Fuldaer Zeitung
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40. Zahrgang.
Donnerstag den 4« September 191Z.
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Nr. 204. 6——^
vrutsches Reich.
♦♦ Berlin, 3. Sept. 1913. Prinzessin Viktoria Luise fühlt sich unwohl. Schon letzter Tage hat eine angesagte Schülerparade in Rathenow dieserhalb unterbleiben müssen. Die Patientin muß zwar noch das Zimmer hüten, aber Grund zu irgend welcher Besorgnis liegt nicht vor. Die Kaiserin, die am Mittwoch in Rathenow eingetroffen war, hat die Villa des Prinzenpaares im "Saufe des Tages nicht verlassen. — Durch eine Verordnung des Königs von Württemberg ist der P e r s o n a l a d e l in W ü r t - t e m b e r q für die Zukunft aufgehoben worden. Mit der Zugehörigkeit zu einer der vier obersten Rangstufen, mit dem Besitz einer der vier obersten Klassen des Ordens der württembergischen Krone und mit dem Besitz des Militärverdienstordens ist danach künftighin der Personaladel in Württemberg nicht mehr verbunden.
a Reichstagsvorlagen. Des nächsten Reichstages harrt eine ganze Menge von Gesetzesvorlagen. So sind u. a. für die kommende Tagung bestimmt; das Gesetz betreffend die Errichtung eines Kolonialgerichtshofes, ferner die Regelung der Sonntagsruhe im Sandelsgewcrbe usw. Im Reichsschatzamt des Innern wird zurzeit ein Gesetzentwurf zur Regelung der Bezüge der A l t p e n s i o n ä r e vorbereitet, des weiteren eine Novelle znm Totalisatorgesetz für die Konzcssionierung der Buchmacher sowie eine Vorlage zur anderweiten Verteilung der Entschädigung an die Bundesstaaten für die Erhebung von Zollen, Steuern und Abgaben.
0 Zur Frage einer Herbsttqzung des preußischen Landtages wird aus Regierungskreisen geschrieben: Ob der Landtag zu einer Herbsttagung einberufen werden wird oder nicht, wird sich erst gegen Ende September entscheiden. " Einige Abteilungen haben Bedenken gegen zu ausgedehnte Sessionen, weil die übrigen Arbeiten unter den parlamentarischen Arbeiten der Regierungsvertreter zu sehr leiden. Man dürste, um die Interessen der Abteilungen und des Parlaments gleichmäßig zu wahren, sich dahin einigen, von einer Herbsttagung des Landtags abzuseben, jedoch alle für den Landtag bestimmten größeren Gesetze so vorzubereiten, daß sie dem Landtage im Januar vorgelegt werden können, und das Abgeordnetenhaus Muße für eine vorteilhafte Verteilung seiner Geschäfte erhält. Eine Reihe anderer Entwürfe dürfte zurück- gestellt werden, um die erste Arbeitssession des neuen Landtages nicht zu überbürden.
Aendernng des Reichsbeamtenbesoldungsgesetzes. Mit einer Aendernng des Reichsbeamtenbesoldungsgesetzes kann in der bevorstehenden Tagung des Reichstages gerechnet werden. Nachdem die Post- asiistenten und Postschaffner eine Erhöhung ihrer Bezüge erreicht haben, wodurch der Etat für 1913 noch mit über 6 Millionen mehr belastet wird, ist in Preußen schon für die nächste Zeit eine gehaltliche Gleichstellung der Eisenbahn assi st enten und E i - s en bah nfch offner mit den zur selben Klasse gehörigen Reichsbeamten zu erwarten. Daraus ergibt sich wieder die Notwendigkeft, die betr. Beamten der Reichseisenbahnen mit "ihren preußischen Kollegen gleichzustellen. Die Regierung sieht sich ferner veranlaßt, die Frage zu prüfen, ob nicht aus der Besoldungserhöhung "der Postassistenten und Postschafsner Folgerungen für eine Aufbesserung der Bezüge auch für andere Klassen zu ziehen sind. Der Reichstag hat sich bekanntlich auf den Standpunkt gestellt, daß mit der Gehaltserhöhung der Assistenten und Schaffner nur ein früher begangenes Unrecht gutgemacht wird. Scheu den verbündeten Regierungen und der stagsmehrheit herrscht in dieser Frage ein grundsätzlicher Meinungsunterschied. Es muß dahingestellt bleiben, ob es auf die Dauer möglich sein wird, der
Der Brandstifter.
6) Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.
„Das glaabt Ihr jo selbst nit, Posthannes, was Ihr do schwätzt! bemerkte die Wirtin. „Wie solle dann noch emol annere Zeite for uns komme? Wenn kaa Eisebahn mehr fahre tat — ja dann käm Widder Lewe do in's Haus! Awer do is so wenig dran zu henke wie dodran, daß die Sonn morje Owend hinerm Feldberg unnergeht! — Die Welt geht vorwärts un schüttelt mit ihr'n neumodische Einrichtunge — Bahn, Telegrafe, Dampfschiffe un Gott woaß, was noch, — Ees dorchenanner! Dem Aane gibt sie, was sie dem Annere nimmt, — do kann sich kaan Mensch degege wehre! Wie Gott will — ich halt still!
Mit dem Ausdruck der Ergebung in Unabänderliches in den strengen Zügen, neigte die Frau den Kopf über ihr Strickzeug, um eine entfallene Masche auszunehmen, indes der alte Postbote langsam eine Prise nahm, die Horndose zuklappte und beschwichtigend die Hand gegen die Sprecherin ausstreckte.
„Nur immer de Kopp hoch, Fraa Rothern — es kimmt im Lewe immer annerst wie mer glaabt! Wie ich domols zum letzte Mol als Postillon do voroer- gefahre bin un zum letzte Mol das Liedche gebloje hab: „Seht Ihr drei Rosse vor dem Wagen und einen lust'gen Postillon!" — do hab ich fast geglaabt, das Herz müßt mir breche, weil des schön Lewe uss dem Bock ufshore sollt! Alle Ritt hab ich falsch geblose, daß die Leit mich ausgelacht hawe un brülle mußt ich, wie e Haa Kind, wie ich am selbige Owend von meine GLul im Stall Abschied genumme hab'. Wißt Ahr'z noch — zwaa Braune un en Rapp sein's ge- mese — drei Prachtgäul, die uff jeden Zungeschlag gchört hawe un mehr Verstand gehabt hawe, wie mancher Mensch? Denc Hofs grab so laad getan wie mir — des Hot mer ihne angesehe — ganz traurig hawe fe die Köpp gehängt — no des sein ja Newe- iache! Ich war noch kaa vergehn Dag uff meint neue Poste als Landbriefträger, wo ich Dag for, Dag dorch die schöne Wälder mußt, Owends schö met Ruh haft, do is mir’» schon vorkumme, als wär der Tausch
ganzen Klasse 21—22 (Sekretariats-Assistenten, Militärgerichtsschreiber, Werst-Assistenten u. a. m.), die den Post-Assistenten bewilligte Erhöhung der Bezüge vorzuenthalten. Es ist ferner mit nachdrücklichen Beschwerden der Beamtenkategorien zu rechnen (Klasse 23—24), die schon bisher ein Endgehalt von 3600 Mk. erreicht haben. Tie meisten Klagen sind aber Wohl von jenen Beamtenklassen zu erwarten, die ein geringeres Gehalt beziehen, als die jüngst aufgebesserten, und wenn Preußen seinen Bahnwärtern eine Gehaltserhöhung bewilligt, so wird das Reich nicht umhin können, auch das große Heer seiner Landbriefträg e r aufzubessern. Die vom Reichstage beschlossene Gehaltserhöhung einzelner Kategorien von Reichsbeamten hat daher neuerlich die ganze Besoldungsfrage ins Rollen gebracht.
)( Verwendung verabschiedeter Offiziere. Der Vorstand des Verbandes sächsischer Industrieller beschäftigte sich dieser Tage auch mit der Frage der Verwendung verabschiedeter Ossiziere in Handel und Industrie. ' In der Aussprache kam zum Ausdruck, daß der Verband sächsischer Industrieller das Vorgehen des .Kriegsministers nicht unterstützen könne: den Industriellen müsse die Sorge für die ans dem Kaufmannsstande hervorgegangenen Handlungsgehilfen am nächsten liegen.
Ein neues sozialdemokratisches Organ. Der soziaidemokratische Abg. Julian Borchardt, der seinerzeit im Mittelpunkte von Skandalszenen im preußischen Abgeordiietenhause stand und der dann auch heftige Kämpft in seiner Partei zu bestehen hatte, weil ihm ein Teil seiner Parteigenossen die Fähigkeit zur Ausübung eines Mandats absprach, hat sich jetzt ein eigenes publizistisches Organ geschaffen. Es erscheint einmal im Monat und führt den Titel „Lichtstrahlen". Es soll den Bildungsbedürfnissen des modernen Arbeiters dienen.
(*) Eine verächtliche Denunziation. Die,Köln. Volks- zeituna kommt in ihrer OZr. 760 nochmals auf die von der ,Tägl. Rundschau' aufaetifdjte, von der ,Fnld. Leitung' in Nr. 198 und 199 bereits als erlogen zn- rnckgewiesene Behauptung zu sprechen, in Fulda würden 64 evangelische Schüler von einem „Etdesleister" in Reformationsgeschichte unterrichtet. Mit vollem Rechte bezeichnet sie diese durchaus unwahre Angabe der ,Mgl. Rundsch/ als „eine zu Zwecken der konfessionellen Hetze aufgemachte Denunziation". Maa dieselbe aus- gegangen fein, von welcher Seite sie w ll; auf alle Fälle erscheint ihr Urheber als eine Persönlichkeit von eigentümlich „ehren haft em" Charakter. Die Hetze scheint ihm lieber zu sein als die Wahrheit.
** Eine Bebel-Büste, modelliert von dem Berliner Bildhauer Obst, wird nach dem ,Vorwärts' in kurzer Kett sertiggestellt sein. „Es soll dafür Sorge ge. tragen werden, daß die Abgüsse der Büste, deren Herstellung vom Künstler pcrlönlich überwacht wird, in den weitesten Kreisen der Parteigenossin Eingang finden. Es sind ans diesem Grunde drei verschiedene Größen in Vorbereitung." So lautet eine Ankündigung in der roten Presse. — Personenkultus ist das natürlich nicht. , .
j> Mainz, 3. Sept. 1913. Der Verein Mainzer Kaufleute beschloß, in einer Eingabe an die Regierung und den Landtag eine durchgreifende Reform des neuen Gemeindest euer ge so tzes zu verlangen. Es soll darin zum Ausdruck gebracht werden, daß die Gewerbesteuer in ihrem jetzigen Ausbau zu zahlreichen Ungerechtigkeiten geführr haft die namentlich in der in Gesetz vorgesehenen Form des Ertragszuschlags ihre Begründung haben. Auch wurde zur Frage der Steuerfreiheit der landwirtschaftlichen Oekonomiegebäude Siellung genommen. Letztere bleiben nach dem neuen Gesetz nach wie vor steuerfrei, während die gewerblichen Gebäude also Fabriken
doch gar nit so schlecht! Im Winter rs es jo als c hart Schur, awer bei dem Fuhrwerk is aam aach nix geschenkt wor'n! Wenn mer sich erst arnol dran gewöhnt Hot, de ganze Tag uff de Bcian un in de frische Lust zu sein, dann wünscht mer sich gar kaa armer Lewe mehr!"
„Ihr habt gut rede Hannes! Ihr mögt Postillon oder Briesbott sein — Eier Gehalt laaft weiter un wenn Ihr kaan Dienst mehr tun könnt spaziere gehe! Awer unser aans, wo devon abhängt, ob die Wertschaft geht oder nit, un in de Mond gucke kann, wenn des ganze Geschäft uff aamol wie abgeschnitte "
„No mit dem in de Mond gucke, werd's so schlimm nit sein!" unterbrach sie der Postbote. „Wenn mer so e schön groß Haus Hot, un was noch drum un dran hängt" — der Alte hielt inne und fuhr dann, als wolle er nicht länger bei dem Gesprächsstoff verweilen, diesen wechselnd fort:
„No Fraa Rotbern — mit Eierm Godche, dem rote Klärche und dem Kercheroder Borsch, dem Eichers Jakob, fcheints doch noch was zu getoe! Nit so umsonst is der Jakob alle Sonntag in Eierm Ort bei des Kaysers mit dem Klärche drüben in Kercherod bei dem Jakob seine Seit gewese! Do spinnt sich ganz gewiß was an!"
Fast erschreckt ließ Frau Rother ihren Strickstrumpf sinken und sah den Sprecher mit einem angstvoll fragen&en Blicke an. Dann beruhigte sie sich anscheinend wieder und sagte gleichgültig:
„Die sinn jo noch Freind (Verwandte) mitenan- ncr, von der Kaysern her — do is doch nix bebet, Wenn sie sich gegenseitig als emol besuche! Do is boch noch lang nit gesagt, daß es Heiratsgeschicht de- hinner steckt!"
„Früher hawe sie sich awer nit besucht un sinn sogar e bische über's Kreiz (gespannt) mitenanner gewese! Wege erer Erbschaftsgeschicht, wenn mir's recht is! Awer seitdem der Jakob uff Eirer Kerb gewese is un Hot des Mädche gesehe, do is scheints Feier unnerm Dach bei ihm nn er Hot nit eher geruht, bis sein Vatter en Strich unner die alt Geschieht gemacht Hot un mit des Kaysers Widder gut Freind is wor'n! So Hot mir's wenigstens die alt Christine, die Kercheroder Bottesraa (Botenfrau) ver-
usw. herangezogen werden. Man ist der Ansicht, daß diese verschiedenartige Behandlung an solchen Platzen, wo neben der Industrie auch Landwirtschaft getrieben wird, zu Ungerechtigkeiten führt. Gegenüber dem Einwand, baß die landwirtschaftlichen Oekonomiegebäude meist einen erheblichen Teil des Jahres unbenutzt sind und nur der Aufbewahrung der Ernte dienen, wirb geltend gemacht, daß dies auch für zahlreiche gewerbliche Gebäude zutreffe, die gleichfalls nur einige Monate im Jahre zur Lagerung benutzt werden. Die Handelskammern hatten bei der Beratung der Gesetzesvorlage im Landtag die Gleichstellung der gewerblichen und landwirtschaftlichen Gebäude verlangt, sind aber damals mit ihrem Verlangen nicht durchgedruugen.
Ausland.
** Ter Kampf gegen die Schulgesetzvorlagr in Belgien. Seit acht Tagen hat der „Patriole" erfahren und veröffentlicht, baß bet bekannte „enterbte" und „proletarische" Multimillionär E. Solvay, der jetzt auch in Deutschland mit einem eigenen großen Werke bei Moers ausbeutet, für die Zwecke der Agitation gegen die Schulgefehvorlage je eine Halde Million Franken seinem intimen Freunde Vandervelde und dem Radikalen Tr. Batnich, dem Organisator der anliklerikalen Straßenkundgebungen in Belgien, überwiesen habe. Diese Behauptung des „Patriote" ist in sämtliche katholische Blätter des Landes übergegangen und vom „Patriote" seitdem dreimal wiederholt worden mit der Herausforderung an Solvay und die gesinnungsverwandte Logenpresse, die Sache für unwahr zu erklären. Bisheran hat kein einziges Blatt ein Dementi gebracht.
* Rußland lehnt die Friedensfreunde ab. Der Zar hat der Königin der Niederlande zur Eröffnung des Friedenspalastes im Haag sein Glückwunschtelegramm gesandt, und am gleichen Tage brachte der Regierungsoffiziosus ,Rosfija" einen Leitartikel über „Pazifismus (Friedensbewegung) und Wirklichkeit", der eine recht eigenartige Kriegsanfrage gegen den Pazifismus enthält. Das russische Regierungsorgan betrachtet die Pazifisten nicht nur als Schwärmer, sondern will von dem ganzen Pazifismus, der feine Existenz lärmend auf internationalen Kongress m inoffiziellen Charakters kund tut, schon deshalb nichts wiffen, weil mit dem Pazifismus eine andere gefährliche Bewegung, der „Internationalismus" verbunden sei.
** Russisches. Der Dumadelegierte für den Kaukasus Fürst Gelovani erhielt aus Kutais ein dringendes Telegramm^mit der Meldung, daß seit acht Tagen 2000 Männer des Kvirilschen Distriktes auf Befehl des Tistriktchefs gefangen gehalten wurden, um auf diese Weise die Auslieferung des Mörders eines Polizisten zu erzwingen. Dies sei aber unmöglich, weil der Mörder schon lange ge» lüchtet sei. Die Verhafteten bitten den Deputierten, osort Schritte zu ihrer Befreiung zu tun, da sie ent» etzliche Qualen erdulden, feit acht Tagen Durften und hungern und geprügelt werden. Gelovani wandte sich sogleich an den Minister des Innern, der telegraphisch den Gouverneur von Kutais die Untersuchung dieser ungeheuerlichen Vorgänge an- besahl.
** Ein japanischer Minister der Unterschlagung beschuldigt. In ganz Japan bat bas Gerücht großes Auflehen erregt, baß Der Minister des kaiserlichen Hauses, Graf Watanabe Chiaki durch große Unterschlagungen sich ein riesiges Vermögen zusammengerafft haben soll. Die japanische Presse verlangt in scharfem Tone eine strenge Untersuchung der Affäre. Ter so schwer Beschuldigte gehörte -u den Vertrauten
zählt! Jetzt geht» awer los!" unterbrach sich der Erzähler, indem er wieder an das Fenster trat und auf die Straße hinaussah, wo der losbrechende Ge- wittersturm den Staub und abgerissene Blätter durchetnanderwirbelte.
„Des gibt e schwer Wetter un do wär ich grab Hineinkumme, wenn ich mich vor erer halbe Stund uff de Weg gemacht häft! Des schmeißt alles korz un Haan, wo's hinkimmt, denn so gewiß wie zwaa mol zwaa vier is, sinn Kissele debei!"
Wie um die Aussage des Posthannes zu bestätigen, knatterte und brauste es jetzt draußen in den Lüsten, als wäre die Hölle losgelassen und rase in wilder Zerstörungswut über das Land. Die fast nachtdunkel gewordene Stube toube »fast ununterbrochen von "grellem Blitzesleuchten erhellt und als würden tausende von Geschützen gleichzeitig gelöst, so rollte der Donner, während der Sturm in allen möglichen Tonarten, bald heulend und pfeifend, bald klagend und winselnd um die festen Mauern des Hauses strich.
Frau Rother hatte sich gleichfalls von ihrem Platze erhoben und sab durch eines der Fenster in das wilde Toben der Elemente hinaus. In ihren kalten Zügen zeigte sich nicht eine Spur von dem Bangen, wie es so oft Frauen bei einem schweren Gewitter empfinden. Die volle Gestalt, hoch ausgerichtet und die Verarbeiteten Hände auf die Fensterbank gestützt, zeigte sich in ihrem immer noch schönen Gesicht vielmehr ein Ausdruck, als nähme sie von der Wut der entfesselten Naturgewalten gar keine Notiz — als weilten ihre Gedanken ganz wo anders und erfreulich mußten die Bilder Wohl nicht sein, die an ihrem inneren Gesichtskreis vorüberzogen, denn fast drobend glimmte es in ihren dünklen Augen auf und ein Zug von unbeugsamer Energie grub sich um ihren feingeschnittenen, festzusammengepreßten Mund. War es Die von dem Postboten zuletzt erzählte Neuigkeit, welche diese Veränderung auf dem vorher so gleichgültigen Gesicht der Frau bewirft hatte? Fast sollte man es glauben, denn ohne dem eben niederfahrenden, von einem betäubenden Donnerschlag gefolgten Blitzstrahl Beachtung zu schenken, fragte sie in kaltem Tone, in dem es aber doch wie geheimes Bangen vibrierte:
des verstorbenen Mikado, bei dem er das Amt eines Hofmarschalls bekleidete. Seit fünf Jahren ist Graf Watanabe Hanbelsminister. Was an den Beschuldigungen wahr ist, läßt sich im Augenblick schwer übersehen. Japaner, die mit feinen Verhältnissen vertraut sind, meinen, baß, wenn an den Anklagen etwas ist, nur große Habgier den Grafen verleitet haben könne, denn er zählt nicht zu den angesehensten, sondern auch zu den begütertsten Familien des Landes. Sein Palais und der Park dazu gehören zu den schönsten Punkten Tokios. Seine Söhne und Schwiegersöhne befinden sich durchweg teils im Staatsdienst, teils im wirtschaftlichen Leben in großen Stellungen.
* Die Lage in Mexiko ist für die Amerikaner andauernd kritisch. Das Senatskomitee für auswärtige Angelegenheiten hat auf Verlangen des Staatssekretärs Bryan 100000 Dollars zur Unterstützung notleidender Flüchtlinge bewilligt. Lind will nicht nach Mexiko zurückkehren, wenn Die Wiederaufnahme der Verhandlungen keinen Zweck verfpreche.
Aus Airche und Schule.
(!) Fulda, 4. Sept. 1913. Nach dem soeben et« schienenen „Amtlichen Schulblatt" sind zurzeit im Bezirk Kassel nicht weniger als 55 freie Schulstel. len vorhanden, darunter 4 für Lehrerinnen. Mit katholischen Lehrern sind zu besetzen Stellen in Pilgerzell (Kr. Fulda), Hofenfeld (Kr. Fulda), Stadt Gelnhausen, Seiferts (Kr. Gersfeld), Oberrodenbach (Ldkr. Hanau), Großauheim (Ldkr. Hanau), Niederklein (Kr. Kirchhain), Rabenstein (Kr. Schlüchtern); katholische Lehrerinnen werden verlangt nach Fritzlar, Wirtheim (Kr. GelnhausenX Großentaft (Kr. Hünfeld) und Steinbach (Kr. Hün< felb). ________________
Lokales.
Fulda, 4. September 1913.
-t. Die Danlprozeffion der Stadt Fulda.
Am Sonntag, den 7. September, findet die althcr-, gebrachte Prozession aus dem Dorn auf den Frauenberg statt. Die katholische Bevölkerung der Bonifatiusstadt hat sich immer gern an dieser Prozession beteiligt und sie. zu einer erhebenden Kundgebung des kathol. Glaubens gestaltet. Nichtsdestoweniger kann man sich, so schrieb Der fei. Prälat Schick 1886 im,Bonifatiusboteu',
„einer gewissen Wehmut nicht erwehren, wenn man der früheren Zeiten gedenkt. So erbaulich und schön die Prozession auch jetzt ist, was ist sie gegen früher? Ursprünglich war die Wallfahrt eine Dankprozession, zunächst der Studierenden in Fulda, welche am Schluffe des Schuljahres ihrer himmlischen Patronin laut und öffentlich ihren Dank aussprechen wollten für, ihren Schutz während des verflossenen Jahres und für den guten Fortgang ihrer Studien. Die Art der Feier hätte nicht erbaulicher sein können. Voran gingen studierende Jünglinge, als Engel gekleidet, und trugen die Leidenswerkzeuge der Kreuzigung Christi. Diesen schloffen sich andere an, die im festlichen Schmuck ein kostbares Bild der allerseligsten Jungfrau trugen. Dann folgten alle Studierenden der verschiedenen Lehranstalten mit ihren Lehrerkollegien, alle brennende Kerzen in den Händen tragend. Daran reihte sich die GelstUchkeit, der ganze Welt- und Ordensklerns, der damals sehr zahlreich war. Das AUerheiligste trug der Vorsteher einer Lehranstalt, oder der geistliche Fürst selbst. Hinter dem heiligsten Sakrament schritten einher die höchsten weltlichen Würdenträger des Fürstentums nebst dem ganzen Hosstaat des Abtes. Diesem schloffen sich noch an die verschiedenen Vereine der Stadt und die Bürgerschaft in großer Zahl, Verschiedene Musikchöre waren in dem langen Festzuge verteilt und begleiteten den Gesang des
„Do hot der Kercheroder Borsch schon bei mei'm Godche seine Seit angehalle Wege dem Mädche?"
„Jesses — des werd doch nit eingeschlage hawe!" fuhr der Angercdete empor. Wie maant Ihr, Frack Rothern? Ob des Eichers Jakob schon Wege dem Mädche angekloppt hot? Ja — was Gewisses waaß mer nit! Die alt Christine maant, es könnt nit mehr lang bauern, bis es toibber emol e ordentlich Hochzeit in rhr'm Heft (Dorf) gab! Warum sollt sich's aach nit mache? Der Peter Eicher, dem Jakob sein Vatter, gehört zu de schwerste Bauern im ganze Geviert un des Mädche, des goldig Füchsche — no des wißt Ihr jo so gut un noch besser wie ich — kann sich ntt nur sehe lasse, fonberit ftieht aach emol en gehörige Brocke mit! E sauber Mädche wahrhaftig! So waS Feines und Zartes gibt jo uff de ganze, Welt nit mehr! Was frr liebe freundliche Aage die Haa Hex hot! — Hab ich's nit gesagt" — unterbrach er sich wieder — „do hawe wir richtig die Kissele!"
Ein Knattern wie Kleingewehrfeuer von den auf die Dächer nicderfallcnden Hagclfchloßcn drang von außen herein. Gleichzeitig hörte man die vom Hof nach der Küche führende Türe heftig zuschlagen und einige Augenblicke später traten zwei junge Mädchen heftig atmend mit geröteten Gesichtern in die Stube. Offenbar hatten dieselben, um nicht gründlich durchnäßt zu werden, einen Dauerlauf unternommen und war es auch die höchste Zeit gewesen, daß die Beiden das schützende Obdach erreichten, denn eine wahre Sintflut strömte jetzt draußen von dem nachtschwar- zen Firmament herab, so daß sich im Augenblick ein reißender Strom lehmgelben Wassers die nach dem Dorfe zu etwas abwärts führende Gasse hinabwälzte.
Lachend schüttelte die borberfte der Eingetretenen einige Tropfen aus dem rotgolbenen Haargewck unb rief mit einer Stimme, in welcher sich der ganze liebermut unb Frohsinn ber Jugend offenbarte:
„Das hawe mir grab noch gepackt! Wenn wr nur e paar Minute länger im Garte gebliebe war'«, bann hcftt's uns erwischt! Wir sinn a>-z?r aach ge laafe wie die Holländer — gelle Gustel! Ei bc i jo aach der Posthannes!" fuhr sie, den Postboten er blickend, sort. . No Hannes, habt Ihr nix Schris liebes for mich?"
(Fortsetzung folgt.)