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fit. 211.

Crftes Blatt.

Zreltag den 12. September 1913.

40. Zahrgang.

tiE Die Rede König Konstantins

Hebet die gelegentlich der Ueberreichung des Feld­marschallstabs am Sonntag von dem griechischen König gesprochenen Worte kann man sich in Frank­reich immer noch nicht beruhigen. Griechenland bemüht sich nun auS Leibeskräften, den Spektakel zu beschwichtigen.

In einer halbamtlichen Preßnotiz, m einem Interview deS griechischen Ministers des Aeußeren und in einer förmlichen Erklärung des griechischen Gesandten in Paris wird versichert, es liege nur ein unglückseliges Mißverständnis vor. König Konstantin habe nut als Militär unter Militärs ohne jeden Hinblick auf die Politik gesprochen, Griechenland sei für die von Frankreich empfangenen Wohltaten höchst dankbar und werde alles tun, was nötig sei, um jedes Mißverständnis zwischen den beiden Ländern zu beseitigen. Eine ähnliche Kundgebung von feiten deS heimkehrenden Ministerpräsidenten Vemselos wird erwartet.

Frankreich hätte also eine gerüttelte und gehäufte „Genugtuung". Ob die Pariser damit sich zufrieden geben und den König Konstantin höflich empfangen werden, bleibt freilich noch abzuwarten. Die deutsche Presse hat glücklicherweise die ganze Angelegenheit recht kühl behandelt. Wenn aber einige deutsche Blät­ter sich verwundert stellen über die Erregung in Frankreich io müssen wir doch der Wahrheit die Ehre geben und anerkennen, daß es in der Tat für die Franzosen empfindlich war, wenn König Konstantin das Wirken der französischen Militärmission in Grie­chenland mit keiner Silbe erwähnte.

Aus den bisherigen Vorgängen und Erörterun­gen ergibt sich ein Doppeltes: erstens, daß die Ber­liner Rede ohne Befragung oder Mitwirkung des Ministeriums gehalten worden ist, und zweitens daß in Athen durchaus nicht die Absicht besteht, von Frankreich sich abzuwenden und auf die Beihilfe Frankreichs in militärischer, finanzieller oder hochpolitischer Beziehung zu verzichten. Dazu ge­sellt sich die weitere Tatsache, daß die deutsche Regierung in dieser Angelegenheit vollständige Zurückhaltung und Schweigsamkeit bewahrt, also in keiner Weise die Absicht zeigt, in die Bresche zu sprin­gen, die durch die Entfremdung Frankreichs von Grie­chenland entstehen würde.

Die Berliner Rede war also offenbar als ein persönlicher und militärischen Akt ge- dacht. Die Wirkung zeigt aber auf's neue, daß Kundgebungen von Monarchen, sobald sie die inter­nationalen Beziehungen irgendwie berühren, eine größere Tragweite gewinnen und deshalb nicht ohne vorherige Beratung mit den ver­antwortlichen Ministern vor sich gehen soll' ten. Wie König Konstantin sich mit Vemselos und den übrigen Ministern auseinandersetzt, ist an sich eine griechische Angelegenheit. Aber da der Zwi­schenfall sich auf deutschem Boden, sogar am Berliner Hofe abgespielt hat und durch ein Lob der deutschen Kriegskunst veranlaßt worden ist, so wird auch Deutschland in Mitleidenschaft gezogen. Es kann uns nicht lieb sein, wenn sich in Griechenland die Ansicht derbreiten sollte, daß die Vorliebe des Königs Kon­stantin für deutsches Wesen die „Schuld" an inneren und äußeren Schwierigkeiten trage. Es kann auch nicht erwünscht sein, wenn die Empfindlichkeit der Franzosen erst gereizt wird, und dann wieder durch ein Uebermaß von Devotion beschwichtigt werden soll. Nicht als ob wir eine schlechte Laune der Pariser ir­gendwie flüchteten; aber wir meinen, man solle die beweglich^?' Nerven unserer Nachbarn nicht ohne Not und nicht, ohne wohlüberlegten und be­stimmt durchführbar en Zweck auf die Probe stellen. Geht man ohne rechten Grund und sicheren Zweck vor, so gibt es einen Rückschlag, der dann schließlich nur Wasser auf die Mühlen der geschwore­nen Deutschfeinde füllt.

Der Brandstifter.

12] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

„Bis Du fertig studiert host, Ernst? Des werd oes klaanste Hindernis sein! Deßwege hot Dich doch die Mutter haam komme loste!"

„Wegen meinem künftigen Studium hat mir die Mutter geschrieben zu kommen? Ich verstehe Dich nicht, Gustel'"

„Awer Gustel, wo bicibft Du dann?" rief da die Stimme Frau Nothers vom Küchenfenster her­über. „Tie Gäste wolle doch bedient sein!"

„Ich komme schon, Mutter!" lief Gustel zurück und ging mit den an den Bruder gerichteten W trten dem Vorderhanse wieder £U.

„Tie Mutter werd Tn alles genau ausenanner- setze — dann Werst Tu vielleicht einsehe, daß d:s Klärche doch nit so ohne wi ckeres bei Seit' zu schmeiße iS!"

Damit eilte sie quer üb'i den Hof, gefolgt out dem Bruder, der ihr k.-rffchüttelnd nachsah und mur­mel: e

„Das ist ja die reinste Rätselecke — na, werden ja sehen, was dahinter steckt!"

In der Küche hantierte die Mutter eifrig an dem ungeheuren gemauerten Herde. Eben rückte sie einen großen Topf dampfender Quellkartoffeln von dem Feuer und ließ sich auf der in der Nähe des Fensters 'testenden Bank nieder, um die Kartoffeln zu schälen, rls Ernst eintrat und sie verwundert betrachtete. Das var doch zonst nicht der Mutter Gewohnheit, daß sie fiese Arbeit verrichtete — das besorgte doch immer »ine von den Mägden? War denn kein dienstbarer Geist vorhanden? Ernst erinnerte sich allerdings nicht, seit seiner Ankunst eine Magd gesehen zu ha­ben. Eben wollte er eine diesbezügliche Frage an die Mutter richten, als diese sich bei seinem Erblicken rasch erhob, die Schüssel, welche sie auf dem Schoße gehalten, rasch zur Seite stellte und in ihrer ruhigen Weise sagte:

Zuvor getan, hernach bedacht — das darf unter der gegenwärtigen Kompliziertheit des öffentlichen Leöens bei Monarchen nie und nimmer Vorkommen. Impulsiv und plötzlich darf unter Umständen ein Heerführer int Kriege handeln, das Staatsoberhaupt im Frieden aber soll den vorhergehenden Rat der Ver­antwortlichen Minister nicht vernachlässigen. Sonst gibt es leicht „Mißverständnisse. und deren Beilegung hat etwas mißliches.

Deutsches Reich.

** Berlin, 11. Sept. 1913. Der Kaiser hat dem 6. (schlesischen) Armeekorps seine ganz besondere Zufriedenheit mit 0-n Maurverleistunaerr ausgespro­chen. — Bekanntlich müssen die Arbeitgeber, die aus­ländische sogenannte Saisonarbeiter beschäfti­gen, Jnvalidenmarken für diese kleben, ohne daß sie einen Vorteil davon haben. Man geht nun mit dem Gedanken um, diese Invalidenversicherungs-Beiträge der Arbeitgeber der Ansetzung inländischer ländlicher Arbeiter zugute kommen zu lasten. Es handelt sich jetzt um eine jährliche Summe von 600000 Mk., die voraussichtlich noch steigen wird.

* Neue Erhebungen über Volksschullast-n. Die vielfachen Klagen übet die zu hohen Volksschullasteu, die Gemeinden mit mehr als 25 Schulstellen zu tragen haben, dürften, wie wir in bet .Kreuz-Ztg/ lesen, zu neuen amtlichen Feststellungen führen, die dazu bienen sollen, bie Verhältnisse bet betreffenden Gemeinben eingehend zu prüfen. Eventuell würbe bann eine enlsprechenbe Erhöhung bet staatlichen Zuschußfonds für bie Gemeinben in Betracht kommen. .

* Der Wehrbeitrag der Bundesfürsten. Der Ge­samtbetrag der freite»? Beiträge der deutschen Bun­desfürsten zur Deckung der Wehrvorlage wird, wie die Chemnitzer „Allaemeine Zeitung" erfährt, im Reichs schatzamt auf 2 5 Millionen Mark geschätzt.

* Der Kaiser und bet Erfurter Ausruhrprozetz Dir »Braunschw. Landesztg." meldet aus Berlin: DaS Mililärkabinett hat im Auftrage des Kaisers die Akten übet diejenigen Verurteilten deS Erfurter Auf­ruhrprozesses eingefordert, die sich mit dem ersten Urteil des Kriegsgerichts beruhigt hatten. Wie ver­lautet, sind von den Familien aller Verurteilten Gnadenaesuche an den Kaiser eingereicht worden.

+ Zum Jesuitengesetz Bekanntlich machte vor einigen Wochen in der deutschen Presse die phanta­stisch ausgeschmückte Nachricht eines Schweizer Blat­tes die Runde, wonach das Jesuitengesetz infolge von höfischen Umtrieben in Bälde aufgehoben werden sollte. Die Leute vom evangelischen Bund haben damals gleich großen Tamtam geschlagen und ver­sucht, die evangelische Volksseele „zum Kochen" zu bringen. Die evangelibündlerische „Tägliche Rund­schau" weiß nun folgendes zu melden: Mehrere Bundesregierungen haben sich in Berlin an maßge­bender Stelle erkundigt und den Bescheid erhal­ten, daß sich in der Ansicht der Reichsleitung in Be­zug auf die Aufhebung des Jesuitengesetzes nichts geändert hat. Die preußischen Stimmen werden, wenn der Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes im Bundesrat zur Abstimmung gelangen wird, ebenso wie bisher, gegen die Aufhebung abgegeben werden. — Es wäre doch verwunderlich, wenn der hohe Bundesrat seit dem 28. November vorigen Jah­res nichts zugelernt und nicht eingesehen hätte, daß er sich damals ein Bravourstück der «Intoleranz ge­leistet hat.

* Die Herbstmanöver bet Hochseeflotte haben in der Nacht zum Donnerstag ihr Ende erreicht. Die Entscheidungsschlacht begann am letzten Abend um 7 Uhr in der Elbmündung und endete um 1 Uhr 30 Min. Tas Wasserflugzeug „D 12" mit Oberleut­nant Longfeldt unternahm einen interessanten zwei­stündigen Aufklärungsslug. Das erste Geschwader

„Ich hab gemannt, Du wolltst e Schälche Kaffee trinke, Ernst? Er iS schon längst fertig! Soll ich ihn hineinbringe oder willst Du ihn schnell hier trinke?"

Dabei nahm sie aus dem an der Wand stehenden Glasschrank eine buntgeblümte Tasse, füllte dieselbe aus einer auf dem Herde stehenden Kanne und sah fragend nach dem Sohn.

„Ja, Mutter, hast Du denn gar keine weibliche Hilfe, daß Du selbst hier alle Küchenarbeit verrich­test? Keine Magd?"

„E Magd, Ernst? Mir stawe schon lang kaa mehr! Des bische Arbeit im Haus un in der Wert­schaft, de? könne wir zwaa, die Gustel un ich, ganz gut zwinge! E Magd'-is heitzutag e deier (teuer) Stückelche Möbel! Gott sei Tank, daß ich kaa mehr brauch' — nix wie Aerger Hot mer mit bene Weibs­leit! Was mer selbst schaffe kann, soll mer schaffe — bann Hot die Arbeit aach Hand un Fuß!"

Der Sohn hatte ihr bie gefüllte Tasse abgenom- men und setzte dieselbe an die Lippen. Die Worte der Mutter wirkten auf ihn beklemmend und etwas wie Unwillen regte sich in ihm. Das war denn doch übertriebene Sparsamkeit, die sich nicht damit entschuldigen ließ, daß die Mutter den Aerger mit den Mägden vermeiden wollte. Gott sei Dank, daß fein Freund Emil Horst, den er dringend eingeladen hatte, im letzten Augenblick verhindert worden war, mitzukommen. Das wäre eine schöne Blamage für ihn gewesen, wenn der vornehme Emil gesehen hätte, daß Mutter und Schwester Magddienste verrichteten! Er dachte an_ sein geliebtes Mädchen, an die an­spruchsvolle Elvira Werthauer, malte sich ihr Er­schrecken aus, wenn er sie einst hier einführte und wenn das vornehme Mädchen sehen müßte, daß die Seinen nicht wie die Wohlhabenden auf dem Lande, über ein Haus voll Knechte und Mägde verfügten, sondern alle, auch die niedrigsten Arbeiten, selbst ver­richteten. Nein das ging denn doch nicht an — das mußte schon ihm zu Liebe für die Folge unter­bleiben! Diese Sparsamkeit grenzte an Geiz.

Und unter dem Einflüsse dieser Gedanken hob

geht über Skagen nach Kiel, das zweite nach Wil­helmshaven. Die Wasserflugzeuge kehren nach Wil­helmshaven zurück, sobald ruhiges Wetter eintritt. — Bei Helgoland sind keine weitern Leichenfunde vom Unglück des Zeppelin-Luftschiffes gemacht worden.

*♦ Angedrohte Ausweisung. Heute soll in Berlin eine geschlossene sozialdemokratische Versammlung ab­gehalten werden, um diepraltsiche Durchführbar­keit eines Generalstreiks nach allen Richtungen hin zu erwägen. Als Hauptanziehungskraft der Ver- anstaltuig waren zwei belgische Parteiführer, V an- betSmiffen und Huysmans, angekündigt, bie den Schatz ihrer Erfahrungen auf bem Gebiete beS Generalstreiks bet deutschen Sozialdemokratie zugän­gig machen sollten. Der Berliner Polizei - Präsident hat in einem Schreiben nun daraus aufmerksam ge­macht, daß et diese Berichterstattung durch Ausländer nicht dulden und ihr mit sofortiger Landesver­weisung entgegentreten werde. Das hätten sich die Herien Genossen von vornherein sagen können.

* Tie enteigneten Polen haben vekanntlich alle behördlichen Aufforderungen zur Räumung ihrer Wohnungen unbeachtet gelassen. Daraufhin sind die Behörden nunmehr zur Exmission geschritten. In Abwesenheit des Herrn v. Trzcinski-Koldromb und ohne Exmissionsklage wurde, wie oem „B. T." gemeldet wird, die Wohnungseinrichtung aus der ge­waltsam geöffneten Wohnug entfernt und in einem Schuppen unrergcbracht. Auch bei Herrn v. Zab- loeki-Tobska ist' die Wohnungseinrichtung kurz vor dem Gerichtstermin gewaltsam vom Guie entfernt worden.

= Die Altkatholiken hielten dieser Tage in K ö l n ihren „internationalen" Kongreß ab. Wichtigtuerisch erzählt ein Teilnehmer des Kongresses im „Berliner Lokal-Anzeiger":

Die diesjährige Tagung dürfte insofern von beson­derer Bedeutung sein, als sie einen Schritt weilet auf dem Wege zu einer Vereinigung aller sogenannter „tom- freier Kirch»n- führen wird. Der englische .Bischof' Dr. Petrin erllärte, daß bereits zwischen der angli­kanischen und der altkatholischen Kirche eine Laien-Jnterkommunion durch geführt fei, und daß die Hoffnung bestehe, daß zwischen beiden Kirchen eine volle Gemeinschaft erzielt werde.

Eigene Bedeutung hat der absterbende Altkatholi­zismus nicht mehr, er sucht deshalb Anschluß an bie englische Staatskirche. Die beiben schließen sich zu­sammen nach dem Prinzip, auf bem sie von Anfang an beruhen: frei von Rom. Sie werden aber mit einer solchen gemeinsamen Grenzlinie nach oben, die immer schon vorhanden war, kernen Schritt weiter­kommen und ihre Zersetzmzg nicht aufhalten können. Auch der Bund „rontfreier Kirchen" wird den Alt­katholizismus auf fernem Wege zum Untergange nicht aufhalten können.

** Um den Genossen Radek ist in der deutschen Sozialdemokratie ein heftiger Kamps entbrannt, und zwar deswegen, weil befagter Genosse aus einer aus­ländischen Organisation ausgeschlossen worden ist und nun die Frage entschieden werden muß, ob dieser Ausschluß auch für die deutsche Partei gelten soll. Nun ergreift zu der Angelegenheit ein polnischer Genosse das Wort, der Radek der Verleumdung und Ehrabschneiderei beschuldigt In Jena wird's dar­über zu netten Auseinandersetzungen kommen.

* Zum sozialdemokratischen Parteitag. Der Nach­folger Singers im Vorsitz des sozialdemokratischen Parteivorstcmdes, Mitglied des Reichstages, Haase, ist erkrankt. Er hat sich vor kurzem einer Operation unterziehen müssen, von deren Foloen er noch nicht wiederhergestellt ist. An seiner Stelle werden beim Parteitag in Jena der Reichstagsabg. Dietz und ne­ben ihm mit gleichen Rechten Reichstagsabg. Leber (Jena) den Vorsitz führen.

.-. Köstliche Gcstänvnifse über bie Oftmarkenpoliiik finden sich in der ,Tägl. Rundscham (Nr. 417). Hier wird ein Brief aus Westpreußen über den „ostmärki-

et an: „Aber Mutier, Du hälft keine Magd mehr? Du und Gustel, Ihr beide verrichtet alle Arbeit — besorgt am Ende gar das Vieh? Ja — vereinbart sich denn das mit Deiner Würde als Besitzerin eines der größten Anwesen im Torfe? Um ein paar hun­dert Mark zu sparen, setzt Du Dich der Gefahr aus, daß alle, die Deinesgleichen sind, geringschätzig auf Dich herabsehen? Das, Mutter, geht denn doch ent­schieden über vernünftiges Sparen und weises Zu­sammenhalten hinaus!"

Frau Rother schien den Sinn der Worte ihres Sohnes nicht ersaßt zu haben, denn ruhig fuhr sie in ihrer Arbeit fort und nickte nur mit dem Kopfe; dann sagt; sie in ihrer gelassenen Weise:

„Dodrüber rede wir später, Ernst! Die Sach' läßt sich doch aach von erer annere Seit betrachte' Jetzt bist Du vielleicht so gut un gehst hinein in die Mertsstub un unnerholtst Dich e bische mit de Gäst — Du iätst mer en Gefalle demit! Der Borjemaastet is aach do — bei dem könnt'st Du Dich gleich an­melde!"

„Anmelden? Wegen den zwei ober drei Tagen, die ich hier bleibe? DaS ist doch nicht notig! Wenn ich noch Soldat wäre, ja bann — aber so —"

„Geh nur! Sie wisse all, daß Du komme bist und glaawe am End, Tu wärst zu stolz, sor ibne guten Dag zu sage, wenn Du Dich nst sehe läßt'"

Kopfschüttelnd verließ der junge Mann die Küche und trat durch den Flur in die vordere Gaststube, wo seine Schwester Gustel eben damit beschäftigt war, die von der Decke herabhängende Petroleum­lampe anzuzünden. Es waren nur wenige Gäste anwesend. An dem runden, dicht an der Einschenke stehenden Tisch saß im Vollgefühl seiner Würde der Bürgermeister, ein behäbiger, grauköpfiger Alter mit glattrasiertem, von einer frischen Rote überhauchten Gesicht und diktierte gerade dem neben ihm sitzenden Gendarmen einige anscheinend dienstliche Weisungen, die dieser in sein auf dem Tische liegendes Notizbuch einschrieb. An einem der nächsten Tische hatten zwei Landleute, oftcnvor Ginheimtiche, sowie ein städtisch gekleideter Herr mit riesiger Glatze, schwarzem Kote-

schen Kleinkampf" publiziert; sein Verfasser ist zweifellos ein Bürgermeister; et begeht nun bie Un­vorsichtigkeit, folgendes zu schreiben:

Die Polen bauten in einem Orte ein großes, ganz modern eingerichtetes Vereinshaus mit schönem Garten und Saal. Wo das Geld hergekommen ist, weiß kein Mensch. Die Konzession zum Ausschank geistiger Getränke wurde versagt, den Prozeß der- loren sie. Jetzt feiern sie ihre großen Feste, Bälle, Auf- führungen usw. ohne Alkohol, bei Kaffee und Selters­wasser. Da ein Verein nach dem andern entsteht, so geht dar Haus sehr gut. Ihr Entsagungsmut ist wirklich bewundernswert. Man denke sich ein deutsches Fest hier ohne Bier, Wein und Schnaps. Seitdem sie die Ver­einshaus haben, ist ein Mittelpunkt für alle ihre Be­strebungen geschaffen. Dort werden die öffentlichen poli­tischen Versammlungen und die geheimen Besprechungen mit den russisch-polnischen Führern abgehalten. Die Ueberwachung aller dieser Zusammenkünfte >st oft sehr schwer und nimmt einen guten Teil der Arbeitskraft der naturgemäß in beschränkter Anzahl vorhandenen Polizeikräfte in Anspruch. Vor allem gehört eine An­zahl von Zwischenträgern dazu, stets aus dem1 Laufenden zu bleiben. Dies Spionieren und Heberwachen der eigenen Mitbürger ist besonders für den Bürgermeister recht wenig angenehm. Und wie steht es in jenem Ort mit dem deutschen Ver. einsbaus, dem Schützenhaus, das von der bewährten Schützengilde mit Beihilfen des Staates eröffnet wurde? Von vornherein ist eS groß und teuer gebaut worden, die Hvpmhekenlost ist enorm. Die Einnahmen decken die Ausgaben nicht. Die Beiträge find schon wiederhol! erhöht worden. In vielen Sitzungen wird gerechnet und gerechnet. Vergebens. Der Oberpräsident kann nicht mehr Hellen. Gewiß, ein großer Fehler wurde gemacht, man hätte billiger bauen müssen. Soll aber nun das schöne, deutsche Vereinshaus angesichts der lachenden Polen unter den Hammer kommen? 2000

Mark wurden durch freiwillige Beiträge der Mitglieder

aufgebracht, eine ungeheuere Summe für diese armen Handwerker und Kaufleute bei 325 v. H. Zuschlag zur Staatssteuer! Aber es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Nun hält man sich an den Bürgermeister, der auch nicht mehr helfen kann. Ist es nicht möglich, daß irgend jemand im Deutschen Reiche sich jener halb- verzweifelten Landsleute erbarmt? Es gibt ja so viele reiche Leute; 20 000 Mark, und es wäre geholfen jenen Deutschen und dem durch sie vertretenen Deutschtum, also einer großen, heiligen Sache. Der Kaiser Weitz natürlich nichts von solcher Not, und seine Ratgeber zucken die Achseln. HinauSschreien möchte man es: habt doch wenigstens Verständnis für unseren geival- tigen Kamps, wir kämpfen ja auch für euch alle, die ihr da im ruhigen, evangelischen Deutschland

Da erfahren wir ja wundervolle Dinge, fast zu viel auf einmal. DaS hakatistische Blatt, gesteht in biefem Briefe folgende Tatsachen zu:

1. Die Polenpolitik wirb zugunsten beS Protestan­tismus betrieben.

2. Die Polenpolitik führt zu Spionage, Denun­ziation usw. im eigenen Laube.

3 Aus Regierungsmitteln werben protestantische (deutsche)VereinShämer unterhalten, polnische Vereins- Häuser werden chikaniert.

4. Trotz aller staatlichen Bekämpfung kommen bie Polen vorwärts.

Wir banken für biefeS Eingeständnis, ba8 unsere Anschauungen bestätigt.

= Detmold, 11. Sept. 1913. Bei bet heutigen LanbtagS-Ersatzwahl im ersten städtischen Wahlkreise Lippe - Detmold wurde der Fortschrittler Naumann - Hofer gewählt, der in seinem Wahlkreise bem konservativen Kandidaten unterlegen war. Er erhielt 1193 gegen 820 sozialdemokratische Stimmen. Die Konservativen hatten keinen Kandidaten ausgestellt. Der Wahlkreis war auch bisher fortschrittlich vertreten.

** Nürnberg, 11. Sept. 1913. Oberbürgermei­ster Dr. Schuh wird zurücktreten. Die Frage er­hebt sich: wer wird nun Oberbürgermeister von Nürnberg? Die Liberalen haben in der Gemeinde- Vertretung die Mehrheit, sie würden nicht zögern, einen Bürgermeister nach ihren Wünschen zu wählen.

lettenbart und einem Kneifer auf der Nase, Platz genommen, der mit lebhaften Gestikulationen auf die ihm gegenüber Sitzenden einsprach, ohne bei den- selben, wie eS schien, besonderes Verständnis für feine Ausführungen zu finden, denn ohne die Pfei­fen aus dem Munde zu tun, nickten die Beiden nur stumm zu den an sie gerichteten Fragen des Spre­chers und brummelten höchstens einmal: „So so" oder „Sollt mer maane?"

Ernst kannte den Mann noch von früher her. ES war der in Camberg wohnende Versicherungsagent Isidor Maler, der hier wahrscheinlich die beiden Bauern zu einer Feuer-, Hagel- oder Viehversiche­rung überreden wollte, ein in diesem Falle offen­bar mühevolles und vergebliches Beginnen, wie der Eintretende dachte, denn der Hankunrad Seipel und der Philipp Drescher, die beiden von Herrn Isidor Maler Bearbeiteten, das waren noch zwei vom alten Schlag, die sich eher einen Finger abhacken, als sich etwas ausschwatzen ließen.

Doch wer war denn der auffallend hübsche Mensch mit dem schwarzen Lockenkopf, der dort hinten im Halbdunkel allein an einem Tische saß und wie träu­mend in das Licht der eben von Gustel angezündeten Lampe starrte? Richtig — der frühere Kamerad von der dritten Batterie, der Jakob Eicher von Eichen­rod'. Der sah ja in der Joppe fast noch hübscher wie in der Uniform aus! Und der lief dem hübschen Klärchen Kayser nach. Wieder durchzuckte den Stu­denten ein Gefühl von Eifersucht und ließ ihn einen Augenblick darüber schwanken, ob er den Burschen als früheren Kameraden in herzlicher Weise, oder aber nur kurz als oberflächlichen Bekannten begrü­ßen solle.

Die Anrede des Bürgermeisters lenkte ihn ab.

„Ah der Ernst — de künftig Herr Justizrat!" be­grüßte ihn derselbe mit freundlichem Lächeln. Bist ja en Staatsborsch wor'n — do werd jo bie Mutter e Freud an Dir hawe! Host Dich jo lang nit sehe lasse!"

(Fortsetzung folgt.)