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Zuldaer Zeitung

# Ziehungstiften 6er preußisch-süddeutsch« Klaffen-Lotterie. — tzalbjShrlich iloschenfahrplan. n

40. Zahrganz.

Dienstag den 9. September 1913

Erftes Blatt.

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je* Die amerikanische Weltausstellung — ein deutscher Zankapfel.

Soll Deutschland sich an der Weltausstellung in San Franzisko im Jahre 1915 beteiligen? Die Regierung hat bei der Prüfung dieser Frage den richtigen Weg eingeschlagen: sie hat die Ständige Aus st ellungs ko m Mission sür die deutsche Industrie gehört und auf Grund des ablehnen­den Gutachtens derselben sowie ihrer sonstigen Kenntnis von der Ausstellungsmüdigkeit der Indu­strie einstweilen auf die offizielle Beteiligung verzichtet.

Herr Ballin, der Generaldirektor der Ham­burg-Amerika-Linie, versucht nun trotzdem die deuffche Industrie zur Beteiligung zu bewegen. Er hatte sich mit einem Aufruf an verschiedene wirtschaft­liche Bereinigungen gewandt, auch an die ständige Ausstellungskommission. Als die letztere ihre Mit­wirkung zu einer privaten Ausstellung ablehnte, wurde Herr Ballin grob, sogar- sehr gob. In einem Scheiben, das soeben veröffentlicht ist, wirft er der Ausstellungskommission nicht bloß einen „bedauer­lichen Mangel an Sachkenntnis", sondern auch eine , Ueberschreitung ihrer Befugnisse vor. Denn nach 'Herrn Ballins Auffassung ist die Kommission wohl berechtigt, sich für eine Ausstellung auszusprechen, ober nicht berechtigt, sich gegen eine Ausstellung zu erklären. Diese Logik ist sür unseren gewöhnlichen Menschenverstand zu hoch. Es scheint uns, daß bei Herrn Ballin das Selbstbewußtsein sich gar zu üppig "entwickelt hat. Die berufenen Bertreter der deutschen Industrie als dumme Jungen abzukanzeln, steht ihm nicht zu und ist überdies takt- und geschmacklos. Wenn die angegriffenen Industriellen auf den groben Klotz einen entsprechenden Keil setzen wollten, so könnten sie Herrn Ballin antworten: „Wir verstehen sehr wohl, daß du im Interesse deiner Hamburg-Amerika- Linie recht viel Passagierkarten und Frachtbriefe nach San Francisko an den Mann bringen und dich bei der nordamerikanischen Regierung beliebt machen möchtest. Im Transportgeschäft bist du firm, aber zum Bormund der deutschen Industrie bist du nicht be­fähigt und noch weniger berufen!

Wir für unfern Teil stehen auf dem Standpunkt, daß die deutsche Industrie s e l b st das ent­scheidende Wort zu sprechen hat. In den Kreisen der Regierung, des Parlaments und der nächst­beteiligten Gesellschaft herrscht offenbar keine große Vorliebe für Ausstellungen; aber wenn die beteiligten Industriellen in überwiegender Mehrheit erklären würden, sie versprächen sich von der Ausstel­lung in Frisko viel Ehre und Vorteil, so würde das Reich gewiß sich abermals zu den nötigen Opfern ver­stehen. Nun steht aber außer Zweifel, daß die über­wiegende Mehrheit der Industriellen gegen die Be- ieiligung an der Ausstellung ist. Mindestens drei Viertel wollen die großen Lasten und Kosten der Beteiligung nicht auf sich nehmen, weil sie nach Lage der Tänge sich den angemessenen Nutzen nicht versprechen.

Damit halten wir die Sache für erledigt. Hier muß die Regel gelten: Ganz oder gar nicht! Ist eine imposante Gesamtausstellung unserer indu­striellen Leistungen nicht zu erreichen, so bleiben wir besser vollständig fern. Denn die privaten Ausstellun­gen einzelner Firmen können nicht dem Auslande ein richtiges Bild von der deutschen Leistungsfähigkeit geben.

Wenn trotzdem Herr Ballin einige Aussteller in Bewegung bringt, so kann man sie an der kostspieli­gen Eigenbrödelei nicht hindern; aber es muß dann auf alle mögliche Weise vorgesorgt werden, daß dieses private Stückwerk nicht als Gebilde der deutschen In­dustrie erscheint.

Am besten wäre es gewiß, wenn auch hier die Minderheit sich der Mehrheit unterordnet und ange-

Der Wrctndstister.

pfr Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

h „Phantastereien dummes Zeug! Diese ver­dammte Jugendeselei!" murmelte der nach der Gar­tenpforte Gehende unwillig vor sich hin und schritt rascher vorwärts. Der immer noch am Gitter stehende radschlagende Pfau strich lautlos mit eingezogenen Federn zud Seite und mit wütendem Kläffen fuhr aus der an der rechtsseitigen Stallmauer befindlichen Hundehütte ein struppiger Koter hervor. Das war ja ein Neuer! Hatte der alte treue Tiras, der ihn jedesmal, wenn er heimkam, sofort erkannt und wie außer sich vor Freude angewinselt hatte, sich zu seinen Vätern versammelt? Wie leid ihm das tat! Wieder ein Stück echter Heimat fort! Und der mit fleischen­den Zähnen an seiner Kette zerrende Hund erschien ihm plötzlich wie eine teuflische Fratze, die ihm zurief, daß hier keine Stätte mehr für ihn sei, daß er sich "ffewst dem Heim entfremdet habe und nun auch fremd bleiben solle. Unwillkürlich hob er, von un­säglichem Widerwillen getrieben, den Swck gegen das Tier, da hörte er die Stimme seiner Schwester Gustel, die einen Korb voll Birnen vor sich hertragend, eben aus dem Garten kam, mahnend sagen:

„Geb Acht, Ernst, daß Du dem Nero nit zu nah kimmst! Der kennt Dich nit un is gar scharf! Der hot sich schon emol von der Kett losgerisse, wie ihn die Bube genext hawe und hätt' bald e Unglück an­gestellt. Zum Glück bin ich dezu komme!"

„Dann laßt das Biest doch totschießen, wenn er Tp wild ist! Schafft Euch doch einen Wolfspitz an, wie cö der Tiras war! Die sind nicht bisiig und doch wachsam!"

„Ruhig Nero, gchst du in die Hütt!" rief Gustel setzt dem Hunde zu. „Du michst jo en Spektakel, daß mer sei eige Wort nit versieht! Marsch, kusch dich!"

Der Hund fribte knurrend der mit einem Fuß-

sichts der ablehnenden Haltung von drei Vierteln auch die andern Industriellen auf die Beteiligung verzichteten. Wenn sie für ihre Erzeugnisie einen erweiterten Absatz in Westamerika usw. suchen wol­len, so blieben ihm ja auch noch andere Mittel der Reklame und der Kundensuche. Diese direkten Wege der Propaganda sind gewiß nicht teurer un­wahrscheinlich ebenso erfolgreich, als die Reklame mittels einer Ausstellungskoje, die mehr von Neu­gierigen, als von Importeuren beachtet wiid. Die wirtschaftlichen „Erfolge" der Weltausstellungen von Chicago und St. Louis haben ja deutlich genug ge­zeigt, daß sich der amerikanische Markt durch solche Schaustellungen nicht erobern läßt.

Es ist also kein großes Opfer, das man den aus­stellungslustigen Industriellen zumutet, wenn man sie einladet, im Interesse der Einheit und Klar­heit gegenüber dem Auslande sich der Mehrzahl der Berufsgenossen anzuschließen und auf private Einzel­ausstellungen zu verzichten.

+ Die Fremdenlegion.

Wir tun uns heute viel auf unseren kulturellen Fortschritt zugute und an der Spitze aller zivilisierten Völker wollen die Franzosen marschieren. Die Nach­äfferei französischer Sitten und Unsitten läßt es im­merhin erklärlich erscheinen, daß die Franzosen eine gewisse kulturelle Führung für sich in Anspruch neh­men. Eins aber hat den Franzosen bislang noch nieniand nachmacheu mögen und es ist wohl auch nie­mand noch auf den Gedanken verfallen, daß es sich dabei um kulturellen Hochstand und verfeinerte Ge­sittung handle. Das ist die französische Fremdenle- gwn, über die es in der gesamten gesitteten Welt nur ein Urteil gibt. Es ist einfach eine Kultur­schande, daß die französische Republik mit der Kraft und dem Blut zumeist aus dem Ausland bezogener Sklaven sich ihre Kolonien erobert und es ist darum endlich hohe Zeit, daß alle Kulturvölker Pro- t e st erheben gegen die Menschenschinder er und die gewissenlose Ausbeutung jugendlicher Unerfahrenheit und Abenteurerlust, die von der fran zösischen Republik systematisch betrieben wird.

Bor allem haben wir Deutschen die bittere Pflicht, endlich einmal mit allem Nachdruck dafür ein­zutreten, daß der Einfängerei und der Schinderei jun­ger deutscher Männer Einhalt geboten wird. Von den 8000 Söldlingen der Fremdenlegion sollen nicht weniger als 3000 Deutsche sein; deutsches Blut ist es also mit in erster Lini», das für den Machthunger der französischen Republik vergossen wird, den zu stil­len die eigenen Landsleute nicht willens und nicht dumm genug sind.

Es ist beschämend für uns Deutsche, daß trotz der furchtbaren Erlebnisse Hunderter und Tau­sender deutscher Burschen in der Fremdenlegion sich immer noch welche finden, die sich von französischen Werbern betören oder vielleicht durch eine Pulle Schnaps umstimmcn lassen. Von den Elementen, denen der Boden im eigenen Vaterland zu heiß zu werden beginnt, soll hier nicht gesprochen werden, ob­wohl auch für sie die Stimme der Menschlichkeft sich erheben müßte.

Aber jene dummen, unerfahrenen, leichtsinnigen und abenteuerlustigen jungen Leute müssen geschützt werden und jene, die falschen Versprechungen und Vorspiegelungen über die französische Grenze folgen und dort nach einer durchzechten Nacht, in der sie ihr Leben für 5 Jahre verpfändet haben, in die Uniform des Frcmdenlegionärs gesteckt werden. Alle jene müs' sen geschützt werden, denen bei den Schindern auf dem glühenden afrikanischen Sand die Augen auf­gehen und die dort erst erkennen, um welchen Preis sie sich verschachert haben und welch eine Lüge der abgeschlossene Vertrag ist; denen muß geholfen wer­den, die unter der afrikanischen Gluthitze und der un- tritt begleiteten Aufforderung und Gustel wandte sich wieder an den Bruder.

„Todfchieße, den Nero, meinst Du?" sagte die achselzuckend. „Des kannst Du jo mache wie Du willst — Ian Mensch kann Dir do hinein rede! Aber vielleicht hörst Du druff, wenn ich e gut Wort for des arm Vieh einlege? Ich trage nur die abgefallene Birn in die Küch und komme dann gleich Widder in de Garte. Dann will ich dir verzähle, warum Du den arme Kerl nit todschieße sollst!"

Damit eilte sie mit leichten Schritten quer über den Hof, dem Vorderhause zu. Kopfschüttelnd sah ihr der Student nach. Hatte die Schwester nicht ge- rade so gesprochen, als wenn er von nun an der Herr im Hause wäre. Das war nun schon das zweite Mal heute, daß ihm diese Andeutung gemacht wurde! Was zum Teufel war denn nur hier los? Er der Herr im Hause? Sollte Haus und Hof auf ihn überschrieben werden, der doch immer abwesend war? Aus welchem Grunde denn? Aller mensch­lichen Voraussicht nach wurde das Besitztum doch ein­mal von dem künftigen Gatten Gustels übernom­men, vorausgesetzt, daß dieser ein Bauer war und ihm, dem Miterben, wurde sein Anteil herausbe­zahlt! Mer bis dahin ging wohl noch manches Jähr­chen ins Land, denn die Mutter war ja noch in guten Jahren und so • gerast wie eine Junge — da war in absehbarer Zeit nicht daran zu denken, daß die zur Führung einer großen Bauernwirtschaft wie geborene Frau die Zügel der Herrschaft niederlege. Na — er würde es ja erfahren, was die Andeu­tungen der Schwester und des alten Lenhard zu be­deuten hatten — vielleicht handelte es sich ebenfalls um eine Rechtsfrage.

Er war in diesen Gedanken durch die offen- stehende Gartentüre geschritten und verfolgte den zwischen sauber von Goldlack, Geranien, Rosmarin und anderen Kindern der ländlichen Gartenflora eingerahmten Gemüsebeeten und rankenden Bohnen lausenden Pfad nach der Mitte des großen Vierecks, wo der uralte Lindenbaum, das Wahrzeichen des Hauses, umgeben von einer Geißblattlaube, seine ge­waltigen Affte ausbreftete. Am Eingang der Laube

menschlichen Behandlung zusammenbrechen, für die ein französischer General in Algerien nur das deutsche Wort hatte: Marschier Hund oder verreck!

Mit dem ganzen System muß gebrochen werden, das nicht besser ist als Sklave n- und Mädchenhandel. Die zivilisierte Welt hat sich einmütig gegen die Sklaverei gewanvr und verfolgt auch mit strengen Strafen den Mädchenhandel; ver­werflich wie dieser ist auch die Fremdenlegion uni) darum muß auch dieser der unerbittliche Kampf aller Kulturstaaten gelten. Es ist erfreu­lich, daß man.in Deutschland sich endlich zu diesem Kampfe aufzuraffen beginnt; Vorgänge der letzten Zeit haben zum Uebermaß bewiesen, daß mit der französischen Regierung über die Fremdenlegion end­lich einmal Fraktur gesprochen werden muß.

In der „Nationalzeitung" (Nr. 207) sind in jüng­ster Zeit mehrere Reichstagsabgeordnete, die allerdings zumeist links stehen, über die Fremden- leg"...i zu Wort gekommen und stimmen ausnahms­los in derschärfsten Verurteilung derselben und in der Betonung der schreienden Notwendigkeit der Abschaffung dieser unwürdigen Einrichtung über­ein. Wie der Abg. Basser mann schreibt, wird sich der Reichstag in der kommenden Tagung mit dem Skandal der französischen Fremdenlegion beschäftigen und er hält cs für das richtigste, „die Frage des bes­seren Schutzes der deutschen Staatsangehörigen gegen die Werber und Helfershelfer derselben im Wege von Initiativanträgen oder Resolutionen aufzugreifen und diese Anträge sodann einer Kommission zu überwei­sen." Noch richtiger dürfte es sein, daß unsere Reichsregierung ohne auf die Anregung aus dem Reichstag zu warten, die Sache mit aller Ent­schiedenheit angreift, denn sie darf versichert sein, daß das ganze deutsche Volk vom ersten bis zum letzten Mann die d e u t s ch e Schmach der französischen Fremdenlegion von sich werfen will.

)( Eine Reichskolonialtruppe als Ablenkungsmittel des deutschen Zustroms zur Fremdenlegion empfiehlt der Alldeutsche Verbandstag. — Die Idee ist aus den ersten Blick bestechend. Ihre Wirkung wird sie aber durchaus verfehlen, weil Grund zum Eintritt in die Fremdenlegion vielfach Fahnenflucht oder Furcht vor Strafe oder Mißhandlung seitens Vorgesetzter ist. In derartigen Fällen ist eine solche Kolonialtruppe den Abenteurern unzugänglich. Die Leute, die aus reiner Abenteurerlust zur Fremdenlegion gehen, sind doch nicht die einzigen.

[] Nachklängd von Erfurt.

Die Kontrollversammlungsleute von Rüxleben müssen also über zwei Jahre ins Gefängnis. Das ist für Familienväter und Familien-Ernährer eine harte Strafe, und auch der zur Armenunterstützung verpflichtete Gemeindevorstand wird mit Schrecken an die schwere Belastung der Finanzen seiner kleinen, leistungsschwachen Gemeinde in den beiden kommen­den Jahren denken. Es ist daher, ganz abbesehen von den hinter der Erörterung stehenden politischen Grundanschauungen, zu verstehen, daß die Nach­klänge der Erfurter Verhandlungen noch immer durch die Presse klingen.

Die meisten, deutschen Blätter stimmen in dem Wunsche überein, man möge die Kontrollversamm- lunaspslichtigen nicht den ganzen Tag, sondern nur während der Kontrollversammlung selbst unter die Militärgesetze stellen. Viele vertreten auch die An­sicht, daß trotz des großen Strafunterschiedes des erftne und zweiten Urteilsspruchs das neue Strafmaß doch noch nach dem allgemeinen Volksempfinden zu hoch ist. Dagegen meint die freikonservative „Post": „Wohin soll es mit einer militärischen Disziplin kommen, wenn so unerhörte Ausschreitungen und gewollte Ausschreitungen wie die von Rüxleben, so

angekommen, zuckte er erschreckt zusammen — auf der rund um die Linde laufenden Bank saß Klärchen Kayser, das Gesicht mit den Händen verhüllend und weinte bitterlich. Herrgott, das war jetzt eine schöne Geschichte! Die hafte sich rein und richtig noch Rech­nung auf ihn gemacht! Wie sollte er sich jetzt ver­halten — wie das Mädchen beschwichtigen? Hoffnung geben, das konnte er doch nicht und ihr die brutale Wahrheit in das Gesicht sagen, daß er fein damaliges Versprechen als jugendliche Verirrung ansehe und daß er einer Anderen angehöre — das widerstrebte ihm, als solle er einen Mord an einem ftnschuldigen Geschöpf begehen. Wie rührend die schlanke Gestalt mit dem fern modellierten Kopf, in dessen rotgolde- nen Haarmassen ein durch das dichte Gerauke der Laube fallender Sonnenstrahl flimmerte, in ihrem offenbar ihr ganzes Wesen erschütternden Schmerze aussah! Fast kam es über den betroffen Stehenden, als wären alle seine vernünftigen Vorsätze törichte Hirngespinste, als rüste ihm eine Stimme zu: „Hier ist dein Glück!" und als müsie er das hier an der nämlichen Stelle einst geschlungene und dann treulos von ihm gelöste Band wieder anknüpfen, müsse das liebe Kind dort in die Arme nehmen und ihr die Tränen von den Wimpern hinwegküssen — da tauchte vor seinem inneren Blicke eine hohe Gestalt mit den Zügen einer antiken Göttin und dunklen Märchen­augen auf, daneben ein vornehmes greises Männer- gesicht mit der herablassend wohlwollenden Miene und dem überaus hochmütigen Zug um den Mund — nein, er mußte alle sentimentalen Anwandlungen niederzwingen, mußte sich frei machen um jeden Preis, denn Fräulein Elvira Werthauer und ihr Vater waren über die Maßen stolz und würden ihm, dem zu ihrer gesellschaftlichen Höhe von ihnen Em- porgehobenen, auch nicht den kleinsten Schritt vom Wege vergeben.

Das in seinen Schmerz versunkene Mädchen mochte wohl geglaubt haben, seine Freundin Gustel kehre in den Garten zurück, als es die Schritte Ernsts vernahm; als dieser jetzt näher trat, schreckte es empor, erhob sich und hastig mit dem in der Hand gehaltenen Taschentuch über die Auaen tnfcrenh.

rücksichtsvoll und „human" behandelt werden, wie es hier geschehen ist!" Andererseits findet die „Rhein.-- Wesff. Ztg." in Essen die von dem Oberkriegsgericht erkannte Strafe „noch erfreulich scharf genug". So gehen selbst die Urteile so nahe verwandter Blätter, wie „Rhein-Westf. Ztg." und „Post", wett ausein­ander. Die „®ermania",finbet das Urteil noch reich­lich scharf, wenn sie es vom Gesichtspunkt der bür­gerlichen Kriminalrechtspflege aus betrachtet. Dach­es handle sich hier um ein schweres mittärisches Ver­gehen, dessen Ahndung als Warnung dienen möge, wenn man auch den Verurteilten das Mitleid nicht versagen könne.

Eine Warnung ist in diesen Fällen allerdings an. gebracht, und zwar eine Warnung vor der Ursache all der vielen Kontrollveffammlungs-Skandale, di« so viel Unheil in die Welt bringen, vor dem — Al. kohol. Es muß aufhören, daß, wie es in vielen Gegenden der Fall ist, dreiviertel der Kontrollver­sammlungsbesucher es als ihre Gewohnheitspslicht ansehen, sich am Tage der Kontrollversammlung zu betrinken! Der Deutsche kann sich ja nun ein­mal ohne Alkohol nicht freuen, und er glaubt ost, mit der Steigerung des Alkoholgenusses auch die Freude steigern zu können. So tranken denn auch die 30 Leute, die aus Rüxleben zur Kontrollversamm­lung gingen, „im Nu" 120 Liter Bier aus, und danni ist jedermann bereits jenseits von Gut und Böse angelangt, und Ausschreitungen aller Art sind die Folge. Da erfordert das Gemeininteresse dringend., eine gründliche Erziehung zu anständigem Verhal­ten, und die Militärbehörden würden sich ein Ver-, dienst erwerben, wenn sie in den Bezirken, wo diese unangebrachten Trinkereien eingerissen sind, unter Hinweis auf das Erfurter Urteil bei den Kontrollver­sammlungen auf die Gefahr des entehrenden, un­würdigen Mißbrauchs des Alkohols Hinweisen lasten" und damit zur Bekämpfung dieser Ausschreitungen beitragen wollten,

Deutsches Reich.

** Berlin, 8. Sept. 1913. Prinzessin Viktoria Luise wird in etwa acht Tagen zu längerem Aufenthalt und Besuch der Kaiserin im Neuen Palais in Potsdam eintreffen. Die Kaiserin hat deshalb ihre Mitsahrt auf der Reise nach Kabinen und voraussichtlich nach Rominten aufgegeben. Der Kaiser wird daher auch in diesem Jahre allein zur Jagd nach seinen ostpreußischm Revieren reisen. — Der christlich-soziale Parteitag ist in Bielefeld am Samstag , eröffnet worden. — Vitt Ende dieses Monats läuft die einer Reihe von großen Städten erteilte Berechtigung zum Bezüge von frischem Fleisch aus Rußland ab und es tritt wieder das Ruß»' land gegenüber geltende Einfuhrverbot in Kraft.

)( Deutschland und Griechenland, lieber die herz­liche Aufnahme des Königs Konstantin in Berlin bringt die gesamte griechische Presse aus­führliche Berichte. In ihren überaus sympathischen Kommentaren sprechen die Blätter die Hoffnung auch daß sich die innigen Bande immer enger gestalten und von segensvoller Bedeutung für den ganzen griechischen Osten werden mögen.

* Die griechischen Siege ein Erfolg der preußische« KriegSgrundsätze. Wie die.Norddeutsche Allg. Ztg/, meldet, richtete ber Kaiser bei Ueberreichung des, Feldmarschallstabes an den König der Hellenen' eine Ansprache

in der er nach einem herzlichen Willkommen seine Freude darüber zum Ausdruck brachte, daß er Dem Könige vor den Generälen als den Vertretern des Heeres den auf dem Schlachtfelde erworbenen Marschallsstad per­sönlich übergeben bürfe, und an die Aeußerungen des Königs erinnerte, daß die Erfolge des Krieges nächst der heroischen Tapferkeit und der opferfreudigen Hingebung der griechischen Truppen den bewährten preußischen Kriegsgrundsätzen zu verdanken

nahm es eine Stellung ein, die den jungen Mann überraschte. Weder in ber hochaufgerichteten Gestalt Klärchens, noch in bereu lieblichen Gesicht war etwas von dem Wehgefühl zu lesen, das der junge Mann bei ihr vorausgesetzt hatte — mit zusammengepreß­ten Lippen stand sie ihm gegenüber und wie in küh­ler Abwehr hob sie ihre Rechte — nur in den brau­nen Rehaugen glomm es wie eine Frage — ob ängst­lich, ob verwundert, oder Rechenschaft fordernd —< Ernst vermochte den Ausdruck des Blickes nicht Mi enträtseln. Einige Augenblicke standen sich die bei­den schönen Menschenkinder schweigend gegenüber^' dann begann Ernst leise:

„Du hast geweint, Klärchen, und ich kann mit denken, warum! Offen gestanden, überrascht , und schmerzt mich das zugleich. Eine so lange Zeit ist es her, daß wir uns nicht gesehen hohen, daß ich kaunv glaubte, noch bei Dir im Andenken zu stehen, wie es der Fall zu sein scheint! Ich glaubte. Du hattest mich längst vergessen —"

„Wie Du mich!" unterbrach ihn das Mädchen bitter. „Ihr Mannsleit vi/'geßt als gern, was ihr vergessen wollt!"

„Aber Klärchen, wie kannst Du denn nur so ge­kränkt sein? Wenn Du wüßtest, wie leid mir das tut! Hätte ich geahnt, daß Du Dir die Sache so zu Herzen genommen, dann hätte ich Dich schon brieflich darüber aufgeklärt, daß es ein Irrtum gewesen ist, wenn ich damals Gefühle für Dich äußerte, die sich bei nüchterner llebcrlegung als überschwengliche freundschaftliche Zuneigung herausstellten. Wirkwa­ren damals beide einer augenblicklicher poetischen Stimmung unterworsen — die letzten Strahlen bei untergehenden Sonne lagen über dem in vollen Blütenpracht stehenden Garten — über un§ rauschte der Lindenhaum — ein holdseliges Mädchenbild — Du Klärchen — stand bor mir und n echte sich er­rötend über den Blumenstrauß, den ich bot! Kannst Tu es da dem heißblüngen, von ber Schönheit des Augenblicks hingerissenen jungen Mann, verdenken, wenn er einer plötzlichen stürmischen Eingebung folgte und Dich küßte, wenn er--- —"

(Fortsetzung folgt.)