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Zuldaer Zeitung

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nr. 209. Erstes Blatt. Mittwoch den 10. September 1913. 40. Zahrgang.

r+- Die rote Woche.

Am Sonntag beginnt im Volkshaus in Jena der diesjährige sozial demokratische Partei­tag, auf dessen Verlauf man vielerorts gespannt ist.

Solange der alte Bebel da war, gab es unter den vielen unklaren Köpfen auf den roten Parteitagen doch noch einen, der wußte, was er wollte und auch die Energie und die Fähigkeit besaß, seinen Willen durchzusetzen. Natürlich befinden sich in der sozial­demokratischen Partei eine ganze Menge von Gerne­großen, die fest davon überzeugt sind, daß sie noch mehr Zeug als zu einem Bebel besitzen und es darum gar nicht "verstehen können, wie bang und sorgenvoll gar manche um Bebels Tod trauern. Ein Frank und ein Ledebour, eine Rosa Luxemburg oder gar ein Karl Liebknecht wären doch sicherlich Leute, die auf des Altmeisters Stuhl klettern und dort ihre Lichter leuchten lassen könnten' Aber leider sind ber Be­werber gar zu viele und so kämpfen die sozialdemo­kratischen Parteibonzen untereinander, wer von ihnen „der Würdigste" sei.

Da wird nun gerade zu einem für die Genossen recht ungünstigen Zeitpunkt ein B r i ef des toten Bebel der Oesfentlichkeit übergeben, in dem der alte Führer ganz trocken schreibt, »daß n i e m a nd vorhanden ist, der auf Grund seiner Befähigung oder seiner Leistungen oder seiner historischen Stellung in der Partei ein Uebergewicht über andere ausüben könnte oder ausübt."

Dies herbe Urteil eines, der sie kannte und auch durchschaute, wird den ehrgeizigen Strebern in der Sozialdemokratie äußerst unangenehm sein; doch wird die Pietät vor dem jüngst Verstorbenen und der Einfluß, den sein Name heute noch auf die Massen ausübt, der Empfindlichkeit und dem Zorn der Be­troffenen heilsame Fesseln anlegen. K r a k e h - lereien werden in Jena aber sicherlich doch an der Tagesordnung sein, denn die gabs bisher alljährlich und werden in diesem Jahre noch häufiger und um ein paar Grade schärfer sein, einmal, weil keiner mehr da ist, der beschwichtigend und drohend die Brause­köpfe zusammenholte und dann auch, weil in diesem Jahr einige recht kitzliche Punkte auf dem Pro­gramm stehen.

Die Diskussion über den Massen st reik wird sicherlich einer Blütenlese viel Brauchbares liefern; da mag die Parteileitung die Sache noch so geschickt einsäbeln und Referat und Diskussion noch so sehr auseinanderziehen und auseinanderreißen und die ein­gebrachte Resolution zum Massenstreik mag noch so fein u. vorsichtig zurechtgedrechselt sein. Mit dem Eier­tanz der Taktiker werden sich die um Rosa Luxem­burg und Ledebour nicht so leicht einverstanden er­klären und die flügellahme Massenstreiksresolution, die weder Ja noch Nein sagt, besitzt jedenfalls nicht die Eigenschaft, dem Massenstreiksrummel ein Ende zu setzen. Vielleicht werden wir in Jena auch über das Ergebnis der Beratungen des Geheimkonventikels erfahren, das am nächsten Sonntag in Berlin über die Frage des Massenstreiks verhandelt wird.

Der Auftakt zur Massenstreiksdebatte, die dem diesjährigen roten Parteitag wahrscheinlich die Fär­bung geben wird, läßt kaum den Schluß auf eine friedliche Auseinandersetzung zu. Während auf der einen Seite in Versammlungen und in der Preise das Massenstrciksthema mit der ganzen Leidenschaft­lichkeit des llnverstands behandelt wird, lassen auf dec anderen Seite die Genossen, die schon etwas tiefer die Zusammenhänge durchschauen, keinen Zweifel darüber, daß sie einen Massenstreik mehr oder minder für ungeschminkten Blödsinn halten.

In den „Sozialistischen Monatsheften" melden sich auch in diesem Jahr wieder führende Genossen zum Wort, um kurz vor Kampfbeginn dem Partei­tag ihre Weisheit und Wissenschaft aufzubinden. Ge­nosse Arons verlangt zur Beseitigung deä ^Drci- klassenwahlsystems in Preußen eine Front von Fried­berg bis Liebknecht gegen die Konservative und das

Her/Mrandstister.

10) Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus

1^ von Fritz Ritzel.

/?' Er hielt inne und wartete mit verhaltenem Atem auf die Wirkung, welche seine Worte auf das mit ab­gewendetem Gesicht dastehende junge Mädchen aus- u6en mußten. Er war mit sich zufrieden. Schöner und der ganzen Sachlage angepaßter hätte er seine Worte nicht wählen können — die bittere Pille, die er der Kleinen cingeben mußte, sie war tadellos überzuckert! Und mit Befriedigung gewahrte er, daß auf dem schönen Gesicht Klarchens dte vorherige Er­regung immer mehr schwand — nur ein Zug von Bitterkeit schwebte noch um ihren Mund und mit kühlem Blick begegnete ihm ihr Auge, als sie lang­sam erwiderte:

„Do is des nix wie dumm Zeug gewesc, was Du mir domols vorgeschwätzt host? No — des ls jo des Recht von Eich Aannsleit — Ihr nemmt's Eich we­nigstens selbst heraus, des Recht — daß Ihr de Mäd- cher eier Fissimatente Vormacht und -ich dann drückt, wenn's Eich nit mehr paßt! Des hält' ich mir do­mols sckon denke könne!"

„Aber Klärchen, ich bitte Dich inständigst — lasse doch den herben Ton! Der paßt ja gar nicht zu Dei­nem lieben Gesichtchen! Betrachte doch die Sache, wie sie wirklich tft! Gut, ich habe Dir dummes Zeug vorgeschwatzt, wie Tu sagst, aber ich möchte den jungen Mann von zweiundzwanzig Jahren sehen, der bei Deinem Liebreiz —"

„Vor alle Tinge Ernst — loß die Flattuse", (Schmeicheleien) unterbrach ihn das junge Mädchen, mit einer unwillig-n Wendung des feinen Köpfchens. „Dodemit wickelst Du mich int ein! Sag mir klipp un klar, daß Du nix mehr von mir wisse willst, daß ich Dir gut genug dezu gcwese bin, Dir die Lange- Weil zu vertrejwe und daß alles Lug un Trug gewese is, was Du mir do uff dcre Stell gesagt host! Dann toaaß ich wenigstens, woran ich bin, dann waaß ich,

Zentrum; ein Massenstreik ums Wahlrecht würde die Partei einer schweren Niederlage entgegenführen. Dasselbe meint auch der badische Führer Kolb, der die radikalen Genossen dafür verantwortlich macht, daß die deutsche Sozialdemokratie nicht vorwärts kommt und verlangt darum von allen die offene klare Entscheidung für die reformistische Taktik. Genosse Edmund Fischer glaubt gar schon den Sieg des Revisionismus fcststellen zu können, denn er tut das Gerede der radikalen Wortsührer mit einer spöttischen Handbewegung ab. Es fehlt natürlich auch nicht on Stimmen, die rückhaltlose Billigung des Verhaltens der Reichstagsfrakticn bei den Deckungsgesetzen ver­langen.

Kurzum, Wünsche und Forderungen überall, überall aber auch eine unleugbare Nervosität, die der zur Schau getragenen Selbstsicherheit schlecht zu Ge­sicht steht.

# Großblockstreiche in Baden.

Mit dem Großblock in Baden steht es mau, sehr mau. Die Führer der Liberalen und Sozialdemo­kraten haben ein Blockabkommen für die Landtags­wahl abgeschlossen, wonach die Parteien in gewissen Wahlkreisen nur je einen Blockkandidaten aufstellen. Nun zeigen sich aber verschiedene Wahlkreise unbot­mäßig, sie stellen entgegen dem Blockabkommen Kan­didaten auf, wo sie dem Abkommen gemäß keinen aufzustellen hätten. Als klassische Beispiele wurden Rastatt, Heidelberg-Land, Heidelberg-Eberbach und Ettlingen genannt. In Rastatt ist der offi­zielle Blockkandidat ein Fortschrittler, und die Natio­nalliberalen löten gegen den Stachel und stellen einen der ihrigen auf, ebenso in den Heidelberger Kreisen. In Ettlingen stellten die Fortschrittler als Kandidaten einen gewissen Professor Thoma auf, da geht ein La­mento durch den nationalliberalen Blätterwald; das sei gegen das Abkommen, nicht die Fortschrittler hätten den Kandidaten zu stellen, sondern die Natio­nalliberalen. Und stehe da, der fortschrittliche ,Bad. Landesbote' (Nr. 174) schrieb alsbald:

Die volksparteiliche Vertrauensmännerversammlung (bie für den Wahlkreis Ettlingen-Durlach-Pforzheim eine volksparteiliche Kandidatur aufstellte), ging von der Voraussetzung aus, der Wahlkreis sei in -dem Blockab­kommen der Fortschrittlichen Volkspartei zur Besetzung mit einem Kandidaten zugesprochen. Der geschäfts- sührende Ausschuß der Fortschrittlichen Volkspartei in Baden hat sich gestern mit der Angelegenheit befaßt und nach eingehender Prüfung der Sachlage festgestellt, daß die Annahme der Ettlinger Fortschrittler auf einem Mißverständnis beruht. Das Recht zur Nominierung des Blockkandidaten in diesem Wahlkreis steht der na- tionalliberalen Partei zu. Die Parteileitung der Fort­schrittlichen Volkspartei ist mit den Parteifreunden des genannten Wahllreises in Verhandlungen ein getreten, um eine Zurückziehung der aufgestellten Kandidatur zu veranlaffen.

Das führende Badische Zentrumsorgan, der 'Ba­dische Beobachter", machte dazu (Nr. 207) die treffen­den Bemerkungen:

Einfach großartig! Ist so etwas schon einmal da­gewesen? Die Fortschrittliche Voltspartei stellt einen Kandidaten auf und weiß gar nicht, daß sie nichts mehr zu sagen hat, daß sie von der Führerschaft schon ver­kauft und verhandelt ist. Wie mag das große fortschritt­liche Mundstück schmerzen, das sich so gerne rühmt: Alles mit dem Volk, alles durch das Volk! Unb nun— Hal das demokratische Volk von Ettlingen nichts mehr zu sagen. Treffender hätte die Blockkomödie nicht illu­striert werden können, als durch dieses köstliche Mißver­ständnis. Das kommt aber davon, daß die famosen Ab­kommen so schön säuberlich geheim gehalten werden. So weit kommt es bei den Block- und Großblockbündeleien, wo es von den Führern als gleichwertig bezeichnet wird, ob ein Nationallibrraler, Fortschrittler oder Sozialdemo, krat gewählt wird. Sie verwechseln schon die Wahl­kreise, weil sie nicht wissen, was sie tun dürfen. Hoffent­lich verwechseln sie nicht zuguterletzt noch die Hosen­taschen und die Geldbeutel!

daß es wohr is, was mein Vatter immer sagt: Die Menschen sinn ganz annerst, als wie sie sich gewe! —"

„Aber Klärchen, so höre mich doch — nimm doch Vernunft an! Laß es doch nicht zu einer Spannung oder zu einem feindseligen "Verhältnis zwischen uns kommen! Das würde mir ja in der Seele leid tun! Du bist doch ein so kluges, ein so gescheites Mäd­chen — da mußt Tu doch einsehcn, daß ich und Du in unserer beiderseitigen Lebensstellung nicht zu ein­ander passen! Wenn ich Dich auch so leidenschaftlich liebte, wie es unbedingt für eine glückliche Ehe er­forderlich ist und wenn ich Dir das damals in augen­blicklicher Aufwallung gegebene Wort halten wollte — es könnte uns Beiden nicht zum Segen gereichen! Ich bin Studierter, bin mit Leib und Seele meinem Berufe ergeben, verkehre nur in den gebildetsten Kreisen — Du dagegen bist ein einfaches Mädchen ohne höhere geistige Interessen, ohne beffere Schul­bildung, bist —- wie soll ich sagen--"

„Sag's nur grab heraus!" warf das Mädchen bitter auslachend ein — „en unbeholfener Bauern­trampel, der zu Eich feine Stadtlcit paßt, wie e Gans in en Taubeschlag! Tas muß ich Dir loste, Ernst — Du verstehst Dei Handwerk! Was Gescheiteres hätt'st Du gar nit tun könne, als wie Advokat wer'n! Du michft uns fchfvarz — weiß, un aus eme Wolf e Lämmche! Schad nur, daß wir Bauern in unfern Perg kamt Sinn for des Wortgeklingel hawe! Wir halte uns als noch an die alte Bibelsprüch — do haßt aaner: Eure Rede sei ja, ja oder nein, nein — was darüber ist, ist vom Hebet! Den host Du scheint vergessen!"

„Aber um Himmelswillen, Klärchen — wenn ich Dich nur zu "einer weniger strengen Auffassung der Sachlage bekehren könnte!" rief der junge Mann, betroffen von der drastischen Erwiderung des Mäd­chens, die so gar nicht im Einklang mit dessen lieb­licher sanfter Erscheinung stand! „Wenn ich Dir doch sage, daß es mich in innerster Seele schmerzt, auf Dich verzichten zu müssen, daß es nur unser beider Unglück wäre, wenn--"

Geb Dir Ida Müh un spar die schöne Rede! Die

Man begreift diese Großblockgeschichten in etwa, wenn man die Geheimtuerei namentlich der national- liberalen Führung kennt. Wenn in einem liberalen Blatte Badens etwas gedruckt wird, was dieser Führung nicht in den Kram paßt, so verschickt sie an die übrigen liberalen Gruppen Nachttelegramme mit der Weisung, solches nicht nachzudrucken. Nur schade, daß sie sich mit einem solchen Nachttelegramm in der Adresse verschrieben und es an das Zentrums­organ am betreffenden Ort richtete. Selbst das Blockabkommen wird den Parteifreunden verheimlicht, wenn diese es nicht zufällig durch ein nicht-national- liberales Organ erfahren. Von Vorgängen wie die „Rastatterei" erfahren sie erst recht nichts.

Kein Wunder aber auch, wenn da und dort aus dem Großblocklager Stimmen laut werden, die vom „Großblockelend" reden. Wir aber sagen: Sie haben's nicht beffer verdient.

* Die gekränkten Franzosen.

Die Rede des Königs Konstantin bet der Ueberreichung des Marschallstabes, in welcher er die Siege der griechischen Armee den Grundsätzen der preußischen Kriegsführung zuschreibt, hat die Fran­zosen schwer geärgert, und die Pariser Blätter speien Gift und Galle. Weiter schreibt der Matin:

„Es wäre interessant zu rotffen, ob der König von Griechenland dem Präsidenten der Republik Frankreich bei seiner demnächstigen Anwesenheit in Paris wieder­holen wird, daß die griechische Armee, bei der Frankreich seit Jahren eine Militärkommistion unterhält, die von einem General geleitet wird, der letzthin zum Korps- kommandeur ernannt wurde, ihre Stege den bewährten Grundsätzen der preußischen Taktik verdankt, und daß es dem deutschen Kaiser zu danken fei, daß die griechischen Truppen so große Erfolge errungen haben." Das macht ja eben die Franzosen so empfindlich, daß der König von Griechenland das Lob der deut­schen Heeresverwaltung aussprach, obwohl auf Ver­anlassung des verstorbenen Königs Georg eine fran­zösische Militärkommistion in Athen tätig ist. Der gegenwärtige König von Griechenland hatte schon im vorigen Sommer als Kronprinz zu erkennen gegeben, daß er von den Leistungen dieser Militärkommission nicht befriedigt sei. Nachdem er nunmehr vor aller Oeffentlichkeit alle Erfolge der deutschen Lehre und dem deutschen Vorbild zugeschrieben hat, ohne die französischen Heeresbildner irgendwie zu erwähnen, wird es dem General Eydoux kaum möglich sein, seine „Mission" in Athen fortzusetzen. Ob sich die Sache durch einen bloßen Personenwechsel ausgleichen läßt, oder ob die Franzosen Überhaupt auf die „Instruk­tion" verzichten müssen, bleibt abzuwarten.

König Konstantin wird sich vorher gewiß klar ge­macht haben, daß er es mit den Franzosen verdorben hat, nachdent er die preußische Schule derartig ver­herrlichte. Was man bisher von den Aeußerungen der griechischen Presse erfahren hat, lautet zustim­mend, sodaß man annehmen darf, König Konstantin habe die öffentliche Meinung seines Landes für sich. Hoffentlich bleibt die Volksstimmung fest. Denn es sind noch Weiterungen zu erwarten. König Kon­stantin wird den vorbereiteten nicht-offiziellen Besuch in Paris entweder aufgeben oder sich auf n n e r­quickliche Zwischenfälle gefaßt halten müs­sen. Die Pariser Presse drohte ihm bereits mit der Wiederholung jener Demonstration, die einst gegen den König Älsons von Spanien nach dessen Ernen­nung zum Chef eines deutschen UlanenregimentS in Szene gesetzt wurden. Obendrein droht man mit der Entziehung der finanziellen Hilfe für Grieche"" land. Zweifellos werden die geschworenen Deutschen­feinde von Frankreich und England in Griechenland selbst mit gewohnter Kunstfertigkeit eine Agitation in Szene setzen, um das dortige Volk gegen den „deut­schen" König aufzuhetzen.

Das geht nun freilich zunächst Griechenland an. Aber da die eindrucksvolle Kundgebung nicht bloß

kaust Du bei Deine seine Fräulein in de Stadt besser brauche! Des Rothers Ernst von früher bist Du nit mehr — dem hab ich mich verspräche, hab zwaa Johr lang gewart uff ihn, ohne nur aan Aageblick dran zu zwerfw, daß cr's nit' ehrlich mit mir gemaant Hot! Du bist en ganz Annerer wor'n — mit Dir hab ich nix zu tun gehabt uu will aach nix zu tun hawe! Do host Du Dem Ring — Du kannst ihn vielleicht brau- che for aane, die bessere Schulbildung un höhere geistige Interesse wie e simpel Bauern n^ädche Hot!"

„Ich kenne Dich ja gar nicht wieder!" rief Ernst fast verzweifelt. „Verfetze Dich doch in meine Lage und Du wirst doch cinsehen, daß es mir die einfach­sten Gesetze der Klugheit gebieten, ganz offen gegen Dich zu sein! Tas ist doch ehrenhafter, als wenn ich Tich in dem Glauben ließe —"

„Ehrenhafter?" fuhr das Mädchen ihn unter­brechend empor. „Ehrenhaft nennt'ft Du's, die Treu zu breche un bann hinnerher schöne Worte zu mache, als wenn gar nix Ernstes passiert wär? Des hängt for mein Lauernverstand zu hoch! Du host Recht, wenn Tu sagst, daß wir zwaa nit zusamme passe!"

„Klärche, ich bitte Dich — ich beschwöre Dich —" „Loß es gut sein! For was do noch viele Worte mache? Do host Du Dein Ring — werd glücklich, wie Tu Dir's ausgedocht host ich wünsch Tir's von Herze!" Hnd den mit einem Türkis gezierten Goldreif auf das kleine in der Laube stehende Holz­tischchen legend, eilte das Mädchen, ohne noch einen Blick auf den jungen Mann zu werfen, aus der Laube und war in wenigen Augenblicken zwischen dem, im Hinteren Teil des Gartens stehenden Jasmin- und Fliedergebüsch verschwunden.

Der junge Student hatte einen Augenblick Miene gemacht, ihr nachzueilen, dann blieb er wie sich be­sinnend stehen und starrte finster, auf das goldene Reislern, auf dessen Stein ein Strahl der scheidenden Sonne in blauem Lichte glänzte. Eine ungeheure Erregung durchzitterte ihn. Daß seine Unterredung mit Klärchen einen solchen Verlauf nahm, das hätte er nie geahnt. IN feiner Erinnerung stand ein kindlich lebensfrohes Mädchen, mit dem er leichtes

zugunsten Deutschlands, sondern auch in Deutsch­land und unter Mitwirkung des deutschen Kaisers stattgefunden hat, so wird auch die deutsche Polttik von bereit Nachwirkungen in Anspruch genommen.

Da erheben sich nun Fragen, bie noch ber Klärung bebürfen? Hat man bloß eine militärische Fest­stellung bezweckt, ober war eine politische Aktion beabsichtigt? Im letzteren Falle wäre anzunehmen, daß das auswärtige Amt vorher zu Rat gezo­gen ist. Haben nun die Herren v. Bethmaun und v. Jagow sich Sicherheit darüber verschafft, daß die An­näherung Deutschlands an Griechenland bei unseren Verbündeten nicht nur bei Italien, sondern auch bei Oesterreich, Zustimmung und Nachhilfe finden wird? Ist ferner die deutsche Politik befähigt und bereit, dem griechischen Staate den ausreichenden Ersatz zu bieten für alles, was er durch bie Abwendung von Frankreich und dessen Verbündeten aufs Spiel setzt? Nicht. allein auf dem militärischen Gebiete, sondern auch im Finanzwesen und in den gesamten politischen Hilfsmitteln?

Wenn das alles bejaht wird, wenn namentlich Oesterreich im vollen Einvernehmen ist unb bie An­näherung Deutschlands an Griechenland in Bulga­rien verständig aufgefaßt wird, dann kann man den gründlichen Umschwung in dem Verhältnis zwischen Berlin und Athen gewiß mit Freuden begrüßen. Doch möchten wir darüber erst Klarheit und Sicher­heit haben. Sonst könnte sich wieder einmal das Sprichwort bewähren, daß man den Tag nicht vor dem Abend loben dürfe. Erst wägen, dann wagen! D u r ch h a l t e n — das ist die Hauptsache.

Wenn auch der Reichstag nicht versammelt ist, so ha» die Regierung doch Gelegenheit genug, um die öffentliche Meinung über die wahre Bedeutung und Tragwefte des Vorganges aufzuklären«

Deutsches Reich.

** Berlin, 9. Sept. 1913. Nach einer amtlichen Mitteilung ist das Kommando des Kronprinzen in Langfuhr bis zum 1. Okt. 1914 verlängert worden. Damit ist allerdings nicht gesagt, daß der Kronprinz bis dahin Kommandeur des 1. Leidhusaren-Regiments bleibt. — Der kommandierende General des 19. Ar­meekorps v. Kirchbach wird im Herbst des Jahres . 1913 zurücktreten. Als sein voraussichtlicher Nach­folger wird der General der Kavallerie v. Laffert, Kommandeur der 40. Division, ernannt. Die Er­nennung des deutschen Schuldeirats in China ist soeben vollzogen. Oberlehrer Dr. Schmidt, der bereits früher eine Reihe von Jahren an deutschen Schulen in China beschäftigt und zuletzt im höheren Schul­dienst in Berlin tätig war, ist zum Schulbeirat der deutschen Gesandtschaft in Peking ernannt worden. Seine Ernennung steht mit den Bestrebungen der Förderung des deutschen wirtschaftlichen Einflusses auf kulturellem Wege im Zusammenhang.

— Der deutsche Konsul in Belgrad Dr. Schlieven wird, serbischen Blättern zufolge, von seinem Posten ab- berufen, um eine anderweitige dienstliche Verwendung zu finden. Den Nachrichten, daß der Konsul auf Be­treiben Oesterreichs abberusen worden fei, wird von deutsch-offiziöser Seite energisch entgegengetreten. Oesterreich habe, wie es selbstverständlich ist, in dieser Angelegenheit keinerlei Schritte getan. Die Abberufung Schliebens sei schon feit Monaten beschlossene Sache; er sollte in einen größeren Wirkungskreis berufen werden.

* Tie Weltausstellung in San Franzisko. Die stänbigeAusstellungskomm'if siousür die deutsch» Jndunrie gibt bekannt:

Die Hamburg-Amerika-Linie hat unsere Zuschrift vom 23. August und ihr Schreiben vom 5. September, bevor wir letzteres beantwortet haben, ohne unsere Zustimmung beziehentlich ohne Verständigung mit uns verbreitet. Dieses Schreiben verläßt zudem den Boden sachlicher Kritik. Da wir eine Fortsetzung der öffentlichen Behand­lung der Angelegenheit als nicht in deutschem Interesse liegend erachten, sehen wir im Hinblick auf die erfolgte

Spiel zu haben glaubte, wenn er ihm klar machte, daß eine Einlösung seines unbesonnenen, vor Jahren gegebenen Versprechens für ihn ein Ding ber Un­möglichkeit fei. Im Stillen hatte er gehofft, daß bie Sache gar nicht zur Sprache käme unb wenn bies der Fall iväre, baß höchstens ein paar Tränchen fielen, bie er mit ber Bitte um Verzeihung und mit Bernunftgründen getrocknet hätte. Recht oberfläch­lich, als wäre bie ganze Sache eine Kinderei gewesen, wollte er bie ganze Sache behandeln — ein liebes etwas oberflächliches Ding glaubte er in Klärchen Kavser wieoerzufinden unb hier begegnete ihm ein in allen Fasern seines Selbst verletztes Weib, bas mit klaren Worten seine, ihm setzt selbst nicht einwand- frei erscheinende Handlungsweise beim rechten Na­men nannte. Er hatte eine Niederlage erlitten — entschieden eine durch nichts zu beschönigende Nie­derlage! Und um so schmerzlicher wurmte ihn diese, als in dem Zwiespalt seines Inneren wieder, das seltsam zitternde Wehgesühl von heute nachmittag Oberhand gewonnen hatte, als er Klärchen gegen­über gestanden. War es ein Zauber, der von dem Mädchen ausging und feinen kühl erwägenden Ver­stand verwirrte? Lag diese, ihn in Gegenwart Mär­chens so unendlich wohltuend beschleichende Empfin­dung in der Erscheinung des Mädchens selbst ober in der derben ländlichen Redeweise, die abstoßend auf sein ästhetisches Gefühl wirfte und ihn doch wie frische Bergluft und Waldesodem anheimelte? Er hatte ja erreicht, was er gewollt — aber der Erfolg befriedigte ihn nicht. Ihm war, als fei das beste Stück aus feinem Leben herausgerissen unb wie ein bämmernbeS Ahnen kam es über ihn, baß bas reine Glück be§ Herzens nicht auf den Höhen des Lebens, nach welchem er strebte, zu suchen fei, säubern daß es das Füllhorn seiner Gaben mit Vorliebe auf die in schlichter Einfachheit bahinlcbenden Erdenkinder ausftröme.

Das glitzernde Blau, das v'" dem fchmalen Gold­reif aus "dem Tischchen funkelte, war erloschen und graue Dämmerung begann sich über die zur Ruhe sich bereitende Erde niederzufenken.

(Fortsetzung folgt ) x