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Zuldaer Zeitung

nach Köln-Klettenberg verlegt hat, i des Priesterseminars eine A u s st e

!

mittags W1 Uhr bei günstiger Witterung im Schloß« garten statt.

— Sommertheater. Am Dienstag, den 26. August findet das Benefiz für den ausgezeichneten Komiker und Oberregisseur Herrn Robert Behn statt. Zum Benefiz hat sich Herr Robert Behn die Operette „Der Rastel- binder* von Franz Lehar ausersehen, in der er als Zwiebelhändler „Pfefferkorn" eine seiner besten Leistungen zeigen und den Zuhörern so Stunden angenehmster Unter? Haltung bieten kann.

§ Rebhühnerjagd. Am nächsten Montag, den 25. August geht in unserem Regierungsbezirk die Reb- hühnerjagd auf. Sie verspricht ein mittleres Resultat. Ein Hühnerjahr wie vor zwei Jahren werden wir diesmal nicht bekommen. Doch sind die

# Beim 47. Feldartillerie-Regiment in Fulda wurden befördert zum Leutnant mit Patent vom 19. August 1911Schack; zum Leutnant der Fähnrich N i p p r a s ch k.

§ Für den Umbau des alten Rathauses sind die Arbeiten vergeben worden. Los 1: Abbruch, Erd- und Maurerarbeiten wurden dem Bauunternehmer Jos. Kollmann hier zum Preise von 5620,50 Mk., Los 2: Steinmetzarbeiten dem Maurermeister Joh. Schmitt hier 4123,50 Mk„ Los 3: Abstützungs- und Zimmerarbeiten der Firma Ernst Kramer für 1284,50 Mk., Los 4: Trägerlieferung, der Firma C. A. Arnd zum Grundpreis von 14,79 Mk. übertragen. Die Schlosferarbeiten erhielt Schlossermeister Ad. Fleisch­mann zum Preise von 575,20 Mk. Für die Dach­deckerarbeiten erhielt die Firma Israel und für die Spenglerarbeiten die Firma Jos. Kalb den Zuschlag. Mit den Arbeiten soll Anfang nächster Woche begonnen werden.

(?) Eine größere Menge Kaiser-Zubiläumsmünzen sind bei der hiesigen Kreiskasse eingegangen. Es sind Stücke im Werte von 3 Mark. Liebhaber können diese Münzen an der Kasse eintauschen.

§ Kaninchen-Ausstellung. Die morgen vom Kaninchen- Zuchtverein Fulda in den Räumen der „Harmonie" veranstaltete Ausstellung wird insgesamt mit 167 Tieren beschickt sein. Ferner sind ausgestellt 3 Kollektionen Pelz- und Lederwaren. Zahlreiche Ehrenpreise, von denen einer von der Frau Landgräfin von Hessen ge­stiftet ist, stehen für die Preisverteilung zur Verfügung. Das Preisrichteramt hat Herr Bürckle-Hersseld über­nommen.

des Priesterseminars eine Ausstellung feuer- und diebessicherer Sakramentsgehäuse veranstaltet. Es waren da achtungswerte Leistungen der kirchlichen Kunst zu sehen. Unter den mehr oder weniger kost­baren Erzeugnissen der Schick'schen Werkstatt fand sich auch das für Oberbimbach bestimmte Taber­nakel, eine meisterliche Schöpfung. Besonders ge­lungen ist die Behandlung der Türen, die eine wür­dige Bemalung im altchristlichen Stil und reiche Verwendung von Schmucksteinen zeigen. Edel ist auch die Stickerei an den Seidenvorhängen im Innern des Gehäuses. An einem andern der ausgestellten Erzeugnisse fesselt vor allem der Schmuck durch ein­gelegte Emaillestücke, lieber die technischen Vorzüge der Schick'schen Arbeiten ist schon früher hier berichtet worden. Tie Ausstellung fand das lebhafteste Inter­esse und den Beifall der Hochwürdigsten Herren Bi­schöfe.

Lokales.

Fulda, 23. August 1913.

(!) Nachtschicht am Bahnbau.

Vom Zenith grüßen den späten Spaziergänger ,Unkelnde Sterne ohne Zahl. Das altvertraute Him­melsbild in schöner Spätsommernacht. Welch' selt-

2. Blatt.

vruck der zuldaer aditn6mdtrti in Znlda.

durchweht und die Herzen erfüllt: der deutsche Geist! Der Geist der Liebe, der Treue! Bis dahin mag noch manches Jahr vergehen. Inzwischen wollen wir uns die Hände reichen, und einen Freundschaftsbund schließen, bis ein Herzensbund daraus wird! — Gott segne dich, mein Kind!" Seine Hände ruhten auf ihrem Haupt, feine Lippen berührten ihren Scheitel.

„Und nun wollen wir noch die finanzielle Seite besprechen," fuhr Leo v. Sandow fort. „Denn es muß Klarheit zwischen uns sein — und Vertrauen- Daß du deinen Witwentcil erhältst, ist selbstverständ-

Annie erhob abwehrend die Hände. „Nein," sagte sie, „darauf verzichte ich. So wie die Verhältnisse nun einmal liegen, habe ich keinen Anspruch auf ein Erbe —"

„Doch Annie — doch! Tu bist Hardys Witwe! — Das sagt alles."

Sie schüttelte den Kopf. „Arm, wie ich gekommen bin, werde ich dieses Haus verlassen."

„Tas dulde ich nicht," rief Leo v. Sandow. „Du sollst sorgenlos leben, dir soll dein Recht werden. Ich werde dir dein Witwenteil an der Deutschen Bank anweisen —"

„Ich werde davon keinen Pfennig anrühren —"

„Aber wenn ich dich nun darum bitte, Annie!" Und wie ein weher Schrei klang cs von den Lippen des alten Herrn: „Was nützt mich denn all mein .Reichtum? Er ist mir nur ein goldenes Gefäß ohne Inhalt! — Für meinen Sohn habe ich Reichtümer angesammelt, damit er frei und unabhängig in der Welt dastehen sollte — und nun ist ihm gerade dieser Reichtum und seine Freiheit zum Fluche geworden. Ach, daß ~er wenigstens einen Erben hinterlassen hätte! — So abcr fällt mein Erbe an Fremde, mein Warne erlischt! —"

Annie erhob die Augen zu ihm. „Es war mein sehnlichster Wunsch, Mutter zu werden, vielleicht hätte das mich und Hardh wieder zusammengeführt. Aber es sollte nicht sein — und auch darum habe ich kein Recht in diesem Hause und keinen Anspruch auf ein Erbe,"

[1 Der Streit um das

Submisfionswesen.

Auf dem Handwerke- und Gewerbekammertage, Oer vor einigen Tagen in Halle stattfand, war gegen )ie an Submissionen beteiligten Behörden ein scharfer Angriff gerichtet worden. Ein Redner hatte behauptet, daß die ausführenden Behörden sich um die Ministerialerlasse, betreffend den H a n d wer­ke r s ch u tz, nicht kümmerten. Das führte zu einer ablehnenden halbamtlichen Entgegnung in der „Nord­deutschen Allg. Ztg.", welche die Auffassung vertrat, laß man es in der, Behauptung des betreffenden Red­ners mit allgemeinen, dem Gefühl entsprungenen Auslassungen zu tun habe. Demgegenüber hält Ober­meister Nahardt in Berlin, früherer preußischer Landtagsabgeodneter, seine Angiffe ausdrücklich in einer Mitteilung an ein Berliner Blatt aufrecht und begründet sie tote folgt:

„Also toir Handwerker wollen gerade als gute Monarchisten der Rechtschaffenheit den ihr gebühren­den Platz sichern. Das ist aber beim Submissions- Wesen trotz des guten Willens der an der Spitze sitzen­den Männer bisher nicht möglich gewesen. Die elften Schichten unserer Verwaltung sind über jeden Zwei­fel erhaben. Aber an anderen Stellen muß es doch stecken. Wie ist es sonst möglich, daß mit Leuten Ge­schäfte abgeschlossen werden, die mehrfach bankerott gemacht haben und deren Firma aufdenNamen der Frau geht! In Kassel z. B. erhielt ein Mensch, der achtmal vorbestraft war und zuletzt im Znchthause gesessen hatte, den Zuschlag. Und da soll die Behauptung nicht berechtigt sein, daß der reelle Handwerker keine Unterstützung findet? Ein Buch ließe sich aus dem uns vorliegenden Material schrei­ben. Nur ans der allerjüngsten Zeit will ich noch einen Fall erwähnen. Bekanntlich herrscht im Holz­gewerbe eine große Arbeitslosigkeit. Nun hatte Spandau 3000 Munitionskisten zu vergeben. Wir bewarben uns von der Handwerkskammer aus um den Auftrag. Aber wir wollten ihn zugleich dazu be­nutzen, um einmal zu sehen, wie weit die SJinge gehen. Wir nahmen uns einen Sachverständigen und beauftragten ihn, das Holz und die Nägel und den Arbeitslohn zu berechnen. Es sollte kein Pfennig verdient werden, und unser Angebot sollte nur dem Selbstkostenpreis entsprechen. Dennoch erhielten nicht wir, sondern ein anderer den Auftrag. An das Kriegsminrsterinm haben wir vor fünf Wochen uns mit einer Eingabe gewandt, bei der Ver­gebung der dltt'ch die neue Wehrvorlage notwendig gewordenen Arbeiten sich mit uns in Verbindung zu setzen. Bisher wurden wir keiner Antwort gewürdigt. Innerhalb der Verwaltungen selbst macht man sich seine eigenen Gedanken über diese Zustände. Höhere Beamte sind zu mir gekommen, um Rat zu holen, wie hier geholten werden könne. Sie mußten dann ihre Ohnmacht einsehen und mußten zusehen, wie dem Billigsten die Arbeit zugeschlagen wurde."

In Anknüpfung daran verschärft Herr Rahardt seine Aitsführungen noch:

„Unsere Kammer hat im letzten Jahr 30 000 Mk. ,für Unterrichtszwecke ausqegeben, damit die Gehilfen und jüngeren Meister kalkulieren lernen. Unter den heutigen Erfahrungen ist das Geld, so toc.it öffentliche Aufträge in Frage kommen, so gut wie zwecklos ver­tan. Aber wir Handwerker werden diesen Verhält­nissen ein Ende machen. Wir haben.den gewiegtesten Kalkulator aus dem Hochbauamt des Berliner Ma­gistrats in unsere Dienste genommen. Er wird alle ^Submissionen daraufhin nachprüfen, ob es möglich -war, zu bett Preisen, zu denen der Zuschlag erfolgte, !mit reellen Gedanken reelle Arbeit zu lie­fern. Und wir werden j_e dem Fall nachqehen und ihn, wenn er uns verdächtig erscheint, der breite­sten Oeffentlichkett übergeben. So hoffen wir end­lich, dem Handwerk, soweit es sich um Regierungs- 'öber Kommnnalbattten handelt, wenn auch keinen goldenen, so doch reellen Boden für seine Schaffens­kraft zu bereiten."

j Die Sache ist also minmcht in Fluß, und es ist mnzmrnehmen, daß die Handwerker damit auch ihr !Ziel erreichen und wenigstens verhindern werden, baß künftig bie Behörben mit Leuten Verträge ab- schließen, bie unter bett Kosten bes Rohmaterials lie- fern.

Samstag 23. August 19X3.

ersten Gelege ganz gut ausgenommen und schußfähig. Man trifft Ketten an, bereit Tiere die Größe von Staren haben. Hoffentlich werden wir vor wolken­bruchartigem Gewitterregen bewahrt, denn ein einziger genügt, sämtliche Gelege mit einem Male zu ver­nichten. Gefährliche Feinde der Gelege find auch die Sense und die Mähmaschine des Landmanns, zumal Heuer noch sehr viel Getreide auf dem Halm steht. Unzählige Gelege werden jährlich ausgemäht. Das sogenannte Massenmorden zu Beginn der Hühner­jagd ist nur zu tadeln. Wozu denn so vielen halb­erwachsenen Tierchen das Lebenslicht ausblasen? Der waidgerechte Jäger holt sich im Oktober, ja selbst im November noch volle Galgen und Schlingen.

A Abhaltung eines zweiten Obstverwertungskursus. Um besonders der ländlichen Bevölkerung die Mög­lichkeit einer Ausnutzung der diesjährigen reichen Pflaumen- und Zwetschenernte zu geben, ist beab« .sichtigt, in den Tagen vom 26. bis einschließlich 29. August an der Obstbau-Anstalt der Landwirt-'' schastskammer für den Regierungsbezirk Raffel zu Oberzwehren einen zweiten Obstverwertungskursus ab­zuhalten. Die Bedingungen sind die gleichen wie bei dem ersten Kursus, zu dem die Anmeldungen so zahl­reich eingelaufen sind, daß sie nicht alle Berücksichtigung finden konnten. Nähere Auskunft erteilt bie Obstbau- Anstalt zu Oberzwehren, an bie auch Anmeldungen zu richten sind.

A Das Elektrizitätswerk Fulda sieht sich wegen unaufschiebbarer Arbeiten am Hochspannungsleitungs­netz veranlaßt, am morgigen Sonntag in der Zeit von 6 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags den Konsu­menten einer größeren Anzahl Straßen auszu­schalten. Die betroffenen Straßen werden im heutigen Anzeigeteil namhaft gemacht.

U Noch eine unbekannte Leiche. Am 7. August ist am alten Zollhos in Frankfurt eine unbekannte männliche Leiche aus dem Main gelänbet worden. Es handelt sich um eine Person, bie etwa 30—40 Jahre alt unb 1,70 m groß, sowie langes, bunkelblondes Haar, bräunlichen stark gestutzten Schnurrbart, bunkel- blonbe Augenbrauen hatte. Die Bekleibung bestand aus einem dunkelblauen Sackanzuge, blaugestreiftem leinenem Hemde, grauen Socken und langet weiß und grün gestreifter Binde. Die Polizei sucht die Person des Toten zu ermitteln.

4- Tie Hundstage gehen heute, am 23. August, zu Ende. Was wir in diesem Jahre überhaupt von ihnen erlebten, waren ein paar warme Tage, die allerdings zusammen noch keine Woche ausmachen. Hinsichtlich der übrigen Tage kommt man auf bie Vermutung, daß bie Hundstage in biefem Jahre ihrem Namen burch „Hundewetter* Ehre zu machen bestrebt waren. Aber wir wollen uns gerne mit bem Wetter versöhnen, wenn es uns jetzt einen recht schönen Herbst beschert.

-t. „Zwischen Himmel und Erde." Gegenwärtig werden an den Stadtpfarrkirchtürmen bie Läden ge­strichen und kleinere Ausbesserungen vorgenommen. Zu diesem Zwecke muß bet betreffenbe Arbeiter auf einem Brett mittels Stricken berabgelaffen werden. Die Arbeiten werden von der Firma Diegelmann und Hau hier ausgeführt.

-X Handtücher in v-Ziigen. Infolge des großen Mißbrauchs, der mit den jetzt gelieferten kleinen leinenen Handtüchern getrieben wird, hat bet Minister bie ver­suchsweise Einführung von Handtüchern ans Papier­stoff verfügt. Einzelne Direktionen, auch bie Frank­furter, sinb mit bet Beschaffung unb Einführung bet neuen Hanbtücher beauftragt worben unb haben bereits ben Anfang gemacht. Äiit einem Paar bet Papier- Handtücher kann man bie Hänbe ganz vorzüglich ab­trocknen.

cP Durchgänger! Etwa 17 Remontepferde bes hiesigen Feld-Artillerie-Regiments, bie wie alljährlich in einem Zelte untergebracht sinb, waten gestern ausgebtochen unb trieben sich in bet Nähe bes Kasernements herum. Sie hatten bie Seine, an bet sie befestigt waten, butchbiffen unb konnten dadurch der Reihe nach die goldene Freiheit erlangen. Eine Anzahl Berittener fingen sie alsbald ein und brachten die Pferde wieder in sicheren Gewahrsam. — Zu diesen Remonten kommen noch in den nächsten Tagen 46 Ankaufspferde hinzu, welche nach dem Ausrücken des Regiments ins Manöver in den Ställen bet Batterien untergebracht werden.

-7- Ungliicksfälle. Gestern wurde bet Schreiner K. hier in der Eifenbahnhaupiwerkstätte burch ein Stück Holz, bas von bet Holzbohrmaschine abfprang, im Gesicht getroffen. Ein Zahn würbe ihm aus- geschlagen und auch sonstige leichtere Verletzungen zu­gefügt. — In einem anderen größeren Betriebe wurde am Donnerstag dem 16jährigen Arbeiter Sch. die Spitze des rechten Zeigefingers abgequetscht.

(*) Em Promenadenkonzert des Trompeterkorps unseres Feldartillerie-Regiments findet morgen vor­

Das Münchner Kindl.

74s Roman von Felix Nabor.

Leo v. Sandow war aufs tiefste erschüttert unb sagte bewegt:

„Mein Gott, du sagst mir da Dinge: von denen ich keine Ahnung hatte. Aber ich muß dir glauben, ich tociß, daß keine Lüge über deine Lippen kommt. — Du armes Kind, was mußt du gelitten haben? — Und alles Unglück und allen Schmerz hast du still unb tapfer toie eine Heldin, all die Zeit her, in dir getragen. Wir baden dich verkannt, Annie! Du hast schwer gelitten, dir ist bitteres Unrecht geschehen. Sag'- Kind — kannst du nns und dem Toten verzeihen?"

Der alte, weißhaarige Edelmann beugte das Haupt vor ihr und erfaßte bittend ihre Hände.

„Ich habe längst verziehen," ertoiderte Annie, zog ihren Schwiegervater zu sich und sank an seine Brust. Jetzt endlich löste sich aller Schmerz und alle Bitter­keit ihres Lebens in Tränen auf.

Zärtlich fuhr 16" Leo von Sandow übers Haar und über die blassen Wangen. „Weine, Kind," sprach er mit einer Stimme, die von Rührung zitterte, „weine dich ans und laß deinen Tränen freien Lauf. Vielleicht fließen auch einige davon um diesen Toten, den du einst geliebt hast, den du vielleicht jetzt noch liebst! — Und diese Tränen fallen auf seine Seele und waschen die Schuld hinweg, die er an dir began­gen hat."

Sie nickte ihm zu, trat an die Bahre heran und hauchte einen Kuß auf bie Stirne ihres Gatten. „Leb' wohl! — Schlafe im Frieden — Das ewige Licht leuchte dir. Amen."

Zwei Tränen glänzten wie schimmernde Perlen auf der Stirne des Toten. Mit rascher Bewegung zog sie den Schleier über das Gesicht und wandte, sich ji: Leo von Sandow. „Nun will ich gehen!"

„Ich begleite dich, Kind! Denn heute in dieser Stunde bist du erst recht meine Tochter geworden. Heute habe ich erst so recht dein großes, edles Herz rrkannt, als du di» größte und schönste Tugend übtest: das Verzeihen! — Ich danke dir, Annie, tausendmal

danke ich dir! — Ich habe einen Sohn verloren, aber ich habe dafür eine Tochter gewonnen! — Und ihm, dem Toten, kann ich trotz Hllem nicht zürnen. Denn er war mein Sohn, Annie — Blut von meinem Blut, Geist von meinem Geist! — Und hätten ihn Stolz und Ehrgeiz nicht zerbrochen, so wäre er einer der Größten im Reiche der Kunst geworden! — Die Macht des Schicksals — Gottes Mgcht! — ist stärker als unsere Kraft.und unser Wille. Sie zerbricht die Riesen, welche mit eherner Faust in den Himmel hin- eingreifen, um Göttern gleich, das Göttliche auf die Erde herabznholcn. Nicht an seiner Schwäche, son­dern an seiner Größe, an seinem Uebermenschentmn ging er zugrunde."

Er bot Annie seinen Arm und führte sie weg. „Komm," sagte er. „wir haben noch manches zu re­den, ehe du reisest."

Und als sie sich in seinem Arbeitszimmer gegen­über saßen, nahm er ihre Hand und bat: „Gehe nicht immer von uns, Annie! Kehre wieder zurück in die­ses Haus. Wir sind jetzt so einsam — sei du uns Tochter! — Der Schmerz wird bann leichter zu tra­gen fein, bie Wunden werden rascher vernarben, wenn du um uns bist. Vielleicht hält auch das Glück wie­der Einkehr, Annie, vielleicht lernst du wieder lächeln, und dann ist Sonnenschein in diesem Hause. Es soll anders werden, Annie! — Bisher war Hardy der Mittelpunkt unseres Kreises, in Zukunft sollst du es sein. Wir werden dich mit aller Liebe umhegen —"

Sie schüttelte traurig ben Kopf. „Es geht nicht", erwiderte sie. „Wir sind zu verschieden. Ich kann nicht Wurzel schlagen hier, kann keine Heimat fin­den."

Leo von Sandow neigte resigniert den feinen Künstlerkopf. „Es ist etwas Wahres an dem, was du sagst," erwiderte er. „Nord und Süd sind äußer­lich geeint, aber die Völkerstämme, die Charaktere sind zu verschieden, und so haben sich die Herzen noch nicht gefunden. Wir müssen uns erst verstehen lernen, das ist das große Geheimnis! Aber die Zeit muß kom­men, wo der Norden und der Süden auch im Herzen eins sind, wo die Völker Brust an Brust ruhen und Mund an Mund. Wo ein Atem das ganze Reich

famen Anblick aber gewährt heute der östliche Hori­zont, bem bet Wanberer entgegengeht! Grelle Flam­men spiegeln sich bart, dichte Dampfwolken ziehen an ihm vorüber, zeitweilig erscheint er ganz in feu­riges Rot getaucht. Unb wenn man nun weiter­schreitet auf bet Künzellerstraße, steht man gar halb an bem Punkte, wo bie Flammenspiele bes Horizonts ihren Ursprung nehmen. Der flackernde Lichtschein zahlreicher Winblichter blenbet ben Blick. Dunkel liegt bie Lanbstraße unb in umso stärkerer Beleuch­tung erscheint bet Arbeitsplatz am Bahnbamm. Wenn sich bas Auge an bie starken Reizungen gewöhnt hat, entschleiert sich allmählich ein chaotisches Treiben. Lichtersignale winken von Süben unb Norden in der Ferne. Em Flammenschein aber kriecht langsam heran, begleitet von einer weißen, flatternden Rauch­fahne: der Arbeitszug, bet sich an bie gewaltige Baggerinaschine heranbrängt, um schwere Last zu empfangen. Unb schon beginnt sich bie gewaltige Greifhanb zu regen. Dem bretternen Maschinenhaus, aus bem Feuerschein blinkt, entweichen allüberall zischende Dämpfe, ein Aechzen geht durch bie Stille bet Nacht und bann senkt sich bet Krau unb reißt bet Mutter Erbe schonungslos Wunbe auf Wunbe. Unb wähtenb bes eintönigen Schaffens bet Riesen- hanb krabbeln kleine Menschlein auf bem Gelände herum, sausen mit grellen Signallichtern nebenan Züge vorbei, stoßen die kleinen Lokomotiven wütende Pfiffe aus, sprühen Funken und hüllen zuweilen alles in Dampf ein. Auf der Brücke aber bewegen sich zahllose Neugierige. Ihre Gesichtet sind gespenstetisch beleuchtet wie bei Blitzlichtaufnahmen. Diese Blitz­lichtmenschen kauern an den Geländern und genießen das Schauspiel, wie Menschengeist die Kräfte des Dampfes zwingt und die Nacht zum Tage macht, um große Pläne zur Wirklichkeit zu führen.

(!) Gelegentlich der Bischofskonferenz hatte der Inhaber der bekannten Tabernakelbauanstalt Joseph Schick, der kürzlich sein Unternehmen von Fulda :, in einem Saale

Ans dem Nachbargebiete.

* Schlitz, 23. Ang. 1913. Beim Aufräumen von Bauschutt machte der Waldarbeiter Schmidt einen wertvollen Fund; es sind sieben gut erhaltene Goldstücke aus bet Zeit bes bteißigjährigen Krieges.

* Hofgeismar, 22. Ang. 1913. Gestern abenb ver­unglückte an bet Kurve bet Straße nach Greben­stein das A u t o m o b i l des Oberleutnants bet Reserve von Falkenhagen vom hiesigen Dragoner-Regiment. Von den fünf Insassen wurden infolge eines heftigen Anpralles an einen Baum zwei Herten und eine Dame aus dem Wagen geschleudert, ohne erhebliche Verletzungen davonzutragen. Die Gattin des Herrn von Falkenhagen jedoch wurde durch Glassplittet im Gesicht erheblich verletzt, sodaß ihre Uebetfühtung in ein Krankenhaus notwendig wurde. Das Automobil ist stark beschädigt.

* Offenbach, 23. Ang. 1913. In flegelhafter Weise hatte sich nach einem Fußballspiel der 20 jährige Anton Kaiser einem alten Manne gegenüber benommen, den er in einet Wirtschaft hänselte, ihn schwatz machte und seine Glatze obendrein mit Wichse be­schmierte. Der geriet darüber so in Wut, daß er sein Messer zog und ihm einen Stich in die Brust ver­setzte, der aber leichterer Art wär. Der alte Mann hatte sich nunmehr wegen Körperverletzung vor dem Offenbacher Schöffengericht zu verantworten, das ihn zu 40 Mk. Geldstrafe verurteilte.

k Okriftel, 22. Aug. 1913. Ein schwer mit Kohlen beladener Kahn geriet infolge eines Lecks auf Grund. Durch Pumpen hofft man ihn bis zur Entleerung über Waffer halten zu können, um ihn dann einer Frankfurter Werft zuzuführen.

« Vilbel, 22. Aug. 1913. Eine auffällige Er­scheinung zeigt seit einigen Tagen das Wasser der Nidda. Es ist auffallend rot gefärbt, den Ursprung dieser anscheinend ungefährlichen Färbung konnte man bisher nicht entdecken.

i Steinbach t. T., 22. Aug. 1913. Der hier wohn­hafte Maurer Kissel stürzte infolge der Unvorsichtig- feit eines Mitarbeiters von einem Neubau des Frank« futter Osthofens ab unb verunglückte löblich. .

A Das Taunus-Observatorium.

In bie Kette bet großen wissenschaftlichen Institute Mittel- unb Westdeutschlands wirb sich am kommenden Sonntag als jüngstes, aber überaus bedeutungsvolles Glied das Taunus-Observatorium einreihen. Es ist eigentlich eine ganze Kolonie wissenschaftlicher Beobachtungsstationen, die sich feit Jahresfrist auf bet einsamen Kuppe bes kleinen Felbbergs im Taunus angesiedelt hat unb die eine bet bebeutenbften Deutschlands zu werden verheißt. In einer Aus«! dehnung von 23000 Quadratmetern ist bas Gipfel- gelänbe vom Physikalischen Verein zu Frankfurt für längere Jahre gepachtet. Im Mittelpunkt bet bis jetzt errichteten Stationen steht bie E t b b e b e n ro a r t e, ein schlichtes Gebäude, das sich geschickt der Wald­landschaft anschmiegt. Der Raum mit ben Beobach- tungSinftrumenten ist kellerartig unb so tief gelegt, baß er den Schwankungen der Lufttemperatur ent­rückt iftj auch Feuchtigkeits- und Winbeinflüffe unb andere äußere Störungen dürfen hier als ausgeschlossen! gelten. Im Institut haben bis jetzt ein Horizontal«! penbel nach Dr. Mainka, ein Vertikalpendel nach Prof. Dt. Wiechert, Göttingen, zwei Horizontalpendel! nach Fürst Galitzin und ein Wiechertsches Nachbebens penbel, Aufstellung gefunden, ferner eine Funken- ftation, die täglich die Pariser Zeitsignale für biet Uhrenkontrolle aufnimmt. Die nach nach ber Stifterin! Baronin von Reinach, genannte Warte ist seit bem! September v. I. im Betrieb unb konnte schon mehrere wichtige Erbbeben verzeichnen, besonbers bas Nach-) beben vom 20. Juli. Zur Beobachtung ber Boden« beroegungen bei groftroetter bient ein Multithermograph,! von dessen fünf Thermometern am Mittwoch drei inj Gegenwart des Kaisers tief in bie Erbe versenkt! würben. t

Die urologische Station wirb für bie Entwicklung ber Lustschiffahrt hervorragende Bedeutung erlangen.1 Sie besteht ans einer Ballonhülle, bem Gasflaschen­lager, einer Automobildrachenwinde, einer Anzahl von Fesselballonen und Drachen samt ben Meß­instrumenten. Die Trachenwinde läuft, um ber

„Und ich beharre darauf, daß du es annimmst. Du kannst das Geld ja ruhig auf der Bank liegen las-( sen. Aber versprich mir, daß du darnach greifst, toerttt; du in Not kommen solltest —"

„Das verspreche ich."

„Dann ist's gut. Und nun komm, sage meiner Fran Lebewohl!"

Sie folgte ihm schweigend.

Als sie in Frau v. Sandows Zimmer traten, lag diese vor dem Tische auf den Knien. Die Arme hatte sie über den Teppich der Platte geworfen und ihr Gesicht darin vergraben — und lautes Schluchzen klang durch den Raum.

Annie war von diesem Anblick so erschüttert, daß auch ihr die Tränen kamen. Sie hatte geglaubt, diese stolze, kühle, königliche Fran habe kein Herz und wisse nicht, was tränen sind. Und nun sah sie sie vor sich als schwaches hilfloses Weib, als trauernde Mutter, die ihren Sohn beweinte, die mit gebrochenem Herzen nach dem Verlorenen schrie, die sich ihres Stolzes entkleidet hatte und nur mehr eine arme, zitterndes liebehungende Frau war, über deren weißem Haupte die Dornenkrone des Schmerzes schwebte.

Annie warf sich an ihrer Seite nieder und um­schlang sie mit ihren Armen. „Mutter", schrie sie, und zum erstenmale tarn der heilige Muttername in diesem Hanse von Annies Lippen. Aber ihr Ruf fand kein Echo. Stumm, kalt und abweisend erhob sich Fran v. Sandow auch in ihrem Schmerze ganz Köni­gin, und ihre Blicke sagten: „Warum überfallt ihr mich? Ich will allein sein mit meinem Leid."

Der Abschied war kurz: diese beiden Frauen hatten: sich wahrlich nichts mehr zu sagen.

Lev v. Sandow brachte Annie znm Bahnhof und verließ sie erst, als er sie in einem reservierten Abteil erster Klasse gut untergebracht wußte.

Als er sie zum letztenmale auf die Stirne küßte, sagte er: „Du nimmst einen Teil meines Herzens mit dir nach dem Süden."

(Fortsetzung folgt.)