Zuldaer Zeitung
trfdjdnt wgNch wift Nurriahm« 6er Sonn- tmb Stkrtage. Wertet- JObrlldjer Btiugspreis ohne Brlngertohn unb Bestellgeld in Zulba sowie auswärts 1-50 Mark. — Rotatlonsbrudi unb Verlag der - - zulboer flctienbrudterel in Julba. Zemsprecher Nr. 9. : s
s “ Wochen-Vellage: s s ? = s THonats-Behäge: s s Illustrierte Sonntagszettung I Zuldaer Seschichtsblätter s Ziebungsiiften der preußisch-süddeutsche« Kieffen-Ietterie. — halbjährlich laschenfahrplan. n
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Nr. 199. erstes Blatt.
Freitag den 29. August 1913.
40. Zahrgang.
. Die Einweihung des FrieVens- Palastes im Haag.
Aus Anlaß des hundertjährigen Gedenktages der Erringung der nationalen Unabhängigkeit zeigte sich gestern die Stadt festlich geschmückt. Gegen 2y. Uhr trafen die Königin, die Königin-Mutter und der Prinzgemahl ein Die Königin betrat den Thronsaal des Friedenspalastes, wo vierhundert Gäste versammelt waren: das Kabinett, die fremden Gesandten, unter ihnen der deutsche Vertreter Profesior Dr. v. Mcttitz. Der Präsident der Carnegiestiftung, Karne- beck würdigte in ausführlicher Rede die Bedeutung des ständigen Schiedsgerichts und sprach sich gegen die Einrichtung eines obligatorischen, sowie eines ständig tagenden Schiedsgerichtes aus. Redner gedachte des hochherzigen Stifters Carnegie, der ls^ Millionen Dollars für diese Institution gegeben habe, und überreichte dem Präsidenten einen Schlüssel, welchen die deutsche Regierung für die große Eintrittspforte hat anfertigen lassen. Der Minister des Aeußern de M areß von Swinderen, der Präsident des ständigen Schiedsgerichtshofes, sprach Carnegie seinen Dank und seine ©ulbigung aus für seine Arbeit im Dienste der Menschlichkeit. Zwar werde auch in diesem Gebäude der ewige Friede nicht geschaffen, Wohl aber darin fruchtbare Arbeit geleistet werden können.
Bei der Einweihung des Friedenspalastes wurde auch die Büste Sir Randal Cremers, des um die Friedensbewegung verdienten englischen Abgeordneten, enthüllt. Bei dieser Gelegenheit hielt Andrew Carnegie an die Versammelten eine Ansprache, die in einer Aufforderung an Kaiser Wilhelm gipfelte, die Begründung einer Friedensorganisation aller zivilisierten Mächte in die Wege zu leiten.
Das pompöse Gebäude im Haag trifft es fehr schlecht; die Völker sollen den Friedenspalast ein- wechen, während sie noch unter den Schrecken des Balkankrieges stehen. Da schüttelt man die Köpfe und seufzt- der Krieg ist unausrottbar und all' die Haager Einrichtungen und Bestrebungen sind ein hübsches, aber nutzloses Spielzeug.
Eine solche Stimmung ist nach den Erfahrungen der letzten Jahren erklärlich; aber berechtigt ist sie kaum zur Hälfte. Leider läßt sich der Krieg nicht so fix und vollständig aus der Welt schaffen, wie gewisse Schwärmer und Wohlredner der Mensch- hest weißmachen wollten; aber es läßt sich doch dann und toartu ein Krieg verhindern, und wenn der Friedenspalast im Haag mit samt seinem Zubehör an Schiedsgerichtsverträgen und Friedensverträgen rc. in einem ganzen Jahrhundert nur den Ausbruch eines einzigen Kireges verhütet, so hat er sich reichlich verzinst und seine Existenzberechtigung siegreich nachgewiesen.
Diese Leistung ist aber keineswegs unwahrscheinlich. Auch wenn im Haag nur Streitfragen zweiter Ordnung zum Austrag gebracht werden.
Darin haben nämlich die' deutschen Delegierten f. Z. Recht gehabt, als sie nämlich auf die heißen Köpfe einen kalten Umschlag legten und ausführten, die Staaten würden sog. Lebensfragen, die ihren Bestand oder ihre Ehre berührten, nicht vom Haager Richterspruch abhängig machen. Diese Wahr- h'est muß man ins Auge fassen, auch wenn man sie beklagt. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, daß der Begriff der undiskutierbaren Lebensfragen sogar sehr weit gespannt wird. Die Staaten .wollen nicht nur ihre Lebensbedingungen der Gegenwart behaupten, sondern sie wollen auch die Freiheit haben, sich bessere Lebensbedingungen für die Zukunft zu schaffen, d. h.: wenn sie auf eine bedeutende Eroberung ausgehen, so lassen sie den Haag und sein Schiedsgericht links liegen. Als Frankreich Marokko einstecken wollte, hat es sich von
Das Münchner Hinöl.
'791 Roman von Felix Nabor.
(Schluß statt Fortsetzung.)
Frau Annie lächelte. „Im Anfang, als wir zusammen probten, klang es nicht immer fein", sagte sie, „aber jetzt dürfen wir es schon wagen, bei offenen Fenstern zu singen! — Kommt, Kinder! — nehmt Stellung! So! — Und Sie, Herr Jntendanzrat, üben Sie nicht allzu vernichtende Kritik! — Wir sind Anfänger! — und Ihr Goldkind, die Lotte, steht mft im Chor, da, an meiner Seste! — Nun geben Sie mal acht, wie sie den Sopran führt!"
Ein leiser Akkord in Es-dur, dann erklang es sieghaft-jauchzend, in reinen, schönen Harmonien:
„Bald prangt, den Morgen zu verkünden, Die Sonn' auf goldner Bahn! —"
Der Jntendanzrat stand draußen im herbstlichen Garten und lauschte, lauschte —
Und als das Lied verklungen war, stürmte er ins Haus, drückte Annie die Hand und küßte sein Mädel, seine goldblonde Lotte.
„Das war schön! — Das war Prächtig! — So erakt, so rein und vor allem — so verinnerlicht, von Freude durchglüht. Nun sagen Sie mir, wie haben Sie das nur 'gemacht, Frau Annie? — In so kurzer Zeit eine so brillante Leistung? —"
„Ich glaube, das liegt mir im Blut. Herr Jntendanzrat! — Der Unterricht geht mir spielend leicht, ich glaube, daß ich das Lehrtalent von Papa geerbt habe — und das ist ein Glück für mich! — Ohne dieses Talent müßte ich trostlos in die Zukunft blicken, sähe keinen Weg vor mir —"
„Ja", sagte der Jntendanzrat ernst, „nach dem Schweren, das Sie erlitten haben, ist es ein wahres Glück, daß Sie eine Täfigkeit gefunden haben, die Ihr Leben ausfüllt. Sie liebe, tapfere Frau — möge das Glück Ihnen leuchten auf Ihrem Wege! Er ist nicht mehr einsam — es blühen Blumen an ihm, Menschenblumen —"
Und als sie ihn durch die Räume führte, war er
vll 6t<nr'~ \ und Bewunderung. Ach ist das
dem europäischen Kongreß in Algeciras eine kleine Verzögerung auferlegen lassen; aber zum Abstand ließ es sich' doch nicht bringen, und sein Ziel hat es schließlich unter einem kleinen Kongoopfer erreicht., Der Haag hatte gar nichts zu sagen. Ebensowenig in der Tripolis -Angelegenhit. Und erst recht nicht in dem zwiefältigen Balkankrieg mit seinen furchtbaren Greueln. Die Balkanstaaten nahmen, was sie von der Türkei haben wollten, ohne sich um die Rechtsfrage zu fiimmern. Und als es an die Verteilung der Beute ging, da dachten sie auch nicht im entferntesten an irgend eine schiedsrichterliche Vermittlung, sondern fochten einen scheußlichen Bruderkrieg au§. — Die Ironie des Schicksals will es nun noch, daß gerade die neue nordamerikanische Regierung, die so sehr sür die Ausdehnung der Schiedsverträge auf a l l e Streitigkeiten geschwärmt hat, mit dem Nachbarlande der ewigen Bürgerkriege, Mexiko, in einen Konflikt geraten ist, den auch der höchste und klügste Schiedsrichter nicht zur befriedigenden Lösung bringen kann.
Ja, was bleibt dann nun für den Haag übrig? Freilich nur die Streiftragen von geringerer Bedeutung. Deren friedliche Losung darf man aber nicht gering schätzen; denn aus einer sog. kleinen Frage könnte sonst ein großer Krieg entstehen.. Es liegt immer die Gefahr vor, daß eine Nation die Nachgiebigkeit in einer kleinen Frage scheut, weil sie darin eine „Demütigung" sieht und die Einbuße an ihrem Weltrespekt fürchtet. Die Leidenschaft des Volkes und die Eitelkeit der Regierung erschweren sehr oft den friedlichen Austrag von nebensächlichen Zwistigkeiten. In solchen Fällen ist nun das Haager Schiedsverfahren ein Retter in der Not. An den geordneten Schiedsrichter kann man die Sache verweisen, „ohne sich etwas zn vergeben". — Wie wertvoll so ein Auskunftsmittel in einer verfahrenen Angelegenheit ist, lehrt die Erinnerung an den Karolinen st reit. Fürst Bismarck hatte sich damals übereilt; er konnte aber Ehren halber nicht gut vor dem spanischen Protest weichen. An den Haag konnte er die Sache nicht schieben, well dort noch kein Weltrichter saß. Da mußte er denn, um den notwendigen Schiedsrichter zu finden, bis nach Rom gehen und den Papst Leo XIII. das Urteil sprechen lassen, das den Spaniern ihr Recht geben sollte. Ein Bismarck konnte sich die Anrufung des hl. Vaters gestatten; ein anderer Reichskanzler hätte das schon aus Angst vor dem Evangeli- scheu Bunde nicht gewagt und wäre im Karolinenstreit stecken geblieben.
Der Haag und seine Einrichmngen bilden ein wertvolles Mittel zur Vorbeugung von Kriegen, die aus minderwertigen Interessen- oder Stimmungskonflikten entstehen könnten. Das muß man schätzen und ehren. Wie verhütet man nun aber die Kriege, die aus den großen Gegensätzen unter den einzelnen Großmächten oder unter deren Gruppen entstehen könnten? Dagegen gibts nur ein Mittel: sich so st a r k z u r ü st e n, daß der Gegner vor dem Angriff sich scheut. Die Scheu vor den furchtbaren Lasten und Schäden, die sogar ein erfolgreicher Krieg mst sich bringt, hat ja auch in den letzten Jahren sich als friedenerhaltende Kraft bewährt. Die starke Rüstung bleibt nach wie vor das ausschlaggebende Hilfsmittel der Friedenspolitik. Daneben leistet aber eine sehr schätzbare Beihilfe die Ausbildung des Haager Werkes, das die kleineren Steine des Anstoßes aus dem Wege räumt. Das eine tun und das andere nicht vernachlässigen!
Deutscher Reich.
— Der Kaiser in Breslau.
Der Kaiser besichtigte am Donnerstag früh das Fort Winiary bei Posen und begab sich um 1 Uhr nachmittags mit der Kaiserin im Sonderzuge' nach
MIM MC—
schön! — So fein, so vornehm, so stimmungsvoll! — Das ist keine Schule — das ist ein trautes Heim! — Welche Lust muß es sein, hier zu lehren — und zu lernen! — Diese prächtigen Möbel, diese 'Bilder, diese Tapeten und Teppiche — alles atmet Ruhe, fft auf einen künstlerischen Ton gestimmt, mahnt zur Sammlung, zu ernster Arbeit! — Frau Annie, ich als erfahrener Praktiker will Ihnen fagen, daß Sie in einem Jahr hundert Schülerinnen haben werden, wenn Sie nur wollen. Dann müssen Sie dies, Haus vergrößern, dann wird es zu einer Akademie der Tonkunst! —"
„So hoch strebe ich nicht!" erwiderte Annie. „Die Zahl dreißig genügt mir — und über fünfzig gehe ich überhaupt nicht. Sonst fände ich keine Zeit mehr, die Individualität meiner Zöglinge zu berücksichtigen Und das ist mir doch die Hauptsache: die Ausbildung der künstlerischen Persönlichkeit! — Keine Massendressur — nein: Einzelunterricht. Herausholen der besten Kräfte aus jeder Jüngerin der Kunst! Nicht bloß Lehrerin möchte ich meinen Zöglingen sein, sondern Freundin, Mutter, Ratgeberin, Pfadweiserin! So fasie ich meinen neuen Beruf auf, so übe ich ihn aus!"
„Sie werden damit Erfolge erzielen, welche die Ihres Vaters sogar in den Schatten stellen — und das will viel sagen. Gott befohlen, Frau Annie — ich bin glücklich,'' daß ich mein Töchterchen in Ihrer Obhut weih! Und glücklich schätze ich alle diese lieben, herzigen Münchner^ Kindl, die Sie zur Lehrerin erwählt haben. Sie hätten keine besiere finden können."
Er ging und sie sah ihm durchs offene Fenster nach. Ja, er hatte recht — ihr winkte eine schöne Zukunft und ihr Leben war groß und weit geworden. Es hatte Inhalt und Tiefe! — Die Sonne lag mit blankem Schein über Haus und Garten, wie eine goldene Straße, die ins Leben, in die Zukunft hineinführte.
Und freudig und mutig, die Augen zum Himmel, zur Sonne, zu den heiligen Höhen der Kunst emporgerichtet, betrat sie des neuen Lebens goldene Gassen!
Breslau. Die Ankunft dort erfolgte um 3,45 Uhr. Tie übrigen fürstlichen Herrschaften nebst Gefolge und Gästen waren bereits um y2l Uhr eingetroffen. Auf dem Bahnhofe fand großer militärischer Empfang statt. Sodann hielten die Majestäten ihren Einzug in die festlich geschmückte Stadt, der Kaiser und die Prinzen zu Pferde, die Kaiserin mit der Kronprinzessin und der Prinzessin August Wilhelm im offenen Wagen. Mit brausenden Hochrufen wurden die Majestäten bei ihrem Austritt aus dem Bahnhofe von den tausenden Menschen, die die Straßen beseht hielten, empfangen. In seiner Begrüßungsansprache pries Oberbürgermeister M a 11 i n g den Kaiser als Fürsten des Friedens und knüpfte an das Treugelübde für den Kaiser das Versprechen, die Jugend, die Zukunft des deutschen Volkes, allzeit zu führen auf den Wegen der Gottesfurcht, der Königstreue und der Vaterlandsliebe.
Der Zdaiser vankte im Namen der Kaiserin und in seinem eigist«r Namen für die Worte des Oberbürgermeisters. Er hoffe, daß es auch ferner gelingen werde, unter dem Schutze des mächtigen deutschen Heeres, welches einer der Hauptpfeiler des europäischen Friedens sei, diesen Frieden dauernd' ausrecht zu erhalten und so auch diese Stadt unter den Segnungen des Friedens an friedlicher Arbeit teilnehmen zu lasten.
Sodann bewegte sich der Zug weiter nach dem Schlosse, wo die Majestäten Wohnung nahmen und alsbald großer Zivilempfang stattfand. .Ser Kaiser hat der Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen den Wilhelmsorden verliehen, ferner dem Herzog von Ra- iibor das Kreuz der Großkomthure des Königlichen Hausordens von Hohenzollern, dem Fürsten v. Pleß den Roten Adlerorden 1. Klasse und dem Oberpräsi- denten Dr. v. Günther den Stern zum Roten Adlerorden 2. Klaffe mit Eichenlaub.
*♦ Berlin, 28. Aug. 1913. Wie alljährlich, wird auch in diesem Herbst das Kaiser paar Mitte September sich mehrere Tage in Cadinen aufhalten. — Mit der Vertretung des Kaisers bei den Hochzeitsfeierlichkeiten der Prinzeffin von Hohenzollern in Sigmaringen ist Prinz August Wilhelm beauftragt worden.
+ Zu dem Gesetzentwurf über daS Waffentragen wird in Berliner Blättern geschrieben: Gegenwärtig handelt es sich zunächst nur um einen Vorentwurf, der den Bundesregierungen unterbreitet ist, da diese naturgemäß sich zunächst dazu zu äußern haben. Wenn auf Grund der Stellungnahme der Bundesregierungen zum Vorenfwurf die Grundlagen für eine endgültige Vorlage gewonnen sind, wird den Jnte- reffenten noch einmal Gelegenheit gegeben werden, ihre Ansichten zu den Vorschlägen der Regierung zu sagen, bevor der Entwurf an den Bundesrat gelangt.
-j- Im eigenen Licht. In den Hauptversammlungen des sozialdemokratischen Vereins für die sechs Berliner Reichstagswahlkreise wurde an Einzelheiten in der Partei recht herbe Rritit geübt. Genosse Dittmer bedauerte, daß die Maifeier leider in den Großstädten oft zum Varivtsplunder herabgesunken sei. Ein anderer Genosse empfahl, diejenigen Parteigenosten, die sich weigerten, den Tagesverdienst vom l.Mai abzusühren, kurzerhand hinauszuwerfen. Ein Genosse warf der Fraktion vor, daß sie nicht genügend Radau gemacht habe. Dagegen war ein anderer Genosse ' der Meinung, daß man mit endlosen Schwatzereien auch nichts erreicht haben würde. Ein Genoste bemerkte, es sei traurig, daß heute in der Partei alle Ideale fehlten. Der Abg. Emanuel Wurm sagte, es komme ihm so vor, als ob eine Reihe Genossen, namentlich die jüngeren, eine Art Größenwahn bekommen hätten. Als ihm darauf zugerufen wurde: „Die Alten werden müde", fuhr er fort: „Keiner ist müde, aber wir sind keine Kinds-
Ein Jahr verging und wieder eines. Frau Annie waltete mit Fleiß und Eifer und mit hingebungsvoller Liebe in der kleinen, traulichen Villa auf der Bogenhausener Höhe. Ihr Schülerinnenkreis hatte sich verdoppelt, so daß sie eine Hilfskraft anstellen mußte; ihre Prüfungskonzerte erregten in der ganzen Stadt Aufsehen und die vornehmsten Familien vertrauten der von ihren Schülerinnen vergötterten Lehrerin ihre Töchter zur musikalischen Ausbildung an.
Ihr Schwiegervater, Leo v. Sandow, der feine liebenswürdige Kavalier, war schon zipeimal zu Besuch nach München gekommen und war stolz auf Annie. „Wir gehören zusammen", sagte er, „und wenn der Süden nicht zum Norden kommt, so muß eben der Norden zum Süden kommen und um ihn werben. Mich zieht es förmlich hierher, Annie, zu Dir, zu der genußfrohen Stadt, in der ich mich wieder verjünge!"
Tas waren dann ftohe Tage. Nur eines konnte Leo v. Sandow ihr nicht verzeihen, daß sie ihren Witwenteil nicht annahm. Darüber gab es immer einen kleinen Streit, dex mit Annies Sieg endete. „Du könntest es Dir dann leichter machen, könntest Dich schonen, einige Lehrerinnen engagieren unb ruhiger leben, behaglicher —", sagte Sandow.
„Aber ich will ja Arbeit, Papa", erwiderte sie ihm. „Sonst wäre mein Leben verfehlt und nicht zu tragen."
Er war fast ein wenig unmutig über ihren starren Eigensinn, der doch nur Charakterstärke war.
find bei seinem letzten Besuche hatte der alte Herr einen Gewaltstreich verübt. — Eine Woche nach seiner Abreise überbrachte ihr ein königl. Notar eine Kauf- und Schenkungsurkunde, in welcher sie als Besitzerin der Villa eingetragen war. Es fehlte nichts, als ihre Zustimmungserklärung durch ihre Unterschrift.
Sie erschrak und war doch zugleich erfreut über den Beweis von Liebe, den ihr Leo von Sandow gab. Er wußte, wie innig sie an dem lieben Hause bina und daß es ihr großen Kummer veruriacht
köpfe! Der größte Feind ist der Unverstand der Massen."
)( Sozialdemokratische Flunkerei. In einer von ehemaligen Fremdenlegionären einberufenen überaus zahlreich besuchten öffentlichen Volksversammlung in Köln versicherten die Redner entgegen früheren Behauptungen, daß bezahlte Werber fortgesetzt, namentlich im Rheinland und den Reichslanden, tätig sind, um junge Deutsche in die Fremdenlegion zu locken. Bei völlig ungenügender Kost habe der Legionär anstrengende Märsche durch heiße, sandige Gegenden zu leisten, wobei die vor Ermattung zusammengebrochenen Legionäre ihrer Waffen beraubt und alsdann erbarmungslos ihrem Schicksal überlasten blieben. Andere schlappgewordene Leute würden an Pferde gebunden und dadurch gezwungen, weiterzulaufen. Die Bestrafungen, die dem Legionär drohen, der sich verfehlt hat, seien überaus grau" s a m. Im Arrest seien auf einer Stube 60 Personen zusammengepfercht. Allein in 33 Paragraphen im Strafgesetzbuch laute das Urteil auf Todesstrafe. Nachdem ein Redner einen energischen Appell an die jungen Militärpflichtigen gerichtet hatte, unter keinen Umständen der französischen Fremdenlegion beizutreten, und mit den Worten schloß: „Nieder mit Frankreich, nieder mit der Republik!" brach ein Ägemeiner Tumult aus. Der Versammlungsleiter erklärte, daß die Sozialdemokratie die Bewegung gegen die Fremdenlegion inszeniert habe, worauf unter tosendem Beifall ein Versammlungsbesucher erflärte, daß es in Preußen-Deutschland beim Milst tär nicht viel besser sei. — Die dreisten Behauptungen des letzten Redners sind nichts weniger als eine echt sozialdemokratische Unverschämtheit. Daß die Sozialdemokratie die Bewegung gegen die Fremdenlegion ins Leben gerufen habe, glaubt dem Redner, bie! Genossen ausgenommen, niemand.
# So wird gelogen! Die Angabe der auf einem Artikel der ,Tägl. Rundschau' fußenden .Nationallib. Korrespondenz', in Fulda werde am Königl. Gymnasium 64 evangelischen Schülern der Unterricht in Reformationsgeschichte von einem „Eidesleister" d. i. von einem auf den sog. Modernisteneid verpflichteten katholischen Geistlichen erteilt, (Vergl. Nr. 198) erweist sich nachträglich als ein noch weit größerer Schwindel, als wir es gestern darstellten. Wie un$ nämlich von zuständiger Seite berichtet wird, erteilt der bett, geistliche Herr keinem einzigen evangelischen Schüler (!!) Unterricht in Geschichte, also weder in Reformationsgeschichte noch in neuerer Geschichte noch in mittelalterlicher noch griechisch-römischer Geschichte. Angesichts dieser unumstößlichen Tatsache muß man wirklich sagen: dreister und unverfrorener konnte wohl kaum noch von dem Gewährsmanne der ,Tägl. Rundschau' gelogen werden.
* Jubiläumsspende für die christlichen Missionen. Die evangelische Sammlung für die Nationalspende zum "Kaiserjubiläum zugunsten der christlichen Missionen ist seit der letzten Mitteilung Anfang Juli um 233 657 Mk. gestiegen. Das bisherige Endresultat beträgt 3 441170 Mark.
(*) Die RnchStagsersahwahl in Raqnit-Pillkallen, deren Ergebnis die Erhaltung des Wahlkreises im konservativen Besitz bedeutet, wird viel besprochen. Die Nationalliberalen hatten sich Hoffnung gemacht, mit Hilfe der Sozialdemokraten den „angestammten" Sitz des verstorbenen Grafen Kanitz den Konservativen zu entreißen. Daß diese unedle Spekulation mißlang, hat bei den Leidtragenden große Enttäuschung hervorgerufen, um so mehr, als sie übergroße Geldmittel aufgewandt hatten. Ein konservatives Pommersches Blatt geht mit den Nationalliberalen wegen ihrer Agitations-Art und ihrer Spekulation scharf ins Gericht. Auf konservativer Seite wird der errungene Wahlsieg als cihe Abwehr gegen den Großblock aufgesaßt, gefeiert und zur
hätte, wenn ihr gekündigt worden wäre. Nun aber konnte sie niemand vertreiben, nun hatte sie eine Heimat!
Und sie zögerte diesmal nicht lange, sie wollte den ließen alten Herrn nicht beleidigen, zumal er in einem beigefügten Schreiben so warm und herzlich bat, das Geschenk anzunehmen. Sie sah keine Erniedrigung, keine Charakterschwäche darin, wenn sie es tat, weil es ihr in Liebe und ehrlicher Freundschaft angeboten wurde, als Entschädigung für alle Leiden und alles Bsttere, das sie an Hardys Seite erduldet hatte, als eine Sühne für die an ihr begangene Schuld — und so nahm sie an und setzte ihren Namen unter das amtliche Schriftstück.
Damit reiften neue Pläne in ihr. Die Villa war zu klein geworden für ihre „Schule". Ein Anbau, ein geräumiger und hoher Musiksaal war dringendes Bedürfnis geworden, auch ein Stockwerk sollte aufgesetzt werden, das ihr bann als Wohnung dienen sollte. Jetzt konnte sie es wagen, die nötigen Summen anzulegen, konnte weiterbauen auf dem goldenen Fundament, das chr Vater gelegt hatte, konnte ihre Schule noch vornehmer ausgestalten, die Räume noch heller und freundlicher gestalten, konnte Schönheit, Licht und Sonne um sich her verbreiten.
Froh und mutig ging sie ans Werk; sreudig führte sie es zu Ende. Sie hatte neue Sorgen, neue Arbeit — aber mit der Arbeit wuchs auch ihre Kraft. Sie war in der Stadt, die sie so sehr liebte, eine künstlerische Macht geworden, von bei man mit Achtung, ja mit Bewuuberung sprach. Ströme einer neuen tierfeinerten musikalischen Kultur gingen von biefer tabfern, seltenen Frau aus unb münbeten tu ben ebelften unb besten Familien, ergossen sich m bas Herz ber Stabt.
Ihre Kunst war Leben, war lehrenbe Liebe, dar- um sanb sie so freudigen Widerhall, darum hatte sie so frischen, kräftigen Pulsschlag. —
Die Kunst stillte Frau Annies Leben aus, die Arbeit und die Sorge fiir andere gab ihm festgesteckte Grenzen, daß sich darin nicht Raum für anderes fault