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3. Blatt.

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Samstag 15. St*ember 1915.

wochen-Run-schau.

[:] Fulda, 12. September 1913.

Zur Teilnahme an den auf schlesischem Boden stattgehabten Kaisermanovern dre zetzt am Mittwoch mit dem Siege der blauen Armee beendet worden sind, war dieser Tage König Konstantin von Griechenland, des Kaisers Schwager, mit dem Kronvtinzen Georg in Berlin emgetroffen, wo man den hohen Gästen einen äußerst herzlichen Empfang zuteil werden ließ. Drüben in Frankreich blickt man auf diesen Besuch mit scheelen Augen; man sieht darin mehr als einen Att des höfischen und verwandt­schaftlichen Umganges. Daß der Besuch König Kon­stantins von Griechenland nicht ausschließlich privaten Charakter trägt, sondern auch seine politische Bedeu­tung hat, ist Wohl anzunehmen. Zweifelsohne gehen aber die Vermutungen und „Befürchtungen" auf französischer Seite entschieden zu weit. Tatsache ist, daß durch das Eingreifen Deutschlands und insbe­sondere unseres Kaisers für die Forderungen Grie­chenlands gegenüber Bulgarien in der Angelegenheit des Hafens von Kavalla die Geneigtheit der Griechen für Deutschland sich bedeutend gesteigert hat. Daß nun die Franzosen um ihren bis fetzt unantastbaren Einfluß furchten, ist klar.

Biel Beachtung hat in der gesamten Presse das Urteil des Oberkriegsgerichts in Er­furt gefunden, das bei der Strafzumessung für eine Anzahl von Reservisten, die am Tage der Kon- trollversammlung sich Ausschreitungen zuschulden hatten kommen lassen, wesentlich milder Verfahren ist, als das Urteil der ersten Instanzen. Bei dem Urteil konnten den Angeklagten bereits die Milde­rungen zuteil werden, die durch die Novelle zum Milttärstrafgesetz, das der Reichstag noch kurz vor Schluß seiner letzten Tagung durchgebracht hat, vor­gesehen sind. Im übrigen verdiente jedoch auch die Sachlichkeit und unbefangene Würdigung der Zeugen durch daZ Oberkriegsgericht volle Anerkennung. Die Richter haben es von sich abgewiesen, die Rechtspre­chung in den politischen Parteikampf zu zerren und Achen ein Urteil gefällt, das wenn auch noch hin­länglich scharf, das öffentliche Rechtsgefühl nicht so verletzt, wie das erste Urteil.

Ein schwerer Verlust hat wieder einmal unsere junge Luftflotte getroffen. Das Marineluft- fchlff „L. 1" ist am Dienstag abend in der Nähe von Helgoland einem orkanartigen Sturm zum Opfer gefallen und was diese schwere Katastrophe uns noch düsterer als alle bisherigen erscheinen läßt, ist die Tatsache, daß ihr zum ersten Mal außer dem Werke Zeppelins auch eine größere Anzahl von Men­schenleben zum Opfer fielen.

Weit über Deutschlands Grenzen hinaus hat in der letzten Woche auch die Vermählung des verbann­ten portugiesischen Königs Manuel IJ. mit der Hohenzollernprinzessin Auguste Viktoria int Schloß zu Sigmaringen Beachtung und Anteilnahme ge­weckt. Nach den schweren Jahren der Prüfung wünscht man dem jungen Paar eine ruhige und se­gensreiche Zukunft und hält auch mit dem Wunsche nicht zurück, daß es dem jungen Königspaar noch vergönnt sein möge, den alten portugiesischen Königs­thron wieder zu besteigen. Uebrigens ist augenblick­lich in Portugal ein- neue überaus starke royalistische Bewegung im Gange. Die Polizei hat ein weit ver­zweigtes Komplott, das sich gegen die Republik rich­tet, entdeckt. Zahlreiche angesehene Persönlichkeiten sind in die Verschwörung verwickelt. Auch in ver­schiedenen Regimentern gärt es bedenklich, und die Lage der Regierung soll bedrohlich sein.

Die bulgarisch-türkischen Verhand­lungen, die zurzeit in Konstantinopel im Gange sind, schreiten rüstig vorwärts, da Oesterreich-Ungarn und Rußland die bulgarischen Forderungen diploma- tisch unterstützen. Auf Adrianopel und Kirkkilisse wird Bulgarien verzichtet! müssen und es scheint, daß ent­gegen früheren Meldungen auch der Bahnhof in Adrianopel türkisch bleibt und von einer Schleifung der Festung keine Rede mehr sein kann. Allerdings wird sich die Türkei auf andern, namentlich wirt­schaftlichem Gebiete zu Konzessionen an Bulgarien beouemen müffen, wird doch sogar schon von der Mög­lichkeit eines Bündnisses, wenn nicht eines Offensiv-, so doch eines Tefensiv-Bündnisies zwischen den beiden Staaten gesprochen. Im türkischen Lager ist wieder einmal ein sehr bedenklicher Konflikt zwischen den Alt- und Iungtürken ausgebrochen, wobei der Führer der Iungtürken Enver Bey verwundet und eine Anzahl anderer Offiziere getötet wurden. Wenn man auch über die Tragweite dieser Zwisttgkeiten noch keine genaueren Angaben erhalten hat, so ist jedenfalls das gewiß, daß ein Bürgerkrieg und ein

Unpolitische Zeitläuse.

N. Berlin, 10. September 1913. .

(Nachdruck nicht gestattet.)

Verbrechen und Unglücksfälle — Unglücksfälle und Verbrechen, so geht das Tag kür Tag in gleich­förmiger Abwechselung. Leben wir denn auf der Erde, oder ist schon die Hölle über uns hereiuqe- brochen?

So arg, wie in diesem Spätsommer, hat sich Wohl in keinem Jahr daS Unheil gehäuft. Wenn man seine Zeitung zur Hand nimmt, so fragt man schon rm voraus: Wo sind denn heute die üblichen Men­schenopfer geschlachtet worden?

Wir sehen mit Mitleid auf die Balkanvölker, die durch den Krieg gelichtet werden, und freuen uns über unfern „Frieden". Aber wo herrscht wirklicher Friede auf Erden? Wenn die Staaten nicht mitein­ander Krieg führen, so führen doch verbrecherische Leute gegen ihre Mitbürger, sogar gegen ihre eigenen Angehorrgen einen blutigen Kleinkrieg. Und wenn die Kanonen ruhen, so ruhen doch keineswegs die grimmigen Naturaewalten, an denen des Menschen Witz und Kraft zersplittert. Mit Trümmern und Lei­chen ist das Feld der Menschheit besäet.

Ich wollte heute über den grauenhaften Massen­mord von Degerloch und Mühlhausen in Württemberg schreiben. Aber da kommt inzwischen die neue Sckrreckenskunde von der Vernichtung unse­res größten und stolzesten Luftschiffes, das mit 14 Menschen in die Fluten der Nordsee versunken ist. Ebensoviel Opfer, wie drüben von einem tollen Verbrecher niedergestreckt worden sind, haben hier Wind und Wogen verschlungen.

Schuld oder Verhängnis? Ja, wer kann „ba§ immer auseinanderhalten? Erst hieß es, der Massen­mordbrenner Wagner von Degerloch sei wahnsinnig; dann aber schlossen Richter und Aerzte aus seinem Verhalten und aufgefitndenen Briefen, daß die ent­setzliche Tat auf einem wohlüberlegten, langsam ge­reisten Willensentschluß beruhe. Das Marineluft­schiff „8. 1" war in einer militärischen Hebung be­griffen; es mußte und durste also etwas mehr ge-

wieder ausbrechender Kampf zwischen Jung- und Alttürken all die Erfolge hinfällig machen konnten, welche eine überraschend günstige Wendung der letz­ten Monate der Türkei ohne besondere Tätigkeit in den Schoß geworfen hat. Eine interessante Nachricht, die man vielleicht als das ersteulichste Resultat der Balkanwirren ausprechen darf, bildet die angebliche Absicht der Bulgaren, von der griechisch-orienta­lischen Kirche zur r ö m i s ch-k a t h o l. Kirche üherzutreten. Dieser liebertritt wäre zu begrüßen, zumal auf diesem allerdings ungewöhnlichen Wege durch die Politik eine Jahrhunderte alte Frage wie­der ins Rollen kommen dürste, deren Lösung zweifel­los für die schismatischen Katholiken erstrebenswert ist. Wenn auch Bulgarien durch seine Stimmung gegen Griechenland zu diesem Schritte veranlaßt wor­den sein mag, weil es in dem Patriarchen von Kon­stantinopel auch einen Repräsentanten seines Erb­feindes erblicken mußte, so ist dieser Umschwung in den Verhältnissen deswegen nicht weniger erfreu­lich, da die geringen Gegensätze, welche die Schisma­tiker von der römisch-katholischen Kirche trennen, nicht unüberbrückbar erscheinen.

lieber den Ausgang des amerikanisch- mexikanischen Ko n f l i k te s ist man noch nicht im Klaren. Zunächst Hai man den Eindruck von einer diplomatischen Niederlage des Kabinetts in Washing­ton. Der Vertreter des Präsidenten Wilson befindet sich noch immer in Veracruz. General Huerta- hat durch einen Spezialgesandten die formelle Verpflich­tung zum Schuh d'r amerikanischen Staatsangehöri­gen in Mexiko erklären lassen; ob er wirklich die Ver­sicherung abgab, im Oktober nicht für die definitive Besetzung der Präsidentschaft zu kandidieren, was einer Anerkennung des amerikanischen Einspruchs­rechtes gleichkäme, ist durchaus noch nicht ausgemacht. Genaueres wird sich erst am 15. September sagen lassen, wenn Huerta dem llnionskongreß seine Bot­schaft vorlegen wird. Die endgültige Entscheidung aber kann nicht vor dem 26 Oktober, dem Tage der Präsidentenwahl, fallen. Wenn auch die Angelegen­heit an Schärfe verloren hat, so ist sie doch noch immer sehr unklar. Der amerikanische Staatssekretär des Aeußeren, Brhand, macht sich aber scheinbar wenig Kopfschmerzen über die Differenzen seines Landes mit Mexiko. Herr Brhand hat sich von einem Wan­derzirkus engagieren lassen und zieht nun in Beglei­tung von Akrobaten, Sängern, Taschenspielern in den verschiedensten Städten der Union herum und tritt als Hauptattraktion des Programms allabendlich vor das Publikum. Das tollste ist, daß der Minister des Aeußern der amerikanischen Union zur Abwicklung der Staatsgeschäfie jeden Morgen einige Stunden nach Washington zurückkehren muß; man kann sich vorstellen, wie gründlich diese Staatsgeschäfte erledigt werden, und es wird dem Präsidenten Wilson von sehr zweifelhaftem Nutzen sein, einen solchen Staats­sekretär zum Mitarbeiter erkoren zu haben.

In China ist durch den Fall Nankings die Lage der südlichen Rebellen hoffnungslos geworden. Juan- schikai ist der unbestrittene Herr des Landes; nun sieht er sich aber einer neuen ernsten Gefahr gegenüberge­stellt durch die Kriegsdrohungen in Japan, wo durch die Ermordung oder Hinrichtung einiger Japaner in Nanking eine der chinesischen Negierung sehr feind­liche Stimmung hervorgetreten ist.

/♦ Der Weg zu den Reichslanden.

Der Metzer Katholikentag stellt allein nach der nationalen Seite hin einen gewaltigen Gewinn bar; beim er hot ein neues B a n b zwischen ben Bewohnern von Lothringen unb ben Katholiken Alt- beutschlanbs geknüpft. Die Bewohner Lothringens haben ihre deutschen Glaubensgenossen in ihren Be­strebungen, in ihren Organisationen und in ihren Erfolgen kennen gelernt, und dies allein schon ist ein Gewinn von nicht zu unterschätzender Bedeutung, zu­mal sie gleichzeitig sahen, daß die Katholiken Alt­deutschlands ihre berechtigte Eigenart zu berücksich­tigen und zu schonen entschlossen waren.

Es ist ein trauriges Zeugnis des engherzigen Na­tionalismus und ein Beweis von Stumpfsinn, wenn man sich darüber auch nur eine Sekunde aufhält, daß auf dem Katholikentag auch französische 58er- fa mm lun g e n abgehalten worden sind. Die Ka­tholikentage sind Massenversammlungen, Sie am stärksten aus der unmittelbaren Umgebung des Tagungsortes besucht werden. In der nächsten Um­gebung von Metz aber wird nur französisch gesprochen;, die Masse des Volkes versteht kein Deutsch, und darum war es eine Selbstverständlichkeit, daß für diesen Teil der Bevölkerung Versammlungen in der Mutter­sprache abgehalten werden mußten. Nur wenn man darauf hinausgehen wollte, die einheimische Bevölke­

wagt werden, als bei einer gewöhnlichen Spazier­fahrt. Es fragt sich aber doch, ob das Schiff mit 20 Personen und allem Zubehör nicht doch zu stark be­lastet gewesen ist und ob man bei Herannahung der verhängnisvollen Wetterwolke aus Nordwest sofort die gebotenen Vorsichtsmaßregeln getroffen hat. DaS wird wohl die nachträgliche Untersuchung noch auf» klären.

Aber kann denn die nachträgliche Untersuchung und Rechtsprechung noch etwas nützen? Allerdings lassen sich die Toten nicht wieder lebendig und die Trümmer sich nicht wieder hell machen. Aber man kann doch ans der Aufklärung des Geschehenen gute Lehren für die Zukunft ziehen.

Da könnte nun ein Schwarzseher entgegnen: Schon siebenmal vorher waren die Zeppelinschiffe von schwe­rem Unheil betroffen worden, und all diese bittere Erfahrung hat doch den achten Unfall nicht verhüten können! Die Tatsachen sind richtig: In den Jahren 1906 und 1908 ging je ein Luftschiff zugrunde; 1910 sogar zwei; 1911 unb 1912 je eines; das laufende Jahr hat schon zwei gekostet (im März unb jetzt im September). Man kann jeboch nicht sagen, baß wir barmt» nichts gelernt hätten. Jebes Unglück hat seine Eigenart; es offenbaren sich immer neue Ge­fahren und Schwierigkeiten, immer neue Tücke des Schicksals. Wenn wir nach der einen Seite Vorsicht gelernt haben, geraten wir nach der andern Seite in ben Graben. Die Bezwingung ber Lust ist eine höchst verwickelte Aufgabe, bie immerfort neue Ueber- raschungen bringt. Um so mehr, wenn bas Schiff neben ben Luftgefahren auch noch bie Seegefahren zu bestehen hat, wie es hier bei dem Marineluftkreuzer ber Fall war. lieber ber See können bie Böen unb bie Regengüsse sich noch schneller unb kräftiger ein- stellen als über dem Lande, und wenn das Luftschiff niedergedrückt wird, so ist das erregte Wasser eine viel schlimmere „Landungsstätte" als der feste Boden. Im vorliegenden Fall z. B würden auch bei schar- fern Aufsetzen aus den Boden von ben 20 Insassen aller Wahrscheinlichkeit nach viel mehr als sechs ge­rettet worben sein. — Wir Zuschauer mit bem ge­wöhnlichen Menschenverstand müssen es den Fach­männern, bett Technikern überlassen, aus ben bitteren Erfahrungen bie rechten Lehren zu ziehen. Sie bür- |

rung von sich zu stoßen, dann konnte man eine solch begrünbete Forderung ablehnen. Aber gerade bann hätte ber Katholikentag für ben engeren Anschluß ber Reichslanbe gar nichts leisten können.

Die Politik ber Abstoßung hat noch nie Sym­pathie bei jenen erzeugt, bie man abstößt, während man sie gewinnen sollte. Das Volk Lothringens aber ist ein edles, gutes, ideal angelegtes Volk, das zu lei­ten und zu lenken keine allzu große Staatskunst ist; es müssen daher schon ungemein viele grobe Fehler gemacht worden sein, wenn sein Anschluß an das Reich sich so ungemein langsam vollzieht, oder wenn man gar beobachten muß, daß selbst die unter dem deutschen Regiment herangewachsene Jugend starke Sympathien für das Nachbar land hat. Da fragt man unwillkürlich nach den Ursachen einer solchen Erscheinung. Zwei Gründe werden auf alle Fragen immer wieder genannt, zwei Gründe, die die­sen Weg verschließen: das Vorherrschen des Mili­tärregiments und die systematische Pro- testantisierungspolitik der Regierung; das sind die Eisberge, an denen immer wieder der engste Anschluß ber Reichslanbe scheitern wirb, trotz Ver- sassungsreform unb schöner Worte. Werden sie nicht beseitigt, so stehen uns bie Reichslanbe noch in 50 Jahren genau so fremd gegenüber wie vor 40 Jahren.

Das Militärregiment besteht nach der Auffassung der Einheimischen in einem Umfange, daß sie von einer Militärdiktatur reden. Gewiß ist an manchen Stellen das Verhältnis von Zivil und Mili­tär sehr herzlich unb intim, aber es kommen auch andere Dinge vor. ÜBenn man wiederholt selbst er­lebt hat, daß Offiziere auf der Straßenbahn alte Frauen anherrschten: „Deutsch sprechen!" so schadet ein solcher nationaler Uebereiferer ungemein viel und ruft das Gegenteil hervor; bann wirb erst recht Französisch gesprochen. Aehnliche heiter-ernste Vorkommnisse knüpfen sich an bas Sprachenver- boi auf ber Pulverinsel, bas übrigens fall nur beutsche Offiziersdamen trifft, bie sich im Französischen vervollkommnen wollen: aber ein lothringischer Klub antwortete mst dem Anschlag: „Hier barf auch Deutsch gesprochen werben!" Solche Häkeleien sinb überflüssig- Viel ernster aber sinb Klagen über bie Zurück­setzung ber Lothringer im militärischen Dien st. Einheimische Bewerber finden kaum ober keine Aufnahme; bie Söhne eines politischen Führers ber Lothringer wurden schnöde zurückgewiesen, als sie sich zur Militärbeamtenlaufbahn meldeten; die Folge war, daß ihre Brüder, bie Reserveoffiziere wer­ben wollten, schnellstens sich zurückzogen. Neue Er­bitterung wirb so in weite Kreise getragen; bie Ein­heimischen fühlen sich als bie Eroberten unb Besieg­ten, als bie Beherrschten unb Unterbrückten. Die Sympathie geht nicht nach bem Reiche, nicht nach Berlin. Es ist allgemeine Ueberzeugung geworben, baß bie beiben Korpskommandeure auch in zivilen Fragen mehr zu sagen haben, als ber Statthalter unb bie Regierung, baß bie militärischen Behörden das Land regieren. Solche Auffassungen unb Zu­stande verrammeln ben Weg zum inneren Anschluß ber Reichslande. Wenn heute ein Prinz ans könig­lichem Geschlecht Statthalter würde, rechnet matt all­gemein mit einer Wendung und einer unabhängigen Zivilverwaltung, die überall da gut fährt, wo sie mit dem Volke unmittelbar verkehrt.

Ein noch größeres Hinbernis für ben inneren An­schluß ber Reichslanbe ist bie Protestantisierungs- politik ber Regierung. Lothringen ist nahezu ganz katholisch, bie Beamtenschaft aber nahem ganz protestaniisch; bieses Verhältnis steht ber An­näherung am meisten im Wege. SZBenn ber katho­lische Lothringer sieht, baß ber Beamte am Sonntag in seine Kirche geht, bann spinnen sich von selbst Fäben bes Vertrauens; muß er aber erfahren, daß ber Beamte offen unb versteckt sich als Agent des Pro­testantismus betätigt, so entstehen unüberwindliche Mauern des Mißtrauens. Wer dies nicht beachtet, wird die Reichslande nie moralisch erobern. Daß man ber Ersten Kammer des zu drei Vierteln katholischen Lande? eine starke protestantische Mehr­heit gegeben hat, war kein Akt staatsmännischer Klug­heit unb hat mit einem Schlage zerstört, was an Hoff­nungen aus bet neuen Verfassung keimte. Auf Schritt unb Tritt begegnet das katholische Volk ben anti- katholischen Maßnahmen ber liberalen Regierung; nur ein Beispiel ber jüngsten Zeit: So hat man für die Reichslande die höhere Mädchenschulordnung Preußens nahezu kopiert; während aber Preußen drei Stunden Religionsunterricht vorsieht, hat man für die Reichslande nur zwei gesetzt. Soll da der katho­lische Klerus mit seinem weitreichenden Einfluß 58er» trauen gewinnen? Eine ganze Reihe anderer Maß- nahnlen bewegt sich in derselben Richtung.

Es steht unerschütterlich fest, baß bie Reichslande auf dem bisherigen Weg der offenen und versteckten Protestantisienmgspclitik sich Alldeutschland nicht nähern werden:'die heutige liberale Straßburger Regierung vollends hat in den weitesten Volkslreisen keine S v u r ben Vertrauen. Ein grün b- licher Person alwechsel ist bie erste Voraus­setzung für die dringend notwendige 5Befferung bei Zustänbe in ber Westmark.

Mau wirb vielleicht sagen, baß hier alle Schulb auf die Regierung geschoben werden und keine auf die Einheimischen. Gewiß sind letztere nicht frei von jedem Fehl; aber wahr bleibt namentlich hier ber Satz, baß bie Regierenben schulb sinb an ber Erbitterung des Volkes, bas leicht zu gewinnen unb leicht zu regieren ist. Nach ben jahrzehntelangen Feh­lern ist naturgemäß bie Annäherung nicht mit einem Schlage erzielt: aber man nehme einmal einheimische Beamte an verantwortliche Stellen, zu Krcisdirek- toreit, Bezirkspräsibenten, Unterstaatssekretären uiw., unb lasse diese sich entfalten, bann wird eine erhebliche Besserung ber Gesamtverhältnisse ei'ntreten.

Aus dem Nachvargebiete.

o Aus dem Jotzgrund, 12. Sept. 1913. Der Tag­löhner Josef Büdel aus Mernes bei Gelnhausen hat viele Leute in ben Kreisen Gelnhausen, Schlüch­tern unb in Hanau durch Vorschwindelung falscher Tatsachen um kleinere Geldbeträge geprellt. Die Straffammer verurteilte ihn gestern unter Einrech­nung einer gegen ihn früher erkannten Strafe von 7 Monaten zu 2 Jahren Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust.

* Hanau, 12. Sept. 1913. Vor der Strafkammer stand der 13 Jahre alte Untertertianer ber Oberrealschule Fritz Sch., um sich wegen versuchter Erpressung zu verantworten. Durch bas Lesen einer Novelle war er auf bie Idee gekommen, bem Rentner Aug. Brüning einen Brief zu schreiben unb von diesem 2000 Mark zu fordern. Im Weigerungs­fälle wurde Brüning der Tod durch Mitglieder der Schwarzen Hand angedroht. Dieser ging angeblich auf das Verlangen des Briesschreibers ein und legte an bet bezeichneten Stelle einen Papierabsölle enthal­tenden Brief nieder. Als der Junge kam und den „Schatz heben" wollte, faßte ihn die im Hintergrund verborgene Kriminalpolizei ab und stellte seine Per­sonalien fest Vor der Strafkammer stellte der Junge seinen Streich als Scherz hin. Die Richter nahmen an, daß der Junge nicht Scherzes halber den Brief geschrieben habe, sondern um für seine Zwecke Geld zu erhalten. Sie bezweifelten aber, daß, er die zur Erkenntnis der strafbaren Handlung nötige Einsicht besessen hat, ließen ihm diese Zweifel zugute kommen und erkannten gegen ihn auf Freisprechung. Der Anttag des Staatsanwalts lautete auf einen Monat Gefängnis.

* AuS Thüringen, 12. Sept. 1913. Bei den Ma« növern ber 22. Division des 11. Armeekorps, die sich zwischen Triplis und Weida abspielten, sind in­folge der großen Hitze einige Mann ohnmächtig ge­worden Äußerdem erlitt ein Jäger des 11. Marbur­ger Jäger-Bataillons während der Hebung einen Hitzschlacp der sofort den Tod zur Folge batte.— Die deutschen Eisengießer halten in Eisenach ihre 45- Tagung ab.__,

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fen sich nicht in ihre Theorien verbeißen und auf ihre Liebhabereien festlegen, sondern müssen unbefangen und gründlich prüfen, wo und zu welchen Zwecken sich die größeren oder bie kleineren Luftschiffe am besten eignen, ob in der Ausbildung der länglichen Form überall bie rechte Grenze eingehalten unb der Gefahr des Einknickens gehörig vorgebeugt worben ist, ob bie Belastungsgrenze bet militärischen Fahr­ten, bie eine kriegsmäßige Höhe verlangen, unb na­mentlich bei Fahrt über See nicht nichtiger bemessen werben muß ufw. A u f g e b e n können und wollen wir die „Eroberung der Lust" nicht, aber ein etwas langsameres, vorsichtigeres Tempo einschlagen, ist nicht feige, sondern klug. »

Läßt sich nun auch aus ber sogen. Wahnsinnstat von Degerloch eine heilsame Lehre ziehen? _Db bie Richter ben Massenmörder für zurechnungsfähig oder unzurechnungsfähig im Sinne des Strafgesetz­buches erklären werden, ist einfach abzuwarten. Die Grenzlinie zwischen Wahnsinn unb Bosheit ist sehr schwer zu ziehen; es greift gewöhnlich eins in daS anbere über. Der Mann war, wie fein Verhalten unb bie Briefe klar zeigen, auf ben Standpunkt eines willten Tieres gesunken; er war allmählich eine mordsüchtige und zerstörungswütige Bestie geworden. Diese Zerrüttung bes Seelenlebens war aber nicht mit einem Schlage, etwa unter ber Einwirkung einer Gehirnerschütterung oder dergleichen, entstanden, son- dem hatte sich im Verlaufe von Jahren aus der gei­stigen und körperlichen Lebensweise des Mannes ent­wickelt. Er hatte, wie er selbst bekennt, den Glauben an Gott verloren; mit dem religiösen Sinn ging ihm auch der sittliche Halt, die Fähigkeit zu einer geregel­ten Lebensführung verloren. Ein Fehltritt nötigte ihn zu einer Heirat, bie ihm widerwärtig war. Er hatte keine Freude am Familienleben und keine Freude an seinem Lehrerberuf, wenngleich er ben letzteren äußerlich ordnungsmäßig versah. Er suchte Betäubung in nichtiger unb schlechter Gesellschaft. Die wachsenbe Unzusriebenheit trieb ihn in einen leibenschastlichen Haß: Haß gegen seine Kinder und seine Frau, gegen die Angehörigen unb bas Heir at» borf seiner Frau, gegen bie Menschen überhaupt. $a er keinen Gott unb feine Vergeltung kannte, so hielt er den Massenmord für ein ertaubtes Mittel zur Der-

rittgerung des menschlichen Elends. Der Mann ist ein Unmensch geworden in der schärfsten Bedeu­tung dieses Wortes; aber hat er nicht selber an seiner Entmenschung mitgetoirlt? Die Wurzel des Ucbels liegt doch in der Abwendung vom Gottesglauben unb ber Religion. Hätte ber Mann ben religiösen Halt noch bewahrt, so würbe er in ben Irrungen und Wirrungen seines Lebens sich vielleicht noch wieder zurecht gefunben haben. Dann hätte bas Pflichtge­fühl und der Hinblick auf ein Jenseits ihm Kraft geben können, durchzuhalten in seinem Dienst und in seiner Familie. So hatte er aber allen Trost unb alle Hoffnung sich selbst abgeschnitten und ver­fiel in eine wahre Teufelsstimmung.

In ber Bibel steht: Nur der Tor spricht in seinem Herzen: es ist kein Gott! Zu ben schlimmsten Zei­chen ber Zeit gehört es, baß bie Zahl bieser gotflosen Toren sich so sehr vermehrt. Was soll aus ber Welt werben, wenn das so fortgeht und die Gottesleugner aus ihrer Verneinung bie Folgerungen ziehen, welche ihnen die Leidenschaften jeweilig entgehen? Die Schreckenstat von Degerloch ist eine erschütternde Be­kräftigung jenes Wortes, das der alte Kaiser in einer bitterernsten Stttnde gesprochen hat: Dem Volk muß bie Religion erhalten werben!

Soeben haben bie Monisten, bie neben unb über ber Materie keinen Geist anerkennen wollen, ihren Kongreß gehalten. Wenn biese „gelehrten" Zerstörer des Glaubens an Gott unb bie Unsterblichkeit doch wenigstens etwas Mitleid hätten mit ihren Mit­bürgern, denen sie den Halt und ben Trost des christ­lichen Glaubens entziehen wollen, ohne ihnen irgend einen brauchbaren Ersatz zu bieten!

Ja, es gibt viel Unglück in der Welt. Mer sind nicht bie Menschen die wahren Unglücksschmiede, wenn sie d a s bekämpfen, was allein das irdische Dasein erträglich machen kann?

Die rechte und allerheilsamste Nutzanwendung ist bie: Sorgen wir aus allen Kräften -— als Eltern unb als Wähler — für bie religiöse Er- ziehung des Nachwuchses! — Sonst gibt es ein neues Soboma unb Gomorrhas