Fuldaer Zeitung
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Erstes Blatt.
Donnerstag den 7. August 1913»
Nr. 1S1.
40. Zahrgang.
* Kein Panama — aber schlimm genug.
In ihren Dctrachtnngen über den KruPP-Prozeß kommt die Presse fast übereinstimmend zu demSchluß, daß weder von einem Panama noch von einer Korrupt io n gesprochen werden könne. Freilich werden auch die schweren Schatten, die der Prozeß geworfen hat, hervorgehoben.
In der Tat, zu einem „Panama" gehört mehr Tie Leiter der Firma Krupp sind dem Abg. Liebknecht zu Tank verpflichtet für die öffentliche Ankündigung des „deutschen Panama", zu der sich der blindeifrige Redner im Reichstage binreißen ließ. Hätte Sh? knecht sich dieses voreilige Schlagwort gespart und einfach die Tatsachen reden lasten, so würden die Firma Krupp und ihre Werkzeuge jetzt viel schärfer beurteilt werden. Durch die Panama-Vorrede waren die Erwartungen auf das höchste Maß gespannt worden, und als nun an Stelle des prophezeiten Korruptionskanals ersten Ranges ein trübseliges Abflußrohr zutage kam, sagten viele: Das ist ja gär nicht der Rede wert.
Die Wahrheit liegt in der Mitte. Von einem Panama kann freilich keine Rede sein, aber es ist doch ein Ansatz zur Korruption aufgedeckt worden.
Bei dem französischen Panama-Skandal handelt es sich um Hunderte von Millionen; bier ist mit warmem Abendbrot, etlichen Zehn- und Zwanzigmarkstücken und zu Weihnachten höchstens mit einem Hundertmarkschein gearbeitet worden. Die betreffenden Beamten haben sich zu Indiskretionen verleiten lasten, aber auf die Goldjägerei verstanden sie sich herzlich schlecht; als gewerbsmäßige Verräter hätten sie sich viel mehr be'rausschlagen können. Im Panamafall wurden riesige Bcstechunossummen geopfert, um die Gesetzgeber und die Regierungsleute zu bewegen, daß sie den großen Raubzug aus die Taschen des Publikums unbehindert vor sich aehen lieben. Im Falle Krupp liegt nicht einmal der geringste Versuch br xinflußreicke Abgeordnete oder maßgebende Benins zu bestechen, und es war auch in keiner Weise auf die Ausbeutung des Publikums abgesehen. Krupp hat im Konkurrenzkampf gegen die anderen Waffenlieferanten zu unlauteren Mitteln gegriffen. Das ist bedauerlich, aber es ist kein Panama.
Der moralische Schaden dieses Fehltritts ist bedeutend; der materielle Schaden, der dadurch «ngerichtet sein könnte, ist zweifelhaft und jedenfalls nicht groß.
Ist die R e i ch s k a s s e geschädigt worden? Die Krupp'lcben Direktoren sagen, das ausspionierte Material habe ihnen nur dazu gedient, daß sie zur Nachprüfung ihrer eigenen Kalkulation veranlaßt worden seien. Man braucht das nicht gerade als die erschöpfende Wahrheit zu betrachten. Aber nach Lage der Dinge war anzunehmen, daß der älteste und bevorzugte Lieferant Krupp durchweg höhere Preise ansetzt, als die aufstrebenden Konkurrenten. Wenn Krupp in die Geheimnisse der fremden Angebote eindrang, so wird ihn die gewonnene Kenntnis vom Wettbewerb eher zur Ermäßigung, als zur Erhöhung seiner Preissähe bestimmt haben. Insofern kann man der Versicherung Glauben schenken, daß die „Kornwalzer" niemals zu einer Steigerung der Preise Anlaß gegeben hätten.
Schlimmer, viel schlimmer ist der moralische Schn" den, der durch die Nersübrung von Beamten und die Erschütterung des Glaubens an die Z u v e r l ä s s i g- feit der deutscken Beamtenschaft, vor allem der militärischen, herbeigeführt worden äst. Das Militärgericht hat sein Urteil über die Verführten gefällt, das bürgerliche Strafgericht wird noch Verführer und die Anstifter zur Rechenschaft zu ziehen <)aben. Damit darf es aber nicht abgemacht sein, son- Sern die Vorgesetzten bis zu den Ministern und dem Reichskanzler hinauf müssen die geeigneten Vorkeh-
Dar Münchner KinöL
60] Roman von Felix Nabor.
Der Glanz des gleißenden Marmordenkmals tat seinen Augen wehe, der Name des Freundes, der irr goldenen Settern auf dem Grabmonument stand, brannte wie Feuerflammen und verwundete seine Seele. Er wollte Weihbrunnen auf das Grab sprengen, aber die Schale war ausgetrocknet und leer; da entzündete er die zwei roten Ampeln, die zu beiden Seiten des Steines aufgestellt waren, daß ihr Sicht oem Toten hinüberleuchte in das Dunkel der Ewigkeit.
Das war wie ein Gruß an den Verstorbenen — and zugleich eine demütige Bitte: „Verzeihe mir!"
Alle Folterqualen, die er seit Wochen litt, erwachten beim Anblick dieses Grabes aufs neue und peinigten ihn, und nach langem, schwerem Ringen kam er zu der Er7-nntnis, daß seine stumme Beichte und seine Anklsae vor dem Toten nicht genügten, um seine Schuld zu sühnen, daß er den Weg gehen mußte, den ihm sein Gewisten und die Gerechtigkeit vorzeichneten: vor den Richter! Vor diesem mußte er sich selbst anklagen — und auch die andern. „Eher finde ich keine Ruhe," dachte er, „bis das Verbrechen gesühnt ist und die Schuldigen bestraft sind." Und sein Entschluß, sich morgen dem irdischen Richter zu stellen, stand fest; er wollte das ftirchtbare Geheimnis enthüllen, das dieses Grab umschloß.
Nun wurde ihm leichter und freier ums Herz; die Strafe, die ihn erwartete, fürchtete er nicht; sie war nur eine gerechte Sühne für seine Schuld. Wenn sie verbüßt war, wollte er ein neues Seben beginnen, dann konnte sein Freund ruhig schlafen unter dem Marmorstein.
Mit ruhiger Hand öffnete er die Ampeln und löschte die Sichter. „Requiescat in pace!" sprach er dabei. Tann berührte er den weißen, schimmernden gehe jetzt ins Gefängnis und sühne meine Schuld! Stein und flüsterte: „Leb' wohl, Josephus! Ich Wenn ick enffühnt bin, komme ich wieder hierher
rungen treffen, um erstens zu ermitteln, ob noch bei andern Beamten die Tiensttreue untergraben oder in Versuchung geführt ist, und zweitens um die Wiederkehr solcher Indiskretionen und Verrätereien zu verhüten. Für die Reinheit der Hintertreppen muß nach besten Kräften mit allen Mitteln gesorgt werden.
Ob auf den Vordertreppen alles in Ordnung war und ist, drängt sich als Nebenfrage auf, und zwar als gewichtige Siebensrage. Die schuldigen Beamten suchten sich zu entlasten durch den Hinweis auf die außerordentliche Stellung, die „Krupp" einnehme. Krupp und der Staat galten bei ihnen als eins. Man sieht jetzt, daß die Bevorzugung, die ,^lrupp" an hohen Stellen und auch gelegentlich an der höchsten Stelle gefunden hat doch zu bedenklichen Wirkungen führen kann. Hoffentlich trägt bisher Prozeß dazu bei, daß in dieler Hinsicht das rechte Maß und das gebührende Gleichgewicht hergestellt wird. Darauf wird sich die Reichslagsdebatte wohl besonders zuspitzen.
Was die Geheimnisse der Sandesverteidigung angeht, ko ergab die Verhandlung, daß die Sicherheit des Reiches in kerner Weise gefährdet worden i st. Die Enthüllung des bedenklichen Treibens wird vermutlich Anlaß geben zu Maßregeln, welche für die Z u k u n f t erst recht die Gefährdung der San« desverteidigung durch Indiskretionen ausschließt.
ak. Kirche und Sklaverei.
Die nicht auf geschichtliche Wahrheit, sondern auf Verhetzung abzrclende sozialdemokratische „Wissenschaft" gefällt sich bekanntlich in Verleumdung von Kirche und Christentum, als ob ihrerseits nichts geschehen wäre zur Beseitigung und Aufhebung der Sklaverei in der Gesellschaft des Altertums.
Jede wahrheitsliebende Geschichtsforschung ist darin einig, daß das Christentum die Aufhebung der Sklaverei gar nicht sofort und ohne weiteres in Angriff nehmen konnte, wenn es nicht den Sklaven, statt zu helfen, erst recht ein schweres Joch auf« laden wollte; daher die Mahnung des Apostels an die Sklaven, welche nicht losgekauft werden oder sonst die Freiheit nicht erlangen konnten, ruhig in ihrem alten Stand zu bleiben. Darüber zu höhnen hat die Sozialdemokratie nicht den mindesten Anlaß; denn sie bandelt selbst ganz genau so und sagt den Genossen, welche zum Militär ausgehoben werden, sie sollen ruhig Soldaten werden: „Wer Soldat werden muß, werde Soldat". Sie rechtfertigt dies damit, daß sie jetzt noch nicht in der Sage sei, den Militarismus zu beseitigen. Das ist so ziemlich dieselbe Sage des Urchristentums; auch hier konnte man gar nicht daran denken, die Sklaverei mit einem Male zu beseitigen, sondern mutzte diese dem ruhigen Wirken der christlichen Ideen überlasten, die denn auch zu diesem Resultate geführt haben.
Boll entfalten konnte sich diese Wirkung der christlichen Sehren fteilich erst in der Zeit nach Konstantin dem Großen, als dem Geiste des Christentums eS ermöglicht war, Einfluß auf die Gesetzgebung zu gewinnen oder diese dock zu beeinflussen. Im ersten Bande der „Altchristlichen Städte und Landschaften" des Greifswalder Historikers V. Schultze wird diese Situation also gezeichnet:
.Die Kirche sah in der Sklaverei ein soiiales Unrecht, sie rechnet mit ihr als einer bestehenden Ordnung ohne die Neigung, diele auizttheben. Trotzdem leitete gleich das erste Erscheinen des Christentums auf dem Schauplätze der Geschickte die Auflösung der Sklaverei ein. Denn indem das Christentum da? Verhällnis zwischen Sklaven und Herren in die Summe seiner religiö'en Pstichten mit hineinnahm, und dadurch mit einem ganz neuen Inhalt erfüllte, und außerdem im religiösen und kirchlichen Leben den Unterschied ausschalteke, so war damit ein Weg bestritten, au* dem endlich bte Sklaverei von innen heraus zerfallen muhte. Mit anderen Worten:
zu dir!" Sangfam schritt er zwischen den Kreuzen, hin, wandte sich noch einmal um und blickte zurück nach Heubergers Grab. Wie freudiger Schimmer ging es über sein Gesicht: die Totenhand, die ihn erschreckt, vor der er gezittert hatte, war verschwunden.
Der Samt des Tages, der ihn draußen vor dem Friedhöfe empfing, tat ihm wehe. Er wollte jetzt keine Menschen sehen, er wollte allein sein an diesem Abend, dem letzten vor dem Tage des Gerichts!
Die Stadt, sein liebes München, wollte er noch einmal überblicken, ehe sich die Tore des Gefängnisses hinter ihm schlossen. Er umschritt die hohe Friedhofsmauer, ging hinüber zur Wittelsbacher- Brücke und wandelte durch die Jsarauen, dann hinaus zu den Bogenhauser Höhen.
Da lag die Stadt zu seinen Füßen int Abend- sonnenglanz, schön und strahlend, von Glan; umflossen —- und grüßte mit tausend goldenen Sonnenaugen herauf.
Der Anhlick erschütterte ihn. Von all dieser Schönheit sollte er heute Abschied nehmen, um vielleicht jahrelang hinter grauen Kerkermauern zu verbringen! Das war entsetzlich bitter, aber es mußte einmal sein.
Bis die Sonne sank, erfreute er sich an dem Anblick der Stadt, und als das strahlende Gestirn unterging, als die Dämmerung ihre blauen Schleier über da? Meer von Häusern spannte, sagte er mit gebrochener Stimme: _ „Vale carissima!" Und er fühlte, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen.
In einem kleinen Gasthause nahm er eh*nt Imbiß zu sich und bestellte roten Tiroler. Der Wein war frisch und stark und lief ihm prickelnd durch die Kehle. Er trank, bis ihm der Kopf heiß unv das Herz warm wurde — und bei jedem Römer, dm er leerte, hob er grüßend das grünlich schillernde GlaS und sagte leise: „Vale carissima!" — und dachte dabei an all seine Sieben, an die schöne Stadt, an seine Freunde und an sein liebes Kino in der Ferne.
Beim letzten Becher sprach er: „Valete!" und dachte an den kommenden Tag. Da ward ihm der Wein im Munde bitter wie Galle, und er verließ die Schenke, wanderte hinüber zum Luitpoldpark, wo die
in bet Konsequenz der christlichen Religion liegt die Aufhebung der Sklaverei, und e8 muß angenommen werden, daß oas Bewußtiein davon in der Kirche nicht ganz ge- fehlt hat, so wenig diele daran denken konnte, in Wort und Tal gegen eine soziale Institution anzugehen, deren plötzliche Beseitigung nicht nur den völligen Rum des wittschaslichen Lebens herbeigesührt, londern auch den Staat uno die gesellschaftliche Ordnung in schwere Krisen geworsen haben wurde.
Nur von einem solchen Bewußtlein her, und nicht aus einer Nachwirkung der humanen Sklavengesetzgebung der röm schen Kaiserzeit, ist zu erklären, daß mit Konstantin eine lange Reibe staatlicher Maßnahmen einsetzt, welche die Lage' des Sllavenstandes zu beben urb Leben und Moral desselben gegen Vergewaltigungen sicherzunellen bemüht sind. Die manumissio (Freilassung! ersährt nicht nur eine wesentliche Erleichterung, sondern die Kirche gewinnt eine Beteiligung daran, offenbar weil sie Wert darauf legte. Daneben empfahl sie die Freilastung. Das Mönchtum, wie in anderen Dingen fo auch hieran unabhängiger, ging in rascherm Schritt vorwärts, an der Klosierzelle hörte die Sklaverei auf" (S. 244).
Vor den Augen wahrheitsliebender Geschichtsschreiber malt sich die Welt anders als in den Darstellungen volksverhetzender Agitatoren, welche ihre Gläubigen ängstlich davor bewahren müssen, daß sie ja nichts erfahren von den unvergleichlichen sozialen Leistungen des Christentums.
Deutsches Reich.
** Berlin, 6. Aug. 1913. Im Reichsamt de» Innern haben eingehende deutsch-öfter re ichiscke Beratungen stattgefunden über die gegenseitige Anwendung der Arbeiterversicherung. Ein solches geoenseiliges Abkommen besteh! bereits zwischen dem Deutschen Reich und zwischen Italien. — Mit dem Gesetzentwurf gegen die Schundliteratur wird der Reichstag schon in der nächsten Session sich zu besaffen haben. Es werden darin die bestehenden Bestimmungen verschärft und namentlich dahin ergänzt, daß die Ausstellung von unsitllichen oder sonst verderblichen Erzeugnissen auf dem Gebiete der Literatur und Kunst in den Schaufenstern verboten wird.
** Des Kaisers Rückkunft. Nach der bereits gemeldeten Ankunft der „Hohenzollern" in Swinemünde begaben sich der Kaiser und das Gefolge, sowie die Gäste der Nordlandssahrt alsbald in Automobilen nach Ahlbeck, wo der Kaiser seinen Gästen das Kinderheim zeigte. Nachmittags verließen die Nord» landsoäste die Kaiserjacht.
X Eine Novelle zur Gewerbeordnung, die zurzeit noch im Reicksamt des Innern ausgearbeitet w,rd, soll in alleniäckster Zeit der öffentlichen Kritik unterbreitet werden. In erster Linie handelt es sich darum, die schon fett vielen Jcckren erörterte Frage ber Abgrenzung von Fabrik und Handwerk, die erst 'N einer vor einigen Wochen stattgefundemnt Besprechung im Reichsamt des Innern mit Vertretern des Handwerks gründlich beraten wurde, ihrer gesetzlichen Lösung entgegenzuführen. Eine weitere Regelung soll die Stellung im Handelsregister und die Unterstellung juristischer Personen unter die Vorschrift de- Handwerkergesetzes erfahren. Ferner ist eine Aeuderung des Paragraphen 100g bet Gewerbeordnung in Aussicht genommen, der die Preissests etzung für Waren und Setzungen von Mitgliedern der Zwangsinnung betrifft. Es ist eine Abänderung des Wortlautes dieses Paragraphen in der Richtung beabsichtigt, daß künftighin den Innungen die Festsetzung von Mindestvreistn ermöglicht wird
* Das fliegende Geschwader. Die „Tägliche Rundschau" batte vor kurzem die bevorstehende Errichtung eines fliegenden Anslandsgeschwaders gemeldet. Rach den „Hamburger Aachr-ckten" ist an zuständiger Stelle von einem selchen Plane nicht das geringste Mannt.
4- Der Abg. Dr. Mizerski zu Posen feiert am Donnerstag seinen 7 6. Gel> urt § tag. Konsisto-
weiße Säule ragt und der Friedensengel seine goldenen Flügel spannt.
Hier war Ruhe, hier atmete alles Frieden, traumhafte Schönheit.
Dort unten lag die Stadt, seine Königin! Weiße Schleier verhüllten ihren schönen Seib, Weiße Mauecn und Türme leuchteten auf, und auf ihren Häuptern flammten Diademe von Millionen funkelnder Edelsteine.
Er grüßte hinab und setzte sich nieder, denn er war müde. Noch einen bewundernden Blick warf er auf seine prangende Königin, dann schlief er ein.
Als er erwachte, braute der Nebel im Tal und die Welt war mit grauen Schleiern verhüllt. Er wußte nicht, wo et war, sah keinen Ausweg.
Mit schlaftrunkenen, halbgeschlosienen Augen ging er gerade aus, bis ihm eine Mauer oder eine Brüstung den Weg versperrte. Sein Blick war verschleiert, und er erkannte nicht, worin das HtnvernkS bestand. Mit den Fingern tastete er sich weiter, und da ihn fröstelte, hatte er nur einen Gedanken: „Nach Hause! Schlafen, schlafen!"
Die Mauer schien kein Ende zu nehmen. Da stützte er seine Hände auf sie und schwang sich mtt geschlossenen Augen hinüber.
Er fiel ins Seere, blitzschnell sauste er durch die Suft — ein kurzer Schrei, dann schlug der Körper mit dumpfem Krachen auf und lag blutüberströmt in der Tiefe, auf dem harten, grauen Pflaster!
Seo von Sandow stürmte mit jugendlicher Elastizität die Treppe empor und läutete an Hardys Wohnung Sturm. Annie trat aus ihrem Zimmer, zu sehen, wer es so eilig und dringend habe.
„Wo ist Hardy? Ist Hardy zu Hause?" rief der alte Herr, dessen ganzes Wesen vor Erregung glühre.
„Nein, Papa, Hardy ist nicht zu Hause!" erwiderte Annie.
„Ach, das ist schade! Denk' Dir nur, Kind: sein Plan zum Opernhaufe ist mü dem ersten Preise gekrönt worden!"
„Ah! —"
rialrat Ludwig Mizerski ist Vorsitzender der polnischen Fraktion im Äbgeordiletenhause und gehört dem Hause seit 20 Jahren als Vertreter des Wahlbezirks Ostro- wo-Adelnau-Schildberg-Kempen an.
X Weitere Abiiahm: der Geburten in Preuße«. Im ersten Vierteljahr 1913 hat die Zahl der Lebend- geborenen in Preußen im Vergleich mit denselben Vierteljahr 1912 um rund 10 000 oder 3,4 v. H. abgenommen. Auf dem Lande waren die Geburten, wenn auch dort eilte Alncckme zu verzeichnen war, verhältnismäßig noch wesentlich zahlreicher als in den Städten. In den Stowen kamen auf 1000 Einwohner nur rund 25, auf dem Lande dagegen rund 31 Geborene. Im ganzen Staate beträgt diese Verhältniszahl 28.
♦ 9kut Enteignungen in den Ostmarken. Wie die ,Braunjchwetgische Lanveszeitung' meldet, ist nach zuverlässigen Jn'ormalonen dem preußischen Kriegs» Ministerium em neuer Antrag derAnsiedlungskommiision auf Enteignung von sechs polnischen Gütert» zugegangen.
* Kavallerie für die Fremdenlegion. In franzö^ fischen Milttärkrsisen wird gegenwärtig eine enrtge Propaganda für die Vennehrung der Fremdenlegion getrieben, deren Brauchbarkeit sich wieder bei den jüngsten Kolonialkämpfen im besten Lichte gezeigt habe. Ein höherer Offizier fordert in einem offenen Brief die Schaffung eines Kavallerieregiments bei der Fremdenlegion. Die Legion sei zwar die beste Kolonialtruppe Frankreichs, es fehle chr jedoch an den nötigen Aufklärungsarbeiten. Bei feinem Vorschläge rechnet der Offizier vor allem auf ehemalige deutschs Kavalleristen (!), denn er schreibt:
.Wenn ich mich an der Ostgrenze mit deutsche« Deserteuren unterhielt, habe ich zahlreiche Leute getroffen, di« bedauerten, nicht in die Legion eintrrten zu lönnen, weil sie Ulanen oder Husaren waren und deshalb feinen Tornister tragen tonnten, und bte gerne wieder Kavallerist werden würden. Dadurch gehen Frankreich zahlreich« Soldaten verloren, die sich gern anwerben lieben, aber auf deren Dienste wir verzichten muffen, weil wir kein« berittenen Truppen bei der Fremdenlegion haben."
Nach allem, was wir — trotz eindringlicher Warnung — von dem Hang junger Deutscher zur französischen Segion erlebt haben, kann man die Angaben des französischen Offiziers nicht einmal für übertrieben halten, so beschämend sie auch für uns Deutsche utd. Mau muß auch den Franzosen zugeben, daß te mit der neuen Lockspeise ent feines Verständnis ür die abenteuerlustige und phantastische Sinnesart jener unerfahrenen jungen Burschen gezeigt haben, die ihnen immer wieder in, das Netz gehen, in dem ihr Seben unrettbar zerstört wird. Je verführerischer aber die Mittel werden, mit denen man junge Deutsche zur Fremdenlegion zu verlocken sucht, um so eindringlicher muß man vor ihnen warnen.
<? Darmstadt, 6. Aug. 1913. Das netze hessische Gemeinde st euergefetz, das am 1. April d. I. in Kraft getreten tft, hat in feiner Anwendung zahlreiche Härten und unerfreuliche Nebenwirkungen gezeitigt, die eine baldige Revision des Gesetzes als notwendig erscheinen lassen. Ein Sprung ins Dunkle wurde das Gesetz schon bei seiner Beratung in bet Kammer wiederholt genannt und auch die zahlreiche« Probebeispiele, die die Regierung ausarbeiten ließ, um die voraussichtlichen Wirkungen der Reform für die Steuerzahler festzustellen, konnten keine volle Klarheit darüber verschaffen, wie das Gesetz in der Praxis wirken werde. Was die Grundsteuer anlangt, so scheint in manchen Fällen das in_ der Nähe der großen Städte befindliche Ackerbaugelände, dem bis zu einem gewissen Maß der Charakter als spekulatives Baugelände anhaftet, durch die Bestimmungen be$, neuen Gesetzes nicht genügend gegen eine übermäßige Besteuerung geschützt zu werden. Es werden in dieser Hinsicht Beschwerden bekannt, bei denen ganz außerordentlich hohe Steuersätze genannt werden, die in einem schreienden Mißverhält-
„Ja, sag' nur, Annie — freust Du Dich nid/ darüber?"
„O doch!"
„Hm — ich merke nicht viel davon! Du bist sü blaß und so still!" Er klopfte ihr die Wange. „Heimweh, Kindl, was? Na, wird sich schon machen! Mußt Dir eben Mühe geben, Dich hier einzugewöhnen. Ist doch schön hier, nicht? Und überhaupt Berlin! Na, Du, darüber geht einfach nichts! Also den Kopf hoch, ja! Und lach' ein bisselchen, Du kannst so herzig lachen! Freu' Dich doch, Annie, Dein Gatt« ist über Nacht ein berühmter Mann geworden! All« Zeitungen nennen morgen feinen Namen, die ganze Welt erfährt e§, daß er Sieger ist! Sieger! Sieger! — Und er trägt meinen Namen, ist mein Schuler, mein Sohn! Ach, Annie, das ist der stolzeste Tag in meinem Seben! Wenn ich nur wüßte, wo er steckt, der Junge! Ich will 'mal im Klub antelepboniecen, — ober bei Dresiel. Adieu, Kind, — und rüste Dich den Sieger würdig zu empfangen!"
Mit der Behendigkeit eines Jünglings eilte et die Treppe hinab.
Annie sank auf einen Stuhl. D'tser Sieg ihres Gatten bedeutete für sie eine Niederlage. Jetzt war er ihr erst recht verloren! Jetzt gehörte er ganz den andern, die ihm zu diesem Siege verhalfen hatten, gehörte der großen Welt, der Kunst! Sie, das arme, bescheidene Veilchen, mußte vor so viel Glanz zurücktreten in den Schatten.
Und so fing sie denn an, in aller Stille ihre Sachen zu packen, um sich zur Reise in die Heimat zu rüsten. Sie konnte es ungestört tun, denn niemand kümmerte sich um sie, sie war ausgeschaltet aus dem Leben dieser großen Streber, die nach dem Höchsten griffen, was im Seben zu holen war: nach der Krone des Erfolges, des Ruhmes, des Reichtums!
Hardy von Sandow fuhr im sausenden Auto vom Klub weg nach Hause und wurde von seinen Eltern mit lautem Jubel empfangen. Leo von Sandom umarmte ihn und rief: „Mein Junge, wie bin ich stolz auf Dich!"
(Fortsetzung folgt.)