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40. Zahrgang

Mittwoch den 27. Sugust 1913.

erstes Blatt.

Nr. 197.

*

Deutsches Reich.

** Die Kaisertage in Posen.

Posen steht im prangenden Festschmuck. Die große herzliche Freude über die Anwesenheit des K a t s c r- Paares und anderer zahlreicher Gäste des Hofes ist

0 Schwüle Tage.

Die Jungbrunnen der deutschen Sozialdemokratie, wie Bebel die roten Parteitage auf der wilden Dres­dener Tagung nannte, verbreiten wenig Kühle, lassen es vielmehr den Herren und Damen, die Amt oder Wahl zur Teilnahme an den Verhandlungen des roten Arcopags nötigen, immer schwüler werden. Und in diesem Jahre gibts besonders viele, denen das Herz bis zum Hals schlägt, wenn sie an den schweren Gang nach Jena denken. Diesmal ist kein Bebel mehr da, der, wenn alle Stricke zu reißen drohten, immer geschickt den Weberknoten knüpfte und drohende Spal­tungen zusammenklappte und — kleisterte. Das Pro­gramm der Jenaer Tagung weicht von den früheren nicht sonderlich ab: nur zwei Punkte springen daraus ins Auge: die Haltung der Reichstagsfraktion zum Wehrbeitrag und zum Besitzsteuergesetz und dann der Massenstreik. Die sozialdemokratische Reichstagssrak- tion hat lange genug auf ihren Rechenschaftsbericht warten lassen. Er war auch kein leichtes Stück Ar­beit, denn über seine Abfassung hat man sich in der Fraktion jedenfalls noch viel schlechter einigen kön­nen, als über die Haltung zu den großen Steuer­gesetzen, wobei nur eine 15-Stimmen-Mehrheit den Sieg der Opportunitätspolitik über die traditionlle Prinzipienpolftik davongetragen hat.

Unter den Anträgen, die sich mit der parlamenta­rischen Tätigkeit befassen, befinden sich inehrere, die vom Parteitag eine Billigung des Verhaltens der Reichstagsfraktion bei der Entscheidung ' über die Deckung der Kosten für die neue Wehrvorlage verlangen und in der großen Liste der bislang ein­gelaufenen Anträge ist nur ein Mißtrauens­votum enthalten, das die Haltung der sozialdemo­kratischen Fraftion bedauert und in ihr „einen Ver­stoß gegen einen fundamentalen sozialdemokratischen Grundsatz und einen schweren Politischen Mißgriff" erblickt. Wenn es der Reichstagsfraktion in Jena an verschiedenen recht gründlichen Kopfwaschungen auch nicht fehlen wird, so wird sie sicherlich doch mit einem blauen Auge davonkommen und die Erregung in Jena wird wahrscheinlich ungleich geringer sein als die anfängliche Entrüstung im Lande, die nach und nach auch schon verpufft ist.

Zudem ist die Rechtfertigung der Fraktion nicht ganz übel; sie weist darauf hin, daß der Wehrbeitrag in seinem innersten Wesen eine direfte Reichsein­kommen- und Vermögenssteuer sei, also die — wenn auch nicht genügende — Erfüllung einer sozialdemo­kratischen Forderung. Das Besitzsteuergesetz enthalte trotz vieler Unzulänglichkeiten auch ganz unverkennbar die Anfänge zur direkten Reichseinkommen-, Vermö­gens- und Erbschaftssteuer. Diese Steuern würden aber gerade im Programm der Partei gefordert, wäh­rend nichts darin stehe, daß der Verwendungszweck der Steuern für ihre Annahme oder Ablehnung ent­scheidend sein müsse. Warum soll die Sozialdemo­kratie nicht auch einmal so können! Es ist doch ganz gut, daß auch die staunende Gefolgschaft einmal inne wird, daß Schlagworte wie: diesem System keinen 'Mann und keinen Groschen! keine prinzipielle Be­deutung besitzen.

Der schwere Vorwurf, der die sozialdemokratische Reichstagsfraktion trifft, ist, daß sie Opportuni­tät spolitik getrieben hat und cs ist von mehr als vorübergehendem Interesse, die Stellungnahme des Parteitags hierzu zu erfahren und zu erkennen, wie weit die revisionistische Mauserung schon vorge­schritten ist. Es trifft sich dabei gut und kommt nicht von ungefähr, daß gerade von revisionistischer Seite aus die radikale Masienstreiksforderung wieder in die Massen hinausgeschleudert worden ist. Die Mas­sen st reiksdebatte wird in Jena zweifellos die wildesten Wellen werfen und dabei werden wir viel­leicht das köstliche Schauspiel erleben, daß Liebknecht und Frank brüderlich sich die Hände reichen werden und alles sich gerührt in die Arme sinken wird. Wenn dann nur die Gewerkschaftler den Mund halten wür- den, dann wäre die schönste Eintracht da, aber es scheint, daß sich in der deutschen Sozialdemokratie doch noch einige Köpfe fänden, die sich nicht blind­lings einrennen wollen. Die wilden Streiks auf den Werften bieten für die Maflenstreiksdiskussion eigent­lich keinen guten Hintergrund und Stoff genug ist da, um einer ebenso „gründlichen" Behandlung wie 1903 in Dresden dienen zu können. Aber der Stoff ist brenzlich und wenn in Jena die Regie nicht ganz gut klappen wird, dann können wir uns auf recht eindrucksvolle Vorgänge dortselbst gefaßt machen. Daß der Diassenstreiksgedanke heute m der Sozialdemo­kratie an erster Stelle marschiert, zeigen die vielen Anträge, die der Förderung der Agitation gelten und die Propagierung des Massenstreiksgedankens verlangen. „ .. _ r. . , , . .

Was sonst noch an Anträgen vorliegt, hat keme besondere Bedeutung; von 63 beziehen sich 16 auf die parlamentarische Tätigkeit, 11 auf die Agitation, 11 auf die Maifeier und 7 auf oie Cigannatwn. Da wird u. a. verlangt „eine nachhaltige Masien- bewegung zugunsten der Einführung der Arbeits­versicherung durch das Reich", Weller intensivere Auf- kläruna der weiblichen Jugend im sozianstiichen Sinne,' ferner kostenfreier Austritt aus der Landes­kirche usw. Recht ungemütlich für manche Mitglieder der Reichstagsfraktion sind Anträge aus Hamburg und Schwarzburg-Sondershausen und Rudolstadt, die recht grob verlangen, daß die Abgeordneten, die bei der Entscheidung über einen sozialdemokratischen An­trag betr. Einführung des Proportionalwahlrechts geschwänzt haben, zur Rechenschaft gezogen werden Es liegt viel Schwüle in der Luft und recht fraglich ist es, ob das Jenaer Gewitter reinigend und ab- lühlend wirken wird.

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und andere Blätter ergreifen mit unerhörter Dreistig. leit die Männer, die Portugal „regieren", an. So schreibt „Debate": 6 Millionen Portugiesen, welche hoffnungsfreudig die Republik anerkannt haben, die sie aus unerträglicher Unterdrückung retten sollte, sind unter die Krallen einer Bande, ohne die mindeste Autorität gefallen, die nur durch Schre­cken herrscht." Ter „Sozialisa" schreibt, daß unter der Monarchie die Presse größere Freiheit genoß, als unter der „Republik". Der „Intransigente" vom 2 August erklärt, daß heute in Portugal cme Schreckensregierung herrscht, die täglich Hunderte und Hunderte von unschuldigen Opfern fordert. , Die Lage der portugiesischen Arbeiterschaft ist nach einem Artikel des Sozialisten Peloso noch nie so verzwei­felt gewesen wie jetzt; die Monarchie hat die Ar­beiterschaft nie so behandelt, wie die reupblikanischen Bourgeois. Ein einziger Industriezweig blieb noch: Die Vombenfabrikation. Die finanzielle Lage ver­schlechtert fick trotz der Manöver Costas von Tag s Tag; das sind die Resultate des Triumphs der So, in Portugal,

** Wieder ein Deutscher in Mexiko ermordet. Wie aus Mexiko nach London gemeldet wird, sind dort der Deutsche Erich von Th ad en und ein Engländer namens Seymour Loughton auf einer Reise in der Nähe von Coahuaean ermordet aufgefunden worden. Beide hatten über eine Million Dollars in Banknoten bei sich, die sich nicht mehr bei ihnen vorfanden. Es liegt offenbar Raubmord vor. Die Behörden habe» bisher keine Spur von den Mördern.

Ausland.

** Oesterreich-Ungarn. Der österreichische Ge­sandte am Bukarester Hofe, Prinz F ü r st e n b e r g, ist in Ischl vom Erzherzog-Thronsolger Franz Fer­dinand in Audienz empfangen worden. Dre Nach­richt hat mit Rücksicht auf die noch immer verbreiten Gerüchte von dem bevorstehenden Rücktritt des Gra­fen Berchtold, besten Nachfolger Prinz Fürsten­berg werden soll, ziemliches Aufiehen erregt. — In militärischen Kreisen werden wiederholt auftauchende Gerüchte von dem bevorstehenden Rücktritt des General st abschefs Conrad von Hötzendorf be­stätigt. — Der englische Botschafter in Wien, Mr. Cartw right, ist zurückgetreten. An seine Stelle tritt der Botschafter in Madrid, de Bunsen. Cartwright galt als einer der schärfsten Vertreter der deutschfeindlichen englischen Diplomatie. . Dem Name wurde vor einigen Jahren wieder viel ge­nannt, als in der Wiener „Neuen Freien Presse" das aufsehenerregende Interview erschien, das dre Ab­kehr Oesterreichs vom Dreibund und einen engeren Zusammenschluß Oesterreichs und Englands empfahl. Offiziell wurde zwar in London die Autorschaft Cart- wrights geleugnet, das Dementi ist jedoch eigentlich nirgends geglaubt worden. Als nun während der Balkanwirren die deutsch-englischen Beziehungen sich sichtlich besserten, wurde auch der bevorstehende Rück­tritt Cartwrights, der nunmehr erfolgt ist, ange­kündigt.

△ Unversöhnlicher Haß entzweit die Republikaner Portugals, die ehemaligen Verbündeten gegen die monarchische Tyrannei, befehden sich heute auf Leben und Tod. Die verschiedenen Zeitungen speien Gift und Galle gegen die verschiedenen Gruppen; der „Ommido" des Ministers Gosta marschiert an der Spitze, aber auch der Debate", der „Intransigente"

mein, herangezogen werden. Auch an die Kriegs­ministerien von Bayern, Sachsen und Württemberg ist eine gleiche Eingabe gerichtet.

0 Neuregelung des Liegenschastsrechis. Berliner Blättermeldungen zufolge findet zurzeit bei der zu­ständigen Reichsbehörde eine eingehende Prüfung statt über eine gesetzliche Neuregelung gewisser Fra­gen des Liegenschaftsrechtes, auch darüber, ob dem Staate, den Gemeinden und Kommunal-Ber- bänden bei Zwangsversteigerungen ein Bork a u f s- r e ch t zuzubilligen ist. Die Fragen, die das Liegen­schaftsrecht allgemein betreffen, beanspruchen deshalb eine besondere Bedeutung, weil sie einen wesentlichen Einfluß auf das Wohnungswesen u. die Verbilligung des Grund und Bodens haben können. Zurzeit läßt sich aber noch nicht übersehen, in welchem Sinne oie Entscheidung fallen wird. Dem Vorkaufsrecht bei Zwangsversteigerungen, das vollständig neue Formen erhalten müßte, stehen erhebliche Schwierigkeiten und Bedenken entgegen. Es erscheint vor allem als sehr fraglich, ob ein derartiges Recht in dem gewünschten Sinne verbilligend auf Grund und Boden einwirken würde.

c Ausdehnung des Staatsbetriebes in den Straf­anstalten. Vor einiger Zeit hat man bekanntlich, um die Konkurrenz der Gefängnisarbeiten für das Handwerk auszuschalten und um Ersparnisse zu ma­chen, in den Strafanstalten den Versuch gemacht, das alte Militärmaterial verarbeiten zu lassen. Da sich diese Maßnahme sehr gut bewährt hat, ist jetzt dieser Betrieb im ganzen auf 6 große Stras- anstalten ausgedehnt worden. Nach einer Bestimmung des Kriegsministers wird von jetzt ab das Altmate­rial sämtlicher Armeekorps, das bisher auf dem Wege der Submission zu Schleuderpreisen verkauft wurde, den Strafanstalten zur Verarbeitung übergeben. Dem Vorgehen des preußischen Kriegsministers haben sich nun auch Sachsen, Württemberg, Baden und Elfaß- Lothringen angeschlossen. Bis zum März wurden 2 542 571 Kilogramm Altmaterial bearbeitet. Der Erlös daraus belief sich auf 1145 967 Mark.

-T- Ein Reserve-Osfizierkorps der Fliegertruppen. Seitens der deutschen Kriegsministerien ist die Bildung eines Reserve-Offizierkorps der Fliegertruppen in die Wege geleitet worden. Zurzeit bestehen zwar selb- ständige Fliegertruppen noch nicht, die Militärflieger sind gewissermaßen Bestandteile der Luftschiffer- Bataillone. Mit der Zeit werden aber wohl auch Fliegerdetachements gebildet werden unter selbstän­digen Führern. Um für diese Truppen einen Stamm für den Krieg zu schaffen, sollen möglichst viel Flieger aus der Armee, abgesehen von den abkommandrerten Fliegerosfizieren, zur Militäraviatik herangezogen werden. So ist Einjährigen aller Waffengattungen, die auf dem Gebiete der Fliegerkunst bewandert sind, gestattet worden, sich für das zweite Halbjahr zu Fliegerabteilungen abkommandieren zu lassen. Sie müssen hier ihre Fliegerprüfung ablegen und können als Fliegerosfizierc der Reserve später Verwendung finden. Auch Zweijährige, die im Flugwesen tätig sind, können bei diesen Fliegertruppen Verwendung finden. Es ist auch geplant, besonders fähigen Mechanikern der Ftugzeugbranche die Berechtigung zum einjährigen Dienste zuzuerkennen, falls sie durch eine Prüfung nachweisen, daß sie über genügende Kenntnisse der Branche verfügen, die zur Ausbildung als selbständiger Flieger genügen.

* Zustizrat Harmening t- In Meran ist der frühere Reichstagsabgcordnctc Justizrat Dr.Harmenmg. Jena im Alter von 59 Jahren gestorben. Harmenrng, ein geborener Bückeburger, war seit 1882 als Rechts­anwalt in Jena ansässig. In den ausgehenden achtziger und in den neunziger Jahren spielte er eine hervorragende politische Rolle. Von _ 1890 bis 1893 vertrat er den Wahlkreis Eisenach im Reichs­tage. Er gehörte als Abgeordneter und auch noch später der deutsch-freisinnigen und nach ihrer Spaltung der fortschrittlichen Volkspartei an. In seinen letzten Lebensjahren stand Harmening auf dem Boden Der Demokratischen Vereinigung, trat jedoch öffentlich nicht mehr hervor.

allgemein. Posen kann augenblicklich von einer wirk­lichen Wohnungsnot sprechen. Denn die außerordent- lich stattliche Anzahl der Gäste aus der Provinz hat eine UeberfüHung im wahrsten Sinne des Wortes zu­stande gebracht. Zudem hat die Stadt samt der Um­gegend auch ihre Einquartierungssorge, die man aber gern und freudig auf sich nimmt.

Die Kaiserin war schon am Montag nachmittag eingetroffen und von dem bereits anwesenden Prin­zenpaar August Wilhelm und von den Prinzen Os­kar undJoachim empfangen und herzlich begrüßt wcr- den. Der Kaiser traf am Dienstag vormittag 7 Uhr ein. Nachdem der Kaiser, der die Uniform des Regi­ments Königsjäger zu Pferde Nr. 1 trug, dem Salon­wagen entstiegen war, begrüßte er nacheinander durch Händedruck und kurze freundliche Anreden den kom­mandierenden General, den Kommandanten von Po- en, den Oberpräsidenten und den Polizeipräsidenten. Inzwischen war auch Prinzregent Ludwig seinem zweiten Salonwagen entstiegen. Er trug die Uniform seines Posener Infanterie-Regiments Nr. 47 und war begleitet von seinem Generaladjutanten General­leutnant Walther v. Walderstötten.

Als erster verließ Prinzregent Ludwig von Bayern im Automobil den Bahnhof. Darauf bestieg der Kai­ser, bei dessen Ankunft ein Salut von 33 Schuß auf dem Grolmanplatz abgefeuert worden war, sein Auto­mobil, links neben ihm nahm der Kronprinz Platz.

Vom Schlosse begab sich kurz vor 9 Uhr die Kai­serin unb kurz nach 9 Uhr der Kaiser im Automobil nach dem Paradeplatz von Lawica. Der Regen, der schon seit Mitternacht strömend niederging, hielt immer noch an. Die Truppen standen in zwei Tref­fen. Nach Abreiten der Fronten begann der Vor­beimarsch. Es fand nur einmaliger Vorbeimarsch statt wobei der Prinzregent sein Infanterie-Regi­ment und der Kaiser das Regiment Königsjäger zu Pferde vorführte. Nach der Parade kehrte die Kaise­rin zu Wagen, der Kaiser mit dem Prinzregenten und den königlichen Prinzen zu Pferde an der Spitze der Feldzeichen gegen 11 Uhr nach Posen zuruck.

Zum Kaiserbankett sind insgesamt 38 Polen ein« geladen worden, die sämtlich zusagten.

** Berlin, 26. August 1913. Dem Direktor der deutschen Luftschiffahrtsgesellschaft, Dr. Hugo Eckener, in Friedrichshafen wurde der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen.

* Besoldungsgesetz für die Postbeamten. Tas neue Besoldungsgesetz für die Postbeamten wird m „Reichsgesetzblatt" Nr. 39 veröffentlicht. Damit ist der Zweifel beseitigt worden, der Bei vielen Post­beamten herrschte, ob das Gesetz auch wirklich am 1 Oktober in Kraft treten wurde. Das Gesetz bringt für die Schaffnerklasse bei ber Reichs-Post- unb Telegraphenverwaltung statt bisher 1100, 1190, 1280, 1370, 1460, 1540, 1620, 1700 Mk. folgenbe Gehaltssätze: 1200, 1290, 1380, 1470, 1560, 1640, 1720, 1800 Mk. für die Uiitcrbeamten beim Post- museum, beim Telegraphen-Verfuchsamte, bei ber Telearaphen-Apparatwerkstatt, bei den Ober-Postdi- rektionen, beim Post-Zeitungsamte statt 1200, 1290, 1380, 1460, 1540, 1620, 1700 Mark die Satze: 1300, 1390, 1480, 1560, 1640, 1720, 1800 Mark und für die Assistentenklasfe (einschließlich Postver­walter, Burcaubeamte 2- Klasse unb Lagerverwalteri statt 1800, 2050, 2300, 2500, 2700, 2900, 3100, 3300 Mark künftig: 1800, 2100, 2350, 2600, 28d0, 3100, 3350, 3600'Mark. . .., ,

* Eine „Allcinstehenden"-Steuer. In Lübeck hat eine Kommission ber Bürgerschaft zur Begut­achtung ber Senatsvorlage über den Erlaß eures neuen Einkommensteuergesetzes der Bürgerschaft einen ganz neuen Besteuerungsmodus zur Annahme empfohlen. Ausgehend Von der Tatsache daß m Reuß ü. L. eine Junggesellensteuer emgefuhrt wor­den ist hielt es die Kommission aber tn ihrem End- urteil nicht für gerechtfertigt, bestimmte Kategorien von Alleinstehenden, z. B. die heiratsfähigen ledigen Männer, herauszugreifen. Sie wgr der Ansicht, daß, wenn die Alleinstehenden starker belastet werden sollen, diese stärkere Belastung alle zu treffen habe. Aus diesen Gründen schlägt die Kommission einstim­mig vor, im neuen Einkommensteuergesetz folgende Bestimm'ilngen aufzunehmen: ,

Ledige Steuerpflichtige, die keine Familienarigebonqen ernähren, haben bei einem Einkommen von 2100 Mark bis 10000 Mark einen Zuschlag von 10 Prozent und bei höheren Einkommen einen solchen von -v Prozent »u zahlen. Verwitwete Steuerpflichtige, tue keine Familienangehörigen ernähren, haben ber einem Ein­kommen von über 10009 Mk. emen Zuschlag von 10 Prozent zu zahlen. , ,

Die Kommission glaubte einstimmig, es fei fest zu erwarten, daß der Gedanke der stärkeren Be­lastung der Alleinstehenden ständig mehr Anklang gewinnen, binnen nicht allzu langer Zeit auch in anderen Bundesstaaten Gesetzeskraft erlangen und bann bie Steuerflucht sehr erschweren werbe. Lübeck habe jetzt Gelegenheit, im gerechteren Ausbau ferner Einkommensteuer mit gutem Beispiel voranzugehen unb einer guten Idee zum Siege zu verhelfen.

4- Die Berechtigung zum einjährigen Dienst für Handwerker. Im preußischen Kriegsministerium ist vom Deutschen Handwerker- und Gewerbekammer­tage eine Eingabe in bezug auf den Erwerb der Ein­jährigenberechtigung durch Handwerker eingegangen. Nach der Wehrordnung vom Jahre 1888 düfen kunst­verständige und mechanische Arheiter, welche in der Art ihrer Tättgkeit Hervorragendes leisten, vom Nach­weise der wissenschaftlichen Befähigung für den ein­jährigen Dienst befreit werden. Das Landgewerbe­amt hat im vergangenen Jahre den Begriff der her­vorragenden Lefftungen dahin gekennzeichnet, daß darunter eine der AllgVmeinheit zugute kommende Vervollkommnung der Technik unb ber Leistungen des Handwerks zu verstehen ist. Um eine Gleich­mäßigkeit bei der Prüfung der Bewerbungen herbei­zuführen, beantragt die Geschäftsstelle beim Kriegs­ministerium, daß in jedem Falle die gesetzlich berufe­nen Vertreter des Handwerks, die Handwerkskam-

* Ter Schutzzoll als Suudeubock.

In der Agitation, in Versammlungen und Flug­blättern der Sozialdemokratie wird mft Vorliebe der Anschein zu erwecken gesucht, als treffe das nament­lich in den letzten Jahren empfindlich sich bemerkbar machende Anziehen der Preise einer Reihe von Mit­teln des täglichen Bedarfes in erster Linie die Schutz­zollander, speziell Deutschland, während sich in Lan­dern des Freihandels die Teuerungserfcheinung wenig oder kaum bemerkbar mache. Mit diesem Märchen, das die Genossen mit Vorliebe an die Wand malen, räumt gründlich auf eine neue, eben unter dem Titel „Die Kosten der Lebenshaltung der Arbeiterklasse erschienene Untersuchung des englischen Handels­amtes, die sich an eine im Jahre 1905 vorgenommene und damals in ihren Ergebnissen veröffentlichte ähn­liche anschließt. Die jüngste Untersuchung erfaßt 88 Städte mit zusammen 19 Millionen Einwohnern.,

Die Ergebnisse dieser Untersuchung finden wir wieder im „Vorwärts" (1913, 210). In den in der Statistik herangezogeilen Städten sind die Preise der Lebensmittel und der Kohle int Kleinverkauf feit dem Jahre 1905 um 13 Prozent gestiegen. Besonders groß war die Steigerung bei folgenden Artikeln: Kar­toffeln (46,1 Proz.), Speck 32,1 Proz.), Kohle (22,5 Proz.), Käse (18,8 Proz.), Brot (15,3 Proz.) Mehl (15,1 Proz.), Eier (13,5 Proz.), einheimisches Schwei­nefleisch (12,6 Proz.), Butter (9,9 Proz.), einheimi­sches Rindfleisch (9,5 Proz.), Milch (9,4 Proz.), ein­heimisches Hammelfleisch (6,1 Proz.), importiertes Rindfleisch (9,5 Proz.), importiertes Hammelfleisch (11 Proz.). Nur der Preis des Zuckers ging um 0,2 Prozent unb ber des Tees um 3,8 Proz. herab, ^zn Bezug auf bte Preise ber Kleidung wird berichtet: „Die praktische Schlußfolgerung aus den zur Verfu- quna (tehenben Daten ist bie, baß in dem Zeitraum 1905—1912 bie Kosten ber Kleidung wahrscheinlich im Verhältnis nicht viel weniger gesttegen sind als bie ber Nahrungsmittel, der Kohle und der Miete zu­sammengenommen: die Steigerung offenbarte sich entweder in dem erhöhten Preise für denselben Arttkel oder in einer geringem Qualität zu demselben Preise."

Weiter ist bemerkenswert der Vergleich mit an­dern Ländern, den der Bericht des Handelsamtes bringt. Allerdings sind die folgenden Ziffern für den Zweck des Vergleichs nicht absolut verläßlich, du sie nicht ganz in derselben Weise gewonnen worden find. Menn men die Preise der Lebensrnittel für das Jahr 1900 gleich 100 setzt, so standen im Jahre 1912 nach den englischen Ermittlungen die Lebensmitetlpreise in den nachstehenden Ländern wie folgt: Vereinigtes Königreich 115; Oesterreich 135; Ungarn (1911) 137; Belgien 132; Frankreich 115; Deutschland (nur Ba­den) 130; Holland 123; Italien 120; Norwegen 119; Rußland (1911) 121; Bereinigte Staaten (1911) 139; Japan (1911) 138; Kanada 151; Australien 116; Neuseeland (1911) 116. — Hierbei ist zunächst zu be­merken, baß Baden andern Gebietsteilen Deutsch­lands gegenüber teilweise recht hohe Lebensmittel- Preise hat. Im übrigen: Gr o ß b rit a n n ie n ist Freihandelsland und hat nach vorstehender Statistik genau dieselben Preise wie der Hochschutz- zollstaat Frankreich (115). Belgien und Holland find ebenfalls Freihandelsländer und übertreffen mit ihren Ziffern 132 bezw. 123 wiederum Frank­reich (115) mit feinem Hochschutzzoll um em Bedeu­tendes Wie reimt sich darauf der sozialdemokratische Vers daß sich in Schutzzolländern die Teuerung fühl­barer bemerkbar mache, als in solchen Mit Frei­handel?

Solche Gedanken kommen der s^ialdemokratfichen Press.: allerdings nicht, weil sie ihr nicht in den Kram pasim, sondern sie zieht nur den Schluß, daß ange­sichts der Teuerung und den weniger erhöhten ^oy- nen von einem Ausstieg der Arbeiter Englands ,nicht die Rede ein könne. Wie wäre es, wenn uns me so­zialdemokratische Presse einmal die Frage beantwor ten wollte: tn welchem Verhältnisse zurLohnhohe überhaupt werden die Arbeiter von der Teuerung in den einzelnen Ländern getroffen? Und da wurde sich ergeben, daß die Arbeiter m dem ^utzMand Deutschland sind erheblich besser stehen, als z. B. m den Freihandelsstaaten Belgien und Holland. Trotz alledem bleibt nun einmal bei der sozmldemokratifchen Massenauswiegelung ber Schutzzoll ber Sundenbock.,