Einzelbild herunterladen
 

5 1. r,

?

e

IS L

l

Fuldaer Zel

trfdjdnt tflgfld) mn Ausnahme oer 5oim- und Stiertage. viertel- ~ - tOocf) en-Beilage: z s ' s s ITlonats-Behage: s *

lahrüdjer Bezugspreis ohne Bringtrlobn unb Beltellgtlb in Sulba IUustrlerie §0NNtagS2ettUNg \ Zuldller SeschichtsblLtter fowie auswärts 1.50 Mark. Rotationsörudi und vertag der 3 * ' ' *

- - gulbaer flctienbrudteref in $ulba. Zemsprecher tlr. 9. : z r. Ziehungslisten ber preußisch-süddeutsche» Klaffen-Lotterie- — halbjährlich Taschenfahrplan, b

nnielgen: Per Reuk einer einspaMgen loloneheNe, 4T em breit, kostet 15 Pfg. Reklamen: Per Raum einer Colonel)eile, 74 mm breit, kostet 40 Pfg. Bei tDieöerholungen Rabatt $0r Offert- und fiustun(lon)eigrn 20 Pf. extra. Jn Konkursfällcn wirb der bewilligte Rabatt hinfällig. Crfüllunpsort für öas Cm- klagen aon Forderungen Ist Hulda. Pnfeigen-flnr.ahme bis JO Uhr oormittags. :: - Größere flnfeicen erbitten wir uns tags vorher. :: 3

Donnerstag den 21. August 1913.

Erftes Blatt.

Nr. 192.

40. Zahrgang.

60. Generalversammlung

der Katholiken Deutschlands.

Vierter Tag — Mittwoch.

X Metz, 20. August 1913.

Der Mittwoch wurde eingeleitet durch ein Requiem für die verstorbenen Mitglieder der Gene­ralversammlungen in der Kathedrale. Das schöne Wetter, das den Katholikentag bisher begünstigt hat, ist seit heute Nacht leider einem kühlen, regnerischen Wetter gewichen.

Di« Allgemeine Mifsionsversammlung am Mittwoch morgen war sehr gut besucht. Auf der Präsidialtribünee find u. a. anwesend die Hochwürdigsten Bischöfe Benzler uno Slllgeyer, sowie Präsident Fürst Löwenstein. Monsignore Dr. Müller-Simonis, Straßburg, eröffnet die Versammlung mit dem katholischen Gruß und fährt dann fort: Die Rednerkommission hat einen Vertreter aus dem Elsaß als Vorsitzenden dieser Ver­sammlung bestimmt. Damit hat sie sicher die Aner­kennung der Katholiken zum Ausdruck bringen wollen für die Verdienste des E'saß auf dem Gebiete der Miffion. (Bei'all.! Hat doch daS Elsaß eine große Anzahl Arbeiter in die Mission geschickt, es amtieren meines Wissens heute nicht weniger als zehn Missione- dischöfe aus dem Elsaß (lebh. Beifall). Redner gedenkt dann noch der Verdienste des Fürsten Löwenstein und namentlich deS Prof. Dr. Echmidlin-Münster um die Miffionssache und heißt den Hochwmdigsten Bischof Benzler in der Versammlung ehrerbietigst willkommen (lebhafter Beifall). Endlich teilte er noch mit, daß auf ein Huldigungstelegramm des Vereins der Missions- damen an den hl. Vater folgendes Antworttele­gramm eingegangen ist: .Der hl. Vater, von der Huldigung der Missionsdamen tief gerührt, segnet sie von ganzen Herzen und bittet zu Gott dem Allmächtigen, er möge ihre Arbeit segnen." (Lebh. Beifall.)

Sodann erhält daS Wort Generalleutnant z. D. Frhr. ernt Steinäcker, Berlin. Jn packender, oft von lebhaftem Beifall unterbrochener Rede führt er etwa folgende Gedanken aus: Die Missionsspende der deut­schen Katholiken zum Regierungsjubiläum unseres Kai­sers hat ihren Hauptwert darin, daß sie ein mächtiger Arnried für weitere Arbeit im Missionswerk geworden ist. Sie wird das Interesse für unsere Missionen leben­diger machen. Das tut bitter Not. An der Spitze teS gesamten Missionswerkes steht die religiöse Tätigkeit. Der Missionar weiß, die Religion ist die Fürstin aller Erziehungsfaktoren. Damit verbindet er eine zweite Aufgabe, eine allgemeine Kulturtätig, leit Als wichtigstes Mittel für beide Zwecke, religiöse und kulturelle Entwicklung, dient die S ch u l e. Durch die Schule nach christlichen Grundsätzen allein können die Missionare ein neues Geschlecht erziehen. In engem Anschluß daran entfaltet sich eine reiche, unablässige und in alle Lebensverhältnisse eindringende karitative Tätigkeit. Mission und Kolonisation müssen Hand in Hand gehen, um das Höchstmögliche zu erreichen, genau wie Staat und Kirche in der Heimat. Der Standpunkt derer, die den Missionen nur soweit eine Berechtigung zugestehen, als sie den kolonisatorischen Zwecken nützen, ist ein beschränkter, unchristlicher, für den Katholiken un­haltbarer Standpunkt. Das wesentlichste, was die Ko. lonialpolitik der Missionierung verdankt, ist die Erzie­hung zur Arbeit: dann aber auch eine innere, seelische Umgestaltung des Heiden, die allein ihn befähigt, die durch die europäische Kultur ihm übermittelten höheren Güter ohne Schaden sich anzueignen. Mit Stolz können wir feststellen, daß die katholischen Missionen Gewaltiges geschaffen. Zum Lohn für ihre opfervolle Tätigkeit müssen wir unseren Missionaren danken, indem wir sie unterstützen durch Gebet, durch Geld, indem wir neue Missionare heranbildcn, kurz alles tun, das Missionswerk zu unterstützen und zu fördern. (Lebh. Beifall.)

Alsdann richtete der Hochw. Bischof Benzler, stür­misch begrüßt, folgende Ansprache an die Versammlung: ES gibt kaum einen Gegenstand, der dem Katholiken teurer, sympathischer wäre, al? die Mis­sionen. Verdanken wir alle es doch dem Missions­werk unserer heiligen Kirche, daß wir den Glauben haben, daß wir katholisch sind. Darum ist die Förde­rung des Missionswerkes für uns eine Pflicht der höch­sten Dankbarkeit. Der ■ Missionar ist ein guter Hirte, ein Bote, ein Gesandter des Herrn, schön ist sein Be­ruf auch durch den Inhalt seiner Botschaft. Christi Wahrheit, Christi Gnade und Liebe bringt er den armen Heiden. Es ist der Preis des kostbaren Blutes, den er ihnen anbietet; ihre Seelen sollen gerettet, geheiligt, fürs ewige Leben gewonnen werden. Fürwahr, herrlich ist daS Werk, dem sie sich widmen; sichern wir uns einen großen Anteil an demselben durch Gebet, Almosen, Ein. treten für die Missionssache, wo und wie wir können. Vieles und Großes geschieht für die Missionen. Aber zweifellos kann und muß noch Größeres geleistet wer­den. Möge das katholisch- Deutschland im großen Mis. sionSwerke der Kirche immer mehr den Platz einnehmen, bet ihm gebührt. Ich darf Sie bitten, hochwürdigste Herren, mit mir auf die Missionsbestrebungen der deut­schen Katholiken GotteS reichsten Segen herabzuflehen.

Knieend empfängt die Versammlung den bischöflichen Gegen und bricht dann in begeisterten Beifall aus.

Als letzter Redner erhält das Wort Pater Dionysius Ortfiefer-Köln: Im fernen Osten haben sich in den letz­ten Jahren große Veränderungen vollzogen. China be­findet sich in gährender Bewegung: mit Gewalt dringen europäische Ideen ins Land, das Riesen reich ist jetzt auch vor die große Frage gestellt: welchen Gott sollen wir verehren. Mit dem Bann des früheren Gotzenkultus ist heute schon gebrochen. Die relrgrose Freiheit bricht sich auch in China Bahn. Das Land beginnt zu beten, öffentliche Gebete werden anbefohlen, die Tempel stehen leer! Der Ruf nach dem Gott der Christen wird laut. (Lebh. Beifall.) Ganze Dörfer flehen um einen Kate­cheten, um einen Missionar. Wenn ein Volk von Millio­nen nach Führern ruft, dann können wir deutlichen Ka­tholiken nicht zurückbleiben. UnS mutz ein Bangen be­fallen, daß die anders gl äubigen Mrssionsge. meinschaften unS zuvorkommen. Der Opfermut der evangelischen Missionare ist groß. Riesig find die Summen, die in die chinesischen evangelischen Missionen fliehen. Wann wird China dte erste ka­tholische Universität bekommen? Dre Evan­gelischen haben schon vier, und zwei weitere sind im Entstehen. Bedeutsam ist für uns auch die Frage der Mittel, und Volksschulen. ES fehlen Lehrer dort. Wil­len wir deutschen Katholiken nicht sorgen, daß China ka­tholische Lehrerseminare erhält? (Lebh. Beifall.) DaS chinesische Reich bedarf auch der Kaiochumenate, wo die Heiden auf die hl. Taufe vorbereitet werden können. Und wie sehr find die katholischen Waisenhäuser von nöten! ES geht da« Sehnen nach Wahrheit und Licht nick» das Mrllicmenvolk in China, Sollten wir deut­

schen Katholiken uns nicht bereit finden- den Suchenden den Weg zu weisen? Zeigen wir uns opfer, freudig, haben wir Verständnis für die große Sache, damit wir uns später nicht den Vorwurf machen müs- sen, unseren Anteil an Christi Herrschaft in China ver­gessen zu haben. (Lebh. Beifall.) Wie dankbar müs­sen wir denen sein, die den Missionsgedanken in unsere akademische Jugend hineingetragen haben. (Lebh. Bei­fall.) Jn einem norwegischen Blatte wurde einmal an­geregt, eine Abstinentenwoche zu veranstalten, um das Ersparte Polarfahrern zuzuwendcn. Wir Katholiken Deutschlands könnten in China eine katholische' Univer­sität gründen, wenn wir den Mut hätten, für diesen hohen Zweck eine Abstinentenwoche zu halten. (Stürm. Beifall.) Ich möchte, daß etwas von der Liebe des hl. Bernhard, zur Kirche uns ergreife, er hat den Kreuzzug gepredigt; wir wollen zum Kreuzzug der Liebe ausziehen. Bewahren wir deutfchen Katholiken unseren Ehrenplatz tn China. Die Deutschen an die Front! (Stürm, andauernder Beifall.)

Der Vorsitzende mahnte hierauf, jetzt auch Taten folgen zu lasfen. Vor allem müssen Kräfte gesammelt und organisiert werden; wir wollen dem Rufe des Für­sten Löwenstein, unserem General auf dem Gebiete der Missionstätigkeit, folgen und ihm versprechen, täglich ein Vaterunser für ihn und sein Wirken zu beten.

Stürmisch begrüßt dankt Präsident Fürst Löwenstein für die Gabe des Gebetes und macht alsdann Mitteilung von dem endgültigen Ergebnis der Jubiläums­spende der deutschen Katholiken. Danach haben auf­gebracht die Diözefen Augsburg 58 900; Bamberg 10 700; Berlin 24 000; Breslau 163 200 (Bravo!); Kulm 9900; Dresden 12 500; Eichstädt 14100; Ermland 19 900; Freiburg 172 700 (Bravo!); Fulda 9500; Gnesen- Posen 11500; Hildesheim 10 400; Köln 108 700 (Bravo!); Limburg 36 800; Mainz 13 000; Metz 11 4(10; München 44 000; Münster 87 500; Osnabrück 20 500; Paderborn 190 000 (lebh. Beifall); Pafsau 14 000; Re­gensburg 74 000; Rvttenburg 143 000 (Bravo!); Speyer 14 300; Straßburg 6 000; Trier 83 600 (Bravo!); Würz­burg 16 900; kacholische Militärgemeinden 3 600; Ver­eine und Gesellschaften 12 300; Ausländer 4 300 Mk. Das macht mit Zinsen bis zum 1. Juli und Abrechnung der geringen Unkosten insgesamt 1414 615 Mark. (Lebh. Beifall.)

Der Vorsitzende schließt darauf die Versammlung mit dem katholischen Gruß.

Vierte geschloffene Versammlung.

Die 4. geschlossene Versammlung wird vom 2. Vize­präsidenten Trunk mit dem katholischen Gruß eröffnet. Vor Eintritt tn die Tagesordnung erhält das Wort Geh. Justizrat Dr. Porsch: Am letzten Montag haben die Ver­bände der farbentragenden und der nichtfar­bentragenden Studenten am Denkmal Kaiser Wilhelms Kränze niedergelegt. Die Zeitung „Messin" behauptet nun, der Vertreter der nichtfarbentragenden Studenten habe bei dieser Gelegenheit in seiner An­sprache einen Satz ausgesprochen, der für den französi­schen Teil im höchsten Grade beleidigend gewesen sei, und weiter heißt es: „die katholische Presse habe merkwür­digerweise von dem Zwischenfall keine Notiz genommen, anscheinend, um jede unangenehme Erörterung zu ber. meiden." Ich kann als Teilnehmer dieser patriotischen Manifestation feststellen, daß die katholische Presse von diesem „Zwischenfall" deshalb keine Kenntnis genommen hat. weil dieser Zwischenfall überhaupt nicht stattgefun­den hat. (Lebh. Hört, hört! und Sehr richtig.) Die Worte, die der Redner der nichtfarbentragenden Studen. ten geäußert haben soll, hat er nicht gesagt, und er hat nicht mal einen Satz gesprochen, der in seiner Verdre­hung so gedeutet werden könnte, wie er im „Messin" steht. Ich habe den Text der Ansprache hier und stelle ihn zur Durchsicht zur Verfügung. Ich erkläre ferner, daß auch von dem Vertreter der farbentragenden Stu­denten nichts gesagt ist, was irgendwie so herumgedreht werden könnte, wie im „Messin" behauptet ist. Es han­delt sich also um eine glatte Erfindung. Die pa­triotischen Ansprachen trugen, wie das in unserem Lande Sitte ist, eine lediglich patriotische Form ohne jede Ver­letzung einer anderen Nation. Ich habe das hier fest- gestellt, nicht um unsere katholische akademische Jugend gegenüber einem französischen Blatte zu entschuldigen, sondern um im Interesse der Wahrheit Tatsachen fest­zustellen. (Lebh. Beifall.)

Hierauf wird über die Anträge betreffend die A b - w a n d e r u n g in die Städte und die CaritaS- 6 i If c in d er Seelsorge beraten, lieber die Ver­handlungen des Ausschusses berichtet Generaldirektor Dr. Pieper. Er stellt fest, daß die katholische Kirche große Verluste durch die Binnenwanderung erleidet. 1907 wurde ermittelt daß von den 5% Millionen Bewohnern der 40 deutschen Großstädte 4 Millionen nicht in ihrem Wohnort geboren waren. Es besteht die Gefahr, daß der katholische Volksteil langsam aber sicher durch die Binnenwanderung dezimiert wird. Die Anträge emp­fehlen einen allgemeinen Kampf gegen das Schlafstellen­unwesen und zwar durch die Schaffung von Ledigen­heimen und Wohnungsnachweisen, weiter die Bildung von Ausschüssen in Stadt und Land zum Studium die­ses komplizierten Problems und zur Schaffung von prak­tischen Hilfseinrichtungen. Msgr. Dr. Werthmann-Frei- burg legt die vom Caritasverband aufgestellt Grund­sätze dar, nach denen die Mitglieder der katholischen Ver­eine in stetem Einvernehmen mit den kirchlichen Auto­ritäten für die Seelsorge, insbesondere für die Heran­ziehung der Zugewanderten wirken können. Es wird empfohlen in jeder Pfarrei ein Kartenregister für die zu- wandernde Bevölkerung anzulegen und diese auszunutzen für die Standesorganisationen religiöser und sozialer Art. Abg. GieSberts empfiehlt als besonders wirksam die Schaffung von Ledigenheimen. An den Bahnhöfen und anderen öffentlichen Stellen sdlle man in Plakaten Hinweisen auf die Wohnungsvermittlung für die männ­liche vom Lande zuwandernde Jugend. Auf den Arbeits­stätten müsse durch Vertrauensleute dahin gewirkt wer­den, daß die Zugewanderten sich den katholischen Arbei­tervereinen und christlicheri Gewerkschaften anschtießen. Pfarrer Dr. Maxen-Hannover lenkt die Aufmerksamkeit auf die gerade jetzt in Metz veranstaltete Ausstellung der Caritashilfe, die ein reichliches Studienmaterial bie­tet. Der inzwischen in der Versammlung erscheinende Bischof Dr. von Faulhaber wird von der Versamm­lung stürmisch begrüßt. Präses Maier-München Betont besonders die Notwendigkeit, die Zuwandernden in reli­giöser Beziehung zu stützen. Jn der Regel setze die Ar. beit in der Stadt da meistens zu spät ein. Der Hebel müsse schon auf dem Lande angesetzt werden. Man müsse dort besonders wissen, daß es keine Arbeit in der Stadt gebe ohne gewerkschaftliche Organisation, daß aber der Beitritt zur freien Gewerkschaft der Anfang vom Ende fei. Der Anschluß an die christlichen Gewerkschaf­ten fei, daS sage er lediglich als Seelsorger, eine Not­wendigkeit. ES müßten alle Kräfte eingefetzt werden, um zu retten, was au retten sei. (Lebh. Beifall.) .Prä­

sident Trunk: Der Vorredner hat sich darüber geäußert, wie man sich organisieren soll. I chbitte die folgenden Redner, sich über diese Frage nicht weiter zu äußern. Msgr. Schweitzer teilt mit, daß der Verband der katho­lischen Gesellenvereine eine Verwaltungsstelle für Lau. fachen eingerichtet habe, die allen, die Ledigenheime et- richten wollten, kostenlos Rar und Auskunft gebe. (Lebh. Sief all.) Dr. Fleischer-Berlin erklärt, daß er dem Wunsche des Präsidenten über die Frage, wie die ka­tholischen Arbeiter sich organisieren sollten, aus der De­batte auszuschalfcn, Nachkommen werde. Er brauche da nur Bezug zu nehmen auf die bedeutungsvollen Worte des Fürsten Löwenstein; auf diesem Standpunkt stehe auch er. (Beifall.) Die Wanderfürsorge müsse schon auf dem Lande selber angjefaßt werden. Der Ar­beiter solle sich schon hier durch den Beitritt zur Kran­ken-, Sterbe- und Unterftützungskasse. deren Leistungen sichern. Abg. Gicsberts führt aus, der Kartellverband der katholischen Arbeitervereine Deutschlands werde ge­rade dieser Frage seine besondere Sorge zu. Auch auf dem Lande müßten katholische Arbeitervereine errichtet werden. Die Versicherungsfrage sei zweifellos von her­vorragender Bedeutung. Dem Versuch der Sozialdemo­kratie, durch ihre Volksversicherung aufs flache Land zu kommen, müsse durch eine geeignete Agitation für andere Versicherungen begegnet werden. (Beifall.)

Die Anträge zur Frage der Binnenwanderung und caritativen Seelsorge werden hierauf einstimmig ange­nommen. — Der 2. Antrag des sozialen Ausschusses be­handelt die weibliche Jugendpflege. Er for­dern dazu auf, die bestehenden Jugendvereinigungen weiter auszubauen und durch praktische Mitarbeit und finanzielle Unterstützung zu fördern, namentlich die in manchen Orten bestehenden katholischen Jugendausschüsse sollen ihre Tätigkeit auf die weibliche Jugend ausdeh- nen. Der Antrag wird nach kurzer Begründung durch Dr. Müller-M.Gladbach angenommen. — Sodann wer­den die Weiterberatungen vertagt.

Dritte öffentliche Versammlung.

Die dritte öffentliche Versammlung wies wieder einen guten Besuch auf. Von den Hochw. Bischöfen waren er- schienen Bischof Benzler, Dr. .Fritzen, Koppes und von Hähling. Den Vorsitz führte Vizepräsident Trunk, der die Versammlung mit dem katholischen Gruß eröffnete. Er erteilte sodann das Wort dem Hochw. Herrn Weih- brschof von Hähling-Paderborn. Er spricht über das Thema:

Die deutschen Katholiken und ihre Glau­bensbrüder in der Diaspora.

Die Diaspora, das Arbeitsgebiet des Bonifatius- vereins, ist ungeheuer groß. Die Reichslande sind über­wiegend katholisch, sie haben aber auch im Unterolsaß ihre Diaspora. Baden hat seine Diaspora, Württem­berg ist bloß zu einem Drittel katholisch. In Preußen stehen vier überwiegend kanholischen Provinzen acht andere gegenüber, die überwiegend protestantisch, somit Diaspora sind. Die kleineren Bundesstaaten sind für uns sämtlich Diaspora; Diaspora ist das ganze König­reich Sachsen, Diaspova ist die skandinavische Halbinsel, Diaspora ist ein großer £eil der Schweiz. Oesterrench- Ungarn hat feine Diaspora in Ungarn, Bosnien und der Herzegowina; auch das katholische Bayern hat eine große Diaspora in den Bistümern Bamberg, Eichstätt, Würzburg, Augsburg und Speyer. Da liegt Nürn­berg, umwoben von des alten Reiches Glanz und Herrlichkeit, mit der Lorenz- und Sebalduskirche und ihren andachfatmenden Kunstschätzen aus katholischer Zeit. Nürnberg ist jetzt eine Diasporastadt mit all der geistigen Not und Vereinsamung des einzelnen trotz der 104 000 Katholiken, die es zählt, und zu denen alle Jahre 4000 neue hinzukommen. Obschon mehrere neue Kirchen gebaut sind, fehlt es an Gotteshäusern und Priestern, ist es nur einem Bruchteil der Gläubigen möglich, am Sonntage dem Gottesdienste beizuwohnen. Eine ganze Vorstadt im Bezirke Sankt Leonhard- Schweinau mit über 6000 Katholiken entbehrt noch ganz des Segens von Gotteshaus und Gottesdienst. Drau­ßen im Osten der Stadt, in Gleishammer und Zerba- belshof jammert das arme Volk über den weiten Kirch­weg und ruft laut nadj seinem Gott in feiner Mitte. Tausende werden dem religiösen Leben entfremdet. Die Freidenkeragitation arbeitet mit Hochdruck, ein Komitee „Konfessionslos" betreibt planmäßig den Austritt aus der Kirche. Und trotzdem gibt es Leute, die in Krämpfe fallen wollten, als es sich darum handelte, für Nürn­berg ein Franzi skauerklo ft er zu errichten. (Hört, hört!)

Ich meine, verehrte Anwesende, wir sprechen von hier aus den Nürnbergern unsere herzliche Freude dar­über aus, daß ihr Wunsch erfüllt wird, und die Söhne des hl. Franziskus zu segensreicher Wirksamkeit hof­fentlich bald bei ihnen einziehen werden. (Lebh. Seif.)

Wir kommen ins Königreich Sachfen, wo die Not der Katholiken geradezu riesengroß -geworden ist. Jn Sachsen ist Mangel an Arbeitskräften, und deshalb drängt und schiebt es heran von Westen und Osten. Tausende von Glaubensgenossen sind darunter. Kann der Bischof ihnen sofort einen Seelsorger senden, so ist vieles gerettet. Kann er es aber nicht — und in wie- bielen Fällen muß er sich namentlich wegen Mangels an Geld darauf beschränken, betend und seufzend die Hände zu falten, — fo ist es um ihren Glauben ge­schehen, und die Heerscharen des Unglaübens und des Umsturzes sind um neue Anhänger bereichert. Aue. in einem der Arbeiterzentren des Königreichs gelegen, bedarf mit feinen 3400 Katholiken notwendig einer Kirche. Nur 200 Schulkinder kommen zum Unterrichte, wo 500 kommen müßten, alles übrige geht verloren. M i tw eid a mit 2000 Katholiken und 250 kachol. Kin­dern ist ohne Schule; ebenso Riesa mit 200 Kindern, die 4000 Katholiken von L e i p z i g - G o hl i s sind ohne Kirche. Nach Sachsen ziehen in besonders großer Zahl katholische Bavern, ebenso wie in die Kaiserstadt am Main, nach F r a n l fu r t, das, stets ein Emporium des Handels, eine jährlich wachsende Zahl bon Katho­liken nach sich zieht. Frankfurt gehört zu jenen Städten, in denen unsere Kirche durch die gemischten Ehen ge­radezu unheimliche Verluste erleidet, wo deshalb eine besonders eingehende Seelsorge nottut. Wir haben die begründete frohe Zuversicht, daß dem Bonifafiusverein in Bayern, wo er bis vor kurzem nahezu unbekannt war, eine besonders fegensreiche Zukunft beschieden sein werde, (Beifall.) daß in nächster Frist Nord und Süd sich die Hand reichen werden zu gemeinsamer, energi­scher Arbeit. Wir sind Überzeugt, es wird freudigen Widerhall finden im ganzen bayerischen Volke, wenn eS heißt: wir Bayern organisieren uns im Bonifatiusver- etn, und was wir aufbringen können an großen und kleinen Gaben, das werfen wir zunächst nach Nürnberg, nach Frankfurt und ins Königreicki Sachsen. Es gibt schon manche Distrikte, in denen für geordnete Seel­sorge nach jahrelanger Verwaisung gesorgt werden konnte. Ich erinnere bloß an das Mansfelder Land, ht dem jetzt jeder Katholik nach seinem Glauben leben kann. Wohlan denn. ..ihr lieben Freunde und

Freundinnen, die ihr innerhalb der blau-weißen Grenz­pfähle wohnt, entzündet ein heiliges Feuer der Liebe und Begeisterung, das den ganzen Süben, ergreife, daß alle sich zusammen tun, um bald, in absehbarer Zeit, den Kindern das Brot zu brechen, nach dem sie bis jetzt vergeblich rufen!

Man hat das Begonnene Jahrhundert das Jahrhun­dert des Kindes genannt, aber die K: der der Diaspora werden arme Kinder auch vorläufig bleiben. Zuerst ein paar Zahlen, die ich Ihnen nicht ersparen kann. Sie sind bisher unwidersprochen geblieben. In Preu­ßen gehen bloß 17 700 protestannche Kinder in katho­lische Schulen; dagegen gehen 80 000 katholische Kinder in protestantische Schulen. (Hort! hort!) Ist das nicht ein Mißverhältnis, das zum größ­ten Nachdenken auf fordert? Und woher kommt das? Nicht bloß daher, weil es sich um Diaspovagebiete han­delt, in denen selbstredend weniger katholische Schulen zu finden sind, sondern namentlich auch von der uns, tief kränkenden Intoleranz, die man uns vieler­orts entgegenBringt. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir behaupten, daß auf kathol. S e 11 e rund 800 Schulen allein in Preußen fehle n. Im Königreich Sachsen sind 3465 katholische Kinder ohne jeden Religionsunterricht, und was das schlimmste ist, Kinder, die bis zum 12. Jahre keinen katholi­schen Religionsunterricht genossen ha- ben. müssen in Sachsen protestantisch werden, auch wenn Vater und Mutter katholisch sind. (Hort! hört!) Sollte man das für möglich halten im 20. Jahrhundert? Und das im Deutschen Reich? Gibt es denn einen schmerzlicheren Eingriff in feie Freiheit des Gewissens als diese? Wir Ka­tholiken mißgönnen unfern evangelischen Mitbürgern auch da, wo sie sich in der Minderheit befinden, gewiß nicht die Wohltat der Konfessionsschule, eine Wohltat, deren Wert wir im höchsten Maße zu schätzen wissen. Wenn aber z. B. protestantische Schulen auf Kosten der katholischen Gemeindeverwaltungen errichtet sind, tn Bestwig für 15 Kinder, in Burgwaldniel für 10 bis 12, in Callerheistert für 12, in Haigerloch für 21, in Ma­rienmünster für 9 Kinder und ähnlich an vielen ande­ren katholischen Orten, dagegen in Adlershof 100 katho­lische Kinder, in Bückgen 115, in Bredow bei Stettin 86, in Rahmedetal 75, in Sprockhörei 58, in Zipsendors 63 ,in Delitzsch 78, in Wittenberg 111 ganz ohne katho lische Schule oder auf eine Privatschule an­gewiesen sind, so kann uns niemand verdenken, daß wir zwischen solchen Verhältnissen die Parallele ziehen und uns benachteiligt und zurückgesetzt fühlen. (Sehr richtig!) Und wie schwierig ist es, die Kinder in einer entfernten katholischen Schule un» terzubringen! Eisenbahnkarten haben bloß für größere Kinder Zweck. Jn 3E. versuchte man es auch mit den kleineren; aber weinend und verschlafen kamen sie durch den Schnee und gingen den andern Tag wieder zur protestantischen Schule. Jn Stendal hatte der Pfar­rer dieses Jahr 34 Schulkinder von Weihnachten bis Ostern in seinem Hause. Es waren Erstkommunikan. ten. Mehrere hatten überhaupt noch keinen Religions­unterricht genossen, für einige war es der einzige Re­ligionsunterricht, den sie überhaupt in ihrem Leben er­halten haben und erhalten werden. (Hort, hort!) Uni nun, werte Anwesenden, vergegenwärtigen Sie sich gütigst die geistige Not dieser Kinder In welcher Umgebung sind sie ausgewachsen! Nach der ersten heil Komnnmion kehren sie in dieselbe Atmosphäre zurück. Was sie um sich herum sehen und hören masten, ist wahrlich nicht dazu angetan, sie auf der Bahn des Rech­ten zu erhalten. Von den Großstädten, die heute mehr oder minder alle Diaspora sind, wollen wir gar nicht reden. Aus was die Landbevölkerung angeht, nennt die Statistik in sittlicher Beziehung traurige Zahlen. Ein grenzenloser Leichtsinn, ein Abgang von höheren Inter, offen, eine gähnende Bedürfnislosigkeit in religiöser Beziehung verbunden mit einer Mißachtung ber Sonn­tagsheiligung, wie sie stellenweise gang und gäbe sind, ziehen die jungen Katholiken fast mit Gewalt in ihren Bann. Wollen die jungen Katholiken heiraten, wie sei- ten findet sich eine standesgemäße Versorgung in der eigenen Konfession! Und dann wird wieder eine ge- mischte Ehe geschlossen und meistens nicht im katholi­schen Gotteshause, und der vielbedrängte Seelsorger lieft Betrübt in der Zeitung, wie wieder eines seiner Schäflein der schützenden Hürde den Rücken gekehrt hat.

Ich stehe hier im Namen der deutschen Katholiken der Diaspora, ich stehe hier im Namen ihrer armen Kin­der, den Glaubensgenossen des ganzen Deutschland ihre Anliegen vorzuiragen, die sicher nicht minder wichtig und weltbewegend sind, als irgend welche andere. (Lebh. Seif.) „Ach Herr Pfarrer." so schluchzte die junge katho­lische Mutter, die, dem Tode ins Antlitz schauend, mit Besorgnis an die Zukunft ihres Kindes dachte: „Ach. Herr Pfarrer, was wird aus meinem Kinde werden! Der Vater ist nicht katholisch, wett und breit kein ka- tholischer Geistlicher, — es ist ja unmöglich, daß das Kind seinen ka.holischen Glauben bewahre". Jn lan- gne Reihen stehen sie da, die Knaben und Mägdlein der Diaspora, und ihra Pl. Engel heben die Hände für fte auf und bitten: erbarmet euch ihrer, behütet ihnen ihren Glauben und das reine, unschuldige Herz. Ach ja, behütet fte vor der Sünde, die diesen Kinderseelen ihren Himmelsfrieden rauben möchte, ihre leuchtende Schönheit und die ewige Seligkeit, die sie machen möchte zu Sklaven der Sünde, zu verlebten Gestalten ober zu Feinden der menschlichen Gesellschaft.

Wir sind alle darin einig, daß unsere armen Glau- bensgenoffen in der Diaspora unser Mitgefühl und un­sere Hülfe nötig haben und verdienen. Es fragt sich nur um das Wie und was. Daß es ohne materielle Hülfe nicht geht, liegt auf der Hand; doch darf es bei biefer allein nicht sein Bewenden haben. Kaffen Sie sich einschreiben, verehrte Anwesende, in die Listen des B o- nifatiu3Vereins, und beten Sie täglich das Va­terunser mit dem Zusätze: hl. Bonifatius, bitte für uns. Die Priester in der Diaspora müssen totff en, daß eine unsichtbare Phalanx hinter ihnen steht, die ihre Arbeit mit dem Tau des Gebetes befruchtet. (Lebh. Seif.) Die zweite Pflicht der Katholiken ist ber Schutz, den die Glaubensgenofsen in ber Diaspora von uns er­warten und beanspruchen können. Es ist unsere heilige Pflicht, unfern Glaubensgenossen beizustehen, daß sie ihre religiösen Pflichten erfüllen können. Mag man aukb sagen, wir trieben Profelytenmacherei und plan­mäßige Propaganda, toa» nicht ber Fall ist. (Seif.) Es gibt Leute, bie mit Prozenten rechnen. Mit Prozenten kann man alles beweisen. War bisher in einem Dorfe ein katholischer Knecht, und es zieht noch einer dazu, so hat sich in dieser bemitleidenswerten Gemeinde die Zahl der Katholiken um hundert Prozent vermehrt, (peiterl.) Uebrigens sollte man denken, bie Binsenwahrheit würde schließlich auch auf dem abgelegensten Dorfe verstanden, daß es heutzutage abgeschlosiene, ganz evangelische Ge­genden ebensowenig mehr gibt, als ganz katholische, und daß bie Katholiken dasselbe Recht haben, das bjer pro­testantischen Seite aem cinaträumt wird, für i> Star