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eitung

5ittor*

:: Zieljungsliften der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan.

Dienstag den 16. September 1913

Erstes Blatt.

Nr. 214

Erscheint tSgNch mit Ausnahme der Sonn- und Seiertage. üiertet- iährllcher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld In Sulba sowie auswärts 1.50 Mark. - Rotationsdruck und Verlag der 5 - jul&aer Actiendruckerei in Zulda. Fernsprecher Nr. 9. z n

~ “ Wodjen-Beitage:

Illustrierte Sonntagszeitung

HIonats-Beilage: :: "

Zuldaer Seschichtsbliitter

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+ Die deutsche Sozialdemokratie.

Im Volkshaus zu Jena beraten in dieser Woche bie deutschen Sozialdemokraten über die Ausgaben, die ümen die nächste Zukunft zu erfüllen stellt und werfen einen Rückblick auf die Arbeit, die Erfolge und Mißerfolge des letzten Jahres.

Einer fehlt auf diesem Parteitag, der bislang tinbeftrittencr Führer und Wegweiser war, der Alt­meister Bebel, und keinen wissen die Genossen an seine Stelle zu setzen, der gleich ihm die Kraft und den Willen zur Führung besitzt. Die Wahl des nossen Ebert zum Parteivorsitzenden be­kundet zur Genüge die Verlegenheit der maßgebenden Instanzen, Bebels Nachfolger zu bestimmen. Man hat einen Kompromitzkandidaten gewählt, von dem man hofft, daß er geschickt zwischen beiden Flügeln der Partei vermitteln und durch Nachgiebig­keit nach links und rechts ausgleichend wirken werde. Keiner von denen, deren geistige Fähigkeiten und kluge Taktik ihnen zumeist die Anwartschaft auf die Parteiführung zu geben schienen, hat das Vertrauen aller führenden Genossen in genügendem Maß; weder Frank noch Scheidemann, weder Molkenbuhr noch Ledebour.

Was wird nun aus der deutschen Sozialdemokratie werden, fragen sich heute nicht nur jene, die ihre Ueberzeugung zum Kampf gegen die Sozialdemokra­tie zwingt, auch auf den Lippen tausender Genossen schwebt diese Frage. Bebel ist abgerufen worden in einem Augenblick," in dem die sozialdemokratische Be­wegung nach dem Urteil des Parteivorstandes zum Stillstand gekommen ist, wo die sozialdemo­kratische Presse wie nie zuvor an Abonnentenschwund leidet und die Gegensätze in der Partei im­mer heftiger auf eine endgültige Klärung und Ent­scheidung drängen. Die Führer gebrauchen Gewalt­mittel, um die Leute bei der Stange zu halten und in ihnen keine Ernüchterung aufkommen zu lassen. Man predigt den Massenstreik, wo sich die sozialde­mokratischen Augen vergeblich auf die verheißenen Erfolge richten. Die bisherige Taktik hat versagt, man will den Kampf mit anderen Mitteln wei­ter führen und revolutionärer werden wie ehedem.

Ob sich die Männer zur Führung finden werden und ob die Massen dem Wort der Führer Folge lei­sten werden? Was sich in der sozialdemokratischen Partei zu den Führern rechnet, ist sich in kaum einem Punkte gänzlich einig, und der letzte Werft­arbeiterstreik hat uns gezeigt, wie verhetzte Massen über die Köpfe der Führer hinweg zur Tat über­gehen. Bebel hat die Seinen an einem kritischen Wendepunkt verlasien; wohl schaute der greife Feuer­kopf, ber fein Lebenswerk so mächtig gedeihen sah, zuversichtlich in die Zukunft, weil er der Hoffnung war, daß die gemeinsame Gegnerschaft aller national Gesinnten die" Sozialdemokratie stets einen werde. Doch der alte Diktator hat dabei nicht erwogen, daß der Kampf gegen die Sozialdemokratie nicht allein mit Ausnahmegesetzen, sondern auch durch 5te Macht der Idee und die Anerkennung der sozialen Gerechtigkeit geführt werden kann. Scharfmacherei wird die wider- strebendsten Gegensätze in der sozialdemokratischen Partei allerdings stets wieder überbrücken; ob aber ein einsichtiges und kluges Zusammenwirken aller bürgerlichen Parteien zur Bekämp­fung der sozialdemokratischen Ideen fürs Vaterland nicht fegensreicher fein wird, ist bisher noch nicht klar genug erprobt worden.

Die Sozialdemokratie ist ein brennendes Zeitpro­blem und muß darum wie andere mit'ruhiger Sach­lichkeit und objektiver Würdigung behandelt werden. Für unser Volk und Vaterland gibt es heute keine dringlichere Aufgabe, als die "Aufführung eines Schutzdamms gegen den Umsturz und mehr noch als dies" eine Wiedergewinnung jener, die nur äußerlich aus unklaren Vorstellun­gen heraus dem Vaterland und der bestehenden Ge-

Der ^Brandstifter.

|f5] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

„Wenn de Vatter nit for fein jüngere Bruder gutgesproche hält, dann wär noch alles schön in der Reih! Der Onkel Moritz Hot sich in gewagte Speku- latione eingelosie — sie fein ihm mißglückt un de Battet selig mußt bare — ich barf’s gar nit sage, wie viel als es war — alles dreht sich mir noch heil im Leib herum, wenn ich nur dran denk! De größte Teil von unserer Sach hawe wir hingewe müsse — es war hart, Ernst, ferchterlich hart' Den Vatter selig Hot de Kummer un de Brast so angepackt, daß ihn" de Schlag gerührt Hot un in drei Dag war er gesund un tob — Du waaßt's jo!"

„Gutgesprochen hatte der Vater — und alles ist verloren?" stammelte der Student tonlos. Wie eine beklemmende Angst vor etwas Fürchterlichem legte es sich über sein ganzes Empfinden

„Von Haus un Hos hätte wir fortgemußt — alles wär uns über dem Kopp versteigt wor'n, wenn der alte Herrschet nit eingesprunge wär un hält uns e Hypothek nff's Haus getoc, sodaß wir die Gläubiger von dem Onkel Moritz auszahle konnte!" fuhr die Mutter fort. „Sechs Prozent müsse wir Zinse be­zahle — er hot's nit billiger getan! Ich tat jo gern noch emol so viel gerne, wenn nur De Vatter am Lewe gebliewe wäre un wenn wir nur aa eine, Aussicht hätte, daß wir Widder uff feste Grund un Boddem käme! Aw er grab wie des Unglück über uns komme is, do mußt die Bahn nooch Limburg eröffnet wer'n un unser Wertschast, die früher c Goldgruh getoefe is, werft nit mehr so viel ab, daß wir des Salz for die Supp kaase tönne!, Was hawe wir nit alles angestellt, um uns über Wasser zu Halle! Zuerst wollte wir Sommerfrischler halte — hawe viel Geld for Annonce in de Zcitunge ausgebe — es sein awer nur e paar Leut druff komme! Wir sinn eroe doch zu weit von der Station! Dann, hawe wir Ge- Mgelzucht anaefange, awer die Werst nit viel ab, Weills zu viel Futter ko!tt mit Aeppelwei-Versand

sellschaftsordnung sich losgesagt haben. Jetzt ist viel­leicht der Augenblick gekommen, wo ut großzügiger Ausklärungs- und Werbearbeit verführte Massen für die christliche Weltanschauung und christliche Sozial Politik zurückgewonnen werden können, denn noch nie­mals ist im sozialdemokratischen Lager die Enttäusch­ung über die vielen uneingelöften Versprechen so groß gewesen, wie heute.

N. Der Wasserkopf der Monarchie.

Erzellenz Wermuth, der Oberbürgermeister von Berlin, hat das Kriegsbeil ausgegraben und schwingt es gegen den Nachbarkreis Niederbarnim und gegen die Staatsregierung. Mit mehr Eifer, als Erfolg."

Es handelt sich um ein kleines Schwänzchen emes großen Hundes. Die Stadt Berlin hat die Herr­schaft Lanke (17000 Morgen) für 20 Millionen an­gekauft. Die Umsatzsteuer in dem betreffenden Kreise betrug bisher % Prozent; sie ist nun angesichts der Berliner Kaufverhandlungen für Objekte von mehr als 5 Millionen Mark Wert auf ein ganzes Prozent erhöht worden. Berlin soll also anstelle von 100 000 Mark 200 000 Mark Umsatzsteuer zahlen. Das Mehr von 100 000 Mark ist ja an sich ein recht hübscher Posten; aber wenn man ein Geschäft von 20 Mil­lionen macht, so kann man auch noch über die ein­maligen Unkosten von 100 000 Mark hinwegkommen.

Herr Wermuth, der früher Reichsschatzsekretär war, sollte eigentlich ein besseres Augenmaß haben. Wenn er aber doch wegen dieses verhältnismäßig geringen Zuschlages Krach machen wollte, so müßte er sich doch wenigstens erst genau erkundigen, ob die tatsäch - l i ch e n und rechtlichen Voraussetzungen für die geplanten Angriffe auch wirklich gegeben seien. Aber er ging blindeifrig darauf los und hat nun schon sehr empfindliche Nackenschläge erhalten.

Der angegriffene Kreis Niederbarnim macht geltend, daß schon ein Zehntel seiner Fläche in den Besitz der Stadt Berlin übergegangen und dadurch „steuerlich tot" gemacht worden sei. Denn was Berlin besitzt, ist in die tote Hand geraten; es bringt keine Um satzsteuer mehr, auf die der Kreis wesentlich angewiesen ist. Die Rieselwirtschaft und der sonstige Betrieb auf dem Berliner Besitz macht auch die E t n k o m m e n st e u e r hinfällig, da dort nur ganz verschwindend wenig Leute mit steuer­pflichtigem Einkommen angesiedelt sind. Gegen diese Auspowerung durch Berliner Ankäufe wollte sich der Kreis mittels Erhöhung der Umsatzsteuer für große Objekte wehren oder wenigstens in etwa schadlos halten, was man ber. Kreisvätern auch wirklich nicht übel nehmen kamt.

Die Staatsregierung läßt ihrerseits halb­amtlich feststellen, daß die Genehmigung der betref­fenden Kreissteuerordnung nicht versagt werden konnte, da anderwärts schon ähnliche Steuersätze in Kraft sind, und daß die Genehmigung auch nicht be­sonders beschleunigt worden ist.

Offenbar hat die Regierung ganz korrekt gehan­delt. Die Versagung der Genehmigung wäre nicht bloß ein Eingriff in die Selbstverwaltung gewesen, sondern auch eine ungerechte Parteinahme zu Gun­sten des stärkeren und angreifenden Teiles gegen den schwächeren Kreis, der sich gegen die Verberlinerung seines Bodens zu wehren hatte. Aehnliche Interessen- gegensätze zwischen einer unternehmungslustigen Großstadt und den umliegenden Gemeinden oder Kreisen treten ja häufig hervor. Die Staatsbehörden müssen da nach bestem Wissen und Können die aus­gleichende Gerechtigkeit zu wahren suchen. Wenn alle Beteiligten vernünftigt sind, so geht es ja auch ohne grimmigen Lärm und Kamps ab. Leben und leben lassen! In Berlin freilich scheint ein kurzsichtiger und engherziger Egoismus zu herrschen, der nur nehmen, aber nicht geben will. Die Angelegenheit des Tem-

hawe wir's aach prowiert, awer do springt erst recht niy heraus, — korz, wir dvrfte grab hingreife, wohin wir wollte — überall war'n Stachele, überall war nix zu hole, ober war schon von Annere geholt! Ja, wenn bie Gustel gescheib wär unb tat bem Borjer- maaster sein Adam nemnte, ber ihr zu Gefalle geht! Sie tut's awer nit, weil sie mit des Bremser's August, mit dem arme Deiwel, e Gehängsel Hot. Von dem will fe absolut nit löste!"

„Und von dem allen hast Du mir nichts geschrie­ben, hast mir nicht die geringste Andeutung gemacht, Mutter?" unterbrach der Student die nach den letz­ten Worten der Mutter eingetretene Stille.

„Was soll ich Dir des Herz schwer mache und Dir Dei bißche Jugend verkerwele (verderben)? Ich hab's jo immer noch gezwunge, daß ich Dir Dein Monatliches schicke komit, wenn's aach als recht hart gehalte Hot, des Geld zusammezubringe! De größte Teil von de Aecker un des Vieh mußt ich natürlich verkaafe, awer des hält' ich aach so toiejo verkaufe müsse, denn von was soll! ich bann bie Zinse be­zahle? Wenn's so weit kimmt,' baß es gar nit mehr weiter geht — hab' ich gebocht — dann is es immer noch Zeit, daß ich dem Ernst schreib' —"

„Unb jetzt Mutter — jetzt ist es so weit gekom­men?" unterbrach ber Sohn mit verhaltenem Atem bie Sprechende. „Gerufen hast Du mich, um mir zu eröffnen, baß Dir bie Mittel fehlen, mich weiter fiubieren zu lassen?"

Frau Rother nickte langsam mit dem Kopf unb murmelte wie mit sich selbst sprechend vor sich bin:

„Ich bin zu End — am allerletzte End! Die Zinse uff Martini — ich wollt sie von dem Geld be­zahle, was ich von der Frucht von dem große Acker in der Hvlderbach lös — jetzt Hot aach die der Hagel verscknnisse!"

Die schlichte Weise, mit welcher die letzten Worte gesprochen wurden, die trostlose Ergebung in ein un­vermeidliches Geschick, die sich in den Mien-n ber Sprechenden ausdruckte, wirkten auf ben Schn er» greifenber, als wenn die Mutter in laute, leidenschaft­liche Klagen ausgebrochen wäre. Ohne vorläuftg die Tragweite zu ermessen, welche das soeben Gehörte

pelhofer Feldes, bei ber bie Berliner Stadtväter auch große Begehrlichkeit und verzweifelt wenig Gewandt­heit bewiesen, lag vor dem Amtsantritt des gegen­wärtigen Oberbürgermeisters. Der Lärm wegen Lanke ist aber voll und ganz auf die Rechnung von Erzellenz Wermuth zu setzen und zeigt leider, daß auch der frühere Schatzsekretär keinen besseren Geist in das Berliner Rote Haus gebracht hat.

Die Sache hat auch für ben ganzen Staat Interesse. Berlin ist nun einmal bie erste Haupt- unb Residenz- ftabt; bie Berliner Streitigkeiten unb Aergerniste fal­len ber Regierung unb bem Sanbtage unmittelbar auf bie Nerven. "Die schlechten Gewohnheiten der Berliner Stadtverwaltung können zudem in gewissen andern Großstädten die kommunalen Sitten verder­ben. Daher ist es zeitgemäß, das Unrecht der kampflustigen Berliner Stadtverwaltung klar zu stel­len. Man muß ja anerkennen, daß die eigentliche Stadt Berlin sich in manchen Schwierigkeiten befin­det. Weil sic vor 20 Jahren die Gelegenheit zu einer großzügigen Eingemeindung verpaßt hat, leidet sie an dem fortwährenden Abzug der großen Steuerzah­ler in die westlichen Vororte. Andererseits ist sie ge­nötigt, immer mehr Land in der Umgebung zu er­werben, weil ihre Kanalisation, die zugleich die Schmutzwässer unb bie Niederschläge abführt, auf bie reine Berieselung angewiesen ist. Wenn nun obenbretn Berlin noch Walbslächen für Erholungs­zwecke ankauft und bannt kühn bem Zweckverband Groß-Berlin vorgreift, so ist das an sich imposant. Aber der ganze Eindruck wird ins Gegenteil verkehrt, wenn man nun bei einem solchen Riesengeschäft von 20 Millionen wegen eines halben Prozents einen furchtbaren Krach veranstaltet, bei bem nichts gutes herauskommen kann. Es steckt bahinter eine persön­liche unb parteipolitische Verbissenheit, bie bem Ge- ' meinwesen nur zum Schaden gereicht.

Deutsches Reich.

* Berlin, 15. Sept 1913. Beim Grasen Lausch- Mönnich in Salza in Oesterreichisch-Schlesien, wo gegenwärtig der deutsche Kaiser weilt, fand heute Hosjagd statt. — Für die Wohnungskommission, die im Herbst Zusammentritt, hat der Verband deutscher Architekten- und Jngenieurvereine Vorschläge ausge­arbeitet. Die Vorschläge gliedern sich in zwei Teile. Die einen streben eine Reform der bestehenden Wohnungsverhältnisse an, die anderen richten sich auf Maßnahmen zur Förderung des Kleinwohnungs­baues, um der arbeitenden Bevölkerung gesundheit­lich einwandfreie Wohnstätten zu schaffen.

* Neichsgcsetzliche Regelung der Wanderfürsorge. Es darf zetzt als wahrscheinlich gelten, daß demnächst ein Gesetzentwurf für eine reichsgesetzliche Regelung der Wanderfürsorge vorgelegt wird. Im Beginn dieses Jahres fanden im Reichsamt des Innern Be­ratungen zwischen Vertretern der größeren Bundes- Regierungen unb fast aller auf bem Gebiete der Wanderfürsorge tätigen Vereine und Verbände statt. Gegenstand der Aussprache bildeten, wie wir in der „Kreuzzeitung" lesen, die auf § 28 des Unterstützungs­wohnsitzgesetzes hervorgegangen en Mißstände, die Vorzüge und Lücken des preußischen Wanderarbeits- stättengesetzes, die außerordentlichen Erfolge der Bet­telbekämpfung durch den Verein zur Förderung der Wanderarbeitsstätten in Württemberg sowie der Aus­bau ber Fürsorge durch Einrichtung einer größeren Zahl von Arbeiter-Kolonien, bereu soziale unb wirt­schaftliche Leistungen allseitig anerkannt würben. Von ben verschiedensten Seiten wurde die Notwendigkeit der Ausgestaltung des tz 28 des Unterstützungswohn- sitzgesetzcs int Wege eines sozialen Reichsgesetzes be­tont, das.die Bimdesstaaten verpflichtet, für das Vorhandensein von Wanderarbeitsstätten und Ar­beitsheimen, verbunden mit Arbeitsnachweisen, nach Maßgabe des vorhandenen Bedürfnisses zu sorgen.

für ihn unb fein künftiges Leben zur Folge haben mußte, brängte sich ihm vor allem bie Ueberzeugung auf, daß er "seine Mutter die ganzen Jahre her ver­kannt habe. Jedes tieferen Gefühls bar, glaubte er sie, und jetzt erfuhr er, baß bie Mutter für ihn, den Sohn, das Letzte dahingegeben, daß sie vielleicht ge­darbt hatte, nur um ihm, wie sie sagte, „sein bißchen Jugend nicht zu verkerwele".

Dazu gehörte mehr wie das einfache Pflichtgefühl der Mutter für den Sohn, welches gebot, ihm fein Fortkommen möglich zu machen, beziehungsweise zu erleichtern — eine solche Handlungsweise ließ auf Seelengröße, ließ auf die innigste, wenn auch streng verschwiegene Zuneigung zu ihm schließen — zu ihm, der wahrhaftig eine solche Zuneigung nicht ver­diente. Als verstehe es sich von selbst, so hatte er ohne jedes Gefühl des Dankes die ihm regelmäßig zu- gehenden Gelder entgegengenommen, hatte gedanken­los in den Tag hineingelebt, mitunter über die Stränge Wagend, ohne jemals über den Wert des Geldes und die Schwierigkeit, solches zu erwerben, nachzugrübeln. Die Mutter hatte es ja und würde gewiß, soweit er sie zu kennen geglaubt hatte, keinen Pfennig gegeben haben, wenn dies über ihre Kräfte gegangen" wäre! Und jetzt mußte er erfahren, daß das Geld, welches ihm so leicht durch die Finger ge­rollt war, von der Mutier nur mit der größten An­strengung, vielleicht unter Entbehrungen beschafft worden war! Der Gedanke beschämte ihn tief und in einem überwallenden Gefühle des Dankes und der Ehrfurcht trat Ernst auf die schweigend vor sich hin- starrende Mutter zu und seine Hand auf ihre Schul­ter legend, sagte er herzlich:

„Aber Mutter, davon hättest du mich doch schon früher unterrichten sollen! Wenn die Verhältnisse so trostlos liegen, dann muß ich mich ja schämen, daß ich dir so lange auf der Tasche gelegen habe! Wenn ich geahnt hätte, wie schwer es dir war —"

„Du nimmst mir . en Staa vom Herze. Ernst!" unterbrach ihn die Mutter. „An die zwaa Johr hab' ich mich gezoge defor, dir Moore Wei Znzuschenke, um dir zu sage, wie alles steht! Jetzt tenn alles noch gut wer n! Wenn du selbst einsiehst,, daß an Weiter-

X Eine Konferenz zur Hebung der Futterpro- duktion im Jnlanbe und der Einfuhr aus den Ko­lonien soll im Oktober auf Veranlassung des zustän­digen Reichsressorts stattfinden. Insbesondere wird auch die Frage eines Ersatzes für die russische Futter- gerstc behandelt werden. Als ein Mittel zur Ver­sorgung d.'s Inlands mit Futtermitteln steht auch die Einfuhr von Futterprodukten aus den Kolonien zur Erörterung. Es handelt sich hier in der Hauptsache um die früher schon empfohlene Einführung des So r g u m h i r s e, die in ausgedehn­testem Maße in Deutsch-Ost-Asrika angebaut wird und von Eingeborenen als Futtermittel für ihr Vieh Verwendung findet.

+ Sinken der Getreidepreise. In den Sozia­listischen Monatsheften wird darauf aufmerksam ge­macht, daß die Preise für die Tonne Roggen vom Mai 1912 bis zum August 1913 von 199 auf 161 Mark und die für Weizen von 232 auf 198 Mark gesunken sind. Die genannte sozialdemokratische Monatsschrift schreibt dazu:

Es hieße dem schlimmsten Brotwucher, nämlich dem des Zwischenhandels, dienen, wenn man nicht unermüb-i lich auf solche Preisherabsetzungen hinwiese, die selbst­verständlich dem Verbrauche in entsprechend billigerem Brote und Mehle zugute kommen müssen.

Tie liberale und demokratische Presse, bemerkt hierzu mit Recht die „Deutsche Tageszeitung", macht entweder garnicht oder ganz selten von diesen Preis­rückgängen Mitteilung. Sie treibt also nach dem llr« teile der sozialistischen Monatshefte den „schlimm- st 2 n Brotwuche r".

)( Die Alleinftehenden-Steuer. Die von dem Lübecker Ausschuß zur Beratung des neuen Einkom­mensteuergesetzes vorgeschlagene „Alleinstehenden- Steuer", d. h. die besondere Besteuerung aller le­digen Steuerpflichtigen, die keine Fami­lienangehörigen ernähren und mit einem Einkommen von über 2100 Marl eingeschätzt sind, sowie aller ver­witweten Steuerpflichtigen mit einem Einkommen von über 10 000 Mark, hat die Aufmerksamkeit wei­ter Kreise erregt. Verschiedene Minister deutscher Bundesstaaten haben sich die von bem Ausschuß zu diese Steuer gegebene Begründung erbeten, und auch aus süddeutschen Staaten sind Anfragen darüber ein- gegangen. Wie sich der Lübecker Senat der Allein- stehenden-Steuer gegenüber verhält, ist noch nicht be­kannt, da die Vorlage erst im Saufe des Oktober an die Bürgerschaft gelangt. Die Steuer findet aber nicht die ungeteilte Zustimmung aller Kreise, da man von einer Einführung eine Behinderung des Rentnerzuzuges befürchtet, den Lübeck bei sei­nen gegenwärtigen Verhältnissen sehr nötig zu haben glaubt. Man meint dort, andere Leute, die grö­ßere Stiebeln anbätten, sollten mit dem Versuch einer solchen Steuer vorangehen.

— Der Völkerrechtsbund zur Bekämpfung der Fremdenlegion erläßt einen Aufruf, worin er über feine Aufgaben und Ziele Aufklärung verbreitet und alle Deutschen zur tatkräftigen Unterstützung seiner Bestrebungen auffordert. Gleichzeitig bringt die Na- tional-Zeitung unter der Ueberschrist „Aus den Gar­nisonen der Fremdenlegion" Mitteilungen eines ihrer Mitarbeiter über die deutschen Legionäre in Saida, denen wir folgende Stellen entnehmen :

Ma» kann ruhig sagen, wären bis jetzt die 40 Pro­zent Deutscher nicht ständig in den algerischen Frern-' denregimentern gewesen, mit ihrem Bewußtsein für Ord­nung und Selbständigkeit, die Franzosen hätten niemals dieses Teufelsland erobert. Und den Eindruck hat man hier auch, wäre Frankreich ge­zwungen, wegen eines Krieges in Europa das hier liegende reguläre Militär abzuberufen, am selben Tage, am selben Tage noch revoltierten die hiesigen ein­geborenen Araber-Regimenter der Spahis, sowie bie' Senegalesen-Regimenter und die arabische Gendarmerie der Gums, die fanatischste mohammedanische Truppe des südlichen Wüstenalgiers mordete, was an Europäern nur vorhanden wäre. Das ist die Meinung selbst der hier liegenden Offiziere. Die Fremdenlegion ist die

studiere nit zu denke is, wenn du alles ewegschmeißi, was hinner dir liegt un en richtiger Bauer Werst —< dann is vielleicht noch was zu rette, dann könne wir vielleicht doch noch, wenn alles so geht, wie ich un die Gustel es im Sinn hawe, Widder in die Höh komme! litt es kann jo gar nit fehle — es kost dich jo nur e Wort!"

Frau Rother hatte die Rechte des Sohnes ergrif­fen und drückte sie innig.

„Mutter," fagte dieser zögernd, „ein Bauer soll ich werden? Soll mein ganzes Studium an den Nagel hängen? Das, Mutter, kannst du mir doch Wohl nicht zumuten'"

„Ja, aber Ernst, was willst du denn sonst an­fange? An Weiferstndiere is doch, wie gesagt, nit zu denke! Willst dir denn Hauslehrer wer'n, Advo­katenschreiber, ober dich in der Stadt als Ferkelstecher (Rechtskonsulent) versuche? Dazu host du doch die Natur nit! Un was soll aus deiner Mutter wer'n? Die Gustel werd jo am End versorgt, awer ich? Willst du hawe, daß alles hier in die Brüch geht, daß mir des Haus über dem KoPP versteigt werd und daß ich in meine alte Tag vielleicht noch diene muß gehe! Des Werst du doch nit wolle!"

„Aber Mutter, davon kann doch gar keine Rede fein! Wir wollen einmal die Sache in aller Ruhe überlegen! Du sagtest doch eben, daß es mich nur ein Wort koste und alles wäre in Ordnung. Was ist denn das für ein Wort?

„Awer Ernst — woaßt du bann des nit selbst? Du bist doch so gut wie verspräche mit des Kaysers Klärche — des Kaysers Klaiche ist aa von de beste Partie im ganze Nassauer Ländche! Was brauch ich do noch weiter zu sage?"

„Ich — so gut wie versprochen mit Kaysers Klär­chen? Aber Mutter, wie kommst du denn zu dieser Wissenschaft?"

„Woher ich'S waaß? Du host ihr doch vor zwaa Johr des Ringelche geschenkt, des du von deiner God zur Konfirmation kriegt host!" ;

(Fortsetzung folgt.)