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Stadtveroröneten-Versammlung.

Fulda, 8. August 1913.

' Zu der gestrigen ordentlichen Sitzung waren 27 Stadt- •etoebnete erschienen. Den Vorsitz führte der Stadt- derordnetenvorsteher Justizrat Gegenbau r. Der Magistrat war durch den 1. Beigeordneten Halbleib vertreten. Ferner war anwesend Stadtrat Müller, der sich jedoch nach der Generaldebatte über den Punkt ■1 der Tagesordnung entfernte, weil er an dem Bera- ^ungsgegenstande persönlich beteiligt sei.

, Beim Vorsitzenden sinü nachträglich Entschuldigungs­schreiben einiger Stadtverordneten wegen Fehlens in der letzten Sitzung eingegangen. Stv. Jestädt hat wegen Nervosität um die Gewährung eines einjährigen Urlaubs für seine Geschäfte als Stadtverordneter gebeten. Der Vorsitzende erklärt, daß die Geschäftsordnung eine solche Urlaubsgewährung nicht vorsehe. Herr Jestädt werde natürlich von seinen Amstpflichten zu entbinden fei, solange er durch gesundheitliche Verhältnisse an ihrer Wahrnehmung gehindert werde. Auch Stv. Ge­heimrat Dr. Raabe sei wegen seines Alters von der bollen Wahrnehmung der Geschäfte befreit.

Eingegangen ist ein Antrag des Stv. Ava in, den em 7 Juli gefaßten Beschluß auf Erhöhung des Zins­fußes für Einlagen und Ausleihungen bei der städtischen Ssmrka,se für ungütig zu erklären und eine abermalige Beschlußfassung vorzunehmen. Der Vorsitzende hält es nach § 9 der Geschäftsordnung für unzulässig, vor Ab­lauf eines Vierteljahres zu einer neuen Beschlußfassung über eine ordnungsmäßig erledigte Sache zu schreiten Er har drese Ansicht gegen einen schriftlichen Einspruch des Stv. Adam aufreckt erhalten und verhindert auf Grund der Geschäftsordnung eine Diskussion, die in dieser Angelegenheit von dem Antragsteller angestrebt wird.

1. Ordnung zum Schutze gegen Verunstaltung und über die Bauweise in verschiedenen Stadtteilen. Die bereits ausführlich in der „Fuldaer Zeitung" mitgeteilte Verordnung ivird vom 1. Berichterstatter Adam warm empfohlen. Alle Härten seien nach langjähriger, etwa L^-fähriger Beratung, beseitigt. Der zweite Bericht­erstatter, Stv. K i r ch e r, erwartet zwar von dem Statut hygienische und ästhetische Vorteile, es sei jedoch zu be­furchten, die Polizei werde bei der Handhabung der Ordnung erheblich in die privaten Baupläne eingreifen, auch wurden finanzielle Mehrbelastungen der Bauherrn durch Anlage von Vorgärten usw. zu befürchten fein Stv. Schwarz wirft die Frage auf, ob der Besitzer eines geschützten Bauwerkes, z. B. derjenige des Bier­turmes, des Neh'schen Turmes, eine Entschädigung von der Kommune verlangen könne, wenn durch ben Schutz der Gebrauch bes Eigentums beeinträchtigt werde. Der Vorsitzende entkräftet diese Ansicht. Bei dem Statut handele es sich um eine Beschränkung des Eigen­tumsrechtes im Jnleresse der Allgemeinheit. Denn was würde die Bürgerschaft sagen, wenn einer etwas am Schloß, am Hotel zum Kurfürsten und dem ganzen Platze vor dem Landratsamt ändern wollte. Das würde mit Recht als „Vandalismus" bezeichnet werden. Stv. Fritz glaubt gerade in dieser juristischen Grundlage des Gesetzes eine besondere Mahnung zur Vorsicht fin­den zu müssen. Da der Vermögensbesitz in Fulda haupt­sächlich Immobiliarbesitz fei, so müsse man sich hüten, die Ausnützung dieses Besitzes, vor allem den Umbau von Häusern guficbcn, zu erschweren. Stv. Trabert befürchtet bas Zutagetreten einer vielleicht unbewußten parteilichen Handhabung des Statuts zu ungunften ein­zelner Besitzer. Stadt verordnetenvor st eher: ES soll durch das Statut verhütet werden, daß die Profitwut und die Plusmacherei in Fulda triumphieren. Man bedenke den Fall, daß ein Unternehmen den Frauenberg und den Kalvarienberg mit Häusern bis zum letzten Cuabrctmelcr besetzten wollte. Dann wäre man „in die Krapsch geworfen", wie die Fuldaer sagen. Und wenn heute auch Fuldas hervorragende Bauwerke in den Händen von vertrauenswürdigen Leuten sind, so ist doch eine verhängnisvolle Veränderung für die Zukunft nicht ausgeschlossen.

Mil großer Mehrheit wird darauf die Ord­nung grundsätzlich angenommen. Mit 21 Stim­men wird auch der £ 1 angenommen, wonach die bau­polizeiliche Genehmigung zur Ausführung von Neubau­ten und Umbauten versagt werden soll an nachstehen­den Straßen und Plätzen von geschichtlicher und künst­lerischer Bedeutung: Domplah, Bonifatiusplatz, Fried­richstraße, Friedrichsmarkt und in der Umgebung des Schloßgartens, wenn dadurch die Eigenart des Orts­und Straßenbildes beeinträchtigt wird. Eine von der Fluchtlinienplankommifsion vorgeschlagene Erweiterung dieser Liste um Marktstraße und Buttermarkt wird ge­gen die einzige Stimme des Vorsitzenden abgelehnt. Man war der Ansicht, daß an der Marktstraße und am Buttermarkt nichts mehr zu verderben fei und hier die Ordnung um ein paar Jahre zu spät komme. Stv. Kircher macht in der Weiterberatung auf einige In­konsequenzen aufmerksam. So. daß man einerseits die Stadtmauer an der „Harmonie" schützen wolle, anderer­seits jetzt dort ein Bedürfnishäuschen zwecks „Verschö­nerung" aufgestellt werden solle. Stuf eine Frage nach den Veränderungen am alten Rathaus erwidert der Beigeordnete, daß während der Abwesenheit des Oberbürgermeisters ein neues Projekt eingegangen fei, da§ die historische Form it: einer sehr weitgehenden Weise wahre. Der enbgütige Beschluß sei bis zur Rück­kehr des Oberbürgermeisters ausgesetzt worden. Es wird dann her § 2 genehmigt, wonach die baupolizeiliche Ge­nehmigung zur Slusführung baulicher Stenberungen ver­sagt werden kau n an folgenden Bauwerken: Dom, Landesbibliothek, Michaelskirche, Paulustor, Stadtsaal stehemalige Orangerie), Schloß, Stift Wallenstein mit Hauptwache, Hexenturm und Einfriedigung, Priester- seminär, Domdechanei, Benediktinerinnenabtei mit Kirche, der sog. Bierturm im Sack, die Stadtmauer von der Brauhausstraße bis zur Karlstraße entlang dem Hl. Geisthospitalgrundstück, Haus Nr. 1 und 3 des Boni- fatiusplatzes, Nr. 16 der Pfandhausstraße, Nr. 2 der Schloßstrahe, Nr. 15 der Nonnengasse, das alte und .neue Rathaus am Friedrichsmarkt, das Landratsamts­gebäude, die evangel. Kirche, das Gymnasium, die alte Kaserne (Stadtschulgebäude), Stadtpfarrkirche, Severi- kirche, Hl. Geisthospital mit Waisenhaus, Kloster Frauen­berg mit Kirche, sowie Umgebung dieser Bauwerke, wenn ihre Eigenart oder der Eindruck, den sie Hervorrufen, durch die Art der Bauausführung beeinträchtigt wird. Als Umgebung ist derjenige Stadtteil anzusehen, den das Bauwerk architektonisch beherrscht oder zu dem es in ästhetischer Beziehung stehl.

Die von der Fluchtst'-llnplankommission beantragte Einbeziehung des Höflinaichen Hauses auf dem Butter­markt in den Bauschutz wird mit 14 gegen 13 Stimmen abgelehnt; die in der Ordnung als schutzwürdig genann­ten Stadtmauerteile am Altenhof, vom Gymnasium bis zum Hammerschrn Grundstück, von der „Harmonie" bis zur Flcrcngasfc werden gestrichen, ebenso der Ney'sche Turm, dessen Besitzer auf Grund eines Vertrages zur beliebigen Benutzung berechtigt ist. Auf Antrag Sauer wird auch das Haus Nr. 13 in der Nonnengasse (Goebel) aus der Reihe der zu schützenden Baudenkmäler ge­strichen. Der Vorsitzende hatte die Einbeziehung die­ses Hauses befürwortet, da es den französischen Barock in Fulda in einer sehr würdigen und einzigartigen Weise vertrete.

Beschlossen wird weiterhin die Schaffung einer Bau- beratungs stelle, die sich zusammensetzt aus dem Obestbrgermeister als Vorsitzendem, zwei Mftglicd-'rn des Magistrats, zwei der Madtverorduetenverfannnlung und zwei durch letzteres Kollegium zu wählenden Vcr. tretern der Bürgerschaft. — Hinsichtlich dec- zweiten Teiles der Vorlage, der von der Festlegung bestimmter Stadtteile für landhauSnmßig-r Bebauung, mrene Be­bauung und beschränkte Bebouuiig handelt, wird von den Stadtverordneten S ch i: l t b e i 3." S ch warz und F r itz von eiiner zu eilfertigen Erledigung gewarnt. Tie Bestimmungen seien zu einfchüridcnd. Die orientieren­den flartenfliiier. seien nickt bekannt genug, um eine

sachliche Meinungsbildung zu ermöglichen. Der vom Stv. Schwarz dieserhalb gestellte Vertagungsantrag wird angenommen.

2. Beschaffung eines Rettungssackes für die Feuer­wehr. Nach dem Referate des Stv. ©immer ist der seit 40 Jahren von der Feuerwehr benutzte Rettungs­sack unbrauchbar geworden. Er ist teilweise in Fäulnis ubergegangen. Da die einschlägige Fabrik Rettungssäcke nicht auf Lager Batte, ist vorläufig ein Rutschtuch zur Verfügung gestellt worden. Da dieses Rutschtuch jedoch große SInforberungen an bic Feuerwehr stellt unb mehr für Massenbeförderung gedacht ist, wird vom Kommando der Ankauf eines neuen Rettungssackes, der bei der Firma Müller in Offenbach zu bestellen ist, 245 Mk. kosten soll, 20 Meter lang sein wird und damit auch bei vier­stöckigen Gebäuden bienen kann, beantragt. Die Be­schaffung wird genehmigt.

3. Bermehruug der Mitglieder des Kaufmannsgerichts, durch einen 2. Stellvertreter des Vorsitzenden. Da die Beurlaubung der Mitglieder des Kaufmannsgerichts, Slmtsgerichtsrats Pade und Amtsgerichtsrats Diehls, in diesem Jahre gleichzeitig eintritt, ist vom Magistrat der Antrag gestellt, worden, den Amtsgerichtsrat Rhiel als 2. Stellvertreter des Vorsitzenden im Kaufmannsgericht zu wählen. Diese Wahl wird genehmigt.

4. Bereitstellung von Mitteln für einen anzunehmen­den Techniker. Der auf Antrag des Bauamtes anzu­stellende Techniker soll notwendige Zeichnungen über die Kanalisation anfertigen, auch Entwürfe für die Kana­lisation der Waides und für den Anschluß des dom- pfarrlichen Schulbaues Herstellen. Die Slnstellung soll nach dem Magistratsantrage mit einer Jahresvergütung bis zum Betrage von 1800 Mark für das Jahr erfolgen. Die Baukommission schlägt vor, eine tüchtige Kraft anzuwerben und einen Gehalt bis zu 2400 Mark zu be­willigen. Jrn übrigen soll Stv. Fritz zu der Fest­stellung ermächtigt werden, wie das Fehlen der Kanali­sationszeichnungen, die von der Firma Mölders zu lie­fern waren, zu erklären ist. Nach einer offiziellen Er­klärung des derzeitigen Stadibaurats Schirrmeher mußte bisher angenommen werden, daß die Kanalisationspläne vollständig vorhanden seien. Auf eine Anfrage des Stv. Cickenscheidt nach den Gründen der Verzögerung der Bauarbeiten an dem dompfarrlichen Schulhaus er­klärt der Magistratsvertreter, daß alle Kräfte ange­spannt würden, um diese Sache zu fördern.

Während Stv. Kircher die Notwendigkeit der An­stellung des geforderten Beamten für dringlich erklärt und eine starke Belastung dieses Amtes anerkennt, glaubt Stv. Weber, daß die Beamten im Bauamt bald zu zahlreich lverden dürften, zumal von der bevorstehenden Bestellung eines Stadtbaurats gemunkelt werde. Der Beamte wird aber genehmigt mit einem Gehalt bis zu 2400 Mark.

Sieben weitere Punkte der Tagesordnung werden vertagt. Schluß der Sitzung: 11 Uhr.

totales.

Fulda, 5. August 1913.

*** Pnestrrexerzitien. Gestern abend um 6 Uhr haben die ersten diesjährigen Priesterexerzitien im hiesigen Priesterseminar ihren Anfang genommen. Die Zahl der Teilnehmer ist auf 114 gestiegen. — Zu den zweiten Priesterexerzitien haben sich bereits gegen 80 geistliche Herren gemeldet. Diese Exerzitien beginnen am nächsten Sonntag und zwar mit Rück- sicht auf jene Teilnehmer, die erst mit den Abend­zügen eintreffen können, um 6’/* Uhr abends.

Die MarianischeBürger-undZunggesellensodalitiit, die schon seit nahezu drei Jahrhunderten der Brenn­punkt kirchlichen Lebens in Fulda ist, begeht am 15. August ihr Titularsest in althergebrachter Weise mit Generalkommunion und Kerzenprozession zur Stadtpfarrkirche, woselbst Festgottesdienst stattfindrt. Nachmittags findet sodann die feierliche Aufnahme der Aspiranten statt. Auch in diesem Jahr hat sich die Sodalität wieder als Jungbrunnen katholischer Glaubenskraft bewährt, denn über 25 Aspiranten haben sich zur Aufnahme in die Sodalität gemeldet. Das ständige Anwachsen der Sodalität machte auch die Errichtung einer weiteren Konferenz notwendig. Die rund 850 ortsanwesenden Mitglieder verteilen sich nunmehr auf 26 Konferenzen mit je 19 bis 46 Mitglieder. Trotz des ersreulichen Zuwachses, den die Sodalität alljährlich erfährt, steht die Mit­gliederzahl noch in keinem Verhältnis zur Zahl der Katholiken. Lesen wir doch in den An­nalen der Sodalität, daß die Sodalität in Fulda zu einer solchen Blüte sich erhob, daß sie be­reits im Jahre 1600 nahezu 700 Mitglieder zählte, obschon die Stadt damals kaum 8000 Einwohner zählte. — Für die Neuaufzunehmenden findet am kommenden Sonntag morgens um 11 Uhr in der Pfarrkirche zum hl. Geist eine kurze Vorbereitung statt, zu welcher be­sondere Einladungen ergehen.

§ Die Lage des Baugewerbes in Fulda. Im bis- herigen Verlauf des Jahres 1913 sind in Fulda 20 Gesuche für Neub auten von der Baupolizei genehmigt worden. Die Zahl der genehmigten Ge­suche für private Umbauten und Erweiterungsbauten belief sich auf 155. Unter letzteren Bauarberten sind u. a. auch verstanden: Einfriedigungen, Ausbesse­rungen, Abort- und Entwäfferungsanlagen, Verbreite­rungen, Autohallen, Gartenhäuser, Verkaufshallen, Aufbau von Dachkammern und Zimmern rc. Die Bausumme, die insgesamt seitens der Unternehmer für diese Arbeiten eingeschätzt wurde, beträgt 359266 Mark. Im Jahre 1909 waren insgesamt für die Stadt Fulda 232 Baugesuche genehmigt worden, 1910: 235, 1911: 234, bis zum 31. Sept. 1912: 215. Für das laufende Jahr dürfte nach den obigen Angaben diese früheren Ziffern nicht erreicht werden. So ist es zu verstehen, daß das hiesige Baugewerbe hofft, baldigst an die von der Stadt Fulda in Aus­sicht genommenen Neubauten herana-chen zu können.

i Anläßlich des Jubelfestes des Turn- und Fecht- klubs hat, wie berichtet, Herr Oberlehrer Schnäd- ter eine Rede gehalten, in der er auch auf die Preß- Kritik zu sprechen kam, die durch Vorkommnisse Beim deutschen Turnfest iu Leipzig veranlaßt worden ist. Tas „Kreisblatt" veröffentlicht diesen Teil der Rede ausführlich. So kommen wir in die Lage, zu diesen Aeußerungen, die unser Berichterstat­ter im einzelnen nicht festgehalten hatte, Stellung nehmen zu müssen. Oberlehrer Schnädter hat danach vlgendecweise gegen die „Fuld. Zig." polemisiert:

Die Presie der ganzen Welt habe einmütig den glänzenden Verlauf dieser einzigartigen Veranstaltung (des Turnfestes) in langen Spalten geschildert und die Fuldaer Turner haben geglaubt, auch in ihrer Heimat jo etwas wie Begeisterung antreffen zu können. Während nun ein Lokalblatt korrekt die Wahrheit über dos Leipziger Turnfest berichtete, habe sich das andere Lokalblatt nicht entblößet. Die deutsche Turnerschast anzupöbeln, öffentlich zu beschimpfen und zu verleumden. Wer die deutsche Turnerschaft angreife und beleidige, der trifft alle ihre Mitglieder und darin eine Ausnahme zu machen, wäre glatte Flunkerei. (?) Gegen die tief beschämende unb ins Herz schneidende Verlästerung der deutschen Turnerschast, die für prioate Schritte einzelner Mitglieder o wenig verantwortlich gemacht werden kann, wie das deutsche Heer etwa für die Eigenmächtigkeit eines Soldaten, lege «r hiermit im Namen der hiesigen 500— 600 Turn­vereinsmitglieder öffentlich ganz entschieden, entrüstet und energisch Verwahrung ein. (Tosender Beifall aus der Versammlung.)

Daß der Festredner sich zu der Preßkritik äußern würde, war zu erwarten. Nun hätte er zwei Wege einschlagen können. Er konnte die Vorwürfe wider­legen; vermochte er das nicht, dann hätte die Antwort doch noch würdig und ruhig ausfallen können, wenn man sich innerlich vorwurfsfrei fühlte; sie hätte dann immer noch Eindruck gemacht. Herr Oberlehrer Schnädter hat keinen dieser Wege eingeschlagcn, er hat geantwortet, aber die Antwort verrät weder Ruhe noch Sachlichkeit, sic ersetzt durch Schärfe des Aus­drucks, was ihr an innerer Berechtigung fehlt. Die Antwort, so wie sie das Kreisblatt wiedergibt, ist so kränkend und verrät die Absicht dieser Kränkung so deutlich, daß wir vorderhand doch noch zweifeln, ob Herr Schnädter diese Wiedergabe feiner Rede als authentisch passieren lassen wird. Er wird sich über die Tragweite seiner Worte klar sein, insbesondere klar darüber sein, welch schwerwiegende Bedeutung das Wort „verleumden" hat. „Verleumden" heißt, wider besseres Wissen jemanden durch eine unwahre Behauptung verächtlich zu machen suchen. Herr Oberlehrer Schnädter sagt also, immer voraus­gesetzt, daß das Kreisblatt richtig berichtet, die Ful­daer Zeitung habe die deutsche Turnerschast durch ehrenrührige Nachrede verächtlich zu machen gesucht, und sie habe dies getan wieder besseres Wissen. Das ist ein so ungeheuerlicher Vorwurf, daß wir, wie ge­sagt, die Verantwortung für ihn vorläufig der Be­richterstattung, nicht dem Festredner zuschieben möch­ten. Im übrigen sei festgestellt, daß cs die öffentliche Meinung irceführt, wenn man den Anschein erweckt, als habe die „Fuld. Ztg." allein an den Vorgängen in Leipzig Kritik geübt. In der Tat hat doch ein Bericht im evangelischen „Reichsboten" dessen Richtigkeit bis heute im wesentlichen nicht erschüt­tert ist, die Aufmerksamkeit auf die bedauerlichen Be­gleiterscheinungen des Turnfestes gerichtet. Darauf­hin hat die christliche Presse Deutschlands in ihrer großen Mehrheit zu diesen Erscheinungen in derselben Weise Stellung genommen, wie die „Fuld. Ztg." Dies zur Feststellung dec Tatsachen. Im übri­gen werden wir natürlich durch noch so laute und großsprecherische Protestreden, mögen sie auch von noch tosenderem Beifall als die Schnädtersche be­gleitet sein, nicht davon abgebracht werden, der öffent­lichen Unsittlichkeit entgegenzutreten, wo immer sie sich zeigen mag. Eine ernste Presse, die ihre Aufgabe, an der sittlichen Hebung des Volkslebens mitzuarbei­ten, ernst nimmt, wird sich dafür bedanken, zu allem Hurra schreien zu sollen, sie wird, wenn sie offene Wunden am Volkskörper findet, den Finger darauf legen, ob das nun den Beteiligten gefällt oder micht.

** Im ,Reichsanzeiger' macht der Lanbwirftchafts- rninister bekannt, daß die Forstreferendare, die iu diesem Herbst die Staatsprüfung abzulegen beab­sichtigen, die vorschriftsmäßige Meldung spätestens bis zum 20. August d. I. einzureichen haben. Die Forstbeflissenen, die in diesem Herbst die Forst- referendarprüfung abzulegen beabsichtigen, haben die vorschriftsmäßige Meldung spätestens bis zum 1. Sep­tember b. I. einzureichen.

*♦ Der kommandierende General des 11. Armee­korps General der Infanterie Exz. v. Schesser- Bohadel reiste von Kassel zur Truppenbesichtigung nach Gotha.

ch Schreiner-Innung. Die aus gestern abend an- beraurnte ordentliche Jnnungsversammlung war von 31 der 52 Mitgliedern der Innung besucht. Aus den Vorhandlungen fti kurz bemerkt, daß die Herren Rich. Schnarr und Mart. Hohmann zu Rechnungs­revisoren gewählt wurden. Der bisherige Obermeister Herr Theodor Ernst hat sein Amt als Obermeister niedergelegt (Herr Ernst ist bereits über 70 Jahre alt). Die Versammlung wählt an dessen Stelle Herrn Martin Hohmann mit 27 von 31 Stimmen. Herr M. Hohmann nahm die Wahl an. Sodann ge- langten noch verschiedene geschäftliche Angelegenheiten zur Besprechung. U. a. soll wegen verschiedener Sub­missionen demnächst von Jnnungswegen Stellung genommen werden.

1*1 Vor dem Schöffengericht stand heute u. a. der 20jährige Arbeiter B. H., gebürtig von Margreten­haun. Im Juli d. I. stahl er am hellen Mittag aus dem Flur eines Hauses in der Friedrichstraße ein neues Fahrrad im Werte von 140 Mk. Er schwang sich darauf und fuhr nach Hanau. Als er es hier in einem Fahrradgeschäft versilbern wollte, erreichte ihn das Geschick. Einem Kriminalschutzmann gab er dort zunächst einen falschen Namen an unb erst auf der Polizei bequemte er sich zur Angabe des richtigen Namens und räumte ein, das Rad am Mittag in Fulda gestohlen zu haben. Der Amtsanwalt beantragte wegen des Fahrraddiebstahls eine Gefäng­nisstrafe von drei Monaten. Das Gericht erkannte auf eine solche von zwei Monaten. — Ter 28jährige Kaufmann F. H. hier machte im Juni eine Bier­reise und fang nachts in der Karlstraße. Obgleich er von der Nachtpatrouille wiederholt zur Ruhe ge­mahnt wurde, benahm er sich weiterhin ungebührlich, so daß er zur Wache transportiert werden mußte. Heute kann sich der Angeklagte jenes Vorfalles nicht mehr genau erinnern, da er nach seinen Angaben sehr stark „beschwipst" gewesen sei. Ter Amtsanwalt hatte wegen der Widerstandsleistung 30 Mark Geld­strafe unb wegen des ruhestörenden Lärms 5 Mar; beantragt. Das Gericht erkannte quf eine Gesamt­strafe von 20 Mark, mit Rücksicht auf die Un­bescholtenheit des Angeklagten.

ch. Tie Handwerkskammer zu Kassel veranstaltet auch in diesem Herbst wieder an allen Orten des Kammerbezirks, eine hinreichende Beteiligung voraus­gesetzt, Kurse zur Vorbereitung auf d ie Meisterprüfung, sowie Buchführungskurse für Frauen und Töchter von Handwerksmeistern. Die Zahl der Teilnehmer an beiden Kursen muß min­destens je 15 fein. Die Zahl der Unterrichtsstunden für den Meisterkursus ist 100; die Teilnehmergebühr hierfür beträgt 10 Mk. Die Zahl der Unterrichts­stunden für den Buchführungskursus ist 24; die Teil­nehmergebühr beträgt hier 3 Mk. Zur Teilnahme an dem Meisterkursus sind auch berechtigt: Damen- schneiberinnen, Putzmacherinnen unb Friseusen, unb zwar sowohl selbständige als auch Gehilfinnen, sofern sie das 21. Lebensjahr er eicht haben. Die Ablegung der Meisterprüfung ist nach dem am 1. Okt. 1908 in Kraft getretenen Gesetz über den kleinen Befähigungs­nachweis Vorbedingung für die Erlangung der Be- ngnis zur Ausbildung von Lehrlingen, ganz ab­gesehen von den sonstigen Vorteilen und Vorrechten, welche der Meistertitel heute seinem Träger bringt, lieber den Nutzen und die Wichtigkeit der Buch- ührung im Handwerk (auch bezüglich der Frauen und Töchter von Handwerksmeistern) haben wir schon des öfteren bcrichtei.

? Die Steigerung der Fleifchpreise. Das .Zenlral- blatt der preußischen Landwirtschaftskammern' bringt eine Zusammenstellung der Preise, bic bei den Ver­gebungen der Fleischlieferungen für die Tru; pe ifii ' c der bebeutenbften preußischen Garnisonen vereinbar j

sind. Danach betragen die Preisaufschläge für bie zweite Hälfte des lausenden Jahres gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres pro Kilogramm für Rind­fleisch 6 — 22 Psg., für Kalbfleisch 30—44 Psg., für Hammelfleisch 24Pfg.,fürSchweiuefleisch 8—ZlPsennig. Angesichts dieser Verhältnisse, bie eine 81enberring kaum noch erwarten lassen, richtet sich das Augenmerk immer mehr auf den Konsum der nahrhaften und wohlschmeckenden Seefische. Die bayerische Staats- regierung beabsichtigt im nächsten Monat eine Agitation für den Gebrauch von Fiichflcisch zu entfalten, bie. durch öffentliche Vorträge, Fisch-Kochkurse usw. unter­stützt werden sollen.

-y- Unvorsichtiges Umgehen mit einem geladenen Revolver hat gestern nachmittag üble Folgen gehabt. Am Frauenberg wurde dem etwa 12jährigen Gym» nasi rstcn I. aus der Adalbertstraße von einem gleich-' alterigen Schüler ein Schuß in den Arm deigetracht. Ter Verletzte mußte sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Wir kommt nun ein so gefährliches Schieß- zeua in Kinderhände?

F. Eick großes Gartenfest hält der k.Uhr Gesellen­verein am 15. August (Maria Himmelsal,:: in dem er­weiterten Garten und in den Sälen des GcseUeuhauses ab. Nachdem das Sommerfest un -vergangenen Jahre bei der Bürgerschaft groben Anllaug gesunden, unter« nimmt es der Verein, dieses Jahr mit einem erweiterten Programm aufzutreten und hofft auf allseitige Teilnahme. Das Programm sieht nor Musikstücke oou zwei Musik­kapellen, (SefangSuotträge der Gesangsabteikung, turne­rische Vorführungen, wie Aufmarsch, Stabübungen mit Musikbegleitung und Pyramiden; ferner Kinderbe- lustigungen aller Art: Reigen, Fahnenzug, Kletlerbauin, Unterhaltung^ und Preiospiele, Kasperletheater. Auch, eine Schieß- und Ringwersbude, Obst- und Süßigkeiten- stand werden nicht fehlen. Abends ist Gartenillumination und Konzert im großen Saal vorgesehen. Das Fest, zu dem für erwachsene Personen nur 10 Psg. Eintritt er­hoben wird, kann auch beim ungtuistigsten Wetter mit un­gekürztem Programm stattfinden, da' eine große gedeckte Halle, Lauben und die Sale des Gesellenhäuses zur Ver­fügung stehen. Die Vorbereitung zu diesem Sonimersest liegt in guten Händen, sodaß allen Besuchetit — es wird auf viele gerechnet — ein billiger und gemißreicher Nach­mittag versprochen werden kann.

Ami Eeisa und Umgebung.

* Vacha, 4. Atta. 1913. Versetzt wurde Amts­richter Dr. Fitz l er von hier nach Blankenhain.

* Stadtlengsfeld, 4. Aug. 1913. Der Gemeindc- rat hatte beschlossen, eine M a a i r u s - P a t e n t- l eiter für Rettungszweckc bei Brandunglücken zu beschaffen. Die Leiter, welche 14 Meter, hoch ist, ist bequem fahrbar. und genügt, Rettungsversuche am höchsten Gebäude des Ortes, der Bürgerschule, vor- zunehmcn. Der Preis beträgt 1220 Mark. Von Kation Dorndorf aus wurde die Leiter durch eine Anzahl Feuerwehrleute abgeholt, da der Transport auf der Feldabahn nicht möglich war.

!S Hämbach) 4. Aug. 1913. Verhaftet und in das Amtsgerichtsgefängnis Vacha abgeführt wurde hier) ein Bosnier, der seinen Kollegen mit einem Mes­ser derartig zuge richtet hatte,. sodaß dieser noch r; nicht vernehmungssähig war. Wie es heißt, schwebt' der Mann in Lebensgefahr.

Aus Oberhessen n. den Hess. Aemrern.

* Marburg, 4. Aug. 1913. Der. Ordinarius der klassischen Philologie. Dr. .Karl. jk.a.l,h f I c i s ch, dcst kürzlich zum -Dekan der philysiHhischM.FskujM Mr! das Geschäftsjahr 1913/14 gewählt Mrd^, hat ,eftiM. Ruf nach Gießen erhalten, wo er den nach Kö­nigsberg gehenden Professor Jmmisch ersetzen foIL ■ — Sein goldenes D o k t o rj u b il ä u m feierte, heute der Professor an der hiesigen Universität Geh. Medizinalrat Dr. mcd. Ernst Küster.

* Kirchhain, 4. Aug. 1913. Der Umbau iw unserem Rathaus, wo in den unteren Räumen bis vor Jahresfrist die Spritzen unb Steigergeräte der Feuerwehr noch untergebracht waren, kommt nach jahrelangem Drängen der Aufsichtsbehörde, bessere Räume für bie Spar- unb Sladtkasse zu schaffen, endlich zur Ausführung. Die Neueinrichtung soll den neuzeitlichen Verhältnissen entsprechen. Mit dem inneren Umbau beabsichtigt man auch die äußere Renovierung bes Rathauses zu verbinden. Anfang der 1880er Jahre hat mar. schon versucht, bas Rathaus in Fachwerk zu renovieren, man fand aber die Bauausführung der Balkenlage zu einfach unb verputzte bie Wände wieder. Jetzt. will man nun; das fehlende im Balkenfachwerk künstlich Herstellen. Architekt Tauber in Marburg ist beauftragt, Zeichnung! unb Kostenanschlag zur äußeren Nenovierung anzn- fertiqcn,

* Elnhausen, 4. Aug. 1913. In der Nähe unseres; Ortes, in dec Richtung nach Caldern zu, auf dem, sog. Steickelsbcrg, waren in der letzten Zeit einige^ Bergleute aus Niederweidlach damit beschäftigt, den alten Bergwerksschacht aufzuräumen. Vor etwa 50 Jahren hat man hier nach silbcr- und kup­ferhaltigen Erzen gegraben. Die Ausbeute hat siöst damals jedoch noch nicht gelohnt, weshalb der Bc-. trieb wieder eingestellt wurde. Wie man hört, will die Gesellschaft, die das Mutungsrecht dort hat, jetzt wieder einen Versuch machen, das Bergwerk aufzu­schließen. Ter Schacht selbst ist, trotzdem er auf der Spitze des Berges liegt, mit Wasser gefüllt. Die Ar­beiter haben eine Rinne gehauen, tun dieses abzulei-- ten.

* Fritzlar, 3. Aug. 1913. Die hiesigen Batterien des 11. AÄillerier-giments begingen heute das Jubelfest. Tas schönste Festwetter begünstigte dies Feier. Ein vom Einjährig.-Freiwilligen Löhr vor-l getragener, vorn Hauptmann Schober gedichteter Fest­prolog leitete die Sache ein. Tann wurde von 8 Paaren (16 Unteroffizieren) in der Uniform von 1813 eine Quadrille geritten, die vorzüglich gelang.- Im Turnen und Voltigieren leisteten sodann Mann-' schäften dcr beider: Batterien geradezu Hervorragen­des.^ Die von 4 Paaren, den Damen Heck, Ranidohr, v. Callas und Rnmler, und den Herren Hauptmanns v. Suchten, Oberst, v. Schönfeld. Li. v. Kahn und Oberst. Wilke, gerittene Quadrille 'mar wohl der Glanzpunkt des Ganzen; auch die herzlichen Kostüme,! die verschiedenen Uniformen, seit 1813 darstellend, er­regten allgemeine Bewunderung. Tas ganze Pro--'; gramm wickelte sich mit militärischer Präzision und ohne jeden Unfall ab.

vermischtes.

* Ta? Bild eines PaJftZ ans einer'Briefmarke.' In Ungarn werden demnächst neue nngarstchr Brief­marken zur Ausgabe gelanAn, Ans einer dieser' Marken, bie nach einem historischen Gemälde bie "rö-iung Franz Josephs als König von Ungarn zeigt,'/ wuv zum erstenmal auf einem.Postwertzeichen die.