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* Fuldaer Zeitung.

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JVi 183.

»<m«tag 9. August 1915.

Wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 8. August 1913.

Der Kaiser ist von seiner Nordlandreise zurück­gekehrt. Er hat seinen Norwegern, wie er unser nordisches Brudervolk gern nennt, ein schönes blei­bendes Geschenk gemacht. Von den nordischen Ber­gen grüßt jetzt eine 20 Meter hohe Bronzestatue des sagenhaften Helden Fritjof übers blaue Meer, dort, wo der Erzählung nach Fritjof und Jngborg bei­sammen ruhen. Bei der Enthüllung des Denkmals hielt der Kaiser eine Rede, in der er die Stammes­und Kulturgemeinschaft betonte, die uns mit den Norwegern verbindet. König Hakons Dankesrede brachte die Freundschaftsgefühle zum Ausdruck, die im norwegischen Herzen zu ihren deutschen Brüdern leben.

Die behagliche Ruhe, wie sie Jahr für Jahr in der Zeit der sauren Gurken sich einzustellen Pflegt, und von der besonders auch die sonst im Jahre viel­geplagte Kategorie der Pressemenschen immer ihr gutes Stückchen profitiert, hat in diesen Tagen einen kleinen Knacks bekommen durch die Vorgänge vor dem Kriegsgericht in Berlin. Sieben preußische Militärbeamte hatten sich gegen die Anklage zu ver­teidigen, daß sie einem Agenten der weltbekannten Kanonenfirma Krupp gegen Belohnung militä­rische Geheimnisse verraten hätten. Von sozialdemo­kratischer Seite war dafür gesorgt worden, daß die Geschichte einen skandalösen Auftakt bekam, aber glücklickerweise haben die kriegsgerichtlichen Ver­handlungen klar ergeben, daß es sich nicht um ein Panama in der Heeresverwaltung, sondern nur um charakterschwache, käufliche Subalternbeamte handelt. Uno auch diesen darf keine allzuschwere Schuld bei­gemessen werden; sie sind zweifellos von einem pfiffigen Agenten aufs Glatteis geführt worden und hohen für ein paar lumpige Geldstücke Dinge preis- gegeben, die geheim zu halten ihre militärische Pflicht und Offiziersehre ihnen auferlegte. Das Urteil be­wegt sich in der Strafbemessung zwischen 6 Monaten Gefängnis und 3 Wochen gelindem Arrest, obwohl der Anklagevertreter erheblich höhere Strafen bean­tragt hatte. Doch das Gericht machte von seinem Milderungsrecht Gebrauch, denn der Milderungs­gründe lägen manche vor. Ueber das Vorgehen des Kruvp'scken Agenten und die Geschäftspraxis der Firma Krupp selbst wird später erst geurteilt wer­den; doch läßt sich nicht abftrerten, daß die Ergeb­nisse der kriegsgerichtlichen Verhandlungen das ge­schäftliche Renomee der ersten Firma Deutschlands nicht gerade in günstiges Licht stellen. Soviel steht ober fest, daß der sozialdemokratische Vorstoß gegen die Heeresverwaltung mißglückt ist und ein jeder die eigentliche Absicht bei dem sozialdemokratischen Ent- rüstnngsrummel über das deutsche Panama leicht durchschauen kann.

Die Sozialdemokratie hat sich in diesem Krupp- Prozeß keine Lorbeeren geholt und die Gloriole, mit der der „Enthüller" Liebknecht sich umgeben hat, wird bald verblaßt sein. Dem Herrn Liebknecht und seinen roten Kollegen aus dem Reichstag wird der nahende Jenaer Parteitag schon gründlich den Kopf waschen. Die sozialdemokratische ReichstagS- fraltion hat noch nie so ratlos und kläglich auf der Anklagebank gehockt, wie in diesem Jahr, wo sie den strengen Jenenser Richtern erklären soll, warum sie den Wehrbeitrag und die Reichsvermögenszuwachs­steuer für Heereszwecke bewilligt habe. Es vergeht fast kaum ein Tag, ohne daß irgendwo eine gepfef- serte Resolution gegen die rote Reichstagsfraktion ge­faßt wird und alle diese Resolutionen werden der armen Fraktion in Jena auf den Kopf hageln. Be­neidenswert ist ihre Lage wirllich nicht. AuS all diesem Elend hilft ihnen auch die Agitation für den Massenstreik und den Gebärstreik nichts.

In Oesterreich-Ungarn werden sich die Parlamentarier in Kürze mit einer neuen Militär- Vorlage zu beschäftigen haben. Die Heeresverwal­tung verlangt von den Delegationen die Erhöhung des Relrutenkontingents, und zwar 35 000 Marrn mehr für das gemeinsame Heer und 15 000 Mann für die beiden Landwehren. Der künftige Friedens- stand des Heeres wird sich dann auf insgesamt 580 000 Mann beziffern, ausgenommen Offiziere und Unteroffiziere.

In Holland haperts immer noch mit der Bildung des Kabinetts. Die Weigerung der Sozial-

llnpolWche Seltläuse.

N. Cuxhaven, 5. Aug. 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Am Meecesstrande bin ich erdenbürger- l i ch gestimmt. Die Wellen, die meinen Fuß besvii- len, und das Wasser, in d--m der Patagonier fischt, gehören zu einem und demselben großen Waschbecken der Mutter Erde. Das Schifi, das hier abfährt, hat eine freie Straße vor sich nach allen Erdteilen und Inseln; es kann auch rings um die Erde herum fahren und mit Gewinn oder Verlust eines Wochen­tages wieder hier eintreffen. Nach Ost und West fin­det es überall Durchgang von Norden nach Süden and umgekehrt kann es freilich keine Volte um den Erdball schlagen, weil die vereisten Pole Hast ge­bieten.

Man spricht oft von dem unendlichen Weltmeer. Aber „unendlich" fit es höchstens wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, oder wie ein Trauring, der keinen Anfang und kein Ende hat, der Umfang des Weltmeeres läßt sich ganz gut ermessen. Es nimmt von der Oberfläche "der Erdkugel etwa zwei Drittel ein, und diese Erdkugel fit wirklich nicht groß. Ihre Gürtelweite beträgt 5400 Meilen. Wenn bei Aequator ein Eisenbahndamm wäre, so könnte ein Schnellzug in 21 Tagen um die Erde herum- fohren. Was ist das für eine winzige Strecke im Vergleich zu der Sonnenentfernung von 20 Millio­nen Meilen, die ein ähnlicher Schnellzug erst in 200 Jahren zurücklegen könnte! Von den Entfernungen bis zu den anderen Sonnen, den Fixsternen, wollen wir lieber gar nicht reden; die sind wieder viel tau­sendmal größer und werden von den Astronomen nicht nach Meilen oder Schnellzugsjahren berechnet, sondern nach Lichtjahren. Der Lichtstrahl braucht verschiedene Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhun­derte, um von den fremden Sonnen zu unS zu kom­men. und der Lichtstrahl braucht nicht einmal eine Sekunde, um rings um die Erde zu laufen. Also ist unsere Mutter Erde keine stattliche Dame, sondern ei» winziges Zwerglein in der Sterngesellschaft, und wenn die Cherubim und Seraphim vom Himmel her­untersehen, so wird ihnen unser irdische? Weltmeer Vorkommen wie ein paar Regeutoppm, die an einer winzigen Nußschale hängen geblieben sind. Auf die­sem wäsierigen Ueberzug schwimmt hier und dort ein bunte? Pünktchen umher; mit einem sehr starken Vec- großerunasglas iltm man darin ein niedliches Spiel­

demokraten, bei der Bildung des liberal-sozialistischen Kabinetts mitzuwirken, war in Westen sozialistischen Kreisen Anlaß zur Mißstimmung. Aba. Schaper, einer her sozialistischen Führer, legte sich ins Zeug mit dem Ergebnis, daß letzt auf Beschluß des sozial­demokratischen Parteivorstandes am Samstag und Sonntag ein außerordentlicher Kongreß zusammen- :rstt, um endgültig in der Frage zu entscheiden.

In Portugal gibts Aufruhr und Revolution, ^-och hat man sich an diesen Zustand in der bankerot­ten Republik nachgerade schon gewöhnt. Seit dem Oktober 1910, dem Geburtsmonat dieser sogenann­ten Republik, haben schon 5 Minfiterkabinette ver­sucht, Ordnung und Ruhe zu schaffen, aber wo sie glaubten, zu schieben, waren sie doch nur die Ge­schobenen. In Portugal herrscht die Anarchie, regie­ren die Carbonaris. Ihre Argumente sind Dolch und Dynamit, ihr Ziel anscheinend nur Zerstörung. Dabei ist das Land finanziell längst ruiniert; das Defizit im Staatshaushalt betrug für 1912 13 740 000 Mark und die schwebende Schuld beläuft sich auf 360 Millionen. Wenn's schon schlimm aussah unter schwachen Königen, so miserabel wie jetzt war es doch nicht.

. Auf dem B a l k a n ist unter dem Drucke Rumä- mens das Friedenswerk am Mittwoch zustande ge­kommen. Bulgarien hat sich den Forderungen der Sieger unterworfen. Es hat das ganze Mazedonien, soweit es überhaupt eine wirtschaftliche Bedeutung besitzt, verloren, und das kleine Äück Land, das Grie­chenland ihm am Aegäischen Meer gewährt hat, fit unbedeutend gegenüber dem, was Griechenland be­halt. Tenn Griechenland hat an der Küste den na­türlichen Hafen von Saloniki, zu dem jetzt noch Ka- walla kommt, zwei Kriegshäfen von außerordentli­chem Wert. Dedeagatsch, das Bulgarien erhält, ist dagegen zwar als Handelshafen zu benutzen, zum Kneg-hafen jedoch nicht auszubauen. So sind Bul- ganen die schönsten Früchte seiner Siege über die Türken verloren gegangen. Mehr noch als feine Schwächung muß Bulgarien die Verdemütigung drü­cken, die ihm durch die schweren Niederlagen des zwei­ten Belkankrieges bereitet worden ist. Noch sieht es das soeben erst mit dem Blute Tausender erkaufte Adrianopel in türkischer Gewalt, und wenn die Tür­kei dem Verlangen Europas nach Räumung sich nicht gutwillig fügt, wird Bulgarien noch einen dritten schweren Waffengang antreten müssen. Erft wenn sich der Pulverdampf auf dem Balkan ganz verzogen haben wird, wird man den Schaden übersehen kön­nen, den die mit kurzen Unterbrechungen zehn Mo­nate währenden Balkankämpfe angerichtet haben. Zählt man die Ermordeten und die den Seuchen zürn Opfer Gefallenen hinzu, dann dürfte dieser zehn- menatige Krieg 400 000 Menschenleben gefordert ha­ben und die finanziellen Kosten belaufen sich auf mehr als 5 Milliarden Mark. Was diese ungeheuren Zahlen für die Bevölkerung und die Verhältnisse auf dem Balkan bedeuten, kann ein jeder sich unschwer ausmalen Jahre, vielleicht Jahrzehnte werden ver­geben müffen, ehe die schlimmsten Wunden sterheilt sein werden, die jetzt den Balkanvölkern im Kriege aller- gegen alle geschlagen worden sind.

In China ist der Aufstand immer noch nicht ganz erstickt, obwohl die Regierungstruppen zweifel­los die Oberhand gewonnen haben. Der Gegensatz zwischen Nord und Süd besteht aber fort und e8 wird sich noch zeigen, daß die starke Hand Juanschi- kais die südlichen Rebellen auf die Dauer doch nicht meistern kann, zumal ihnen vom Ausland unver­kennbar Unterstützung zuteil wird.

Auch in Indien gärt es wieder. Die Mo­hammedaner wollen auf die englische Regierung zu­gunsten ihrer türkischen Glaubensbrüder einen Druck auSüben und verlangen, daß England sich nicht für eine Räumung Adrianopelz einsetze. Es ist schon zu blutigen Krawallen gekommen und was die Sache vor allem bedenklich macht, ist der Umstand, daß die englandfeindlichen Hindus mit den Mohammedanern gemeinsame Sache machen wollen. Die englische Regierung hat bisher sich stets bemüht, Hindus und Mohammedaner einander fernzuhalten und ihren Religionshaß zu schüren. Wenn England sich nicht mehr auf die Mohammedaner verlassen kann, dann ist seine Stellung in Indien sehr erschwert.

Schwere Unruhen suchen auch immer noch Mexiko heim, doch scheint es, als ob die Tage HuertaS gezählt seien. Es ist heute kein Geheimnis

zeug für ganz Heine Zwerge erkennen: die Weltschifi- sahrt der Menschenkinder!

Klein, aber mein! sagt der Erdenmensch. Das Sternchen, auf dem wir geboren sind, ist unser Kerker, so lange wir im Fleische wandeln. Es ist auch die Arbeitsstätte de§ Menschengeschlechts, und als solche bietet sie vorläufig noch Raum und Aufgaben genug. Schon viele Tausende von Jahren frarett das Menschengeschlecht auf der Erde umher, und noch immer fehlt es an der allgemeinen, einheitlichen Kul­tur auf dem Erdball. Alle Nachkommen von Marn und Eva sollten wie Brüder und Schwestern auf dem gemeinsamen Erbgnte der fünf Weltteile Hausen; sie sollten eine Familie bilden. Bei etwas Ver­stand und gutem Willen auf allen Seiten wäre das auch leicht zu erreichen, da wir Menschen im Grunde genommen alle recht nahe zusammenwohnen. Im vielgepriesenen Zeitalter des Verkehrs sind auch die Mongolen in Hinterasisien und die Neger ht Afrika und die Menschenfresser in der Südsee unsere Nach­barn. Wenn die Nachbarschaft sich noch nicht wirksam zeigt, so liegt das an der mangelhaften Ausnutzung der Verkehrsmittel. Die bevorzugten europäischen Völker sind nicht weitherzig und strebsam genug ge­wesen, sonst hätten sie längst die ganze Welt schon christlich und zivilisiert machen müssen.

Wenn wir von den Verkehrsmitteln sprechen, so denkt mancher in erster Linie an die Eisenbahn. Ach was, die Eisenbahn ist eine junge Zutat; als Kulmr- brückc zwischen den Weltteilen kommr sie höchstens in Sibirien in Betracht. Das Schiff ist die Haupt­sache. Was beim Turmbau zu Babel zersprengt wurde, muß allmählich der Schiffsverkehr wieder in Zusammenhang bringen. Auch wenn wir auf das Eisenbahnnetz noch so viel Kunst und Kosten verwen­den, können wir doch nur die einzelnen Stücke de? trockenen Drittels der Erdoberfläche mit Schienen­wegen ausftaften Von ber Alten Welt zur Neuen Welt konnte nur das Schiff die Verbindung Herstellen. Di« größten Bahnbrecher bet Kultur waren die küh­nen Schiffer. Von den alten Phöniziern angefangen, die mir erstaunlich viel Mut und Ausdauer auf ihren einfachen Kcamkähnen das ganze Mittelländische Meer der Länge nach abklapperten, dann durch die Meerenge von Gibraltar („Säulen des Herkules") sich in den atlantischen Ozean wagten, durch den stürmi- chen Golf von Biskaya sich durchkämpften bis nach England, bis in die Nordsee, ja bis um ©tagen herum bi- ii die Ostsee wo sie den Bernstein fanden und

mehr, daß der vorige Präsident Madexo meuchlings ermordet worden fit. Was die Regierung in Washing­ton am meisten verstimmt, ist die Annäherung, die Mexiko jetzt an Japan sucht. Der jüngere Diaz, den Huerta fürchtet, hat sich zum Abschluß eines Bündnisies mit Japan nach Tokio begeben und an die Japaner ist schon die Einladung ergangen, auf mexikanischem Boden sich anzusiedeln.

In Venezuela wird auch wieder einmal mit Staatsstreichen operiert. Expräsident Castro ist wie­der im Lande und hat sich mit dem Präsidenten Gomez in Kriegszustand erklärt. Der alte Aben­teurer hat noch viel Anhang im Land und man weiß, wie dort unten Krieg geführt wird.

= Die chinesische Anleihe.

Die Revolution der Südchinesen ist so gut wie niedergeivorsen. Einen Hauptgrund für die Em­pörung des Südens i/uiten nationalistische Bestre­bungen gebildet. Die Revolutionspartei fand es un­erhört, daß der Präsident der jungen Republik, ohne erst das ‘Parlament zu berufen, sich vom Ausland Anleihebedingungen habe aufzwingen lassen, die die Dolksehre Chinas aufs härteste träfen. Gerade die letzten Wirren haben aber gezeigt, daß China noch nicht reif ist für eine moderne Verwaltung, daß es auch finanziell noch einer ausländischen Ueberwachmig bedarf, wenn anders das hergeliehene fremde Kapi­tal nicht einfach verschleudert werden soll.

Die junge chinesische Republik braucht Geld. Heer und Verwaltung sollen reformiert werden, Be­amte und Soldaten sind zu bezahlen, namentlich die letzteren, wenn sie nicht rebellieren sollen. Ferner muß zur Erschließung des ungeheuren Reiches das Eisenbahnnetz ausgebaut werden. Da die laufenden Einkünfte aus Steuern und Zöllen nicht ausreichen, um alle diese Staatsnotwendrgkeiten zu befriedigen, mußte unbedingt eine große Anleihe im Aus­land aufgenommen werden, die sich im ganzen auf nicht weniger als 25 Mill. Pfund Sterling (z, 20 M.) beläuft. Es gelang der chinesischen Regierung auch zunächst, von einem Konsortium deutscher, englischer, französischer und amerika­nischer Banken einen kleinen Vorschuß auf die große Anleihe zu erhalten. Die Deutsch-Asiatfiche Bank-Berlin, die Banque de L'Jndo-Chine-Paris, die Herren I. P. Morgan u. Co., Kuhn, Loeb u. Co., die First National Bank, die National City Bank- Neuhork und die Hongkong und Shanghai Banking Corporation in London bildeten das Biermächte- shndikat, mit dem China sicher einig geworden wäre, wenn es nicht Rußland und Japan be­liebt hätte, auch ihrerseits Ansprüche auf Berücksich­tigung zu erheben, aber mit politischen Hin­tergedanken, was zunächst dazu führte, die rein wirtschaftliche Frage heillos zu verwirren. Rußlands und Japans Verlangen, in das Anleihesyndikat ein­zutreten, war von ziemlich eigennützigen Beweg­gründen eingegeben. Gleichwohl erhoben die ande­ren Mächte, auch Deutschland — Frankreich und England widersprachen natürlich nicht wegen des Bündnisses und der Freundschaft mit Rußland — keine Einwände, und so wurde aus dem Diermächte- syndikat ein Sechsmächtesyndikat. Die Rusto-Asiatic Bank-St. Petersburg und die Joko- hama Spezie Bank Ltd.-Jokohama traten in das Geschäft als Teilhaber ein, und ba mitbegann en die Schwierigkeiten. lieber ein Jahr schleppte sich das Handeln und Feilschen um die große Anleihe hin.

Die Hauptschwierigkeft besteht darin, daß China eine sehr weitgehende Kontrolle seiner Fi­nanzen durch Fremde zugestehen sollte. Das nationale Selbstgefühl vieler Chinesen sträubte sich aufs äußerste gegen eine solche Bevormundung. Nach vielem Hm- und Herbandeln, als das Syndikat feine ersten Bedingungen schon wesentlich gemildert hatte, glaubte die chinesische Regierung genügendes Entgegenkommen zu beweisen mit der Errichtung eines Rechnungshof?, dem zwei Fremde als Berater angehören sollten. Zur Sicherstellung des Zinsendienstes und der Tilgung der Anleihe sollte die Salzsteuer dienen. Das Salzmonopol bringt jähr­lich rund 50 Millionen TaelS (ä. 2,75 Mark) ein. Durch Anstellung eines ausländischen Leiters und Erhöhung der Salzpreise hoffte man den Ertrag auf das Doppelte zu steigern.

den ersten Grund zur Kenntnis der Eleftcizität leg­ten. Und was für ein Held war Kolumbus, der es wagte, immer weiter nach Westen zu segeln ins Un­bekannte hinein. Er hatte den richtigen Instinkt, daß die Weststraße nach Indien führe, aber er hatte sich in der Entfernung arg verrechnet. Er hatte auf der See elend verhungern und verdunsten müssen, toenn nicht zum Glück ein Festland ihm in die Quere ge­kommen wäre, durch dessen Entdeckung er dec Be­gründer der Neuzeit mit ihrer erdumspannenden Weltpolitik wurde. Und neben ihm die portugie­sischen Seehelden, die nach mehrfachen Anläufen end­lich die ganze lange Westküste von Afrika bezwangen und um das Kav der Guten Hoffnung den östlichen Seeweg nach Indien sanden. Der Schiffskiel hat die Brücke zwischen den verschiedenen Weltteilen geschla­gen, und das geblähte Segel hat wie eiix Sammeltuch getoirft auf die zersprengten Nachkommen Adams.

Jetzt haben wir den Dampf als Triebkraft für die Schiffe, und sind damit unabhängig von Wind und Wetter. Der Schiffsverkehr hat eine größere Schnelligkeit und Regelmäßigkeit erlangt. In der Schnelligkeit steht er allerdings dem Eisenbahnver­kehr noch beträchtlich nach. Das bringt ihn aber kei­neswegs um das Recht der Erstgeburt. Denn vom weltwirtschaftlichen Gesichtspunkte betrachtet, ist die Eisenbahn für den Nahverkehr von Personen und von Waren mäßigen Umfanges bestimmt, während der weltweite Verkehr und insbesondere der Austausch von Massengütern den Wasserstraßen Vorbehalten ist und bleibt. Die Eisenbahn ist ein fixer Laufjunge; da? Schiff aber ist der starke Saftträger, der in ge­messenem Schritt die schwerste Bürde langsam, aber sicher dahin bringt, wohin sie solle.

Zu den modernen .Krankheiten gehört auch die Eifenbahnsucht. Wir haben einen heißen Drang, überall Eisenbahnen zu gründen, sowohl in fremden, halbwilden Ländern, wie z. B. die Bagdadbahn, als auch in unseren Kolonien. Dabei wird vielfach die wirtschaftliche Bedeutung des Schienenstranges zu hoch eingeschätzt und übersehen, daß der MasientranS- port nicht den schnellsten, sondern den billigsten Weg sucht. Wo eS irgend möglich ist, sollte man die Ver- befferung von Flußläufen, die Anlage von Kanälen und jede fonftige Beföwerung des Schiffsverkehrs in erster Linie in? Auge fasten. Auch das kleine Schiff faßt viel mehr, als der größte Bahnwagen, und das Schienennetz, das dem Schiffe zur Verfügung steht, ist bcs ganze Safferfelb de« erdumgürtenden OreanS.

Dieses Entgegenkommen Chinas genügte aber dem Sechsmächteshndikat nicht, dessen Geschäfte jex' nicht mehr von den Vertretern des Kapitals, sondern von den Diplomaten in Peking besorgt wurden. Tie sechs beteiligten Gesandten ließen der chinesischen Regierung eine Denfichrift zugehen, wonach sie sich verpflichten sollte, drei ausländische Beiräte anzu­stellen, und zwar in dec Verwaltung der Salzsteuer, beim Rechnungshof und im Anleihedepartement. Dann sollte sie 25 Millionen Pfund Sterling zu 5ya Prozent erhalten. China willigte ein, und am 3. Februar d. I. war dec Anleihevertrag soweit fertig, daß der Däne Ölfen Generalinspektor der Salzsteuer, dec Deutsche Rump Supecrevisor der Rech­nungskammer und der Italiener Rosti Leiter des AnlechÄepariements werden sollte. Da kam uner­wartet der französische Gesandte mit einem Protest dazwischen, der sich namentlich gegen die Person des Deutschen Rump richtete, wenn das auch natürlich in dem Protest nicht mit deutlichen Worten ausgesprochen wurde. Runch wäre nach seiner erfolgreichen Tätigkeit als Schatz« meister der provisorischen Regierung in Tientsin während des Boxeraufitandes als Chef der chine­sischen Zollverwaltung in Tientsin, als Rechnungs­revisor der Tsingtau-Eisenbahn und als Rechnungs­revisor der Sechsmächtegruppe durchaus befähigt für den ihm im chinesischen Rechnungshof zugedachten Posten gewesen. Aber Frankreich, das als Mandatar Rußlands handelte, vereitelte das Abkommen, und zwar, wie der „Temps" ausdrücklich zugab, von poli­tischen Gesichtspunkten aus.

Nach vielen Mühen hat man sich endlich ge­einigt: wenn auch nur recht notdürftig. Deutsch­land scheint etwas nachgegeben zu haben. Aus dem Sechsmächteshndikat fit aber ein Fünfmächte st shndikat geworden, da Amerika ganz von dem politischen Anleihegeschäft zurückgetreten ist China hat eingewilligt, fünf fremde Finanz­beiräte anzustellen. Der Deutsche Rump ist in­zwischen gestorben, seine Stelle soll Herr Pfeiffer von der Deufich-Asiatischen Bank einnehmen. Der erste Vorschuß auf die Anleihe ist bereits am 13. Mai gezahlt worden. Gelingt es Duanschikai, der Revo- lution gänzlich Herr zu werden, dann werden die weiteren Raten folgen. Vorläufig wartet man aber noch ab und mit Recht, denn niemand hat Lust, zu­mal bei den gespannten Geldverhäftnisten im allge­meinen, sein Kapital in einem Sumpf untergehev zu lasten. _

vermWtes.

♦ Güten recht unangenehmen Besuch bekam ein Bahnwärter bei Küpper st eg im Rheinland wäh­rend der Nachtruhe. Ein Personenzug entgleiste. Die Lokomotive fuhr in ein Wärterhäuschen, dessen Be­wohn er schon zu Bett gegangen waren. Krachend stürzten die Wände zusammen, die Schläfer in un­sanftester Weise aus dem Schlafe schreckend. Entsetzt saben sie sich in Dampf- und Staubwolken gehüllt, während die Lokomotive einen ohrenbetäubenden Lärm verursachte. Durch den furchtbaren Schreck er­litten der Bahnwärter und ebenso dec Lokomotivfüh­rer Nervenanfälle. Weiteres Unheil wurde nicht an- gerichtet. Don den Passagieren des entgleisten Per­sonenzuges. der längere Zeit das Gleis sperrte, erlftt niemand Verletzungen.

* Vom Auto geköpft. Der 12jährige Sohn des Gastwirt? Wilhelm Haak in Mariendorf bet Ber­lin hatte sich an einen Arbeitswagen gehängt, als ein von Lichtenrade kommendes Privatauwmobil die­sen so dicht streifte, daß der Knabe von dem Sckutz- blech erfaßt und mitgeriffen wurde. Er geriet mit dem Hals unter da? linke Vorderrad, das dem Un- glücklicken den Kopf vollständig vom Rumpfe trennte-

* Ein deutsches Segelschiff unteroegangett. An der südamerikanischen Küste ist das Hamburger Se­gelschiff „KI i o" mit seiner ganzen Besatzung, die aus 21 Personen bestand, untergegangen.

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' AItb ewahrte Nahnünd für Ki ndanundKpah ke

Die ungeheure Wasserstraße ist da; das Master setzt den beweglichen Gütern viel weniger Widerstand ent­gegen. als die feste Straße, auch wenn sie mit Schie­nen belegt ist. Das Meer nebst seinen natürlichem oder künstlichen Zuflüssen muß immer noch mehr, emsgönutzt werden. Es scheidet nicht, sondern es ver­bindet.

ES gibt allerdings eine Verkehrsstraße, die einem noch geringeren Reibungswiderstand aufweist, als da? schiffbare Wasser. Das fit das Luftmeer, das sich über dem Wastermeer und über den Landstrecken als ein einheitlicher, lückenloser und nahtloser Mantel um die ganze Mutter Erde legt. Man könnte sagen: ein wattierter Mantel oder ein Gummimantel; denn, das Lustmeer ist tatsächlich eine elastische Schutzhülle- Wenn ich hier dem flinken Fluge der Möwen zusehe, so denke ich an den ersten Strandbesuch in meiner Jugenitzeit zurück. Damals bewunderte man die Vögel, die mit überlegener Beweglichkeit die Schiffe umkreisten, aber an eine Nachahmung des Flu­ges wagte hoch kein Mensch zu denken. Jetzt aber haben wir wirklich fliegende Mitbürger. Die Vögel sind allerdings in. ihrer Kunst den Menschenfliegern noch ungeheuer weit voraus. Diese Leichtigkeit, diese Eleganz, diese Sicherheit — können wir mit unser» Deüzindrachen das jemals erreichen? Nun, wenn wir die ersten AnsangSgründe des Fliegens übertoun den haben, so werden wir doch auch wohl noch ein ordentliches Stück weiter kommen können. Warum sollten wir nicht noch einen Flugverkehr zwischen Europa und Amerika erleben? Wird die Luftschiff­fahrt in die Kursbücher des Weltverkehrs eingeführt, ko verliert die Ersenbahn den Nimbus der Schnellig­keit und das Wastermeer muß ein Stück des Per­sonenverkehrs an das Luftmeer abtreten. Die schwe­ren Lasten werden freilich nach wie vor dem breiten Rücken des Ozeans aufgepackt werden.

Vorläufig bade ich die Augen und den Sinn in den beiden großen weltumspannenden Verkehrs- mebien: im Wastermeer, das alle Erdteile um;pult, und im Luftmeer, au? dem alle Menschen aller Pas­sen gemeinsam ihre Lebenslust beziehen. Ich fühle mich als Bruder aller anderen Adamskmder, ich bin am brausenden Strande weltbürgerlich gestimmt. „Kosmopolitisch", sagt der ,4«ne" Deutsche. Statt diese? Fremdwortes möchte ich lieber ein vollständig eingebürgerte? Lehnwort gebrauchen. Die Welt­meerstimmung fit katholisch. Ein Hirt und eine Herde — flüstern die Wellen des Ozeans