Zuldaer Zeitung
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Freitag 19. September 1915.
2. Blatt.
Druck Ut gnltaer Letie»rr»eerei in Znlda-
SP Der kleine Befähigungsnachweis
Die Bedeutung des nächsten 1. Oktober.
Am kommenden 1. Oktober vollzieht sich für weiteste Kreise des gewerblichen Lebens eine Entwickelung, deren Tragweite sich heute noch gar nicht übersehen läßt, deren unmittelbare Wirkung aber für viele Gewerbetreibende von großem Belang sein wird. Das Gesetz über den sogenannten kleinen Besähigungs» nachweis tritt vollständig in Kraft. Da ist es für jeden Beteiligten von größter Bedeutung, sich mit den wichtigen einschlägigen Gesetzesbestimmungen der Gewerbeordnung vertraut zu machen. Grundlegender Paragraph der Gewerbeordnung ist der § 129. Er lautet:
In Handwerksbetrieben steht die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen nur denjenigen Personen zu, welche da? vierundzwanzigste Lebensjahr rollendet und eine Meisterprüfung (§ 133) bestanden.haben. Habe» solche Personen die Meisterprüfung nicht für dasjenige Gewerbe oder denjenigen Zweig des Gewerbes bestanden, in welchem die Anleitung der Lehrlinge er« folgen soll, so haben sie die Befugnis dann, wenn sie in diesem Gewerbe oder Gewerbszweige
entweder die Lehrzeit (§ 130a) zurückgelegt und die Gesellenprüfung bestanden haben,
oder fünf Jahre hindurch persönlich das Handwerk selbständig auSgeübt haben oder während einer gleich langen Zeit als Werkmeister oder in ähnlicher Stellung tätig gewesen sind.
Die höhere Verwaltungsbehörde kann Personen, welche diesen Anforderungen nicht entsprechen, die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen widerruflich verleihen. Vor der Entscheidung über die Erteilung der Befugnis oder den Widerruf ist die Handelskammer (198) und, wenn die Person einer Innung angehört oder an ihrem Wohnorte für ihren Gewerbszweig eine Innung besteht, außerdem die Innung zu hören.
In Handwerksbetrieben, welche nach dem Tode des Gewerbetreibenden für Rechnung der Witwe oder minderjähriger Erben fortgesetzt werden, sind bis zum Ablauf eines Jahres nach dem Tode des Lehrherrn als Vertreter (§ 127 Abs. 1) zur Anleitung von Lehrlingen auch Personen befugt, welche eine Meisterprüfung nicht bestanden haben, sofern sie im übrigen den Anforderungen des Abs. 1 Satz 2 entsprechen. Die untere Verwaltungsbehörde kann solchen Personen als Vertretern des Lehrherrn auch in anderen Fällen bis zur Dauer eines Jahres die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen erteilen. Die hiernach zulässige Dauer der Vertretung kann von der höheren Verwaltungsbehörde nach Anhörung der Handwerkskammer (198) entsprechend dem Bedürfnisse des einzelnen Falles verlängert werden.
Die Unterweisung des Lehrlings in einzelnen technischen Handgriffen wind Fertigkeiten durch einen Gesellen fällt nicht unter die im Abs. 1 vorgesehenen Bestimmungen.
Die Zurücklegung der Lehrzeit kann auch in einem dem Gewerbe angehörenden Großbetriebe erfolgen und durch den Besuch einer staatlichen, staatlich unterstützten oder vom Staate anerkannten Lehrwerkstätte oder sonstigen gewerblichen Unterrichtsanstalt ersetzt werden. Vor der Anerkennung einer sonstigen gewerblichen Unterrichtsanstalt soll der zuständigen Handwerkskammer (198) Gelegenheit gegeben werden, sich gutachtlich zu Nutzern.
Tie Landes-Zentralbehörden können den Prüfungszeugnissen von Lehrwerkstätten, gewerblichen Unterrichtsanstalten oder von Prüfungsbehörden, welche vom Staate für einzelne Gewerbe oder zum Nachweise der Befähigung zur Anstellung in staatlichen Betrieben eingesetzt sind, die Wirkung der Verleihung der im Abs. 1 bezeichneten Befugnis für bestimmte Gewerbszweige beilegen. Der Eintritt dieser Wirkung ist davon abhängig zu machen, daß der Besitzer des Prüfungszeugnisses in dem Gewerbe oder in dem Zweige des Gewerbes, in welchem die Anleitung der Lehrlinge erfolgen soll, eine bestimmte, auf nicht mehr als drei Jahre festzusetzende Zeit hindurch persönlicki tätig gewesen ist.
Der Bundesrat ist befugt, für einzelne Gewebe nach Anhörung der Handwerkskammern (198) Ausnahmen von den Bestimmungen im Abs. 1 zuzulassen. (199).
Dazu war bis jetzt von ergänzendem Belang die Nebergangsbe st immun g. Diese ließ die Verleihung des Rechts zur Lehrlingsanleitung auch an solche zu, die ohne Ablegung der Meisterprüfung bereits fünf Jahre Lehrlinge angeleitet hatten; und sie gestattete diese Verleihung auch bei anderen. Das hört letzt auf.
Vom 1. Oktober ab dürfen nur noch diejenigen Lehrlinge anleiten, die die Meisterprüfung abgelegt haben, so daß alle Personen, die nach dem 1. Oktober 1884 geboren sind, die Meisterprüfung bestanden haben müssen, wenn sie Lehrlinge halten wollen. Und zur Meisterprüfung ist von jetzt ab auch die Ablegung der Gesellenprüfung Voraussetzung, sofern nicht eine fünfjährige Tätigkeit in der Anleitung von Lehrsingen nachgewiesen wird.
Kleines Fenilleton.
— Altweibersommer. Der Sommer will Abschied nehmen, der Herbst kommt, Frau Natura ist gealtert, sie kämmt ihr graues Haar und der Wind trägt die in der Sonne silbern glänzenden Fäden hinaus über Feld und Wiese, oft bis in die Großstädte hinein. Den Altweibersommer kennt man schon seit Jahrhunderten, weiß aber nicht recht, wie dieser Name eigentlich aufgekommen ist. In vielen Gegenden hat man andere Bezeichnungen, so z. B. Graswebe, wohl deshalb, weil sich die Fäden wie ein Gewebe über das Gras legen. Am schönsten ist aber der Name.Mariengarn", der in katholischen Gegenden viel verbreitet ist. Er bezieht sich auf das spätsommerliche kirchlich« Fest ' Mariä Geburt, jedoch stiegen die FSden schon lange vorher und noch lange nachher, das richtet sich ganz nach dem Wetter. Woher stammen sie eigentlich, die fliegenden Fäden, was sind sie? Sie entstammen vom Winde !o8- geriffenen und fortgeführten Spinnennetzen. Oft sieht man am Ende eines solchen Fadens noch die kleinen Kreuz- und Webjpinnchen, welche die unfreiwillige Reise mit^»chen müssen und weit fortgetragen werden. Jedenfalls ein hübsches Naturspiel, dem möglicherweise auch ein bestimmter, noch unbekannter Zweck zugrunde liegt. Stellen sich Sturmwind und Regen ein, dann ist der Altweibersommer schnell verschwunden. .Sommerfäden, leicht gewoben, ach, wohin seid ihr geweht?* l- fragt der Dichter, und mit ihm sragt's der M»»sch, denn nun weiß er: Der Sommer ist z« End»' Sommer ade! as.
—- Ein interessantes Experiment kann jedermann leicht selbst anstellen. Bekanntlich schlägt die Luftfeuchtigkeit während einer kühlen Nacht als „Tau" gern überall nieder. Aber der Niederschlag ist fet= neswegs gleichmäßig, seine Menge hängt vielmehr außerordentlich viel von der Farbe ab, welche die einzelnen Gegenstände besitzen. Sehr empfänglich ist die grüne Farbe, weshau» auch Gräser und Blätter ^es Morgens ost enorm feucht find. Noch viel feuch-
rolales.
Fulda, 19. September 1913.
§ Reifeprüfung. Bei 'der Reifeprüfung am hiesigen Königl. Gymnasium, die gestern abend zu Ende ging, bestanden von den 16 auswärtigen Kandidaten nur 8 und zwar die Herren: Georg Gottschalk-Marburg (Lahn), Adolf Schulz-Wiesbaden, Eberhard Huck-Bieb- rich a. Rh., August Hasselbach-Dtünster (Oberlahn- kreiS), Dorst, Friedrich Kölch-Berlin, Bernhard Dostal- Hültschin (Oberschlesien), Ludwig Hasselbaum-Frank- fuxt a. M.
# Personalien. Dem Schuhmacher Lorenz Daus zu Bieber im Kreise Gelnhausen wurde das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.
A Schulwesen im Reg.-Bez. Kassel. Vom 1. Januar bis 1. September d. I. haben 1 Rektor, 17 Lehrer, 4 Lehrerinnen und 1 technische Lehrerin ihre Entlassung aus dem Volksschuldienste des Reg.-Bez. Kassel genommen. In den Ruhestand versetzt wurden in dem gleichen Zeitraum 1 Mittelschullehrer, 4 Hauptlehrer, 20 Lehrer, 3 Lehrerinnen und 1 technische Lehrerin; gestorben sind im aktiven Dienst 1 Rektor, 1 Hauptlehrer und 8 Lehrer.
fc. DaS Kaifermanöver 1914 wird, wie vorläufig ssststeht, zum Teil über dasselbe Gelände hergehen, in dem soeben die Manöver des 18. Armeekorps statl- sanden, und zwar in dem Gebiete, das begrenzt wird von der Linie Fulda-Schlüchtern, Schlüchtern-Caub, Fulda-Grünberg und Gießen-Niederlahnstein. Das 18, 11.. 8., 13., 14. und das 2. Königl. Bayerische Armeekorps werden zu diesem Manöver herangezogen werden.
-X- Reserve hat Ruh. Die Entlassung der Reserven und Landwehrleute, die an den diesjährigen Manövern teilnehmen mußten, ist bereits erfolgt. Gestern trafen ungefähr 40 alte Leute hier ein, die die Manöver- freuden nahe an der französischen Grenze gekostet hatten und aus unserem Kreise stammen. Allenthalben erfolgt die Entlassung der übrigen Reservisten am kommenden Montag. Auch bei unserem Artillerie- Regiment werden die Reservisten Montag vormittag entlassen.
-4- Denkmalpflege. Zu der Anregung einer Ver- setzilng der M a r r e n s ä u l e auf den Marktplatz teilt man uns mit, daß bereits im Jahre 1897 ein Magistratsmitglied denselben Antrag gestellt hat und bereits 500 Mark zu den Kosten von privater Seite zur Verfügung gestellt waren. Die Ausführung ist jedoch unterblieben, da ästhetische und verkehrstechnische Einwendungen erhoben wurden. Historische Gründe können dagegen nicht ins Feld geführt werden. Diese' Mariensäule wurde nach dem 30jährigen Kriege (1618—1648) als Friedenssäule am Domplatz 1651 errichtet und 1711 beim Bau des neuen Domes an den jetzigen Standplatz versetzt. Die Bezeichnung Pestsäule ist nicht zutreffend, da die Pest in 1350—64 und später 1595 in Deutschland grassierte.
E Di« drahtlose Sendestation in Kämmerzell ist nunmehr so weit fertiggestellt, daß die drahtlosen Telegramme bei der Empfangsstation deS Herrn Ingenieurs Ferd. Schneider hier tadellos empfangen werden skönnen. Die Inbetriebsetzung geschah dieser Tage. Die Zeitzeichen erfolgten mit einer Wellenlänge von 1000 Meter. Obwohl die Kämmerzeller Station vollständig von Bergen und Wäldern eingeschlossen ist, überwinden die 1000 Meter-Wellen diese Hindernisse einwandfrei. Von der deutschen Reichspostbehörde ist jedoch für die Station Kämmerzell in jüngster Zeit eine Wellenlänge von 2300 Meter vorgeschrieben worden. Infolgedessen ist eine Verlängerung der Sendeleitungen um 90 Meter notwendig geworden. In Kürze muß auch noch ein zweiter Sendeturm von 38 Meter Höhe aus einem 25 Meter höher liegenden Gelände errichtet werden. Sobald diese Arbeiten vollendet sind, werden die Stationen Kämmerzell und Fulda von der Reichs, postbehörde abgenommen. Alsdann werden durch Ingenieur Schneider auch Empsangsversuche mit einer transportablen Station vom Kreuzberg, Wasserkuppe, sowie aus den Rhöntälern stattfinden, um den Beweis zu erbringen, daß die umliegenden Berge für die Fortpflanzung der elektrischen Wellen aus 700 bis 800 Kilometer kein Hindernis bilden und in technischer Hinsicht nichts der Errichtung einer Groß- station in Fulda im Wege steht. — Auch anderwärts scheint jetzt mit der drahtlosen Zeittelegraphie gearbeitet werden zu sollen. Eine uns vorliegende Nachricht lautet: Mit Erlaubnis der einschlägigen Ministerien errichtet die Firma Ziegler in Bamberg als erste in Bayern auf ihrem Anwesen in der Langestraße eine Empfangsstation für drahtlose Uebermit- telung von Zeitsignalen. Die Geberstation ist Norddeich bei Emden.
ter werden aber Gegenstände von gelber Farbe, während solche von roter und schwarzer Frabe bei gleicher Luftfeuchtigkeit fast völlig trocken bleiben. Man kann dies leicht beweisen, wenn man kleine Brettchen mit den verschiedenen Farben bestreicht und diese über Nacht im Freien läßt. Die Verschiedenheit des Niederschlags setzt geradezu in Erstaunen. ne-
— Eine moderne Verrücktheit, die man nicht genug mißbilligen kann, ist der Trieb der Geschäftswelt in Großstädten, ihren Unternehmungen durch englische Bezeichnungen besondere Anziehungskraft zu verleihen. So empfiehlt in Berlin eine Ansiedelungsgesellschaft ihre Siedelung an einem Orte in der Mark Brandenburg als ,week-end-Kolonie". „Week end" (ohne Bindestrich!) heißt auf gut Deutsch Wochenende Die Kolonie ist also dazu bestimmt, den Großstädtern am Ende der Woche, am Samstag nachmittag und am Sonntag, als Erholungsstätte zu dienen. Um das den Deutschen klar zu machen, bedarf es einer englischen Bezeichnung! Verrücktheit! a.
„Die Lindenwirtin" in Rudolf Baumbachs berühmten Lied ist eine dichterische Erfindung, hat aber nie und nirgends gelebt, weder in Godesberg noch sonstwo. Ein Leser schreibt der ,Hlldburgh. Dorfzeitung', er habe den Dichter in den 80er Jahren gelegentlich einer Begegnung in Meiningen nach dem Ursprung „Der Lindenwirtin" gefragt und die Antwort erhalten: Auf einem Spaziergang von Mei- nmgen nach Helba hörte ich einmal das Gespräch einiger Bauernfrauen an, von denen die eine sagte: „Mir hamm'n Gerichtsvollzieher, der is so scharf, der pfänd' eim das Herz aus dem Leib raus." Das geb die Anregung zu dem Lied, alles andere entsprang dichterischer Phantasie.
— Wann soll man Obstbäume pslanzen? Diese Frage wird von Fachleuten verschieden beantwortet; sie rft überhaupt noch nicht geklärt. Jedenfalls sprechen bei Aepfeln, Birnen und Kirschen viele Gründe für die Herbstpflanzung im Oktober oder November. Bis zum Austreiben haben sich diese Bäume dann im Boden festgesetzt, auch bereits etliche neue Wur-
X Die Schließung der Eisenbahnschranken. Im HmbUck auf den schweren Unfall, der sich dieser Tage in Offenbach infolge zu späten Schließend der Schranken an einem Eisenbahnübergang ereignete, ist ein Erlaß des preußischen Eiscnbahnministers von Interesse, der eine Zunahme derartiger Unfälle im Gebiet der preußisch-hessischen Staatsbahnen feststellt. Die Dienststellen werden daher darauf angewiesen, daß sie die Schrankenwärter zur genauesten Beachtung der Vorschriften über die Schrankenbedienung anzuhalten und speziell auf die Unzulässigkeit des vorzeitigen Oeffnens der Schranken hinzuweisen haben. Die selbständige Wahrnehmung des Schrankendienstes soll nur durchaus zuverlässigen, vollständig ausgebildeten Beamten übertragen werden. Alle Eisenbahndeamten sollen in Zukunft sofort Anzeige erstatten, wenn sie eine offene Schranke finden. Das beste Mittel zur Beseitigung der Unfälle an Bahnübergängen ist allerdings die Beseitigung aller Plankreuzungen, wofür jedes Jahr durch die Eisenbahnverwaltung enorme Summen ausgegeben werden. Bei neuen Bahnlinien werden Kreuzungen mit Straßen durch Schaffung von Heber» oder Unterführungen gänzlich vermieden.
(!) Auf der Rückkehr aus dem Kaisermanöver überflog heute vormittag gegen 11 Uhr das Militärluft- schiff L 1, von Liegnitz kommend und nach Frankfurt a. M. bestimmt, unsere Stadt im schnellen Fluge. ES hatte bekanntlich schon am 16. Sept, diese Fahrt angetreten, mußte aber damals infolge des Sturm, wetters in den Manöverhafen Liegnitz (Schlesien) zu- rückkehren.
X4! Strafkammer. Nach Beendigung der Gerichts- feiien fand heute wieder eine Strafkammersitzung statt. Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit hatte sich der 15jährige Schornsteinsegerlehrling Hans Wegner, in Hanau geboten, zuletzt in Großenlüder in Stellung, wegen Sittlichkeitsvergehen zu verantworten. Das Gericht bewilligte dem Angeklagten mit Rücksicht auf seine Jugend mildernde Umstände und verurteilte ihn zu zwei Wochen Gefängnis.
!! Tas Restaurant „Ballhaus", das bekanntlich von dem Hofbräuhaus Hanau, Dorrn. Nicolai, käuflich erworben wurde, ist nunmehr an die Brauerei Tivoli hier verpachtet worden.
§ Nemontcn. (Sine größere Anzahl Remonten, für vas hiesige Artillerie-Regiment bestimmt, wurden gestern von Kürassieren aus Salzwedel hier etnge- liesert.
Aus dem Nachbargebiete.
! Keulos, 19. Sept. 1913. Hier spielten die Kinder eines Einwohners in der Stube, wobei ein dreijähriger Junge mit einem Messer in der Hand zu Boden stürzte. Das Messer drang ihm ins Auge. Der Arzt, den man sofort zu Hilfe heranziehen mußte ordnete die Ueberführung in das Fuldaer Landkrankenhaus an.
n Hanau, 18. Sept. 1913. Die kürzlich verstorbene Rentnerin Frl. Marie Kreis hat der Stadt Hanau letztwillig 65 000 Mark für bedürftige hiesige Einwohner vermacht. — Mit den Vorbereitungen für die im November bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen ist bereits begonnen worden. Es finden gegenwärtig Verhandlungen statt zwischen der Nationalliberalen Partei, der Fortschrittlichen Volkspartei und der Zentrumspartei zwecks gemeinsamer Ausstellung der Kandidaten. An den Verhandlungen sind auch der Hausbesitzerverein und einige andere Organisationen beteiligt. Ein harter Kampf mit der Sozialdemokratie wird um die Mandate der dritten Wahlabteilung auszufechten fein.
f Frankfurt a. M., 18. Sept. 1913. Auf einem der Hanptplätze. Frankfurts, dem Alten Theaterplatz, der sich unmittelbar an den Goetheplatz anschließt, soll ein Monumentalbrunnen errichtet werden. Die Mittel sind ganz von privater Stelle zur Verfügung gestellt worden. Vier hervorragende deutsche Bildhauer erhielten den Auftrag, sich mit Entwürfen an einem engeren Wettbewerb zu beteiligen. Es sind Professor Frttz B: y n in München, Professor Heinrich I o b st in Darmstadt, Professor Fritz K l i m s ch und Professor Hugo Lederer in Berlin. Die vier Künstler haben ihre Entwürfe eingereicht.
k. Frankfurt, 18. Sept. 1913. 36 — sechsunddreißig — Paare reichten heute vor der dritten Zivilkammer des Landgerichts die Klage auf Scheidung der Ehe ein. Auch ein Zeichen der Zeit!
* Kassel, 19. Sept. 1913. Die Stadtverordneten genehmigten gestern in vertraulicher Sitzung die Elektrizitäts-Verträge der Stadt mit dem Staate und dem Landkreise Kassel, sowie eine erste Rate für die Verlegung der Stadtgärtnerei nach Park Schönfeld und die Anlage eines botanischen Gartens. — Oberbürgermeister Dr. Scholz wird am 15. Okto- ber in sein Amt als erster Bürgermeister von Cbar-
zeln gebildet, und sie werden deshalb im Frühjahr kräftig anwachsen. Ebenso sind sie dann stark und saftig genug, um etwaige Trockenperioden gut zu überstehen. Die Winterkälte schadet ihnen nichts. Nur Pfirsichen, Aprikosen sollte man, der praktischen Erfahrung naech lieber erst im Frühjahr pflanzen, weil diefe Art Bäume ohnehin sehr empfindlich gegen Fröste sind. ig
— Ist die Gans musikalisch? Viele Siete stehen den musikalischen Klängen keineswegs gleichgültig gegenüber, manche von ihnen sind für Musik sogar sehr empfänglich. Schreiber dieses hat einen Kanarienvogel, der regelmäßig zu singen anfängt, wenn auf dem Harmonium gespielt wird. Hört das Spiel auf, dann schweigt auch er. Daß die Gans musikalisch ist, war bisher wohl kaum beobachtet worden. Aus Sie” benwerda wird ober von einer musikalischen Gans berichtet, die allerdings nicht ihre liebliche Stimme ertönen ließ, wenn klangvolle Töne an ihr Ohr drangen, wohl aber kam sie in solchen Fällen stets aus dem Hofe , ins Haus gewatschelt, sogar bis in das Zimmer hinein, in dem gespielt wurde, setzte sich an der Türe nieder und ließ es in drolliger Weise weder an Aufmerksamkeit während des Spieles noch an Bei» fall nach diesem fehlen. War das Haus verschlossen, so lagerte sie sich genau unter dem Fenster des Musikzimmers. Ihr musikalisches Empfinden hat sie davor gerettet, als Braten den Tisch zu zieren. Sie ist schließlich an Altersschwäche eingegangen. vs-
— Entgegenkommen. Zwei Herren begegnen sich auf dem Perron. Ja, was sehe ich denn da? Herr v. Welling, Sie hier? Grüß'Sie der Himmel! Nun, schon --erheiratet, junger Freund?* — »Leider nein, Herr Geheimrat, mir fehlt's gänzlich an Damenge- sellschaft." — .Ach was, einem Manne wie Sie, jung,, reich, in angesehener Stellung, steht ja die ganze Welt' offen.* — »Vorläufig wäre ich zufrieden, wenn mir eine Kupeetür offen stünde — ich habe mich etwas verspätet." — Stimmen aus dem Damenabteil des nächsten Wagens: »Hier ist noch genügend Platz, mein Herr!" a.
lottenburg eingeführt werden. — Em schwerer Un» glückrfall ereignete sich auf dem Bahnhofe in Kreiensen. Dort wurde der Schaffner Kiene von eine? Rangier-Lokomotive erfaßt, überfahren und sofort ge> tötet.
** Aus Franken, 18. Sept. 1913. DaS Verbot des Milsührens von Wiederkäuern beim geilbieten im Umherziehen wurde für Unterfranken außer Wirksamkeit gesetzt. Hinsichtlich der Schweine bleibt das Verbot noch aufrecht erhalten, da bei den in Unterfranken bestehenden Handelsbeziehungen di» Seuchengefahr nicht als beseitigt zu erachten ist. — Geländet wurde in Schweinfurt die Leiche des kürzlich beim Baden im Maine ertrunkenen Stationsgehilfen Franz Meister. — In Go chsheim bei Schweinfurt überfiel der geistesgestörte Bauer Friedrich Deppert auf der Ortsstraße zwei bei WegeS kommende Ortseinwohner mit der Mistgabel und verletzte den Gastwirt Richard Meder und den Fabrikarbeiter Rüdinger schwer. Es waren 12 Personen nötig, um den Rasenden zu bändigen. — In Aschaffenburg wurde ein internationales Hochstaplerehepaar verhaftet, das mit Hilfe gefälschte» Empfehlungsschreiben von hohen Geistlichen in ver< fchiedenen Anstalten Barbeträge erschwindelte. — Im Gymnasium zu M ü n n e r ft a Dt wurden 260 Schüler inskribiert gegen 236 im Vorjahre, also 24 mehr. — Bei Eltmann fiel das 3jährige Kind des Kantinenwirts Hoh in den Main. 500 Pieter unterhalb der Stelle konnte es von Bamberger Fischern, welche in der Nähe fischten, herausgezogen werden. Die Wiede» belebungsversuche waren von Erfolg.
Im Jahre des Jntoleranzedikts von Berkin.
! Cronberg (Taunus), 18. Sept. 1913. Wir haben seinerzeit, als der Ausweisungsbefehl zuerst bekannt wurde, und gestern in einer kurzen Meldung schon mitgeteilt, daß sich hier ein krasser Fall der Intoleranz ereignet hat. In Nr. 108 des „Cronberger Anzeigers" vom 16. Sept, erläßt der dortige katholische Pfarrer Monsignore Dr. Eickerling folgende Erklärung:
Die barmherzigen Schwestern. Hieffmnh Ihnen und meinen Cronberger Mitbürgern die traurige Mitteilung, daß die zwei, dem Kloster in Königstein angehörenden barmherzigen Schwestern, welche dahier bei der ärmeren Bevölkerung seit 6 bezw. 7 Jahren die ambulante Krankenpflege ausgeübt haben, auf Verlangen des Oberpräsidenten zurückgezogen worden sind, da derselbe in dem Wohnen zweier Schwestern hierselbst eine ungesetzliche Niederlassung sehen will. Es erübrigt sich beizufügen, daß der kath. Kirchenvorstand sich diese Anschauung nicht zu eigen machen kann. Die zwei Schwe. stern haben im Jahre 1912 gepflegt 384 Kranke, 142 Nachtwachen gehalten, — 4865 Krankenbesuche gemacht — bei 2 Familien mutzte wegen Mangel an Kräften abgesagt werden. Ob durch diese aufopfernde Tätigkeit bei Kranken aller Konfessionen die staatliche Ordnung ins Wanken geraten oder verletzt worden ist, das müssen wir dem Urteile aller rechtlich denkenden Mitbürgen überlassen. Ich glaube im Sinne der überwiegenden Anzahl der Bevölkerung zu handeln, wenn ich den ehrwürdigen Schwestern Goswina und Blanka für ihr stilles, aufopferndes Wirken hiermit öffentlich den tief, gesühltesten Dank ausspreche, und ihnen zurufe -Auf Wiedeffehen I" wenn die Stunde der Gerechtigkeit geschlagen haben wird. Eickerling, Pfarrer.
Diese Erklärung über die barmherzigen Schwestern bedarf wohl keines Kommentars. Sie spffcht für sich. Dem Fernstehenden wird dieses unbegreifliche Vorgehen der preußischen Regierung vefftänd- lich, wenn er erfährt, daß hier ein von der Kaiserin Friedrich mitbegründetes Krankenhaus mit Viktoria- schwestern (alle evangelisch) besteht. Aber die Ge- rechtigkeitsftage wird sicher Wohl zu Ungunften der Regierung entschieden, wenn man erfährt, daß schckn Kaiser Wilhelm I. unter Datum vom 4. Januar 1888 die Annahme der Stiftung Greser (testamentarisch erffchtet am 9. Dez. 1886) seitens des hiesigen Kirchenvorstandes genehmigt hat. Der entscheidende § 3 der Stiftung lautet:
»Zweck dieser Stiftung ist: die Gründung einer Nie- berlaffung von barmherzigen Schwestern (Dienstmägde Christi) hier in Cronberg. Wir wissen, daß die barmherzigen Schwestern, sogenannte Dernbacher Schwestern, ihre Dienste der leidenden Menschheit um Gotteslohn leihen, und zwar ohne Unterschied der Religion."
Also schon lange, ehe die Mutter des jetzigen Kaisers hier das seiner Natur nach protestantische Krankenhaus gründete, hat der Großvater des letzteren die katholische Stiftung genehmigt. Den Spruch „Raum für alle hat die Erde" scheint die Regierung hier nicht anwenden zu wollen. Konkurrenz für alle, nur nicht die katholischen Krankenpflegerinnen! Der Katholik von Cronberg und Umgegend soll gezwungen werden, sich von solchen Pflegen zu lassen, die nicht mit ihm beten können! Man muß wirklich bald annehmen, daß die preußische Regierung systematisch einen Kampf gegen katholische Ordensfrauen und ihre Einrichtungen zu führen gedenkt. In Fulda sperrt man ihrer Anstalt den an ein gleichartiges evangelisches Institut gewährten Zuschuß: in Cronberg komplimentiert man die Jr^^>enschwestern überhaupt hinaus. — Man merkt überall, wie Recht Bischof Faulhaber hatte, als er 1913 als das Jahr de/ Jntoleranzediftes von Berlin bezeichnete.
Amt Geisa und Umgebung.
* Ostheim (Rhöngcb.), 18. Sept. 1913. Der Streit einer Anzahl Gemeinderatsmilglieder hieffelbst hält an. Von den 12 Mitgliedern, die der städtischen Körpcffchaft angehören, haben 4 davon schon mehreren Sitzungen nicht mehr beigewohnt Die betr. Herren stellen sich auf den Standpunkt, daß sie wegen verschiedener unangenehmer Vorkommnisse bei früheren Zusammenkünften den Sitzungen fernbleiben und nicht eher erscheinen, als bis eine Rücksprache mit dem Direktor des 4. Verwaltungsbezirks, bezw. eine Untersuchung der in Frage stehenden Angelegenheit stattgefunden hat Da der Vorsitzende des Gemeinderats schon seit geraumer Zeit erkrankt ist und den Sitzungen nicht beiwohnen kann, ist beim Fernbleiben der erwähnten 4 Herren das Kollegium beschlußunfähig. — Eine Niederlage hat übrigens die htesige soztaldemokra- tische Mehrheit des Gememderats vor kurzem erfahren. Anstelle des scitheffaen Gemeinderatsmit- aliedes, Messerschmied Gustav G-ffach, wurde der Landwirt Karl Pfefferkorn mit 122 Stimmen gegenüber 81 Stimmen, die auf den von anderer Seite aufgestellten Landwirt Karl Drcißigacker fielen, gewählt. Dieser kleine Sieg der bürgerlichen Parteien fft besonders bemerfenstoert, als er hoffen läßt, daß bei der int November d. I. stattfindenden Haupt- Wahl ein noch günstigeres Ergebnis erzielt wird.
* Nordheim v. d. Rhön, 18. Sept. 1913. Von einem raschen Tode ereilt wurde hier der Landwirt Hieronymus Hippeli. Gestern war er noch mit Ackern aus seinem Felde beschäftigt und wollte heute an» KartofftlheranSmachen neben. Bevor er