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Zuldaer Zeitung

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flr. 1S5.

Dienstag den 12« August 1913«

40. Zahrgang.

Der offenkundige Gegensatz

* Wien, 11. Slug. 1913. Die Wiener ,91. Fr. Presse' schreibt: Die Depeschen, die zwischen König-Garot und dem deutschen Kaiser gewechselt wurden, gehören zu den wichtigsten Kundgebungen, die in dem Verlause des ganzen Balkankrieges zur öffentlichen Kenntnis ge­kommen sind. Schon seit längerer Zeit war es bekannt, daß zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland in der Beurteilung der Politik, die anläßlich des zweiten Balkan­krieges eingeschlagen werde, sich Meinungsverschiedenheiten ergeben haben. Der Depeschenwechsel zwischen König Carol und Kaiser Wilhelm macht diese Gegensätze in der Politik der beiden Verbündeten ganz offenkundig. Während die österreichische-ungarrsche Monarchie den Standpunkt einnimmt, daß die in Bukarest geschlossenen Vereinbarungen über die künftige Grenze zwischen den einzelnen Balkanstaaten einer Ueberprüfung durch dieGroßmächte unterzogen werden sollen, telegraphiert König Carol an Kaiser Wilhelm, daß dieser Friede definitiv sei. Die Antwort Kaiser Wilhelms bestätigt diese Auffassung, und damit wird ganz Europa mitgeteilt, daß in einem so wichtigen Punkte der österreichisch- -ungarischen Orientpolitik das Deutsche Reich nicht mehr auf unserer Seite steht. Weiter ist aus diesem Depeschenwechsel zu ersehen, daß in dem Ver­hältnis zwischen dem Dreibund und Rumänien die österreichisch-ungarische Monarchie die politische Richtung zu bestimmen hatte, und daß ihr die Leitung zufiel. Die Depeschen des Königs an Kaiser Wilhelm beweisen jedoch, daß Rumänien für sein Verhältnis zum Dreibund nun­mehr den Schwerpunkt nicht mehr in Wien, sondern in Berlin sucht.

Mußte Deutschland in der Revisionsfrage öffent­lich in Gegensatz zu Oesterreich treten? Das ist die brennende Frage des Tages. Bei der Beant­wortung muß man unterscheiden zwischen der s a ch- l i ch e n Berechtigung der Berliner Politik und deren taktischer Zweckmäßigkeit.

Auch wir halten den Versuch, die in Bukarest ge­zogenen neuen Grenzlinien durch einen Be­schluß der Großmächte a b z u ä n d c r n, für verfehlt, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens ist die er- sorderliche Einmütigkeit der Großmächte in den Streitfragen wegen Kawalla und Kotschana-Jstip aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu erzielen. Zwei­tens würden die Serben und Griechen, salls ein sol­cher Beschluß der Großmächte doch zustande käme, sich gewiß nicht gutwillig fügen, wie fa überhaupt die Mißachtung der „europäischen" Beschlüsse am Balkan üblich ist. Drittens müßte die Zwangsvoll­streckung, in welcher Art sie auch erfolgen würde, zu ungeheuren Wirren am Balkan und Gefahren für den Weltfrieden führen, sodaß sich das Risiko ganz unverhältnismäßig hoch gestaltete im Vergleich zu dem kleinen Vorteile, den man von der angestrebtcn Auf­besserung des bulgarischen Besitzstandes erwarten könnte.

Der Umstand, daß Rußland ebenso wie Oester­reich die Revision wünschte, kann diese Bedestken nicht mindern. Rußland hat es auf die Rettung von Kawalla für die Bulgaren abgesehen; für O e st e r r e ich wäre aber die Berichtigung der se r- bischen Genzlinie die Hauptsache, und dabei wird es von Rußland nicht unterstützt werden.

Was zugunsten der Bulgaren erstrebt wurde, mußte in B u k a r e st durchgesetzt werden durch Ein­wirkung auf die Unterhändler und namentlich auf die leitenden rumänischen Staatsmänner. Was sich in Bukarest nicht durchsetzen ließ, wird auch aus dem „europäischen" Wege nicht zu erreichen sein.

Daher ist es wohl zu verstehen, daß die deutsche Politik den Ausgleich in Bukarest zu fördern suchte und sich nicht "auf die nachträgliche Grenzrevision verließ.

Nun kommt aber die Taktik in Betracht. Wenn zwischen Deutschland und Oesterreich sich eine Mei­nungsverschiedenheit ergab, so mutzten die deutschen Staatsmänner mit besonderer Vorsicht vorgehen, um nicht die Empfindlichkeit des nächstbeteiligten

Das Münchner Kindl.

64] Roman von Felix Nabor.

„Verdammtes Spielzeug!" knirschte der Fürst und schleuderte das zertrümmerte Instrument mit dem Fuße in eine Ecke.

Hardh und die Fürstin blickten sich erschrocken an. O weh! Das Sinnbild ihrer Seelenfreundschaft war zerbrochen — und nie mehr erklang die goldene .Harfe! Das Hohe Lied der Freundschaft war ver­stummt!

„Erwarte mich hier!" sagte der Fürst im Tone des Befehls zu feiner Gemahlin. „Ich habe ein paar Worte mit diesem Herrn zu reden!"

Die Fürstin wollte sich erheben, wollte sprechen, aber er fuhr sie so wütend an, daß sie erschrocken zu­sammenzuckte und sich seinem Willen fügte.

Mit raschen Schritten ging er dann zur Tür, öffnete sie und blickte Hardy von Sandow mit sun- kelnden Augen an. Diese Blicke peitschten Hardy förmlich hinaus.

Er biß die Zähne aufeinander und folgte mit finster zusammengezogenen Brauen der Aufforde­rung des Fürsten. Dieser zog die Tür hinter sich zu, schloß sie leise ab und steckte den Schlüssel in seme Tasche. Mit einer gebieterischen Handbewegung deu­tete er Hardy den Weg an, den er zu gehen hatte — und beide betraten das Arbeitszimmer des Fürsten.

Äug' in Äug' standen sich die beiden gegenüber.

„<3re haben in meinem Hause ein Wort gespro­chen", begann dec Fürst, „das mich berechtigte, Sie mit der Peitsche zu züchtigen; aber ich Haffe der­artige Sensationen und jeden Skandal und unter­lasse es daher. Ihnen meine Meinung mit der Reit- peüsche ins Gesicht zu zeichnen.—"

,„Jch verbitte mit diese Sprache!" brauste Hardy auf. „Von dem, was ich gesprochen habe, nehme ich nichts zurück!"

„Dann müssen Sie auch die Folgen tragen.

„Ich bin bereit — und erwarte Ihre Sckuudan- tzen! Dabei ist es wohl selbstverständlich, daß nur

Bundesgenossen zu verletzen und um nicht den Re­spekt vor der deutsch-österreichischen Solidarität in's Wanken zu bringen. Auch wenn man die Revisions- Politik des Grafen Berchtold für verfehlt erachtet, durch vertrauliche Einwirkung in Wien der Einklang nicht zu erzielen war, konnte man doch wohl vermei­den, daß Deutschland vor aller Welt als der Haupt­gegner des Revisionsgedankens in den Vorder­grund trat. Die Veröffentlichung der ersten D e- p e s ch e des Königs Karl mit der auffälligen Wendung „Dank Dir" und der gleichzeitige offiziöse Hinweis auf den bleibenden Friedensvertrag gingen nach unserem Gefühl doch bedenklich hinaus über jenes Maß von Rücksicht, das wir gegenüber un­serem ältesten und allerbesten Bundesgenossen vor der Oeffentlichkeit auch dann einhalten sollten, wenn wir in einer Frage anderer Ansicht sind. Der uner­freuliche Eindruck in Wien wird gewiß nicht aufge­bessert durch das Vorschieben der Person unseres Kaisers. Wir gehören nicht zu denen, die gleich nervös werden, wenn irgend etwas sichtbar wird, was an das „persönliche Regiment" erinnert. Aber wir meinen, man hätte mit der Beleuchtung der un­mittelbaren Einwirkung unseres Kaisers auf das Bukarester Friedenswerk wohl so lange warten kön­nen, bis die Meinungsverschiedenheit wegen der Grenzrevision mm Austrage gebracht wurde.

Eine gewisse Zurückhaltung Deutschlands in der Revisionsfrage hätte schwerlich Schaden ge­bracht. Bei den Verhandlungen würde sich unseres Erachtens bald herausgestellt haben, daß eine Eini­gung der Großmächte über durchführbare Abände- runäsbeschlüffe nicht zu erreichen ist.

Wie die Dinge jetzt liegen, kann man nur hoffen, daß Graf Berchtold sich damit beanügt, den Bulgaren seinen guten Willen gegeigt zu haben, und auf das Eingreifen in den Grenzfragen verzichtet. Bei ruhiger Ueberlegung werden die Oesterreicher auch zugestehen müssen, daß die Schuld an dem Scheitern des Planes nicht auf Deutschland fällt. Denn auch bei einer an­deren Haltung der deutschen Politik würde die Grenz­berichtigung durch europäischen Beschluß gescheitert sein.

Nach beiden Seiten, sowohl nach Wien tote nach Berlin, kann man den Wunsch richten, daß man sich vor Gefühlspolitik, vor impulsivem oder eigen­sinnigem Vorgehen sorgsam hüte.

Deutscher Neich.

* Kaiser und Kaufmann.

Bei seinem Besuch in Lübeck hat Kaiser Wil­helm am Sonntag im Audienzsaale des Rathauses in Erwi erung auf die Empfanasrede des regierenden Bürgermeisters, nachdem er zunächst den Dank für Öen „zu Herzen gehenden Empfang* ausgefprochen, den ihm die Bevölker >ng der altehrwürdigen Han'a- ftabf bereifet, folgendes ausges'"hrf:

Sic haben einen kurzen historischen lieberblick ge­geben über die Zeit des Glanzes und der Macht Lubccks, der Vormacht der Hansa, und auch über die Zett vor hundert Jahren, da auf ihr die Hand Gattes prüfend schwer lag, wie auf unserem ganzen Vaterlande. Nun­mehr, dank der Gnade Gottes, die in ganz ungewöhn­licher Weise Kaiser Wilhelm dem Großen zur Sette gestanden hat, der auw einst von Lübecks Bürgerschaft bgeeiftert begrüßt toubc. ist das geeinigte deutsche Va­terland und das Deutsche. Reich wiedererstanden, mit ihm selbstverständlich auch die alten Ausgaben, die un­gelöst bleiben mußten; weil die Einigkeit, die VorauZ- setzung für ihre Lösung, fehlte. Und wenn es auch manchem nach der großen Zeit, die wir alle noch mit erl->bt haben, wohl etwas eintönig vorgekommen fein mag, dieser Uebergang zu dem aewöhnlichen, wenn tch so "sagen darf, einfachen A r b e 11 s l e b e n, 10 glaube ich, daß wir einen guten Schritt vorwärts getan haben; denn ich glaube als meine Aufgabe zu erkennen, diese alten A n f g a ben wieder aufnehmen

die allerschwersten Bedingungen in Anwendung ge­bracht werden —"

Der Fürst hob die Schultern und heg ste langsam wieder sinken. „Wenn Sie meincn, nun ja!

Uebrigens muß ich Ihnen sagen, daß ich mich nicht mit Ihnen schlagen werde!"

„Was? — Aus welchem Grunde?"

Der Fürst richtete sich in seiner ganzen Große empor, so daß er Hardh noch um Kopfeslänge über­ragte, blickte, auf diesen mit einem hochmüttgen Lä­cheln herab und sagte mit der Miene eines Zäsaren, der einen Sklaven vor sich hat: „Ich bin ,der iMrst von Ostrawitz, und königliches Blut rollt in meinen Adern — Sie sind nur ein unbedeutender Bau­meister!" . „

„Das war eine Beleidigung, die Blut fordert.

Ohne diesen Einwurf zu beachten, fuhr der Fürst fort: „Ueberdies verbieten die Hausgesetze meines Geschlechtes mir das Duell, da dieses nur noch auf zwei Augen — den meinen — steht. Auch beim besten Willen könnte ich mich also nicht vor Ihre Klinge oder Pistole stellen."

„Das ist freilich eine leichte Art, sich einem Duell zu entziehen!" rief Hardy höhnisch.

Der Fürst erhob seine beiden Fäuste, als ob er seinen Gegner im nächsten Augenblicke damit zer­schmettern wollte.

„Glauben Sie etwa", sagte er, „es fehle mir an persönlichem Mut? Ich habe mit dem braunen Bä­ren gekämpft und im Alter von 16 Jahren einen Wolf erwürgt. Meine Kugel fehlt nie ihr Ziel und mein Degen trifft mitten ins Herz! Sie, junget Mann, würde ich im ersten Wafsengang tot, in den Sand strecken — aber ich will Ihr Blut wicht ver­gießen, sondern die Strafe für Ihre Vermessenheit einem höheren Richter überlasten!"

„Ah, Sie wollen vor den Kadi laufen, weil ich ein Wort sagte, das Ihnen mißfiel?"

Ein verächtliches Lächeln zuckte um die Lippen des Fürsten. „Das fällt mir nicht ein!" sagte er. „Wenn ich von einem höheren Richter sprach, so meine ich damit — Gott! den Herrn der Welt, über

zu müssen und sie dem deutschen Volke vorzustellen und ans Herz zu legen. Daß dieselben so schnell wieder auf- gefaßt wurden und in fo überraschender Weise in der gesamten Welt durchgeführt worden find, das selbst­verständlich kann sich der Kaufmann mit Recht zu­gute schreiben, und daß die alten Hansestädte mit altem Hansengeist beseelt vorausgegangen sind, und so möchte ich von dieser Stelle aus dem Kaufmann meinen Dank aussprechen, daß die Städte an der norddeutschen Wa­terkant in einer beispiellosen Brüderlichkeit und Wage­mut eingetrcten waren, um dem deutschen Han­del und der d e u t s ch en Industrie und den deut­schen Erzeugnissen einen Platz in der Welt zu sichern, um den uns andere Staaten be­neiden können. Der Kaiser warf dann einen Rückblick auf die Zeit vor 100 Jahren und fuhr fort: Dankbar­keit für alles das, was die Vorsehung für unser Va­terland getan he in schweren wie in glücklichen Tagen, ist heute abend tu der alten Hansekirche Lübecks zum Ausdruck gekommen, und cs bedarf keiner großen Phan­tasie, wenn man den Blick durch die hohen Gewölbe der Kirche schweifen ließ über die alten Epitaphien, wenn man den Tönen der Orgel und des Chors lauschte, sich in die Zeit zurückzuversetzen, wo im Mittelalter in glücklicher und schwerer Zeit die Ratsmannen und die Bürgerschaft mit ihren Frauen und Mädchen in der Kirche sich versammelten. Wie ein Bild aus den Mei­stersingern entwickelte sich der heutige Abend vor mir. Wir haben Friedenszett, nun, was wir dieser zu danken haben, das sehen wir, wenn wir beobachten, wie im Südwesten unseres Kontinents schwere Kämpfe gebraust haben, die durch Gottes Fügung uns unberührt ließen. Ich stehe hier vor Ihnen, meine Herren, in dem Gewände des Seemannes, das ist das Kleid des Kindes meiner Schöpfung, und was dazu dienen kann, jetzt und in der Zukunft, d e m d e u t- s ch e n Kaufmann, der vom Hansengeist und für Deutschland arbeitet, die nötige Stärkung und den nötigen Schutz zu verleihen, damit er den ihm zustehendeii Platz an der Sonne behauptet, das soll gesclbhen. Ich schütze den Kaufmann. Sein Feind ist mein Feind, und Gott gebe, daß der deutsche Sandel, wie bisher, auch künftig unter seinem Schutz in Friedenszeit sich entwickeln möge!

* Völlige Aushebung des Jefuitengesehes?

Die ,Köln. Ztg.' gibt unter allem Vorbehalt folgendes Telegramm aus Zürich wieder:

Der Berner Bund will aus sehr zuverlässiger Quelle über Paris erfahren haben, daß in kürzester Zett der deutsche Bundesrat sich mit der endgültigen Aus­hebung des Jesuitengesetzes beschäftigen werde. Die beiden größten Bundesstaaten, Preuß en und Bay ern, sollen hierfür geschlossen stimmen, so daß von den 59 Gesamtstimmen sicherlich 23 für die Aufhebung wären. Es bedürfe also immer noch sieben Stimmen, um die absolute Mehrheit zu erreichen. Zurzeit werde ein eifriger Schacher getrieben, um auch diese sieben Stimmen noch zu erhalten. Daß Preußen seine Stimmen zugunsten dst Jesuiten abgeben roerbe, sei den mehr a's dreijährigen Bemühungen eines am Berliner Hose gern gesehenen und in ben polnischen Provinzen reich begüterten Schloßhauptinanns zu verbankett, ber auch in befonberer Gunst bet bet allein maßgebenben Persönlichkeit stehe.

Aehnliche Mitteilungen enthält auch die Züricher Post. Das Blatt teilt mit:

Es habe von einer ihm als glaubwürdig geschilderten Seile erfahren, daß in allernächster Zett über die Wege, die von ben Jesuiten gewählt wurden, um sich ber Zustimmung ber preußischen Regierung im Bundesrat zur Aushebung des Iesuilengesehes zu sichern, große Enthüllungen zu erwarten seien. Sobald die Auf­hebung deS Jesuitengesetzes im deutschen Bundesrat beschlossen sein werbe, stehe dem Blatte bas ganze aufsehenerregende Material zur Verfügung. Soviel bür)e indes jetzt schon bemerkt werden, baß die Fäden nicht von Rom unmittelbar nach Berlin gesponnen worben seien, fonbern baß man es vorgezogen habe, sich jehr hoherdelgische, Kreise zu bebienen, wobutch man ein doppeltes Ziel zu erreichen bezwecke. Dieses Ziel sei denn auch, wenn auch unter gewaltigen Opfern, tn der Tat erreicht worben.

Das ist ja fürchterlich! Da muß schleunigst der Evangelische Bund mobil machen, sodaß aus

den Sie sich in Ihrem Dünkel und in Ihrer maß­losen Einbildung zu erheben erkühnen!"

„Soll etwa ein Blitzstrahl mich treffen?" spottete

Hardy.

„Nein, dazu sind Sie zu unbedeutend! Sie wer­den mit ihm kämpfen — mit dem Herrn der Welt!"

„Ah — das ist ja höchst romantisch!"

„Die Romantik wird bald vergehen — die nackte Wirklichkeit wird Sie angrinsen wie ein schreckliches

Gespenst!"

„Sie belieben in Rätseln zu sprechen."

„Ich löse Ihnen die Rätsel sosort: Sie sollen — fliegen!" ,

„Aaaah!"

„Sie erzählten mir früher einmal, daß Ste emen Aeroplan konstruiert hätten von so vollendeter Kon­struktion, daß Sie mit ihm alles Dagewesene zu überbieten imstande seien —" ...

„Das stimmt. Mein „Adler" ist ein Flugschtst, wie die Welt noch keines gesehen hat. Er besitzt zwei Motoren von geradezu idealer. Technik, zwet Propeller und wird eine Geschwindigkeit von 120 bis 150 Kilometer pro Stunde entwickeln. Ich habe in der letzten Zeit Flugproben angestellt und bin eines glänzenden Ersolges sicher. Aber ich sen-> nicht ein, was mein „Adler" mit unserer Angelegenheit

zu tun hat!" —

„Sehr viel! — Ich sagte Ihnen schon, daß es mir widerstrebt, Sie für die mir zugefügte Beschimp­fung dadurch zu strafen, daß ich Ihr Blut vergieße und Sie tot nieberftrede. Strafe aber muß sein, denn jede Schuld fordert Sühne! Nun denn — Sie ‘ ~ ‘ ' — und Henker fein! Sie

sollen Ihr eigener Richter - , —, = -

fallen fliegen! — Sie werden mit Ihrem „Adler einen Hochflug unternehmen, und es wird sich zeigen, ob Sie wirklich der geniale Mensch und Himmels­stürmer, sür den Sie sich, halten — oder aber nur ein prahlerischer Scharlatan sind!"

„Ich werde fliegen — aber wenn es mir beliebt!

„Darin täujchen Sie sich! Sie werden fliegen, wenn ich cs befehle! Dazu habe ich ein Recht erwor­ben, weil ich der Beleidigte bin! — Still!" donnerte er tbtt <u» als ßprbü eine Einwenduna machen

dem schlimmen Plan nicht- wird. So ist es ja auch, wohl gemeint. i

X Berlin, 11. August 1913. Der Kaiser ist mittels Sonderzuges am Montag früh auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow eingetroffen.. Er begab sich sofort, nachdem er am Bahnhof zu Pferde gestiegen war, auf den Truppenübungsplatz. — Prinz Heinrich, der 93rube i des Kaisers, hat der Insel Helgoland einen Besuch abgestattet. Auf dem Stationsschiff „Karmen" traf er unerwartet zu» Inspizierung ber neuen Befestigungsanlagen ein. Der Prinz besichtigte auch die 30,5 Zentimeter-Geschütze und die soeben fertiggestellte Flugzeughalle. — Staats­sekretär Dr. Sols hat an Bord des Dampfersi „Eleonore Woermann" von Dover die Reise nach Westafrika angetreten. — Der brasilianische Gesandte Dr. Brastliano Jsibere de Gnnha ist in vergan­gener Nacht gestorben. — Das neue Luftrecht­gesetz, dessen Entwurf vor kurzem fertiggestellt worden ist, wird demnächst den Bundesrat beschäf­tigen. Man nimmt an, daß es dem Reichstage be­reits gegen Ende des Jahres vorgelegt werden könne.

* Fabrik und Handwerk. Gegenüber den Mittei­lungen im Anschlüsse an eine Konferenz im Reichs­amte des Innern, daß die Regierung beabsichtige, in Zukunft die Unterscheidung zwischen Fabrik und Hand­werk im wesentlichen fallen zu kaffen, hatte sich bei bentsche Hanbelstag mit einer Anfrage an den Reichs­kanzler gewendet. Wie die,Textil-Woche' erfährt, hat der Reichskanzler darauf erwidert, daß die verbün­deten Regierungen zu diesen Fragen noch nicht! Stellung genommen haben, sondern erst die Meinungen ber Beteiligten hören wollten. Die ent«; gegengesetzten Melbungen gäben nur subjektive Ein­drücke aus der Konferenz wieder und seien danach zu­bewerten. '!

)( Löschung von Strafen im Strafregister. Eine Vereinigung, welche die Löschung von Strafen im Strafregister bezweckt, damit Bestrafte nicht nach Jahren in ihrem Fortkommen und ihrem Ansehen dadurch gehindert werden, daß ihre erlittenen Gefängnis­strafen immer wieder erwähnt werden, ist in Dresden ins Leben getreten. Die Vereinigung, die im ganzen Reiche Mitglieder werben wird, strebt ein entsprechendes' Reichsgesetz an.

4- Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat! wegen ihrer Haltung in der Besitzsteuerfraget nun endlich auch einmal ein Lob zu hören bekommen.! Auf . der Mainzer Landeskonferenz der hessischen! sozialdemokratifchen Partei- mürbe- auf Antrag des- Reichstagsabg. Dr. David gegen eine Stimme be­schlossen, dem Jenaer Parteitage die Annahme sob^ genber Entschließung zu empfehlen: \

Der Parteitag stellt sich auf den Boden ber von der Reichstagsfraktion zu ben Deckm gsvorlagen abgegebenen- Erklärungen unb billigt ausdrücklich die Zustim^ mung ber Fraktion zu den beiden Vesitzsteuergesetzen.

In den längeren Ausfnhrungen,mit denen Dr. David die Stellungnahme der sozialdemokratischen Fraktion bei den Decknngsvorlagen begründete, führte er u. a. folgendes aus.

„Die Vermögenszuwachssteuer ist nicht nur dem Schein nach eine Besitzsteuer, wie das jetzt so dargestelll wirb. . . . Diele Steuer ist ein außerordentlicher Erfolg ber Sozialbemokiatie. (Starke Zustimmung). . . . Uns« Freuub Rühle sagt, es wäre gut gewesen, wenn eint Reichstagsaujlösung gekommen wäre, sowie wir die ©teuer verweigert hätten. In einen solchen Wahlkampf wärt ich mit Gefühlen hineingegangen wie nie vorher, uni wir hätten Schläge bekommen wie nie vorher. (Zu­stimmung). Aber, so sagte die Opposition, es wäre doch schön,wenn bieseSteuerndurch bieStimmenber anb eren zustanbe kämen. Diese prinzipielle Schlaumeiertaktik wat Die Basis ber Opposition. Diese Konsequenzen dieset Schlaumeiertaktik gingen dahin, die Zuwachssteuer an­zunehmen, weil sie gefährdet war, und gegen ben Wehr­beitrag zu stimmen, weil er auch ohne uns zustanbe ge­kommen wäre. Dieser Taktik des Abwartens, was ändert tun werben, wäre ein Hohngelächter der Hölle gefolgt Das wäre eine feige, unehrliche, grundsatzlose Haltung

wollte. „Jetzt redet der Fürst von Ostrowitz, uni Sie haben zu schweigen! — Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit, um Ihre Vorbereitungen zu Ihren Fluge zu treffen. Genügt dies?"

„Ja. Ich kann foejar fchon in drei bis dies Tagen mit allem fertig fein und ben Aufstieg wagen."

„Nein — es bleibt bei einer Woche. Sie sollen Zeit haben, auch Ihre — irdischen Angelegenheiten zu ordnen. Vielletcht wird dies nötig sein."

Hardy lächelte überlegen. „Ich bin meines „Adlers" sicher," sagte er, „und werde unversehrt wieder aus den Lüsten herabsteigen."

„Sind Sie dessen so sicher?"

„Ja. llstein Apparat sunktioniert unfehlbar."

„Das bezweifle ich. Kein Mensch ist unfehlbar, am wenigsten aber eine technische .Erfindung, — Sagen Sie mir doch: glauben Sie an Gott?" -

„Wozu die Frage?" rief Hardh, verblüfft durch des Fürsten sprunghafte Frage. '

„Ich stelle diese Frage mit Absicht, wie Sie gleich hören werden. Also noch einmal: glauben Sie an Gott?"

Hardy wiegte nachdenklich den Kopf nach rechts und links. „Ich glaube nur an mich selbst", ant­wortete er swlz. , '

„Welcher Wahn! Welche Vermessenheit! Sie leugnen also das Dasein eines höheren Wesens, das die Welt und die Geschicke der Menschen lentt?"

„Nun, so radikal bin ich gerade nicht. Es ist ja immerhin möglich, daß — Sie verstehen! Aber wozu diese Fragen? Sie langweilen mich! Kommen wir endlich zum Schluß!"

„Wir sind schon dabei. Denn ich {affe Ihren Flug von einem höheren Standpunkte auf. Sie wa­ten ein Duell mit mir aussechten — wohlan: öte sollen es haben! Ihr Flug wird em Kampf enr Duell fein zwischen Irdischem und Uebertrdtjchem, zwischen Menschenkraft und Gotteskraft, Zwffchen Menschenwille und Gottes Allmacht — zwtjchen Ihnen — und Gott fein’"

- (Fortsetzung folgt.)