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Zuldaer Leitung.

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öamstag 50. August 1915.

wochen-Run-schau.

f:j Fulda, 29. August 1913.

Diese Woche stand im Zeichen einer Herzerheben, den Feier, der Jahrhundertfeier der deut­schen Fürsten in Kelheim. Das deutsche Volk hat am Tag von Kelheim, an dem ferne Fürsten in brüder­licher Eintracht sich die Hände reichten, die Einigkeit und Einmütigkeit tief empfunden, die es beseelen und beleben muß," wenn es im Innern stark und nach außen unüberwindlich fein will. Mit Recht konnte Kaiser Wilhelm als Sprecher der deutschen Bundes- fürsten und gleich chnen als Gast des Bayernherr- schers vom ehernen Flügelschlag deutscher Geschichte reden, der über der Gedenkfeier in der Befreiungs­halle brauste und das Kaiserwort muß auch allent­halben im Land ein Echo finden: daß unsere Stärke auf unserer Eintracht beruht, und daß es für unser Volk kein Nachlassen geben darf, wenn es feinen hohen Platz behaupten will.

Dem Tage von Kelheim find die Posener Kaisertage gefolgt, die sich zu einer machtvollen Kundgebung treu vaterländischer Gesinnung in der deutschen Ostmark gestalteten. Man darf Wohl hof­fen, daß die Vorliebe des deutschen Kaisers und preu­ßischen Königs für seine Ostmark dazu beitragen wird, daß die völkischen Gegensätze leichter überbrückt und die Gegenliebe der fremdsprachlichen und stammes- verfchiedenen Bevölkerung zu ihrem Herrscher und dem Reich geweckt und gefördert werde.

Im Reichstags Wahlkreis Pagnit- Pillkalten haben die Konservativen nach hefti­gem Wahlkampf mit den Liberalen und der Sozial­demokratie ihren Kandidaten Gottschalk durchgebracht. Die Mehrheit ist allerdings nicht groß und haben so­wohl die Konservativen, wie die Nationalliberalen nicht unbedeutende Stimmenverluste erlitten, wäh­rend die Sozialdemokraten an Stimmen gewonnen haben, eine Erscheinung, die überall dort zutage tritt, wo ein leidenschaftlicher Wahlkampf zwischen bürger­lichen Parteien geführt worden ist.

Der 3. reichsdeutsche Mittelstandstag, der in Leipzig abgehalten worden ist, wird dadurch sich eine besondere Bedeutung bewahren, daß auf ihm der Grund zu einer wirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des gewerblichen Mittelstandes, der Industrie und der Landwirtschaft gelegt worden ist, einer durchaus gesunden Idee, deren Durchführung den auf sie ge­setzten Erwartungen hoffentlich entsprechen wird.

In Holland war in der abgelaufenen Woche 6er 20. Friedenskongreß zusammengetreten, der sich mit den Fragen der Abrüstung, der friedlichen Voll­ziehung von Schiedssprüchen, einer Annäherung zwi­schen Deutschland und Frankreich und anderem mehr befaßte.

In England hat dieser Tage das Parlament für ein halbes Jahr Ferienpause gemacht. Es hat sozusagen eine ununterbrochene zehnmonatige Tätig­keit hinter sich. Für die Konservativen ist der Rück­tritt nicht gerade geeignet, frohe Gefühle auszulösen. Gegen ihren Willen wurden die beiden Hauptaufga­ben, Homerule für Irland und Entstaatlichung der Kirche in Wales der von der Regierung verlangten Lösung näher geführt, und es wird ihnen kaum ge­lingen, hier die Pläne der Regierung abzuwehren'

In Frankreich ist mit dem Tode Emile Olli- diers einer der hauptsächlichsten Zeugen eines Stückes Weltgeschichte dahingeschieden, ein Mann, den die französische Nation als den Sündenbock ihrer eigenen Schuld verstoßen hatte und der über 40 Jahre in fei­nem Vaterlande dahinleben mußte, als wäre er ein Toter. Er hat diese Zeit.damit ausgefüllt, die Ge­schichte des „Empire liberale", die zugleich feine Rechtfertigung sein sollte, zu schreiben. Seine Werke, in denen auch eine Rechtfertigung Bazaines enthalten ist, sind historisch stark anfechtbar und haben in Frankreich selbst den größten Widerspruch gefunden.

Auf dem Balkan schreite! die Klärung immer noch recht langsam fort und Adrianopel ist immer noch das Sorgenkind des Tages. Es sollen jetzt offi­zielle und offiziöse Verhandlungen zwischen der Türkei und Bulgarien begonnen haben. Es scheint dies da? einzig richtige Mittel zu sein, um schnell zu einem Ab­kommen zu gelangen.

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko, die noch in beit letzten Tagen auf friedliche Weiterverhandlungen schließen lassen konnten, haben mit einmal wieder eine schär-

UnpolMsche Zeitläufe.

n. Berlin, 28. Aug. 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Rückwärts schau» wir um ganze hundert Jahre. Das ist gut und schön, denn unsere Vorfahren von 1813 haben etwas geleistet, was sich sehen lassen kann.

Vorwärts möchte ich aber aber gern schauen. Möglichst auch auf ein ganzes Jahrhundert, um zu sehen, was denn unsere Nachkommen von 2013 bei chrer Säkularfeier denken und sagen werden über uns und unsere Zeit. '

Warum haben wir nicht einen Fernsprecher, der uns mit der Zukunft verbindet? — Als ich darüber cm einem verregneten Abend recht eindringlich nach­dachte, fiel ich in einen etwas unruhigen Schlaf. Und siehe da, beim Aufwachen fand ich auf dem Tische sollenden Brief von der Zukunftspost, bestellt „durch Eilboten, auch zur Nachtzeit, Bote bezahlt":

Gartenstadt Spreewinkel (früher Steinwüste Ber­lin), 27 8. 2013.

Lieber Ururgroßonkel Fritz!

Derne Neugierde ist sehr ehrenvoll für mich, aber lästig. Ich soll dir schreiben, wie wir Leute von 2013 unsere ehrwürdigen Vorfahren von 1913 be­urteilen Ja, schreiben?! Als ob wir das in unse­ren fortgeschrittenen Schulen noch lernten! Wir machen uns die Finger nicht mehr klexig und riskie­ren keinen Schreibkrampf. Auch die Tippmaschinen, auf die ihr euch so viel einbildet, sind längst zum alten Eisen geworfen. Wir kennen nur noch das mündliche Verfahren. Ich spreche drahtlos sowohl mit meiner Schwiegermutter in der nächsten Quer­straße, als mit meinem Bruder, der auf der Hoch­schule von Swakopmund das afrikanische Bergrecht studiert. Wenn der Angesprochene nicht da ist, so zeichnet der bis zu wunderbarer Leistungsfähigkeit ausgebildete Parlograph alles auf. Einen solchen Apparat in Westentaschenformat benutzen wir auch, wenn wir selbst uns etwas notieren wollen. Daß ich dir einen altmodischen Brief auf Lumpenpapier schreiben kann, hast du nut dem Uebelstande zu ver­danken, daß ich der Liebling meines stockkonservativen Großvaters war und von ihm unter anderen Rari­täten einen Tintenstift nebst einem Karton vergilb­ter Briefbogen geerbt habe.

Ach, hätte ick mich lieber nicht in der Nachahmung der historischen Krähenfüße geübt! Denn es ist nichts IMSNehmeL. was ich dir "zu tagen habe. Unsere

fere Form angenommen. Die Mission des nord- amerikanischen Friedensapostels Lind ist gescheitert und Lind hat auch bereits Mexiko verlassen. Aus die Nachricht von Linds Abreise hat sich Präsident Wilson endgiltig entschlosien, die Botschaft über die mexikanische Frage vor dem Kongreß zu »erlesen. Die Botschaft kündigt formell an, daß die Regierung des gegenwärtigen mexikanischen Präsidenten Huerta nicht anerkannt wird. Was nun werden wird, läßt sich nicht einmal vermuten; man weiß weder, ob Huerta tatsächlich ohne Geldmittel und ohne Aussicht auf Geld ist, noch liegen zuverläffige Meldungen über die Kämpfe im Innern vor. Auf alle Fälle steht fest, daß mit Linds Heimkehr eine bedenkliche Wendung ein­getreten ist. Huerta bleibt nach wie vor bei seinem harten Schädel, und hinter ihm stehen die Bajonette der — Japaner, vor denen die Jankees einen ver­zweifelt großen Respekt haben. Nicht uninteressant in diesem Zusammenhänge dürfte sein, was der ame­rikanische Unterstaatssekretär des Krieges in Denver in einer Rede sagte: Amerika ist völlig unvorbereitet für einen Krieg. Wir haben alles in allem 33 000 reguläre Soldaten, und können diese Zahl mit Hilfe der nationalen Miliz nur auf 150 000 fDlann brin­gen. In einem Kriege mit einer militärischen Macht jedoch bedürfen die Vereinigten Staaten einer Armee von mindestens 600 000 Mann oder es wäre notwen­dig, diese Armee innerhalb 30 Tagen an den Küsten zu verteilen. Hierzu sind wir augenblicklich nicht imstande.

Deutsches Reick.

-4- Neuregelung des Apothekenwesens. Vor sie­ben Jahren veröffentlichte das Reichsamt des Innern einen Vorentwurs für ein Reichsapothekengesetz. Ob­wohl die Apotheker eine einheitliche Regelung im Reiche wünschen, damit endlich die noch aus der Zeit der Kleinstaaterei stammende, viele Unzuträg­lichkeiten verursachende Buntfcheckigkeit der gesetz­lichen Bestimmungen verschwindet, mußten sie doch gegen den Entwurf Stellung nehmen, da er auf der allgemeinen Durchführung der Personalkonzession be­ruhte, die sich dort, wo sie besteht, nicht bewährt hat. Auch zwischen den Bundesregierungen war Einigkeit über den Entwurf nicht zu erzielen, und im vorigen Jahre gab der Staatssekretär des Innern im Reichs­tag die Erklärung ab, daß er auf die Regelung von Reichswegen verzichte. Im Februar d'. I. bestätigte der preußische Minister des Innern dies im Abge­ordnetenhause und kündigte gleichzeitig an, daß man nunmehr mit der landesgesetzlichen Regelung in Preußen borgeben werde. Wie es scheint, ist die reichsgesehliche Regelung vorläufig daran gescheitert, daß Preußen die Berechnung eines Kundschaftswer- tes bei dem liebergange der Konzession in andere Hände nicht zugestehen will, obwohl dies soeben in Bayern durch eine königliche Verordnung ausdrück­lich zugelassen worden ist. Da nun aber die Aus­führung des preußischen Planes nicht möglich ist, ohne daß vorher eine Abänderung gewisser ihm ent­gegenstehender Bestimmungen der Reichsgewerbeord­nung erfolgt, werde» sich Bundesrat und Reichstag doch mit der Prinzipiensraoe beschäftigen müssen. Der Deutsche Apotheker-Verein hat sich mit dieser Frage in seiner Hauptversammlung in Kiel auch diesmal wieder eingehend besaßt und den Vorstand beauftragt, wiederum dahin vorstellig zu werden, daß die freie Vererblichkeit und Beräußerlichkeit der Apo­theken durchgeführt wird, die er schon von jeher ver­langt.

* Ein Reichsmilchgesetz zum Zwecke der einheit­lichen Regelung der Milchversorgung wurde aus dem zurzeit in Leipzig stattfindenden 9. Verbandstag deut­scher Milchhändlervereine berlangt. In einer Re­solution wird zugleich gefordert, daß dem Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin ein Beirat angegliedert werde, der als oberster Gutachter seines Amtes walten soll. Das Nahrungsmittelgesetz bon 1879 sei in verschiedenen Punkten reformbedürftig. U. a. soll bei jeder Milchprobe die Entnahme der Gegen­probe obligatorisch eingeführt werden und die Strafgelder sollen nicht dem Untersuchungsamt, son­dern der allgemeinen Staats- oder Stadtkasse zuslie- ßen. Ferner sand eine Resolution Annahme, die die Konzessionierung des Milchhandels auf gründ des Befähigungsnachweises und unter Aus­schließung bon nicht gut beleumundeten Bewerbern

Jahrhundertstimmung ist abfällig, fehr abfällig. Ihr hattet es besser. Bei dem Rückblick auf eure Vor­fahren bon 1813 konntet ihr Lob spenden und Er­bauung ernten. Die 1813er waren ja in manchen Dingen berzweiselt rückständig, aber es waren tüch­tige Männer, stramme Kerle, Kraft- und Taten- menschen, die auch ohne Repetiergewehr Schlachten gewinnen konnten und einfach mit dem Kolben den Feind zusammenschlugen, wenn das Pulber naß ge­worden war. Hut ab bor diesen robusten Keulen- schwingern, die keine langen Reden hielten, sondern kurz und bündig feststellten: So flutscht es besser! Nimm es mir nicht übel, lieber Vorfahr, wenn ich ehr­lich bekenne, daß euer Zeitalter bon 1913 uns weni­ger imponiert. Ihr arbeitet weniger mit dem Kol­ben, als mit der Zunge. In Worten groß, in Taten klein. Aus der Vogelperspektive des 21. Jahrhun­derts sieht euere Geschichte bon 1913 wirklich nicht imposant aus. Die alten Tugenden hatte ihr ver­lernt, und neue Tugenden hattet Ihr noch nicht rich­tig zugelernt. Nicht gehauen und nicht gestochen! Halbheiten und Einbildung!

Willst du meine Ansicht über den abscheulichen Dalkaukrieg und das „europäische Konzert" hören? Auf dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß, und drunten in der Straße arbeiten die Row- dies mit Totschlägern und Messern. Freilich, der erste Napoleon war hundert Jahre früher eine wahre Gottesgeißel für Europa; doch er betrieb fein grau­siges Geschäft wenigstens im großen Stil und weckte einen heldenhaften Widerstand, der neues Leben aus den Ruinen sprossen ließ. Ein Jahrhundert später aber wurde die. Weltgeschichte von Gelichter gemacht, und was aus den Ruinen werden sollte, wußten euere asthmatiscken Staatsweifen nicht.

In euerem gepriesenen Zeitalter bon 1913 wuß­tet ihr nicht, was ihr eigentlich wolltet, und wenn ihr mal etwas wolltet, so konntet ihr es nicht. Eine matte Uebergangszeit. Gerüstet habt ihr euch aus allen Kräften, aber ihr wart heilfroh, wenn ihr das riesige Schwert nicht in die zittrige Hand zu nehmen brauchtet. Von Frieden habt ihr geredet und ge­redet mit endloser Salbung, doch wirklich friedlich ward ihr nur gegenüber denen, die ihr fürchtetet. Die Starken da draußen mußtet ihr in Ruhe lassen: an de» Schwachen im eigenen Lande kühltet ihr gern euer Mütchen. Daher die ewigen inneren Kämpfe: Verfolgung bon andersdenkende» und andersspre- chenden Leuten. Daß es mit eurer „Kultur" schlecht bestellt war, beweisen euere Kulturkämpfe.' Auch

fordert, lieber die Verleihung der Konzesiion soll eine Kommission entscheiden, der auch praktische Milchhändler angehören. Endlich wurde ein Antrag München angenommen, der die nötige Aufklärung über die Behandlung der Milch schon in den Haus­haltungsschulen berkmgt.

vermischtes.

mo Falsche Auskünfte. Man hat schon berschie- bene Male gelesen, daß Auskunftsbüros auf Schaden­ersatz berklagt worden sind, weil sie über jemand eine gute Auskunft gegeben haben, obwohl der Betref­fende nichts weniger als empfehlenswert bezw. kredit­fähig war. Die Auskunfteien Pflege» sich allesamt dadurch gegen Nachteile zu schützen, daß sie ausdrück­lich jedwede Garantie für die Richtigkeit ihrer Mit­teilungen ablehnen. Die moderne Rechtsprechung läßt einen solchen Vorbehalt aber nicht mehr gelten, wenn nachgewiesen wird, daß Fahrlässigkeit borliegt. Falsche Auskünfte können aber auch umgekehrt ge­schehen: Durchaus kreditfähige, fleißige Menschen werden — schlecht gemacht, es wird zur Vorsicht gemahnt oder bon Kreditabgabe lieber gleich abge­raten! Die Auskünfte müsse» ja „diskret" behandelt werden, das ist eine weitere Bedingung der Auskunfts­büros, und so haben sie vermeintlich nichts zu fürch­ten. Die Büros sind allerdings auf „Vertrauens­männer" angewiesen, bereit Namen sie nicht leicht Preisgeben. "Dadurch lasie man sich aber bei einer tatsächlich unrichtigen, nachteiligen Auskunft nicht irremachen! Ein Kaufmann A. bezog bon einer Dres­dener Fabrik schon öfter Waren, bezahlte diese, war aber, als er einen neuen Auftrag erteilte, mit noch 190 Mk. rückständig. Die Firma zog eine Auskunft ein, die denkbar ungünftia lautete. Jeder Punkt war unrichtig oder entstellt. Man antwortete, daß weitere Lieferungen nur gegen sofortige Zahlung geschehen könnten. Der Kaufmann erbat Aufklärung, die — leider ein seltener Fall! — auch gegeben wurde. A. reichte sosort Beleidigungsklage gegen die Auskunft- gesellschast ein und erzielte Verurteilung des „Ver­trauensmannes" derselben zu 200 Mk. Strafe. Das war A. zu wenig, er legte Berufung ein, und das Landgericht II in Berlin erhöhte die Strafe a u f 5 0 0 M k. und sprach dem Kläger außerdem eine Buße bon 1000 Mk. zu. Der Vorsitzende betonte, daß gegen Leute, die einem andern bon hinten herum die Ehre und den Kredit abschneiden und dadurch das größte Unheil anrichten, mit aller Schärfe borgegan­gen werden müffe.

* Verletzung des religiösen Empfindens an Aus­flugsorten. Wer kennt nicht H e i st e r b a ch im Sie­bengebirge, das Tal mit seiner prächtigen Chorruine in rauschenden Buchenkronen! Und erst die liebliche bon Müller in Verse gebrachte Sage bom grübelnden Mönche! Ein romantischeres Plätzchen ist am Rhein kaum zu finden. Man tritt durch das alte mit Hei­ligenbildern geschmückte Tor in den Klosterhof, um Natur und Kunst auf sich wirken zu lassen. Der Blick fällt auf ein — modernes Schild, das das religiöse Empfinden eines jeden gläubigen Katholiken tief ber­icht. An den beide» Enden des Schildes ist je ein Mönch gemalt, bor einem Bierhumpen bezw. bor einem gekochten Schweinskopfe sitzend, wie nur höchste Unwissenheit und Bosheit Klöster und Mönche zu schildern pflege». Die Freude und der Genuß sind bergällt: wir haben Dutzende gesehen und gesprochen, die berärgert über das Bild davon gingen. — Wie lange lassen sich die Katholiken sich selbst hier am Rheine so etwas bieten?

* Ein Geldfchrank an Bord eines Kriegsschiffes gestohlen. Auf dem englischen Schlachtschiff „H e r- kule s", das im Hafen bon Portsmouth liegt, ist auf geheimnisbolle Weise ein Geldfchrank aus der Mann­schaftskantine berschwunden und in einem anderen, entlegenen Teile des Schiffes zertrümmert und be­raubt aufgefunden worden. Es waren 1800 Mark in barem Geld im Schrank gewesen. Die Unter­suchung hat bis jetzt noch keinen Aufschluß darüber ergeben, wie dieser schwere Geldschrank unbemerkt über zwei hohe Treppen und einen Teil des Decks nach dem entlegenen Schiffsraum gebracht werden konnte.

* Sozialdemokratischer Boykott. Der Gastwirt Dobbeck in Berlin hatte in der Andreasstraße, ein großes Lokal eröffnet und für dieses durch einen Stellenvermittler sieben Kellner engagiert. Einige

gls ihr die segensreiche Eintracht bon 1813 feiertet, habt ihr nicht an die Eintracht bon 1913 gedacht.

Viel eingebildet habt ihr euch auf den Sport und die Technik. Und beides war doch nur Kinderspiel.

Den Körper zu üben und zu stählen, war gewiß ein netter Gedanke. Nur darf man die Seele nicht ganz bergesien' die Ausbildung des Herzens darf nicht beiseite geschoben werden; sonst gerät man auf den Standpunkt des stupiden Neger-Preisboxers, lind etwas komisch, lieber Uronkel, finden wir Nach­fahren eure Ansicht, daß nur diejenige Sportarbeit „nobel" fei, die ohne Nutzertrag berpusst. Eure Sportleute machten es ähnlich, wie die Gefangenen in den englischen Zuchthäusern. Die treten int Schweiße ihres Angesichts ein Mühlenrad, aber die Mühle mahlt nichts, es gibt kein Mehl. Wir int 21. Jahrhundert betreiben den Sport bernünftiger. Wer feine Arme stärken will, der setzt Pas Treibrad für eine Melkmaschine in Bewegung; wer feine Beine üben will, der tritt ein Schöpfrad oder fetzt sich auf ein Zweirad, das eine nützliche Bestellung auszuführen hat. Wir bergenden keine Kräfte mehr; wir verbinden das Nützliche mit dem Gesunden und halten cs für keine Schande, wen» mit der Sport­arbeit ein praktischer Erfolg verbunden ist. Ihr schwärmtet für Windbeutel, wir für Windmühlen.

Eure Technik bon 1913? Aller Anfang ist schwer: das entschuldigt eure Schwächen, aber nicht eure Selbstüberhebung. Richtet dach den Blick auf die bergehohen Trümmer eurer Luftschiffe, aus die Mas­sengräber eurer Flieger' Wie weit seid ihr überholt worden in de» weiteren hundert Jahren? Ihr wäret verwegen, aber ungeschickt. Jetzt fliegen wir nicht mehr wie lahme Hühner, sondern schnell wie die Schwalben und sicher wie die Möwen, nachdem wir die Geheimnisse des Vogelfluges und die Gesetze der Lust erkannt haben. Das Jahrhundert der Eisen­bahnen ist vorbei: auf den holprigen Schienen beför­dern wir nur noch Güter; die Personen reisen glatt und schnell durch die Luft. Vorbei ist auch die Herr­lichkeit der Drähte, in die ihr euch verstrickt hattet. Wir brauchen keine Telegraphenstangen und keine Kabel mehr, da die ganze Menschheit sich nach Be­lieben drahtlos unterhalten kann.

Gestehe nur, lieber Uronkel, ihr habt um 1913 herum kein menschenwürdiges Dasein geführt. Es ist ja entsetzlich, was man da in de» alten Chroniken lieft bon dem Staub und Stank, bon dem Ruß und dem Radau, die eure Wohnsitze erfüllt, lieber euren s

Tage nach der Eröffnung des Lokals waren mehrere Vorstandsmitglieder des sozialdemokratischen Gast­wirtgehilfen- ober Gastwirtsberbandes in seinem Lo­kal erschienen und hätten, wie D. bor Gericht aussagte, berlangt, er solle die Vermittelung des bon dem Ver­bände eingerichtete» Stellennachweises für Kellner be­nutzen und bon dort Kellner bestellen. Er habe dar­auf erwidert, daß er doch unmöglich die schon enga­gierten Kellner, die zu seiner Zufriedenheit arbeiteten, bor die Türe setzen könne, zumal Familienbäter unter chnen seien. Die Herren bom Verband hätten hier­auf ganz offen mit Boykott gedroht. Schon am näch­sten Tage fei bann mit bem Boykott begonnen wor­den. Vor seiner Tür seien Zettel berteilt worden, ober in der Nähe angeklebt worden, in denen aufge­fordert wurde, das Lokal zu meiden. Der Verband fei sogar so weit gegangen, ihm den Kellner Schulz in das Lokal zu schicken mit dem Auftrage, dort die Zettel zu verteilen und die Gäste aufzufordern, das Lokal zu berlaffen. Als er dieses Manöver, durch welches seine wirtschaftliche Existenz aufs Spiel ge­stellt wurde, am 26. April entdeckte, habe er den An­geklagten aufgefordert, das Lokal zu berlaffen. Da er nicht freiwillig gegangen, habe er mit Gewalt entfernt werden müssen, nachdem er einen ganzen Stoß der Flugblätter in dem Lokal berftreut habe. Der Mann erhielt einen Monat Gefängnis und seine Be­rufung wurde bertoorfen.

Literarischer.

Joseph von Görres. Von Realschuldirektor Dr. SR, Schellberg. (Führer des Volkes. Eine Sammluns von Zeit- und Lebensbildern. 7. Heft.) 8° (48). M.Gladbach 1913, Volksvereins-Verlag. Preis post- frei 70 Psg.

„Görres ist fast schon vergessen. Und könnte doch heute noch leben. Lest, was er einst über sein geliebtes Deutschland schrieb: ob das wesentlich nicht immer noch wahr, noch allzu .zeitgemäß' ist." Das schrieb bor kur­zem Maximilian Harden. Und leider ist es wahr. Die­ser glühende Patriot, dieser große Erwecker Deutschlands, in einem Atem zu nennen mit Stein, Arndt, Gneisenau- Scharnhorst u. a., dieser Polyhistor, wie Deutschland ihn selten gesehen, dieser größte Publizist seiner Zeit, dessen Feder in den Augen Napoleons eine Armee aufwog: bet: Schutt des Vergessens hat sich über ihn getürmt. Es ist höchste Zeit, diese gewaltige Stimme der Vergangen­heit wieder zum Tönen zu bringen, ihn wieder zu einem. Führer des Volkes zu machen. Dr. W. Schellöerg ver­suchte es vor zwei Jahren durch seine im Verlag Kösel erschienene zweibändige Auswahl von Görres' Werken und Briefen. Und der Volksverein-Verlag verstärkt jetzt in verdienstlicher Weise diesen Versuch, indem er aus der Feder Schellbergs, der hierfür berufensten, dem deut­schen Volke in einem geistvoll geschriebenen Lebensabritz den Mann und sein Werk wieder in sein Blickfeld rückt. Der Broschüre vorangestellt ist ein seltenes Porträt von Görres.

Die neuen Reichsgesetze betr. den Wehrbeitrag und die Beützsteuer (Vermögenszuwachs) vom 3. Juli 1913.' Taschenformat. Gesetzverlag L. Schwarz u. Comp.,) Berlin S. 14, Dresdenerstraße 80. 1,10 Mk. , Nachdem zur Deckung der Kosten der großen Wehr-, Vorlagen die Reichsgesetze über den Wehrbeitrag und' die Besitzsteuer bezw. Vermögenssteuer beschlossen wor-^ den sind, ist es für jeden Steuerzahler von höchstem Interesse, über die Einzelheiten dieser Gesetzesbestinv mungen unterrichtet zu sein. Man mutz sie kennen- um sich gesetzmäßig selbst einschätzen und vor den schweren Strafen schützen zu können, die für unrichtige Selbsteinschätzung drohen. Auch um zu hoher Veran-j lagung wirksam zu begegnen, ist die Kenntnis dieses Gesetze unerläßlich, zumal die Besitzsteuer keine ein­malige, sondern eine dauernde direkte Reichssteuer ist- von der auch die kleinen Vermögen betroffen werden^

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Chausseeen sollen ewig Weiße Wolken und über euren Städten etmg dunkle "Wolken gehangen haben. Ans den Asphalfftraßeu soll der Benzingeruch bis zum Er­brechen sich angesammelt haben. Wir kennen heutzu­tage den Ruß nut aus den Museen und den Ben- zindnft nur aus den Schreckenskammern unserer Pa­noptiken. Jetzt wird alles in der saubersten Weise elektrisch betrieben, und wenn die Lebenswege der Menschen auch nicht immer glücklich sind, so sind sie doch stank- und staubfrei.

Du fragst nun vielleicht, ob wir Leute bom 21, Jahrhundert nun den Himmel auf Erden gefunden hätten. Ach nein; wir haben auch heutzutage »och unsere Not, unfern Aerger, unsere Sorgen, unsere Fragen. Jeder Fortschritt bringt neue Aufgabe». Ich' will nur sagen, daß wir aus den allergrößte» Dummheiten, in denen ihr noch steckt, uns hercmsge- arbeitet haben. Sogar die Mode ist im Jahre 2013 biel vernünftiger geworden, als wie sie 1913 mit dem engen Rock und den langen Hutnadeln war. Von den wilden Wahlweibern Englands sind die letzten längst im Jrrenhause gestorben und vorsichtshalber verbrannt worden. Streiks und Aussperrungen gibts nicht mehr, da wir überall das Schiedsgericht statt der brutalen Kraftprobe entscheiden lassen. Die fürchter­lichste Verirrung eurer Zeit, die Scheu vor Kinder­segen, gehört auch schon in die Rumpelkammer der Weltgeschichte. Wir haben inzwischen, die sittlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse ro aufgebeffert, daß die Leute das Familienglück recht früh und recht nach­haltig zu genießen streben.

Lieber llrurgroßonkel, es ist nicht sehr schön, aber menschlich, wenn ich mich freue, daß ich nicht mit dir, fondern ein gutes Jahrhundert später geboren wor­den bin. Verleihe, daß ich deinem Jahrhundert keine Schmeicheleien sagen konnte, aber du wolltest doch die Wahrheit Horen. Ich bin ja freilich gerafft daraus, daß nach weiteren hundert Jahren meine Nachkommen auch über meine Zeit die Nase rümpfen. Wer lpm-r kommt, ist immer klüger. Die Moral von der ' be­schichte ist, daß das jeweilige Geschlecht nicht einge­bildet und ruhmredig werden soll. Aus den atte» Akten aber, namentlich aus den halbzerfallenen Zei­tungen von 1913 ersehe ich, daß zu eurer Zett bai> kulturelle Maulheldentum arg ins Kraut gelassen war. Das bat mir den altväterlichen Tnttvtsttft hr bie Hand gedrückt, und nach dieser mühsame» Schreiv- aroeli verbleibe ich in drahtloser Ergebenheit bei«

treuer Nachfahr.^