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40. Jahrgang.
Donnerstag den lt. September 1913*
€rftes Blatt.
Ur. 210.
0 ein Protest der Freimaurer.
Die Rede des Hochwürdigen Herrn Bischof Kappes von Luxemburg auf dem Katholikentage m Metz hat im freimaurerischen Lager fürchterliche Aufregung hervorgerufen, und die liberale Presse überschüttet den katholischen Kirchenfürsten letzt mit einer wahren Flut von Beschimpfungen. Diese Presse bringt jetzt auch einen ziemlich hochnäsigen Protest des „Deutschen Großloqenbundes" gegen die „unerhörten Beleidigungen -d Verleumdungen gegen die Freimaurerei", die schof Koppes ausgesprochen
habe. Der Protest ' eßt mit der Klage, „daß ein Deutscher, der Vor ade der Versammlung, wie diese selbst, ihr vol Einverständnis mit den Auslassungen des freu.oländischen Bischofs bekunden konnten". „
Bequemer ist es jedenfalls, Vorwurfe entrüstet zurückzuweisen, als sie zu entkräften und als unbegründet nachzuweisen. Aber die internationale Freimaurerei deren Stärke ja gerade in ihrer Geheimnistuerei besteht, will sich nicht in die Karten sehen lassen, sondern begnügt sich damit, auf einige recht hübsche Programmsätze, denen sie zu huldigen vorgibt, hinznweisen.
Der Sache ist damit eigentlich nicht viel gedient und klüger werden wir dadurch auch nicht. Solange die Freimaurerei dem Luxemburger Bischof nicht nachweist, daß er sich mit der Annahme im Irrtum befinde, daß freimaurerische Kräfte das Zustandekommen der überaus kir ch e n f ei n d li ch e n Schulgesetze in Luxemburg bewerkstelligt haben, stehen auch wir deutschen Katholiken zu dem Bischof, der mit apostolischem Freimut den Kampf um die christliche Schule führt. Oder haben die Herren Freimaurer vielleicht eine andere Erklärung für die seltsame Tatsache zur Hand, daß im ganz katholischen Luxemburg eine Schulgesetzgebung besteht, die sich selbst vielweniger christliche Staaten noch nicht zu Eigen zu machen wagen? Die Freimaurerei mag besonders auch in Deutschland in kultureller und auch sozialer Hinsicht einiges Gute tun; darum können wir aber doch nicht die Augen vor den großen Schäden verschließen, die eben dieselben Freimaurer bewußt oder unbewußt anrichten. Es braucht doch wirklich nicht noch lange darüber hin- und her- aestritten zu werden, daß die Freimaurerei auch in Deutschland die Entkonfessionalisierung und Entchristlichung bei Schulen und die gänzliche Trennungvon Kirche und Staat erstrebt; unnütz ist es auch, erneut Beweise dafür zu bringen, daß die Freimaurerei die Todfeindin der katholi schen Kirche und des Papsttums ist.
Allerdings kann die deutsche Freimaurerei ihr Gesicht noch nicht so unverhüllt zeigen, wie es die Freimaurerei in den romanischen Ländern kann und tut. Ganz verkehrt aber wäre es, wollte man die deutsche Freimaurerei darum höher einschätzen als die romanische; die Freimaurerei ist eine internationale Organisation, die weit besser ausgebaut und auch gefährlicher ist, als die rote Internationale. Es sind doch Tatsachen, die der Geschichte angehören, daß bie Freimaurerei wie keine andere Organisation sich auch aufs Revolutionieren versteht. Die südamerikanischen Revolutionen und Kirchenverfolgungen sind fast durchweg erwiesenermaßen von den Logen eingefädelt und geleitet worden und niemand wagt Wohl in Abrede zu stellen, daß die portugiesische Revolution ein Werk ber Loge gewesen ist.
Wir haben hier gar nicht die Absicht, ein Sündenregister der Freimaurerei aufzutun; wir meinen nur, daß Leute, bie bei allem, was sie tun, das Licht und die Oeffentlichkeit scheuen und deren internationale Geschichte keine Ruhmesblätter für die Geschichte der Menschheit bilden, sich nicht so aufs hohe Roß setzen sollten, wenn einmal ein Mann, der ein Menschen-
Der Brandstifter.
11] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.
4. Bedenkliche Zeichen.
Als bei Stubent ben Garten toieber verließ unb den Hof betrat, kam ihm seine Schwester Gustel mit geleertem Korbe entgegen. Nero fuhr beim Erblicken des jungen Mannes wieder mit wütendem Gebell aus seiner Hütte hervor und beruhigte sich erst, als Gustel, näher tretend, ihn am Halsband ergriff und ihn kürzer anfettete, wobei sie ihm einige Hiebe mit der flachen Hand versetzte unb schalt: „Des is jo der Herr, du bummer Kerl! Willst bu gleich ruhig sein!"
Dem Hunbe nochmals mit dem Finger drohend, wandte sie sich dann an den Bruder unb fragte verwundert:
„Du fimmft schon zurück, Ernst? Ja — host Tu dann des Klärche nit gcfunne? In de Laub unnerm Lindebaam sitzt sie!"
„Schon zurück?" fragte der Bruder das „schon" betonend entgegen. „Bei Dir scheint ja die Zeit wohlfeile Ware zu sein! Ich denke doch, daß es beinahe eine halbe Stunde her ist, seitdem Du in die Küche gegangen bist!"
„Ja no" — entschuldigte sich Gustel — „ich hab' die Bim' selbst ausgesucht, hab bann schnell bas Getränk for be§ Vieh uff gestellt un mußt bann in ber Wertschaft uffwarte. Es sein e paar Gäst komme. Der Borjermaaster mit bem Schanbaim, ber Versicherungsagent von Bamberg un be§ Eichers Jakob von Kecherob. Ich möcht nur emol wisse, was ber heil am hellichte Werktag schon widber in Oberhause zu tun hot. _ Ich'maanc immer, er fimmt Wege bes Kaysers Klärche un fimmt so lang, bis er sich en ganz gehörige Korb geholt hot!"
Die Sprecherin lachte bei ben letzten Worten unb sah ben Bricker^ mit einem schelmischen Blick an, ber ihre ernsten Züge ungemein verschönte.
^Der Jakob Eicher von K'rckenrob? Und der
alter hindurch die Feindschaft der Loge am eigenen , Leib gespürt hat, seinem gerechten Zorn Luft macht und Dinge sagt, die zwar derb sind, aber solange das Gegenteil nicht bewiesen wird, wahr bleiben.
Also lieber beweisen, als schimpfen!
e s Fest-
von Reichenberg in Stärke von einigen hunbert Mann
Interpellation geschehen oder ob man daher beim Etat anschneiden will, steht noch nicht fest.
* Glaube und Heimat in Dresden Aus Dresden wird gemeldet: Ein Ministerrat, der am vergangenen Samstag vormittag ganz unvermittelt im Beisein des Königs Friedrich August tagte, findet in eingeweihten Kreisen folgende Erklärung: König Friedrich August hatte sich für Samstag 11 Uhr nach der Eröffnung des Museums für sächsische Volkskunde zur Besichtigung des neuen König!. Schauspielhauses angelagt, das am nächsten Samstag feierlich eröffnet werden soll. Dieser Besuch wurde dann plötzlich abgesagt und statt dessen fand der er- wähnle 'Ministerrat statt, zu dem der Generaldirektor der Königl. Schauspiele, Gras Seebach, hinzugezogen wurde. Gegenstand der Beratungen war, wie es heißt, die vom Grasen Seebach ang ordnete Neuaufführung vonSchönherrs„Glaubeunb Heimat" die in den Hoskreisen (man nennt besonders Prinzessin Mathilde) wegen der antikatholischen Tendenz des Stückes auf heftigen Widerstand stieß. Ueber den Verlauf des Mimsterrates ist Näheres nicht bekannt, doch gilt die Stellung des Grasen Seebach als neu befestigt. Es wird übrigens erzählt, König Friedrich August habe gedroht, der Eröffnung der Königlichen Schauspiele fern zu bleiben. Erst nach langem Drängen entschloß er sich, am nächsten Samstag zur Galavorstellung, aber erst um 9 Uhr, nach Beginn der Vorstellung zu erscheinen.
wirken."
Diese Frechheit der Deutschnationalen empörte sogar die in Reichenberg erscheinende sozialdemokratische Zeitung Vorwärts, die den Helden folgendes ins Stammbuch schrieb:
„Die Aufforderung an den Bürgermeister war, von ihrer Gemeinheit abgesehen, eine freche Anmaßung, und wenn der Bürgermeister die für das Amt eines Vorsitzenden einer politischen Behörde erforderliche Objektivität besäße, so hätte er diese Vertreter hinauswerfen müssen. Aber weil bekanntlich nach alter Erfahrung die wichtigste Voraussetzung für eine politische Behörde eben die Objektivität, beim Reichenberger Magi, strat nicht zutrisst, so erließ der Bürgermei^- ™i" Auherachtlassung des Gesetzes ein Verb 0 td _ . - uges. Soweit also haben wir es in Reichenberg gebracht, daß die politische Behörde vor der Drohung einiger Lausbuben mit Krawallen die Segel streicht und die Rechte der Staatsbürger eskamotiert."
Die Vorarbeiten zum Skandal waren also schon getroffen. Der Festzug war verboten.^ Jeder Verein marschierte ohne Sang unb Klang über ben Markt rur Kirche, wo sich ber ausgewiegelte Mob
Ausland.
** Wie die Los von Rom-Lausbuben in Oesterreich vielfach sich aufführen, davon hat man bei uns in Teutfchlanb keine rechte Vorstellung. Es ist darum nützlich, von Zeit zu Zeit einige Lichter aus das Benehmen dieser Gesellschaft fallen zu lassen. Heute sei hier eine Los von Rom-Aufführung aus Reichenberg in Böhmen berichtet: Der Katholische Volksverein in Reichenberg hatte am Sonntag den 31. August Fahnenweihe. Ueber 50 katholische Vereine aus Deutschland und Oesterreich waren ber Einladung gefolgt. Dieses Fest gedachten nun die „Freiheitlichen" zu einer Aktion gegen die katholische Kirche zu benutzen. Arn Samstag, dem Vortage der Feier, erschien in den beiden bürgerlichen Tageszeitungen der Stadt ein Ausruf:
„Zur Abwehr der Klerikalen", in dem es u. a. heißt: „Um zu vermeiden, daß es nicht morgen zu wüsten Szenen komme, haben Vertreter der Bürger, der deutschnationalen Arbeiterschaft, wie der freiheitlichen politischen Vereine beim Bürgermeister vorgesprochen, ihm die Erregung der Bevölkerung geschildert unb_ das Ansuchen gestellt, durch Untersagung des öffentlichen Umzuges der Klerikalen beruhigend einzu-
veutsches Keich.
* Berlin, 10. Sept. 1913. Der Kaiser hat sich nach Beendigung der Manöver am Mittwoch zu einem mehrtägigen Aufenthalt nach dem Jagdschloß Promnitz des Fürsten von Pleß begeben. Am Sonntag wird der Kaiser im Kraftwagen nach Karmin in Oesterreich-Schlesien zum Besuche des Grafen Larisch-Mönnich fahren. Am Dienstag früh wird er nach dem Schlosse Grätz bei Troppau fahren. Am Mittwoch erfolgt die Abreise des Kaisers nach Sabinen. — Nach Privatmeldungen aus Belgrad ist der dortige deutsche Konsul Dr. <5d)lieben nach Quito in Eeuador versetzt. Liberale Blatter rühmen feine politische Voraussicht und seine wirt- schasts-politischen Erfolge in Serbien, durch die er in Oesterreich Verstimmung erregt habe. — Die am Mittwoch, dem letzten Tage des Kaisermanövers, be- tanntgegebenen Personalveränderungen im Heere weisen einen Umfang auf, wie et tn den letzten 25 Jahren nicht vorgekommen ist. Das ist vornehmlich durch die Stellenbesetzung für die am 1. Oktober 1913 zu err djtenben Stäbe unb Truppen- teile geschehen, die das Hauptinteresse beanspruchen dürfen und weitere Veränderungen veranlaßt haben. — Der Kommandierende General des 1. Armeekorps, General der Infanterie v. Kluck, ist zum Generalinspekteur der 8. Armee-Inspektion ernannt worden; mit der Führung des 1. KorpS wurde Generalleut- nant v. FrancoiS beauftragt. — Es bestätigt sich, daß Prinzessin Viktoria Luise von Braunschweig und Lüneburg, bie künftige Herzogin, einem freudigen Ereignis entgegensieht. Die Prinzessin wird sich, da sie sehr zarter Konstitution ist, Schonung auferlegen müssen. Ihre Reise nach England dürfte aber trotz- bem im Oktober erfolgen. Noch in dieser Woche wird die Prinzessin auf einige Tage in Potsdam zum Besuch eintreffen.
* Vom Bundesrat. Nach seinem Wtederzusammen- treten wird sich der B undesrat nach Berliner Blättern mit folgenden Vorlagen zunächst besoffen: Antrag der preußischen Regierung auf Regelung der braunschweigischen Thronfolge frage; Ausführungen zum Reichsstempelgesetz; die Jesuiten- frage; Antrag der Elsaß-Lothringischen Regierung bezüglich des Vereins- und Preßgesetzes; Entwurf einer Verordnung zur Regelung der Hausarbeit in der Zigarrensabrikation.
(*) Die Ausführungs-Bestimmungen zum Wassergesetze sind gegenwärtig in Arbeit und ein Teil derselben, der den Ausbau von Wasserläufen betrifft, ist bereits fertig gestellt. Man rechnet damit, daß sämtliche Bestimmungen bis zum 1. April 1914 vollendet sein werden, zu welchem Termin der gesamte Inhalt des Gesetzes durch eine besondere König!. Verordnung in Wirksamkeit gesetzt werden soll. Mit der Verkündigung des Gesetzes war nur ein kleiner Teil der neuen Bestimmungen, hauptfächlich die Vorichriften über die Aufstellung der Verzeichnisse der Wasserläufe zweiter Ordnung in Kraft getreten.
* Reichstag und Fremdenlegion. Berliner Blättern zufolge beliebt in parlamentarischen Kreisen die ernste Absicht, die Frage der französischen Fremdenlegion nicht mehr so nebenbei zu behandeln, wie es bisher geschehen ist, sondern den Finger energisch in diese offene Wunde m legen. In dieser Hinsicht herrscht bet allen Parteien vollkommene Einigkeit. Wenn der Reichstag Ende November zu neuer Arbeit zufammen- iritt, wird er sich sofort nut der Frage beschäftigen. Ob das in der Form eines Antrages oder einer
kommt wegen Klara Kayser hierher?" fragte Ernst. In seiner Stimme schwang etwas wie verhaltener Aerger. „Ist denn bas ber nämlich Jakob Eicher, der in meinem Regiment in der dritten Batterie gebient hat unb im vorigen Herbst abgegangen ist? Dem reichen Eicher in Kirchenrob sein Sohn?"
„Der Jakob — gewiß! De Jockel hawe wir ihn immer genennt — waaßt Du's nit mehr? Er Hot jo immer mit uns gespielt, wenn wir als Kinner beim Onkel in Kercheroo zu Besuch war'n!" belehrte Gustel.
„Unb ber hat Absicht auf Klärchen Kayser?" fragte Ernst gespannt.
„No — Du brauchst nit eifersüchtig zu wer'n, Ernst — des Klärche benkt nit an ihn!"
„Eifersüchtig — ich? Wie kommst Tu dazu? Was kann ich mich kümmern und warum soll ich eifersüchtig' werden, wenn der Jakob Eicher sich um das Klärchen Kayser bewirbt?"
„Stell Dich nur nit so, Ernst, un mach mir kaa Wippcher vor! Ich waaß besser, wie die Hase laufe!"
„Was soll das heißen, Schwester? Da muß ich Dich doch Bitten, Dich deutlicher zu erklären!"
„Was das haaße soll, Ernst? Das soll Haaße, daß ich ganz genau waaß. daß Du schon seit zww Jahr haamlich mit bem Klärche verspräche bist! Sie Hot rnir's nit gesagt — burch en Zufall bin ich be« hinner komme un bobran war ber do schulb" — sie zeigte auf ben Hnub, ber vor feiner Hütte lag — „beshalb hab' ich Dich vor erer halbe Stund gebitt — gell, so lang is es jo her — baß Du ben arme Kerl nit wtschieße sollst — er hätt's nit verdient um Dich!"
Ter Student betrachtete feine Schwester mit einem Blick, als zweifle er an deren geistiger Zurechnungsfähigkeit, dann warf er sich in die Brust und sagte barsch: „Was sind das alles für Redensarten, Gustel? Ich mit Klärchen Kayser versprochen? Das nimmst Du so ohne Weiteres an, weil ich dem Mädel bei meinem letzten Hiersein ein wenig den Hof gemacht habe, weil ich--"
„Weil Du" — unterbrach ihn die Schwester, und jeder Zua von Saune war ->-rs ihrem Gekickt ver
schwunden — „weil Du ihr bei Himmel un Höll un bet Gott waaß noch allem zugeschwore host, daß Du nie von ihr lasse tönnt'ft, weil Du ihr verspräche host, um sie anzuhalle, sobald Du so weit wärst, daß Du e Fraa ernähre könnt'st — Du Werst jo besser wisse wie ich, was Du noch alles gesagt host! Mir scheint awer bald, daß es Dir nit recht Paßt, wenn mer Dich dran erinnert — mir scheint, daß Du nix mehr von dem Klärche wisse willst, sonst tat st Du doch noch bei ihm in der Laub sitze!"
„Unb mir scheint, daß Du gesonnen bist, für eine Frernbe gegen Deinen eigenen Bruder Partei zu nehmen!" bemerkte ber Stubent empfinblich.
„For e Fremd? Klärche is mir kaa Fremd! Die is mir ans Herz gewachst wie e Schwester un sie ver- dient's! E Herz hot des Klärche, so treu wie Gold — uff der ganze Welt wüßt ich mir kaa lieber Schwägerin!"
„So gerne ick Dir einen Wunsch erfülle, Gustel", versetzte der Bruder mit einem Anfluge von Spott, „so wirst Du mir doch Wohl nicht zumuten, daß ich, um Dir die liebste Schwägerin auf der Welt zu verschaffen, meine ganzen Aussichten für die Zukunft in den Wind schlage! Im Ernst wirst Du doch nicht von mir verlangen, daß ich mir wegen jener Kinderei, die ich als unreifer Schwärmer beging, freiwillig für mein ganzes Leben Fesseln anlege, bie mir jeben Aufschwung unmöglich machen würben? Eine solche Naivität traue ich Dir boch nicht zu — so fremb bist Du doch nicht dem modernen Leben, daß Du das nicht ein siehst!"
„Von Kinnerei reb’ft Du un von Fessele, die Du nit uff Dich nemme willst? Ernst — bist Du dann so ans dec Art geschlage — ans der altnassauisch Art, daß Du als Mann Hinnertürcher suchst, wenn Du an Dei Wort erinnert Werst? Leider Gottes bist Du mir un der Mutter jo fremd toorn, seitdem Du rff bie hoch Schul gange bist! Der liebe Gott waaß allaans, wie Weh als es mir intoennig tut, baß mein aanziger Bruber un ich uns seit Jahre nur noch von anße kenne! Immer toibber hab' ich mir gesagt: bes bringt bem Ernst sein vornehmer Staub so mit sich, baß er mit feine Leit, bie boch weiter nix wie Bauern iin- nit mehr uff gleick un gleich fein kann
angesammelt hatte. Zum Schutze ber Vereine Haiti bas Bürgermeisteramt einen Polizeisergeanten zur Verfügung gestellt. Erst auf bringenbe Vorstellungen hin zeigte sich ber Bürgermeister erbötig, noch einige Schutzleute zu schicken. Jedoch auch diese konnten bes Pöbels nicht Herr werden, ber ben Vereinen ben Weg verstellte unb bie Festteilnehmer in der gemeinsten Weise beschimpfte und anspie. Der sozialdemokratische Vorwärts schreibt zu diesem Skandal:
„An dem Verbot des Festzuges hatten die Jungman. nen und die völkische Streikbrechergarde noch nicht genug, sie machten auch jetzt noch Skandal und ließen die einzelnen Gruppen der Festteilnehmer nicht ruhig ihres Weges ziehen. Schon von 2 Uhr an gab es Radau. Eine Anzahl auswärtiger Festteilnehmer kam durch die Schützengasse auf den Altstädte! Plah. Die dort versammelten Lausbuben empfingen sie mit Heil- und Pfui - Rufen und wildem Geschrei. Tas war aber noch harmlos im Vergleich zu dem, was sich vom Theaterplatz bis zum Schienhof zutrug. Da kamen, geführt von Lothar Gruner, die Festdamen, um sich in die Kirche zu begeben. Lärm und Geschrei empfing sie, sie wurden am Weitergehen gehindert und auseinandergedrängt, sodaß die Mädel sich einzeln durch die johlenden und lärmenden „deutschen" Buben, die unter Führung einiger älterer „Her. ren" den Lärm aufführten, durcharbeiten muhten. Unter den vielen Beschimpfungen, die den Festdamen zuge- schrieen wurden, war der Ausdruck „Rosent-irzdiine" noch die am wenigsten ordinäre. Genau so ging es den nachkommenden Männern und Frauen. Alte, gebrechliche Leute, die eher Mitleid verdient hätten, wurden mit Roheiten überschüttet. Kurz vor 3 Uhr wiederholten sich die gleichen Skandalszenen. Der den Deutschnationalen so gefällige Magistrraisdirektor Dr. Ringlhaan hatte angeordnet, daß die Mitglieder der Vereine, die sich an dem Feste beteiligen, in losen Gruppen zum Schützenhause zu ziehen haben. Die Kra. wallmacher hatten die Kirchgasse besetzt, ebenso den Ein. gang in die Schückerstraße und pöbelten nun erst recht jeden an, den sie als Festteilnehmer erkannten. Angespuckt wurden die so in Gruppen Gehenden, beschimpft unb dazu gab es ein tierisches G e» heul."
Wenn so bie sozialdemokratische Zeitung schreibt, bann muß es boch wahrhastig schlimm gewesen sein. Dazu hätte bies alles bermieben werben können, ba bas Polizeiaufgebot in Reichenberg 70 Mann beträgt, unb außerbem in biefer Stabt noch zwei Jnfanterie- regimenter liegen, bie für Orbnung hätten sorgen können. Aber man wollte ben Skandal! Das sind bie Früchte ber Hetze gegen bie katholische Kirche in Oesterreich, bas Resultat ber „Los von Rom"- Bewegung. Man kann sich bem Urteil anschließen, bas ber Vorwärts in seinen Schlußbetrachtungen dahin zusammenfaßt:
„Unter ben am Krawall nicht beteiligten vielen Zuschauern gab es nur eine Meinung: daß das bürgerliche Reichenberg alle Ursache hat, s i ch dieser Vorgänge zu schämen. Mit was für Begriffen werden die ausländischen Festteilnehmer aus Zittau, Bautzen usw. die Stadt verlassen, in der sie von einem Pöbel ordinär beschimpft, vielleicht gar angespuckt wor- den sind?"
** Die gehäuften Franzosen. Die Aufregung der französiscken Presse über die Rede des Königs Kon» stantin bei bei Monarchenbegegnung in Berlin hat sich durchaus noch nicht gelegt, sondern ist im Gegen- teil noch schlimmer geworden. Auch heute noch widmen die Blätter der Sache längere Kommentare unb reichlich viele Worte, bie ihrer Entrüstung Ausdruck verleihen. Ter.Matiw veröffentlicht einen offenbar offiziös inspirierten Artikel, in bem er bie Frage aufwirft, was denn eigentlich die griechische Regierung zu der Handlungsweise des Königs sagen werde. Der ,Malin' schließt seine Betrachtungen mit ben drohenden Worten:
*. Die französischen Manöver. Die heute be- ginnenden großen Manöver, an denen 100 COO Mann testnehmen, werden bis 17. Sept, in bem Viereck Auch—Agen—Monlauden - Toulouse, in einer sehr
— e richtiger Mann is er deswege boch, bei Kopp un Heiz uff bem rechte Fleck hot! Wenn Du atoei 'bcs übers Heiz bringe kannst, Ernst, e Mädche hin- ner des Licht zu führe, wo so fest vertraut Hot uff Dich, wie uff unfern Herrgott — bann waaß ich nit mehr, was ich von Dir Halle soll."
Energisch und bem Bruber fest ins Auge blidenb hatte Gustel gesprochen unb boch zitterte in ihrer Stimme ein verhaltenes Weh, bas ben jungen Mann seltsam überraschend berührte. Eines trauernben Empfinbens baiübei, baß er sowohl ber Mutter wie ber Schwester, wie er sich selbst eingestehen mußte, in ben letzten Jahren recht kühl begegnet war, hatte er Gustel mit ihrem kühlen Denken, ihrem nur auf bas Wirtschaftliche beschränkten Jbeenkreis gar nicht für fähig gehalten unb jetzt klang aus ihren Worten etwas wie innige Gemütstiese! Unb wie klar, wie zu Herzen gehenb sie bie Worte zu wählen wußte, wie treffenb wußte sie barzutun, baß er nicht auf bem rechten Weg toanble, baß er sich mit seinen Anschauungen mit Allem, was hier im Hause als heilig galt, in Wiberspruch setzte! Aber bas war ja alles alte hausbackene Weisheit, mit ber man heutzutage nicht mehr burch bas Leben tarn! Tie heutige Zeit verlangte stahlharte Männer — Männer, bie sich nicht von leber Gesühlsduselei beeinflussen ließen wegen bem kleinen Techtelmechtel von damals konnte er doch nicht seine ganze Zukunft auf das Spiel setzen.
Dennoch sprach er nicht mehr in dem überlegenen Tone von vorhin, vielmehr schwang darin etwas Begütigendes, als er jetzt erwiderte:
„Aber Gustel, Schwester — Tu nimmst die Sache zu tragisch! Betrachtest sie von Deinem romantischen Mädchenstandpuntte aus! Nimm doch Vernunft an! Wie kann ich mich denn an ein Mädchen binben, das weder gesellschaftlich noch in Bezug auf Bildung auf meinem Niveau steht! Weil ich ihr vor zwei Jahren ein Paar Küsse gegeben und etwas von Liebe vorgeschwatzt habe? Du lieber Gott — welcher junge Mann tut bas nicht einmal tn feinem Leben? Die Sacke ist ja auch ganz ausp.chtslos! Bis ich fertig ftubiert habe —"
(Fortsetzung folgt.)