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Fuldaer Zeitung

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40. Zahrgang.

Samstag den 30, August l9l3.

Crftes Blatt.

Nr. 200.

fen, daß auch im modernen Staat noch christliche Po­litik getrieben werden kann!

Deutsches Reich.

== Die Kaisertage in Breslau.

Die große Parade des 6. Armeekorps auf dem Gandauer Exerzierplatz begann gestern vormst-

Ausland.

* Der böhmische Bankerott. Die Prager städtische Sparkasse hat der kaiserlichen Verwaltungskommlssion Böhmens ein Achtmillion en. Dari eh en g e. kündigt, weil dieses bloß der gesetzlichen Ver. tretuna Bödmens, dem Landesausickusse. gewahrt

tag 9% Uhr. Das Wetter war schön und recht Warrn. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich angesam­melt. Der Kaiser trug die Uniform des Leibkürassier­regiments, der König von Sachsen die Uniform sei­nes Ulanenregiments, die Kronprinzessin und die Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen die Uniformen ihrer Regimenter. Es waren ferner anwesend: der Kronprinz mit den prinzlichen Brüdern, Prinz Fried­rich Christian von Sachsen, Prinz Rupprecht von Bayern. Die Kaiserin erschien in einem sechsspän­nigen, ä la Daumont gefahrenen Wagen. Die Pa­rade wurde befehligt von dem General der Infan­terie v. Pritzelwitz. Anwesend waren auch General der Infanterie v. Heerings.t als Generalinspekteur der 2. Armeeinspektion und der Kriegsminister. Vier­tausend Angehörige der Kriegervereine und tausend Mann Sanitätskolonne hatten vor der Tri­büne Aufstellung genommen. Es war nur ein Vor­beimarsch befohlen, bei dem die Fußtruppen in Regi- mentskolonnen, die betrittenen Truppen im _ Schritt vorübergingen. Unter allgemeiner Begeisterung fübrte der Kaiser sein Leibkürassierregiment -er Kai­serin und dem König von Sachsen vor. Mit diesem Regiment ging auch Prinz Rupprecht vorüber. Als Chefs führten ihre Regimenter vor der Kronprinz und die Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen sowie die Kronprinzessin. Nach der Parade führte der Kai­ser die Feldzeichen nach der Stadt zurück.

Gestern abend fand in den Festräumen des Zwin­gers die P a r a d c t a f c l bei Ihren Majestäten stat'-

Hertlings politische Tätigkeit begann im Jahre 1875, als er als Nachfolger v. Savignys von dem Wahlkreis Koblenz-St. Goar in den Reichstag ge­schickt wurde. In den großen sozialpolitischen Debat­ten des Jahres 1878 und der folgenden vertrat Hert- ling mit viel Geschick die Fraktion. Die Schaffung der Gewerbeinspektion ist sein Werk und sein Ver­dienst. Anfang der 90er Jahre schied er aus dem Reichstag, aber bereits 1896 wurde er im Wahlkreis Illertissen wiedergewählt. Seit Liebers Tod ist Hert- ling bis zu feiner Berufung als Ministerpräsident Führer der Zentrumsfraktion des Reichs­tages gewesen. In der Schule Windthorsts hatte Hertling gelernt und Windthorst selbst hat in ihm seinen Nachfolger gesehen. Die Windthorstsche Tra- dition hat Hertling im Zentrum denn auch stets hoch- — ' ‘ ’ als Vorsitzender der Zen-

Eobe des Grafen Hompesck

♦♦ Berlin, 29. Aug. 1913. Der Herzog und die Herzogin von Cumberland, die Eltern des Prinzen I Ernst August, treffen am Samstag mittag in Rathenow I zu kurzem Besuch ein.

-z- Die Vermögenserklärung zum Wehrbeitrag, lieber den Termin, zu dem die Vermögenserklärung zum Wehrbeitrag zu erfolgen hat, sind jetzt nach Ber­liner Blättern durch einen Erlaß des Finanzministers die näheren Bestimmungen getroffen worden. Die Frist für die Abgabe der Erklärungen ist auf die Zeit vom 4. bis 2 0. Januar 1914 festgesetzt worden. Der Erlaß enthält außerdem eine Reihe I wichtiger Bestimmungen über die Berechnung des Wehrbeitrages und über die Beschlußfassung der Ver- anlagungskommission. Als Einkommen im Sinne des Wehrbeitragsgesetzes gilt dasjenige steuerpflichtige Einkommen, das auf den Beitragspflichtigen für das Jahr 1914 veranlagt wird. Erfolgt im Rechtsmittel- Verfahren eine Abänderung der Einkommensteuer, so ist ber Wehrbeitrag von Amtswegen entsprechend zu berichtigen Weiterhin erläutert der Erlaß bie zwi- I scheu dem preußischen Ergänzungssteuergesetz unb I bem Reichsgesetz über einen einmaligen außerordent­lichen Wehrbeitrag bestehenden Verschiedenheiten.

c Tie Warenhau-stener. Nach den Aistteilungen des Verbandes deutscher Waren- und Kaufhäuser I haben die Bemühungen nach schärferer Besteuerung I der Warenhäuser und der Filialgeschäste weitere I Fortschritte gemacht. So hat Baden seine Waren- I Haussteuer erhöht und Hessen eine Warenhaus- und I Filialsteuer geschaffen, die als Umsatzsteuer oder als | Zuschlag zu den Gewerbesteuern von den Gemeinden erhoben werden kann. In verschiedenen hessischen Städten ist sie bereits zur Einführung gelangt. Be­merkenswert ist auch der Stand der Warenhausent- I Wicklung in Preußen. Hier halten im Jahre 1911 im ganzen 108 warenhaussteuerpflichlige Betriebe einen steuerpflichtigen Umsatz von 296 Millionen I Mark und einen gewerbesteuerpflichtigen Ertrag von rund 14 Millionen Mark. Der Verband weist selbst darauf hin, daß dieser Umsatz sich auf 7400 Klein­betriebe mit durchschnittlich 4Ö000 Mk. Umsatz ver- teilen würbe.

4- Offizier unb Kaufmann Dem Erlaß des preußi­schen Kriegsministers über die Anstellung von Offi­zieren in Handel und Industrie ist nun ein Erlaß des sächsischen Kriegsministers gefolgt, der eben­falls die Mitwirkung der Handelskammern bei der Unterbringung von verabschiedeten Offizieren in kauf- männischen Geschäften anregt. Die ,Post reisender Kaufleute Deutschlands' hat sich deshalb an einige Handelskammern gewandt und veröffentlicht jetzt die empfangenen Antworten. Mit Ausnahme der Bochumer Handelskammer haben sich alle gegen den Erlaß ausgesprochen. Es sind das die Handels­kammern in Sorau, Insterburg, Dessau, Elbing, Lüdenscheid.

):( Friede im katholischen Lager. Die,Köln. Volks- zeitung' schreibt: ,

„Eine neue Friedensstörung. Nach den Tagen von Metz wird in Massen ein tm Berlage der,Neunkirchener Zeitung' — eines Organs der „Berliner" — erschienenes, bei der .Germania' 21=®., Berlin gedrucktes Werk: Me­morandum zur Bergarbeiterstreikbewegung im Saarrevier 1912/13, verbreitet und an die Empfänger das Ersuchen gerichtet, zur Deckung der Unkosten einen Beitrag einzn- I |enben. Als Herausgeber ver Schrift bezeichnet sich Dechant Backes in Bließen iKr. St. Wendel». Der Verfasser und seine Hintermänner erheben in ihrer neuesten Streitschrift aufs neue gegen die christlichen Gewerkschaften, die .Köln.

I Volkszeitung' und die,Saarpost' die aus den Nachklängen I der jüngsten Saarbergarbeiterbewegung bekannten An- I klagen, sie ziehen, oft unter Außerachtlassung der Wahr- I heit, alles heran, was ihre Anklagen anscheinend stützen könnte, lasten aber alles beiseite, was ihren haltlosen Be­schuldigungen den Boden entzieht. So ist ein wahres I Zerrbild 'entstanden. Man müßte ein dickes Buch schreien, wollte man alle Verdächtigungen ansklären, welche die Schrift gegen die Kötnüche Volkszeitung' ausstrent, wollte man den zahllosen nichtsnutzigen I Unterstellungen begegnen, welche die Schrift gegen die .Köln. Volksztg.' sich erlaubt. Der Kampf gegen die .Köln. Volkszlg.' ist aber nicht das einzige Motiv des „Memorandums". Ihr Hauptzweck geht klipp und klar

I aus den Schlußsätzen der Einleitung hervor, welche wörtlich I lauten: .

Wenn auch zunächst veranlaßt durch die einseitige I Berichterstattung gewisser Zeitungen, sollen nachstehende I Erörterungen doch auch andere Begleiterscheinungen der I Saarbergarbeiterbewegung 1912 berücksichtigen, aus denen I die Katholiken ersehen können, wie sehr ihre religiös- i. sittlich en,soziale «und politisch en Interessen 1 gefährdet werden durch Arbeikeroraanisationen die

sich nicht offen zu den Grundsätzen der katholischen Kirche bekennen. Die Vorzüge der katholischen Arbeiterorgani­sation sollen durch Hinweis aus ihre soliden Grundsätze und ihre dementsprechende tatsächliche Haltung hervor­gehoben werden.

In diesen Worten liegt eine Verketzerung nicht nur der christlichen Gewerkschaften, sondern aller Organi­sationen, welche zu ihnen Beziehungen haben, aller Organisationen, welche Angehörigen verschiedener Kon­fessionen offen stehen. Das „Memorandum" des Herrn Dechanten Backes stellt sich damit in Gegensatz zu den von den höchsten kirchlichen Stellen gegebenen Weisungen, in Gegensatz auch zu dem auf dem Katholikentag in Metz stürmisch zum Ausdruck gekommenen Wunsch nach Frieden.

Wenn wir auch im Interesse des Friedens vorläufig uns mit diesen Feststellungen begnügen können, so werden schwerlich die christlicben Gewerkschaften den ihnen hingewoifenen Fehdehandschuh unberührt liegen lassen können, da es sich für sie um den Existenzkamps handelt. Die alleinige Schuld an dem aufs neue voraussichtlich entbrennenden Kampf um dieOrganisations- form tragen Herrn Backes und seine Hintermänner."

Wie uns mitgeteilt wirb, ist bieses „Memoran- bum" auch ben Geistlichen in ber Diözese Fulda zugesandt worben, obwohl sich ber Verfasser sagen mußte, baß man für bie bedauerlichen Streitigkeiten im Saarrevier hier gar kein Jnteresfe hat. Ein kurzer Blick in diese Schrift zeigt sofort, daß man es hier mit einer Tendenzschrift zu tun hat, die nur ben Zweck verfolgt, bie um bie katholische Sache in Deutschland ohne Zweifel hochverdiente „Kölnische Volkszeitung" herabzusetzen und den christlichen Ge­werkschaften Abbruch zu tun. Der Einsender dieser Zeilen hat die Schrift dem Verleger zurückgesandt und chn auf das Ungehörige seines Vorgehens entspre­chend aufmerksam gemacht. Bon einem „Gewerk­schaftsstreit" kann keine Rede mehr sein; er ist be­endigt, nachdem bie Zulassung ber christlichen Ge­werkschaften für bie Katholiken durch die Enzyklika „Singulari quadam" ausdrücklich ausgesprochen wurde, und eine Erklärung des deutschen Episkopates jeden Zweifel beseitigte, der noch gegen die Eristenz- i Berechtigung und berechtigte Bewegungsfreiheit aus­tauchen konnte. Damit ist eine Bekämpfung der Ge­werkschaften aus religiös-kirchlichen Gesichtspunkten nicht mehr berechtigt. Seitdem sind es nur noch einige Ouertreiberblätter, die gegen den Sinn der Enzyklika und gegen den Willen fast aller deutschen Bischöfe bie Gewerkschaften verdächtigen und in ihrer Bewe- gungsfreihest zu hemmen versuchen. Bon einem Streit kann gar keine Rede mehr sein, es sind ganz einseitige Angriffe, die gegen jedes Recht erfolgen. Auch das eben erwähnte „Memorandum" ift_ ein sol­cher unberechtigter Angriff. Möge doch endlich die Mahnung des Fürsten Löwenstein auf dem Metzer Katholikentag befolgt werden. Wir deutsche Katholiken können uns den Luxus eines nervenzer­mürbenden Kampses im eigenen Lager nicht gestatten, beim wir haben ber. äußeren Feinbe schon mehr als I genug. Wenn auch Streitfragen bestehen, so dürfen sie doch die Einigkeit nicht stören. Bei allen diesen Fehden, die zwischen ben Katholiken ausgefochten wer­den unb zur Klärung unb Neubelebung des katholi­schen Geistes auch gar nicht von Hebel sind, muß doch stets im Auge behalten werden, daß es ein Kampf zwischen Brüdern ist, die alle nur das Beste wollen. Die gereizte Stimmung, die in manchen katholischen Kreisen sich geltend macht, muß verschwinden. Man hat hie und da eine oft übertriebene Angst, cs könnte der Glaube gefährdet sein, wo von solcher Gefährdung keine Spur besteht. Aus dieser nervösen Angst ent­wickelt sich leicht ein scharfer, liebloser Geist, der andern wehe tut, sie verdächtigt, kleine Differenzen zu großen Affären aufbauscht und unter dem Deck­mantel des Eiferns für die katholische Wahrheit hun­dertmal die katholische Siebe verletzt. Hier gilt das Wort, das der Bischof von Linz unter dem Jubel einer viel tausendköpsigen Versammlung auf dem Ka­tholikentag in Linz ausrief: „. . . Wenn im wechsel- vollen Gedränge brennender Tagesfragen die eine Ansicht vertreten wird von Männern, deren Name, deren berühmte Wissenschaft, bereu Kleib, deren hei­ligmäßiges Wirken uns dafür bürgt, daß ihnen der katholische Glaube über alles geht — wenn nun diese, I und mit ihnen hundert solche, die eine Ansicht ver- I treten, und hundert nicht minder gute anders meinen, bürste bann einer ans biefen Scharen diesen ober jenen zurufen: Ihr seib nicht katholisch, ihr selb nicht recht katholisch? Das bars er nicht. Das Ware nicht I katholisch. Denn bas wäre gegen bie Liebe, gegen | bie Glaubensregel."

0 Die Heldenverehrung der „Genossen" treibt I immer schönere Blüten Den „Bebeldosen und „Bebelzigarrenabschneidern" folgen jetzt weitere Neuheiten, die im „Vorwärts" angepriesen werden, I Es gibt jetzt „August-Bebel-Anstecknadeln", für die im „Vorwärts" unter den „Händlern und Hausie­rern" „tüchtige Verkäufer" gesucht werden und „Bebel-Liebknecht-Taschenmesser von erstklassiger Qualität" für 30 Pfennige. Wer 15 Pfennige mehr bezahlt, dessen Name wird in Goldschrift auf tue I große Klinge eingraviert. Mit den Bebel-Zigarren­abschneidern sind übrigens die auf den Anzeigenteil des „Vorwärts" Schwörenden anscheinend ziemlich hereingefallen. Man hat ihnen einen falschen Helden untergeschoben. Ein Genosse ftimmt in einer Zu­schrift folgendes Klagelied an: „Es handelt sich bet den Bebel-Zigarren abschneidern um minderwertige, mit einem Schneider versehene Blech­schachteln, deren Deckel mit einem Bebelbildms über­klebt ist. Allem Anschein nach sind diese Schachteln bereits gelegentlich der Jahrhundertfeier Jahns an- [ gepriesen worden, denn unter dem Bildnis Bebels be­findet sich das von Jahn."

üK Carnegie und der deutsche Kaiser.

Carnegie hat den Friedenspalast im Haag gestiftet. I Es war natürlich, daß der freigebige Milliardär bei den Einweihungsfcierlichkeiten auch eine Rede halten wollte. Und da unser Kaiser tatsächlich 25 Jahre lang eine Regierung des Friedens geführt hat, so war es auch nicht überraschend, wenn Carnegie ihn als musterhaften Friedensfursten feierte.

Nun ist aber Herr Carnegie mit nordamerikani­schem Freimut noch etwas weiter gegangen. Er hat dem deutschen Kaiser in sehr höflicher, aber ebenso bestimmter Form die Aufgabe zugeschoben, bie größ­ten zivilisierten Mächte zu einem Weltfriedens­kongreß einzuladen. Zur Sicherung des Welt­friedens ist nach Carnegie's Ansicht nichts weiter nötig, als daß drei oder vier Großmächte (je mehr desto besser!) ein Abkommen treffen, daß sie vereint jedem anderen Friedensstörer entgegentreten. Dieses weltpolizeiliche Mächtebündnis soll der deutsche Kaiser begründen. „Mes scheint so einfach, vielleicht zu leicht", bemerkt Herr Carnegie.

Wir nehmen an, daß er es gut meint. Aber feine Höflichkeit gegenüber unserem Kaiser wird doch etwas lästig und gesährlich. Tenn er erweckt Erwar­tungen, die der Kaiser beim besten Willen nicht erfüllen kann. Der Weltfriedensbund, den Car- negie in gleißenden Farben an die Wand gemalt hat, I wird in absehbarer Zeit nicht zur Wirklichkeit wer- I den, und die Gefolgschaft Carnegie's wird geneigt sein, die Schuld an diesem dem deutschen Kaiser zuzu­schreiben. „ I

Demgegenüber muß unverzüglich und so nachdrück­lich als 'möglich daraus hingewiesen werden, daß die Sache undurchführbar ist.

Es handelt sich um zwei Fragen: Erstens, ob das von Carnegie vorgefchlagene Abkommen unter 3, 4 oder mehr Großmächten überhaupt möglich sei. Zweitens — und das ist augenblicklich die Haupt­sache — ,ob gerade der deutsche Kaiser berufen und befähigt ist, diesen Weltfriedensausschuß zu be­gründen.

Was haben uns die Erfahrungen des letzten Jahres gelehrt? Nicht nur 3 oder 4, sondern sämt­liche europäische Großmächte erklärten sich einhellig für die Erhaltung des Friedens in Europa. Aber sie haben nicht vermocht, den Ausbruch des Balkan­krieges zu verhüten; ja sie haben nach mühsamer I Paraphierung des Londoner Friedens nicht einmal den Ausbruch des „Bruderkriegs" wegen der Beute zu verhindern vermocht. Wenn es nun endlich doch zur Waffenruhe gekommen ist, so verdankt man das I nicht dem Befehl der „großen Ohnmächte", sondern dem Eingreifen Rumäniens und der allgemeinen Er­schöpfung. Während dieser ganzen kritischen Zeit waren die Realpolitiker des europäischen Friedens aus Leibeskräften bemüht, ein Zwangsverfahren gegen die Friedensstörer nicht etwa herbeizufuhren, sondern vielmehr zu verhüten. Nur keine Ein- mischung, sonst gibt es eine Konflagration! Auf diesem Wege ist mst Hangen und Würgen die Erhaltung des europäischen Friedens gelungen. Auf dem von Car­negie empfohlenen Wege des Eingreifens von drei oder vier verbündeten Friedensmächten wären es aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem Weltkriege gekom­men. Das ist ja gerade die schwache Stelle des frie­denspolizeilichen Abkommens: um den Ruhestörer zur Ordnung zu bringen, muß man Gewalt anwenden, d. h. zur Erhaltung des Friedens einen Krieg unter­nehmen. Bei jedem derartigen Zwangsverfahren werden die Neigungen und die Jntereffen der Groß- I möchte auseinandergehen. Und sollte man im An­fänge des Vorbeugungskrieges noch eine einigende Formel finden, so werden sich doch sicherlich Reibun­gen und Konflikte einstellen, wenn es zur Verhängung von Strasen und zur Verteilung der Beute kommt. Der Geist der Völker und die Stellung der Staaten | zu einander müßte sich erst von Gr ino aus än­dern, ehe man mit ruhigem Gewissen eine gemein­same Friedenspolizei in Tätigkeit treten lassen konnte. Sonst richtet die Feuerwehr mehr Schaden an, als der Brand. .

Und soll gar der deutsche Kaffer die initiative zu diesem phantastischen Unternehmen ergreifen? In Oesterreich unb in Italien würde fein Auf­nahme finden. Aber was würde Rußland fagjm? ruf wohl eine höfliche Aufnahme finden. Aber was würde R uß l a n d sagen? Abgesehen von den Panslawisten würden der Zar und das offiziöse Ruß­land schon aus formalen Gründen gegen em solches Vorgehen Deutschlands sein; sie würden es als un­lauteren Wettbewerb empsinden, da doch der russische I Zar die ganze Haager Friedensbewegung in yluß ge­bracht hat. Und Frankreich? Die unentbehr­liche Grundlage für eine gemeinsame Friedenspolizei wäre doch der volle Frieden unter den beteiligten Mächten selbst auf gründ des rückhaltlos anerkannten „Status guo". Also müßte Frankreich offen und ehrlich auf alle Revanchegedanken verzichten. Ist das I zu erreichen? Wenn Herr Carnegie solche Hoffnun- I gen hat, kann man ihm nur raten, in Frankreich I den Hebel anzufetzen und dort die Regierung, die I Kammer, das ganze Volk zum Eidfchwur auf den un- | bedingten Frieden zu veranlaffen. Die franzo- f i f ch e R e v a n ch e s u ch t ist die Wurzel der Un- I sichertest, der Rüstungen, der Kriegsgefahr. Teutsch- I land vermag das nicht zu ändern, obfchon es 40 Jahre lang seine Friedenstätigkeit tatsächlich erwiesen hat. Wenn Herr Carnegie und seine Genoffen es ändern I können, so mögen sie ja nicht säumen. Bis dahin sollten sie den deutschen Kaiser unbehelligt lassen.

X Freiherr v Hertling.

Es war tm September des Jahres 1863 auf dem Katholikentage zu Frankfurt a. M. Da dankte der Prä­sident Frhr. Wilderich v. Ketteler im Namen der Ber- ammlung einem zwanzig Jährigen für feine packen­den, lichtvollen Ausführungen und wies auf ihn als sine Zierde der Akademiker hin, die alle mit großer Hoffnung erfülle. Tiefer zwanzig Jährige war damals Ordner sind Vertreter des Kathol. Lcsevereins, Berlin [ber heutigen Askania im K. V.) unb sollte das ka- holische Deutschland mit ben Anfängen des katholi­schen Korporationslebens an ben deutschen Hochschulen gewissermaßen offiziell bekannt machen. Seit jenem denkwürdigen Septembertage sinb nun 109 Semester verflossen. Der junge Philosophie-Student von da- sttals ist heute Vorsitzender bes Ministerrates der bayerischen Krone unb betritt am Sonntag, ben 31. August bie Schwelle ber 70er Jahre.

70 Wiegenfeste zu feiern unb gleichzeitig bas gol­dene Jubstäum be§ erstmaligen Hervortretens in ber Oeffentlichkeit — wie wenigen ist bies vergönnt! Nach ^Beendigung seiner Stubien in Münster, München unb Berlin unb mehrjährigem Aufenthalt in, Italien habilitierte sich Georg Frhr. v. Hertling 1867 in Bonn yls Privatbozen t. Damals wäre es,noch vor­teilhafter benn heute gewesen, keine katholische Farbe zu bekennen. Aber dies lag nicht in der Natur des jungen Hertling. Und so dauerte es 13 Jahre, bis ber Privatdozent außerordentlicher Professor Sourde. Zwei Jahre später erhielt er einen Ruf als rdentlicher Proseffor nach München. Bon seiner eis­igen wissenschaftlichen Betätigung in jener Zeit zeu­gen die zahlreichen philosophischen Schriften, die zum üeil auch das Gebiet ber Politik berühren. Wir er- nnern nur an bie „Aufsätze unb Reben sozialpoliti­schen Inhalts", „Naturrecht unb Sozialpolitik", („Kleine Schriften zur Zeitgeschichte unb Politik" s,Das Prinzip bes Katholizismus unb bie Wissen­schaft". Als Mitte ber 70er Jahre zur Pflege der katholischen Wissenschaft in Deutschland die Görres- Gesellschast gegründet wurde, wurde Frhr. v. Hert­ling bereit Präsident. Das ist er geblieben bis auf len heutigen Tag. Als er Ministerpräsident wurde, )at man ihn heftig deswegen angegriffen. Doch was ollte den Staatsmann hindern, rein wiffenschaftliche Beftrebungen zu fördern!

gehalten, und wenn er, als Vorsitzender der Zen- jrumsfraktion nach dem Tode des Grafen Hompesch bie Zügel manchmal etwas locker ließ, so zog er sie doch wieder recht straff an, wenn er sah, daß von deut I Windthorstschen Wege abgewichen wurde. Da zog I er, der Diplomat, wie kein zweiter geeignet, Mei­nungsverschiedenheiten auf gütlichem Wege beizu­legen, einen kräftigen Strich zwischen den Elemen­ten, bie nichts mehr mit bem Windthorstschen Zen­trum gemein hatten, und ber Fraktion. Das wird sein dauerndes Verdienst um das deutsche Zentrum bleiben. Als Redner zur auswärtigen Politik Icar er fiuch bei den gegnerischen Parteien sehr geschätzt.

i Da kam im Februar 1912 die Berufung als baye- jrischer Ministerpräsident. Das war in ber Geschichte Deutschlands noch nicht bagewesen, baß ein Katholik unb Führer bes Zentrums in einem Bun­desstaat mit ber Neubilbung des Kabinetts betraut wurde. Die gesamte Linke, von der Sozialdemokratie angefangen bis weit in die Reihen der National- liberalen Partei hinein, tobte förmlich vor Wut. Das Münchener Organ des Liberalismus drohte sogar ganz affen mit der Republik, als es gehört hatte, daß Frhr. o. Hertling der Nachfolger Podewils werden sollte. Hertling trat kein leichtes Amt an. Gewiß wäre es sir ihn angenehmer gewesen, Führer der Zentrums- rakfion des Reichstages zu bleiben, als sich mit den Liberalen und sozialdemokratischen Dreschflegelpoli­tikern in ber bayerischen Kammer abzugeben. Selbst ein liberales Blatt, wie die „Frankfurter Zeitung", äußette sich einmal, Frhr. v. Hertling sei ein „per­sönlich viel zu feiner unb zurückhaltender Politiker", als daß er sich in den bayerischen Verhältniffen so leicht zurechtfinden würde. Aber die bayerischen Ber- hältniffe waren Frhr. v. Hertling nicht unbekannt. Gehörte er doch seit bem Jahre 1891 bereits dem bayerischen Reichsrat als ebenslangllches Mitglied an. Die Rede, mit ber er sich am o. Marz 1912 ber Kammer ber Abgeordneten vorstellte, ist etne meifter» hafte Darlegung seines Programms, das die lebhafte Zustimmung aller Politiker fand, bte nicht von ber Großblockibee anaesteckt sind. Was Hertling will, ist eine Politik ber Sammlung der bürgerlichen Elemenie gegen den Umsturz, der für seine Ideen auch m Bayern schon weste Kreise geworben hat. _ 7 'N konstr- vatives Blatt wies Frhrn. v. Hertling me Aufgabe zu, „in bem ckiristlicben Bayern zu retten, was noch zu retten ist". ' Das bürste doch etwas zu veistnnst^ sein. So schlimm siehts denn doch nicht aus. Aber daß manches faul ist in dem schönen Bayern, wir erinnern nur an die jahrzehntelange Begünstigung des Liberalismus in ber Beamtenschaft, laßt sich nicht verkennen. Hier mit kräftiger Hand einzugreifen, die Parität wirklich durchzusühren, unb mit der ben Um­sturz bisweilen sogar begünftigenben Politik zu bre- ichen, bas fft, wozu Frhr. v. Hertling berufen wurde. Mit tatkräftiger Hand hat er hier auch emgegrfffen. ■ Möge es Frhr. v. Hertling noch lange vergönnt )sein, an der Spitze des bayerischen Staates zu bewei-