Fuldaer Zeitung
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40. Zahrgang.
Donnerstag den lS. September 1913.
Erstes Blatt.
Nr. 216.
* Eine kleine Zentrnmshetze haben nach dem Vorgänge eines ostafrikanischen Blattes einige „nationale* Organe in Deutschland, allen voran die ,Tägliche JtunDfdjau', versucht. Wir gaben den Fall schon in Nr. 213 festgenagelt, einige allgemeine Bemerkungen dazu dürsten nachträglich »och angebracht sein.
Das deutsch-ostafrikanische Blatt, die.Usambara- Post', hatte gemeldet, und die „nationalen* Blätter meldeten es ihr nach, der Kommandeur der dortigen Schutztruppe, Oberstleutnant Frhr. v. Schleinitz, der sich zurzeit auf Urlaub in Deutschland befindet, werde auf seinen Posten nicht mehr zurückkehren: „Soviel jedoch ist sicher, daß in diesem Falle, wie so oft im Leben, ein gerader Mann einer krummen Politik im Wege war.* Man sieht, in Afrika werfen gewisse Leute genau mit denselben Sprüchen um sich, wie hierzulande ihre Freunde. Tas Ganze soll die Folge einer „Zentrumsintrigue* sein. Die „nationale* Presse erinnert an „Angriffe", die der Abg. Erzberger gegen Frhru. v. Schleinitz ge- richtet habe, weil er nach Verübung von Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten gegen Eingeborene durch eine Expedition es unterlassen habe, eine strenge Untersuchung einzuleiten und die Schuldigen zu bestrafen. Dieser Vorstoß des Abg. Erzberger soll nun die Ursache fein, daß Frhr. von Schleinitz aus dem Dienst ausscheidet. Die Regierung wolle Ruhe haben vor dem Zentrum. Die „liberale" Presse verlangt „Klarheit^ von der Kolonialverwaltung, „ob sie wirklich einen verdienten Offizier nur deshalb fallen lassen wollte, weil er der Zentrumspartei unbequem ist.
Wie miserabel tendenziös! Aber man merkt dre Absicht dieser Ränkeschmiede. Wenn ein Beamter in Gefahr kommt, seinen Posten zu verlieren, wie kann inan den halten und stützen? Man sucht nach, ob der Mann nicht einmal von einemZentrumsmann angegriffen worden oder wenigstens mit einem katholischen Vorgesetzten oder Kollegen in Konflikt geraten ist. Wenn ja, so ruft man Heureka und läßt in der kultur- kämpferiscyen Presse schreiben' Dieser brave Mann und hochverdiente Beamte soll dem Zentrum zum Opfer fallen; eine Zentrumsintrigue hat ihn beinahe schon gestürzt; die Regieivno fürchtet so sehr das Zen* tnim, daß sie sich unter dessen Nebenregierung beugt! Deutsches Volk, sichst du die Eiterbeule? usw. So droht man mit einem „Sturm der öffentlichen Meinung". Die Negierung soll nicht nach sachlichen Erwägungen gewissenhaft ihre Entscheidung treffen, sondern man will sie nötigen, zu Gunsten des betreffenden Beamten zu entscheiden; denn sonst muß sie S p r e h r u t e n laufen durch bie ganze ku 1 turkämPferische Presse und wird vor allem Volk als Sklavin verschrien.
Das ist ein Ränkespiel. Dessen Urheber sagen aber, das Zentrum oder der Abg. Erzberger trieben eine Jntrigue. Wenn der Abg. Erzberger öffentlich im Reichstage das Verhalten eines Beamten kritisiert, fo kann man das auf deutsch einen Angriff nennen, aber doch nicht eine Jntrigue. Ränkeschmiede gehen hinten herum und halten sich im Dunklen. Ein Abgeordneter, der Mißgriffe oder Mißstände int Parlament zur Sprache bringt- erfüllt geradewegs und in voller Offenheit seine Pflicht. Er kann sich irren, und dann muß er sich die Widerlegung von Seiten der Regierung ober der andern Abgeordneten, auch die Widerlegung durch die Presse gefallen lassen. Aber daß man das ehrliche Bestreben eines Abgeordneten nach Beseitigung von Mish änden und Aer- gernissen als „Jntrigue" oder als Versuch einer Vergewaltigung hin stellt, das brauchen er und seine Freunde sich nicht gefallen zu lassen.
Im vorliegenden Falle hatte nicht allein der Abg. Erzberger, sondern in demselben Sinne ein freisinniger Abgeordneter Kritik geübt. Der Fort-
- —
Der Brandstifter.
17] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.
Statt solcher erwiderte ihm die Muller mit einer Schärfe im Tone, daß es ihn förmlich ängstlich überrieselte:
„Des muß ich an dir erlerne, Ernst? An dem, was du verspräche host, drehst un deutelst du herum? Schäm dich! Denk', wenn statt mir dein Vatter vor dir stehe tat — wie wollt'st du dich vor dem verantworte?"
Die Erinnerung an den von ihm als Mann so hochverehrten Toten wirkte geradezu erschreckend auf den Studenten. Dem Vater gegenüber hätte er es allerdings nicht gewagt, seinen Treubruch in der Weise zu rechtfertigen, wie er es Mutter und Schwester gegenüber getan — da wäre er schön angekommen! Ein Mann — ein Wort," das war der Wahlspruch des Vaters gewesen, ein Wahlspruch, den der redliche Mann selbst dann befolgte, wennJias Worthalten mit unangenehmen oder schädlichen Folgen für ihn verknüpft war. Und diese strenge Anschauungsweise über die Heiligkeit eines einmal gegebenen Wortes hatte sich, wie Ernst jetzt sah, auf btc Mutter vererbt. Rücksichtslos, wie es der Vater getan haben würde, erinnerte sie ihn an feine Pflicht, unter allen Umständen »in Wort zu halten — oder hatte die Mutter dabei nur sein und ihr materielles Interesse int Ange, wollte sie nur aus ihrer wirtschaftlichen Not heraus- kommen?"
„Mutter" — antwortete Ernst erst nach einer langen Pause und feine Stimme hatte etwas Flehendes — „stelle mich nicht vor ein entschiedenes: entweder
oder! Verurteile mich utcht ungebört und suche sich in meine Seelenvorgänge htnetnzudenken. Mein jahrelanger Verkehr in den feinsten Gesellschaftskreisen mußte doch naturgemäß die einfachen Anschauungen, die hier gang und gäbe sind, von Grund aus beränbern — dem Leben, dcw vor nur lag, mußte ich mich doch in ollem anpassen. Die vielen neuen Eindrücke, die ick im Studenten- und Soldatenleben er-
schrittspartei hat man aber weder Jntrigue noch Nebenregterung vorgewcrfen. Nur dem Zentrum. Aus dem einfachen Grunde, weil es verblendete Leute genug gibt, die sich vor dem Schreckensruf der „Zentrumsherrschait" entsetzen, ohne erst nachzufragen, ob dieses Gespenst auch Fleisch und Blut hat. Der „Sturm der öffentlichen Meinung" wird erregt, den Ministern und Staatssekretären wird ängstlich zu Mute; sic lassen fünf gerade fein, um ihre Ruhe zu haben. Nämlich Ruhe vor den Zentrums g e g = item. Das ist d»r Zweck der wirklichen Jntrigue.
Wenn dieses Verfahren bei uns landesüblich wird, fo sind die Abgeordneten der Zentrumspartei mundtot gemacht. Wenn sie nach ihrer Pflicht und ihrem Gewissen Kritik üben an den Mißständen und deren Urhebern, so erreichen sie nur eine Beseitigung des Hebels. Denn der kritisierte Beamte ist bann unabsetzbar und unantastbar geworden; seine Freunde erklären einfach, er sei vom Zentrum zum Opfer auserkoren, und dann wagt kein Vorgesetzter sich an diese geweihte Person heran. So entwickelt sich in der Tat eine Nebe n- und lleberregierung, aber nicht eine solche des Zentrums, sondern des Evangelischen Bundes.
Wenn die Gefolgschaft dieser Ränkeschmiede noch etwas Urteilsfähigkeit hätte, so würde sie freilich sagen: Wie kann man von einer Herrschaft des Zentrums reden, wenn diese Partei nicht einmal bie Verschärfung des Jefuitcngefetzes zu verhindern vermag? Sollten die Intriganten des Zentrums ihre Kunst und Kraft wirklich lieber in einer ostafrika- nischen Personenfroge verbrauchen, als zur Beseitigung des Jestiitengesetzks? — Soweit strapaziert aber bie verhetzte Gefolgschaft jener Leute ihr Gehirn nicht.
Unb bie Regiexung? Wir verlangen nichts weiter, als baß sie nach sachlichen Erwäzungen beschließt, was sie für gerecht unb ftaats:örberlicf) hält. Sie soll sich nicht von uns einschüchtern lassen, aber auch nicht von eigentlichen Ränkeschmied en unb Alarmschlägen.
)( Das Kommunalabgabengesetz.
Vom Ministerium beS Innern unb dem Finanzministerium ist der Entwurf einer Novelle zum Kommunalabgabe>rgefttz ausgestellr-
Die Gemeinden sollen die Befugnis erhalten, in größerem Umfange als bisher für bestimmte Handlungen chrer Beamten, die auf Antrag einzelner erledigt werden, wie Beglaubigen, Bescheinigungen u. s. w., Gebühren zu erheben. Ausgenommen sind stempelpflichtige Bescheinigungen sowie solche zur Reichsversicherungsordnung und Angestell- ten-Versicherung. — Steuerordnungen sollen nichi mehr der Genehmigung der Aufsichtsbehörde unterliegen, wenn eS sich um die Besteuerung voitz Lustbarkeiten, von Bier, der Konzessionserteilung für Gast- unb Schankwirtschaften sowie beS Haltens von Hunben hanbelt.
Sehr wichtige Bestimmungen enthält der Entwurf in bezug auf die Erhebung der Gemeindeeinkommen st euer. Sie wird ausgedehnt auf die Gefellschafren m. beschr. Haftung und auf den Staatsfiskus Hinsicht!, seines Einkommens aus den zu Ansiedelungszwecken angekauften Besitzungen. Bei Kleinhandelsbetrieben, die mehr als fünf Z w e i g- nieberlaffungen in verschiedenen Gemeinden unterhalten, soll für be Verteilung beS steuerpflichtigen Einkommens der Umsatz zugrunde gelegt werden. — Gegenwärtig bleibt bei bet Veranlagung zur Einkommensteuer der Teil des Gesamteinkommens, der in anderen preußischen Gemeinden au3 Grundvermögen, Handel, Gewerbe usw. gewonnen wird, außer Berechnung. Nur wenn das steuerpflichtige Einfuhr, bewirkten da eine Wandlung in meinen Gefühlen für das Mädchen, dem ich, wie ich ja zugestehen muß, Versprechungen gemacht habe — soll ich da wegen diesen leichtsinnig gegebenen Versprechungen mein ganzes Leben lang —'
i „Aber jetzt" — unterbrach ihn die Mutter mit kalter Stimme — „jetzt liegt des Sudente- un des Soldatelewe doch hinner dir, Ernst — jetzt is dir de Verkehr in de feinste Gesellschaftskreise doch for immer abgeschnitte! To is es doch des Nächste, daß du dich Widder uff bei Wort besinnst! Dein neuer Schatz, beS vornehm Mädche in Wiesbaden, werd dir, soviel ich die Stadtmädcher kenne, nix in be Weg lege--
wenn bie gewahr werd, wie's letzt mit dir steht, dann micht sie unner bie ganz Liebschaft mit dir en dicke Strich —"
Ein schmerzliches Zusammenzucken des Sohnes ließ sie innehalten. Wie zu energischem Protest hatte der junge Mann die Rechte erhoben und stieß hastig hervor:
„So niedrig denkt Elvira Werthauer nicht, Mutter! Nein, nein und tausendmal nein! Gegen den Verdacht, daß sie äußerer Verhältnisse halber chr Wort zurückfordert, muß ich sie entschieden in Schutz nehmen!"
„Du Werst jo sehe, wie sie sich dazu stellt, wenn sie hört, daß sie uff aamol anstatt en studierte Mann en Bauer heirate soll!" antwortete die Mutter trocken. „Liber davon iS io vorläufig nit die Red! Schlaf emoT ruhig über die Gefchicht Ernst, überleg dir alles — unser Herrgott werd dir dann schon de rechte Weg weise!"
„Mutter, ich kann dir nur wiederholen, daß an eine Verlobung zwilchen mir und Klärchen Kayser nicht gedacht werden kann. Vor einer Stunde habe ich bereits mit Klärchen im Garten gesprochen unb ihr alles klargelegt. Klärchen sieht selbst ein, baß wir nicht zusammen passen — sie hat mich meines Wortes entbunben unb mir den Ring, ben ich ihr schenkte, zurückgegeben!"
„Du host mit ihr gebroche — host des größte Glück verscherzt, toaS es for dich uff der Welt gerne könnt?" fragte bie Mutter mit totenblaß geworbenem Gefickt
kommen weniger als ein Viertel bes Gesamteinkommens beträgt, ist bie Wohnsitzgemeinde berechtigt, ein volles Viertel für ihre Besteuerung in Anspruch zu nehmen. Diese Bestimmung soll int Interesse ber Wohnsitzgemeinbe aufgehoben werben. — Für bie Heranziehung eines Steuerpflichtigen in mchreren Gemeinden wird eine andere Berechnung, nämlich nach dem Verhältnis beS Teilneinkommens zu bem Gesamteinkommen emgeführt.
Von großer Bebeutung für bie Gemeinden sinb auch bie Bestimmungen über bie gemeinsame A u s- b r i n g u n g von Schult ast e n. Gemeinden, die in Ansehung der Verkehrs- und Geschäftsbeziehungen ihrer Einwohner ein einheitliches Wirtschaftsgebiet bilden und insofern erhebliche Verschiedenheiten der Leistungsfähigkeit aufweisen, als in einer ober mehreren von ihnen das Oer Gemeindebesteuerung zugrunde gelegte Steuersoll, auf den Kopf ber Einwohner berechnet, außergewöhnliche Unterschiebe gegenüber allen ober einem Teil der anderen ergibt, können zur gemeinsamen Aufbringung eines Teiles der Volksschullasten zu einem Ausgleichsverbande zusammengelegt werden. Der Ausgleichsbetrag, der ein Viertel des nach Durchschnitt ber brei letzten Rechnungsjahre berechneten Gesamtbebarfs für die Zwecke des öffentlichen Volksschulwesens in dem Ausgleichsverbande nicht übersteigen darf, wird im ganzen festgesetzt, nach dem Maßstabe beS ber Gemeinbebesteuerung zugrunde gelegten Steuersolls von den einzelnen Gemeinden eingefordert und zu deren Gunsten nach dem Maßstabe der Zahl der VolkSschul- kinder unterverteilt.
Beschlüsse der Gemeinden über die Erhebung von Zuschlägen zur Einkommensteuer sollen nur noch der Genehmigung durch die Aufsichtsbehörde bedürfen, wenn die Zuschläge zu einer der staatlich veranschlagten Realsteuern in geringerer Höhe als bie Zuschläge zur Einkommensteuer bemessen werden, ober wenn bie staatlich veranlagten Realsteuern derart in Abstufungen herangezogen werden, daß die eine Steuer im Verhältnis zu der anderen mehr als doppelt fo stark belastet wird, oder wenn baS bestehende Steuersoll ohne entsprechende Ermäßigung des Einkommensteuersolls herabgesetzt werden soll. — Die jetzigen Bestimmungen über die Verteilung des Steuerbedarfs auf die verschiedenen Steuerarten, Einkommen- und Realsteuern, werden aufgehoben.
Die Gemeinden sollen befugt fein, anstelle der Naturaldienste eine deren Wert entsprechende Geldablösung von den Steuerpflichtigen einzuziehen. Die Sätze dieser Ablösung,können nach ber Leistungsfähigkeit des Pflichtigen abgeftuft werden. — Die Einspruchsfrist gegen bie Heranziehung zu Steuern, Gebühren ufw. wird von 4 auf 2 Wochen herabgesetzt. — Die Verbindlichkeit zur Nachzahlung der Steuer verjährt in 10 Jahren und geht auf die Erben über, jedoch nur bis zur Höhe ihres Erbanteils und mit einer Verjährungsfrist von 5 Jahren.
Bezüglich beS Realbesteuerungsrechtes sollen irr'Zukunft bie dem Staate, den Provinzen, den Kreisen, Gemeinden und sonstigen Kommunalverbänden gehörigen Gebäude sowie die dem Staate gehörigen Grundstücke, falls diese Gebäude oder Grundstücke zum öffentlichen Dienst bestimmt sind, der Realsteuer nicht unterliegen.
Für die Einschätzung von Grundstücken mtt land- und forstwirtschaftlicher ober gärtnerischer Nutzung soll soweit bie Veranlagung nicht nach dem gemeinen Wert erfolgt ber Ertragswert zugrunde gelegt werden; als solcher hat zu gelten der 25sache Reinertrag, den die Grundstücke nach ihrem wirtschaftlichen Zweck bei gemeinüblicher Bewirtschaftung tm Durch- schnitt gewähren können. Ausgenommen davon sind Grundstücke an Straßen, die für den öffentlichen Ver- kehr fertiggestellt sind. ___________________
und hielt sich, als fürchte sie umzufinken, an der Lehne des nächsten Stuhles fest. „Dann is mer letzt Hoffnung hin — dann kann ich nur unfern Herrgott bitte, daß er's gnädig mit uns micht!"
Und auf den Stuhl niedersinkend, verhüllte die strenge Frau mit beiden Händen ihr Gesicht unb fchluchzte bitterlich.
Von bem unerwarteten Schmerzensausbruch auf das Tiefste erschüttert, eilte Ernst auf bie Mutter zu, umschlang sie mit beiden Armen und rief beschwörend: „ ,
„Weine nicht, Mutter! Verzweifle nichti Du hast einen Sohn, der für dich sorgen wird! An mir soll es nicht fehlen, daß wir wieder, wenn auch auf andere Art, in die Höhe kommen! Du sollst mich nicht umfonst an den seligen Vater erinnert haben — ich will ihm in dem neuen Leben, bas vor mir liegt, Ehre machen.
Da richtete sich die Mutter empor, machte sich langsam aus ben sie unffchlingenben Armen los und sagte mit einem vorwurfsvollen Blick auf den Sohn:
„Des sinn Worte — wir wolle sehe, ob bir’S ernst damit iS! "
„fPhdter, soll ich dir schwören —"
„Schwör nit! Mer netntn mir's ntt übel, daß ich aam, ber so leicht mit bem umgeht, was er verspräche hot, nit über de Weg traue! No — in bem schwere Lewe, was jetzt vor dir liegt, kannst du jo zeige, was du wert bi't." — Damit schloß Frau No- ther das auf dem Tische liegend: Buch wieder in den Pult, warf noch einen Blick auf den schweigend vor sich hinstarrenben Sohn und verließ die Stube.
6. Die Sucht nach Vergessen.
Wenn man von dem Gasthaus zur „Linde" die Hauptstraße Oberhausens hinabging, bann gelangte man ziemlich am Ende des Ortes an ein altertümliches Bauernhaus mit hohem Ziegeldach, baS sich in feinen Dimensionen von ben Nachbarhäusern wesentlich abhob. Die von einem Erker in ber Mitte unterbrochene, sauber gestrichene, von braunem Balkenwerk burchsetzte Front beS Hauses zeigte eine lange Doppelreihe bleigefaßter Fenster; ein breites überdachtes Tor, sowie eine endlos sich hinziehende, mit
Deutsches Reich.
* Berlin, 17. September 1913. Der Kaiser ist um 2.30 Uijr m Sabinen emgettoffen. — Der Reichskanzler von BethmannHottweg hat seinen Aufenthalt in der Schweiz heule abgebrochen U"b trifft Donnerstag wieder in Berlin em. — Ein Entwurf über die Abänderung der WarenhauSumiatz- steu er wird dem preußstchen Landtage in bet nächsten Seffion noch mcht zugehen können, ba bie Vorarbeiten zu viel Zett in Anspruch nehmen. — Ein deutsch- griechifcher Zentratverbanb zur Förderung der wirtschastlichen Interessen wirb sich am 8. Oktober in Berlin konstituieren.
+ Ter frühere Botschafter Graf Alvensleben ist am Dienstag zu Etxleben gestorben. Er wat Mitglied des preußischen Herrenhauses, Wirklicher Geheimer Rat, zuletzt deutscher Botschafter in Petersburg. Graf Alvensleben hat fünf Jahre lang den Petersburger Botfchafterpvsten bekleidet und zwar mit gutem Erfolge. Er löste im Jahre 1900 den Fürsten Radolin, ber nach Paris berufen würbe, ab, in einer Periobe, wo bie beutsch-russifchen Beziehungen auf bem Wege zu ber vom Reichskanzler Fürsten Hohenlohe angebahnten Besserung sich befanben. Graf Alvenslebens Tätigkeit fiel in bie Zeit, als Ostasien im Mittelpunkte beS Weltinteresses staub: Vom Boxeraufstande bis zum Enbe bes japanisch-russischen Krieges. Währenb bieser Zeit hat ber Botschafter eS verstauben, baS russische Vertrauen in bie Zuverlässigkeit unb bas Wohlwollen ber deutschen Neutralität in Rußland zu befestigen und damit viel zu den sich besfernden deutsch-russischen Beziehungen beizutragen. Schon in ber ersten Hälfte ber 70er Jahre war Graf Alvensleben als Botschaftsrat ein halbes Jahrzehnt in Petersburg gewesen und hatte den Botschafter zeitweise mit Gewandtheit unb Erfolg vertreten.
+ Zur Abänderung des Handwerkergesetzes. Noch in diesem Herbste werden nach Berliner Blättern im Reichsamt beS Innern Beratungen mit Vertretern der deutschen Gewerbeverelne ftatifinoen, um auch diesen Kreisen Gelegenheit zu geben, ihren Standpunkt zu allen einzelnen Fragen der kommenden Handwerkernovelle zum Ausdruck zu bringen. Außerdem werden auch die Vertretungen von Handel und Industrie vom Reichsamt deS Innern auf« gefordert werden, in gemeinsamen Beratungen Stellung zu nehmen. Ferner aber wird noch einmal, bevor die Vorlage an die gesetzgebenden Körperschaften gelangt, allen Kreisen durch Veröffentlichung deS Entwurfes Gelegenheit gegeben, etwaige Abänderungsvorschläge an der zuständigen Stelle zu unterbreiten. Wann der fertige Entwurf an den Reichstag gelangen wird, läßt sich einstweilen noch nicht übersehen; daß eS schon in der nächsten Tagung sein werde, darf nicht als wahrscheinlich gelten.
* Zur Förderung des heimischen Obstbaues sollen einer Korrespondenz zufolge erhöhte ÜVltUel eingestellt werden. DaS ist bereits vielfach im Parlament gefordert worden. Der Wert der Obsteinfuhr aus fremden Ländern nach Deutschland betrug 109 Mill, im letzten Berichtsjahre, während der Wer! der deutschen ObstauSfuhr nur etwa 2 bis 3 Vrozenr des Wertes der Einfuhr auSmacht. Die Ansteü ng von „KreiSobstgärtnern", die Errichtung eines großem ObstlagerhaufeS mit Kühlvorrichtung in der Lehranstalt in Geisenheim, die das Landwirtschafts- minifletium einrichtet und die eine Aufbewahrung des OdsteS bis in den Winter ermöglicht, sowie eine Verbesserung der Obstabiatzmethoden in Deutschland namentlich mrSortieiung, VerpackqngSart und möglichsten Beschränkung in den einzelnen Sorten beim Angebot loll n erneut studiert und geprüft werden.
)( Nachtarbeit für jugendliche Aibeiter. Die in Bern tagende imernationale Arbeiter! chutzkonferenz
Hauswurz überwucherte Mauer schloß sich unmittelbar daran, hinter welch letzterer sich grünes Blät- tergetoirr hochstämmiger Laubbäume erhob, durchsetzt von einigen Gruppen hochragender Tannen und Kiefern. Das ganze Anwesen umfaßte an Flächenraum wohl das fünf- bis sechsfache eines der benachbarten ober gcgenüberliegenben Gehöfte unb ließ in feinem ganzen Aussehen vermuten, baß hier wohlhabenbe- Leute wohnten, die neben dem Sinn für das Notwendige auch das Bedürfnis fühlten, sich das Dasein nach Möglichkeit zu verschönern. Denn wie vor ben meisten der spiegelblanken Fensterscheiben eine Reihe von Blumenstöcken in zierlich gestrichenen Scherben prangten, so ließ ein Blick durch das offene Tor in den weiten parkartigen Garten schön gepflegte Pro-, menadewege, einen in der Mitte eines Nasenrondells emporstäubenben, in ber Sonne glitzernden Springbrunnen sowie prachtvolle von den Ranken ber japanischen Rose überwucherte Laubengänge gewahren.
Ja — bet Heinrich Kayser, ber hatte es! Der konnte eS sich wie ein wirklicher Kaiser leisten, einen förmlichen Schloßpark zu unterhalten, auftalt das ungeheure Stück Land, baS bie Mauer umschloß, nutzbar zu verwerten! Ter Garten war eben sein Stolz und nur ein langer Streifen desselben, nach dem rückwärts liegenden Felde zu, war mit Gemüsen, Bohnen Johannisbeersträuchern und anderen cür den Haushalt nützlichen G°wächs:n bepflanzt. In beut ä'enau wie ein Knecht aussehenden, mittelgroßen llaitn in Hemdärmeln, der eben eifrig damit beschäftigt war, im Gemüsegarten ein Beet umzugraben, hätte man wohl kaum, den Besitzer all dieser Herrlick- keit vermutet, wenn nicht die soeben mit einem vollbeladenen Erntewagen in den Hof einfahrendeu Knechte sofort ihr muteS Schreien gemäßigt hätten, als sie den Alten erblickten. Dieser hatte seine Arbeit infolge des Lärms unterbrochen und warf jetzt einen unwillig fragenden Blick herüber. An der ganzen Haltung des Mannes, dem ruhigen festen Blick der blauen Augen sah man sofort, daß man hier eine Herrennatur vor sich batte, b’e an das Befehlen gewöhnt war; wie auch eine zwischen ben Brauen des Mannes sich tief cingrabcnbe Falte darauf hin- bcutete, daß ihm das Benchmen der Knechte gegen derr Strick aina.