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Fuldaer Zeitung

trfd)tint fflgfld) mR HusnoJjme Oer Sonn- und Sekrtoge. ülerteU jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld In Zu Ida sowie auswärts MO Mark. •••• Rotationsbrudt und Verlag der s s Sulbaer fldien6rudterei In $ulöo. Zernsprecher Nr. 9. s s

s 3 wochm-VeNage: 3 3 ? s s TTIonats-Behage: 3 s Illustrierte Sonntagsztifung I Zuldaer Seschlchtsblätter

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Nr. 183.

€rftes Blatt.

Samstag den 9. August 1913.

40. Jahrgang.

sX Der Tunnel zwischen England und Frankreich.

Der alte Plan des Kanaltunnels von Calais nach Dover ist wieder auf die Tagesordnung gekommen. Ein unternehmungslustiger Ausschuß von englischen Abgeordneten hat sogar den Ministerpräsidenten As­quith gezwungen, über den Tunnel eine diplomatische Rede zu halten, (vgl. Nr. 180.) Die engl. Minister verstehen es ausgezeichnet, mit vielen Worten nichts Faßbares zu sagen. Herr Asquith hat es beiden Tei­len recht gemacht. Den Gegnern des Tunnels durch die ernsthafte Wiederholung der alten Bedenken des Feldmarschalls Wolseley und den Freunden des Unternehmens durch die Hervorhebung von „neuen Faktoren", als da sind die verbesserten Be­ziehungen zu Frankreich und die veränderten Metho­den der Kriegführung. Die Regierung will die Sache prüfen. Obschon sie sich nicht im gering­sten gebunden hat, so betrachten doch die Tunnel- Pioniere die Rede Asquiths als einen großen Erfolg, weil das bisher übliche unbedingte Nein nicht wieder­holt worden ist.

Nach unserer Kenntnis des englischen VolkS- charakters glauben wir nicht, daß wtr den Tunnel zu unseren Lebzeiten noch benutzen können. Die technischen Schwierigkeiten sind ja Wohl zu über­winden, und wenn nur erst die Konzession da ist, so wird sich auch das Kapital von 320 Millionen (nebst den üblichen Nachschüssen) Wohl flüssig machen las­sen. Aber der Erdboden unter dem Kanal läßt sich viel leichter durchbohren, als der Britenschädel, in dem die ererbten Vorurteile verstimmt sind. TaS Volk besitzt einerseits ein übermäßiges S e l b st b e- wuhtsein und andererseits eine Furchtsam­keit, die manchmal ins kindische ausartet. Die Engländer wollen die Hälfte der Welt beherrschen und die ganze Welt ausbeuten, aber vor einer cngern Verbindung mit dem europäischen Festlande haben sie meist einen Widerwillen. Sie wollen durchaus ihre Eigenart bewahren und möchten keineswegs mit dem übrigen Europa in denselben Kulturtopf ge­raten. Vor einer Invasion ihrer Inseln haben sie eine Heidenangst, wie sich das in den Märchen von nächtlichen Vorstößen feindlicher Wasser- und Luft­schiffe wiederholt bekundet hat. Wenn nun gar ein Landweg zwischen dem Festland und England ge­schaffen werden soll, so wird die Masse des dortigen Volkes vermutlich noch auf dem alten Standpunkt stehen und in der Untersee-Röhre eine schwere Ge­fahr für die Landessicherheit erblicken. Den Gegnern des Projekts wird es gewiß nicht schwer fallen, diesen Volksinstinkt aufzupeitschen. Im Hintergründe lauert ja immer die Besorgnis, daß zur Bildung eines stär­keren Landheeres der militärische Dienstzwang ein­geführt werden könnte.

Eine sonderbare Erscheinung, daß die englische Bürgerschaft die halbe Welt beherrscht und doch vom allgemeinen Heeresdienst nichts wissen will. „Es geht auch so", sagen die Engländer, und sie, haben reckt, so lange sie noch genug Mannschaften für ihre wachsende Flotte zu gewinnen vermögen. Auf dieser Flotte beruht einzig und allein die Sicherheit Eng­lands. Der Tunnel würde der Sicherheit keinen Jlbbruch tun. Es ist geradezu unbegreiflich, wie die Engländer sich einbilden können, durch diese unter­seeische Eisenbahnröhre könne eine „Invasionsarmee" ans die Insel rücken. Kann man vielleicht eine Ar­mee mit Zubehör in einen oder zwei Eisenbahnzüge packen? Ehe auch nur e i n derartiger Soldatenzug in Dover anlandet, wäre der ganze Tunnel unter Wasser gesetzt oder durch Dynamitpatronen in die Luft oder vielmehr in die See gesprengt. Zur Ver­teidigung des Tunnelkopfes braucht man keine Ar­mee, sondern nur einen Pionierposten.

Aber sehe jeder, wie er's treibe. Wenn die Eng­länder so engherzig und ängstlich sind, daß sic den

Das Münchner Kindl.

62] Roman von Felix Nabor.

In den Restaurants, die er besuchte, sprach man von allen möglichen Dingen und Ereignissen, seinen eigenen Namen hörte er aber nicht Nur wenn er Freunde und Bekannte traf, wurde die Sache be­rührt; man drückte ihm die Hand, gratulierte ihm, dann aber sprang die Unterhaltung auf andere Dinge über. „Merkwürdig, welch kurzes Gedächtnis die Men­schen haben," dachte Hardh, wurde verdrossen und konnte sich seines Sieges nicht mehr so recht freuen.

Am meisten aber wunderte er sich darüber, daß aus dem Palais Ostrawitz kein Wort der Anerken­nung, kein Glückwunsch zu ihm gelangte! Der Fürst hatte doch als Hauptaktionär des großen Unterneh­mens ein Interesse daran, daß er mit dem Preis­gekrönten in Fühlung blieb — und die Fürstin war von seinem Entwurf geradezu begeistert gewesen! Warum also dieses eisige Schweigen? Was bedeutete das? —

Drei Tage vergingen unter Hoffen und Ban­gen, er hatte das Gefühl, als sei die Luft um ihn her mit Elektrizität geladen, als ziehe sich ein Ge­witter über seinem Haupte zusammen; auch sein^La- tcr hatte eine ähnliche Empfindung,, und seine Stirn war umwölkt und sorgenvoll.

Der vierte Tag brachte die Lösung des Rätsels, die Hardy wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf.

Das Preisgericht hatte unter den preisgekrönten Entwürfen denjenigen genannt, der zur Ausführung gelangen sollte. Hardys Werk wurde abgelehnt! Es existierte nur im Bilde, nie sollte es in Marmor und Stein erstehen, nie vor den Augen der Welt erstehen und zum Himmel empvrwachsen, nie diese Stadt als Wunderbau krönen!

Es war ein Pyrrhussieg, den er errungen hatte!

Im ersten Augenblick konnte er diese Nachricht kaum fassen; sie war zu ungeheuerlich, zu nieder- schmrtternd. Dann aber, als er sie glauben mußte- weil die Scherst, die er in Häuden hielt, nicht lügen

Technikern die erschnte Untertunnelierung des Kanals nach wie vor verwehren, so brauchen wir Deutsche uns deshalb nicht aufzuregen. Für unfern Handels­und für unseren persönlichen Verkehr mit England genügen die bestehenden Verbindungen über Ham- bürg, über Bremen, über Hoek von Holland, über Ostende usw. vollständig. Wenn die Fahrt von Deutschland nach England durch den Tunnel um ein oder zwei Stunden abgekürzt und von dem letzten Rest der Seekrankheitsgefahr entlastet würde, so wäre das nur ein kleiner Vorteil für sehr wenige Leute. Dagegen hat Frankreich ein großes Jnteresie an dem Tunnel. Es möchte recht viel Engländer in den Pariser Strudel ziehen und nebenbei die nach England reisenden Festländer möglichst auf die fran­zösische Route locken.

Wenn der wieder aufgetauchte Tunnelplan aber­mals scheitern sollte, so würden die französischen Ententebrüder enttäuscht und verstimmt sein. Die politische Lage drängt auf den Tunnelbau; denn wenn die Engländer in ihrer splendit Isolation, der Abge­trenntheit ihrer Inseln, verbleiben wollten, so durf­ten sie die ganze Bündnispolitik nicht anfangen.

♦♦♦ Konfessionelle Verschiebungen.

In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhau­ses am 7. Februar 1913 bei der Beratung zum Titel „Mcdizinalwesen" wurde der Rückgang der Ge­burten von den Rednern aller Parteien zugegeben. Der Vertreter des Ministers, Medizinaldirektor Dr. Kirchner, sagte in seiner bemerkenswerten Rede u. a. folgendes:

„Daß hier etwas zu tun ist, dafür möchte ich nur zwei Beispiele anführen. Erstens scheint nach den statistilchen Mitteilungen in katholischen Geg enden der Rück­gang der Geburtenziffer geringer zu sein als in anderen; die katholische Geistlichkeit soll mehr auf di« Bevölkerung einwtrken, als es in anderen Gegenden der Fall ist."

Was der Ministerialdirektor hier ausgesprochen hat, ist nicht bloß Schein, sondern Tatsache; denn tote wäre sonst erklärlich, was die „Zeitschrift für christ­liche Erziehungswissenschaft" in Heft 10 vom Juli 1913 unter obiger Ueberschrift berichtet: „1886 zählte man in Preußen 4 838 247 Volksschüler, 1911 aber 6 572 140. Die Zunahme beträgt 1 733 893 oder 35,3 Prozent. Für die beiden Konfessionen aber er­gaben sich außerordentliche Verschiedenheiten. Die Zahl der evangelischen Volksschüler hat in den ver­flossenen 25 Jahren um 26,4 Prozent, die der katho­lischen dagegen um 53,2 Prozent zugenommen. Die relative Zunahme der katholischen Kinder war also mehr alsdoppeltso hoch wie die der evan­gelischen. Zweifellos trägt dazu die Abnahme der Geburtenzahl bei, die bei den Evangelischen viel größer ist, als bei der katholischen Bevölkerung."

Wenn es nicht bloß Schein, sondern wirkliche Tat­sache ist, daß in katholischen Gegenden der Geburten­rückgang geringer ist als in evangelischen, und daß diese erfreuliche Tatsache der Wirksamkeit der katho­lischen Geistlichkeit zu verdanken ist, so fragen wir uns unwillkürlich, warum der Ministerialdirektor aus diesen Tatsachen nicht die einzig logischen Schlußfolgerungen gezogen hat, nämlich: 1. der katholischen Kirche in ihrer erziehlichen Wirksam- kest nicht die Hände zu binden; 2. den evangelischen Kreisen, namentlich dem Evangelischen Bunde, an- zuempfehlen, reaer an der Bekämpfung der Unsittlich­keit im eigenen Lager als an dem Kampf gegen Rom sich zu beteiligen.

Weiter sagte Ministerialdirektor Dr. Kirchner.

„Andererseits muß ich konstatieren, daß der Rückgang der Geburtenziffer in den einzelnen Teilen unseres Vater­landes verschieden groß ist. Fm O«en unseres Vater­landes ist er auch verhältnismäßig gering, auch in ge­wissen westlichen Provinzen; was uns aber beionders zu denken gibt, ist. daß in den polnischen Gegenden,

konnte, erging er sich in Schmähungen über daS Preisgericht; 'sein heißester Haß richtete sich gegen den Fürsten Ostrawitz, in dem er seinen Hauptgeg­ner vermutete. Darin hatte er freilich recht. Jetzt erinnerte er sich der Warnung der Fürstin Ilona, jetzt wußte er auch, warum der Fürst nicht bei seinem SiegeSsest erschienen war.

In seinem Zorne wollte er sogleich zum Fürsten gehen und ihn zur Rede stellen; aber sein Vater, der sehr bekümmert war, hielt ihn zurück. „Warte erst ab, bis du ruhiger geworden bist, sonst entsteht aus deinem Zusammentreffen mit dem Fürsten neues Unheil. Daß dieser nicht ganz korrekt gehandelt hat, ist sicher. Es gab da geheime Gegenminen, von denen sogar ich keine Ahnung hatte, obwohl ich doch in in­nigster Fühlung mit den Preisrichtern stand. Wenn noch irgend etwas für dich zu erreichen ist, so muß es mit Klugheit getan werden und auf dem Wege persönlicher Aussprache. Ueberlaß das mir! T'.r mangelt jetzt die nötige Ruhe, das kalte Blut. Du darfst überzeugt sein, daß ich deine Interessen ebenso warm vertreten werde, als ob es meine eigenen wären."

„Aber ich muß doch die Gründe erfahren, warum mein Projekt abgelehnt wurde!" rief Hardy.

„Dazu hast du ein Recht! Der Fürst wird dir hierüber am besten Auskunft geben können; allein, wie gesagt: warte erst ab, bis du ruhige? Blut hast. Inzwischen will ich sondieren."

Andern TagS begab sich Hardy in das PalaiS Ostrawitz. Der Fürst empfing ihn höflich, aber kühl. ,^zch kann mir wohl denken, was Sie zu mir führt." sagte er, als sie sich in den bequemen Klubsesseln ge" genübersaßen. „Es tut mir auch aufrichtig leid, daß die Entscheidung so gefallen ist — aber zu ändern ist da nichts mehr."

„Aber die Gründe. Durchlaucht, die Gründe!"

Der Fürst zupfte in seiner gewohnten Weise die Schnurrbartspitze hoch, daß sein blankes Wolfsgebiß 'bloßgelegt wurde, und Hardh dachte unwillkürlich: „Jetzt kommt der Wolf über mich! Jetzt springt er mit an die Kehle und zerreißt mich! Und ein leiseS Graue-, f*iüttite ihn.

z. B. im Regierungsbezirk Oppeln und in der Provinz Posen der Geburtenrückgang viel geringer ist als in Gegenden mit rein deutscher Bevölkerung. Wenn dies so fort! di teilet, wenn die deutschen Kreis« in ihrer Ge­burtenziffer fortwährend zurückgehen, während dies in polnischen Gegenden nicht der Fall ist, so muß dies zu einer Zurückdrängung des Deutschtums führen. Ich habe mich für verpflichtet gehalten, darauf hinzuweisen.

Der Ministerialdirektor konstruiert somit aus dem Rückgang der Geburtenziffer bei den deutschen (rich­tiger gesagt bei den Evangelischen) eine Gefahr für das Deutschtum. Auch bei diesen Ausführungen ver­meidet der Redner die Angaben der einzig wirksamen Mittel. Wenn man bedenkt, daß der Geburtenrück­gang besonders in Großstädten bei der arbeiten­den Bevölkerung in erschreckender Weise zunimmt und daß dieses auf Rechnung deS Wohnungs­elends zu schreiben ist, so wäre es erste Aufgabe der Staatsregierung, Mittel und Wege zu schassen, um das Wohnungselend zu beseitigen. Zweitens dürste es wohl zweckdienlicher zur Dämmerung der Polengefahr sein, man beseitigte die kostspielige Ost- markenpolftik und die Ausnahmegesetze gegen die Polen und benutzte die Millionen zu Einrichtungen zwecks Hebung des religiös-sittlichen Bewußtseins bei den Deutschen.

Wenn der Ministerialdirektor im Anschluß an die geschilderte Polengefahr zum Schluß sagt: „Ich glaube, eS ist nicht ohne Nutzen, daß von dieser. Stelle au§ die warnende Stimme erhoben wird; wir alle können etwas dazu tun, daß dieser Zustand nicht weiter um sich greift", so könnte diese Mahnung von manchem falsch verstanden und als eine Aufforderung zu noch schärferem Vorgehen gegen die Polen ausge­faßt werden. Vielleicht kommt man gar zur äqyv- tischen Methode zurück, alle neugeborenen Knäblein der Polen zu ertränken? Gewährung der freien Ent­faltung der katholischen Kirche und ihrer Orden, eif­rigere Arbest der Kräfte der evangelischen Kirche in ihren eigenen Reihen auf religiös-sittlichem.Gebiete statt der Einmischung in innere Angelegenheiten der katholischen Kirche, Kampf gegen allen Schmutz in Wort und Bild, mehr soziale Arbeit, namentlich im Wohnungswesen, und Beseitigung aller Ausnahme­gesetze, dieses dürften die einzig wirksamen Mittel sein, um den Geburtenrückgang zu hemmen und die Polengefahr zu beseittgen.

(*) Katholiken und Oifiziersbernf

Unser Reichsheer hat 32 000 Offiziere; würden die Stellen nach dem Verhältnis der Konfessionen besetzt sein, so müßten rund 11000 Katholiken sich in Offiziersstellen befinden: So viel sind eS leider nicht.

Zunächst scheidet der polnische Bevölkerungsteil mit seinen 4 Millionen Köpfen aus; Polen nimmt man nicht als Offiziere und Polen wollen nicht Offi­ziere werden. Das war nicht immer so; noch vor 10—15 Jahren hatten wir polnische Offiziere im Heer; heute ist dies anders geworden. Ferner kom­men auS den katholischen Volksschichten der Reichs­lande nur wenig Offiziere, diese stellen, leider nach Frankreich mehr Offiziere als fürs deutsche Heer. So fließen also zwei nicht geringe Quellen des katho­lischen Volksteiles für den OffizierSberuf nicht. Aber ein weiterer Grund der nicht zu leugnenden Zurück­haltung der Katholiken ist die Unsitte des 2) u_e.l I - zwanges. Katholische Väter wollen ihre Söhne nicht unter dieses Joch stellen und schicken sie darum nicht in die Armee. Der Duellzwang muß fallen, schnell fallen; das erheischt die Gerechtigkeit, Pari­tät und das göttliche Gesetz. Die Katholiken müssen erneut vom Kriegsministerium fordern, daß es mit allem Nachdruck dieser Unsitte entgegentritt. Es gibt zwar katholische Offiziere in sehr hohen Stellungen; aber sie geben selbst zu, wie schwer es für die Kcttho-

Der Fürst legte die Fingerspitzen mit den langen, blankpolierten Nägeln aneinander, streifte Hardy mit einen, raschen Blick und sagte in seiner stoßweisen Sprechweise: „Tja — die Sache ist mir natürlich sehr peinlich ■■— faktisch! Aber — na, nehmen Sie sich's nicht gar zu Herzen! — Sie haben ja ohnedies zu leben!"

„Damm handelt es sich nicht, Durchlaucht! Son­dern es geht um die Ehre, um den Ruhm! Mein ganzer Lebenszweck ist zerbrochen, das Ziel meines Strebens in unerreichbare Ferne gerückt."

„Tja — ich verstehe Ihre Enttäuschung und Ihren Schmerz — faktisch. Aber schließlich — den moralischen und künstlerischen Sieg haben Sie doch errungen. Begnügen Sie sich damit."

Hardh schüttelte zornig den Kopf. „Ich müßte kein Mann und kein Künstler sein, wenn ich mich da­mit begnügen wollte. Welches sind die Gründe für die Ablehnung, Durchlaucht?"

„Na — denn in Gottesnamen, wenn Sie es nicht anders wollen. Also — Ihr Entwurf ist herrlich, unerreicht, ein Juwel — sakrisch. Aber er ist unaus­führbar."

„Unausführbar? — Das verstehe ich nicht."

„Er ist zu phantastisch! Nein, das ist nicht das richtige Wort — zu idealistisch, er hat keine Verbin­dung mit den realen Verhältnissen, und er würde zur Ausführung Mittel erfordern, die einfach uner­schwinglich sind. Darum hat das Preisgericht einen anderen Plan akzeptiert, der weniger Idealismus ausweist, dafür aber ein praktischer Bau ist, der dem Unternehmen eine sichere Rentabilität in Aussicht stellt."

„Ah — also das ist der Zweck des Baues? — Rentabilität? — Dividenden?"

„Ja, glauben Sie denn, wir stellen ein Theater ins Blaue hinein, das nur mit Defizit arbeftet? Da können Sie Aktionäre im Mond suchen, auf der Erde finden Sie keine. Das war doch schon von Anfang an die Idee: einen Theaterbau zu erstellen, bet allen modernen Bedürfnissen Rechnung trägt, der das Schöne mit dem Angenehmen und Nützlichen in sich

liken ist, durchzukommen, eben wegen des Duell­zwanges. Trotzdem sagen wir heute schon: mehr Katholiken in die Armee!

Die gewaltige Heeresvecmehrung, mit ihren 4000 Offizierstellen mehr, fordert, bei der Ueberfüllung aller Berufe und zumal bei den so sehr ungünstigen Aussichten für die Studenten der Hoch­schulwissenschaften, geradezu dazu auf, geeignete junge Männer der Armee zuzuführen. Warum sollen diejenigen, welche die Kosten mittragen müs­sen, nicht auch sich fragen, ob sie nicht auch an dem Segen teilnehmen können, der da „von oben" kommt? Tie Laufbahn ist billig, sie bringt den jungen Mann in eine geachtete Stellung, durch Diensteifer und Fleiß kann er es zu etwas Besonderem bringen. Die Pensionsverhältnisse sind günstig. Also auf die Frage: „Was soll mein Sohn werden?" ist zu ant­worten: Wenn er Beruf zum Soldaten zu haben glaubt und das Abiturientenexamen gemacht hat, auch körperlich etwas leisten kann, fo lasse ihn ins Heer eintreten, ein gebildeter, wohlerzogener junger Mann, „aus guter christlicher Familie", wie es in einem königlichen Erlaß heißt, „der nach Bildung und Erziehung die Aussicht gewährt, ein brauchbares Mitglied des Offizierkorps zu werden", wird mit Leichtigkeit einen Truppenteil finden, der ihn an- nimmt.

Man kommt gerne mit zwei anderen Einwen­dungen, die nicht ohne wetteres von der Hand zu weisen sind. Spiel und Luxus würden in bet Armee getrieben und schädigten die Offiziere schwer. Man darf aber ruhig sagen, daß es erheblich bester geworden ist. Es hat Zeiten gegeben, in denen in sehr vielen Regimentern stark gespielt wurde. Aus den Hauptwachen, die damals noch mit Offizieren besetzt waren, wurde es beliebter Zeitvertreib, bei sich dort gewohnheitsmäßig sammelnden Kameraden/ Der „Tempel" besand sich meist auf der Rückseite von irgend einem in der Wachtpube hängenden, patriotischen Bflde. Das hat sich sehr geändert, bb Kommandeure wachen mit Argusaugen darüber, das nicht „gejeut" wird; denn kommt etwas Unangeneh-. mes im Offifierkorps vor. woran daS Spiel schuld ist, z. B. persönliche Konflikte, und dies kommt zur Kenntnis der Vorgesetzten, so wird ihnen die balbigt Anschaffung eine? Zylinders und Regenschirmes so' fort warm empfohlen. In anderen Kreisen wird auch gespielt und vielleicht noch mehr als im Heere

Wenn man alles in allem nimmt, darf man sagen, daß trotz dieser und' jener Bedenken, junger charakterfesten Katholiken geraten werden kann, in die Armee einzutreten. Das Elternhaus muß sich aber des jungen Leutnants sehr annehmen, denn auch wenn er die Uniform trägt, ist er noch kein ausge. reiftet Charakter, sondern bedarf des Halte? und bei Stütze,

Deutsches Reich.

: Berlin, 8. August 1913. Der Reichskanzl^ traf heute mittag in Swinemünde ein. Der Kai sei promenierte mit ihm vor der Frühstückstafel längere Zeit an Deck der .tzohenzollern*. — Zum Besuche des Kaisers in Rostock am kommenden Sonntag werden dort anwesend sein der Großherzog, die Groß­herzogin, die Großherzogin-Mutter Anastasia, die deutsche Kronprinzessin, die Prinzessin Reuß XVIII., Prinz Heinrich der Niederlande und Herzog Paul von Mecklenburg. — Der Staatssekretär des Reichs­kolonialamtes, Dr. Solf, der sich seit einiger Zeit ans Urlaub und augenblicklich in England befindet, tritt nunmehr von dort aus aus der »Eleonore Woermann* die bereits gem-ldete Inspektionsreise nach Kamerun und Togo an, der sich ein Besuch in Britisch-Nigeria anschließen wird. Die Abwesenheit des Staatsfekretärs von Deutschland wird drei Mo- naie dauern.

vereinigt und eine sichere Bürgschaft bietet süc das aufgewendete Kapital."

Hardy stteß ein höhnisches Lachen aus. „Also von Ansang an eine Spekulation, ein kaufmännischer Trick en sros! Und ich Tor habe geglaubt, der Bau diene idealen Zwecken, er bedeute die Sonne einer neuen Kultur, von der aus sich Lichtströme über die ganze Stadt, über das ganze Reich ergießen!

„Nun, das auch! Aber, wie gesagt, der Haupt­wert wird auf prattische Anlage des Baues gelegt. Das haben Sie in Ihrem Entwurf übersehen, Herr vor: Sandow, und sind daher weit übers, Ziel hin­ausgeschossen! Sie haben einen idealen Sieg errun­gen."

Hardy schüttelte heftig den Kopf. „Was nützt mich daS," rief er, „wenn mein Werk Illusion bleibt!"

„Tja — da ist nichts zu machen' Praktisch, prak­tisch — das ist das Schlagwort der modernen Zettl Unter diesem Gesichtspunkte wird das Opernhaus ge­baut. Was nützt uns ein Monumentalbau, wenn er leer steht, weil die Preise der Theaterplätze so hoch geschraubt werden müssen, daß kein Mensch sie haben will! Populär soll ein Theater sein, namentlich in unseren Tagen, wo wir, allerdings mit Unrecht, dein Grundsatz huldigen: „Das Theater ist tot, e? lebe der Film!" Die Besucher sollen alles finden, was Hccz und Auge erfreut — und Gaumen und Kehle netzt. T'a — daS ist eine geniale Idee! Die Oper bringt schöne Aufführungen heraus, Stücke, die einschlagen und das Theater füllen. Daneben löst ein elegante» Restaurant die Magenfrage, ein erstklassiges Lass zieht die besten Kreise an, insbesondere die Damen­welt, eine große Lesehalle bietet den Besuchern die neueste und interessanteste Lekttire, die spannendsten Romane unserer Zeitungen und Zeiffchristen, die nto» dernsten Bücher gegen eine Lesegel-sihr von 50 Ptg. pro Tag; ein Automat in Wein, Likör uni), Sekt ver­sorgt die geistig Dürstenden auch mit leiblicher Atzung —• ein großer pompöser Festsaal nimmt Versamm-. hingen, HochzeitSgüste und Reisegesellschaften gastlich in sich ans "

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