Zuldaer Zeitung
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Zuldaer Sefchichtsblätter
40. Zahrgang.
Mittwoch Öen 17. September 1913
€rftes Blatt.
Nr. 215
ertdteint töglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Dier et- iährlidier Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld m Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Nolationsdruck und Verlag der . - zuldaer Nctieadruckerei In Zulda. Zemsprecher Nr. 9, ::
Illustrierte Sonntagszeihing
:: Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Kla|fen-£otterie. — halbjährlich Taschenfahrplan, r:
........................... einfpoltigen Colonehelte,---
Reklamen: Der Raum einer Coloneheile, 74 nun breit, koftu — ---
tDieberholungen Rabatt. $ür Offert- und fluskunftanjeiaen 20 Pf. extra. 3n Konkursfätlen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. erfOUungsorf für bas ön- klagen von Sortierungen ist Zulda» tinzeigen-tinnahme bis 10 Uhr vormittags» u u Größere knzeigen erbitten wir uns tags vorher. rr s
x Steine statt Brot.
Was bieten die sozialdemokratischen Parteitage dem Arbeiterstand?
Wir haben diese Frage schon früher wiederholt gestellt: die Antworr war: Nichts. Der gegenwärtige rote Parteitag von Jena bleibt im alten Gleise der unfruchtbaren Redereien. Man hat besseres und höheres zu tun, als sich um die Wohlfahrt der deutschen Arbeiter zu kümmern: man muß über die interessante Frage des Massenstreiks endlose Wortgefechte halten und schließlich abstimmen über zwei Resolutionen, von denen die eine ebenso phrasenhaft und inhaltsleer ist, wie die andere.
Jetzt hat die rote Partei doch 111 Abgeordnete im Reichstage. Ist nun nicht endlich die Zeit gekommen sür p o s i t.i v e Arbeit im Interesse des Standes, den die Wortführer zu vertreten behaupten? Es scheint nicht; denn man drischt nach wie vor mit großem Geräusche leeres Stroh und fabriziert für die Wählerschaft recht umständlich ein Bukett von tauben Aehren.
Wie beneidenswert ist doch die Gefolgschaft dieser roten Helden! Zum Dank für den Wahlsieg, den diese Getreuen im vorigen Jahre errungen haben, beschert man ihnen jetzt die herrliche Aussicht, daß sie gelegentlich einmal in einem Massenstreik ihr Gut und ihr Blut aufs Spiel setzen dürfen. Warum und wozu? Nun einfach zur „Ehre" der roten Fahne. Denn daß mit dem Massenstreik nichts reelles zu erreichen ist, nicht einmal die preußische,Wahlreform, das wissen alle vernünftigen Parteiführer ganz genau. Ja, einige von ihnen gestehen die Aussichtslosigkeit eines so opferreichen Kampfes auch ehrlich ein. Aber trotzdem muß mit dieser gefährlichen Waffe gespielt werden. Denn die Partei läßt in ihrer ZuKraft nach, den Massen muß „etwas geboten" werden, und da man außer Stande ist, ihnen etwas verrrünftiges zu bieten, so gaukelt tjtan ihnen einen imposanten Massenstreik vor, der dem Größenwahn der urteilslosen Menge schmeichelt. „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will." Die traurigen Erfahrungen mit der Maifeier haben diesen Kraftspruch zu schänden gemacht. In Belgien hat sich soeben erst gezeigt, daß sogar eine Wahlreform, welche die Herrschaft über das ganze Staatswesen versprach, nicht die nötige Kraft zur erfolgreichen Durchführung eines politischen Generalstreiks hergeben kann. Und in dem „strammen" Preußen sollte ein ähnlicher Borstoß wegen eines Dutzend oder Schocks Laüdstagsmandate überhaupt gedacht werden können? Die ganze Sache ist unsinnig, und das viele Gerede und Getue ist ein toller Unfug, eine frivole Täuschung der Gefolgschaft im Interesse der Führer, die ihre Unfähigkeit und die Unfruchtbarkeit der.„Riesenpartei" krampfhaft zu verdecken suchen.
Zank und Streit gehört zu dem Wesen der sozialdemokratischen Parteitage. Das interessanteste an den gegenwärtigen Wortgefechten ist die Verwischung des alten Kreidestrichs zwischen Revisionisten und starren Marxisten. Jetzt streitet man nicht über ,einen Lehrsatz oder einen theoretischen Programmartikel, sondern über eine taktische Frage, und zwar über eine Frage der Zukunftstaktik, die noch gar nicht aktuell ist. Da haben wir nun die sonderbare Erscheinung, daß ausgesprochene „Revisionisten", wie z. B. der badische Großblockmeister Frank, sich in der schärferen Tonart ergeben, während vom radikalen Flügel mehrfach Mahnungen zur Mäßigung und Besonnenheit ertönen. Man hckt den Eindruck, daß etliche Revisionisten die Gelegenheit benutzen möchten, um auf billige Weise den Verdacht der Leisetreterei, und des Mangels an „revolutionärer" Entschiedenheit von sich abmwälzen, indem sie mit großen Worten den Massenstreik anpreisen und im Stillen auf fein Nichtzustandekommen rechnen.
Der 'Mrcrndstisier.
«16J Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus
von Fritz Ritzel.
„Den Ring mit dem Türkis! Und das hat Klärchen dir erzählt?"
„Erzählt Hot sie's nit — wir sinn uff e ganz •toüoS Art dehinner komme! Doo is so en Stro- nrer, wie sie ewe jo genug draus herumlaafe, in des Kaysers Haus komme un Hot bettele wolle. Zufällig war niemand in den Stube un do Hot der Kerl ■mitgenommen, was sich nit gewehrt Hot. Aach im Klärche seiner Stub is er gewese un Hot aus der Kornrnodschublad dem Klärche sei Schmuckkästche mit gehe haaße. Der Kerl war schon über alle Berg, wie des Kayser'S den Diebstahl gewahr sinn wor'n — des Klärche war ganz außer sich un Hot nur immer lamentiert nooch ihr'm Ring, den der Lump aach ge- i stöhle hat. Der Ring — Hot sie zu unserer Gustel gesagt — wär ihr mehr wert wie alles annere zu- samme! No — unser Gustel Hot sie getröft un wie des Klärche gar nit uffgehört Hot zu greine, da is die Gustel uff de Gedanke komme, unseren Nero zu hole un den uff die Spur von dem Dieb zu setze. Des Bremsers August is dezukomme; dem hawe die Mäd- cher alles verzählt und der ist bann aach gleich Feuer un Flamm for die Sach gewese. Mit noch zwaa Barsch aus dem Ort sinn sie dem Kerl nooch — der Nero is immer vorne hergelaafe und Hot sie gesührt und des End vom Lied war: sie hawe den Lump im Wald bei Kirberg verwischt — die Barsch hawe ihm en gehörige Denkzettel gewe un hawe ihm die ge- stohle Sach Widder abgenommen. Natürlich Hot die Gustel den Ring mit dem blaue Staanche gefennt un wie sie dann des Klärche in's Gebet genommen Hot, do Hot des gebeicht, wie's zwische dir un ihm steht!"
Mit seltsam gemischten Gefühlen hatte Ernst die Erzählung der Mutter angehort. Also deshalb hatte ihn die Mutter gerufen! Ihre einzige Hoffnung war, daß er mit einer reichen Heirat wieder alles in das Gekeife bringe! Und er mußte diese Hoffnung ttick-
Uneinig sind die Herren schließlich nur über die Frage der Zweckmäßigkeit. Einig sind sie darin, daß sie den Massenstreik und alle sonstigen Kraftproben und revolutionären Vorstöße für erlaubt halten, sobald sie nur Erfolg versprechen.
In dieser Zeit der Groß- und Rotblockpolitik ist es immerhin gut, wenn die Umsturztendenz der ganzen sozialdemokratischen Partei recht deutlich hervortritt. Ten Arbeitern bietet man nichts, als Aussicht auf S t r aß en k ärnp f e.
Deutscher Reich.
* Berlin, 16. Sept. 1913. Aus Troppau wird vom 16. Sept, berichtet: Um 9 Uhr vocm. verlieh Kaiser Wilhelm Schloß Solza, um sich nach Kuchelna auf die Besitzung des Fürsten Lichnow ky zu begeben. Von dort erfolgte um 11 Uhr die Ad- fahrt nach Katharern und Troppau. Um 12 Uhr erfolgte die Ankunft. Eine vieltausendköpfige Menschenmenge empfing den Kaiser mit begeisterten Hoch-und Hurrarufen. Von Troppau ging die Fahrt nach Schloß Grätz. Tort fand ein Dejerines statt, an dem außer dem Kaiser und den Gastgebern Fürst und Fürstin Lich- nowsly teilnahmen. — Prinzessin Viktoria Luise wird am kommenden Donnerstag nach Potsdam reisen, um einige Zeit bei ihrer Mutter im Neuen Palais zu verleben. Ihr Gesundheitszustand hat sich gehoben. — Ded neue ameritanische Zoll- taris soll nach der „Franks. Ztg." am 1. März tn Kraft treten.
* Verbrüderung der deutschen und der österreichischen Schweriiidustrie. Die, Zentralverbände deutscher und österreichischer Industrieller hielten gestern in der Baufach-Äusstellung in Leipzig eine gemeinsame Ver- sammlung ab. Der Vorsitzende, Roetger, gab der Hoffnung Ausdruck, daß das erste Zusammensein der beiden Zentralverbände dem glücklichen Gedeihen der beiden großen Wirtschaftsverbände förderlich sein möge. Der Präsident des Zentralverbandes österreichischer Industrieller, Dr. Brosche, mies auf die unerschütterliche Bundesfreundschaft zwischen Deutschland und Oesterreich hin. Er hoffe, daß der Kontakt durch die gegenwärtige gemeinsame Tagung eine Fortsetzung auf österreichischem Boden finden möge. Namens der Reichsregierung begrüßte Geheimrat Heller bte Versammlung, namens der österreichischen Regierung Regierungsrät Dr Krentzbrueck. Die Geschäftsführer beider Verbände hielten darauf Vorträge über das deutsche Unternehmertum in der Gegenwart, sowie über die deutsche und österreichische Arbetterschutzgesetz- gebung.
** Krankensürsorge für den Oberlehrerstand. In Oberlehrerkreisen wird gegenwärtig der Gedanke der Begründung einer Krankenkasse für den gesamten Oberlehrerstand erwogen. Es ist angeregt, die Frage auf der nächsten Delegiertenkonferenz oder auf dem Oberlehrertage zum Gegenstand von Erörterungen zu machen. Auch ist vorgeschlagen, die aus Anlaß des Regierungsjubiläums des Kaisers ins Leben gerufene Stiftung, aus der ein Genesungsheim geschaffen werden soll, mit der Begründung einer Krankenkasse in Verbindung zu bringen.
* Arbeitszeit in sozialdemokratischen Betrieben. Der Verband der Lagerhalter, der den freien Gewerk- schaftm angehört, veröffentlich von Zeit zu Zeit Mitteilungen über die Arbeitszeit in den der Sozialdemokratie'nahestehenden Betrieben. Nach der neueften Veröffentlichung haben, wie wir der „Deutschen Tageszeitung" entnehmen, über 45 Prozent, also fast die Hälfte aller in solchen Betrieben beschäftigten Personen eine Arbeitszeit von täglich über 10—13 Stunden. Bei fast 5 Prozent der Angestellten steigt die tägliche Arbeitszeit von über 1Z bis aus 16 Stunden.
* Wahnsinn oöer Methode? Di- Frank'. Vo!k-- ftimme' bat eine selbst für einen Sottaldemokratcn haltlos zerstören! Mit welchen Worten sollte er das tun, ohne befürchten zu müßen, der Mutter rn falschem Lichte zu erscheinen? Er konnte nicht helfen, selbst wenn er gewollt hätte, konnte die trostlose Lage nicht ändern und hätte doch der Mutter so gerne alles zu Siebe getan — alles, was in seinen Kräften lag! Die uneigeniiützige Liebe, welche die Mutter gegen ihn bewiesen, hatte ein Echo in ihm erweckt, sie hatte in dieser Stunde eine ungeahnte Wandlung in seinem Innern bewirkt, so daß es ihn drängte, der Mutter zu zeigen, daß er ihr, wie es seine Pflicht war, in allen Nöten treu zur Seite stehen wolle.
„Un die Gustel hot vorhin in der Küch gesagt, du woll'st den Nero todfchieße, Emst? Des Werst du doch nit tun, jetzt, noochdem du waaßt, daß es dem Hund zu verdanke is---"
„Mutter!" unterbrach Ernst die angstvoll zu ihm Ausblickende in innigem Tone — „wie soll ich dir klar machen, daß du auf eine Heirat zwischen mir und Klärchen Kayser nicht rechnen darfst? Ich habe ja allerdings, wie ich dir gestehen muß, eine recht unbesonnene Liebelei mit dem Mädchen angefangen! Studentenliebe, Mutter — es war, wie gesagt — eine Unbesonnenheit, die ich von Herzen ungeschehen wünschte."
Die Augen weit geöffnet und starr auf den Sprecher gerichtet, hörte die Mutter dessen Bekenntnis an. Als er jetzt plötzlich verstummte, brach es wie in verhaltener Angst von ihren Lippen:
„Ernst — dir host des Klärche for gut genug gehalle, for mit ihm zu spiele? Du host geglaabt, des Mädche töt so was uff die leicht Achsel nemme und tät wie du denke: „aus de Aage — aus dem Sinn? Kennst du dann dei eigene Landsleit nit besser? Waaßt du nit, daß bei bene e Verspreche so viel gilt wie Brief un Siegel? , Wenn mer aach maane könnt, des Klärche wär obe hinaus un hält en leichte Sinn, weil's immer lacht und lustig is — glaab mir. des fühlt so tief, wie nur aans fühle kann! Die hot e Herz so treu wie Gold un micht gewiß ihr'n Mann glücklich! E besser Fraa for dich un e lieber Schwiegertochter wüßt ich mir uff der ganze Welt nit! lieber* leh dir's um Himmelswille un schmeiß bei Glück nit
überraschende Entdeckung gemacht. Sie meint, daß Verbrechen wie das Mühlhausener sich häufen würden, wenn die Sozialdemokratie .gestrichen" wurde. Diese Auffassung spricht sie in folgendem Satze aus, der gewiß die verständnisvolle Aufmerksamkeit der Irrenärzte erwecken wird: .. .
„Streicht die Sozialdemokratie aus, ihr, die der Mühlhauser Amokläufer entsetzt, und die Verzweiflung bricht alle Dämme, und die Wagners sausen durch alle Gassen, Schaum vor dem Munde und eine knallende Selbstladepistole in jeder Hand!
Eigentlich waren die letzten Spätsommertage zwar ziemlich milde, aber doch nicht so heiß.
* Ein Fortschritt in Sachsen. Großes Aufsehen erregte vor einiger Zeit der Umstand, daß em Presse- prozeß zum erftenmale in Deutschland vor einem Kriegsgericht verhandelt werden mußte. Der Major z. D. Hans Meißner, Redakteur der konservativen Halbmonatsschrift,Das Vaterland' in Dresden, hatte in einem Artikel über Volksfchulreform den Leipziger Lehrerverein beleidigt. Einige Vorstandsmitglieder erhoben darauf gegen ihn vor dem Schöffengericht Dresden Anklage. Aber das Schöffengericht lehnte bas Verfahren ab, weil es unzuständig sei, denn als Major z. D. unterstehe Meißner nicht dem Zivil-, sondern dem Militärgerichte. Daraufhin fand denn auch Verhandlung vor dem Dresdener Militärgericht statt, und Meißner wurde freigesprochen. Dieses Verfahren war nun Gegenstand lebhafter Kritik der Presse und diese Kritik hat wohl jetzt dazu gesührt, daß der König befohlen hat, daß Offiziere, die nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst einen Zivilberuf ergreifen, der in Konflikte im öffentlichen Leben bringen kann, z. B. als Redakteur und sonstiger Mitarbeiter von Zeitungen politischen und ähnlichen Inhalts, in Zukunft nicht mehr zur Disposition gestellt werden sollen bezw. bleiben dürfen. Die Bezirkskommandeure sind veranlaßt worden, hierauf dauernd ihr Augenmerk zu richten. Wir können diese Anordnung nur begrüßen ; man erweist hierdurch den Offizieren selbst den größten Gefallen.
München, 16. Sept. 1913. Seit einigen Monaten taucht wiederholt das Verlangen nach einem Bayerischen Zentrumstag auf. Gute Freunde des Zentrums zerbrechen sich nun den Kopf, ob ein Parteitag wirklich stattfinden wird oder nicht, ^n merkwürdiger Weise macht sich auch die „Köln. Ztg. mit dem Thema zu schaffen. Sie spricht sogar von einem „bayerischen Katholikentag". Die Ueberschrift des Artikels lautet sreilich: „Vom bayerischen Zentrum." Schade nur, daß nicht auch vom „Ultramon- tanismus" die Rede ist, sonst wäre alles beieinander, was der Liberalismus unter jeder der drei Bezeichnungen zusammen zu bekämpfen pflegt. Die „Köln. Ztg." glaubt nicht an einen Zentrumsparteitag. Sie meint: „Daß es in Wahrheit nicht dazu kommt, dafür werden schon mit Dr. Pichler jene anderen Herren sorgen, die der demokratischen Richtung im Zentrum zeitweilig den Lebensfaden abgeschnitten haben und denen ein bayerischer Katholikentag zurzeit überaus unbequem fein würde." Etwas später heißt es noch einmal ausdrücklich: „Einen bayerischen Katholikentag werden wir nicht bekommen." Einen Katholikentag freilich nicht, denn der hat wie für die anderen deutschen Katholiken so auch für die bayerischen jungst m Metz stattgefunden. Den haben freilich einfältige Leute Zentrumsparteitag genannt. Die „Köln. Ztg. meint indes einen Zentrumspatteitag, und den werden wir g a nz b e st i m m t demnächst bekommen. Die Vorbereitungen sind bereits tnt ® a n g e. Wenn liberale Blätter so ganz ohne Einschränkung das Gegenteil behaupten und geheimnisvoll hmzu- ftigen: „Und sie wissen auch warum,. so kennzeichnet das nur eine gewisse Journalistik, bte unbekümmert um das Tatsächliche einfach in den Tag Hinern be- bauptet. was sie Lust hat. Der Zentrumsparteltag sollte schon zu Anfang dieses. Jahres stattftnden Er wurde dann vertagt und wird nun wohl
von dir — loß die aanzig Gelegenheit nit herüber» gehe daß wir Widder hochkomme!" Das angstvolle Beben, welches als Grundton in den Worten der Mutter schwang, das bei der sonst so wortkargen Frau unverkennbar hervortretende Bestreben, ihn von der brinaenbeit Notwendigkeit der geplanten Verbindung zu überzeugen, bestürzten den jungen Mann ebenso, wie sie ihn wieder mit Zweifel darüber marterten, auf welche Weise er die Aussichtslosigkeit jeder Hoffnung klar legen sollte. Langsam in der Stube auf und abgehend, rang er mit einem Entschlüsse unb einer augenblicklichen Eingebung folgend», trat er plötzlich vor bie Mutter, ergriff ihre beiden Hanhe und sagte in dem herzlichsten Tone, der ihm zu geböte stand:
„Mutter — du sollst mich nicht umsonst zu Hilfe gerufen haben — ich helfe dir mit allem, was tn meinen Kräften steht! Bon nun an gehöre ich bir! So hart es mich anfommt, einen Strich unter mein seitheriges Leben machen zu müssen — es ist ein unbedingtes Muh, dem ich mich anpasse! . Ich werde wieder ein Bauer! Der selige Vater hat ja immer SU mir gesagt: „Wenn es mit dem Studieren nichts ist, dann wird immer noch ein richtiger Bauer aus dir! Das wär: schon vor zwei Jahren geschehen, wenn ich geahnt hätte, daß die Fortsetzung des Studiums nur auf Kosten von Entbehrungen geschehen konnte, die du dir auserlegt hast — unter keinen Umständen hatte ich auch nur einen Pfennig von dir angenommen! Und glaube mir, Mutter — ich kann schaffen unb will schafen, von früh bis spät, bis wir wieber aus allen Sorgen heraus sind! Also Kopf hoch, Mütterchen — es wirb schon alles wieber gut werben!"
Mit aufleuchtendem Blick hatte sich Frau Rother erhoben und zog, die Hände des vor ihr Stehenden pressend, diesen einen Moment an sich.
Do dran seh ich, baß bu noch ber alt Ernst mit dem gute Herze bist!" sagte sie dabei gerührt. . „Den goldene Kern, den hawe sie dir in ber Stabt nit herausreiße könne! So gehört sich's for en richtige Mann! Nit lang lamentiert über bas, was doch nit zu ännern is, sondern fest dem Lewe entgegengetrete, be Stier bei be Hörner gepackt — des is bie ächt altnassauer Art! Dann helft unser lieber Herrgott aach Widder!
b ember kommen. — Gestern fanden die Kir ch en' Wahlen für die Gesamtkirchengemeinbe München tatt. Angesichts ber Agitation unb Hetze, die vo, liberaler unb sozialbemokratischer Seite entfaltet worden war, namentlich unter Hinweis darauf, daß nunmehr für alle Pfarreien Umlagen erhoben werden sollen und daß diese Umlagen bald noch erheblich stete gen würden, wenn die „Zentrumsanhänger" siegten, darf das Ergebnis durchaus erfteulich genannt werden. In zehn von im ganzen achtzehn Pfarrbezirken siegten die reinen Listen der Katholiken mit erheblichen Mehrheiten. Nur in St. Margareth in Sendling kam der liberal-sozialdemokrattsche Block mit 1090 Stimmen der kirchl. Liste nut 1117 Stimmen ziemlich nahe, aber er ist unterlegen. In sieben Pfarrbezirken kamen Listen zustande, auf bie auch kirchlich interessierte Liberale aufgenommen wurden. Es wurden hier irt ganzen vierzehn Liberale mitgewählt. In einem einzigen Pfarrbezirk, St. Ursula (Schwabing und Milbertshofen), siegte ber Block mit 880 über bie katholische Liste, auf die 739 Stimmen fielen. Die Berttetung der Gesamtkirchengemeinde setzt sich zusammen aus 51 kirchentreuen Katholik^, 17 Liberalen, 3 Sozialdemokraten und einem „Neu-' traten". Die Katholiken haben also eine stattliche Mehrheit. Dieses Ende ist um so erfreulicher, als von katholischer Seite keineswegs die Agitation entfaltet wurde, wie von Liberalen und Sozialbemokuxr- ten. Kaum begreiflich ist das Jntereffe, bas von sozialbemokratischer Sette diesen Wahlen entgegenge»; bracht wird, von Leuten, die in keine Kirche gehen, bie sich schließlich Verbrennen lassen unb dadurch eine kirchliche Beerdigung unmöglich machen. Noch unbegreiflicher aber ist die Tatsache, baß als Wahlbirektor beim liberal-sozialbemokratischen Block ein protestantischer Magistratsrat fungierte. Was würby-man Wohl erleben, wenn bei protestantischen! Kirchenwahlen in der Weise Katholiken sich ettmsfch- ten! ' . . /
Aurlanv.
* Holland. Die Thronrede, die Dienstag die Session ber Generalstaaten eröffnete, umfaßt ein »eit«, gehendes liberales Programm, als dessen Hauptpunkte bie Ankündigung von Vorlagen aas Einführung einer allgemeinen staatlichen Altersversorgung twm 70. Jahre an, auf Reform der Verfassung zur Ermöglichung des allgemeinen Wahlrechts emschlreßlrch des Frauenstimmrechts und auf Emführmig einer allgemeinen Einkommensteuer unter Er- Höhung der Erbschaftssteuer zu betrachten sind. Ferner wird für die Verteidigung Indiens ein Großkampfschiff (vermutlich von rund 21000 Tonnen) verlangt und eine Vorlegung des Zuydersees angekündigte Die Krankenversicherung wird aus »eitere Stategonen' von Versicherten ausgedehnt. J
* Opfer des italienischen Wahlkampfes. Ber Neapel hat ber Wahlkampf zwei schwere Bluttaten gezeitigt. Aus dem Wege von Casoria nach Cassa- vatore wurde ein Anhänger des bisherigen Abgeordneten mit einem Gesolgmann des neuen Startet« baten handgemein und schoß ihn nieder. Freunde des Ermordeten verfolgten den Täter, tonnten jedoch seiner nicht habhaft werden. Daraus.begaben sie, sich zur Präfektur, um den Fall anzuzeige«. Unter« wegs schlossen sich ihnen andere Anhänger des neuen Kandidaten an. Da nun auch die Gegenpartei ihre Gefolgschaft gesammelt hatte, so kam es vor der Präfektur zu wilden Ausbrüchen des Partechaffes. Steine wurden geschleudert und ein Pottzeiageut verhauen. Die Sage war sehr ernst geworden, als em achtzigjähriger Priester, Pasqucüe Defimeo, auf die Rampe des Präsekturgebaudes trat, um durch seine Autorität die Wütenden zu beruhigen. Er hatte indessen kaum angefangen zu sprechen, als ihn em Revolverschuß ins Herz traf. Nach der Mord-
Amer nit wohr Ernst, von Wege dem Klärche —- des war doch vorhin nur so von dir gesagt — bu denkst doch im Ernst nttdran, daß du von dem Madche loste willst, noochdem — —"
„Bkitter!" — unterbrach sie der Sohn und fern vorher zur Schau getragenes Siegesbewußtsmn machte einer tiefen Niedergeschlagenheit Platz — „ten mußt bu dir aus dem Kopf fchlagen! Mtt Klärchen Kayser und mir kann es nie etwas werden!
„Aber warum dann nit, Ernst, warum dann ntt, um Himmelswille? Wenn du doch mtt dem Madt^ aanig bist — wenn ich dir sage, daß des Madche «ff dich getourt Hot — daß sie zwaa Freier ausgeschlage Hot, nur Wege Dir!"
„Ich bin gebunden Blutter — em Mädchen ut Wiesbaden hat mein Wort — Elvira Werthauer, die Tochter des Geheimrats Wetthauer!"
Mit geradezu angstvollem Entsetzen prallte Frau Rother vor dem Sprechenden zurück. Ihr strenges Gesicht, in dem eben noch ein so wohltuender Zug von Milde zu lesen gewesen war, versteinte förmlich und hastig stieß sie hervor: . .
„Ja — bin ich dann irr oder hab ich nit recht gehört? Du host mit eme Mädche in ber Stabt fest Bekanntschaft angefange, trotzbem bu bem Klärche bei Wort un den Ring gewe host? Des kann jo boch gar nit sein — des wär so himmelfchreiend!"
„Es ist aber so, Mutter! Schilt mich, wie ich mich selbst die ganzen Jahre her gescholten Habel Ein unbesonnener grüner Junge bin ch gewesen, als ich mich vor zwei Jahren so wett vergaß, Klärchen Kayser eine Liebeserklärung zu machen! Wie hätte ich denn gedacht, daß das Mädchen die Sache so ernst nehmen würde! Wie ein lustiges oberflächliches Ding hat sie sich gegeben, das sich nichts daraus macht, wenn ihm ein verstohlener Kuß geraubt wird! Für eine dauernde, tiefe Empfindung hielt ich das Mädchen gar nicht für fähig! Jetzt allerdings — Der junge Mann hielt inne, fuhr sich wie verzweifelt' mit beiden Händen durch die Haare und fah erwartungsvoll die Mutter an, als erwarte er Tcostesworte unb beruhigende Versicherungen von ihr-
.(Fortsetzung folgt.) '