustänbe nicht zum Himmel?!

* Der Gipfel. Gewisse Zeitungen sind voll von allerhand Mitteilungen über den Newyorker Mas­senmörder Schmidb, dessen Bluttaten nicht nur empörend, sondern geradezu scheußlich und ekel­haft sind. Jedes auch nur einigermaßen anständige Blatt sollte im Interest» seiner Leser die Mitteilungen über ein solches Scheusal und seine Greueltaten auf das Notwendige beschränken. Wie oft ist von allen Seiten darauf hingewiesen worden, daß Mitteilungen über wiche Verbrechen nicht nur ekelhaft, sondern auch gefährlich sind, weil sie verbrecherisch angelegte Naturen zur Nachahmung reizen können! Das sollte die Presse beherzigen, wenn sie sich nickst schon durch die Rücksicht auf ihre Leser zur Zurückhaltung bestim­men läßt. Statt dessen erfahren wir immer wieder das erbärmliche Schauspiel, daß gewisse Blätter die Einzelheiten der gemeinsten und rohesten Verbrechen schildern, daß sie den Verbrecher selbst wie einen Helden behandeln. Den Gipfel dieser Geschmacklosig­keit und Gewissenlosigkeit erklimmt ein Berliner Blatt, dessen Newyorker Vertreter in Begleitung des Verteidigers den Mörder Schmidt in seiner Zelle aufgefucht und ausgefragt hat unb das Ergebnis dieses Besuches seinem Blatte durch den Draht mitteilt. Der Mitarbeiter der Zeitung verzeichnet die teils wahnwitzigen, teils ekelhaft ge­meinen Aeußerungen des Verbrechers, der sich in unsäglich zynischer Weise damit entschuldigte, er sei entweder zu früh oder zu spät auf die Welt gekom­men; die Welt verstehe ihn nicht; er würde alles verbessert haben, wenn es in seiner Macht gestanden hätte: bei den Alten sei es kein Verbrechen gewesen, schwächliche Kinder aus der Welt zu schaffen usw. Der feinsinnige Journalist beschränkt sich aber nicht auf die Wiedergabe seiner Worte, sondern teilt der erstaunten Welt durch den Telegraphen mit, daß der Verbrecher ihn scharf fixiert habe u. a. m. Das Blatt, das dieses Kabeltelegramm seinen Lesern vor­setzen zu dürfen glaubt, fügt hinzu, der Verbrecher, ber sich bisher als ein großer Komödiant erwiesen habe, habe natürlich auch in den oben mitgeteilten Aeußerungen seiner tierischen Mordlust eine inter­essante psychologische Begründung zu geben gewußt. Merkt denn das Blate nicht, daß es sich mit dieser Bemerkung geradezu selbst ins Gesicht schlägt? Was hat die Welt für ein Interesse daran, diese psycho­logische Motivierung eines komödiantenhaften Ver­brechers zu erfahren? Unsere Leser werden vielleicht wissen wollen, welches Blatt sich zu dieser Leistung verfliegen hat. Es ist wiederum — das „Ber­liner Tageblatt".

— „Ostelbischcs" aus Saarabie«. Das Neun­kirchener Zentrumsblatt, „Neunkirchener Zeitung", berichtet von Grube Reden, daß den dortigen technischen Grubenbcamten, unter Zurückgreifen auf eine aus den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahr­hunderts stammende Verfügung eröffnet worden fei, in Zukunft habe jeder Beamte, der, wenn auch nur vorübergehend, seinen Wohnort zu ver­lassen beabsichtigt, vorher bei der Berginspektion um Genehmigung nachzusuchen bezw. Anzeige zu erstatten. Ebenso habe er mitzuteilen, wenn er die Nacht außerhalb seines Wohnortes sich aufzuhal­

dem einfachen, sauberen Raum beim Schein, einer Petroleumlampe über einem Buch und schien in den Inhalt desselben ganz vertieft zu fein, denn kaum sah er bei dem Geräusch, das ber Eintretende oer- urfachte, in die Höhe.

„Nun, Lenhard, was studierst Du denn Schones?" fragte Ernst mit einem Anflug von Laune und ließ sich auf dem zweiten, neben dem Tische stehenden Schemel nieder.

„Ich bin grab brau, wie bie Franzose vor bald siebzig Johr ins Land sein lumme", erwiderte ber Alte. „Des hab ich selbst miterlebt, wenn ich aach noch en ganz Haaner Bub gewese bin! Mein Vater felig Hot mir als später bebon verzählt, wie bie ge­haust hawe — no, des waaßt Du jo, daß domols Dein Urgroßvater so schandmäßig ums Lebe un um fei ganz Sach himme is!"

„Ja, gehört habe ich allerdings schon davon, aber wie sich die Geschichte eigentlich zutrug, das hat mir noch niemand erzählt. Der Großvater hat nicht gern davon gesprochen, weil ihn die Geschichte furchtbar aufgeregt hat Er soll ja dabei gewesen sein, wie sie feinen Vater fortgeführt und in Idstein erschossen haben — mehr weiß ich nicht und habe auch später nicht mehr danach gefragt. Weiß: Tu die Geschichte, Lenhard? Dann erzähle sie doch einmal."

„Bester wie aaner waatz ich sie! Mein Vater selig is doch domols Knecht bei Teim Urgroßvater gewese un Hot alles mit öorchgemacht!"

Der alte Lenhard lehnte sich behaglich in seinen Stuhl zurück, zündete sich eine frische Pfeife an unb fuhr fort:

„Der alt Christian Rather, Dein Urgroßvater, is en seeleguter Mann gewese, wenn ihn aber der Zorn gepackt Hot, bann war nit mit ihm zu speiste. Un wenn bei ihm bie Red uff bie Franzose is lomtne,1 bann war's fertig mit ihm — bann is er toor’n wie cn wütiger Hund un Hot sich verschwöre un verhaaße, baß es e Unglück gab, wenn die verfluchte Sanlülotter

Ort un vor fei Haus läme. Er war ewe des, wo nier en Gewaltmensch nennt, Ernst, en Mann, ber sich von niemand hat was einrede loste, denn ' sei gut Fraa, die 's berfianne Hot, ihn zu lenke un •