Fuldaer Zeitung
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Illustrierte Sonntagsztihmg
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Größere kn^elqen erbitten wir uns tags vorher. u 3
40. Zahrgang.
Montag den 4. August 1913.
Nr. 178.
deutsches Reich.
: Berlin, 3. August 1913. Der Kaiser hat die Heimreise angetreten. Er ist vor Bergen eingetroffen. Er nahm am Samstag das Frühstück bei Konsul Mohr ein und gedenkt bis Montag abend oder Dienstag früh in Bergen zu bleiben. Die An- kunst in Swinemünde erfolgt am Mittwoch. — Prinz Joachim von Preußen verließ am Sonntag nach Abschluß seines dreisemestrigen Stu- diums an der dortigen Universität Straßburg und begibt sich zunächst nach Homburg v. d. Höhe. — Der .Reichsanzeiger' meldet: Der Kaiser hot dem Mitglied des Geheimen Rates Sir Ernest Cassel zu London die Brillanten zum Roten Adler- orden 1. Klasse verliehen. Diese Verleihung ist deshalb besonders interessant, weil Sir Ernest Cassel ein eifriger Förderer deutsch-englischer Verständigung ist. — Der'Vorstand des Bundes deutscher Architekten, den Geh. Baurat Prof. Dr. Frentzen in Aachen vertritt, hat an den preußischen Minister des Innern eine Eingabe gerichtet, die dem in den Kreisen der Bau- gewerksmeister bestehenden Bestreben entgegentritt, die Genehmigung zur Führung des Titels Baumeister zu erhalten. Ein Reihe neuer Justizvorlagen wird für den Reichstag vorbereitet. Ein Entwurf über eine Neuregelung der Arbeitsverhältnisfe der Rechtsanwaltsangestellten im Reich ist im Reichsjustizamt bereits fertiggestellt. Ein Entwurf zur Abänderung des deutschen Wechselrechts wird Den Bundesrat und danach den Reichstag im nächsten Winter beschäftigen. Weiter dürfte der Gesetzentwurf über die Haftpflicht der Eisenbahnen, der dem preußischen Staatsministerium bereits zugegangen ist, im nächsten Winter an den Reichstag gelangen. In Vorbereitung findet sich ferner eine Wbänd.rung desZwangsversteigerungsgesetzes.
+ Eine Novelle zum Militär-Dienstversorgungsgesetz soll nach Berliner Blättern dem Reichstag zugehen. Neue Bestimmungen über die Entschädigungen der- jenigcn Kapitulanten werden vorbereitet, die gegen Den Verzicht auf den Zivilversorgungsschein einen Geldbetrag wählen. Die Heeresverwaltung will diese Neuregelung dem Parlament in Gestalt einer Vorlage zusammen mit dem Etat von 1914 vorschlagen. Es sollen hiernach u. a. auch ausscheidende Unteroffiziere, die nicht die volle zwölfjährige, zum Erhalt von 3000 Mark in bar berechtigende Dienstzeit haben, künftighin in den Genuß einer — in Rücksicht auf die Länge ihrer Dienstzeit verkürzten — Dienstprämie von vielleicht 500 Mark nach 6 - 8jähriger Dienstzeit gelangen. Ebenso will man den Fall der älteren Unteroffiziere neu regeln, die erheblich über 12 (und 18) Dienstjahre im Heere verbleiben. Hiervon werden insbesondere die Bezirksfeldwebel günstiger als bisher betroffen fein.
* Kaum ist die Wehrvorlage unten Dach mit ihren gewaltigen Lasten, die sie dem deutschen Bolke auferlegt, so beginnen bereits wieder die» Treibereien gewisser Leute, um dem deutschen Volke noch weitere militärische Lasten aufzuerlegen. So schrieb der Generalmajor z. D. b. Gecsdorff für die „Post" einen Leitartikel „Militärische Rückblicke und Ausblicke", in dem er neben sonstigen verschißenen „Kleinigkeiten" für die Forderung von Kawallerie- divisionen im Frieden eintritt, da durch die neue Heeresvorlage die Reiterwaffe nur auf das Mindestmaß verstärkt worden sei und nach wie vor die Gefahr einer feindlichen Reiterinvafion über den Häuptern unserer Ostmarken schwebe. 'Um den Kostenpunkt macht sich der Herr Generalmajor keine Sorge. Er meint, daß die von ihm vorgeschlagenen Ergänzungen keinen neuen Wehrbeitrag erforderten, sondern durch „anderweitige Ersparnisse" zu decken seien. Was das aber für Ersparnisse sein sollen, darüber schweigt sich der Herr Generalmajor wohlweislich aus.
Das Münchner KtnM.
57] Roman von Felix Nabor.
„Nein, Annie! Zu einem Raffael habe ich nun einmal das Zeug nicht. Mir ist momchmal, als wäre ich in München zehn Jahre lang an den Frauentürmen herumgekraxelt, ohne ihren Gipfel, ihre Spitze zu erreichen Cs ist eine bittere, Erkenntnis, wenn man nach jahrelangem Ringen einsieht: du wirst nie im Leben ein Großer im Reiche der Kunst werden, wirst immer nur ein Zwerg bleiben! In solchen Stunden bricht der Himmel über- einem zusammen. Nun, schließlich habe ich Enttäuschung und Schmerz überwunden. Wenn ich nun einmal kein großer Künstler werden kann, so will ich wenigstens ein ehrlicher, fleißiger Handwerker sein, der seine Arbeit in Treue und nach bestem Wiffen und Können verrichtet. Ich habe in einer gxroßen Fabrik, die sich ausschließlich mit Herstellung vornehmer moderner Möbel und Wohnungsausstattungen beschäftigt, eine Stelle als Zeichner angenommen. Das Genre sagt mir zu, und ich kann darin etwas leisten. Ja, ich darf es ohne Ueberhebung sagen: man schätzt mich dort, man anerkennt mein Talent, und ich habe beste Aussicht, rasch vorwärts zu kommen, zumal der moderne Wohnungsbau geraden eine Umwälzung in der Möbelindustrie und im Kunstgewerbe hervorge- rusen hat. Ich habe ein großes, weites Feld vor mir, das ich mit Lust und Liebe bebaue. Und hier, Annie, hier habe ich au.ch gelernt, was arbeiten heißt. In München war mir die Arbeit ein Getändel, ein Spiel! Hier aber ist es ein Anspannen aller Kräfte, ein sieghaftes Losstürmen auf das Ziel. Und das ist gut so. Denn Arbeit ist kein Spiel, sondern eine ernste, schwere Sache. Ich gestehe es offen, daß ich Zu Anfang Berlin nicht geliebt habe. Es war mir alles zu ernst und zu kalt, zu streng und zu hastend. >>etzt erkenne ich, daß gerade diese zähe Energie, diese intensive, rastlose Arbeit, diese Anspannung aller Kräfte notwendig sind, wenn Großes erreicht werden soll. Gerade dieser unbeugsame Wille, das kalte, ruhige Blut, der sichere Blick und das stolze Kraftbe-
Ausland.
** Die Ministerknsis in Holland. Nachdem die Bildung eines parlamentarischen Kabinetts aus den Mehrheitsparteien nicht gelungen ist, beauftragte Königin Wilhelmine den früheren liberalen Minister Cort van der Linden mit der Bildung eines außerparlamentarischen Kabinetts, also eines Kabinetts, das sich nicht auf eine Mehrheit im Parlament stützt und, weil es nicht den Charakter eines Geschäfts- Ministeriums besitzt, auch politische Vorlagen beantragen tarnt, ohne baß es nach ihrer Ablehnung zurück- zutreten braucht. Dr. Cort van der Linden hat den Auftrag der Königin noch nicht endgiltig angenommen und sich Bedenkzeit erbeten. Eine starke Diehrtzeit unter den sozialistischen Führern, besonders der Deputierte Schuper, setzt inzwischen alle Hebel in Bewegung, um die Sozialdemokratie doch noch zur Beteiligung an der Regierung zu veranlassen. Am 10. August soll ein außerordentlicher Kongreß darüber entscheiden.
* * Der vierte Schweizer Katholikentag begann am gestrigen Sonntag in St. G a l l e n. Er ist von über 20000 Personen besucht. Nach einem Festzug durch die Stadt wurden im Klosterhof Vorträge gehalten.
* Die Beförderung des englischen Spions. Die ,B. Z. am Mittag' meldet aus London: Der am 21. Mai vom Kaiser begnadigte Rechtsanwalt Bertram Stewart wurde zum Hauptmann der West Kent Ieomanry befördert. Die Ernennung wurde auf Den 19. April zurückdatiert, sodaß das neue Patent noch in feine Gefangenschaft fällt.
* * Die Lage in" Portugal. Die Kaufleute von Oporto haben einen Aufruf erlassen, in dem sie sich über die Zerrüttung im Innern des Landes beklagen, die zum Ruin der Kaufmannschaft führen müsse. — Dabei behaupten die portugiesischen Offiziösen immer, im Lande fei alles in tadelloser Ordnung. — Der Präsident der Republik ist an Nierenentzündung ernstlich ertrankt.
* Die Wirren i» China. Offenbar auf Grund der Erfolge seiner Truppen, die die Aufständischen an allen Punkten geschlagen haben, wendet sich der Präsident der Republik China, Fuanschikai, in scharfer Form gegen die revolutionäre Kuomintang-Partei als Urheberin der Rebellion. Ein zweites Manifest beauftragt den Oberst, kommandierenden der Regierungstruppen am Jangtse, Tuantschikai, mehrere Rebellenführer zu verhaften und zu bestrafen. Sunjatsen ist darunter nicht genannt. In Ergänzung dieses Berichts aus Peking wird aus Schanghai gemeldet: Admiral Tseng hat im Namen Duan- schikais eine Proklamation veröffentlicht, die für die Auslieferung der Rebellenführer, tot oder lebendig, Belohnungen aussetzt, und zwar 100 000 Dollar für Huanghsing, 50 000 Dollar für Tschentschimei und 20 000 Dollar für Suangsu und Lischutscheng. — Zwei Kreuzer der regierungstreuen chinesischen Flotte beschossen am Samstag eine Stunde lang die Wusung- Forts bei Schanghai. — Indische und chinesische Truppen wurden nach Kanton entsandt, um Shameen zu bewachen, wo sich die europäischen Viertel befinden. Auch französische Matrosen wurden gelandet.
X Die Konferenz in Bukarest.
Die Forderungen der Verbündeten. Die Gegner Bulgariens haben in der Friedenskonferenz die Be- dingungetr bekannt gegeben, die zur Grundlage des Friedens gemacht werden sollen. Die Verbündeten stellen folgende Forderungen auf:
1. Die Verbündeten verlangen als Grenze den Lauf der Struma, beginnend an der alten bulgarischtürkischen Grenze, bis zum Sarbdere, von dort auf Kuppe 1314 des Tschengelgebirges, dann der Wasserscheide folgend, bis Tragarz, von dort nördlich und nordöstlich zu Kuppe 1152, dann über Mesta nach Kuka, dann über Sipkora und Daliboska zur Wasserscheide bis Kuppe 2162 bei Kuslar, von dort mit der Richtung auf Oschag- dada über Morgatzan, Mekova, Tokadschida bis Kordschal, absteigend, sodann gegen Süden über Kaplekteve und Galieretepe, endend am Aegäischen Meere, drei Ki-
wußtscin, das die Bewohner des Nordens auszeichnet, gibt ihnen das Uebergewicht und die Ueberlegenheit über den Süden, der eine gewisse Weichheit und Läs- sigkeft nicht verleugnen kann. Hier kann ich lernen, was ernste Arbeit ist und wie man zu Erfolg gelangt — und das eben ist es, was mir nottut. Ich fange wahrhaftig an, ein neuer Menfch zu werden."
Annie hatte ihm staunend zugehört, und als sie ihn jetzt prüfend betrachtete, da erkannte sie, daß er ein anderer geworden war. Biel reifer und männlicher war er, Stolz und Zuversicht und das Bewußtsein des eigenen Wertes sprach aus seinem Wesen und feinem Auftreten, seine Züge schienen ihr ernster, vergeistigter, als ob das Leben seine Runen in dasselbe geschrieben hätte; nur seine Augen waren die alten: warm und tief. Ja, es war kein Zweifel darüber: Puck war ein Mann geworden, den der Ernst des Lebens gereift hatte. Annie freute sich darüber. Sie hatte ihn früher nie für voll genommen, uH er hatte sich ja auch immer ein wenig kindisch zcvardet; aber jetzt versagte ihr der ironische Ton, den sie fönst ihm gegenüber angeschlagen hatte, und ’ie fühlte, daß er ihr überlegen fei, daß sie ihn mit der Achtung behandeln mußte, die man einem Manne, der etwas in der Welt bedeutet, schuldig ist. Damit begann sich ihr gegenseftiges Verhältnis ein wenig zu verschieben. Das Harmlose, Kindisch- Naive, das ihre Jugendfreundschaft umfloffen hatte, wich zurück wie ein bunter Schleier; der Ernst des Lebens, der sie beide hart angefaßt hatte, trat an sie heran. Sie standen sich nicht mehr als große Kinder gegenüber; sondern als gereifte Menschen, die wiffen, was das Leben von ihnen fordert.
Dieses neue Freundschaftsverhältnis hatte seinen eigenen Reiz: es lag Kraft und Zuversicht in ihm, es war geadelt durch das gegenseitige Vertrauen, durch den Ernst ihrer Sage und das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der großen, fremden Stadt. Annie wußte, daß sie an diesem Manne einen Halt und eine Stütze hatte, wenn sie in Not kam, und Puck hätte für die Frau, die er heimlich, aber ohne jede sinnliche Begierde liebte, fein Leben hingegeben.
Annie erzählte nun von ihrem Leben, ohne indes
lometer östlich von Makri. 2. Bulgarien entsagt allen Ansprüchen auf alle Inseln im Aegäischen Meere. 3. Entschädigung der Einwohner und Regelung der bereits früher vorgebrachten Streitfragen betreffend die serbisch-bulgarischen Grenzfragen. 4. Garantie für die Aufrechterhaltung der Freiheit in den Kirchen und Schulen der griechischen Gemeinden Thraziens.
Wie die „Wiener Allgemeine Zeitung" erfährt, wird in dortigen diplomatischen Kreisen gegenüber diesen Forderungen darauf hingewiesen, daß man unmöglich annehmen könne, es sei Serbien und Griechenland mit solchen Ansprüchen ernst, deren Unerfüllbarkeit auch in Belgrad und Athen unmöglich verkannt werden könne. Die Unmäßigkeit der serbischen und griechischen Forderungen rücke den, Gedanken näher, wie berechtigt der Standpunkt gewesen sei, den Oesterreich-Ungarn von Anfang an geltend machte, daß die Gebietsverteilung auf dem Balkan nicht ohne Zustimmung der Großmächte erfolgen dürfe.
Zwischen Rumänien und Bulgarien ist auf einer Sonderkonferenz am Sonntag eine Einigung zustande gekommen. Die neue Grenze beginnt unterhalb von Ekrenne, südlich Baltfchik, zieht westlich von Do- britsch vorüber und endet neun Kilometer donauaus- wärts von Tuturkai. Ferner stimmten die Bulgaren der Schleifung der noch vorhandenen Festungswerke in Schumla und Rustschnk zu und verpflichteten sich, zwischen diesen Orten und der neuen Grenze keine Befestigungen vorzunehmen. Während der ganzen Verhandlungen hoben die bulgarischen Delegierten hervor, wie notwendig es ist, daß Rumänien und Bulgarien die alte Freundschaft wieder Herstellen.
Die Möchte und die Pforte. Wie berichtet wird, haben jetzt sämtliche Botschafter in Konstantinopel bis auf zwei die Instruktion für die Ueberreichung einer gegen die Besetzung Adrianopels gerichteten Note erhalten. Man sieht daraus, daß die Mächte es mit diesem Protest nicht alle gleich eilig haben, und da man ja auch entschlossen ist, von Zwangsmaßregeln einstweilen abzusehen und abzuwarten, was die nächsten Tage bringen, so kommt es auch auf einen oder mehrere Tage Verzögerung nicht an.
Der Krupp Prozeß.
S8 e r I i n, 2. August 1913.
Zu Beginn der Sitzung am Samstag gab der Verteidiger R.-A. Ulrich für seinen Mandanten Hülst und den Angeklagten Schleuder die Erklärung ab, daß diese beiden im Juni dieses Jahres nach Rahnsdorf an der Oberspree einen Ausflug gemacht und bei dieser Gelegenheit der FramBrandt einen Besuch abgestattet haben, um zu sehen, wie es ihr ginge. Sie hätten keine Ahnung davon gehabt, daß Brandt zu jener Zeit bereits aus der Haft entlassen worden war. Zu ihrer eigenen großen Verwunderung hätten sie nicht nur Frau Brandt, sondern auch Herrn Brandt angetroffen. Es sei absolut keine Beeinflussung irgend welcher Art versucht worden. — Vorsitzender: Sie haben also über die Sache selbst nicht gesprochen? — Angeklagter Schleuder: Jawohl, das ließ sich wohl kaum vermeiden, jedoch nicht in beeinflussender Weise. — V.: Das wundert mich, daß gerade Sie zu diesem Hauptzeugen hingehen, nachdem Sie am Freitag so pathetisch erklärten. Sie hätten ein Zusammentreffen mit der Zeugin Wiczorek unter allen Umständen zu hintertreiben versucht und sogar gebeten, der Zeugin Ihre Adresse nicht mitzuteilen, um jeden Schein zu vermeiden. Und nun gehen gerade Sie zu diesem Hauptzeugen hin. — Angekl.: Ich wollte ja doch nur Frau Brandt besuchen. — Sowohl der Verhandlungsstrhrer als auch der Anklagevertreter geben in scharfer Weise ihrem Erstaunen darüber Ausdruck, daß die Angeklagten die Tatsache ihres Be. suches verschwiegen hätten. Als Ehrenmänner wären sie verpflichtet gewesen, davon zu sprechen, da sie ausdrücklich danach gefragt worden seien. Ein Mann in Offiziersuniform habe die Pflicht zur Wahrheit in jeder Lebenslage. — Angekl. Schleuder: Ich habe, als die Sache zur Sprache kam, meinen Verteidiger gefragt, ob ich es sagen solle, der hat mir abgewinkt. — Vert. R.-A. Grasso: Das trifft nicht zu. Als der
den Schleier von dem Gehcimuis zu lüften, das sie in ihrer Brust barg. Aber Puck fühlte gleichwohl heraus, daß sie litte, und da brach es wie ein weher Schrei aus seiner Brust: „Nicht wahr, Annie — wenn Du in Not bist, wenn Du Dir nicht mehr zu helfen weißt, dann rufft Du mich!"
„Ja, das verspreche ich Dir", erwiderte sie. „Ich bin ja so froh, einen treuen Freund hier zu haben! Das ist wie Heller Sonnenschein!" —
Puck nannte ihr' seine Adresse und dann begleitete er sie bis in die Tiergartenstraße zur »Villa Sandow.
Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen, und in den Sttaßen blitzten die langen Feuerzeilen der Laternen auf, zogen^ ihren Zauber kreis um die Riesenstadt und warfen ihren Weißen Märchenschein in das sinkende Dunkel und in das Nachtleben Berlins hinein.
Als ihre Hände abschiednehmend ineinander ruhten, sagte Puck: „Das war heute ein froher, schöner Tag, Annie! — Ein Stück Jugend war es, ein Blick ins Paradies! Werde ich Dich wieder einmal treffen?"
„Gerne, mein Freund! Sage nur, wann und wo — ich verfüge ja über so viel freie Zeit, daß ich nichts damit anzufangen weiß. Aber fo ins Blaue hineinlaufen, wie Kinder, das wollen wir doch nicht. Wir wollen uns an einem bestimmten Orte treffen."
„Wie wäre es morgen abend um sechs — bei Dreffel? Wir könnten bann dies schöne Wiedersehen ein lvenig feiern. Oder geniert es Dich, in einem Restaurant mit mir zusammen zu sein?"
„Genieren? — Durchaus nicht. Warum denn?" „Nun — ich meinte nur so — treten Deinem Manne!"
„Ach so? — Nun, vor ihm habe ich wahrlich nichts zu verheimlichen. Und was wir beide zu reden haben, das darf jeder hören. Uebrigens werde ich Hardh mitteilen, daß ich Dich getroffen und mich mit Dir verabredet habe."
„Am Ende kommt er dann gar mit?"
„Nein, dazu hat er keine Zeit — und keine Lust!
— Auf Wiedersehen also, mein Freund!"
Er sah ihr lange nach, und fast meinte er, ihr
Angeklagte eine Geste zu mir machte, als wolle er mich zum Sprechen aufforbern, habe ich durch eine Handbewegung angedeutet, er möge selbst eine Erklärung über seinen Besuch in Rahnsdorf abgeben. — Angekl. Hinst: Ich habe ebenfalls meinen Verteidiger durch eine Hand, bewegung gefragt, ob ich mich zu dem Punkte äußern solle, er hat mir aber durch eine Handbewegung abgeraten. — Vert. R.-A. Ullrich: Ich muß meinem Klienten 'ebenfalls widersprechen, ich habe die Herren gefragt, ob sie bei Brandts gewesen seien, darauf habe ich eine verneinende Antwort erhalten. — Angekl. Hinst: Dann frage ich meinen Verteidiger, ob ich ihm nicht schon früher über diesen Punkt Mitteilung gemacht habe. — R.- A. Ullrich: Das ist mir absolut nicht erinnerlich. — Verhandlungsführer: Die Fragen sind gestern so gestellt worden, daß die Angeklagten unbedingt ihren Besuch in Rahnsdorf erwähnen mutzten. — Anklagevertreter: Der Fall Brandt ist noch nichr erledigt, ich behaupte, datz nicht nur von der militärischen Anklagebank Beeinflussungen ausgegangen sind.
Die Zeugin Frau Brandt ist nicht erschienen. Ihr Mann überreicht jedoch ein Zeugnis eines Arztes, wonach Frau Brandt am Freitag bewutztlos zu ihm gebracht worden ist. Später litt sie an Schreikrämpfen und war sehr erregt und nervös, so datz sie in den näch< sten 48 Stunden nicht vernehmungsfähig ist.
Um die Besuche in Rahnsdorf dreht sich lediglich der erste Teil der Verhandlung. Ailch der Angeklagte Ti- lian erklärt, datz er Frau Brandt einmal besucht habe zur Zeit, als ihr Manu noch in Untersuchungshaft gesessen habe. Er will indessen gleichfalls nicht im geringsten irgendwelche Beeinflussungen versucht haben.
Dann wird der Zeuge Polizeirat Koch vorgerufen, der noch einige Bekundungen machen soll über die Art und Weise der Beobachtungen des Zeugen Brandt. Er bekundet, datz der Zeuge Brandt genau so wie die anderen Arigeklagten beobachtet worden ist. Es hat keinen Augenblick gegeben, wo die Angeklagten nicht beobachtet wurden. Es wurde genau festgestellt, wann sie mit Brandt zusamn-enkamen und gingen, auf welchem Wege sie nach Hause gingen usw.
Hierauf folgt die Vernehmung des Direktors E e e i u s vom Direktorium der Firma Krupp. Dieser Zeuge bekundet auf Befragen seitens des Verhaudlungs- leiiers, datz auch gegenihneinVersahren ein. geleitet fei wegen der gleichen Vergehen, tote sie dem Zeugen Brandt zur Last gelegt werden, und daß die Voruntersuchung noch schwebe. Hierauf kommt der Verhandlungsleiter auf einzelne „Kornwalzer" zu sprechen. — Z.: Der erste „Kornwalzer" wird mir Wohl tm Jahre 1908 zu Gesicht gekommen fein; gelegentlich hat man mir bann, wenn ich in Essen war, im Laufe der folgenden Jahre einmal diesen oder jenen „Kornwalzer" vorgelegt. — V.: Lohnte sich die Unterhaltung eines Brandt in Berlin, der doch immerhin Über 12000 Mark kostete? — Z.: Brandt hatte ja nicht nur „Kornwalzer" zu machen. Er war in der Hauptsache Chef des Berliner Bureaus. — B.: Hatte Brandt die Befugnis, die Briefkuverts zu öffnen und Kenntnis von dem gesamten Schriftwechsel zwischen der Berliner Vertretung und der Firma in Essen gu_ nehmen? Z.: Nicht die Befugnis, sondern die Pflicht. — V.: Brandt sagte gestern, er hätte alle Briefe der Firma Krupp öffnen müssen. — Z.: Das ist eine Gepflogenheit der Firma, datz die Personen im Range des Herrn Brandt diese Briefe zu öffnen hatten. — V.: Ist es richtig, datz für Herrn Brandt vor der Firma keine Geheimnisse bestanden? — Z.: Jawohl, das ist natürlich richtig nur insoweit, als es die preutzische Heeresverwaltung'betraf, und da hatte Brandt von den allergeheim-i sten Dingen Kenntnis. Er hatte, wichtigere und gehet-; mere Sachen zu hüten, als wie in so einem „Kornwalzer" standen. Der Zeuge bestätigte sodann die Richtigkeit, der Angaben des Zeugen Brandt über seine Gehalts-; Verhältnisse. — V.: Was sollte denn Brandt aus der, sogenannten „Funktionszul ag e" von 3500 Mark per anno bestreiten? — Z.: Herr v. Schutz hatte einen bestimmten Fonds, aus dem er Herrn Brandt zuerst bestimmte detaillierte Auslagen ersetzt hatte. — V.: Was sollte denn nun Herr Brandt in der Hauptsache damit bestreiten? Es sieht natürlich so aus, als ob das Schmiergelder fein sollten. — Z.: Es ist mir natürlich nicht eingefallen, Herrn Brandt etwa diese 3500 Mark als Schmiergelder zu geben. Er hatte durch seine Stellung in Berlin natürlich einen erhöhten Aufwand. Er mutzte auch eine andere Wohnung haben als in Essen. Datz in dieser Summe die Auslagen für seine
Gang fei elastischer als an dem Tage, da er sie zum erstell Male wiedergesehen hatte. Etwas Müdes und Schweres lastete bantalS auf ihr, heute schien sie- ihrc alte Spannkraft wieder erlangt zu haben.
Am andern Tage saßen sie bei Dreffel, dinierten und blickten dabei durch die großen Spiegelscheiben auf den Menschenstrom „Unter den Linden". Annie wunderte sich im Sttllen, wie sicher Puck auftrat.; Aus dem ehemaligen Münchener Boheme war beinahe ein Grandseigneur geworden, der, mit aller, Ruhe den vorüberhuschenden Kellnern feine Befehls erteilte.
„Du scheinst hier gut bekannt zu sein", sagte sie., Er lächelte. „Wie ich nach Berlin kam", sagte er, „hätte ich es mit meinen Bummler-Manieren nicht gewagt, hier einzutreten. Ich fürchtete mich vor diesem feinen Milieu ebenso wie vor dem spiegelblanken Parkett eines Ballsaales. Jetzt aber ist es mir ein Bedürfnis, hier zu verkehren. Alles ist vornehm und fein. Die Menschen, die hier aus- und eingehen, sind gut gekleidet, sprechen nicht zu laut, und ihr ganzes Benehmen ist auf einen feinen Ton gestimmt. Man lernt hier Lebensart — und das ist auch ein Stück Selbsterziehung."
„Mein lieber Puck, Tu warst früher ein _ loser Bogel, jetzt aber habe ich Dich im Verdacht, daß Du ein Streber geworden bist. Ein Streber in dem Sinne, daß- Du den künstlerischen und gesellschast- lichen Höhen zustrebst. Und das gefällt mir, das steht Dir gut! — Nun aber erzähle mir von Mün^ chen. Ich weiß rein nichts. In unserem Hause wird nicht einmal eine Münchener Zeitung gehalten, nur Berliner Bieter. Die S..ndows leben nur für Berlin. Alles, was außerhalb dieses, Kreises liegt, existiert für sie nicht, wird von ihnen ignoriert. Ich komme mir vor wie abgeschnitten von meiner Heimat, sehe nicht über d'e Grenzmark dieser Stadt hinaus.
Da erzählte er denn, was er aus Zeitungsberich- tew wußte, und sie hörte mit einer Andacht zu, als verkünde er ihr ein frohes Evangelium. „Ach, mein München!" sagte sie leise.
(Fortsetzung folgt.)