Einzelbild herunterladen
 

Fuldaer Leitung

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, viertel- I jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Zulda I fomie auswärts 1.50 Mark. - Rotationsdruck und Verlag der ! s - zuldaer 5ctiendruckerei in Zulda. Zemsprecher Nr. S. - N

n :: Wochen-Veilage: n :: :: :: IHonats-Beilcige: “ “

Illustrierte Sonntagsztihing Fuldaer Seschichtsblätter

n Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — Halbjährlich Taschenfahrplan. ::

flnieigm: Der Roum einer elnfpottigen Co!onet;elte, 47 ™ »reit, »ostet 15 Pfg. Reklamen: Der Raum einer Coloneljelle, 74 nun breit, kostet 40 Pfg. Bei Wiederholungen Rabatt. Jür Offert- und fluskunftanjeigen 20 Pf. extra. 3n Konkursfällen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. Erfüllungsort für bas An­klagen von Forderungen ist $ulba. knzeigen-stnnahrne bis 10 Uhr vormittags. :: :: Größere findigen erbitten wir uns tags vorher. :: ::

-

40. Zahrgang.

Montag den 15» September 1913»

Crstes Blatt.

Nr. 2X3.

K Die bevorstehenden Kämpfe «m den Zolltarif

werfen bereits ihre Schatten. Vorbereitende Maß­nahmen von beiden Seiten gab es in Leipzig. Zu­nächst war dort vor kurzem eine Annäherung zwischen dem Zentralverband deutscher Industrieller, , dem Bund der Landwirte und der Mittelstandsvereinigung ängebahnt worden: ein „Kartellderschafsen- den Arbeit", das schon in seinem Keimzustande den lebhaften Aerger aller offenen und heimlichen Freihändler und Blockpolitiker erregte. Dann tagte in Leipzig der Bund der Industriellen, der im Gegensatz zu der Schwerindustrie des Zentral- berbandes die F e r t i g i n d u st r i e vertritt und im Fahrwasser des liberalen Hansabundes segelt. Auf der letzteren Versammlung wurde ein Zusammen­gehen der Industrie mit dem Bunde der Landwirte als „widernatürlich" und der Bund der Landwirte als „nie und nimmer bündnisfähig" bezeichnet. Schon diese Kraftworte zeigen, daß dort die Wirtschafts- und handelspolitische Frage, die chrer Natur nach eine nüchterne, stteng sachliche Behandlung fordert, mit parteipolitischer Leidenschaft durchsetzt wurde.

Im übrigen liegt in diesen Vorgängen nichts überraschendes. Das angeblich „widernatürliche" Bündnis ist im Grunde ganz natürlich und selbst­verständlich. Wenn wir einen Zollschutz für die na­tionale Arbeit haben und behalten wollen, so müssen die Vertreter der schaffenden Arbeit sich verständigen und zusammenwirken. Also die Vertreter der In­dustrie, der Landwirtschaft und des gewerblichen Mit­telstandes. Wie der Verein, der hier oder da in den Vordergrund tritt, sich b e n a m t, das ist sehr neben­sächlich. Es handelt sich nur darum, daß alle Zweige der nationalen Arbeit gebührend zu Worte und zur Berücksichtigung kommen. Wenn z. B. einem In­dustriellen die Leiter oder die Presse des „Bundes der Landwirte" nicht ganz gefallen wollen, so darf er dernünftiger Weise diese Abneigung, nicht auf die Landwirtschaft selbst übertragen, sondern er Muß sich nach wie vor sagen: Wollen wir die In­dustrie schützen, so müssen wie gleichzeitig die Land­wirtschaft schützen, und deshalb muß in der Zollsrage die Industrie mit der Landwirtschaft zusammengehen, auch wenn im übrigen auf der einen Seite mehr li­berale, auf der anderen Seite mehr konservative Po­litiker sitzen. ....

Wer die parteipolitischen Gegensätze in 'diese wirffchaftspolittsche Angelegenheit hineinzubrin­gen sucht, ist ein (bewußter oder unbewußter) Vor­kämpfer des Freihandels. Es soll Zwietracht unter den bürgerlichen Parteien gesäet werden, da­mit die freihändlerische Minderheit mit Hilfe der 111 Umsturzmänner die schutzzöllnerische Mehrheit der positiven Erwerbsstände vergewaltigen kann. Darauf hin arbeitet der Hansabund, und in seinem Dienste hat der Bund der Industriellen den Vorstoß in Leipzig gemacht.

Im Reichstage sind selbstverständlich das Zen­trum und die Rechte grundsätzlich für die Erhal­tung der bisherigen bewährten Wirtschaftspolitik. Es kommt nun darauf an, ob die Nationalliber a- l e n setzt ebenso auf die positive Seite treten werden, wie bei den Zollkämpfen vor 12 Jahren, oder ob dort die parteipolitische Revanchestimmung diesmal aus­schlaggebend sein wird. Wir möchten hoffen, daß die natiönaNiberale Partei im ganzen sich wieder der sachlichen und positiven Haltung ihrer Vergangenheit widmen wird. Zum wenigsten aber, daß die M e h r- h e i t der Fraktion zur Verständigung mit dem Zen­trum und der Rechten sich entschließt.

Alle Machenschaften des Hansabundes und der sonstigen Blockpolitiker werden doch kaum so viel Ge- wicht' erlangen können, daß sie die versöhnliche Wirkung der jüngsten Steuerresorm vufzuheben vermöchten. Dabei hat freilich die k o n-

Der Brandstifter.

14] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

Damit ging er, nach allen Seiten höflich grüßend, zur Türe hinaus, um seine draußen wartende Ka­lesche zu besteigen« Gleich darauf hörte man ihn forffahren.

Auch die anderen Gäste schickten sich an, nach Hause zu gehen, wobei es Ernst Rother, der gerade vom Bürgermeister nochmals zu einem Besuche ein­geladen wurde, so vorkam, als ruhe der Blick des zuletzt die Stube verlasienden Jakob Eicher mit einem gewissen feindseligen Ausdruck auf ihm. Oder täuschte er sich'? Jedenfalls erinnerte er sich nicht, dem Burschen jemals etwas in den Weg gelegt zu haben. Vielleicht verdachte es ihm Jakobs daß er — Ernst —< während der Sokdatenzeit nicht näher mit ihr verkehrt hatte? Das ging aber schon des­wegen nicht an, weil Jakob Eicher bei einer anderen Batterie diente, und Ernst, als Einjahrig-Freiwil­liger doch vorzugsweise Verkehr mit seinesgleichen, nicht aber mit gemeinen Soldaten pflegte. Da wollte der Jakob woht jetzt zeigen, wie dies schon aus seinem kurzen Benehmen hervorging, daß er hier in der Heimat auch nichts mit ihm zu tun haben wollte, nach­dem bei den Soldaten keine gegenseitige Annäherung erfolgt war. Na — das mochte er halten wie er wollte — er — Ernst Rother drängte ihm gewiß seine Freundschaft nicht auf) —

Gustel hatte inzwischen einen der Wirtstische zum Abendessen gedeckt und ging jetzt nach dem Hofe, um die beiden Knechte hcrbeizurufen. Schweigend wurde das einfache Mahl verzehrt. Nach Beendigung des­selben fragte Frau Rother, die fast keinen Bissen zu sich genommen hatte, den alten Lenhard:

„Do maanst Du nit, Lenhard, daß sich die Frucht Widder hebe könnt, wenn die Sonn druff scheint?"

Mit bekümmertem Blick und trostlosent Kopfschüt- teln entgegnete der Alte: „Do is laan Stern mehr, -er leucht^ Fraa Roihern! Grad über unserm Feld

servative Partei abseits gestanden. Aber die nationalliberale Partei hat doch in den Stcuerfragen mit dem Zentrum zusammengearbeitet, und es liegt kein sachlicher Grund vor, daß diese Zusammen­arbeit nicht auf dem zollpolitischen Gebiete fortgesetzt werden sollte. Die Heranziehung der konserva­tiven Partei wird sich schon von selbst ergeben, wenn nur die Erhaltung eines angemessenen Zoll- sck-utzes für die Landwirtschaft als selbstver­ständliche Beigabe zu den Jndustriezöllen von vorn­herein festgehalten wird.

Es bedarf der Sammlungspolitik, damit die Verbündeten Freihändler und Sozialdemokraten abgewehrt werden können; die „Sammlung" ist aber bei der jüngsten Finanzreform eingeleitet worden. Ist nur erst'der allseitige gute Wille zur Verständi­gung da, dann wird sich über die Einzelfälle des Zoll­tarifs ein Ausgleich schon finden lassen.

Wir vertrauen trotz aller Quertreibereien auf das „Kartell" der schaffenden Arbeit und der positiven Parteien.

Deutscher Reich.

** Berlin, 14. Sept. 1913. Im Zusammenhang mit der Rede des Königs von Griechenland, der auf die preußische Taktik und Strategie als die Haupt­ursache der griechischen Siege hinwies, dürste die Mit teilung interessieren, daß Kaiser Wilhelm die Beur­laubung von vier General st absoffi zieren zum Eintritt in die griechische Armee genehmigte. — Prinz und Prinzessin Ernst Au g u st von Cumber­land werden, da sich die Prinzessin nicht wohl genug sühlt, ihre beabsichtigte Reise nach England im Herbst nicht antreten. Dagegen werden Prinz und Prin­zessin Heinrich von Preußen als Vertreter des Kaisers bestimmt an der Hochzeit des Prinzen von Connanaht am 15. Oktober beiwohnen und Gäste des englischen Königspaares sein.

* Die Sitzungen der parlamentarischen Unter- suchungskommisfion für die Rüstungslieferungen an das Reich werden anfangs November im Saale der Budgetkommission des Reichstages beginnen. Die von den Parteien des Reichstages bestimmten Teil­nehmer an den Beratungen haben selbst bereits viel und umfangreiches privates Material zur Verfügung gestellt erhalten.

— Konfessionelle Professuren, liebet konfessionelle Professuren schreibt Geh. Hofrat Professor Dr. G. Below (Freiburg t. Br.) in einem lesenswerten Artikel des ,Tass (Nr. 209) unter anderem:

„Man hört unendlich oft das Urteil, konfessionelle Professuren feien ein Unding. Und in der Tat: welche Stellung können irgendwie konfessionell bestimmte Pro­fessuren an den Universitäten, die der freien, unabhängigen Forschung und dem freien, unabhängigen Lehrbetrieb ge­widmet sind, haben? Mit dem, der so fragt, sind wir vollkommen darin einig, daß Freiheit und Unabhängigkeit Hauptslücke der Universitätsveriassung sein müssen. Und für die weitaus überwiegende Mehrheit der Professuren hat die Forderung konfessioneller Professuren gar keinen Sinn. Aber es gibt einige Disziplinen, in denen auch bei ernstem Streben nach Objektivität der Forschung doch ein beträchtliches subjektives Moment übrig bleibt, so daß man für sie die Einrichtung konfessioneller Pro­fessuren gerade aus dem Prinzip der Freiheit und Unabhängigkeit verteidigen kann. Dasgiltins- besondere für die Geschichtswissenschaft und Philosophie. Es gibt denn auch an einer Reche von deutschen Universitäten Professuren dieser Fächer, die statutenmäßig oder herkömmlich mit einem Forscher be­setzt werden, der die spezifisch katholische Auffassung vertritt. Soweit man die konfessionellen Professuren ver­teidigt, rechtfertigt man sie meistens mit der Motivierung, die Studenten der katholischen Theologie müßten Ge­legenheit haben, Geschichte und Philosophie bei Dozenten zu hören, die auf spezifisch katholischem Standpunkt ständen. Dies Argument läßt sich hören. Aber lediglich mit dem Hinweis auf die Studenten der Theologie lassen sich die konfessionellen Professuren doch nicht rechtfertigen (man

hat des Wetter am ärgste getobt! Schlosse (Körner) sag ich Eich — wie Hinkelseir so groß — die hawe alles herausgedrosche — e gut Futter sor die Mäus!"

In dem bleichen Gesicht der Zuhörenden verriet kein Zug, welchen Eindruck die Bestätigung der Un­glücksbotschaft machte; nur ein schwerer Seufzer rang sich vor ihren Lippen, als sie sich jetzt erhob und mit eintöniger Stimme sagte: „Wir müsse trage, was der Herr schickt! Was Gott tut, das ist wohlgetan!" Wie leiser Hohn klang es in den letzten Worten. „Ernst, wenn Du so gut wärst un wolltst mit mir hinüber­komme — ich hab mit Dir zu rede!"

5. Der Sturz von der Höhe.

Die große Stube, welche Mutter und Sohn be­traten, lag getrennt durch die Einfahrt gegenüber den Wirtschaftsräumen, als das erste einer Flucht von Zimmern, die in dem linksseitigen Teile des Hauses die Wohnung der Familie bildeten. Bei dem Lichte der hohen Stehlampe. die Frau Rother entzündete, gewahrte man eine gediegene, altväterische Einrich­tung. Schwere, vom Alter gedunkelte Eichenholz- möbcl mit Metallbeschlägen, ein riesiger aus der Wand rügender, von außen heizbarer Eisenofen mit eiiigcgosscnen Landsknechtsgestalten, blütenweiße Vorhänge an den beiden hohen Fenstern, von deren Bänken wohlgepflegte Topfpflanzen an zierlichen Stäben ihre Ranken nach aufwärts schlangen, wie auch die altmodische, geblümte Tapete und die an den Wänden hängenden Kupferstiche gaben in ihrer har- monifchen Zusammenwirkuna dem Raum etwas un­gemein Behagliches, sodaß der Eintretende unwill­kürlich auf im Hause herrschende geordnete, wenn nicht gar glänzende wirtschaftliche Verhältnisse schlie­ßen konnte.

Frau Rother trat an den in der Nähe des Fen­sters stehenden Sekretär, schlug dessen Platte zurükk und entnahm einer kleinen Schublade ein längliches Buch. Mit demselben an den Tisch gehend, nahm sie auf dem hinter diesem stehenden ledergepokfterren Kanapee Platz und mit einem Wink den Sohn ein­ladend, sich gleichfalls niederzulassen, legte sie die Hand flach auf das Buch und fagte langsam:

könnte ja z. B. die entsprechende Philosophieprofessur in die ideologische Fakuliät setzen). Das, was für mich den Ausschlag gibt zu Gunsten der konfessionellen Pro­fessuren, ist die Ersah rung, daß ohne solche die spezifisch katholischen Forscher (auf dem Gebiet der Geschichte und der Philosophie) n i e zu Professuren gelangt sein würden. Mit anderen Worten, ohne konfessionelle Profesiuren würden die deutschen Universi­täten eine Anzahl Forscher entbehren, denen wir unzweifelhaft eine anerkennenswerte Förderung der Wissenschaftverdanken. Ich mache mich anheischig, den Nachweis z« sühren, daß in allen konkreten Fällen die konfessionelle Professur es war, die diesen Ge­lehrten den Weg zur ordentlichen Lehrtätigkeit eröffnete. Allerdings sind einzelne katholische G-lehrte, nachdem sie längere Zeit eine konfessionelle Professur be­kleidet hatten, wohl einmal für (sozusagen) neutrale Professuren von den Fakultäten vorgeschlagen worden. Indessen die erste Professur, die sie erhielten, und diejenige, die sie in den Stand setzte, sich wiffenschaftlich zur Geltung zu bringen, war doch immer eine kon­fessionelle."

Es gibt, wie man sieht, unter den nicht auf katho­lischem Standpunkt stehenden Professoren immer wieder solche, die vorurteilsfrei und auch — mutig genug sind, die Rechte des gesunden Menschenverstandes auch bei Besetzung der Hochschulprofessuren zu betonen, v. Below ist norddeutscher Protestant und gehört politisch zur Reichspartei. Es gehört heutzutage Mut dazu, in so ruhiger Weise das zu sagen, was v. Below im,Tass sagt.

* Die Entfernung der Enteigneten, lieber die Aus­weisung der bisherigen Besitzer der enteigneten Güter Koldrabie und Dobsk, Joseph Trcinski und Mieczyslaw Zablocki von ihrem Besitz ohne vorherige Aufforderung gibt der „Dziennik Kujawski" Einzelheiten bekannt, für bereit Richtigkeit wir dem polnischen Blatt die Verantwortung überlassen müssen:

In Koldrabie hat man in Abwesenheit des Besitzers ohne vorherige Androhung der Exmission die Türen er­brochen und die Möbel vom Gutshause in einen Schuppen geschafft. In Dobsk traf der Besitzer Zahblocki, der sich auf kurze Zeit entfernt hatte, auf dem Gutshause einen Vertreter der Anfiedlungskommission an, der an­scheinend dort mit Gewalt etnbrang, da er vorher die Schlösser abreißen ließ. Es kam dort zu einer dramatischen Szene. Für heute möge nur die Mitteilung genügen, daß der Vertreter der Ansiedlungskommission zwei (deutsche) Dominalarbeiter heranrief und ihnen befahl, Herrn Zablocki zum Hanse herauszuwerfen. Es möge noch hinzugefügt werden, daß in Koldrabie die Ansiedlungskommission vorher mit keiner Exmittierung drohte, während bezüglich Dobsk ein Exmittierungsprozeß eingeleitet wurde, wo man aber erst nicht den in einigen Tagen stattfindenden Termin abwartete, sondern schon jetzt gewaltsam in den Gukshoj eindrang."

+ An Tropenkoller scheint die ,Tägl. Rundschass zu leiden, denn sie bringt in ihrer Nummer 430 unter der Ueberschrist: „Das Zentrum setzt Schutz- truppen-Kommandeure ab!" einen geradzu unsinnigen Artikel, worin die Behauptung ausgestellt wird, die Reichsregierung opfere den Schutztruppen- Kommandeur Oberstleutnant v. S ch l e i n i tz der Sache des Zentrums und werde auf seinen Posten aus dem Urlaub nicht zmückkehren, da das Reichs-Kolonialamt Ruhe haben wolle. Diefe merkwürdige Behauptung fußte auf dem Umstand, daß der Abg. Erzberger bei der letzten Etatsberatung auf eine Reihe von Gewalt­tätigkeiten und Grausamkeiten gegen Eingeborene bin« gewiesen hat, worüber eine Untennchung einzuleiten und die Schuldigen zu bestrafen Oberstleutnant von Schleinitz unterlaßen habe. Trifft dies zu, dann hat das Kolonialamt daraus die erforderlichen Konsequen­zen zu ziehen; trifft es nicht zu, wird der Abg. Erz­berger sich belehren lassen. Von einem Vorstoß des Zentrums gegen einen Schutztruppen-Kommandeur zu reden ist geradezu kindisch und kann nur von Leuten geschehen, denen wenig daran liegt, wie in den Kolo­nien gewirtschaftet wird.

** Deutsche Militärinstrukteure für China. Von englischer Seite wird bereits wieder versucht, gegen

„Verschreck nit, Ernst, über das, was Du jetzt hörst! Schon vor eme Johr, wie Du noch bei de Einjährige warst, hab' ich Dir's sage wolle,, awer immer Widder hab ich geglaubt un gehofft, daß irgend woher e Glück käm und alles könnt' beim Alte bleiwe! Ich hab' zu unfern: Herrgott gebitt un gebettelt, daß er mir helfe sollt — Dag for Dag, Stund sor Stund — es Hot nix gebadd (genutzt)! In Märcher un in schöne Geschichte do lest mer, daß de Mensche, wenn sie in Not sinn, uff aamol durch en Zufall geholfe werd — in der Werklichkeit is es annerft! Do geht alles fein Gang un wenn's des Unglück emol uff en Mensch gepackt Hot, dann mog der sich wehre wie er will — es is alles umsonst, er werd dodgedrückt! So is es mir gange! Ich hab' alles angestellt, um obe zu bleibe un alles is mir fehlgeschlage — jetzt bin ich am End!"

Die Sprecherin hielt inne und sah nach dem Sohn, der mit bleichgewordenem Gesicht ihr gegen­über saß und offenbar im Augenblick keine Worte für das maßlose Befremden fand, das ihn bei den Worten der Mutter befiel. Endlich ermannte er sich und fragte zögernd mit versagender Stimme:

„Von Unglück sprichst Tu, das Dich betroffen hat, Mutter und von Not, in der Du Dich befindest? Ja — das ist ja das Erste, was ich höre! Ich dachte, hier zu Hause ginge alle? seinen geregelten Gang! Wenn auch die Gastwirtschaft, wie ich mich leider überzeugen mußte, nicht mehr in der Blüte steht, wie in früheren Jahren, so kann doch dieser Ausfall keine Not für Dich im Gefolge haben! Dafür ist doch das Fundament, auf dem wir stehen, ein zu sicheres!"

„Des Fundament, uff dem wir stehe, Ernst? Du maanst des Vermöge, des ich un de Vatter selig mit ins Haus gebracht hawe un des wir zwaa noch dezu erobert hawe? Des is jo grab, woran's hapert! Ich hab' Dir die frohe Studentejahre nit verkümmern wolle, hab' Dir nix devon gesagt und nix devon ge- schriewe, was Dein Vatter selig so früh unner die Erd gebracht hat —". Wieder hielt die Sprecherin inne, als unterdrücke sie mühsam eine in ihr auf- steigende schmerzliche Wallung und fuhr dann fort:

Deutschland Stimmung zu machen. Diesmal muß Deutschlands Chinapolttik herhalten:

Das „Reuter'sche Bureau' meldet aus Peking, daß dort eine allgemein alS glaubwürdig angesehene Nach­richt verbreitet sei, Juanschikai habe mit Deutsch­land ein Abkommen getroffen, durch das ihm die Dienste eines deutschen Generals mit, wie behauptet wird, sechs Stabsoffizieren und 200 Jnstruk- tionsoffizieren gesichert seien. Für die Durch­führung dieses Planes sollen vier Millionen Mark an­gesetzt sein, wovon eine Million für Krupp'sche Waffen und Munition bestimmt ist. Der Kor­respondent erklärt, es sei keine Bestätigung für diese Nachricht zu erhalten, aber sie würde überall als richtig angesehen. Die Vertreter der anderen Mächte würden dagegen Protest erheben.

Wir wissen nicht, worauf sich ein solcher Protest stützen sollte. China kam: bezüglich seiner Armee tun und lassen, was es will, und wenn Juanschikai gerade die Deutschen als Instrukteure bevorzugt, so wird er schon seine guten Gründe dazu haben. Eben so steht nichts dem entgegen, daß Deutschland Offi­ziere nach China sendet, die die chinesische Armee drillen. So ist es ja vereinzelt schon srüher geschehen, ohne daß sich andere Mächte darüber aufgeregt haben. — Der „Tag", dessen offiziöse Beziehungen bekannt gub, schreibt zu ber „Reuter"-Depesche: Wenn diese lelbung auch einen Kern Wahrheit enthalten mag, so ist sie doch in dieser Forn: nur mit Vorsicht auf­zunehmen, da, wie wir hören, kaum anzuneh- men ist, daß bereits bindende Abmachungen über die Frage einer Entsendung deutscher Militär- Instruktoren nach China getroffen worden sind. Ans Ansrage im Kriegsministerium hat das Blatt weiter erfahren, daß dort von einer derartig umfangreichen Abkommandierung nach China zurzeit nicht das geringste bekannt ist. < . f

- ' A

Ausland.

•• Die französischen Manöver sind in ihrem ersten Teil ohne Vorteil für eine der beiden Parteien be­endet worben. Der linke Flügel ber blauen Partei, von General Pau befehligt, trug einen leichten Erfolg davon, indem er eine feindliche Division abschnitt. Der rechte Flügel ber blauen Partei geriet jedoch in Gefahr, weil die Stellungen zu sehr von Truppen entblößt und den Mannschaften außerordentliche An­strengungen auferlegt worden waren, sodaß es zur Fortsetzung des Kampfes nötig gewesen wäre, Ver­stärkungen heranzuziehen.

** Die Insel Kuba, welche die Amerikaner be­kanntlich im Kriege gegen Spanien eroberten, braucht Geld. Die amerikanische Regierung hat der Regierung von Kuba die Erlaubnis erteilt, die Anleihe von 60 Millionen Mark aufzunehmen.

A Bulgarien will katholisch werben! In Bul­garien hat bekanntlich eine lebhafte Bewegung ein­gesetzt, bie ben liebertritt zur katholischen Kirche be­zweckt. Die Mehrheit ber bulgarischen Bevölkerung gehört zur griechisch-orthoboxen Kirche. Der Zar von Bulgarien ist katholisch. Schon in srüheren Jahren würbe einmal für beit Liebertritt ber Bulgaren zur katholischen Kirche lebhaft agitiert. Die Bewegung ist anscheinenb nicht aus religiösen, sondern aus poli­tischen Motiven entstanben. Bulgarien will von Rußland los und sich enger an das katholische Oesterreich anschließen. Zu diesem Zwecke hält man es nun in Bulgarien für vorteilhaft, katholisch zu werben. Interessant ist übrigens bie Tatsache, bas; ber Kronprinz Boris von Bulgarien nicht katholisch ist, wie sein Vater, sonbern nach griechisch-orthodoxem Ritus getauft wurde. Wie also seinerzeit aus poli­tischen Grünben ber Kronprinz seiner angestammten Kirche entzogen würbe, soll nunmehr bas ganze Volk aus benfelben Motiven heraus wieder katholisch werben.

„Mit aam Wort, Ernst — wir sein schon seit e Joh- rer brei bie Leut nit mehr, bie wir früher gewese sinn — wir sinn arm, was mer nur arm nennt —- Jaan Staa von bem HauS gehört noch unser!"

„Mutter!" rief ber junge Mann ausspringenb unb betrachtete bie ben Kopf auf bie Hand Stützende, als zweifle er, recht gehört zu haben. „Arm fagft Du, Mutter — arm? Wirklich arm? Aber um Himmels­willen, wie ist denn bas möglich? Deswegen hat alles im Haufe hier einen so kleinen Zuschnitt, des­wegen ist kein Vieh in ben Ställen, deswegen tust Du Magddienst unb beswegen hast Du mir geschrieben zu kommen? Du willst mir (agen, baß —" er hielt inne unb sah bestürzt auf bie Mutter, bie bas Gesicht mit beiben Händen verhüllend, in ein leiden­schaftliches Schluchzen ausgebrochen war, bas ihre ganze Gestalt erschütterte. So hatte er bie Mutter noch nie gesehen! Die Frau, welche ihm seit frühester Jugenb als Inbegriff ber Nüchternheit unb Leiden­schaftslosigkeit galt, bie selbst bei Aeußerungen müt­terlicher Zärtlichkeit gegen ihn unb bie Schwester, als sie beide noch Kinder waren, stets in gehaltenen Grenzen geblieben, geberdtte sich jetzt wie außer sich? Da mußte es allerdings trostlos anssehen, wenn die Mutter sich so itiebcrtoerfen ließ!

Dem jungen Studenten war auf einmal* zu Tlutc, als Ware, wie heute nachmittag das Hagel­wetter über das Feld, auch über feine Lebenshoff­nungen urplötzlich eine zerstörende Gewalt hinweg- gezogen. Er konnte es in dem Chaos der ihn durch- wogenden Empfindungen zuerst nicht ermessen, daß die Eröffnungen ber Mutter bie weitgehenbsten Fol­gen für feine Zukunft haben mußten und Hämmerte sich mit ber Zuversicht ber Jugend an bie Vorstel­lung, baß bie Mutter wohl zu schwarz male, baß wohl noch immer Möglichkeiten vorhanden seien, aus den Kalamitäten heranszukommen. „Aber Mutter , be­gann er nach einer Pause, „in brei kurzen Jahren kann boch bei bem einfachen Haushalt, tote Tu ihn führst, nicht ein Vermögen wie das itnsertge spurlos verschwinden?"

(Fortsetzung folgt.) '