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Zuldaer Leitung

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SÄÄÄiÄX 3«u|trierte Sonntogszeitung Suldaer SeschichtrblStter »XÄRÄTÄÄ'fi.i

5 - Zulbaer flctlenbrutfeerei in Zulba. Semfpredjer Nr. 9. u :: ;; Liehungslisten ber preußifdj-fübbeutfdjen Kfaflen-totterie. — tzalbföhrfich Taschenfahrplan. :: -j88“ °°n S°r örsjer" fln3dgtn'ntm«n »u uro°tag* oorb°r.U,lt eormi"aag

ITr. 2l2. erstes Blatt. Samstag Len 1Z. September 1913, 40. Zahrgang.

ja Bundesrat und Jesmtengesetz.

Stet Antrag« von Bundesregierungen fordern die Zustimmung des Reichstags auf Auf­hebung des Jesuitengesetzes.

So berichtet die ,Landesztg. für beide Mecklen­burg", und diese Nachricht wird von der „Tägl. Rund­schau" übernommen. Das ist eine Art Bestätigung; denn die „Tägl. Rundschau" ist mit einer ungeheuren Beflissenheit hinter allem her, was sich auf die Je- luitenfrage bezieht, und Würde gewiß auch heute ihre eigene Wissenschaft zum besten geben, wenn dieselbe von den Informationen des mecklenburgischen Blattes abwiche. Die „Tägl. Rundschau" l:gnügt sich aber mit dem Zusatz, daß Preußen und die Mehrheit der übrigen Bundesstaaten diesen Anträgen „ebenso wie bisher" ihre Zustimmung versagen würden.

Wir wissen, daß es Bundesregierungen gibt, die mehr kult ur käm pf er is ch als staatsmännisch sind. Ob Preußen sich schon endgiltig iestgelegt hat, müssen wir dahingestellt fein lassen. Eigentlich sollte man aber annehmen, daß alte verbündeten Mnistcrien so viel Sachlicher und Takt hätten, um ihr letztes Wort nicht eher zu formulieren oder wenigstens nicht eher zu veröffenltichen, als bis sie die Urheber der drei Anträg- auf Aufhebung des Aus­nahmegesetzes gehört haben.

„Ebenso w tr bisher" an dem alten Unrecht starr festhalten, ohne sich um die Wünsche und In- teressen des katholischen Volksteils, um den erneuten Beschluß des Reichstags und um die Anträge von drei verbündeten Regierungen irgendwie zu kümmern, das darf man doch höchstens den Herren vom Evangeli­schen Bunde, aber nicht den gewissenhaften Leitern von Staatswesen, Mitleitern der Reichspolitik zu­trauen. ■ v ,

Es liegt und geht nicht alles mehr „ebenso tote bisher". Das sieht man schon aus der Tatsache, daß drei Bundesregierungen für die Aufhebung des Ver- folqungsgeietzes eingetreteu sind. Hinter diesen rechts- un'd friedliebenden Antragstellern steht der Beschluß des Reichstags. Richtiger gesagt: die wieder­holten Beschlüsse des Reichstags. Die berufene Vertretung des deutschen Volkes hat zu verschiedenen Zeiten und in ihrer verschiedenartigen Zusammen­setzung fort und fort die Beseitigung des Aus­nahmegesetzes beschlossen. Man kann also nicht von einer Augenblicks- oder Zufallsabstimmung sprechen, sondern man muß anerkennen, daß wirklich der an­dauernde Wille der großen Mehrheit )es Volkes die Aufhebung fordert.

Es kommt noch hinzu, daß der Bundesrat elbst durch seine verunglückte Auslegung vom November v. I. die Unhaltbarkeit des Verfolgungs- aesetzes in grelles Licht gesetzt hat. Darüber kann doch gar kein Zweifel bestehen: der Wortlaut dieses Bundesratsbeschlusses enthielt eine erhebliche Ver­schärfung; die nachträglichen Erklärungen des Reichskanzlers leugneten diese Verschärfung und ver­kündeten die Beibchaltung der bisherigen Praxis; so >st zwischen der Rechtsnorm und der versprochenen Praxis ein Zwiespalt eingetreten; die Rechts­unsicherheit ist auf eine Höhe gestiegen, bte in einem sog. Rechtsstaat unerhört und unerträglich ist.

„Ebenso wie bisher" geht es wirklich nicht weiter. In den vier Jahrzehnten seit Erlaß dieses ersten kul­turkämpferischen Haß- und Verfolgungsgesetzes haben sich die Verhältnisse doch wesentlich geändert und sind mannigfache Erfahrungen eingetreten, aus denen ein unverblendeter Realpolitiker einiges gelernt haben sollte.

Sollten diesmal noch die drei antragstellenden Bundesregierungen in der Minderheit bleiben, so würden wir doch nicht verzagen, sondern auf die lang-

Der Brandstifter.

13] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

Und werde jetzt wahrscheinlich noch längere Zeit fort bleiben, weil ich nach Berlin gehe!" erwiderte Ernst und drückte die dargebotene Rechte. „Wie es Ihnen geht, danach brauche ich nicht zu fragen — has sieht man Ihnen an! Sie sind noch genau der Alte' Wie aehts Ihrem Adam und der Familie? Doch hoffentlich alles wohl?"

„Dank der lltoochfrog — alles bei der Hand! Dem Adam fehlt weiter nix als wie e tüchtig Fraa" — der Bürgermeister warf wie unwillkürlich einen Blick auf die hinter der Einschenke stehende Tochter des Hauses —, no was nit is, kann noch wer'n! Loß Dich emol bei uns sehe, Ernst!"

Damit wandte er sich wieder an den Gendarmen und fuhr in dem vorhin unterbrochenen Diktat fort:

„Also Herr Wachtmeister — hawe Sie des? „Nach Aussage des Feldschützen hat der Arrestant fahrläs­siger Weise einen im Feld stehenden Strohhaufen in Brand gesteckt, indem er darin Unterschlupf gesucht und geraucht hat!" Sie könne den Mann morie mit usf's Amt nemme, Herr Wachtmeister! Hawe Sie sonst noch was?"

Ernst Rother war an den anderen Tisch getreten und begrüßte die beiden Bauern, sowie den ihm von früher her noch bekannten Versicherungsagenten, dann wandte er sich zu dem allein sitzenden Jakob Eicher und bot auch diesem die Hand.

„Sieh da, dec Jakob Eicher!" sagte er dabet nut gezwungener Freundlichkeit. „Wie geht's, alter Ka­merad? Wieder ganz in das Bauernleben emge- wöhnt? War doch schön bei der Artillerie!"

Der Angeredete erwiderte den Händedruck nur leicht, sah dabei den Sprecher mit seinen dunklen Augen seltsam forschend an und sagte dann abweisend:

„For die Schönheit beim Kommiß hab ich nit viel übrig! No es is jo vorbei!" Etwas betreten von der kurzen Entgegnung betrachtete Ernst den Burschen, der wieder" wie ein Träumender in das Licht oer Petroleumlampe starrte «r/o witdec über-

same, aber sichere Logik der Tatsachen vertrauen. Die ängstliche Geschäftigkeit im Lager des Evangelischen Bundes bestätigt, daß die Wahrh eit und Ge­rechtigkeit auf dem Marsche find.

Deutsches Reich.

** Berlin, 12. Sept. 1913. Der Reichskanz- ler von Bethmann Hollweg wird am 18. September wieder in Berlin eintreffen. Der Staatssekretär des Innern Delbrück übernimmt am Montag, den 15. Sept., wieder die Leitung seines Ressorts. Am gleichen Tage wird auch der Reichsschatzsekretär Kühn wieder in Berlin eintreffen. Die erste Ple­narsitzung des.Bundesrats ist für den 2. Oktober in Aussicht genommen. — Eine Aenderung der K r i e g s s ch u l o rd n u n g wird im Armeeverord­nungsblatt gegeben. — Zur Beratung über Woh­nungsfragen wird auf Veranlassung des zu­ständigen Reichsressorts im Herbst eine Kommission zusammentreten. Tie Aufgabe der Kommission dürfte darin bestehen, durch Vernehmung von Sachverstän­digen die wirtschaftlichen und rechtlichen Grundlagen unseres Realkredit-Shstems sowie das Schätzungs- und Beleihungswesen der _ zu Wohn­zwecken verwendeten Grundstücke zu prüfen,. wobei besondere Rücksicht auf die Bedürfnisse des Kleinwoh- nungsbaues zu nehmen ist. — Der deutsche Staats­sekretär Dr. Sol weilte am 8. d. M. in llkoko, einem aussichtsreichen Hafen im Muni-Gebiet. Am 9. d. M. begab er sich nach Duala, wo am Tage dar­auf eine Besprechung mit der Handelskammer statt­sand. Der Staatssekretär sagte hierbei einen groß­zügigen Hafenausbau und eine kräftige Eisenbahn- Politik zu, lehnte hingegen Sonderetat und Reichszu­schuß für Neu-Kamerun ab. — Die Generalversamm­lung des Bundes der Industriellen nahm einstimmig Stellung gegen das neue Wirtschaftskar­tell, das der Zentralverband der deutschen Industriel­len und der Bund der Landwirte geschlossen hat und das in Erklärungen auf dem dritten Reichsdeutschen Mittelstandstag in Leipzig seinen Ausdruck fand. Der Vorsitzende des Bundes, Kommerzienrat Friedrichs (Potsdam) führte in seinem Referat aus, daß der Zentralverband, in dein bekanntlich vorwiegend die Schwerindustrie vertreten ist, einen Verrat an der Sache der deutschen Industrie begangen habe.

** Herzogin Viktoria Luise zu Braunschweig und Lüneburg, geborene Prinzessin von Preußen, die ein­zige Tochter unseres Kaiserpaares, die am 24. Mai dieses Jahres mit dem Herzog Ernst August, zu Braunschweig den Bund fürs Leben schloß, feiert heute, Samstag, ihren 21. Geburtstag. Gestern mit­tag traf die Kaiserin im Automobil zum Besuche der Prinzessin Viktoria Luise in Rathenow eilt. Sie blieb bis zum Abend hier. Prinz Ernst August toird am Samstag nachmittag vom Manöver zum Besuche seiner Gemahlin kommen und bis Sonntag nachmittag bleiben. Festlichkeiten aus Anlaß des Ge­burtstages der Prinzessin finden in Anbetracht ihres schonungsbedürftigen Zustandes nicht statt.

* Ein neuer Dienstgrad in der preußischen Armee. Die letzte Nummer des Militär-Wochenblattes bringt die Ernennung einer großen Zahl von Hauptleuten zu „Stabshauptleuten" — ein Dienstgrad, der bisher in der Armee nicht bestanden hat, und dessen Schaf­fung durch die am 1. Oktober d. I. in Kraft tretende neue Wehrvorlage hervorgerufen worden ist. Die Offiziere, die jetzt als „Stabshauptleute" zu den Stäben ihrer Truppenteile übertreten, find im Kriege dazu auserfehen, im Rahmen der aufzustellenden Kriegsformationen Führerstellen zu bekleiden. Da­durch ist für den Ernstfall der gewiß nicht unbeträcht­liche Vorteil erreicht, daß int Augenblick der Mobil­

kam es ihn wie eine ärgerliche Empfindung-- Der da vor ihm faß, war entschieden eine interessante Erscheinung mit seinem bleichen, edel geschnittenen Gesicht, den schwermütigen dunklen Augen und dem kurz geschnittenen schwarzen Lockenhaar. Der konnte schon einem Mädchen gefallen, ganz abgesehen da­von, daß er zu d-" pei^ö-'-'nVt-"- sRttrWe»’ in der ganzen Gegend zählte. Nur um etwas zu reden, be­gann Ernst wieder:

„Nun hast Du heute hier Geschäfte gehabt oder Besuche gemacht?"

Wieder traf den Frager ein eigentümlich forschen- der Blick des Dasitzenden und wieder antwortete die- fei nur kurz, als behage es ihm nicht, Auskunft zu geben: „Die Geschäfte sinn flau ewe und beim Be- fuchmache springt aach nix heraus!"

„So hast Du keine Gesellschaft getroffen?"

„Gesellschaft? Die best Gesellschaft is ost, wenn mer allaans bleibt!"

Verletzt wandte sich Ernst ab und trat Wieder zu dem an dem Stammtisch sitzenden Bürgermeister, der eben sein leergewordenes Glas zum nochmaligen Füllen über den 'Einschenktisch reichte.

„Sie haben int Torfgefängnis einen Arrestanten, wie ich vorhin hörte Herr Bürgermeister? Einen fahrlässigen Brandstifter?"

„Ja, mer hot fei Last mit bene Stromer, die sich fortwährend in der Gegend herumtreibe! Des is der aanzige Fremdenverkehr, den wir hier noch hawe, seitdem die Bahn nooch Limburg geht! Zum Glück war der Haufe Frucht nit groß un dem er gehört hot, des Schlichters Kunrad, der is gut versichert! Do hawe Sie zur Abwechslung entöl Geld zu brin­gen, anstatt immer zu holen, Herr Maler!" lief der Sprechende dabei launig dem am anderen Tisch sitzen­den Versicherungsbeamten zu.

„Kleinigkeit, Herr Bürgermeister!" erwiderte der Angeredeie. Bei der Coulanz, mit welcher meine Gesellschaft Schadenfälle erledigt, denke ich, das Geld schon m den nächsten Tagen dem Schlichter auszah­len zu können! Da könnt Ihr sehen —" wandte er sich sodann an die bei ihm fitzenden zwei Bauern, „— was es heißt, bei einer soliden Gesellschaft, wie cs die von mir Vertretene „Slltemannia" ist. versichert

machung, die neuen Verbände Führer erhalten, die schon im Frieden über ihre Kriegsverwendung unter­richtet sind und sich auf ihre Tätigkeit im Kriege vor­bereiten konnten. In der Infanterie haben 358 Hauptleute und Oberleutnants letzt die Bestimmung als „Stabshauptleute" bekommen, in der Kavallerie 59 die Charge als Stabsrittmeister. Die geringe Zahl der in der Reiterwafse zu den Stäben uberge» tretenen Offiziere erklärt sich daraus, daß die Kaval­lerie schon im Frieden nahezu den vollen Kriegsstand besitzt und nur einzelne und wenige Kriegssormatio- nen im Mobilmachungsfall zu ihr hinzutreten. Auch für die Artillerie verzeichnet die jüngste Nummer des Militär-Wochenblattes die Uebersuhrung von 18 Hauptleuten zu den Stäben ihrer Truppenteile.

* Vermehrte Reichsmittel zur Tuberkulosebekäm­pfung. Der nächste Reichsetat dürste nach Berliner Blättern in Uebereinstimmung mit den Wünschen des Reichstages eine Erhöhung der für die Tuber­kulosebekämpfung bisher zur Verfügung stehenden Mittel (100 000 Mk.) beantragen. Für die Zukunft sollen auch für die Tuberkulosebekämpfung des Mittel­standes Reichsbeihilfen zur Verfügung gestellt werden. Für tuberkulöse Arbeiter und Arbeiterinnen ist feit Jahren eine ausreichende gesetzliche und private Für­sorge vorhanden.

* Offizier und Zivilberuf. Eine Kabinettsorder des Königs von Sachsen verfügt, daß Offiziere, die einen Zivilberuf ergreifen, nicht mehr zur Disposition gestellt, sondern in den Pensions­stand versetzt werden. Den Anlaß dazu gab eine Klage gegen einen Redakteur gewordenen Offizier, der, weil er zur Disposition stand, nicht vom Zivil-, sondern vom Militärgericht abgeurteilt wurde.

* Mandatsniederlegung eines sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten. Der sozialdemokratische Ab­geordnete für den Wahlkreis Frankenhausen im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt hat laut „Tisch. Tageszeitung" sich veranlaßt gesehen, wegen.gewisser Verfehlungen fein Mandat für den, Rudolstädtischen Landtag, sowie seine sonstigen Ehrenämter nieder- 5 u I e g e n. Der erwähnte Abgeordnete ist im vori­gen Jahre in einem ländlichen Wahlkreis gewählt worden, der 21 Jahre lang von einem dem Bunde der Landwirte angehörigen Abgeordneten vertreten war.

:: Eine neue Krupp-Affäre. Die Rheinische Me- tallwaren- und Maschinenfabrik, Aktiengesellschaft in Düsseldorf, besaßt sich zusammen mit der Fahrzeug­fabrik Eisenach Aktiengesellschaft, mit dem Bau von Sckmellfeueraekchützen. Beide Aktiengesellschaften hat­ten viel Geldverlust, so daß eine Sanierung sehr nötig war. Tie Düsseldorfer Gesellschaft beschloß die Sa­nierung. Diese wurde jedoch in der am 20. August stattgefuudenen Versammlung verhindert. In der Versammlung waren mit einer Gesamtheit von 3 535 000 Mark Aktien drei Berliner Herren vertre­ten, ein Rentier, ein Makler und ein Rechtsanwalt, sämtlich Herren, denen man einen solchen Besitz nicht zutrauen kann und die sämtliche Vorschläge zur Sa­nierung niederstimmten. Die Herren können nur int Auftrage einer bestimmten Jnteressengruvpe gehandelt haben. Nach den bei der „Franks.. Ztg.' eingeqangenen Meldungen kann dies nur bte Firma Krupp f e: n, bte sich dadurch ein Monopol schaffen will für oroßkalibrige Kanonen für Festung?- unb Marine,zwecke. Eine Anfrage in dieser Angelegenheit bei Krupp ist nicht beantwortet worden. Eine, parla­mentarische Korrespondenz behauptet, sie wisse genau, daß Krupp diese Aktien hat. Aber nicht nur hier ist es, bei den Waffen- und Munitionsfabriken verhalt es sich ähnlich. Die Reichstagsuntersuchungskummif- sion hat hier ein großes Stück Arbeit zu leisten.

= Gegen den Posener Oberpräsidenten Dr. Schwartzkopfs sind von ber „Täglichen Rundschau heftig- Angriffe gerichtet worden, weil er die Pol-

zu fein! Bei ber wird bei eintretenden Schadenfällen nicht lange gemäkelt oder auf die lange Bank gescho­ben — ba wirb einfach, ohne lange zu fragen, be­rappt und nur berappt!" Herr Maler machte mit ber rechten Hand die Bewegung des Geldzahlens und schlug zur Bekräftigung feiner Worte auf ben Tisch. „Nun — ist ja auch kein Wunder! Bei unserem Grundkapital — drei unb eine halbe Million — wißt Ihr wieviel Geld das ist? — da sind w solche Ge­schichten eine Bagatelle! Und dabei lächerlich nied­rige Prämien! Wir haben in dem letzten Jahre allem an Feuerschäden ausgezahlt" — der Agent zog ein Papier aus der Tasche und begann den beiden, ihm gleichgültig Zuhörenden eine Reihe vorn Summen vorzulesen, während Ernst • sich an den Siammtfich setzte und mit dem Bürgermeister und dem Wacht­meister ein gleichgültiges Gespräch begann.

Jetzt trat Frau Rother in die Gaststube und wandte sich an den bei ihrem Erblicken seine Rede unterbrechenden und sie erwartungsvoll ansehenden Agenten:

„Sie hawe die Quittung, Herr Maler? Was kriege Sie also diesmal?"

„Hundertvierzig Mark 60 Pfg., Frau Rother! erwiderte ber Agent etwas verlegen.

„Des kann doch nit stimme! Wie ich Ihne schon vor eme Jahr gesagt hab, is doch die Versicherungs- summ gege früher um fufzigtansend Mark geringer. Sie hawe domols gesagt, daß Sie's melde wollte und daß mir dann das Geld, was ich zuviel bezahlt halt, zurückvergüt' töt wer'n! Seitdem hawe Sie atoer nix mehr von sich höre und sehe lasse!"

" „Ganz recht, Frau Rother! Die Polize läuft aber noch für den vollen Betrag Hwei Jahre und kann erst dann gekündigt werden! Bis zum Ablauftermin ist demnach die Prämie für die volleVersicherungsfumme zu zahlen! Ich habe allerdings gemeldet, daß sich ber Bestand an Vieh, Frucht, landwirtschaftlichen Maschinen und io weiter um etwa fünfzigtausend Mark vermindert hat; bis jetzt hat aber die Direktion noch keine endgültige Entscheidung über den Fall ge­troffen. Zweifellos kommt sie tn ihrer bekannten Kulanz Ihnen entgegen!"

„Un wenn sie des nit tut, dann müßt ich Ger« sicheruna for etwas bezahle, was gar nit do is? Des

nischen Adligen durch persönlichen Einfluß zu bestimmen gewußt habe, an der Hoftafel int Kaiser­schloß teilzunehmen. Es wurde auch behauptet, daß er dem Kaiser durch falsche Auslegung des Besuches der polnischen Adligen im Schloß Potemkinsche Dör­fer vorgezaubert habe und das Deutschtum nicht för­dere. Der Ncgierungsrat im Posener Oberpräsidium Naumann wendet sich in ber „Kreuzztg." gegen diese Angriffe.

Er fordert die Beweise und Unterlagen dafür, daß .Dr. Schwartzkopfs der Förderung des Deutschtums In der Provinz nicht die weitgehendste und warmherzigste Fürsorge zuteil werden läßt. Wo ist der Beweis dafür, daß der Oberpräsident mit den Polen „liebäugelt", daß er einen „Veriöhnungskurs" einschlagen will oder einge­schlagen hat, daß das Deutschtum sich von ihm verraten und verlassen glaubt? Man bringe in maßgeblichen deutschen Kreisen seiner Politik Vertrauen entgegen, weil man überzeugt ist, daß sie den Polen gegenüber die Staatsautorität und die Slaatsinteressen stets mit Nach­druck zur Geltung zu bringen wissen wird. Die ,Tägl. Rundschau' scheint zu glauben, daß dies nur möglich ist, wenn man unablässig mit drohend geschwungener Keule gegen den polnischen Teil der Bevölkerung Sturm läuft; sie wird aber gestatten müssen, daß weitere Kreise die es wahr und treu mit ihrem Deutschtum meinen, darüber anderer Ansicht sind und ruhige, zielbewußtt Staatsklugheit höher einschätzen, als den fortgesetzten Gebrauch Der Lärmtrompete."

„Mit drohend geschwungener Keule", so nur kann nach ber Vorstellung der Hakatisten ein rechter Deutscher den Polen gegenübertreten, unb dann Wun­dern sie sich, daß die Polen ihnen nicht um den Hals fallen unb ben Bruderkuß bieten. Leider will man, wie die vorstehende Auslassung zeigt, auch in Regie­rungskreisen von einem Shstemwechsel in der Polen­politik noch nichts wissen; man will nicht eingestehen, daß man sich schon viel zu weit hat treiben lassen. Aber vielleicht -- mehr möchten wir einstweilen nicht herauslesen — wächst doch die Erkenntnis, daß es so nicht weiter gehen kann, daß man sich nicht weitertreiben unb -hetzen lassen barf, soll nicht außer allem anberen Schaden auch noch in ber deutschen Bevölkerung bte Staatsautorität unheil­baren Schaden leiden.

□ Den Fällen von Bremen und Mühlhausen läßt in der „Straßb. Post" (Nr. 1018) Dr. Alb. Holl eine psychiatrische Beleuchtung angedeihen. Da heißt es u. a.:

„Die Art und Weise, wie sich die Fälle in Bremen und Mühlhausen abgespielt haben, ist nicht allzu häufig. Man spricht oft, wenn auch nicht ganz ernst, von dem Gesetz von der Duplizität der Fälle. Man will damit sagen, daß Fälle, die an sich selten sind, auffallend oft doppelt auftreten, wenn sie einmal vorgekommen sind. Man kann mit demselben Recht von der Triplizilät usw. der Fälle sprechen. Das sogenannte moralische Kontagium spielt habet eine Rolle. Die bewußte Nachahmung, aber auch die unbewußte psychische Ansteckung durch irgend einen Vorgang löst gleichartige Handlungen aus. Ich erinnere an die Etsenbahnüberfälle, die sich so­fort häuften, als ein Fall vorgekommen war. Auch im Anschluß an Die Tat des Hauptmanns von Köpenik wurden aus Deutschland und Frankreich sofort gleich­artige Verbrechen berichtet. In der Psychiatrie kennen wir ein induziertes Irresein, d. h. ein solches, bei dem mehrere Personen, die zusammen leben, oder doch viel zusammen kommen, eine gleiche psychische Erkrankung zeigen. Religiöse Wahnvorstellungen, aber auch paranoische Ideen, Querulanlentum, werden auf solche Weile nicht selten von einer Person aut mehrere übertragen. Meistens ist die sekundär erkrankte Person durch geringere Wider­standsfähigkeit zu solcher psychischen Ansteckung disponiert. Wer die Bedeutung der psychischen Ansteckung kennt, die garnicht selten durch die Presse vermittelt wird, den wird die Gleichartigkeit Der in Bremen und tn Mühlhausen vorgekommenen Verbrechen nicht über­raschen."

So kann bet Entschluß zu ber Bluttat in Mühl­hausen losgelöst sein durch ben Gefühlseindruck, den die Bremer Tat in Wagner hinterließ. Noch einen

kann doch nit ftimme! Dann müßt jo aach, wenn mer, wolle wir amtemme, alles abbrenne tät, Ihr Gesellschaft die ganz Versicherungssumme bezahle, trotzdem daß nur de fünfte Teil verbrannt is!"

„Dann würden bte einschlägigen Bestimmungen des § 27 ber Polize in Anwendung kommen! Die Gesellschaft haftet nur für den wirklichen Schaden!"

„Samt barf sie aach nit mehr Prämie nemme, als wie for de Merkliche Schade! Des is doch kloor! No, meinttoege — ich bezahl's Ihne noch emol, weil der alt Herrsche! doch fei Frucht Widder uff unsern Speicher setzt — do is bte wenigstens versichert! Awex schreibe Sie Ihrer Gesellschaft, Herr Maler, daß des nit in Ordnung is — daß es sich gehört, daß mir des zurückbezahlt werd, was ich zuviel bezahlt hab' Die genaue Notiz hab ich Ihne jo schon vor'm Johr gcwe!"

„Gewiß, Frau Rother! Verlassen Sie sich ganz auf mich — es kommt alles in die schönste Ordnung! Gleich morgen ersuche ich die Direktion dringend, sich umgehend über den Fall zu äußern!"

Frau Rother schritt, ohne ein weiteres Wort hin- zuzusügen, nach den, bet Einfahrt gegenüber liegen­den Wohnräumen ber Familie unb kehrt gleich dar­aus mit dem Gelbe zurück, das sie dem Agenten auf den Tisch zählte. Mit befriedigtem Kopfnicken strich Herr Maler die Summe ein, gab nochmals die wort­reiche Versicherung, daß er bte fragliche- Angelegen­heit zur vollen Zufriedenheil erledigen werde und daß et bestimmt hoffe, schon in den nächsten Tagen zu gedachtem Behuse wieder vorzukommen.

Die Uhr int Winkel hob eben zum Schlage aus. H 'tig leerte Herr Maler sein Glas und sagte, sich e<.., heud:

„Schon acht — ba muß ich mich auf den Weg machen! Also, meine Herten" — wandte et sich noch- mals an die beiden an seinem Tische sitzenden Bauern — überlegt’? Euch, kündigt der „Securitas Eure Polizen und tretet in die „Allemannta em! Ihr spart dabei Geld! Tie Ueberschreibung kostet Euch keinen Heller — das mache ich schon! Denkt Euch bte niedrigen Prämien! Ich komme dieser Tage noch ein-, mal vor und bringe die betreffenden Versichetunüs-

mit!"

(Fortsetzung folgt.)