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Fuldaer Zeitung

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;; Größere finjeigen erbitten wir uns tags vorher. :: 3

40. Zahrgang.

Mittwoch den 20. fluguft 1913.

erstes Blatt.

Nr. 191.

60. Generalversammlung

der Katholiken Deutschlandsä

Dritter Lag — Dienstag.

e. Metz, 19. August 1913.

Der heutige Tag begann mit hl. Messen für den Katholikentag in alten Kirchen der Stadt. Alsdann routben in verschiedenen Sälen des Hotel Terminus die Ausschußverhandlungen zur Vorberatung der Anträge für die Generalversammlung fortgesetzt. Die um 91/'» llhr in der Festhalle beginnende

Generalversammlung des Volksvereins wies einen sehr starken Besuch auf. Auf der Präsidial­tribüne befanden sich zahlreiche Vertreter der Parla- mente und des Adels. Von den Hochw. Btfchofen waren erschienen: Benzler-Metz, Dr. Fritzen-Straß­burg und Dr. v. Faulhaber-Speyer. An Stelle des leider erkrankten Präsidenten Fabrikbesitzers Brandts eröffnete Justizrat Trimborn-Köln die glänzende Versammlung. Er führte aus:

Unser allverehrter Herr Brandts, der feit Be- gründung des Volksvereins regelmäßig dre Generalver­sammlungen in seiner frischen und kraftvollen Art, trotz seiner 77 Jahre, geleitet hat, ist zu seinem lebhaften Bedauern verhindert, hier zu erscheinen. ..n seiner Stelle werde ich mich bemühen, den Vorsitz in seinem Geiste zu führen. Am 22. Dezember 1891 trat ich hier in Metz zum ersten Male in der großen Veftammlung des Volksvereins aus und es war mir die Ausgabe ge- stellt die eigentliche Einführungsrede für den Voltsver. ein zu halten. Damals zählte der Verein, obwohl erst 1890 schon 100 000 Mitglieder. Heute hat er

rS ans nahezu 800000 Mitglieder gebracht. (Bei­fall.) Wir wollen uns dieser Entwicklung nicht brüsten, aber freuen dürfen wir uns dieser Erfolge doch. (Lebh. Beifall.) Getragen wird diese Freude von dem Bewußt­sein das den Volksverein und seine Leitung ob der ge­waltigen Größe und Schwierigkeit seiner Aufgabe erfüllt. Die Satzungen stellen den Volksverein vor immer neue, wechselnde Aufgaben. Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben ist stets im Fluß und bringt jedes Jahr dem Volksverein neue Aufgaben für die soziale Schulung des Volkes. Nicht eine gewisse „Vielgeschäf- tigkett", sondern Pflicht rief ihn an alle diese Aufgaben. Für die praktische Löfung der sozialen Frage im gro- ßen und ganzen und all der Einzelfragen gibt es keine einfache und für alle Verhältnisse und Zeiten gültige Formel. Es ergeben sich hier Probleme im vollsten Sinne des Wortes, Problem«, die gelöst sein wollen in weiser Rücksichtnahme auf das Bestehende sowohl, wie auch mit einem offene» Auge für neue Bedürfnisse. Wo wäre eine Stelle, die dank ihrer Eirrrichtungen besser in der Lage und daher berufen wäre, zu solchen Fragen, soweit dies möglich, ein klärendes Wort zu sprechen, als der Volksverein? (Zustimmung.) Tausende und Abertausende Arbeiter find wesentlich auch durch die Mit­arbeit des Volksvereins davor bewahrt worden, die Lö­sung der Arbeiterfrage auf den Bahnen der revolutio­nären Sozialdemotrafte zu erstreben. Wer hat umfas­sender, nachhaltiger und eifriger im Mittelstände, ins- besondere ban Handwerk, immer wieder Mut zugespro­chen, damit er nicht in falschem Pessimismus gegenüber den großkapitalistischen Unternehmungen die Flinte ins Korn werfe, sondern sich auf seine unverwüstliche Le­benskraft besinne? Die Schwierigkeit der dem Volks- Verein gestellten Aufgabe tritt so recht zu Tage, wenn man sich vergegenwärtigt, daß sie ihn mitten hinein­stellt in die wirtschaftlichen und sozialen Jnteressen- Ärmflikte der gegenwärtigen Umwälzungsperiode. Selbst­verständlich konnte der Volksverein nicht jede Interessen­vertretung zu der feinigen machen; er wäre ja mit sich selbst in Widerspruch geraten. Es wäre aber unverant- wörtliche Pflichtvergessenheit gewesen, hätte er zu all diesen schwierigen Fragen geschwiegen. (Beifall.) Der Volksverein ist als Organisatton für die G e s a m t h e i t der Katholiken gegründet, damit er allgemeine soziale und staatsbürgerliche Schulung in alle Kreise trage und st> die sozialen Gegensätze ausgleiche. Der Volksverein hat sich das Verdienst erworben, daß er an der Ver­ständigung zwischen Kapital und Arbeit, ohne die wir der Revulution entgegengehen, unablässig mitgearbeitet. Zwischen Handwerk einerseits und der Arbeiteüewegung andererseits war er der unermüdliche Vermittler, ins­besondere durch einsichtige Förderung einer umsichtigen Tarifpolitik. Gewiß überaus schwierig, ja dornenvoll ist die soziale Arbeit des Volksvereins. Wer sie auf sich nimnft, der tut es gewiß nicht, um Einfluß und Macht zu gewinnen, sondern aus höheren Motiven, aus Liebe zu Volk und Vaterland, für deren Gedeihen diese Arbeit als notwendig erkannt ist. (Bravo!) Aber ich höre die Frage, wie kommt man dazu, solche Arbeit vom Boden des kath. Bekenntnisses aus zu leisten? Wie läßt es sich erklären und rechtfertigen, daß so viele katholische Geistliche bei der Arbeit des Volksvereins in bet vorderen Reihe stehen? Auf diese Frage könnte ich eingehend antworten, welch überaus wertvollen Kräfte .sittlicher Natur für die soziale Arbett dadurch gewonnen werden, daß die Katholiken nicht nur als Staatsbürger, sondern auch als Katholiken zu sozialer Arbeit angefeuert und geschult werden. Statt dessen will ich diese Fra- gen dadurch beantworten, daß ich auf die Autorität und das Vorbild eines Mannes Hinweise, der durch sein Wir- ken bewiesen hat, welchen gewaltigen Antrieb gerade die katholische Religion zu soziale Arbeit bietet, eine wie ergiebige, geradezu unerschöpfliche Kraftquelle sie für diese Arbeit darstellt. Der Mann, an den ich denke, ist Adolf Kolping, der Gesellenvater. (Beifall.) Aus der Gesamtausgabe des Volksvereins: „Förderung der christlichen Ordnung in der Gesellschaft" ergab sich die in den Satzungen ausdrücklich festgestellte Spezialauf­gabe: „die Angriffe auf die religiösen Grundlagen der Gesellschaft zurückzuweisen und die Irrtümer und Um­sturzbestrebungen auf sozialem Gebiet zu bekämpfen." Das brachte von selbst die Notwendigkeit mit sich, auf konfessionellen Boden zu treten. Der Voltsver- ein tat es mit freudiger Begeisterung; er tat es aus Pflichtgefühl, wie Kolping von der Erkenntnis durch­drungen, daß die Religion die Seele aller so­zialen Erneuerung ist und bleibt. (Lebh. Bei­fall.) An der Grundlage des katholischen Bekenntuifses wird der Volksverein unentwegt festhalten. (Erneuter Beifall.) Vom Boden des katholischen Bekenntnisses aus hat Kolping eine gewaltige praktische soziale Arbeit ge­leistet, getrieben von einem wahrhaft apostolischen Eifer und Opfermut. Weit über die Kreise des Handwerks hinaus ist die soziale Wirksamkeit Kolpings von gro­ßer, allgemeiner Bedeutung gewesen. Sein Gesellenver- tin war Muster und Vorbild für unsere Arbeitervereine, unsere kaufmännischen Vereine, unsere Lehrervereine. Alle diese Veeine sind tote der Gesellenverein, keine rein kirchlichen Vereine; wohl sind es religiöse, katholische

äche

lich

Vertreter des

in unserem Eifer niemals erlahmen. Weiter begrüßt Redner den 1. Präsidenten der Katholikenversammlung, Fürsten Löwen st ein (lebh. Beifall): „Wir finden es natürlich, aber auch hocherfreulich, wenn er uns die hohe Ehre feines Besuches igbt. denn der Volksverein ist ja, tote ein bekanntes Wort lautet, eigentlich eine Katholikenversammlung in Permanenz." (Lebh. Beifall.)

Präsident Fürst Löwenstein: Nur zwei Satze: 1. ich überbringe Ihnen die herzlichsten und brüderlichen Grüße der 60. Generalversammlung der Katholiken Deuffch- land. (Bravo!); 2. ich persönlich stehe aus tiefster Metier» zeugung und darum auch mit vollem Herzen auf dem Boden des Volksvereins. (Lebh. Beifall.)

steigendem Matze und mit wachsendem Erfolge hat fett, dem der Klerus soziale Arbeit als seine Aufgabe unb Pflicht betrachtet. Ich stehe gar nicht an, zu sagen: ohne diese Entwicklung, die wir der aufopfernden soztalen Tätigkeit unseres Klerus verdanken, wäre auch der Volks- Verein nicht das, was er heute ist. (Sehr wahr!) So mahnt uns heute das Andenken Kolpings daran und drängt uns dazu, einmal vor aller Welt laut und deut- lich Zeugnis abzulegen von der großartigen so- zialen Wirksamkeit unseres Klerus und dafür den innigsten Dank auszusprechen. (Stürm. Beif.) Wahrhafttg, das Bild Kolpings patzt in den Rahmen des Volksvereins. In seinem Geiste wollen wir heute tagen. Jn seinem Geiste wollen wir fortfahren in dem Bemühen, das Gold der religiösen Kraft auszunutzen zu sozialen Taren zum Segen für Kirche und Vater­land. (Stürmischer Beifall.)

Nach Schlutz seiner Rede verliest Vorsitzender Trirn- born ein Begrüßungsschreitien des 1. Vorsitzen­den des Volksvereins Fabrikbesitzer Brandts, das mit stürmsichem Beifall aufgenommen wird; auf seinen Var- fchlag wird beschlossen, ein Antwort telegramm abzusenden. Im weiteren heißt Redner die anwesenden

ein auf katholischer Grundlage errichtete, wollte er: „daß die Religion wirksam werde tm Leben der Wtrkltchkett, in der Standestugend." Sie sollte auch einen Haupt­antrieb zur Arbeit abgeben; toetl sie fromme Burschen waren, darum sollten ferne Gesellen arbetten an der be­ruflichen Tüchtigkeit, an ihrem wirtschaftlichen Fort­kommen, an der Vereinsorganisatron, an den allgemeinen Standesaufgaben, an dem Wohle des Vaterlandes. Ei» weiterer Schritt auf dieser Bahn war die Gründung unseres Volksvereins. Ist doch Kern unb Stern seines Wirkens der große Gedanke: das katholische Volk immer wieder anzutreiben, aus dem Geisteundder^aft sei­nes hl. Glaubens heraus auf allen Gebieten tuchttg und ehrenhaft für das praktische Leben zu schaffen. Wre bte Gründung des großen Gesellenvereins, so bedeutet auch die Errichtung zahlreicher Gesellenhmiser eme Tat, deren Bedeutung über den Rahmen des Handwerks wert vm- aus reicht. Hierdurch ist die Schöpfung Kolpings bahn- brechend und vorbildlich geworden tn der so überaus wichtigen Wanderfürsorge. Wenn Kolping auf dem Gebiete der Wanderfürsorge Wegweiser geworden, so fällt das um so mehr ins Gewicht, toetl das Problem der Wanderfürsorge inzwischen an Umfang und Bedeu- tung außerordentlich zugenommen hat Heute wo da­wirtschaftliche Leben vom Zug zur Stadt beherrscht wird, wo die Tausende, die in der Industrie Beschäftigung suchen jugendliche Kaufleute und Beamte, Ladengehil- sinnen und Beamtinnen von der Abwanderung ergriften werden. Wie unendlich viel wäre für bte gesell;chaftltche Ordnung gewonnen, wenn für diese Tausende und Aber- tausende der Weg zum Standesverein und weiterhin der Anschluß an die christliche Standesorganisatwn eben, so geebnet unb sicher gestellt wäre, tote Kolping das für seine Gesellen getan hat. (Beifall.) Dieses große Ziel mutz erreicht werden. (Beifall.) Der Volksveretn ist dafür unablässig eingetieten und wird dieses Bestreben auch weiter nach besten Kräften fördern. Und nun etn weiteres ganz außerordentliches Verdienst Kolpings. Sein neuester Biograph Dr. Franz kleidet es in bte Worte: „Kolping ist die Einstellung des deutschen Klerus in die soziale Arbeit zu verdanken. Im kath. Gesellenverein machte der soziale Kaplan der 70er und 80er Jahre für die junge Arbeiterbewegung seine Schule durch." Jn seinen Gesellenpräsides, die er mit seltener Menschenkenntnis auszusuchen verstand, hat Kolping einen Siati sozialer Priester herangebildei. In

Vorsitzender Trimborn begrützt bann noch den Vor­sitzenden des Zentralkomitees, Grafen Droste-Vischerrng (lebh. Beifall): ihm schlagen die Herzen aller deutschen Katholiken zu, ihm schlagen unsere Herzen zu, und wir find die Elite der Katholiken Deutschlands. (Heiterkeit

und Beifall.)

Hieraus erstattet Direktor Dr. BrauuS-M.Gladbach den Jahresbericht von Ende Juni 1912 bis Juli 1913. AuS dem gedruckt vorliegenden Bericht verdient befon» bete Erwähung das erfreuliche Resultat der Volksver» einsarbeit des letzten Jahres, der Zuwachs von 47 240 neuen Dtttgsiedern. (Beifall.) Damit hist der Volks, verein Ende Juni d. I. eine Gesamtmitgliederzahl von 776090 erreicht. (Wiedetcholter Beifall.) Die stärkste Verbreitung hat der Verein in den Diözesen Münster Paderborn und Köln gefunden. Gute Fortschritte toeü sen auch Bayern, Baden, Hessen, Hessen-Nassan (Diözese Fulda: unter 202796 Katholiken 11165 VolksvereinSmttglieder, d. i. auf 100 : 56) und West- Preußen auf. Zum ersten Male konnte der Volksverein in diesem Jahre die Frauen zählen, die an seiner Arbeit teilnehmen. Es find ihrer schon feit Jahren einige Tausend, zur Zeit find es 26 786. Der ftaati. bürgerlichen Schulung hat der Volksverein im Be. richtsjahr besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die toelt» wirtschaftsiche und politische Sage, die Gedenktage der Freiheitskriege und der Wiedererhebung Preußens, das RegierungSjubfläum deS Kaisers gaben Anregung zu entsprechenden Vorträgen. Der Verteidigung und För. berung der Sozialreform, der wirtschaftlichen und sozialen Selbsthilfe der einzelnen Stände, sowie der ge- meinnützigen Wohlfahrtspflege hat der Verein sich ebenso eifrig wie bisher angenommen. Die sozialen Kurse gewinnen von Jahr zu Jahr an Bedeutung. Es tourben 37 solcher Kurse abgehallen. Zu ihnen kommt neuerdings die Veranstaltung von Abendvorträgen an den verschiedensten Orten für die Angehörigen einzelner Stände. Solche Abendvorträge wurden 14 veranstaltet. 3427 SBoItebereinS Versammlungen wurden abge­halten. Die sozialwissenschaftliche Bibliothek deS 83er. eins weist einen Bestand von 35012, die apologetische von 5390 Banden auf, dazu kommen rund 700 Fachzeit­schriften der sozialen und 86 der apologetischen Biblio­thek. Au sozialen Auskünften wurden 1378 brieflich, ein sehr großer Teil wurde mündlich gegeben. Die Flug, blatttierieilung stieg mit einem Versand von ca. 4 Mil­lionen im letzten Jahr aus insgesamt 87 Millionen seit Bestehen des Volksvereins. Die Bestrebungen einer so­zialen Jnteressierung der Gebildeten wurden durch das

Sekretariat Sozialer Studentenarbeit gefördert. ~te unter Mitwirkung des Volksvereinsverlags vor 7^zahren gebildete Lichtbilderei setzte insbesondere ihre Refomn- bestrebungen auf dem Gebiete des Kinowesens fort, —re beschriebene Entwicklung und Tätigkeit des Vereins war nur dadurch möglich, daß im Lause der letzten ^ahre die Landes- und Bezirkssekretariate vermehrt und werter ausgebaut wurden. Die Zentralstelle in M.Gladbach ver­fügt über 65 Angestellte. Das Gesamtpersonal des Volks- vereinshauses beläuft sich auf 163 Personen. An den Landessekretariaten sind 8 Angestellte in der Organisa­tion tätig, darunter 5 Akademiker. Daneben bestehen noch 11 Vollsvereinssekretariate für kleinere Bezirke, die ausschließlich vom Volksverein unterhalten werden. Das Gesamtbild des letzten Jahres, wie das des letzten Jahr­zehnts, ist ein zwar ruhiger, aber sieter äußerer F e r t- schritt unb eine segensvolle Erstarkung des Vereins.

Im Anschluß an den Jahresbericht führt Dr. Braun? u. a. noch aus: Der Volksverein ist ein sozialer Verein, sozial im weitesten Sinne des Wortes. Er will durch Anregung und Organisation praktisch-sozialer Reform­arbeit die Gestaltung der Gesellschaft im Geiste christ­licher Ideale beeinflussen. Leider ist das Feuer sozialer Begeisterung der früheren Jahrzehnte nicht mehr überall zu spüren. Hier und da fangen schon solche zu zweifeln an, die sich früher mit Stolz zu den „Sozialen' zahlten, ob dieser Weg der richtige sei. In Kreisen der Seel­sorger erwägt man, wenn auch vereinzelt, ob eine Be­schränkung auf das rein kirchliche Leben nicht genüge. Kurz, eine Atmosphäre verbreitet sich immer mehr, ine einem Jndustriefeudalismus die Wege ebnet, den man für bedenklicher halten kann, als den Agrarfeudalismus der Vergangenheit. (Sehr richtig.) Das ist ein bedauer- liches Zeichen unserer Zeit. Wir dürfen vor ihm Nicht die Waffen sttecken, wir müssen den Kampf aufnehmen mit dieser sozialen Schwarzseherei. Stenn es überhaupt einen Stillstand der sozialen Reform geben? Nein! Wir hören heute oft die Behauptung, das dringendste Problem sei heute das religiöse. Gewiß muß dieser Kampf mit religiösen Mitteln geführt werden. Humanismus unb Staatsraifon reichen da nicht aus, aber ebenso wahr ist, daß allein mit übernatürlichen Mitteln dem liebel nicht zu steuern ist. (Beifall.) Natur und Gebematur find allzu enge miteinander ver­knüpft, als daß man in der gewöhnlichen Ordnung der Dinge mit ütiernatürlichen Mitteln da allgemin helfen könnte, wo die natürlichen Voraussetzungen fehlen. Las. sen Sie mich nur einige praktische Probleme der Gegen­wart als Beispiele anführen. Ich denke da zunächst an .die Geburtenatinahme und das damit zusammenhängende Bevölkerungsproblem, unzweifelhaft eine hervorragend religiöse Frage, aber ebenso unzweifelhaft eine überaus wichtige soziale Frage, eine Frage der Lebenshaltung, eine Frage der Wöchnerinnen, und Säuglingsfürsorge, bet Preis- unb Lohnpolitik, der Organisationen unb vor allem eine Frage, der Boden-, Wohnungs- u. Baureform. (Sehr richtig.) Und die Entsittlichung und der Glau­bensabfall der jungen Männerwelt, wiederum ein bren­nendes, religiöses Problem, mit dem vorher genannten die Hauptsorge unserer heutigen Seelsorge. Auch hier spielen die natürlichen sozialen Voraussetzungen, unter denen der sittliche Niedergang sich vollzieht, eine überaus verhängnisvolle Rolle. Selbst wenn heute Gottes Gnade einen zweiten „Kolping" uns schenkte, ich zweifle, ob ge­genüber der Dringilichkeit, Vielgestaltig- feit und Fülle der Probleme die Kraft eines Einzigen heute ausreichen würde. Hier mutz die so­ziale Organisation einsetzen. Hier kann nur mit vereinten Straften in verständnisvoller und opfer­freudiger Zusammenarbeit von Privaten, freien und öffentlichen Körperschaften, die so nötige Hilfe kommen. Seefforge, Kirchengemeinde, Zivilgemeinde, Arbeitgeber, unsere sozialen Vereine, sie alle hatien hier eine überaus Hohe und dringliche Mission. Möchte doch von diesem Klttholikentag, der im Zeichen des Kolpings-Jubiläums tagt, der Ruf hinausgehen in alle deuffchen Lande, jener Ruf nach Ledigenheimen, nach einer systematischen all­umfassenden Fürsorge für die junge unbeheimatete Män­nerwelt. (Lebh. Beifall.) „Vox temporis, vox Dei!"

Gott will es! Wer wollte behaupten, daß die geleistete soziale Arbett erschöpfend war! Abgesehen von der Ar- beiterversicherung, wo wir schon eine gewisse Höhe er­klommen haben, beklagen wir doch noch beträchtliche Lücken im Arbeiterschutz (Sehr richtig) und durch die gewerkschaftliche Organisatton sind Hundert, tausende noch nicht erfaßt. (Sehr richtig.) Täuschen wir uns darüber nicht, ohne die Grundlage der Gewerkschaften gibt es keine gesunde Ar­beiterbewegung. (Sehr richtig unb lebh. Beifall.) Wo es an dieser Grundsage fehlt, wird entweder Ver­sumpfung Platz greifen, oder der Radikalismus wird den endlichen Nutzen davon haben. (Zustimmung.) Und wie wett sind wir noch von unserem Ziele entfernt! Ist die Aussöhnung der Erwerbsstände, der Ausgleich der Jntereffen, die Ueberbrütfintg der Klassengegensätze, das Hmetttwachsen aller Ertoerbsstände in das Leben her Ge. mehtbe und des Staates vielleicht schon Wirklichkeit ge­worden? Aber diese sozialen Sorgen haben für den wahren Lhrifttn nichts Niederdrückendes. Ist ihm doch die soziale Arbett religiöse Pfliö^erfüllung. Ebenso wie jene soziale Tätigkeit nur halbe Arbett ist, die in bloßer Humanität sich erschöpft, ebenso wäre eS auch nur halbe Religiöfität Weck der Frömmigkeit zu üben unb soziale Arbett zu vernachlässigen. (Zustimmung.) DaS rst erst wahre Religion, die sich in sozialen Taten auS- wirkt. Wir dürfen eS kühn behaupten: ohne die rege soziale Betättgung der deuffchen Katholiken würde der deutsche Katholizismus auch in seinem religiösen Leben nicht die Hochburg darstellen, an der die Wogen des modernen Unglaubens heute zerschellen. (Lebh. Beifall.) Darum find au<b_ im Programm des Volksvereins so. ziale und religiös-apologetische Arbeit innerlich und harnwnisch miteinander verbunden. Wo immer einer sich findet, der die Volksvereinsgedanken in sich aufgenom. men hat und seine Ideen zu verwirklichen sucht, dort kann man versichert fern, ein solcher Mann dient nicht bloß dem Volksverein, er dient allen unseren Idealen. Wo wir Vertrauensmänner finden, die religiös gefertigte Charaktere find unb ein Herz hatien für Not und In­teressen ihrer Nebenmenschen, da haben wir „Offiziere", mit denen wir die schwersten Schlachten schlagen gegen den Unglauben nicht blos, auch gegen den Umsturz. (Letih. Beifall.) Sollen wir der sozialen Patwle des Volksver. eins treu bleiben? Wir antworten mit einem freudigen unb entschiebenen ja! Wir sagen mit voller Zuversicht unb mit dem Willen zur Tat: Ich glaube an den sozia- len Gedanken beS Volksvereins, er hat eine Zukunft so grof;, wie seine Vergangenheit. Ich halte ihm die Treue für und für! (Lebh. Beifall.)

Im Anschluß an den Jahrestiericht teilt Dr. Brauns noch die wichtigsten Daten aus der Abrechnung der Zentralstelle mit: An Mitgliedsbeiträgen gehen im ganzen rund 670 000 Mark ein. Die Gesamteinnahme im Berichtsjahr betrug rund 682 000 Mark. Mit der- selben Summe schließen auch die Ausgaben, wobei auf den Ausgleichfonds rund 13 000 Mk. überwiesen wurden.

Stürmisch begrützt betritt sodann Bischof Benzler-Metz die Rednertribüne. Er führt etwa aus: Wenn Gott der Herr seinem letzten Gericht als Matzstab die Betätigung der Nächstenliebe zugrundelegen wird, dann dürfen/ die Herren vom Volksverein getrost auf ihre Arbeit als Taten zeitgemäher Nächstenliebe hin. weisen. (Beifall.) An Schwierigkeiten hat es dem Volksverein und seinen Leitern nicht gefehlt. Aber er hat sich zu einer gewaltigen, bewundernswerten^ Organisation aufgebaut und ist zu einer reich strömen­den Quelle des Segens geworden. Möge man nur über«; all aus dieser Quelle schöpfen. Wieviel Anregung unb Belehrung bringt jedesmal das Monatsheft des Volks-, Vereins; wieviel des Guten und Nützlichen enthalten, alle die Flugschriften, Briefe und besonders die reiche apologetische Literatur. Fürwahr, der Volksverein sieht einzig da, und die deutschen Katholiken haben allen Grund, auf ihn stolz zu fein, auf seine _ großartige Aufklärungs- u. Belehrungsarbeit. (Beif.) Möge er feine fruchtbare segensreiche Tätigkeit fortsetzen und immer weiter ausdehnen. Der Volksverein arbeitet unter dem Protektorat der Bischöfe, et sucht den engsten Anschluß an die Kirche unb ihre Autorität. Darin liegen die Wurzeln seiner Kraft, bie Garantien für sein Wachs­tum unb Gedeihen. Im Verein mit den übrigen Hoch., würdigsten Herrn Bstchöfen flehe ich auf den Volke-! verein und seine Tätigkeit Gottes reichsten Segen herab.'

Hierauf empfängt die Versammlung kniend den/ bischöflichen Segen.

Alsdann erhält das Wort Lemdtagsabg. Pros. Dr. Müller-Siratzburg: Ich freue mich besonders der auf-' munternden Worte des Hochw. Herrn Bischofs. Wir müssen ein starkes Bollwerk haben gegen die vielen, im­mer wachsenden Gefahren. Die moderne Entwicklung, trägt eine dreifache Signatur: des Fortschritts, der Or. ganisatiou und her Freiheit. Diese Signatur erfordert unseren Voflsverein. Der Organisationsgebanke hat ben 4. Staub ergriffen unb bewegt ben Mittelstand, er1 ist ein mächtiger Faktor des sozialen Fortschritts, jedoch darf er nicht im einseitigen Dienst des Klassenkampfes' stehen. Denn dann wird er eine mächtige Gefahr. Wir­st ehen heute vor einem Terrorismus der Freiheit. Ihm einen Damm entgegen zu setzen, ist Aufgabe des Volks­vereins. Der Volksverein will aus allen arbeitsfreubigej Menschen machen. Der Volksverein kommt mir vor wie ein weitaus schauender Wachtturm. Er schaut nach den- Gefahren aus, bie uns bebrohen und sucht die Aufgaben' zu erfüllen, die sich ihm stellen. Er verfolgt die Bewe­gung der gegnerischen Organisationen, um dann mit tieferer Kraft die eigene Arbeit zu leisten. Die Klein­mütigen will der Volksverein aufmuntern. Fortschritt' auf sozialem Gebiet ist seine Parole. Er gibt uns ein Arsenal von Waffen, damit wir mit ihm kämpfen können. Seine letzte und höchste Aufgabe ist die Erziehung des, katholischen Volkes. Organisierende Tätigkeit im Sinne; der christlichen Sozialreform ist sein Hauptstreben. Sehr; begrüß« ich es, daß er noch mehr als bisher seine Auf-' merksamkeit auf die Familie lentt. Aber nicht nur die Massen will der Volksverein organisieren, er will auch anspornen zu individueller Betätigung. Er will Sol­daten unb Bauleute haben, er bebarf führender Männer.' Ich rufe es hinein in das katholische Volk: Männer, her-' aus zum Streit für den Volksverein! (Lebh. Beifall.)) Wir in Elsatz-Lothringen wollen im Volksverein nicht nur Empfangende, sondern auch Gebende sein, wir wol- für ihn arbeiten. (Beif.) Vorwärts unter dem Banner des Kreuzes zum sozialen Fortschritt unb sozialen Frie­den. (Lebh., anhaltender Beifall.)

Hierauf widmet der Vorsitzende Justizrat Trimborn den verstorbenen Vorstandsmitgliedern, Bürgermeister/ Dr. Frenay-Bensheim, Dr. Schädler-Bamberg unb Geist-, sicher Rat Hauser-St. Ottilien, einen warmen Nachruf. An ihre Stelle werden gewählt: Pros. Haitemer- Neuß, Abg. Dr. Siben-Deidesheim und Abg. Dr. Ein­hauser-Laufen. Mit der Aufforderung, den Worten jetzt! auch Taten folgen zu lassen, schließt Justizrat Trim- born bie Versammlung.

3. geschloffene Versammlung.

„Der 2. Vizepräsident der Generalversammlung Hoen eröffnet um 11 Uhr bie Versammlung mit dem katho-' lischen Gruß. Er schlägt vor, der heute in Fulda zu» sammentretenden Bischofskonferenz folgendes Huldigungstelegramm zu senden:

Den in Fulda versammelten Hochwürdigen Bischöfen; sendet die 60. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands ehrerbietigste Huldigung und die Ver­sicherung freudigen Gehorsams und treuer Anhänglich­keit an ihre geliebten Oberhirten. (Lebh. Beifall unb: Zustimmung.)

Hieraus wird die Beratung der Anträge fortgesetzt Abg. Erzberger berichtet über die M i s s i o n e n, er! weist darauf hin, daß im fernen Osten ein neuer Mis­sionsabschnitt angebrochen sei, und daß eS von unserer' Energie abhängen werde, ob China, Indien unb Japan katholisch oder neuheibnisch werden würden. Deutsch­land könne stolz sein, datz keine zweite Station so viel Missionare schicke, als Deutschland, und an seiner Spitze steht die elsaß-lothringische Kirchenprovinz. (Lebh. Beif.) Tausend Millionen gebe Deutschland jährlich für Alkohol' auS, da sollte doch 1 H für die Missionen übrig sein? (Stürm. Beif.) Namens beS 1. Ausschusses beantragt Redner eine Resolution, die eindringlich zu gesteigerten t Opfern von (Seiet und Geldmitteln für die Heiderrmis-' ften auffordert. Sie empfiehlt gleichzeitig die bei uns eingeführten Missionsvereine. Der Redner schließt feine Begründung der Resolution: Don Elsaß-Lothringen ging, durch die katholffche Lande der Ruf des hl. Vernarb: Gott will es! Und der Lothringer Gotffried von Bouil­lon stellte sich an die Spitze des ersten Kreuzzuges. Heute handelt es sich um einen neuen Kreuzzug. Von Metz aus soll zu diesem neuen Kreuzzug wieder der Weckruf auSgehen: Gott will eS! (Stürm. Beifall.)

Im Anschluß hieran begründet Monsignore Richens Köln inten Antrag auf Unterstützung des Vereins vom hl. Lande. Provinzial Pater Acker dankt für daS den Missionen bekundete Wohlwollen, bittet aber auch die Missionsanstalten nicht zu vergeffen. Profeffor Dr.; Schmidlin-Münster spricht für die Förderung der aka­demischen Missionsvereine. P. Bölling « China, der' Mandarinentracht trägt, spricht über die Missionierung! Chinas und bittet dringend um Hilfe, wenn nicht alles verloren gehen solle. Hierauf werden beide Anträge an- genommen.

Der Antrag zur Empfehlung des Bonifatius- BereinS stellt einzelne Forderungen betreffend die Durchführung der Organisation beS Vereins. Der An­trag wird einstimmig angenommen. «IS Ort bet nächsten Generalversammlung schlägt der Ausschuß Münster i. W. vor (stürm. Beif.). Für ben Antrag sprechen der Vor­sitzende Gießler und die Abg. Herold und Graf Galen. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Hierauf wird der Antrag angenommen, der den dritten Orden des hl. FranziskuS empfiehlt.

Damit find die Anträge deS L Ausschusses erledigt. Die Wetterverhandlungen werde» au^Mittwochmv^K^