»' \ * *2. Blau.
■ ®ru<? ber^ulbcet Xctiei6ni<rereiAt Selbe.
*$» Fuldaer Leitung.
M 175. _
Mittwoch 5L Juli (915.
" £o!ale$.>
. , ;V* Stilba, Sl^Sttli 1913.
J* $etfonalien. < $)en Aerzten Dr. Köhler in Kassel, Dr. Neubürger, Dr. Großmann, Dr. Skriba 1 mtb Dr. Oppenheimer in Frankfurt und Dr. Schaub in Oberkausungen, wurde der Charakter als Sanitäts. rat verliehen.
A * Verliehen wurde dem Landgerichtssekretär iat?D., Rechnungsrat Müller zu Frankfurt a. M. der Rote Adlerorten vierter Klaffe, dem Gerichts, diener a. D. Thiel zu Frankfurt a. M. das Ver- dienstkreuz in Silber, dem Eisenbahnwagenmeister Kunkel, dem Eisenbahnweichensteller Daus zu Hanau, dem Eisenbahnrangierführer Zell mann z« Gelnhausen, dem Bahnwärter Stock zu Wirt, heim im Kreise Gelnhausen und dem BahnhofSwärter Schaumburg zu Gelnhausen das Allgemeine Ehrenzeichen.
<£?(*) Eine Stadtverorduetensitzung findet am M o n. *<!9, den 4. August, abends Uhr, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Ordnung zum Schutze gegen Verunstaltung und über die Bauweise in verschiedenen Stadtteilen (1. B.-E. Adam, 2. B.-E. Kircher). 2. Beschickung der Hauptversammlung des Spar« 'kaffenverdandes (Singer). 3. Herstellung eines Teiles bet, Schloßgartenmauer zwischen dem Orangerie- Zebäude und der Schmitt'schen Besitzung (Wehner). 4. Nachbewilligung von Kosten für Herstellung des Fußbodenplattenbelags im Weißen Saal der Oran« .gerie (Adam). 5. Beschaffung eines Rettungssackes -für die Feuerwehr (Simmet). 6. Einrichtung der ^elektrischen Beleuchtung und der Wäscheeinrichtung mit elektrischem Betrieb im Hl. Geisthospital (Weber). 7. Vermehrung der Mitglieder des Kaufmannsgerichts durch einen 2. Stellvertreter des Vorsitzenden (Wohl- gemuch). 8. Bereitstellung von Mitteln für einen anzunehmenden Techniker (Mahr). 9. Uebernahme von Grundstücksvarzellen in städtisches Eigentum und Löschung einer Belastung (Wehner). In gehet rner Sitzung: 10. Führung eines Rechtsstreites wegen Grenzstreitigkeiten (Kircher). 11. Uebernahme einer Kanalisationshypothek auf die Stadtkaffe (Keil).
M = Auszeichnung. Der hiesigen Firma Wachs, induttrie Adam Gies wurde auf der Bienenzucht, ausstellung in Hanau die höchste Auszeichnung (große silberne Medaille) verliehen. Die Ausstellung zeugte von dem Streben dieser Firma und erregte allgemeine Bewunderung.
M»* Rebhühnerjagd. Der Beginn der Rebhühner- jagd ist im Regierungsbezirk Kassel auf Montag, den 25. August, festgesetzt.
F C Von den Standbildern und Statuen Fuldas. Die Faflade des Landratsamtsgebäudes wird demnächst eine neue Muttergottesstatne in Stein, der alten holzgeschnitzten genau nach, gebildet, erhalten. Eine solche ist bereits auf Veran- laffung des Justizfiskus bei der hiesigen Bildhauer- firma Gebr. Fleck in Auftrag gegeben worden. Die alte Statue wurde von der Stadt für das Museum erworben. Im Museum befindet sich auch eine St. Nikolausstatue, die die Stirnseite des früheren St. Nikolaushospitals, Heinrichstraße Nr. 35, schmückte. Diese Statue wird einen Platz im Garten des Instituts der Englischen Fräulein erhalten. — Der Bildstock am Michaelsberg zeigt seit einiger Zeit große Risse. Durch ein besonderes technisches Verfahren der Gebr. Fleck wird der Bildstock wieder- hergestellt und wetterbeständig gemacht werden. Das gleiche Verfahren soll im nächsten Jahre auch an den Standbildern im Schloßgarten zur Anwendung kommen.
6 Rhöntonristik. Die letzten schönen Sommertage haben das Touristenleben in der Rhön herrlich erblühen lassen. In Hellen Scharen wird zurzeit die »Heerstraße* der Rhön: Mil>eburg-Wasserkuppe-Kreuz- berg und zurück von frohen Wandersleuten begangen. Aber auch von den anderen Zugängen zur Rhön aus ziehen „fahrende Scholaren" kreuz und quer durch die Berge, um den Fernblick auf die Lande zu ihren Füßen zu genießen. Hoch oben auf derWafftrkupp.- sind jetzt viele fleißige Hände am heuen; wohl ist der Graswuchs in der Höhe etwas kärglich, aber ein um so würziger und ein angenehmer Heuduft erfüllt die Luft zur Freude der vielen Rhönbummler. Zur Belebung und leichteren Durchquerung der Rhön tragen auch die neuen Autoverbindungen wesentlich bei. Wenn wir vor wenigen Tagen noch berichteten, daß die Auto- post ab Gersfeld nachmittags 1 Uhr 10 Min. von Fulda aus zu wenig benutzt würde, dürfte dieser Hinweis auf guten Boden gefallen sein, denn in den lrtz- ten Tagen war das Auto nicht nur voll besetzt, son- bern ganze Trupps mußten wegen Ucberiüllung ab
gewiesen werden, sodaß man schon ein zweites Auto hätte brauchen können. Wohl ober übel mußten die weniger Glücklichen auf Schusters Rappen zur Fuldaquelle und weiter pilgern, bis abends nach kurzer Labung das Dampfroß sich der müden Wanderer an- nahm und sie den heimischen Penaten zuführte.
(X) Gläckskvllekte. In die Lotterie-Kollekte von B. I. Ruppel-Fulda ist auf die Nr. 193634 der Schleswig-Hollsteinischen Pferdelotterie der 21. Hauptgewinn, bestehend in einem Pferd, gefallen. Bis jetzt sind bei der genannten Firma im Zeitraum von 6 Jahren nachweisbar 11 Hauptgewinne in die Kollekte gefallen. -
[] Nächtlicher Unfug. Von ,besseren Herren*, anscheinend von der studierenden Jugend, die ihre Ferien hier verlebt, wurde in der vergangenen Nacht allerlei Unfug verübt. Ein vor dem Zentralhotel stehender Stoßkarren wurde auf einen Zaun an der Kurfürstenstraße gestellt. Vor einem Hause am Bonifaliusplatz wurde eine Bank entfernt und vor das Denkmal gestellt, vor einem anderen Hause wurden Blumenstöcke entfernt und einige Epheuständer wurden von der Hauptwache mitten auf die Straße gesetzt.
§ Umgeranut wurde heute vormittag von einem Radfahrer in der Mittelstraße eine ältere Frau. Infolge des Anpralls stürzte sie derarr auf den Hinler- kopf, daß sie eine stark blutende Wunde davontrug. Wann werden die Radfahrer in den verkehrsreichen, engen Straßen etwas mehr Rücksicht auf das Publl- tum nehmen?
△ Die Roggenernte in Hesien-Naffau Nach den neuesten Schätzungen der landwirtschaftlichen Vertrauensmänner werden in diesem Jahre von 144566 Hektar Land, die in Hessen - Nassau mit Roggen bebaut sind. 284195 Tonnen, das sind 1,97 Tonnen vom Hektar, gegen 1,85 Tonnen vom Hektar im Jahre 1912, geerntet.
• Schulbefreiung an jüdischen Feiertagen. Der Minister für Handel und Gewerbe hat bezüglich der ihm unterstehenden Fortbildung s- und Fachschulen verfügt, daß die jüdischen Schüler auf Grund eines bei der Einschulung oder zu Beginn des Schuljahres von ihren Eltern oder ihren gesetzlichen Vertretern zu stellenden Antrages an Samstagen und hohen jüdischen Feiertagen vom Schulbesuche zu befreien sind.- Auch sind sie, wenn sie an diesen Tagen die Schule besuchen, nicht gegen den Willen der Eltern oder gesetzlichen Vertreter zu schriftlichen und anderen manuellen Arbeiten, (Zeichnen, Feldmessen n. dgl.) und zur Teilnahme an Exkursionen anzuhalten. Diese Befreiungen gelten einerseits für die Vorabende nach Sonnenuntergang, andererseits aber an den Festtagen selbst nur für die vor Sonnenuntergang liegenden Unterrichtsstunden. Für den „Versöhnungstag" ist die Befreiung bereits eine Stunde vor Beginn des Festes und am Festtage selbst auch für den Abend nach Schluß des Festes zulässig. Auch bei den Abschlußprüfungen ist eine billige Rücksichtnahme auf die religiöse Verpflichtung jüdischer Schüler angezeigt.
* Monatskarten auf der Eisenbahn. Für die Ausgabe von Eisenbahn-Monatskarten, Schülerzeitkarten ufto. ist von der Staatsbahnverwaltung eine neue Dienstvorschrift herausgegeben worden. Eine der wichtigsten Aenderungen ist die Erweiterung des Begriffes „Hausstandsangehörige". Als solche gelten künftig auch „Schwiegerkinder", Hausbedien- stete, Stützen, Kindergärtnerinnen, Bonnen, Kutscher, Diener, Chauffeure, Hausgärtner, Hausdiener, Laufburschen, Köchinnen, Kinder-, Stuben-, Haus- und' Küchenmädchen. Diese haben aus Verabfolgung von Monatsnebenkarten dann Anspruch, wenn sie bei dem Haushaltungsvorstand wohnen, von ihm beköstigt werden und ausschließlich oder wenigstens teilweise im eigentlichen Haushalte des Haushaltungsvorstandes tätig sind. Die nur im Gewerbe- oder Geschäftsbetriebe des Haushaltungsvorstandes beschäftigten Hausbediensteten haben keinen Anspruch auf die Vergünstigung. Der Besitz eines Dienstbuches wird von den Hausbediensteten nicht mehr gefordert. — Bei den als „F e r i e n k a r t c n" ausgegebenen Monats- und Monatsnebenkarten soll zur Unterscheidung das Wort „Ferien" handschriftlich hinzugefüqt werden. Ter Prüfnngsabschnitt bei den Blankokarten fällt künftig fort. Die für das lausende Jahr nach dem bisherigen Vordruck ausgestellten Hausstands- zugehörigkeitsbescheinigungen werden noch bis zum 1. Januar 1914 anerkannt werden.
= Keine Unfallrente bei Trunkenheit. Ein Arbeiter hatte unerlaubt seine Arbeitsstätte verlassen und sie erst nach längerer Zeit im Zustand völliger Trunkenheit wieder betreten. Er war unfähig zur Arbeit und erlitt infolge feines Zustandes einen
Unfall, auf Grund deffen er Ansprüche aus Zahlung einer Unfallrente machte. Der Arbeitgeber, eine Behörde, lehnte den Anspruch ab, und das Reich s- versicherungsamt trat dieser Auffassung bei. Da der Arbeiter infolge von Trunkenheit unfähig zur Arbeit >var, fei der Unfall nicht als Betriebsunfall anzusehen. Der Mann harte durch die verbotene Entfernung von feiner Arbeitsstelle und den Alkohol- gennß, dcr ihn zur Erfüllung feiner Pflichten unsähig machte, jeden Zusammenhang zwischen seiner Person und dem Betriebe gelöst. ■ . ■
Erweiterung der Haftpflicht der Post für Pakete. Mit den 'Postverwaltungen von Bayern, Württemberg und Oesterreich ist jetzt von unserer Post vereinbart worden, daß bei Ersatzleistungen für Pakete der Betrag von der Verwaltung, in deren Gebiet der Schaden nach rechtlicher oder tatsächlicher Feststellung cingetreten ist, auch dann zu erstatten ist, wenn die Person des Ersatzpflichtigen nicht sestgestellt werden kann. Besondere Ermittelungen darüber, ob eine crstattungspslichtige Verwaltung vorhanden ist, sollen aber in der Regel nicht vorgenommen werden.
(’) Einsiellunft von Freiwilligen bei der Marine. Die 2. Abteilung II. Torpedodipision in Wilhelmshaven stellt am 1. April und 1. Oktober eine? jeden Jahres sjährig-Freiwillige als Torpedomaschinistenanwärter ein und zwar: Maschinisten und Maschinistenafststenlen von Dampfern und in Betrieb bestndlichen Dampfmaschinen, sowie junge Leute, die eine 3jährige Lehr, oder Arbeitszeit als Maschinenbauer, Schlaffer, Kupferschmied, Elektrotechniker, Mechaniker, Klempner, Keffelschmied oder in ähnlichen Handwerken nachweifen. Von dieser Zeit darf ein Jahr als Maschinist oder Gehilfe zugebracht fein. Bewerber wollen sich umgehend unter Vorlegung eines vom Zivilvorsitzenden der Ersatzkommission des Aushebungsbezirks ausgestellten Meldescheins zum freiwilligen Dienst auf 4 Jahre lautend, eines felbstversaßten und selbstgeschriebenen Lebenslaufes und sämtlicher Schul- und Ärbeitszeugnifle eventuell Seesahrtspapiere an das oben genannte Kommando wenden. Zur Erlangung des Meldescheins sind dem Zivilvorsitzenden der Geburtsschein, die väterliche Einwilligung für eine 4jährige Dienstzeit und etn polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Die Aufnahmeprüfung zum Maschinistenan'värter umfaßt: 1) Im Deutschen: Einige Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Wiedergeben der Gedanken. 2) Im Rechnen: Die Grundrechnungsarten mit gewöhnlichen und Dezimalbrüchen. 3) Im Zeichnen: Einige Kenntnisse im Anfertigen von Skizzen einfacher Maschinenteile. Das 4. Dienstjähr gilt als Kapitulationsjahr und ist bestimmungsgemäß für den Besuch einer 6monaligen, unentgeltlichen Maschinistenmaaten-Schule (Unteroffizierschule). Die mit Erfolg abgelegte Prüfung und die erwiesene Brauchbarkeit "zum Torpedo-Maschinisten-Maat berechtigt zum Besitz des Seedampfschiffmaschinisten-Pa- tentes 3. Klasse. Es wird noch daraus hingewiesen, daß auch solche junge Handwerker eingestellt werden können, die ihre Lehrzeit erst zum oben genannten Ein. stellungStermin beenden und dann mindestens 17 Jahre alt sind. ___
Aus dem Nachbargebiete.
* Salzschlirf, 30. Juli 1913. Die heutige Kurlifte zeigt die Gesamtzahl der hier angckommenen Kurgäste auf 4569 an.
* Aus dem Kreise Eschweg», 29. Juli 1913. Die Klagen über Wildschweine und Wildschaden nehmen in letzter Zeit außerordentlich zu. Die Schweine brechen in einer Nacht irgend wo aus, überfallen die Aecker, verwüsten diese und sind am nächsten Morgen wieder verschwunden. Besonders stark heiingesucht werden seit mehreren Jahren die Fluren dcr Gemeinden Bischhaufen, Hoheneiche, Waldkappel, Kirchshosoach und Wichmannshausen. Von dem Minister für Domänen und Forsten ist nun, um der Wildschweinplage zu steuern, ein Erlaß ergangen, nach dem auch der Abschuß der Bache mit den Frischlingen gestattet ist.
* Hanau, 30. Juli 1913. Heute feierte der älteste Hauptmann der Hanauer freiwilligen Feuerwehr, Herr Karl Fuchs von der ersten Kompanie, fein 50jähriges Jubiläum. — Der langjährige Vorsitzende dcr hiesigen Turngemeinde, Bijoutcriefabrikant Schatt, wurde zum Ehrenmitglied der Deutschen Turnerschaft ernannt.
* Offenbach a. M, 28. Juli 1913. Bei den G e. meinderalswählen wurden gewählt in Engelsbach sieben sozialdemokratische Kandidaten, in Dietesheim zwei sozialdemokratische und ein bürgerlicher Kandidat, in Klein-Krotzenburg zwei sozialdemokratische und ein bürgerlicher Kandidat, und in Hainstadt die Kandidaten der Bürgerlichen. In Raunheim brachten die Wahlen der sozraldemokratischen Partei eine vollständige Niederlage, indem ihre drei bisherigen Vertreter den bürgerlichen Gegnern unterlagen.
. ?Da§ Münchner Ktnöl.
" - Roman von Felix Nabor.
*' Da legte Ludwig den Arm um seines Bruders Schultern und führte ihn zu der hinteren Schmalwand des Zimmers. Dort hing über einem braunen Diwan das Bild des Kommerzienrats in prunklosem .Ebenholzrahmen. Dort ließ er den Bruder stehen und schloß die Türe auf. „Ich öffne Dir die Türe," sagte er, „und Du magst nun gehen, wohin cs Dir beliebt. Aber sieh Dir zuvor noch einmal diesen Mann jan, diesen Helden der Arbeit, dieses Muster eines guten Würgers, eines besorgten Vaters, eines tadellosen Ehrenmannes! Schau ihm in die Augen, und wenn Äu ihn je wahr geliebt hast, so weißt Du den Weg, den Du gehen mußt! Und wenn Dir sein Andenken heilig ist, und wenn Tu ihm Dank verpflichtet bist, fo sage mir: was würde ein ehrlicher Manu an Deiner Stelle tun? — Und was wurde er in Deiner Sage vorziehen: Den Kamps für die Heimat — oder die Flucht?"
V „Den Kampf — nichts als den Kamps!"
- „Nun also: — so geh auch Tu den Weg, den Pflicht und Ehre Dir vorzeichnen." —
i Als Max in die freundlichen Züge seines Vaters blickte, stand alle Liebe vor ihm, die dieser über seinen Sohn ausgegossen hatte. Eine heiße Welle stieg in feiner Brust empor bis zur Kehle. Er schlug die Hände vors Gesicht, warf sich auf den Divan und schrie: „Vater — verzeihe mir!" — Tann schüttelte heftiges Schluchzen seinen Körper.
' Ludwig wartete, bis sich der Schmerz vertobt hatte. Dann kam Mar auf ihn zu, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte mit tiefem Ernst: „Ich bleibe an Deiner Seite! — Ich gehöre Dir — und ihm — und unserem Hause, und will getreu dieAr- beit tun, die Du mir anweisest. Das schwöre ich Dir beim Andenken dieses teuren Toten!"
I Ludwig schloß den Bruder fest in die Arme. „Ich wußte es," sagte er, „daß Tu den rechten Weg finden würdest. Und glaube mir, es wird ein schöner Weg werden — ein Weg zu Glück und Frieden! Tenn der Segen des Vaters und der Segen der Arbeit toirbjnit nn§ fein.*, x .
In dieser Stunde atmete Max wie erlöst auf. Die Vergangenheit mit ihren düsteren Schatten versank hinter ihm, die goldenen Pforten der Zukunft taten sich ihm auf, und frohen Mutes, ein neuer Mensck, geläutert und entsühnt, trat er hinaus ms neue Leben.
* *
*
Man war nun schon im Juni. Tante Betty wollte einmal wieder nach dem Rechten sehen und and Gusti mit verweinten Augen. Auf die Frage, was denn geschehen sei, antwortete Gusti unter Schluchzen: „Ach Gott, der Herr Professor! I kenn' mich gar nimmer aus in dem Herrn."
„In den Mannsleuten kennt sich überhaupt niemand aus," belehrte sie Tante Betty. „Die haben /lle ihren Sparren. Was ist's mit dem Professor?"
„Soviel sonderbar is er! Kein Wort red't er nimmer, und nachts, da seufzt er, daß i mich fürchten tu. Und amal, wie er um elfe heimkommt, da zer- chlägt er die Zupfgeig'n am Ofen in hundert Fetzen. Jessas, hab' i eine Angst cmsg'standen. Mit dem Herrn Professor is nimmer nichtig, das dürfen S' mir glauben Und i fürcht' mich zu Tod, i kann nimmer bleiben und muß den Dienst kündigen. Ans'n Herbst da heirat i mein Alois, mein schwer'n Reiter, und mir übernehmen z'samm c klein's Hofgut hinter Starnberg."
„Na, Jo heirat' eben Deinen schweren Reiter!" wetterte Tante Betty, „wirst schon ein Haar in der Suppe finden. So schön wie hier bekommst Tu es Dein Lebtag nicht mehr. Das verdammte Wirts- hausfitzen ist an allem schuld! — Das Beste wäre freilich, wenn Annie hier wäre. An der hängt er. Die ist fein alles! — Ich will ihr auf der Stelle chreiben."
Und sie schrieb mit ihrer kleinen, kritzeligen, fast unleserlichen Schrift:
„Liebe Annie! Bei Deinem Vater ist eine Schraube los. Entweder ist er krank — oder er hat einen geheimen Kummer — oder es plagt ihn das Heimweh. Er ißt nicht, redet nicht, seufzt und stöhnt und guckt zu tief in den Krug. Wenn Du nut ein paar Tage hierher kommen könntest, das würde ihn vielleicht heilen. Angst brauchst Du
nicht zu haben: die Sache ist nicht schlimm, nur eilig ungemütlich. Womit ich unter tausend Grüßen verbleibe Deine allzeit getreue Tante Betty." — Als Annie diesen Bries erhielt, lagen schwere, an Schmerzen und Enttäuschungen überreiche Tage hinter ihr.
Hardy v. Sandow hatte seine Pläne zum Wettbewerb des Opernhauses eingereicht und wartete nun auf den Spruch deS Preisgerichtes. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er Sieger sein werde und war voll froher Zuversicht. Denn es war ein herrliches Werk, das er ersonnen, erdichtet und auf dem Papier festgehalten hatte, ein Werk, das, wenn es zur Ausführung kam, feinen Namen unsterblich machen mußte. '
Das Bild des neuen Opernhauses stand auf der Staffelei in seinem Atelier, und alle, die es noch gesehen hatten, waren voll Bewunderung gewesen und hatten ihm rückhaltlos ihr Lob ausgesprochen.
Auch Annie hatte es flüchtig sehen dürfen, aber Hardy hielt es nicht für nötig, ihr nähere Aufschlüsse über fein Werk zu geben, da er der Ueberzeuguug war. daß sie kein Verständnis dafür habe und daß ihr jeglicher Sinn für das Große fehle. Das schmerzte sic tief: die Kluft zwischen ihr und Hardy war so breit und tief geworden, daß sie nicht mehr überbrückt werden konnte- Liebe und Vertrauen waren geschwunden, und während Hardy feinen strahlenden Ban schuf, waren ihm die goldenen Säulen, die sein eigenes Glück stützten, zerbrochen und in Trümmer gegangen.
Was Annie noch an den Gatten und an das Haus band, war nur mehr die nackte Pflicht: gleichwohl bewunderte sie Hardy als Künstler und machte einen schückternen Versuch, noch einmal um seine Liebe zu werben. Sie hatte sich einen Lorbeerzweig mit goldenen Früchten verschafft und wollte ibn heimlich in HardyS Atelier bringen, um damit sein Werk zu schmücken. Tas junge Grün sollte ihm ihre Liebe, das Gold ihre Treue andeuten. Er würde wohl erraten, von wem die sinnige Gabe kam, und vielleicht war dann noch nicht alles verloren. — Aber so ost sie auch zum Atelier ging, immer fand sie es verschlossen, und sic wartete voll Sehnsucht auf den Tag, da es sich ihr öffnen würde.
V/;' ’ '
Amt Geisa und Umgebung.
* Geisa, 30. Juli 1913. Zum Landtagsad« geordneten wurde der Uhrmachermeifler August Beyer in Jena von der Handwerkskammer für das Grobherzogtum Sachsen an Stelle des verstorbenen Landtagsabgeordneten Freitag in Eisenach gewählt. Beyer hat die Wahl angenommen. l
* Stadtlengsfeld, 30. Juli 1913. In einer Versammlung des Gewerbevereins sprach man sich für ganzjährigen Unterricht in der Fortbildungsschule aus, da fast gar keine Schüler landwirtschaftlich beschäftigt werden. Der Schulvorstand dürste wohl bei demnächstiger Beratung dieses Gegenstandes ayf den von vielen Gewerbetreibenden geäußerten Wunsch Rücksicht nehmen. — Dem Porzellandreher Gottschlich von hier, der am 27. April d. IS. einen Knaben vom Tode des Ertrinkens in der Felda rettete, hat das Großh. Staatsministerium seine öffentlicheAnerkennung ausgesprochen.
* Stadtlengsfeld, 29. Juli 1913. Eine äußerst rege Bautätlgkeit herrscht zurzeit am hiesigen Orte. Wohl an sieben neue Wohnhäuser sind in Angriff genommen. Wie verlautet, ist im Menzengraben eine Fabrik zur Verarbeitung von Kali geplant.
Aus Gberhessen u. den Hess. Aemtern.
* Maiburg, 29. Juli 1913. Unter der Beschuldigung, sich an schulpflichtigen Kindern vergangen zu haben, wurde der aus Treysa stammende achtund- srebzigjährige Gr. von der Strafkammer in Marburg zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. — Das Goldene Doktorjubiläum begebt am 4. August der Professor der Chirurgie an der hiesigen Universität und Mitglied der Herrenhauses, Geheimer Medizinalrat Dr. med. Ernst Küster.
△ Marburg, 30. Juli 1913. Vergangene Nacht krachte der oberhalb des Marktplatzes auf dem Platze vor der Schloßtreppe stehende dicke Ahorn- bäum unter donnerndem Getöse um, zerschlug an einem Hause einige Fensterscheiben und zerriß dir Leitungsdrähte.
* Schwarzenborn, 29. Juli. Ter Knecht Schreiner von der Langendorser Mühle geriet in der Nähe von Schwarzenborn unter ein Auto u. erlitt derart schwere Verletzungen, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Das Auto soll einem Hotelbesitzer aus Wildungen gehören.
# Ziegenhain, 30. Juli 1913. Von der Vereinigung ehemaliger Angehöriger des Feldart.-Regts. Nr. 11, die sich in unserem Kreise gebildet hat, haben sich 273 Mitglieder zur Teilnahme an der am 5. und 6. August in Kassel und am 7. in Fritzlar statt- findenden Hundertjahrfeier angemeldet. Dar ur ter befinden sich zwei alte Herren, die zu den ältesten Teilnehmern gehören dürsten: der 82jährigc Auszüger Döringer in Schönborn und der 81jährige Arbeiter Kronz aus Christerode, die beide noch überaus rüstig sind. Die Vereinigung sammelte eine Jubi- läumsgabe von 180 Mk. für das Regiment und 100 Mark für daS am 3. August bei Wörth zu errichtende Denkmal.
# Aus dem Kreise Ziegenhain, 30. Juli 1913. Auf dem hiesigen Markt taufte der Buchhändler Korell im letzten Momente ein LoS, das mit einem Sauptgewiun, einem Rind, herauskam. Auf dem serdemarkt in Alsfeld fielen zwei Hauptgewinne in unseren Kreis: den 3., ein schönes Fohlen, erhielt Landwirt Beil in Lmsingen, und Knaufs in Merzhausen ebenfalls ein Fohlen.
* Loshausen, Schwalm, 29. Juli 1913. Gestern ist der Knecht S. des Rittergutsbesitzers Baron von Gilgenheim beim Abwerfen von Stroh und Heu in die Tenne abgcstürzt. Er fiel so unglücklich, daß er sich eine schwere Kopfverletzung zuzog. Der Baron ließ seinen Knecht in die Wohnung des Dr. med. Fuschanz in Ziegenhain bringen, der den Verunglückten in Behandlung nahm.
* Aus dem Kreise Fritzlar, 29. Juli 1913. Zum stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde Holz- Hausen wurde der Landwirt Joh. Siebert II gewählt und verpflichtet. — Ein großer Teil der Gemarkung Lohne stellt einen gesegneten Länderstrich dar. Dementsprechend sind auch dort die Länder- preise immer etwas hoch gewesen, einen Rekord aber brachte kürzlich eine Versteigerung. Bei der Versteigerung eines kleinen Gütchens " wurde für Grundstücke, die man noch vor 10 bis 15 Jahren mit 300 Mk. pro Acker bewertet, jetzt bis zu 1500 Al. geboten. Bessere Grundstücke brachten es sogar auf ca. 2300 Mark.
Die Fürstin hatte bis jetzt Hardys Entwurf noch nicht gesehen, aber so viel von ihm gehört, daß sie darnach brannte, sein Werl zu besichtigen. So führte er sie denn eines Tages in das Atelier und vor seine Staffelet. Sie staunte und staunte.
Ja, das war freilich ein wunderbarer Bau, so herrlich und großartig, wie sie es sich nicht hätte träumen lassen. Ein Monumentalbau, der mit seiner wundervoll architektonischen Gliederung, mit dem entzückenden, stimmungsvollen Farbenreiz, mit der vornehmen Prunk-Fassade, den schlanken, hochstreben- den Säulen und der stolzen, mächtigen Kuppel, die das Ganze krönte, alles Daaewcsene und Neuzeitliche in den Schatten stellte.
Tie Fürstin betrachtete trunkenen Auges den Wunderbau und konnte sich von seinem Anblick nicht losreißen. Hardy erklärte ihr die Einzelheiten des Werkes, entwickelte ihr seinen großzügigen Plan über die architektonische Anordnung und 'Gliedennia, über die Innenarchitektur, den Ausbau und die Bervoll- kommiiung des technischcii Theaterbetriebes und erkannte zu seiner grenzenlosen Freude, daß sie ihn verstand, daß sie sein Schaffen würdigte und ibm auf seinem Höhenflüge folgte wie kein anderer Mensch. Ta ward es ihm so reckt klar, daß sie eins waren in ihrem Sinnen und Trachten, eins int Geiste und im Herzen, zwei gleichgesinnte Seelen, die vereint zur Sonne fliegen.
Uitb nun freuten sich beide dieser Schöpfung, jubelten, als ob sie eine neue Welt entdeckt hätten, eine Welt der Schönheit und des Glanzes, die tausend holde Wunder in sich schloß. Es sprach ein gigantischer und gleichwohl von hehrem Schönheitssinn erfüllter Geist aus diesem Werke, und der Meister, der es schuf, war einer jener Titanen, die Berge auseinander türmen. Das Herkömmliche und Alltägliche genügte ihm nicht: er wollte Uebermenschliches vollbringen, wollte ein Werk bauen, das Welt und Men- schen überragte und nicht seinesgleichen hatte in deutschen Landen. Die Kraft der Intelligenz eines ganzen Volkes, der Schönheitssinn der ganzen Welt schien in dem Werke lebendig geworden zu sein.
v- > ■ ■-x i- + (Fortsetzung folgt.)