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Fuldaer Zeitung

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40. Zahrgang.

Freitag den j. August 1913

Crstes Blatt.

fir. 176.

X Die Lage der Katholiken

in Deutschland und Preußen.

Unter dieser wichtigen Überschrift finden wir in der liberalen Presse einen Artikel, der nachträglich Aeußeruugen von Zentrumsblättern zum Kaiserjubi­läum „auszuschlachten" versucht. Angeblich hat Prof. Moldenhauer-Köln in den „Natl. Blättern" den Anstoß zu diesem Trugschluß gegeben.

Es ist derselbe Trugschluß, der auch schon an die Worte des hl. Vaters geknüpft worden ist. Als Leo XIII- s Zt. dem Kaiser gegenüber seine Freude und Dankbarkeit ausdrückte über die Besserung der kirchenpolitischen Verhältnisse in Deutschland, da rie­fen die Kulturkämpfer: „Seht ihr, der Katholizis- nms hat in Deutschland und Preußen alles erreicht, was er nur wünschen kann; das Zentrum treibt un­begründete Ruhestörung I" Ebenso lautet jetzt das Echo von dem Rückblick auf das Vierteljahrhundert der Regierung Wilhelm's II. Wenn Zentrumsblätter zur Jubelfeier anerkennen, was sich gebessert hat, so antwortet man uns: „Also habt ihr es eingestan- denermaßen gut und dürft keine Wünsche und Kla­gen mehr Vorbringen!"

Der Trugschluß spielt mit der zweifachen Bedeu­tung des Wörtchens „b e f f e r". Das kann heißen mehr als gut; es kann aber auch heißen weni­gerschlecht.

Ein braver Arbeiter, der nur mit Mühe und Not den Lebensunterhall für seine Familie zusammen­bringt, sagt z. B. zu seiner Frau und seinen Kindern: „Ihr müßt nicht verzagen, sondern immer bedenken, daß es uns in früheren kritischen Zellen schon manch­mal schlechter ergangen ist, und daß es auch heutzu­tage noch Familien gibt, die noch viel mehr unter kar­gem Lohn und Feierschichten zu leiden haben". Der Herr Betriebsdirektor hört das zufällig und macht schleunigst die Nutzanwendung: „Unfern Leuten geht es. eingestandenermaßen gut, zu gut; ich will von An­trägen auf Verbesserung der Arbeitsverhältnisse gar nichts mehr hören; die Leute können froh sein, wenn ich nicht die Löhne herabsetze."

Wer solche Logik anwendet, der geht von dem Grundsätze aus, daß für die fraglichen Leute das fchlechteste gerade gut genug fei. Müssen denn aber die Katboliken in Deutschland es ebenso schlecht haben, wie ihre Glaubensgenossen in Frankreich und anderen „aufgeklärten" Ländern der Glaubeusverfol» gung? Und wenn die Gewalttaten des allen groben Kulturkampfes zum größten Teil aufgehört haben, find dann unsere wohlbegründeten Forderun­gen nach Freiheit und Gleichberechtigung bereits er­füllt? Das zurückgesetzte Kind kann doch noch etwas mehr verlangen als das bloße Aufhören der Verprü- gelitng: es will mit Recht feinen Platz an der Hans- fonnc, die gleichberechtigte Stellung unter den Ge­schwistern.

In Oer Zentrumspresse ist denn auch allgemein betont worden, daß mancher von unseren Wünschen noch unerfüllt geblieben ist, vom Berfol- gungsgesetz gegen die Jesuiten nur der § 2 gefallen ist, während der § 1 noch fortbesteht und so­gar aufgefrischt worden ist. Und trotzdem sol­len wir uns für ganz befriedigt und gesättigt erklärt haben? Die liberalen Herren, die das behaupten wollen, müßten doch zu allererst einmal die alten Schandflecke ans der Gesetzgebung beseitigen.

Wenn die Gesetzgebung gereinigt wäre, so blieben immer noch Klagen und Wünsche in Ueberfluß bezüg­lich der Verwaltung. Daß da die Katholiken überall gleiches Recht und gleiches Wohlwollen ge­nössen, hat noch kein Freund zugegeben und kein Geg­ner ehrlich behaupten können.

Und wenn wir die wirkliche Parität im staatlichen und kommunalen Wesen erreicht haben werden, dann müssen wir noch weiter ringen und streben, um auch in wirtschaftlicher und sozialer Beziehung auf allen Gebieten des

Das Münchner Kindl

56] Roman von Felix Nabor.

Auch die Fürstin erkannte dieses und war stolz darauf, ihn ihren Freund zu nennen und gewisser­maßen zu seinem Werke inspiriert zu haben. Sie drückte ihm freubig die Hände. „Dieses Werk ist so kühn und großartig, so schön und erhaben, daß es Ihren Ruhm in der ganzen Well verkünden wird. Man wird Ihnen den Kranz der Unsterblichkeit reichen!"

„Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden," jubelte Hardv, „weil mein Werk in der Sonne Ihrer Gunst so herrlich gelungen ist — und weil Sie :s verstehen und rühmen. Und nun hören Sie, wie ich mir den Bau im Geiste aufstellte. Bei aller Ver­schlingung der architektonischen Linien dieses Baues habe ich doch die Grundidee festgehalten: den Zweck, dem dieses Hans dienen soll. Es soll ein Tempel der Kunst sein und mußte dementsprechend auch ein künst­lerisches Gesicht erhalten. Tenn nicht allein die Linien- und Maffenverbältnisse bestimmen den Bau, sondern auch seine Phvsiognomie. Ich habe ihm eine Seele eingehaucht, daß er lebt. Ich habe einen Stil geschaffen, der romanische Kunst und Geschick an Kraft und Schönheit übertrifft: einen echt deutschen Stil. Dieser Bau ist das Antlitz des deutschen Volkes, sein Gesicht und seine Seele sprechen aus ihm. Wird aber die Welt dieses erkennen und verstehen?"

„Ich hoffe es; denn Sie haben diesem toten Leib eine Seele eingehaucht, die aus ihm spricht. Er atmet Kraft und Größe, er trägt das Siegel der Unsterb­lichkeit an seiner Stirne. Antike Kunst und moderner Geist sind hier in reiner Harmonie miteinander ver­schmolzen In seiner trotzigen Kraft, in der stolzen Schönheit der Architektur und dem Adel der himmel­anstrebenden Formen erinnert dies Werk an den größten Baumeister aller Zeiten — an Michelangelo!"

Hardy küßte chr galant die Hand und rief be­geistert: „Die Sie mich verstehen, Fürstin! Sie lesen 'in meiner Seele wie in einem aufgeschlagenen Buche. Ja — ich bekenne es unumwunden: Michelangelo

Kulturlebens den katholischen Volksteil auf die gebührende Höhe zu bringen.

Also Arbeit genug und übergenug, mithin eben­so viel dringender Anlaß zum festen Zusam­menhalten und zur zielbewußten Tatkraft.

Wenn wir dabei nicht mit der Auspeitschung zur Unzufriedenheit arbeiten, wie z. B. die Sozialdemo­kratie, sondern jede Milderung und jeden Fortschritt gern anerkennen, so müßten darüber allen ehrlichen Freunde des Friedens sich freuen und nicht mit Trugschlüssen vorgehen, die zur Verdeckung der fort- bestehenden Ungerechtigkeiten bienen sollen.

Deutsches Reich.

*. Berlin, 31. Juli 1913. Wie die .Juristischen Tagesfragen" mitteilen, ro rb der nächste Reichsetat eine Vermehrung der Reichsgerichtsrats st eilen um drei beantragen.

♦ Bei der Einweihung des Fiidihosstandbildes in Balestrandam Donnerstag hielt der deutsche Kaiser eine Ansprache an König Haakon, in der er sagte:

Um Ruhe und Erholung von schwerer, veranf- worlungsreicher Arbeit zu finden, wandle ich mein Schiff nach Norden. Mil echter all-germanischer Gastlichkeii nahm mich das norwegische Volk auf, so daß meine Reisen ihren Zweck vollkommen erfüllen konnten. Es drängt mich, meiner warmen Dankbarkeit dafür ein sichtbares Zeichen zu verleiden. . . . Aber nicht nur ein Zeichen meines Dankes allein soll dieser ragende Bau sein! Nein, eine größere, allgemeinere Bedeutung kommt ihm zu. Er soll ein Wahrzeichen für Skandinavier, Deutsche, Angel­sachsen und alle diejenigen Stämme sein, die mit Stolz sich zu der gewalt gen Gruppe der indogermanischen Völker zählen! Er soll alle Jndogermanen daran erinnern, daß sie eines Stammes, eines Blutes sind, daß ihnen durch Gottes Gnade vergönnt gewesen ift, in der Vergangen­heit Großes für die Entwickelung der Welt und ihrer Kultur zu leisten, und daß sie treu und fest zusammen­halten sollen, um auch m Zukunft die großen Auf­gaben, die Golt ihnen stellen wird, «in S.gen der ganzen Menschhei. gemeinsam zu lösen.

König Haakon betonte in seinem Dank: Kaiser Wilhelm sei bet Freunb Norwegens. Das Iaht bes kaiserlichen Regierungsjubiläums gestattete einen Rück­blick auf eine lange Reihe von Friedensjahren. Ritt bem Wunsche, bem Kaiser möchten noch recht süebliche Regierungsjahre zum Segen Deutschlanbs beschieben sein, ließ bet König feine Rebe in ein Hurra für Kaiser Wilhelm ausklingen.

4- Abg. Dompropst Dr. Franz Dittrich feiert am 2. August sein goldenes Priester-Jubiläum. Die geistige und politische Bedeutung Dr. Dittrichs lassen das gesamte katholische deutsche Volk an dieser Feier innigen Anteil nehmen, denn der Jubilar hat sich weit über die Kreise seiner engeren Heimat hinaus tiefwurzelnde Sympathien erworben. Als Abgeord­neter für den Wahlkreis Braunsberg-Heilsberg im Abgeordnetenhause (seit 1893) entfaltete er eine aus­gedehnte politische Tätigkeit und ist Mitglied des Vor­standes der Zentrumsfraktion, als deren Sprecher er namentlich in Kirchen- und Schulfragen auftritt. Bei den Landtagswahlen von 1913 wählte ihn fein Heimatwahlkreis zum fünftenmale in das Abgeord­netenhaus. Dr. Dittrich erfreut sich noch einer stau­nenswerten körperlichen und geistigen Frische, sodaß wir mit Recht hoffen dürfen, ihn noch lange zu un­seren Führern zählen zu können. Wir verehren in Dr. Dittrich einen Menschen von großer Liebens­würdigkeit und reinster Gesinnung, einen edlen Prie­ster, der mit großer Liebe seinem hohen Berufe zu­getan ist und einen tüchtigen Politiker, dem das katho­lische preußische Volk sehr viel verdankt.

+ Vermehrung der Postanstalten auf dem Lande. In btefem Etatsjahre soll eine Vermehrung der Post­anstalten auf bem Laube um etwa 800 erfolgen. Außerbem ist ben Obeipostdirektionen eine Verfügung zugegangen: es sei bie Einschränkungen in ber Zahl ber täglichen SanbbefteUungen vielfach lebiglich von

ist mein Vorbild gewesen. Sie aber, Durchlaucht, sind mein guter Genius, so tote die schöne und geist­volle Fürstin Vittoria Colonna, die gefeiertste Dich­terin Italiens, Michelangelos Freundin unb Dluse war! Unb nun sollen Sie auch bas letzte Geheimnis erfahren, bamit Sie erkennen, wie groß mein Ver­trauen zu Ihnen gewesen ist. Mein Werk wurzelt im Geiste Michelangelos. Dieser Titan schuf ben Entwurf zu einem imponierenben Monument, einem Mausoleum von großartigster Architektur, das mit vierzig Bildsäulen geschmückt werden sollte. Der ge­waltige „Moses" war darunter. Der Tod des Pap­stes und die Ungunst der Verhältniffe trugen die Schuld, daß das Werk nicht zur Ausführung kam. Aber es wäre ohne allen Zweifel ein Werk geworden, das nicht seinesgleichen gehabt hätte auf Erden. Was davon zustande kam, das habe ich in „San Pietro in Vineoli" tagelang bewundert, und vor dem Torso Michelangelos hat meine Phantasie ein ähnliches Werk, aber von modernem Geiste erfüllt, erfonnen. Seit Jahren trug ich es in mir, schuf und baute daran — und hier ist es nun lebendig geworden! Es ist ein Werk meiner Hände und meines Geistes, von vollkommener Einheit, reiner Harmonie, strenger Kraft und anmutiger Schönheit. Ein neuer Stil! Der Gotik entlehnte ich die Unabhängigkeit, das kühne, schlanke Himmelanstreben und die Konstruk­tion der Bogen und Wölbungen, den Klassikern die regelmäßige, die Formen hervorhebende, aber nicht überdeckende Ornamentik und bie weise Wahl ber Maßverhältnisse. So verschmolz ich Antikes unb Modernes zu einer neuen, monumentalen Kunst unb erfüllte sie mit deutschem Geiste. Und nun denke man sich diesen Bau in edlem Gestein, in Erz und Mak- mor ausgesührt, mitten in des Reiches Hauptstadt emporragend: wird er nicht der Mittelpunkt Ber­lins, feine Krone fein? Ja, noch mehr soll er wer­den: der Mittelpunkt des Reiches, in dem alle Künste und alle Ströme der deutschen Kultur zusammen- sließen. Ein Nationalheiligtum, ein Tempel des Friedens, in dem sich die Edelsten und Besten unseres Volkes zusammenfinden, in bem bie höchsten Gebote ber Menschheit verkündet werden: Wahrheit, Gerech-

ber Einwohnerzahl der zu bestellenden Ortschaften abhängig gemacht worben, ohne baß bie Zahl ber abzntragenben Senbungen bie nötige Berücksichtigung gefunben habe. Durch bie Aushebung von seit vielen Jahren bestehenden zweiten WerltagSbestellunaen sei axr in ne e Kreise der Landbevölkerung große Be- unrutjigung hmeingetragen worden. Den Oberpost- birektionen wird deshalb zur Pflicht gemacht, bei der Aushebung von Landbestell-Emricktungen usw. mit Vorsicht zu verfahren unb um er Umftänben vorher Die beabsichtigte Beschränkung mit maßgebenben Interessenten z' etöriein.

* Der Berliner Priisungsskandal. Wie schon kurz gemeldet, hat die Staatsanwaltschaft in Berlin bei mehreren Rechtsanwälten Haus suchun g en vorgenommen in der Absicht, Beweise für den von ihr gehegten Verdacht unerlaubter Anfertigung v o n Prüfungsarbeiten fiir Referendare, die in der Affefforprüfung stehen, zu finden. Die Staats­anwaltschaft soll derartige Beweise in erheblichem Umfang in die Hand bekommen haben. Für die noch vor der Prüfung stehenden beteiligten Referendare dürste diese Entdeckung die Beendigung ihrer juristi­schen Laufbahn, für die auf Grunb solcher Arbeiten früher zu Assessoren Ernannten oder möglicherweise schon zu Richtern Beförderten oder zur Rechtsan- waltschast Uebergettetenen aber die Einleitung von Disziplinarverfahren mit schweren Folgen nach sich ziehen. Sind doch die Betreffenden von Rechts wegen gar nicht das, was sie scheinen, sondern nur Scheinbeamte, Scheinrechtsanwälte. Ihre Exi­stenz beruht auf dem falsch abgegebenen Ehrenwort, daß sie die von chnen vorgelegten Arbeiten ohne frembe Hilfe angefertigt haben. Denn eine solche Erklärung muß jeher Kandidat unterschreiben. Für bie als Verfasser ber Arbeiten schuldigen Rechtsan­wälte wirb ebenfalls ein Disziplinarverfahren die Folge fein. Man braucht es nicht erst zu sagen, daß die Beteiligten eine schwere Schuld auf sich geladen haben. Denn sie haben an der Korruption des öffent­lichen Wesens mitgearbeitet. Am mfnigften können Juristen, die Hüter des bestehenden Rechts, in diesem Punkte eine milde Beurteilung verlangen.

* Beschämende Begleiterscheinungen des 12. deut­schen Turnfestes Zu ben hier andeutungsweise wieder- gegebenen Auslassungen des Berliner „Reichsboten" über bas sittliche Verhalten von Turnern bei Ge­legenheit bes Leipziger Turnfestes wirb uns eine Er­klärung bes Vorsitzenden ber deutschen Turnerschast Geheimrat Dr.Götz zugestellt, in ber es heißt:

Amtliche und fo.iftige Erörterungen haben ergeben, daß unliebsame Störungen überhaupt nicht vorgekommen find. Räudige Schafe hat es wohl auch unter den 70000 Turnern gegeben, — im wesentlichen find aber Ansammlungen vor einigen mitten in der Stadt zwischen Verlehrsfiraben gelegenen berüchtigten Häusern dadurch veranlaßt worden, daß vor den Häusern sich sogenannte „Nachimisfionare" und christliche Studenten ausgestellt hatten und Zettel verteilten, wodurch die Turner erst aus die berüchtigten Häuser ausmeiksam gemacht wurden. Dadurch ist ei auch zu Verhöhnungen und allerlei Ulk gekommen. Was den zweiten Artikel des Reichsboten betrifft, so liegt in ihm mehr Absicht als im ersten. Die Behauptung, daß die Turner leider nicht nach Leipzig gekommen seien, um in die Kirche zu gehen, ist einmal kindisch — die Turner sind zum Turnfest gekommen, daß früh um 5 Uhr seinen Anfang nahm — dann aber un­wahr — in der Thomasiirche sind Turner sogar mit der Fahne gewesen. Die weitere Behauptung, bet not­wendigem Halten des Festzuges hätten sich die Turner unanständig betragen und hätten unzüchtiae Reden ge­halten, ist eine Lüge, ebenso die Behauptung, daß aus dem Festplatze unzüchtiges Treiben geherricht habe. Die dem ersten Artikel angehängte Angabe, die Turner feien nach Berlin getobten, um dort Die Bordelle zu besuchen, ist eine Verleumdung des »Reichsboten".

Die Zuschrift bestätigt, daß es in Leipzig nächt- sicher Weile zu peinlichen Austritten gekommen ist, weiter auch, daß die Turner bis auf geringe Aus­nahmen an dem Festsomttag einem Gottesdienst nicht beigewohnt haben. Zu den anbei en für unwahr er­klärten Angaben bat sich ber „Reichsbote" zu äußern.

tigkcit, Siebe, Freude und Friede! Eine neue Grals­burg soll er fein, zu dem die Rftter vom Geist und der Adel des Volkes und des Reiches wallen, um die Kunst in höchster Vollendung zu schauen unb die Segnungen einer neuen, verfeinerten Kultur zu ge­nießen, ivelche das Reich seinen Söhnen und Tröstern verheißt!"

Diese Worte enthiesien nun freilich viel Schwär­merei und viel Phantastisches, schossen unerreichbare Utopien in sich ein, allein der kongenialen Natur der Fürstin gefiel dies eben: diese stolze Tatkraft, ber ideale Höhenflug, dieses Universelle und Himmel­stürmende. Sie legte ihm beide Hände auf die Schul­tern und sagte lächelnd: „Sie sind ein großer Zau­berer! Wie schön ist es, an Ihrer Seite ins Mär­chenland der Kunst hineinzutreten! Ich wollte, ich könnte in dieser Stunde meine Krone mit Ihnen teilen unb sie Ihnen aufs Haupt setzen, denn mir scheint, Sie sind wirklich etn Fürst im Reiche der Kunst!"

Ueberwälttgt von ihrer Güte, beugte er ritterlich das Knie vor ihr und rief tn flammender Begeiste- ung: „Glücklich der Mann, der einer so edlen, hohen Frau dienen darf! Mein Leben, Fürstin, gehört Ihnen, denn Sie verstehen mich wie kein anderer Mensch auf Erden, Ihre Güte ist die Sonne, in der meine Pläne gedeihen, reifen. Erhalten Sie mir auch in Zukunft Ihre Gunst, dann wird mein Leben schön und glücklich sein!"

„Gewiß will ich das", erwiderte sie lächelnd. „Bin ich nicht Ihre Muse, Ihr Genius? Sind wir nicht zwei Himmelsstürmer, die zur Sonne fliegen? Wir gehören zusammen, wie Michelangelo und die Fürfttn Colonna — und darum ist Ihr Platz nicht zu meinen Füßen, sondern an meiner Seite —"

Sie hob ihn lächelnd auf und führte ihn zu dem Diwan, der in einiger Entfernung von der Staffelei ausgestellt war: dort saßen sie Seite an Seite, ganz versunken im Anblick des Werkes, das Hardy ent­worfen hatte, ganz vertieft in ihre himmelstürmen- den Pläne und Träume.

So sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt und mit bem Bilde, daß sie nicht gewahrt hatten, wie sich

)( Die Finanzen der Sozialdemokratie. Nach bem Haupitaffenabfchluß, ber in bem zweiten Teile bes Berichtes bes sozialbemokratischen ParteivorstanbeS veröffentlicht ist, beliefen sich bie Gesamteinnahmen in ber Zeit vom 1. Juli 1912 bis 31. März 1913 auf 1687 276 M. gegen 1971214 M. im Vorjahre, also ein Weniger von rund 300000 M. Der größte Teil biefer Mindereinnahmen, nämlich rund 215 000 Mark, ergibt sich aus ben Beiträgen ber Organi- totionen, bie 674 242 M. betrugen gegen 890797 M. im Vorjahre. Zu biesem Minus in ber Einnahme schreibt der Kaffenbencht selbst:

Die Einnahme an Beiträgen aus den Organisationen ist nicht befriedigend. Sie ist u ter Berücksichtigung der kürzeren Berichtsperiode gegen das Voriahr nur um 0,9 Prozent gestiegen, während die Mitgtiederzahl eine ©lei« oernng um 1,3 Prozent erfuhr, und obgleich eine An­zahl Kreisorganisationen ihren Mitgliederbeitrag erhöht haben.

Da ber Kaffenbestand am Schluffe des Geschäfts­jahres 79118 M höher war als im Vorjahre unb 315048 M. bem Vermögen zugeführt werden konnten, ist em Usberfchuß von 394166 M. erzielt worben. Interessant finb noch die Zahlen für Pres f e nnter­st ützun gen. Der Zuschuß für inlänbifdje Blätter betrug ungefähr 72800 M., für ausländische 15 000 Mark. Von ben inländischen Zeitungen wurden hauptsächlich unterstützt die polnische ,Gazeta Robot- meja' in Kattowitz mit 8200 M., bas ,Neumärkische Vollsblattt in Landsberg a. b. W. mit 800 M., bie ,Mühlhauscr Volkszeitung' im Elsaß mit 9700 M., Die .Königsberger Volkszeitung^ unb bie ,Volkswachtt in Freiburg mit 6000 M., bie ,Volkstribüne' in Kre­feld mit 4500 M. unb bie ,Voltswachtt in Danzig mit 4200 M.

— Ein brüderlicher Zwist

zwischen Rot und Rosarot hat in Nürnberg ganz liebliche Formen angenommen. Dort stehen im näch­sten Jahre die Gemcindewahlen bevor und mit diesen vorc-usfichtlich das Ende der bisherigen greift n n i- gen Mehrheit im Nürnberger Rathause, bereit Erbe die Sozialdemokraten antreten dürsten. Zu­gleich gedenkt auch der bejahrte Oberbürgermeister der Stadt, T". Schuh, in den Ruhestand zu irrten. Die Roten wünschen natürlich, daß dies erst nach den Nkninoblen 1914 geschehe, um dann einen der Ihrigen durchz-rbiirgen, während die Freisinnigen ein Interesse daran haben, daß die Oberbürgermeister- Wahl noch von der jetzigen freisinnigen Mehrheit vor- geuvmmeu wird. Anscheinend dachte Dr. 'on Schuh — er ist soeben beim Besuch des Prinzreaenten in Nürnberg geadelt worden — nicht an einen Rücktritt in allernächster Zeit. Da suchte der liberale „Fränk. Kurier" die Sache ein bischen zu beschleus rügen, indem er plötzlich die Nachricht in die Welt setzte, daß der Oberbürgermeister schon am 1. Oktober in den Ruhestand treten werde. Letzterer erklärte am 22. Juli im Magistrat, daß diese Nachricht nicht von chrn ausgegangen sei, er habe Wohl die Absicht, „in nicht ferner Zett" zurückzutreten, über den Zeit­punkt sei er aber noch nicht schlüssig. Da ging der Tanz los. Die rote „Fränk. Tagespost" be­hauptete, der „Fränk. Kurier" sei hier „wieder der politische Ausbruch einer kleinen Klicke, die sich gerne als freisinnige Nebenregierung Nürnbergs fühlt", spricht von einer „infamen Politik", von „schmutzigen Interessen", „Hintertreppen­politik" und bergt Das Echo in der liberalen Presse blieb natürlich nicht aus.

Eigentümlich ist nun, daß beide Zeitungen, der liberale „Fränk. Kur." mft seiner erdichteten Mel­dung, und die rote „Tagespost" mit ihrer würzigen — allerdings nicht brüderlichen — Sprache, von ihren Parteivertretern im Magistrat abgeschüttelt wurden. Das ist aber erklärlich: Die Roten bedür­fen auch nach den Wahlen der Unterstützung der Liberalen, den Liberalen aber hat der „Frank. Kurier" anscheinend zu früh losgeschoren, noch be­vor ihre „Erkundigungen unter der Hand", ober tote

während dieser Huldtgungsszene die Tür geräuschlos öffnete. _

Annie erschien im Rahmen der Tür, ben Lorbeer in Händen, Hardys Werk damit zu krönen.

Bei dem Anblick, der sich ihr bot, erblaßte sie und stand wie zu Stein erstarrt. Voll Entsetzen blickte sie auf die beiden, denn sie glaubte nicht an­ders, als daß diese Szene eine leidenschaftliche Lie­beserklärung bedeute. Worte vernahm sie nicht, denn es war ein dumpfes Summen in ihrem Kopfe und in ihren Ohren — sie sah nur Gestalten, die sich einander zuneigten. Die Kehle war ihr wie zuge­schnürt, und sie war unfähig, einen Laut hervorzu­bringen. Ein Zittern lief über ihren Körper — eine Welt ging um sie her in Trümmer. Leise schloß sie die Tür, der Kranz entglitt ihren Fingern, unb einer wandelnden Leiche gleich schwankte sie hinauf in ihre Gemächer. Sie hatte gerade noch Zeit, sich in ihre Münchner Stuben einzuschlietzen — bann trug eine tiefe Ohnmacht sie mitleidig hinweg über alle Bitter­nis und allen Jammer des Lebens.

Als Annies Bewußtsein wieder zurückkehrte, em­pfand sie einen so rasenden Schmerz in ihrer Brust, daß sie glaubte, sterben zu müssen. Alles tn ihr bäumte sich am gegen diesen Betrug: sie war im innersten empört, daß ihre Liebe zertreten worden war wie eine schöne, reine Blume. Allmählich ließ der Schmerz nach und wich einer Dumpfen Betäu­bung Alles an ihr schien tot; ihr Herz schien auf- gehört haben zu schlagen: still und kalt lag e§ tn seiner dunklen Kammer, wie in einem Grabe. Wie ein Marmorbild schritt sie durch das Haus:, stumm, starr und kalt Kein Wort der Klage kam über ihre Lippen, und niemand abnte das Geheimnis, da» fte mit sich herumtrug. Sie glaubte, daß tn diesem Hause kein Platz mehr für sie sei und sann darüber nach, auf welche Weise sie sich am besten von ihm lösen konnte, ohne einen Skandal herauf zubefchwo- ren Sollte sie den Fürsten von dem Vorgefallenen benachrichtigen? Nein, eine derartige Denunziation erschien ihr niedrig und gemein; überdies fürchtete sie den Fürsten und traute seiner wilden, leidenschaft­lichen Statur das Schlimmste zu. Eine Zeitlang