2. Matt.
druck öcr Zutdaer Actiendruccrei in Jnlba.
Zuldaer Zeitung. •=•
Lokaler.
Fulda, 22. August 1913.
-i- Tie Bifchofskonfereuz ist, rote von uns äuge- Lndigt wurde, gestern abend um 1/a7 Uhr mit der Schlußandacht in der üblichen Weise zu Ende ge- gangen. Die Hochwürdigsten Herren haben unsere Stadt zum größten Teile bereits wieder ver.assen.
a) Die Gräfin Bose'sche Stiftung setzt ein Zins- rrträgnis von 53 Mark für Lehrer der Dörfer und kleineren Landstädte der.ehemaligen Provinz Fulda, welche sich während einer Dienstzeit von 10 Jahren durch gewiffenhafte Pflichterfüllung ausgezeichnet haben, auS. Im Jahre 1913 ist ein evangelischer Lehrer zu berücksichngen. Das Zinserträgnis vergibt der Magistrat zu Fulda. Die Gesuche sind bis zum 15. September d. Js. an den zuständigen Kreisschulinspektor zu richten, der dieselben an den Magistrat weiterreicht.
V Tie Ausgrabungen am Domplatz. Einen namhaften Beitrag zu den Unkosten der Ausgrabungen aufhemDomplatze steuerte der Fuldaer Geschichts- verein bei. Es ist bereits ein beträchtlicher Teil der Grundmauern der Johanneskapelle der alten Stiftskirche sreigelegt.
(!) Ein Jubiläum kann morgen, am 23. August die Rhönbahn Fulda—Gersfeld feiern. Denn vor 25 Jahren, am 23. August 1888, wurde diese Strecke zum erstenmale von einem Dampfroß bis zur Endstation befahren. Großer Jubel entstand damals in Gersfeld, als der festlich geschmückte Zug — die Maschine trug die Aufschrift: ,Es lebe die Rhönbahn" — von Fulda her dort einlief. Allerdings schob sich die Uebergabe der Bahn in den allgemeinen Verkehr noch bis zum 1. Oktober hinaus, wie denn überhaupt dieser Bahnbau gar mannigfache Verzögerungen erlitten hatte. Seine erste Projektierung war schon im Jahre 1881 erfolgt. Mit dem Bau wurde 1886 begonnen. Welch' große wirtschaftlichen und ideellen Vorteile man sich von der neuen Bahnlinie damals versprach, ging aus den Begrüßungsfeiern und Festreden hervor, die bei Gelegenheit der offiziellen Betriebseröffnung auf den einzelnen Stationen vorfielen. Nun, die Gersfelder Bahn hat, ebenso wie die ein Jahr später eröffnete zweite Rhönbahn Fulda—Tann die Erwartungen reichlich erfüllt. Sie ist die vorzüglichste Ursache gewesen, daß neuerdings auch die Rhön Anteil an der „Fremden-Jndustrie" erlangt hat, die heute für alle landschaftlich bevorzugten Gegenden so wichtig geworden ist. Welche Bedeutung dieser Bahn für die erholungs. bedürftigen Fuldaer zukommt, zeigt ein Blick auf die dichten Scharen, die an jedem Sommersonntag-Abend dem Rhön-Bähnle zu entströmen pflegen. Interessant ist es jedoch, festzustellen, daß eine der vor 25 Jahren an dieBahnlinieFulda—Gersfeld geknüpftenHoffnungen auch heute noch nicht erfüllt ist: nämlich ihre Verbindung mit der Bischofsheim—Neustädter Bah n. Nach dem heutigen Stand der Dinge würde eS sehr kühn sein, wollte man diese Verbindung für das 50jährige Jubiläum der Rhönbahn in sichere Aussicht stellen.
hwk. Geselle»- und Gehilfinnenprüfunge» 1913. In nächster Zeit finden die diesjährigen Herbst-Gesellen« und Gehilfinnenprüfungen statt. An denselben können sämtliche-in der Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember 1913 auslernenden Lehrlinge und Lehrmädchen teilnehmen. Die Anmeldungen müssen bis zum 1. September d. I. entweder an die Vorsitzenden der Prüfungsausschüsse, die bei der Handwerkskammer und deren Beauftragten zu erfahren sind oder an die Handwerkskammer selbst eingereicht werden. Denselben sind beizufügen: 1. Ein kurzer, selbstgeschrie- bmer"Lebenslaus des Prüflings; 2. das Lehrzeugnis des Lehrmeisters; 3. sonstige Zeugnisse aus der Volks-, gortbildungs- oder Fachschule; 4. der Lehrvertrag >zw. der Nachweis über die erfolgte Eintragung in die Lehrlingsrolle der Kammer, der zuständigen Innung oder Vereinigung. Besondere Aufforderungen fettens der Kammer an die Lehrmeister, die Lehrlinge zur Ablegung der Prüfung anzuhalten, ergehen nicht mehr, weil im § 131c Abs. 1 der Reichsgewerbeord- uung diese Pflicht bei Vermeidung der Bestrafung nach § 148 Ziffer 9b der Reichsgewerbeordnung (Geldstrafe bis 150 Mk. oder Haft bis zu 4 Wochen) allen Lehrmeistern und Lehrmeisterinnen auferlegt worden ist. Die Kammer wird daher jede Zuwiderhandlung gegen die gesetzlichen Bestimmungen verfolgen. Es wird noch besonders an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß denjenigen Lehrlingen, die sich der Prüfung entziehen, empfindliche Nachteile in
Pas Münchner Kindl.
73] Roman von Felix Nabor.
Schwarze Schleier wallten jetzt wie Trauerfahnen von den Wänden, Blumen und Kränze schmückten das letzte Lager des blassen, stillen Mannes. —
Im Hause herrschte so tiefe Trauer, als ob ein König hier aufgebahrt läge — oder ein Feldherr, der in siegreicher Schlacht den Heldentod gefunden hat!
Frau v. Sandow glich in ihrem Schmerze einer zu Stein erstarrten Niobe und ward noch königlicher und unnahbarer als zuvor; wenn sie an der Leiche ihres Sohnes saß und ihre Hand auf seine kalte Stirn legte, sah sie aus, als trauere sie um ein verlorenes Königreich.
Leo v. Sandow streichelte die starren Hände des Toten und dabei liefen ihm die Tränen über die Wangen. Sein Schmerz war so furchtbar, daß er wußte, er würde ihn sein Leben lang nicht verwinden. Denn der hier stumm und bleich zwischen Blumen lag, das war der Erbe seines Stammes und seiner Kunst! — Mit ihm sank der letzte Sprosse eines stolzen Adels- und Künstlergeschlechtes ins Grab, mit ihm erlosch die Linie Sandow, die sich von märkischen Sandbaronen zu königlichen Bauherren emporgeschwungen hatten — ja, wirklich: zu Königen im Reiche der Kunst!
Daß gerade diese Hand, die berufen war, so geniale Werke in die Welt hineinzustellen, erstarren mußte, das war das Furchtbarste, was ihn treffen konnte. Mit ihm starb sein Ruhm, erlosch sein Name ;— nichts blieb von aller irdischen Herrlichkeit übrig als eine Hand voll Staub!
i ■ Vanitatum vanitas!' dachte der alte Herr mit bett weißen Haaren und blickte in die erstarrten Züge »feines Sohnes. „Und alles ist Eitelkeit! —
t Es war ihm manches unklar und unverständlich im Leben seines Sohnes, aber jetzt war der Mund, der ihm hätte Aufschluß geben können, für immer Verstummt und er stand vor dunklen Rätseln. — r Am Abend, als die elektrischen Lampen über dem Toten leuchteten, trat Annie in das Gemach und legte einen schlanken Lilienstengel mit fünf großen, feuchtenden, schneeweißen Blüten auf die Brust des Toten.
war das Sinnbild ihrer eigenen Liebe, die sie
ihrem Fortkommen erwachsen und daß sie auch nach dem Lehrvertrage zur Ablegung der Prüfung an- gehaltcn werden können.
E Zwangsversteigerung. Im Wege der gerichtlichen Zwangsversteigerung wurde das Haus Leipzigerstraße Nr. 4 (das ehemalige Heim der Barmherzigen Brüder) verkauft. Das gesamte Anwesen war eingetragen auf die Namen der Bauunternehmer Klemens Hendler und August Gärtner, sowie auf den des Fuhrwerks« besitzers Joh. Kollmann hier. x>er Wert des ganzen Anwesens ist eingesckätzt auf 36000 Mark. Mit zu übernehmen sind 28000 Mk. an Hypotheken. Das Höchstgebot mit 1450 Mk. gab ad der Bauunternehmer Hendler hier; somit beträgt der Gesamtpreis des Anwesens jetzt 29450 Mark.
[] Wichtig für Veranstalter von Gegenstandslotterien! Wir machen darauf aufmerksam, daß nach Anordnung des Obeipräsidenten zu Kassel Anträge auf Veranstaltung von Gegenstandslotteri-n innerhalb der Provinz Hessen-Nassau (Reg.-Amtsbl. von 1908 S. 262), bis spätestens zum 1. Oktober des vorhergehenden Jahres an den Regierungs-Präsidenten einzureichen sind. Anträge auf Genehmigung der für das Jahr 1914 geplanten Gegenstandslotterien sind also, soweit die Lotterien im Regierungsbezirk Kassel veranstaltet werden sollen, bis zum 1. Oktober dieses Jahres dem Oberpräsidenten zu stellen. Später eingehende Anträge werden nut in dringenden Ausnahme- fällen berücksichtigt. Den Gesuchen ist der vorgeschriebene Verlosungsplan in dreifacher Ausfertigung beizufügen.
X Auf den Streckeil der preutzijch-heffischen Staats- bahnen und der meisten übrigen deutschen Bahnen werden die Mitglieder der Krieger-, Militär« und Veteranenvereine, der freiwilligen Sanitätskolonnen, der Samaritervereine vom Roten Kreuz und der Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger im Kriege vom Roten Kreuz, die sich an den Erinnerungsfeiern der Völkerschlacht bei Lei pzig beteiligen, vom 15. bis 22. Oktober 1913 in E l- und Personenzügen von der Heimatstatiou nach Leipzig und zurück in dritter Klaffe zum Preise von 1,75 Pfennig für das Taristilometer befördert. Die Fahrkarten sind spätestens bis zum 15. September bei der Fahrkartenausgabe der Zugangsstation unter Angabe des gewünschten tarifmäßigen Reiseweges und des Reisetages zu bestellen. Die Fahrausweise werden a) für Mitglieder bet Militär-, Krieger- und Veteranenvereine nur gegen Vorlage einer vom Vorsitzenden des Vereins, b. für Mitglieder von Sanitätskolonnen, Samaritervereinen vom Roten Kreuz und der Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger im Kriege vom Roten Kreuz nur gegen Vorlage einer nach Genehmigung des zuständigen Territorialdelegierten aus- geferiigten Bescheinigung der anerkannten Landesverbände ausgegeben. Die Vergünstigung wir den Angehörigen der oben bezeichneten Personen nicht gewährt.
E Arbeitsjubiläum. Der Werkmeister A. Harz hier konnte gestern auf eine 25 jährige Tätigkeit in dem Fuldaer Stanz- und Emaillirwerk von F. C. Bellmger zurückblicken. Dem Jubilar wurden zahlreiche Ehrungen zu teil.
[] Wer ist der Tote? Die Polizeidirektion ersucht uns, darauf aufmerksam zu machen, daß am 2. August auf dem Staatsgüterbahnhof in Frankfurt a. M. die Leiche eines unbekannten jungen Mannes aufgefunden wurde. Der Kopf war vom Rumpfe getrennt. Die Leiche ist photographiert und daktyloskopiert worden. Der Tote muß etwa 20—22 Jahre alt gewesen fein, war 1,65 Meter groß, schlank, hatte braunes, krauses Haar, kleinen bräunlichen Schnurrbart, dunkelblonde Augenbrauen, Stumpfnase, der rechte Unterarm war mit Anker, Rettungsring und Tau tätowiert. Er war bekleidet mit dunkelkarriertem S ickrock, dunkel gestreifter Hose, braunem weichen Filzhut.
-M. Postbestelluug von Zeitungen. Aus den Kreisen der Zeuungsverleger wird neuerdings über unpünktliche Beförderung und Zustellung der durch die Post vertriebenen und der als Drucksachen versandten Zeitungen und Zeitschriften geklagt. Das Reichs- postamt hat jetzt die Postanstalten angewiesen, das beteiligte Personal insbesondere die bestellenden Boten, durch nachdrückliche Ueberwachung zu sorgfältiger Behandlung der bezeichneten Sendungen anzuhalten.
# Unglückssälle. Bei dem Bahnhofserweiterungsbau an der Künzellerstraße geriet gestern abend gegen 7 Uhr ein Arbeiter mit dem Arm zwischen die Puffer einer kleinen Lokomotive und eines Wagens. Er erlitt einen Bruch des Handgelenks und zog sich noch eine heftig blutende Wunde zu. Der Verunglückte
wurde in das Landkrankenhaus gebracht. — Der Dlaschinenbau-Eleve K. aus Geisa, hier wohnhaft, zog sich gestern durch Sturz in der Eisenbahn- Hauptwerkstätte eine Sehnenverzerrung zu. Er mußte nach seiner Wohnung gefahren werden. — Ter 28 jährige Maschinenputzer M. von Harmerz, ebenfalls in der Eisenbahn-Hauptwerkstätle, erlitt durch Sturz in eine Grube einige leichtere Verletzungen.
(?) Schwalbennester als Verbreiterinnen der — Wanzen. In der Tagung des heffischen Vogelschutzoereins za Offenbach wurde von verschiedenen Seiten mitgeteilt, daß man in Schwalbennestern wiederholt Wanzen gesunden habe. Die vorgetegten Tiere wurden von anwesenden Professoren als Hauswanzen^ erkannt. Doch gaben die Herren gleichzeitig die Erklärung ab, daß ein Grund zur Beunruhigung absolut nicht vor- tiege, da es sich im vorliegenden Falle um eine besondere Abart der im allgemeinen nicht beliebten Familie „Wanze" handelt.
& Papierkörbe — keine Mülleimer. An den Eingängen zu den drei städtischen Frcedhöten sind Behälter aufgestellt mit der Aufschrift „Papierkorb". Ein unschöner Anblick kommt nun aber dadurch zu Stande, wenn gerade kein Ausseher in der Nähe ist, alle möglichen Abfälle (alte Kränze, Sträuße, Unkraut usw.) in diese Behälter hineinpraktiziert werden. Am besten hätten diese Behälter, wie sonst vielfach üblich, eine Bedachung erhalten, die den Inhalt verbirgt. Durch die angebrachten Einwürfe kann dann nur Papier hineingeschoben werden.
2Iu$ dem Uachbarqebiete.
-r. Nenenberg, 20. Aug. 1913. Die Wirtschaft „Zum Kaiser Friedrich" hier übernimmt vom 1. September ab der Metzgergeselle Georg Henning von Fulda. Er hat das Anwesen zum Preise von unge- säht 26.000 Mark käuflich erworben.
-i- Burghaun (Kr. Hünfeld), 21. August. In der vergangenen Nacht wurde im Güterbahnhof Frankfurt Ost dem ledigen Rangierer Zöll aus Burghaun der linke Fuß abgefahren.
* Lauterbach, 21. Ang. 1913. Die Sucht nach Abenteuern veranlaßte nach dem,L. A/ int vorigen Jahre einen hiesigen jungen Mann, mit einem erheblichen Betrage einkassterter Vereinsgeldet das Weite zu suchen und in die Fremdenlegion einzutreten. Er wurde aber an der Grenze erfaßt und wegen Unterschlagung und Fahnenflucht mit zusammen 8 Monaten Gefängnis bestraft. In diesem Jahre wurde er nun zur Fußartillerie ausgehoben. Die erlittene Strafe scheint aber keine Wirkung auf ihn ausgeübt zu haben, denn nach einem an seine Angehörigen gelangten Briefe hat er seine Neigung, in die Fremdenlegion einzutreten, dennoch durchgesetzt und befindet sich jetzt als Legionär in Nordafrika.
• Schlüchtern, 21. Aug. 1913. Der Landrat gibt amtlich bekannt: Um den Obstzüchtern für die in diesem Jahre reichlich vorhandenen Zwetswen annehmbare Verkaufspreise zu sichern, ist der Kreisgärtner bereit, Verkäufe an Privatkäuser, Händler, Konservenfabriken usw. zu vermitieln. Hierzu muß er aber vorher wissen, welche Zwelschenmengen im Kreise verkäuflich sind. Ich fordere daher alle diejenigen, welche sich dieser Vermittlung bedienen wollen, aut, dem Kreisgärtner Wüstenhagen in Herolz die abzugebenden Zwetschenmengen mitzuteilen. Die vom Deutschen Pomologen-Verein festgesetzten Mindeopreise sind für dieses Jahr folgende: 1) Gepflückte Zwetschen: a) Gepflückte beste sortierte Korbware 50 Kg. 6 Mk., b) gepflückte unsortierte Zwetschen waggonweise je nach Verabredung 50 Kg. 4.50 Ml. 2. Geschüttelte Zwetschsn: a) Für Musbereitung usw. waggonweise 50 Kg. 3.50 Mk., dürfen nicht geplatzt sein und beim Versand nicht lecken; b) Preßzwetschen 50 Kg. 2.50 Mk. Unter diesem Preise sollten nach Ansicht des deutschen Pomologenvereins keine Zwetschen abgegeben werden. Frühzwetschen haben jetzt einen Preis von 50 Kg. 18 Mark.
* Burgsinn, 21. Aug. 1913. Der durch den angeschossenen Keiler schwer verwundete Gras Imre Koruis, Schwager des Frhrn. v. Thü- bittgen. mußte in tie Rotekreuzklinik nach Würzburg übergefüm! werden, da die Verletzungen gefährlicher Natur find
* Bad Orb, 21. Aug. 1913. Wegen M eineids wurden, wie schon kurz gemeldet, nicht weniger wie sieben junge geute, vier Burschen und drei Mädchen, aus Bad Orb verhaftet und in das Hanauer Land- gerichtsgesängnis eingeliefert. Die Ursachen dieser Maffenverhaftung sind in einer Schlägerei, die sich anläßlich einer Festlichkeit in Bad Orb abspielte, zu suchen. Ein junger Bursche war bereit, für die Zahlung von 50 Mark die ganze Schuld auf sich zu
dem Gatten geweiht hatte und die rein und keusch gewesen war wie eine Lilie. —
Mit gefalteten Händen, in schlichtem, dunklem Kleide stand sie da und starrte auf die Stelle, wo Hardys Gesicht unter einem weißen Schleier ruhte. Keine Träne stand in ihren brennenden Augen, denn ihr Her; schien tot zu fein, aber ein kaltes Erschauern ging durch ihren Leib. Sie gedachte der großen, tiefen Liebe, die sie mit diesem Mann einst verbunden hatte. Was war davon geblieben? — Ein Grab und ein armes, gequältes, verlassenes Menschenherz! —
Ta trat Seo v. Sandow zu ihr und legte seine Hand auf ihren Arm. „Annie — willst du fein Gesicht sehen?"
Sie zuckte erschrocken zusammen. „Nein — ich kann nicht," erwiderte sie. „Er hat mir zu wehe getan und ich habe sein Bild ausgelöscht in meinem Herzen. Ich will Abschied nehmen, denn ich reise heute nacht noch nach München."
„Was sagst du?" ries Herr v. Sandow. „Bist du von Sinnen? — Tu willst nicht an der Bestattung deines Gatten teilnehmen?"
„Nein, mich ruft ein Telegramm unverzüglich nach München. Meinem Vater ist ein Unglück äuge- stoßen, vielleicht liegt er schon int Sterben."
„Ein neues Unglück? — Tas ist entsetzlich! — Aber was du mir da sagtest, du seiest Hardys Gattin nicht mehr, das verstehe ich nicht, das ist ja Wahnsinn !"
„Es ist die Wahrheit, Papa! —• Und um seinetwillen und um meinetwillen mußt du die Wahrheit erfahren, so bitter sie auch ist." Sie holte tief Atem, als müßte sie damit die ganze Tiefe ihres Unglücks erschöpfen und sagte mit leiser, bebender Stimme: „Es war seit langem ein Riß in unserer Ehe, es lag eine Kluft zwischen uns. Hardy hielt mich für zu klein und unbedeutend, um ihm bei seinem stolzen Höhenflüge folgen zu können. Daher schob er mich beiseite, entzog mir seine Liebe und fein Vertrauen. Wir haben uns eines Tages darüber ausgefvrochen und er war damit einverstanden, daß ich ihn —• verlasse!"
„Ist das Wahrheit?"
„Ich spreche nie eine Lüge aus, das solltest du doch wissen."
„Verzeih', Annie! — Das alles ist mir so unfaß
bar und neu, daß ich ganz verwirrt bin. Ich selbst weiß ja, welch' stolze, herrische und selbstbewußte Natur er war und daß er alles zertrat, was klein und ihm im Wege war. Aber ich hätte nie gedacht, daß er dich so verkannt! — Ja, er war ein stolzer Geist, strebte immer nach dem Höchsten. Ich bewunderte ihn oft im stillen ob seiner beispiellosen Energie und Tatkraft; aber in letzter Zeit graute mir beinahe vor seinen tollkühnen und verwegenen Plänen, und ich hatte die Empfindung, als ob ein Dämon hinter ihm her sei, der ihm diese Gedanken einflüsterte. Ich kann ihn nicht mehr um Antwort fragen und stehe vor einem neuen dunklen Rätsel."
„Ich will es dir lösen!"
„Du? — War in feinem Leben wirklich ein Geheimnis? — Kennst du es?" ,
„Ja — ich kenne den Dämon seines Lebens! — Er nannte ihn allerdings mit anderem Namen: seinen Genius! — feine Muse! —"
„Ach, was du sagst! — Ich staune! — Ich glaube dir, Annie, aber ich möchte doch die Beweise hören." Er erfaßte ihre Hand und führte sie nahe zu bem Katafalk. „Im Angesichte dieses Toten", sprach er, „bitte ich dich, Annie: sage mir offen die Wahrheit!" Er schlug den weißen Schleier zurück, daß Hardys spitzes Gesicht gespenstisch aus den Blumen hervorblickte.
Als Annie diese blassen, eingefallenen Wangen und das starre Auge des Toten sah. wichen Zorn und Bitterkeit und sie fühlte nur Mitleid. „Armer, armer Mann!" sagte sie. „Du warst ein tollkühner Himmelsstürmer, aber deine Kraft zerbrach an deiner eigenen Schwäche, an deiner Herzensarmut und an dem Mangel an Glauben und Gottvertrauen. Dein Stolz zersplitterte an dem goldenen Schild der Allmacht Gottes und du mußtest deinen Ehrgeiz, ein Ikarus zu sein, mit dem Leben bezahlen. Nicht Liebe, wie ich sie dir bot, war die Triebfeder deines Lebens, sondern unbezähmbarer Ehrgeiz, die glühende Sehnsucht nach Ruhm und Ehren! Das Weib aber, das dieses Feuer in dir schürte, hat dein Leben auf ihrem Gewissen —"
„Was sagst du? — Ein Weib?"
„Ja," nickte Annie, „ein Weib: feine Muse, sein Genius! — Ich sage: fein Dämon!"
„Wer ist dieses Weib?"
„Die Fürstin Ilona v. Ostrawitz!"
Freitag 22. August 1915.
nehmen. Das Schöffengericht in Bad Orb ließ den jungen Helden aber mit keiner Geldstrafe davon- kommen, sondern erkannte auf drei Monate Gefängnis. Jetzt waren ihm die 50 Mark als „Vergütung" zu gering. Als er nicht mehr erhietl, zeigte der Bursche feine Freunde an, die sich nun in der nächsten Schwurgerichtsperiode wegen wiffent« licken Meineids zu verantworten haben.
o. Soden a. T, 21. Aug. 1913. Um einen besseren wirtschaftlichen Nutzen aus dem Bade» und Kurbetrieb zu erzielen, plant die Gemeinde die Verpachtung der gesamten Anlagen an eine Gesellschaft. Ein Angebot liegt bereits vor.
(!) Frankfurt a. M., 22. Aug. 1913. Die an der hiesigen Handelsakademie bestehende Studentenverbindung Haff o-Nasfovia ist anläßlich der Tagung des Kartell-Verbandes (C- V.) der katholischen deutschen Studentenverbindungen (farbentragend) in diesen Verband ausgenommen worden. tUlit der Eröffnung der Universität Frankfurt wird hier auch der Verband der katholischen Studentenvereine (K. V.) durch den Studentenverein „Staufia" vertreten sein.
i Königstein, 21. August 1913. Ein höherer Schüler und zwei Arbeiter bespritzten einen Hund mit Benzin und zündeten dieses dann an. Das arme Tier erlitt erhebliche Brandwunden. Die leichtsinnigen Burschen tarnen zur Anzeige.
♦ Efchtmge, 21. Aug. 1913. Mit den Vorarbeiten zum Bau des Seminars ist bereits begonnen worden. Die Anstalt wird auf dem Gelände zwischen der Dünzebacherstraße und der Bergschlößchenbrauerei errichtet. Mit dem Bau selbst wird voraussichtlich im nächsten Jahre begonnen. '
* Gießen, 21. Aug. 1913. Wiederholt sind, wie der Gieß Anz. berichtet, im Schlachthof kleinere Fleischdieb st ähle vorgekommen. Vor einigen Monaten wurde ein junger Bursche dabei betroffen, daß er aus einem seinem Meister nicht gehörenden Tier ein Herz ausschnitt. Die Strafkammer verurteilte den jungen Menschen wegen Diebstahls zu 14 Tagen Gefängnis. Aber die Entwendungen von Fleisch hörten int Schlachthof nicht auf u. es entstand, da es sich meistens um kleinere Portionen handelte, schließlich der Verdacht, daß ein Beamter für seinen Privatgebrauch Fleischstücke sich aneignete. Jetzt hat sich nun ein einwandfreier Zeuge gefunden, der einen Meistersohn, der es wahrhaftig nicht nötig hat, dabei abfaßte, wie er ein Stück Halsfleisch von einem fremöen Rind abschnitt und zum Transport in das Geschäft seines Vaters auf dem in der Halle haltenden Wagen verlud. Er veranlaßte den Sieb, den er übrigens schon wiederholt bei ähnlichem Tun beobachtet hat, das Fleisch wieder herauszugeben, wozu dieses sich auch bereitfinden ließ, indem er drohend verlangte, der Zeuge solle über das, was er gesehen habe, den Mund halten. Empört aber hat dieser seine. Wahrnehmungen einem Beamten des Schlachthofes' erzählt. Der Fall wurde zur weiteren Veranlassung, der Bürgermeisterei mitgeteilt. Die Beamten des Schlachthofes atmen natürlich erleichtert auf.
* Bad Kiffingen, 21. Aug. 1913. Der Armeeinspekteur der 4. Armeeinspektion, Prinz Rupprecht, trifft morgen hier ein und begibt sich zur Inspektion des 18 Jnf.-Reg. auf den Truppenübungsplatz Hammelburg. — Hofrat Dr. Jungengel in Bamberg ersteigerte um 145 000 Mk. das Bankier Hanauersche Anwesen, Seelbergstr. 2.
* Kreuznach, 21. Aug. 1913. Bei der Parade der Veteranen und Kriegervereinler vor dem Kaiser bet der Einweihung des Denkmals des „Jägers aus Kur Pfalz" sprach der Kaiser, wie die „K. V." meldet, einen biederen, mit dem Eisernen Kreuz geschmückten Bauer vom Hunsrück an und fragte ihn, wo er gedient habe. Der Veteran/ der anscheinend schwerhörig war, verstand den Kaiser nicht und fragte landläufig: „He?" Aus die zweite Frage erfolgte dann die Antwort: „Was?" Erst als der schwerhörige Veteran aufgeklärt war, erwiderte er: „E i, bei d e Auguscht a." (Er meinte das Koblenzer Garderegiment Kaiserin Augusta.) Ter Kaiser frug den Veteran weiter, wo er den Orden her habe. Da erwiderte der Brave in seinem Hunsrücker Deutsch: „Ei, bun Ihn e."
d Friedberg, 21. Aug. 1913. Seit etlichen Wochen befinden sich im Kreise zahlreiche falsche Fünfmark stücke im Umlauf, die das Bild Kaiser Wilhelm II. mit der Jahreszahl 1907 tragen. Die falschen Münzen sind so geschickt nachgeahmt, daß sie nur sehr schwer von den echten zu unterscheiden sind. Von den Fälschern bat man noch keine Spur.
„Mein Gott — ist das wahr?"
„Ja — er hat es mir selbst eingestanden. Ich habe es selbst gehört —"
„Und du hast darüber geschwiegen? — Warum hast du davon nicht zu mir gesprochen?"
„Durste ich denn reden? — Hättet ihr mir Glau-, heu geschenkt? — Ich war doch immer nur eine’ Fremde in diesem Hause!"
„Und wie entdecktest du das Geheimnis?"
Ich wollte Hardp beweisen, wie sehr ich ihn liebe, wie hoch ich seine Kunst schätzte. Mit Sorbeer und Gold wollte ich dieses Bild auf der Staffelei krönen. Als ich ahnungslos in das Atelier treten wollte, sah ich dort, auf derselben Stelle, wo jetzt die Bahre ftefrL Hardy auf den Knien vor der Fürstin Ilona! —■
„Entsetzlich! — Und du tratest nicht zwischen sie?"
„Nein. Ich ging unbemerkt davon — aber ich hatte den Tod im Herzen. Anfangs glaubte ich an einen Treubruch, an ein Liebesspiel zwischen der Für" stin und Hardy. aber er selbst leugnete dies — und ich schenkte ihm Glauben. Ich klage ihn nicht an —n ich verzeihe ihm! Ich glaube nicht, daß er in Siebe zu der Fürstin entbrannt war. vielmehr sah er in ihr eine hohe Gönnerin seiner Kunst, fand in ihr den gleichen exzentrischen Geist, wie es der seine war, das gleiche tolle Streben nach Außerordentlichem Unerreichbarem — und so schloß er mit ihr einen Freund-! schastsbund, der vielleicht rein und ohne Sünde, aber doch voller Gefahren war. Mich kostete dieser Bund mein ganzes Glück — denn Hardy entzog mir fein Vertrauen und schenkte es einer anderen, die ihn immer wieder anspornte, wie ein Reiter ein feuriges Roß. die ihn immer aufs neue zu neuen, tollkühnen Toten drängte. Tas tat webe, das schmerzte unsäglich; wenn ein Weib das Vertrauen ihres Gatten nich. mehr besitzt, so wird auch die Liebe und mit ibn das Glück schwinden: denn Liebe und Vertrauen sind die goldenen Säulen einer glücklichen Ehe! Zerbricht die eine, so geht auch die andere — und mit ihr das Glück — in Trümmer! — Damit war unsere Ehe innerlich zerbrochen — und ich gab ihn frei! Nicht in Zorn und Bitternis trennten sich die Herzen, wohl aber in heißem Schmerze, in bitterem Harme. — Er war kalt und ruhig dabei — ich aber drohte daran zu verbluten. Nun steht fein Herz stille — Friede ihm! —" (Fortsetzung folgt.)