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Illustrierte Sonntagszdhmg | Zutbaer Seschicht-blatter

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julöaer fldienbrudttrei In Sulöa. Fernsprecher Nr. S.

S 8

Dienstag den 2. September 19)3.

erstes Blatt.

Nr. 202.

40. Zahrgang. ■

und die Öi

:ng der Grenzen für ausländisches Fleisch und Vieh verlangt. Natürlich behauptet er, damit nur gegen die Großagrarier losziehen zu wol­len, aber jedermann weiß, daß in Deutschland die Viehzucht zum weitaus größten Teil in Händen der Kleinbauern und kleinen Leute liegt. Jedermann

Bauern sind nicht dumm genug, um dem Fortschritt aus dem Lande wieder auf die Beine zu verhelfen, nachdem er in den Städten den Kampf verloren hat, wo er der Sozialdemokratie, deren getreuester Schritt­macher er von jeher war, das Feld hat räumen »nüssen. Wenn der rote und der rosarote Agitator mit der heuchlerischen Maske guter Bauernfreund­schaft aufs Land kommen, dann werden sich sicherlich Bauern genug finden, die diesen Betrügern die Maske lüften und die Leviten lesen.

lind merkwürdig war es, wie dieses, ihn mit so wohl­tuender Wärme erfüllende Gefühl in seinem Innern zum Durchbruch kam, als die heimatlichen Berge ihn wieder grüßten, als er die rauhe, kurz abgebrochene Sprechweise des alten Knechtes vernahm und dessen Kummer um die zerstörte Ernte gewahrte. Wie Be­schämung kam es plötzlich über ihn, daß er dem treuen Mann, an dessen Fersen er sich als Bube geheftet, auf dessen Knien er geschattkelt, vorhin in so hoch­trabender Weise begegnet war. Wie ein Wildfrem­der ließ er sich von der alten treuen Seele mit „Sie" anreden, gerade als wollte er auch äußerlich dartun, daß jedes innere Band mit dem, der seine Kindheit behüte und betreut hatte, zerrissen sei, mit dem Manne, der mehrere Generationen seiner Familie in Arbeitsamkeit und strengster Pflichttreue ein stets unverdrossener Helfer und Berater gewesen war. Nein — das ging doch zu weit — er vergab sich nichts von seiner Würde, wenn er in der früheren zwang­losen Art und Weise mit dem alten Lenhard ver­kehrte, der von ihm und den Seinen von jeher nicht als Tieustbotc, sondern als ergebener Freund des Hauses angesehen worden war. So trat er denn nach den letzten Worten des von ihm abgewendeten Alten auf diesen zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einem Anflug von Wärme:

„Nimm dir doch das Malheur nicht so sehr zu Herzen, Lenhard und sag vor allen Dingen nur „Du" zu mir! So bin ich nicht aus der Art geschlagen, daß rch mich zu unserm alten treuen Lenhard wie zu , einem Wildfremden stelle! Das käme mir ja gerade vor, als wäre ich gar nicht zu Hause!"

Ueber das runzelige Gesicht des Knechtes flog es wie ein sonniger Strahl, als er sich jetzt umwendete und die Hand des jungen Mannes ergriff.

„Tas freut mich mehr, als wenn mir aaner en Hundertmarkschein geschenkt hält', junger Herr — Ernst wollt ich sage! Dodran seh ich, daß du bei gut Herz Widder mit haam gebracht host! Wenn du aach aus vier Aage guckst, un so vornehm aussiehst, tote en Prinz — intoennig drin is noch alles in dir wie'Z früher gewest is — do müßt du nit beim Vatter sein Sohn un dein Großvatter sein Enkel sein! Do wird dir's aach nit so hart ankomme, wenn du Widder for inimer bei uns dehaam bleibst!"

Deutsches Reich.

r Berlin, 1. Sept. 1913. Der Prinz von Wales ist heute nachmittag in Berlin eingetroffen. Außerdem trafen ein Herzog Albrecht von Württem­berg, Herzog Philipp Albrecht von Württemberg, ferner die Prinzen Alfons und Franz von Bayern, die sämtlich als Gäste an der Herbstparade teilnehmen. — Der Kronprinz soll im nächsten Frühjahr die Führung des Grenadierregiments König Friedrich III. (2. Schlesisches) Nr. 11 als Kommandeur übernehmen.

4- Handwerk und Handelsverträge. Im An­schlüsse an die letzte Hauptversammlung in Halle hat der deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag be­schlossen sich mit den demnächst wieder abzuschließen- ben Handelsverträgen eingehend zu beschäftigen, da­mit hierbei auch die Interessen des Handwerks ge­wahrt toerben. Ein besonderer Ausschuß, dem der Generalsekretär des Kammertages und die geschäfts- führenden Beamten der Handwerkskammern Düssel­dorf und Berlin angehören, wurde, nach Blättermel­dungen, damit betraut, die erforderlichen Vorberei­tungen zu treffen.

* Allgemeiner deutscher Jnnungs- und Hand­werkertag. Auf dem in Braunschweig abgehaltenen allgemeinen deutschen Jnnungs- und Handwerker­lag, der von Regierungsvertretern und zahlreichen hervorragenden Persönlichkeiten des Handweks besucht worden war, wird in dem Geschäftsbericht ausgespro > chen, daß das Handwerk auch in Zukunft noch auf die Selbsthilfe angewiesen sei. Das hätte die Hand- toerkerkonserenz int Reichsamte des Innern zur Ge­nüge dargetan. Die Handwerker müßten an ihrer Forderung auf Errichtung von Reichs- und Sub­missionsämtern festhalten. Von ministerieller Seite seien zwar wohlgemeinte Anweisungen über die Vergebung staatlicher Arbeiten ergangen, in bet Praxis würden diese Anweisungen indessen leider nur allzuhäufig übersehen. Ein weiterer Punkt, dem das Handwerk nachgeben müsse, sei die Sicherung der Bauforderungen. Durch den B a u s ch w i n d e l würden viele Zweige des Handwerks geschädigt und oft genug ruiniert. Was die Abänderung bet Ge­werbeordnung betreffe, fo fei es zu begrüßen, baß die Industrie in die Lasten des Handwerks einbezogen werden solle. Alle Angehörigen des Handwerks müß­ten sich sest zusammenschließen, nm sich von dem so­zialdemokratischen Terrorismus sreizumachen.

(*) Ter deutsche Kaufmann in China. Eine japanische Zeitung hat bei verschiedenen, am chine­sischen Handel interessierten Japanern eine Umfrage über die Stellung des deutschen Kaufmanns in China veranstaltet und das Ergebnis veröffentlicht. Es kommen zwei Personen zu Wort, ein japanischer Handelssachverständiger für China, Minami, und ein japanischer Großkaufmann namens Tanabe. Tanabe rühmt besonders die gute Schulung der deut­schen Beamtenschaft in China, die Berichte der deut­schen Konsuln hält er für unübertroffen. Den deut­sche Kaufmann suche sich und die von ihm vertriebe­nen Waren den Bedürfnissen des chinesischen Marktes in hervorragender Weise anzupassen. Das Gleiche hebt auch der zweite Artikel hervor, der die deutschen und englischen Kaufleute in China mitein­

weiß auch, daß der Kleinbauer sicherlich nicht weni­ger Getreide baut wie der Großgrundbesitzer, aber dennoch schreien unsere Freisinnigen nach Abbau der Schutzzölle. Beim Schutz der heimischen Landwirtschaft hat sich der Freisinn nie um ein Haar bester als die Sozialdemokratie erwiesen und unsere

Wer Mrcrndstister.

3} , Eme -BauAmgeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

.»".Die Erinnerung führte die Bilder vergangener Tage vor den inneren Blick des Heimkehrenden. Er sah sich wieder als Knabe, der in den Schulferien zu Hause weilte, denn der Vater hatte ihn schon vom zehnten Jahre an das Gymnasium in Wiesbaden besuchen lasten. Wie hatte ihn während der Schnl- semester das Heimweh stets geplagt und welche Freude war es für ihn gewesen, in den Ferien die Lust der heimatlichen Berge wochenlang atmen zu dürfen! Bon früh bis spät half er dann den Knech­ten ht Hof und Feld, war unzertrennlich von dem alten Lenhard, der ihm immer eine so herzliche Zu­neigung bewiesen hatte. Wie oft hatte damals der verstorbne Vater gesagt: „Wenn's mit dem Studiere nix is bei dem Ernst, dann kann immer noch en rich­tiger Bauer aus ihm toer’n — bas Zeig beju hot er!" Er hatte das Studium erwählt, war nach glän­zend bestandenem Abiturientenexamen aus die Uni­versität nach Heidelberg gegangen, um Rechtswissen­schaft zu studieren und beabsichtigte jetzt nach Ablei­stung seiner Militärpflicht bei dem in Wiesbaden gar- nifonierenben Artillerieregiment sein Studium, in Berlin fortzusetzen. Die Zeit seit seinem Austritt vom Militär bis jetzt hatte er teilweise auf Reisen, teilweise auf bem im Schwarzwald gelegenen Besitz­tum eines begüterten Freundes zugebracht. Bei dem steten Verkehr in bett gebilbetsten Kreisen war aus bem einfachen Bauernsohn ein feiner, flotter Herr geworden, der sich mit einer gewissen mitleidigen Ver ächtung seiner früheren Leidenschaft für das Bauern­leben erinnerte und doch lebte etwas in dem geheim­sten Winkel seines Innern, das wie Sehnsucht nach oem freien Leben in Feld und Flur vibrierte und das sich durch keine künstlich gezüchtete Geringschätz­ung ausmerzen ließ — es war, wie Ernst sich -selbst sagte, das unverfälschte Bauernblut, bas in feinen Abern rollte und das sich immer und immer wieder mit den Anschauungen, die jetzt nur allein noch Gül­tigkeit für ibn haben konnten, in Widerspruch setzte.

+ Zwei Bauernfänger

Zwischen Freisinn und Sozialdemokra- kratie hak sich iüngst ein edler Wettstreit entspon- nen: beide überbieten sich in Versicherungen des Wohlwollens für beit Bauernstand mtb beibc sind eifrig bemüht, sich gegenseitig ber Bauernfeindschaft zu bezichtigen. In Wirklichkeit ist keiner von beiden in punkw Bauernfreundschast ber Bessere und was der eilte bem anderen vorwirft, gilt in gleichem Maße von ihm selbst. Weder Freisinn noch Sozial­demokratie dürfen sich etwas auf ihre Agrarpolitik zu Gute tun, denn bislang haben sich beide stets un­erfreulich wenig um Agrarinteresten gekümmert, dem Bauernstände jedoch reichlich zu schaden gesucht. Von Freisinnseite wird der Sozialdemokratie mit Recht ihre gar seltsame Lage vorgehalten, in der sie sich bei her Agitation auf dem Lande befindet. Das sozial- demokraftsche Programm ist auf den besitz- und hei­matlosen Industriearbeiter zugeschnitten und darum verfängt die Schilderung des glänzenden Zukunfts- staats bei den verbitterten und urteilslosen Massen in den großen Städten ziemlich leicht. Auf bem Laube hat das schon seine Schwierigkeit; .ber sozial­demokratische Zukunftsstaat mit seinen nivellierenden Tendenzen, seiner Aufhebung jedes Privateigentums auch an Grund und Boden will in die Bauernköpfe nicht recht Hineinpasten. Der selbständige Bauer und auch der Bauernknecht und Landarbeiter, dem die Gründungen eines eigenen Heims und die Pflege der eigenen Scholle allzeit als Ideal vorfchweben, haben "kein Verständnis für einen Zukunftsstaat, In dem für das Liebste, was sie haben, kein. Platz

„Ja — aber daran ist doch nicht zu denken, lieber Lenhard! Auch wenn ich mit meinem Studium zu Ende bin, kann ich mich doch nicht auft ein so welt­verlorenes Rest setzen, wie es Oberhausen ist! Mein Weizen, der blüht in ber Stadt — in Wiesbaden, in Frankfurt oder vielleicht gar in Berlin!"

„Ja, ja!" bestätigte Der Alte und nickte wieder trübselig mit bem Kopfe. „Ich hab nur gemaant, weil — doch was fümmer ich mich um Sache, bic mich eigentlich nix angehe' Die Mutter werb bir alles auseinannersetze — ich moane, es wär Zeit, baß bu dich uff be Weg michsi — sie sorgt sich am End, warum bu so lang bleibst!"

Wie um weiteren Fragen aus bem Wege zu gehen, eilte Lenharb aus bas Feld, gefolgt voll dem jungen Knechte und beide machten sich daran, die Garben, welche ber Sturm aus den geschichteten Hausen ge­rissen hatte, wieder aufrecht zu stellen. Dann ging der Alte das von Hagel heimgesuchte Feld ab, wobei er sich immer mehr von bem heimgekehrten Haussohn entfernte. Gebankeuvoll setzte biefer seinen Weg fort. Die Andeutungen, welche ber alte Knecht ibm ge­macht hatte, beunruhigten ihn. Was war beim nur zu Hause geschehen, baß die Mutter ihn brieflich brin- genb gebeten hatte, so rasch wie möglich zu kommen, ba sie eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit mit ihm zu besprechen habe? Seit bem vor zwei Jahren erfolgten Tobe seines Vaters hatte er die Heimat nicht mehr gesehen, hatte in Heibelberg unb Wiesbaden sorglos in ben Tag hineingelebt unb wenn er auch nach bem plötzlich erfolgten Hinfcheiben bes Vaters ber Mutter versprochen hatte, öfters nach Hause zu kommen, so verschob er bic Ausführung biefer Absicht von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Es zog ihn ja auch nichts nach ber Heimat! Mutier unb Schwester Gustel hatten ihm innerlich noch nie so nahe gestanden, daß ihm ein häufiges Wiedersehen der Beiden ein dringendes Bedürfnis gewesen wäre, wenn auch das gegenseitige Verhältnis als ein durch­aus ungetrübtes bezeichnet werden konnte. Tie Mut­ter in ihrer strengen Nüchternheit, die in ihrem We­sen niemals den Schimmer eines wärmeren Gefühls Durchblicken ließ, alle Dinge nur von der praktischen Seite ansah und ihren ganzen • Daseinszweck nur darin erkannte, daß kein Stäubchen auf dem Fnßbo-

mehr ift .

Die Bauern haben sich das Wort, das auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Breslau gefallen ist, wohl gemerkt: den Bauern soll die Affenliebe zum Privateigentum genommen werden! Eben dort wurde ein sozialdemokratisches Agrarprogramm ver­worfen, weil es „die Hebung der Lage der Bauern­schaft, also die ©tärlung ihres Privateigentums in Aussicht stellte". Das war vor 18 Jahren; jetzt macht die Sozialdemokratie erneut einen Versuch, ein eigenes Agrarprogramm aufzustellen unb in Jena wirb Darüber wohl reichlich verhandelt wer­den; ob mit größerem Erfolg als vor Jahren in Breslau, steht dahin, aber doch kaum mit dem Er­gebnis, daß unsere Bauern unb Landarbeiter sich jetzt leichter als vordem vom sozialdemokratischen Agitator einfangen lassen werden.

Nicht bester als bic Sozialdemokratie steht bet Freisinn ba, wenn er fein Herz für bie Landwirt­schaft entdeckt und den Landleuten die Segnungen seines Programms klar zu machen sucht. gab mal eine Zeit, wo der größte Teil der Landwirtschaft Preußens im Gefolge der Fortschrittspartei war. Als bann um bie 80er Jahre herum aber bic großen Fragen des wirtschaftlichen Schutzes aufgeworfen wurden, da erkannten unsere deutschen Bauern, daß sie bei der freihändlerischen Fortschrittspartei ihr Heil nicht finden könnten. Der heutige Freisinn ist bet den Bauern auch nicht dadurch im Kredit gestiegen, daß er fast alljährlich, wenn die Fleischpreise steigen, auf den „aararffchen Fleifchwucher" schimpft

ander vergleicht, indem er besonders die Rührig­keit der deutschen Kaufleute hervorhebt.,

** Radiumkäufe durch den Staat. Die lebhafte Nachfrage von Aerzten und Patienten nach den ra- diumhaltigen Substanzen zur Behandlung ber Krebs­kranken hatte das Kultusministerium schon vor ernt» ger Zeit veranlaßt, auf Wunsch der Universitatsklmi- ken zu Berlin, Halle und Kiel, diesen grötz-re Geld­mittel zur Beschaffung von Radium oder Mesotho- riunt zu bewilligen. Nachdem inzwischen Die glan­zenden Erfolge ber Strahlenbehandlung bei Frauen­krankheiten bekannt geworben sind, wirb bas Kultus­ministerium von allen Seiten mit Anträgen auf Ra- biumbetoilligung bestürmt. Um biefem Andrängen gerecht zu werben, hat bas Ministerium sich ent­schlossen, 800 000 Mark zu Ankäufen von Radium und Mesothorium in ben nächstjährigen Etat einzustellen. Damit hofft man bie dringendsten Wün­sche befriedigen zu können.

--- Ter „Deutsche Kurier". Die neue national­liberale Tageszeitung, von der wir wiederholt be­richteten, ist nunmehr erschienen. Die erste Num­mer brachte Geleitworte der nationalliberalen Füh­rer und zwar ber Abgg Bassermann, Dr. Castelmann lBayern), Dr. Vogel und Herrner (Sachsen), Reb­mann (Baden). Der „Deutsche Kurier" erklärt, baß er berufen ist, bie Interessen ber nationalliberalen Partei zu vertreten. Er widerspricht ber Behauptung agrarischer Blätter, daß er ein offizielles Organ des Deutschen Bauernbundes sei. Er werde allerdings für Die vom Deutschen Bauernbund verfolgten wirtschaft­lichen Interessen energisch eintreten.

cP Darmstadt, 1. Sept. 1913. Wir haben bereits festgestellt, daß bas am 1 April b. I. in Kraft ge­tretene neue G e m c i n d e st e u e r g e s e tz zu zahl­reichen Beschwerden Veranlassung gibt, indem ins­besondere bei der Veranlagung zur Grund- und Ge­werbesteuer sich Härten herausgestellt haben, bie in einzelnen Fällen sich als burchaus unhaltbar erwei­sen. Die Regierung hat beshalb, ohne auf eine An­regung aus bem Schooße bes Landtages zu warten, bie Steuerbehörden zur sofortigen Berichterstattung über bie Wirkungen des Gesetzes aufgefordert und sie wird alsbald, nachdem das Material zur Stelle fein wird, es dem Landtag unterbreiten. Es ist zu erwarten, daß sie mit der Vorlage des Materials zu­gleich Vorschläge zu einer Abänderung des Gesetzes m ber Zweiten Kammer einbringen wirb, bamit bie nächste Veranlagung bereits auf Grund ber abge» änderten Bcftimnnmgcn erfolgen kann , Es ist nun von Jyteresse zu sehen, wie die Sozialdemo­kratie auch diesmal wieder den Mißmut weiter Kreise über die Wirkungen des Gesetzes für ihre poli­tischen Zwecke dienstbar^ zu machen sucht. . Ihre Presse stellt den Sachverhalt so hin, als ob die So­zialdemokraten int Landtag allein von allen Parteien bei der Verabschiedung ber Vorlage das Richtige ge­troffen batten unb bei ihren weisen Vorschlägen von den bürgerlichen Parteien schnöde im Stich gclaffen worben "seien, benen nunmehr bie Verantwortung für bie Mängel des Gesetzes zuzuschieben sei. Wohl haben die Sozialbemokraten int Lanbtag gegen das ganze Gesetz gestimmt, aber abgesehen von Dem Vor­schlag, den Schuldenabzug zu gestatten, tourbe_ von dieser Seite ein weiterer grundsätzlicher Abände­rungsvorschlag nicht gemacht — weder auf dem Ge­biet der Veranlagung zur Grundsteuer noch auch bei dem Aufbau der Gewerbesteuer. Der Schulbenabzug war für bie Vertreter ber äußersten Linken ber Angelpunkt ihrer Kritik unb es Darf heute daran er­innert werden, daß sie bei der Verteidigung des Schuld-nabzugs in der Kammer recht ungünstig ab» geschnitten haben. Sowohl die Vertreter ber Regie­rung als auch die Redner der bürgerlichen Parteien führten für das Verbot des Schuldenabzugs, das in der hessischen Gesetzgebung von jeher bestand, all die

guten Gründe an, die auch die Gesetzgebung aller anderen Bundesstaaten veranlaßt hat, bei ^ber Ge- meindesteuergefetzgebung einen Abzug der Schulden nicht zuznlassen. Alle biese unb anbere guten Gründe bewogen den Landtag, im Einklang mit ber .Regie­rungsvorlage den Schuldenabzug nicht zuzulassen.

— München, 1. Sept. 1913. Der Prinzregent ließ nach ber „Bayerischen Staatsztg." bem Frei- Herrn v. Hertling durch seinen Generalabju- tänten von Könitz am Samstag seine allerhöchsten Glückwünsche zum 7 0. Geburtstage ausspre­chen unb ihm eine künstlerisch ausgeführte Porzel- lanvase überreichen, die auf ber Vorderseite eine m Farben ausgeführte Darstellung der Befreiungshalle bei Kelheim mit ber umgebenben Landschaft trägt. Die Vase stellt nach ber Intention des allerhöchsten Gebers eine Erinnerung an bie wohlgelungene pa­triotische Gebenkseter bat, bie am 25. August :n An­wesenheit'des Kaisers von ben Bundesfürsten an ber Befreiungshalle begangen wurde. Die Rückseite trägt bie Inschrift: Zum 70. Geburtsfeste, gewidmet von Ludwig, Prmzregent. — Der Reichskanzler richtete aus Schloß Hohenfinow ein Glückwunschtelegramm an Frhrn. von Hertling.

# Karlsruhe, 1. Sept. 1913. Die badischen Rot- blockbrüber unter sich schildert ganz anschaulich ber nationalliberale „Schwab. Merkur". Es heißt bort u. a.: Im Wahlkreis Turlach-Lanb macht bie V o l k § p a r t e i üble Erfahrungen mit ber Sozial­demokratie; sie muß merken, daß es im Parteileben den Begriff „Dankbarkeit" nicht gibt. In einer längeren Jeremiade berichtet ein Korrespondent des Landesboten aus Wilferdingen über die „u n n o b I e Kampf es weise ber Sozialdemokratie . . . Als bie fortschrittlichen Herren zum Bahnhof gingen, er­hob sich vom Straßengraben her ein Steinhagel auf sie, unb es ist ein Wunder, daß kein Unglück geschah. Der „Landsbote" zitiert: „Und willst bu nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein!" —< Gut gesagt, aber spät erkannt, und wahrscheinlich, zu bald wieder vergessen. Die Sozialdemokratie ist wirk­lich so! Das sollte man sich im volksparteilichen Lager gründlich einprägen!

Ausland.

** Delcasss geht wieder nach Petersburg. Die ,Agenze Havas' berichtet: Delcasss wild zwischen dem 15. und 20. Oktober nach Petersburg zurückkehren, um die Geschäfte ber Botschaft wieder zu übernehmen. — Auf wie lange denn?

** Der französische Abgeordnete Cautant ist am Samstag gestorben. Er war Bürgermeister ber Stabt Jvry und gehörte zuerst der sozialdemokratischen Partei an, kehrte aber diesen den Rücken, weil sie ihm zu unpatriotisch war. Coutant machte nach der Kirchentrennung insofern von sich reden, als er die kirchliche Taufe durch eine zivile Taufe, wobei über das Haupt des Täuflings Sekt gegossen werden sollte, zu ersetzen suchte. Er hatte aber mit dieser Blasphemie kein Glück.

△ Der Alkohol als Bundesgenosse Frankreichs. Der Alkoholverbrauch hat sich in Marokko seit ber Be­sitznahme durch Frankreich riesig vermehrt. Absynth und Spirituosen zahlen den niedrigsten Einfuhrzoll von allen Getränken und kosten denn auch bedeutend^ weniger als in Paris selbst. Ein wertvoller Bundes­genosse Frankreichs auf seinem Eroberungszuge in- Marokko.

** Der Panamakanal vor seiner Vollendung. Die letzte Barriere des Panamakanals an bem nach dem Stellen Ozeam gelegenen Ende ist gestern abend gesprengt worden. Heute wird man damit be­ginnen, die letzte Barriere am atlmrtischen Ende des Kanals zu zerstören. — Mit der Sprengung der Barrieren beginnt die Füllung der

den lag, daß in Küche, Hans und Ställen alles blitzte unb blinkte, unb daß der Haushalt wie am Schnür­chen ging, war seiner festen Ueberzeugung nach einer tieferen Seelenregung überhaupt nicht fähig und Schwester Gustel war sowohl in Gestalt wie in Cha­rakter das verkörperte Ebenbild ihrer Mutter. Die­ses beständige Hasten und Schassen der Beiden, dieses vollkommene Aufgehen in den kleinlichen Sorgen des Alltagslebens, wie auch die Sucht, alles, was in ihren Gesichtskreis trat, materiell zu bewerten, war fei­nem nach Idealen strebendem Fühlen und Denken entschieden zuwider. Seitdem er die Knabenschuhe ausgezogen und in der großen Welt lebte, war es ihm, als redeten Mutter und Schwester eine ganz andere Sprache wie er, als wären innere Bande gelockert und könnten ohne Schmerz vollständig gelöst werben. Der selige Vater — ja ber war von ganz anberer Art' Wie wußte ber sich — doch auch nur ein einfacher Bauer von unverfälscht altnassauischem Schlage — in seine, des Sohnes Gedankenwelt hineinzufinden, wie trefflich verstaub er es, jugendlich irrigen An­schauungen den Boden zu entziehen und das in einer Weise, baß trotz häufig aufeinanderplatzender gegen», fettiger Meinungen, bic sich oft bis zum heftigsten Disput steigerten, niemals auch nur ber leiseste Ge- banke an eine innere Entfremdung in bem Empfinden des Sohnes Platz gegriffen hätte! Im Gegenteil war es biefem immer ein Genuß gewesen, sich mit bem, mit einfach natürlichem, aber scharfem Verstand be­gabten Vater im Wortstreite zu messen, den Worten des gereiften Mannes, wenn deren Inhalt auch nicht seinem in ganz anderen Sphären entwickelten Fühlen und Denken entsprach, mit Interesse zu lauschen — wie ein lauterer Waldquell muteten sie ihn an, der mit seiner klaren Flut alles, was nicht wurzelfest, hinwegschwemmte. Wie sein, des jungen Studenten ganzes Herz an dem Vater hing, das hatte er erst so recht empfunden, als er vor zwei Jahren an der Bahre des plötzlich aus dem vollen Leben Hinwegge­rafften stand — seitdem der Vater nicht mehr tn den Räumen des Elternhauses wandelte, schien ihm dasselbe verödet und seines Hauptwertes beraubt, la. es drängte ihn unbewußt, bie Stätte zu meiben, wo er den größten Schmerz seines Lebens erfaßen.

(Fortsetzung folgt.)