Zuldaer Zeitung
<rfd)dnt «IgNch mtt Husnatjme oer Sonn- und Zrlrttoge OitrteU |ät)rüd)er Bezugspreis ohne Brmgrttohn und Bestellgeld in Zulda sowie ausmärts 1.50 Mark. •••• RotationsörucN und Verlag der - - $ul6oer flctienöruckerel in Zu Ida. Zernsprecher Nr. 9. 5 5
~ “ Wochm-Veilage: 5 5 ' s s monats-Behage: s s Illustrierte Sonntagszeitung I Zuldaer Seschichtsblätter a ZiehungsNsten der prrutzlsch-svddeutsch« Kleffen-Cotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan, k
rtnitigcn; Dtr Roum einet etnfpolhgen Colonelieffe, 47 »m breit, Woftet 15 Pfg. Reklamen: Der Roum einer Coloneljeile, 74 mm breit, koflei 40 Pfg. Bel Wieberhotungen Rabatt Jfir Ofiert- unb fiuskun|tan)ei?tn 20 Pf. extra. 3n Konkursfällen wirb ber bewilligte Rabatt hinfällig. Erfüllungsort für bas Einkiagen oon §orberunqen Ifl Suibo. flnieicen-ßnnahtne bis 10 Uhr vormittags, u u 6räf,ere flnteicen erbitten wir uns taos vorher. :: 3
fir. 177. erstes Blatt.
Samstag den 2. August 1913.
40. Zahrgang.
:: Der Blsmarcksche Geist.
Als am vorletzten Juli zum 15. Male der Todeslag Bismarcks wiäerlehrte, konnte man in Ge- dächmisartikeln hier oder da den schwungvollen Wunsch lesen: Möchte doch der Geist Bismarcks in unserer Politik stets lebendig bleiben!
A bissel Lieb, a bissel Treu, und a bissel Falschheit ist alleweil dabei. Falschheit nämlich gegenüber den Nachfolgern, insbesondere gegenüber dem gegenwärtigen Inhaber des Reichskanzlerpostens. Jene großen Erfolge in der auswärtigen Politik, die Fürst Bismarck in seiner Glanzzeit errungen hat, sind seinen Nachfolgern nicht zugefallen. Darum findet es immer bei der weniger urteilsfähigen Menge Beifall, wenn man die Nachfolger als Zwerge hinstellt, die in den ererbten Kürassierstiefeln versinken.
Zu der Beschwörung des Bismarck'schen Geistes möchten wir unsererseits ohne alle Falschheit, nur der Wahrheit und Gerechtigkeit halber die Randglosse machen, daß dieser Geist nicht auf allen G e- bieten und nicht zu allen Zeiten von der gleichen Größe gewesen ist.
Der Geist der Kraft und Weisheit, der das deutsche Reich begründet und das hochwichtige Bündnis mit Oe st erreich zustande gebracht hat, verdient fortzuleben unter allen Nachfolgern Bismarcks. Aber auch die treuesten Verehrer Bismarcks können mcht mit Ehrlichkeit behaupten, daß in der inneren Politik die Kunst des Ministers auf derselben Höhe gestanden, wie in der äußeren Politik. Obschon er eine ungeheure Machtfülle besaß, gelang es ihm nicht, die innere Entwicklung ruhig und stetig zu gestalten; es gab Reibungen, Krisen, Fehlschläge und Rückschläge im Ueberfluß. Am allerschlechtesten bewährte sich der Bismcwckfche Geist im Kulturkämpfe. Was für Ruinen hat er da geschaffen unter der Devise: Nach Kanossa gehen wir nicht! Und schließlich hat er doch die Wendung zum Frieden machen müssen, die tatsächlich ein Kanossagang war und für jeden anderen Staatsmann, der weniger glänzende hochpolitische Erfolge hinter sich hatte, den Zwang zum Rücktritt bedeutet hätte. Soeben wurde aus den Memoiren ches österreichisch -ungarischen Staatsmannes Andrassh eine Unterhaltung aus dem Beginn des Kulturkampfes bekannt, in der An- drassh, der den Katholizismus besser kannte, den Fürsten Bismarck warnte, aber die Antwort erhielt: „Die Jesuiten sollen mich fürchten, dann mögen sie mich hassen. Wenn die Jesuiten Sie (Andraffh) nicht fürchten, so werden sie Sie doch hassen". Welch ein Geist, der den Jesuiten nichts anderes als wahllosen Haß zutraut und selbst von einem blinden Hasse ge- trieb-a t: i id- — blinch. wes en der voll-n D-'ernt- nis von Gegnern. Fürst Bismarck hat sich selbst gelegentlich als „guten Hasser" bezeichnet. Bon dieser Eigenschaft machte er auch außerhalb des kirchenpolitischen Konflikts häufig einen Gebrauch, der ihm viel Reibung und Merger, 5»en Geschäften viel Schwierigkeiten und Schaden beireitete. Diesen Geist, der aus einem Uebermaß vom Selbstherrlichkeit hervorging, braucht man nicht vsrewigt zu wünschen.
Es ist ferner zu beachten, daß der Geist Bismarcks sich nicht zu alle-it Zeiten gleichmäßig erfolgreich erwiesen hat. Auch nicht auf dem bestqelegenen Gebiete der auswärtigen Politik. Schon 1874 und 1875, als der bekannte „Krieg-in-sicht"-Zwischen- fall dem russischen Minister Gorischekoff Gelegenheit gab, sich als das Zünglein der europäischen Wage aufzuspielen, erlitt die Bismarck'sche Staatskunst eine Schlappe. Das russisch-französische Bündnis, das man gern seinen Nachfolgern aufs Schuldkonto setzt, trieb damals seine Wurzeln, und der Geist Bismarck s vermochte die Entwickelung nicht zu bindern. Für die letzten Jahre des Bismarck'schen Regiments genügt e§, an das geflügelte Wort zu erinnern: Es gell n g t nichts m ech r!
Ein nationalliberales Blatt machte dieser Tage die Bemerkung, die Entlassung im Jahre 1890 sei für den Fürsten Bismarck eine Wohltat gewesen. Fürwahr, er hätte sonst in den inneren und äußeren Schwierigkeiten, die sich aufgehäuft, den besten Teil von seinem Nimbus einbüßen müssen!
* „Ein Schlag gegen die deutsche Agrarpolitik"?
Die sozialdemokratische Presse ist wieder einmal am „Rechnen".
Beim Regierungsjubiläum des Kaisers haben bürgerliche Blätter u. a. auch lieberblicke über die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft in den letzten 25 Jahren gebracht, und diese haben der roten Agitation gar nicht gefallen; denn es war da der Wahrheit gemäß zu lesen, daß die deutsche Landwirtschaft im Laufe der letztgenannten Jahre ihre Produktion sehr bedeutend vergrößert hat. Das behagte den führenden Genossen nicht; denn ihre Leute dürfen davon nichts wissen, sie müssen glauben, die deutschen Bauern hätten aus dem „Faulbett der Zölle" gelegen und sich durch die Zölle auf Kosten der Konsumenten die Taschen voll Geld stecken lassen, aber zur Ver- besserung der Lebensmittelversorgung hätten sie nichts getan. Drum setzte sich nun ein besonders gelehrt kein wollender Genosse hin und „rechnete". Und er brachte heraus, daß in den Freihandelsländern die Viehhaltung gestiegen, in Deutschland aber gefallen sei. Und daran seien die deutschen Schutzzölle schuld (vgl. den Artikel im „Vorwärts" 1913, 175 und andern sozialdemokratischen Blättern: „Ein Schlag gegen die deutsche Agrarpolitik").
Aber wie brachte der Mann das heraus? Er stellt der deutschen Viehziffer von 1907 bis 1912 ganz andere Perioden der Freihandelsländer gegenüber. So bei den Niederlanden z. B. die Entwicklung von 1904 bis 1910; bei Dänemark die von 1903 bis 1909 und bei Großbritannien von 1906 bis 1911. Das ist eine Schtvindelmethode. Tas ist ungefähr so, tote wenn man die Wirkung des Freihandels und Schutzzolles auf die Fleischpreise nach folgender Methode berechnen wollte: Man nimmt die Fleischpreise Deutschlands im ersten Vierteljahr des laufenden Jahres, sie sind in dieser Zeit gesunken: diesen stellt man gegenüber die Preissteigerungen der Freihandelsländer in verschiedenen Monaten der Jahre 1911 und 1912 — und man hätte „bewiesen", daß im Schutzzolland die Fleischpreise sallen, in den Freihandelsländern gestiegen sind. Also! Natürlich wäre das Unsinn.
Die gleiche Schwindelmethode wendet nun die sozialdemokratische Presse hinsichtlich der Vieheni- wicklung an Es kommt dabei ganz darauf an, welche Jahresgruppen ich nehme. Wenn ich die deutschen Ziffern zu einer gleichen Periode nehme tote die Dänemarks und Hollands, dann kommt auch eine Zun ahme heraus, und zwar keine kleine. Von 1907 auf 1912 stieg in Deutschland die Zahl des Rindviehs von 19 331568 Stück auf 20158 738 also um 827170 Stück, die Zahl der Schweine von 18 920 660 auf 21 885 073, also um 2 Millionen und 964 000 Stück. (Die Schafe haben, tote auch im Frethandelsland Dänemark abgenommen infolge Rückganges der Wollschafzucht.) Das Geheimnis liegt darin, daß bis 1907/08 die Zahl des Viehstandes in Deutschland sehr stark gestiegen, seither infolge von Mißernten und Seuchen jedoch zurückgegangen ist, aber noch immer auf einen Stand von über 1904 sich erhebt. Je nachdem man rechnet, hat man dann das billige Vergnügen, entweder über Zunahme sich freuen oder über Abnahme jammern zu können. Wie's eben trefft! Man braucht dann nur die Perioden des Auslandes herauszusuchen, die eine gegenteilige Entwicklung zeigen. Und man kann auf diese
famose Weise beliebig „beweisen" — was man nur eben will.
Wie sehr sich mit statistischen Ziffern Unfug treiben läßt, zeigt gerade der Vergleich der roten Blätter zwischen der britischen Zahlenreihe von 1906 bis 1911 und der deutschen von!907 bis 1912. Es scheint bloß ein Jahr Unterschied in der Anfangs- und Endziffer. Was ist ein Jahr! Und doch kann es eine gewaltige Verschiebung des Bildes geben. Die deutsche Zäblnng vom Dezember 1912 fiel in die Zeit nach dem Seuchenzug von 1910/11 und dem Futterausfall des „Glutjahres" 1911. Die Folge davon war eben der starke Rückschlag der Biehzahl. Die englische Zählung stammt aus 1911 — fiel also in der Zeit jedenfalls vor der Wirkung des Futter- ausfallS, also in die Zeit, in der der Futtermangel noch nicht zur Viehverschleuderung geführt hatte. Dazu kommt, daß Großbritannien von den schweren Schädigungen, bte die deutsche Viehhaltung trafen, größtenteils verschont blieb. Der Seuchenzug mit seinen vielen Millionenschäden, der die mitteleuropäische Viehzucht zurückschlug, drang infolge der strngen englischen Sperrmaßregeln nicht übers Meer. Auch Hitzejahre vermögen der englischen Viehhaltung wenig anzuhaben infolge des feuchten Jnselkftmas. Hat sich doch auch bei uns 1911 der Unterschied der klimatischen Lage stark gezeigt. In den Gebieten mit Einflüssen des Seeklimas, am untern Niederrhein, in Ostfriesland, Schleswig-Holstein usw- sind die Hitzeschäden lange nicht so scharf ausgetreten als in den mehr im Inlands gelegenen, Bauerngsgenden.
Und was soll denn nun mit jenem statistischen Unfug „bewiesen" sein? Etwa daß die englische Lebensmittelversorgung besser und billiger gesichert sei tote die unsere? Die roten Herrschaften wissen ganz genau, daß das nicht der Fall ist. Ihnen ist ebenso wie andern Leuten Heft 1 des XIX. Bandes der „Berichte über Handel und Industrie, zusammengestellt im Reichsamt des Innern", bekannt. Da lauten gleich die ersten Sätze: „Wie in andern Ländern hat sich auch in Großbritannien während der letzten Jahre im allgemeinen eine Steigerung der Kosten der Lebenshaltung und insbesondere der Preise der Nahrungsmittel fühlbar gemacht- Ts ist dies der Fall, obgleich Großbritannien, das bis jetzt noch am Freihandelssystem festgehalten hat und abgesehen von beschränkten Ausnahmen die große Masse der Nahrungsmittel zollfrei zuläßt, die Zufuhren der ganzen Welt offen stehen, und in der Tat auch auf diese ganz überwiegend angewiesen ist." Und ans S. 7 des gleichen Berichts wird der Streik der Kohlenbergleute und der Hafenarbeiter 1912 eben auf diese Teuerung zurückgMhrt. „Die Arbeiter glaubten, mit ihrem Einkommen gegenüber der Verteuerung der Lebenshaltung zurückgeblieben zu fein und traten infolgedessen mit Forderungen hrevor, die zu schweren Störungen des Verkehrslebens führten." Wenn die Herrschaften in dem genannten Bericht toeiterblättern wollen, werden sie auch finden, daß in Dänemark und Holland usw. nicht minder temperamentvolle Parlamertts- debatten über die Teuerung stattgefunden haben als bei uns. Und wenn sie gar Heft 6 (1913) der „Zeitschrift für Sozialwissenschaft" in die Hand nehmen, werden sie sehen, daß selbst im vielgelobten Argentinien, das als Getreide- und Fleischkammer der Zukunft gilt, über eine „enorme" Teuerung geklagt wird, und daß dortige Schwarzseher schon jetzt die Zeit kommen sehen, wo es unmöglich wird, „den eigenen Konsum des Landes zu decken" (NB- in Argentinien!), was wieder zu einer Fleischteuerung führen würde, der gegenüber die in Europa das „reinste Kinderspiel wäre"!.
Wem wollen denn die roten Blätter mit ihren kindlichen Ziffernspielereien nützen? Der konsumierenden Bevölkerung ganz sicher nicht! Damit, daß sie Scheinmanöver aufführen, die in ihrer lächerlichen
Plumpheit nur gar zu leicht zu durchschauen sind, nützen sie in Wahrheit nur denen, die bestrebt sind, das ganze „Teuerungsgeschrei" nur für „Rummel und „Hetze" auszugeben!
Deutsches Reich.
*♦ Berlin, 1. Aug. 1913. Schon durch den vorigen Kriegsminister war die Errichtung eines Preß- Bureaus im Krtegsmtntstertum eingeleitet worden. Unter seinem Nachfolger gelangt sie nun zur, Durchführung. Zu diesem Zwecke wird im nächstjährigen Militär-Etat die Stelle eines besonderen Referenten angesordert werden.
)( Der Gesamtertrag der Wertzuwachssteuer. Die Erhebung bei Reichsanteils der Grundstückswertzuwachssteuer fällt bekanntlich nach dem Gesetze über Aenderungen im Finanzwesen vom 3. Juli d. I. weg. Die Steuer kommt also in Zukunft nur noch für die Gemeinden in Frage. Die Zuwachssteuer hat in den 27 Monaten ihres Bestehens für die Reichskaffe einen Ertrag von nahezu 38 Millionen Mark, insgesamt also, da nach § 58 des Zuwachssteuergesetzes die Bundesstaaten für die Verwaltung und Erhebung der Steuer 10 v. H. des Ertrages erhalten und den Gemeinden 40 v. H- des Ertrages zufließen, Erträge in Höhe von rund 76 Millionen Mark gebracht.
* Deutschland und die Ausstellung in Sau Franzisko, lieber die Beteiligung Deutschlands an der Ausstellung in San Franzisko ist in letzter Zeit heftig gestritten worden. Wie jetzt amtlich bekanntgegeben wird, ift über diese Frage eine enbgiltige Entschei« bung noch nicht getroffen worben. Englanb hat vor wenigen Tagen eine solche Beteiligung abgelehnt. Auch auf deutscher Seite mehren sich die Stimmen, die von einer Beteiligung nichts wissen wollen. Einmal wird dafür bte allgemeine Ausstellungsmüdigkeit angeführt, sodann wirb auch auf bie Zollschikanen hingewiesen, bie bte deutsche Industrie in den Vereinigten Staaten erfährt.
+ Sonntagsruhe. Im Reichstag ist mehrfach ber Wunsch ausgesprochen worden, die Schutzvorschriften, die die Reichsgesetzgebung in ber Gewerbe« orbnung unb im Handelsgesetzbuch hinsichtlich der Handelsangestellten indezug auf Sonntagsruhe, Arbeitszeit, Kündigungsfristen u. s. w. enthält, auch auf ärmere Klaffen von Angestellten auszudehnen, wie z. B. auf die Gehilfen der Rechtsanwälte, Notare unb Gerichtsvollzieher, bie Angestellten von Versicherungsgesellschaften, Vereinen, Auskunfteien u.f.ro. Diesem Wunsche wirb wenigstens teilweise Rechnung getragen werben. Der vom Bundesrat bereits verabschiedete Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, ber betn Reichstag bei seinem Zu« sämmentritt vorliegen wirb, sieht vor, daß die Vorschriften des Gesetzes auch auf die Geschäftsbetriebe, der Versicherungsunternehmer, einschließlich der Vereine zur Versicherung auf Gegenseitigkeit, ber Versicherungsagenten und Makler, ber; Annoncenexpebitionen, bet Stellenvermittler/ ber Auskunfteien, ber Sparkassen, Kon« sumvereine unb anderer Vereine, die nach Art des Handelsgewerbes ihre Geschäfte betreiben, Anwendung finden sollen. Da es sich bet diesen Gewerbebetrieben nicht um offene Verkaufsstellen handelt, so kommt als Höchstgrenze für die Sonntagsardeit eine Zeit von zwei Stunden in Betracht, deren Lage von den zuständigen Behörden geregelt wird. Wenn der Kreis bet Gewerbebetrieb«, auf den sich die Bestimmungen des Gesetzes übet bie Sonntagsruhe im Handetsgewerbe erstrecken sollen, enger gezogen ist, als et oo n Reichstag oorgeschlagen würbe, so hat bies feinen Grttnb bann, baß für einzelne Gruppen von Angestellten eine bessere Regelung in Aussicht genommen ist. So wirb beispielsweise vorn Reichsjustiz, amt für bie Angestellten ber Rechtsanwält
Das Münchner KinöL
56] Roman von Felix Nabor.
Um die junge, blasse, stille Frau Annie kümmerte stch niemand; sie hatte ja nach der Meinung Hardhs kein Verständnis -für die Größe und den Ruhm des Hauses.
Manchmal, wenn das Haus tote ausgestorben lag fürchtete sie sich wie vor einem Grabe und flüchtete hinaus in das Grüne des Zoologischen Gartens. Dort atmete sie freier, dort schien die Sonne, dort waren Menschen! Ihr Weh linderte sich, und sie dachte an den Ta«, an dem sie das Haus der San- dows verlassen ftmnte, um einen stillen Winkel der Welt aufzusuchen, wo sie ihr herbes Geschick und ihr zertrümmertes Äben verbergen konnte.
In solcher Stimmung traf sie Tante Bettvs Bries. Sie erschrak, und eine neue Sorge trat in ihr Leben. Aber an ihrem Unglück gemessen, erschien ihr diese Sorge um ihren Vater klein wie ein Schneckenhaus gegen einen Berg. Gleichwohl schrieb sie, ihrer kindlichen Pflichten eingedenk, einen zärtlichen Brief an ihren Vater und stellte ihm ihren baldigen Besuch in Aussicht.
Daß sie sich von ihrem Gatten trennen werde, wagte sie nicht zu schreiben; das mußte von Mund zu Mund geredet werden. Sie drückte statt des Siegels einen Kuß auf den Brief und sagte: „Ich komme bald, mein Herzenspapa — und für immer!"
* XVI.
So oft es nur anglng, verließ Annie das ihr verhaßte Palais, das ihr wie ein goldener Kerker erschien; niemand vermißte sie, da alle mit Hardv und mit der bevorstehenden Entscheidung des Preisgerichtes vollauf beschäftigt waren.
Sie durchwanderte den Tiergarten kreuz und quer, dachte dabei an die Jsarauen und den Englischen Garten in München und überließ sich einem träumenden, schmerzlichen Heimweh.
Mehrmals war sie bis nach Bellevue hinausgewandert und kehrte erst beim Anbruch ber Dämme- ntna in die Villa rurück. D-bei batte sie die unan
genehme Empfindung, als folge ihr jemand — unb als sie dann von ihren Fenstern aus auf die Straße hinabschante, gewahrte sie, im tiefsten Schatten verborgen, einen Mann, ber immerfort zur Villa herüberstarrte.
Sie eschrak. Was war das nur? Wurde sie beobachtet? Oder hatte sie einen Feind?
Einige Tage setzte sie ihre Spaziergänge aus, dann aber litt sie cs nicht mehr in der Villa; sie sehnte sich nach frischer Lust und Freiheit und wagte sich wieder in den Tiergarten. Vielleicht hatte sie sich getäuscht und sich in ihrem nervösen Zustand eine Gefahr eingebildet, wo überhaupt keine vorhanden war.
Bälder als sonst machte sie sich auf den Weg; zeitiger als früher trat sie den Heimweg an. Als sie durch die Hofjäger-Allee ging, hörte sie Schritte hinter sich — der Verfolger war also wieder da! Einen Augenblick war sie ratlos; bann aber machte sie, rasch entschlossen. Kehrt unb ging dem Unbekannten entgegen. Es war noch heller Tag unb morden konnte man sie wohl doch nicht.
Nach dreißig Schritten stand sie vor dem Manne, in dem sie einen Feind vermutet hatte. Ein freudiges Leuchten ging über ihr Gesicht, und sie streckte ihm beide Hände entgegen:
„Ja — Puck — bist Du es wirklich? — Du bist in Berlin? — Gott, ich traue meinen Augen kaum!"
Es war wirklich Puck, in tadellosem Anzug, den hellgrauen Filz auf dem Kopfe, mit lachenden Augen. Grüßend schwang er den Hut und erfaßte dann Annies Hände- „Ja freilich bin ich's, Frau Baronin —"
Annie lachte hell — zum erstenmal seit langer Zeit. „Frau Baronin? — Warum net gar! — Für Dich bin ich bie Annie, das Münchner Kindl!" —
„Alsdann um so besser! Und grüß Gott! Grüß Gott!"
Ach, wie der Münchner Dialekt so lieb und warm klang! Wie schön das war, in dem großen Berlin einen lieben Menschen, einen Jugendfreund zu treffen! Das war ein Stück Heimat!
„Komm' mit mir", sagt sie, „dort ist die Villa Sandow. Wir wollen zusammen plaudern, und Tu sollst mir recht viel von unfer’m lieben München erzählen."
Puck schüttelte den Kopf „Ich kenne die Villa", sagte er; „aber dorthin paffe ich nicht! Das ist mir alles zu vornehm — zu kalt!"
Er hatte mit zwei Worten das richtige getroffen unb das ausgesprochen, was sie selber empfand. „Wie Du willst", sagte sie. „Dann aber wollen wir wenigstens eine halbe Stunde im Tiergarten promenieren, wenn es Dir angenehm ist."
„Cb es mir angenehm ist?" rief er. „Ich warte ja feit Wochen auf eine Gelegenheit, um ein paar Worte mit Dir reden zu können!"
Sie hob schelmisch drohend den Finger. „So bist also Du ber geheimnisvolle Verfolger? — Ich habe heillos Angst vor Dir gehabt!"
„Das tut mir wahrlich leid. Da ich nun doch einmal in Berlin war, wollte ich wenigstens den Versuch machen, Dich zu sehen. So ohne weiteres Dir ins Haus fallen, das wollte ich nicht. Da ging ich abends hier auf und ab, in der Hoffnung, Dich durch Znsell einmal zu treffen —"
„Du hättest mir doch ein paar Zeilen schreiben können."
„Nein, nein! Wenn Dein Gemahl den Bries geöffnet hätte, so würde er am Ende Schlimmes gedacht haben!"
„Hardv von Sandow öffnet meine Briefe nichr", sagte sie hart und kalt.
Es lag etwas im Klang dieser Worte, was ihn aufhorchen ließ; es klang wie eine zersprungene Glocke Er betrachtete die junge Frau genauer und sah, wie blaß ihre Wangen, wie verärgert ihre Züge waren. Auch die zwei Sorgenlinien um den Mund hatte sie früher nicht gehabt.
Ihm zitterte das Herz vor Angst, und mit bebender Stimme rief er: „Annie--sage mir: bist
Du glücklich?"
Sie zuckte zusammen bei dieser Frage, als hätte jemand mit dem Finger auf eine geheime Wunde gedrückt; sie wich seinem Blicke aus. „Glücklich", sagte
sie leise, „dos ist ein so großes, inhaltschweres Wort! — Wer ist überhaupt vollkommen glücklich? — Keiner:"
Da schwiegen sie beide und gingen stumm nebeneinander. Puck ahnte, wie es um sie stand und daß sie unglücklich war. Seine Liebe brach bei ihrem Anblick wie eine Flamme aus seiner Brust hervor. Er hätte diese Frau, die er anbetete, in seine Arme reißen und ihr sagen mögen: ,„Komm' an mein Herz! Meine Liebe soll dich über alle Sorgen hinwegtragen. Tu sollst glücklich sein an meiner Seite." Aber er durste ja nicht reden, well sie eines andern Weib war.
Anni brach zuerst das Schweigen. „Aber nun sag' mir", sprach sie, „wie kommst Du nach Berlin? Tu hängst doch mit Leib und Seele an München, und ich hätte nie geglaubt, daß Du es verlassen würdest."
Puck wurde verlegen. „Ja, siehst Du", erwiderte er, „das ift eine ganz eigene Sache. Es war ein Zwang, eine innere Notwendigkeit — ich mußte einfach fort!". Er schwieg einen Augenblick und holte tief Atem; er konnte Annie doch nicht verraten, daß er ihretwegen nach Berlin gekommen war. So sagte er denn: „Ich habe erkannt, daß das Münchner Pflaster für mich zu schlüpfrig geworden war. daß das beständige Genußleben mich entnervte, schwach und dekadent machte. Nichts als Hetz' und Gaudi. Bier und Radi, Kalbshaxen und Starkbier — das kann ein Mensch auf die Dauer nicht vertragen, dabei kommt er nicht vorwärts. Es fehlt der Ernst und die Tiefe. Das ewige Hofbräuhaus-Milieu harte ich schließlich auch satt. „Heraus aus dem Biersumpf:" hab' ich mir gesagt. Zieh' den alten Adam aus und werde ein neuer Mensch! Werde ein Mann! ^ch wollte nicht mehr der arme Narr sein, über den uch alle lustig machten, sondern wollte höher streben, alle Käste einsetzen, ein Ziel erreichen. Da gab ich mir einen Ruck nach oben und lief in die Welt. — Ging nach Berlin — ein großes Kücken, das mit sechsundzwanzig Jahren endlich flügge geworden ist."
„So besuchst Du also in Berlin die Akademie?^ (Fortsetzung folgt.)