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Fuldaer Leitung

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Nr. 173. Erstes Blatt

Dienstag den 29. 3uli 1913.

40. Zahrgang.

---- Marine-Luftfahrzeuge.

Erst seit wenigen Jahren sind die Kriegsmarinen mehrerer Länder dazu übergegangen, in das Arsenal ihrer Waffen auch die Flugfahrzeuge, Luftschiffe und Aeroplane aufzunehmen. Obwohl also das Marine­flugwesen eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt, so läßt die schnelle Entwicklung, die es in den letzten zwei, drei Jahren genommen hat, darauf schließen, daß wir hier einer Einrichtung gegenüberstehen, deren Bedeutung sich heute höchstens erst annähernd schätzen läßt.

Zunächst war es der Borteil einer leichteren Re­kognoszierung durch Luftfahrzeuge, der deren Verwendung bei der Marine begünstigen mußte, nach­dem sich herausgestellt hatte, daß die Versuche mit Fesselballons und Fesseldrachen eigentlich nur als Notbehelf dienen könnten. Luftfahrzeuge können weite Gebiete raschen Blickes übersehen, noch dazu ohne sich, wie dies im Landkrieg vielfach der Fall ist, dem feindlichen Feuer ausfetzen zu müssen. Daneben bringt die Beobachtung aus der Luft gegenüber der­jenigen durch Kriegsschiffe ganz ungeheure Erspar­nisse an Zeit, Kohlen und Kräften mit sich. Da die Sichtweite aus 500 Meter Höhe 47 Seemeilen be­trägt, kann man durch Entsendung einiger weniger Luftfahrzeuge von verschiedenen Punkten unserer Küste im Laufe von ein bis zwei Stunden beide Belte, den Sund und einen großen Teil des Kattegats oder auch das Gebietsdreieck Borkum-Kuxhaven-Sylt ab­suchen lasten. Auch für die B e f e h l s - u n d N a ch- richtenübermittlung können die Luftfahr­zeuge gute Dienste leisten, vielleicht auch bei dem Aufsuchen von Unterseebooten und Minen. Doch wird eine Beschießung von See­oder Landzielen mit Geschützen und Gewehren vom Luftfahrzeug aus nur in den seltenen Fällen Vorkom­men, wo das Feuer nicht erwidert wird; denn anderen­falls hat der Gegner neben dem Vorteil des stabileren Standortes Wohl stets die größte Zahl von Feuerwaf­fen und eines minder begrenzten Munitionsvorrates für sich. Ungleich größere Bedeutung hat der Ab- wurf von Bomben aus Luftfahrzeugen. Wenn hiermit im tripolitanischen und im Balkankriege nur wenig ausgerichtet ist, so liegt es nach der Meinung des von Nautilus herausgegebenen neuesten „Jahr­buches für Deutschlands Seeinteressen", dessen Dar­stellung wir hier folgen, lediglich an der Unzuläng­lichkeit der technischen Mittel und an der unzureichen­den Vorbildung des Personals. Es gibt aber bereits verschiedene brauchbare Konstruktionen von Zielappa­raten sowie von Abwurfvorrichtungen, welche die Bomben entweder einzeln oder zu mchreren abzu­werfen gestatten, und mit denen gute Resultate er­zielt worden sind.

Gegen die feindlichen Luftfahrzeuge stt eine Ab­wehr von der Erde bezw. vom Master aus so gut wie unmöglich. Infolgedessen muß man ver­suchen, dem Gegner in seinem eigenen Element bei­zukommen und daraus ergibt sich als weitere wichtige Aufgabe der Luftfahrzeuge der Kampf gegen ihres- gleichen, der Luft kam Pf. Sehr interessant ist, was Naukitus hier über den Fall bemerkt, daß em Luftschiff gegen Flugzeuge zu fechten hat. Er hält die weit verbreitete Annahme nicht für ohne weiteres berechtigt, die Flugschiffe seien im Feuer­gefecht jeder beliebigen Anzahl von Flugzeugen über­legen. Jedenfalls werden sich aber die Flugzeuge in der Regel gar nicht erst auf langes Kugelwechseln einlasten, sondern im Vertrauen auf chre weit größere Geschwindigkeit und Flughöhe versuchen, die Luft­schiffe von oben her durch Abwerfen von Bomben, Termitpfeilen oder dergleichen zu vernichten. Wenn sie von vorn her angreifen, ist bei der ganz außer­ordentlich schnellen Annäherung die Gefahr des Ab­schusses nur sehr gering, zumal, wenn der Angriff nach Verabredung tn zerstreuter Form erfolgt. Bes­sere Aussichten hat das Luftschiff, wenn es so manöv­

rieren kann, daß es die Angreifer hinter sich bekommt. Hierfür wird aber häufig die Zeit fehlen, denn die Flugzeuge können, bei der ersten Meldung vom Na­hen des weithin sichtbaren Gegners rechtzeitig aufftei- gend, von diesem bis kurz vor dem entscheidenden Augenblick unbemerkt, die für den Herabstoß erforder­liche Ueberhöhung erreichen. Auf alle Fälle bedeutet das Ab- oder Umdrehen des Luftschiffes einen Verlust an wertvoller Zeit oder gar den Verzicht auf die Lö­sung der gestellten Aufgabe. Die französische Vor­liebe für Einsitzer mit höchster Geschwindigkeit er­scheint hiernach nicht ganz unberechtigt.

Während auf dem Gebiete der Flugapparate Frankreich immer noch einen nur mit Mühe einzu­holenden Vorsprung hat, ist Deutschland zurzeit hin­sichtlich der Luftschiffe weitaus im Vorteil gegenüber den anderen Staaten. Wenn man also kriegsbrauch­bare Luftschiffe solche von mindestens 7500 Kubik­meter Gehalt und von einer Mindestgeschwindigkeit von 16 Meter in der Sekunde (58 Kilometer in der Stunde) bezeichnet, so besaß Deutschland im Mai 1913 elf starre und vier Prall-Luftschiffe, die diese Bedin- Öett zum Teil weit übertrafen. Von den anderen onen hatte nur Frankreich und auch dieses nur ein einziges starres Luftschiff; Prall-Lustschiffe be­saßen in geringer Zahl außerdem noch Italien, Oesterreich-Ungarn, Rußland und Japan. Nautikus ist der Ansicht, daß die außerordentliche Ueberlegen- heit Deutschlands voraussichtlich noch auf lange Zeit erhalten bleiben wird. Sie liegt nicht sowohl in bei Zahl, wie in dem Rauminhalt (Tragfähigkeit und Ausdauer), in der Geschwindigkeit und in der Bauart. Denn die starren Luftschiffe, bte den Kern der deut­schen Luftschiffe bilden, seien durch die dauernde Bei­behaltung ihrer äußeren Form unter sonst gleichen Umständen schneller und ausdauernder als Prall- Luftschiffe, sie seien infolge der Verteilung der Gas­füllung auf zahlreiche Einzelballons viel schwerer außer Gefecht zu setzen, und sie allein gestatten den Maschinengewehren eine Aufftellung, aus der sie auch nach oben feuern können. Es werde Jahre Dauern, bis im Auslande das erfte starre Luftschiff von der Leistungsfähigkeit der jüngsten Z.- und SL.-Schiffe entsteht, und bis dahin werde auch Deutschland wieder ein gutes Stück weiter gekommen sein.

Ueber den Stand des Marine-Luftschiff- Wesens in den wichtigsten Staaten mögen folgende Angaben orientieren. In Deutschland ist bis 1918 in Aussicht genommen die Beschaffung und Er­richtung von zwei Luftschiffftaffeln zu je vier in Dienst befindlichen Luftschiffen und einem Luftschiff als Ma­terialreserve, dazu vier Doppelhallen und eine feste Halle. An Flugzeugen befinden sich 36 im Dienst, wozu noch 14 Flugzeuge als Materialreserve kommen. Für die Schaffung eines Marinereservefliegerkorps stehen noch nicht soviel Zivilflugzeugführer zur Ver­fügung, wie es erwünscht wäre. — In England war nach dem Zusammenbruch des starren Luftschiffes „May Fly" noch vor der ersten Ausfahrt im Jahre 1911 das Interesse an der Verwendung von Luft­schiffen für Marinezwecke eine zeitlang vollständig er­loschen. Dem Marineflugwesen dagegen widmet Eng­land seit etwa einem Jahre ganz bedeutende Auf- merffamkeit, so daß es alle übrigen Mächte weit hinter sich gelüsten hat. — In Frankreich sollen bis 1916 zunächst im westlichen Mittelmeer, später auch in Nordftankreich vier Lustschiffzentren mtt je vier Luftschiffen größere Abmessungen und fünf Flug- zentren mit je fünf Flugzeugen eingerichtet werden. — Italien, das allein unter den Seemächten Kriegserfahrungen im Luftwesen hat, macht höchst bemerkenswerte Anstrengungen, um sich neben einer gewaltigen Armee-Lustflotte auch eine starke Marine- Luftflotte zu schaffen. Die Marine verfügt über zwei Luftschiffe und beabsichtigt weitere Schiffe bis zu 24 000 Kubikmeter Größe zu beschaffen. Daneben ist eine größere Anzahl von Marineflugzeugführern ausgebildet. Zurzeit ist Italien neben Frankreich die

Westaus größte Luftmacht im Mittelmeer. — Auch Oesterreich-Ungarn, das in Pola eine Ma­rineflugstation eingerichtet hat, will die bisher sehr knappen Mittel für die Marinelustflotte stark erhöhen und eine gröbere Anzahl von Wasserflugzeugen schaffen.

Den Betrachtungen über das Marinelustschiff­wesen fügt Nautikus ein Schlußwort an, in dem er meint, daß vielleicht schon in wenigen Jahren die Tätigkeit der Luftfahrzeuge und der Ausgang des Kampfes zwischen den Luftflotten einen bestimmenden Einfluß auf den Verlauf des Krieges auf dem Meere ausüben mag. Im Anschluß daran heißt es:

»Erwägungen dieser Art sind es jedenfalls, die gerade die an der Seefahrt am meisten interessierten Mächte zur Aufstellung von Programmen für die Schaffung gewaltiger Luftflotten in allerjüngster Zeit veranlaßt haben. Niemand wird kühn genug sein, das Ende der Entwicklung vor­aussagen zu wollen, an deren erstem Anfänge sie jetzt noch stehen; nur soviel ist sicher, daß es auf dem ein­mal eingeschlagenen Wege kein Halten mehr gibt."

Es ist erklärlich, daß jeder Soldat die Waffe, mst deren Führung er betraut ist, für die wichtigste hält; so ist es auch hier mit den LustsahiHeugen. Aber man darf sich auch der Tatsache nicht verschließen, daß gerade die Vervollkommnung des Marineflug, wesens eine Aufgabe stt, an der gegenwärtig mst be­sonderem Eifer gearbeitet toirb. Wir glauben daher, die Steuerzahler werden eher, als es ihnen lieb fft, die technischen Fortschritte auf diesem Gebiete yi spü­ren bekommen. _

Deutsches Reich.

** Berlin, 28. Juli 1913. In Gegenwart des deutschen Kaisers fand am Montag in Vange- nars bei der Frithjofftatue eine Feier statt. Der Kaiser verteilte persönlich Auszeichnungen an die Personen, die an dem Denkmal mitgewirlt haben und hielt dann eine Ansprache. Um das Denkinal herum waren 500 Marinemannschasten aufgestellt. — Prinz Heinrich von Preußen ist Samstag abend um 9 Uhr zum Besuche des englischen Königspaares nach London gefahren.

+, Rückgang der Reichseinnahmeu. Im ersten Vierteljahr des laufenden Etatsjahres sind rund 10 Millionen Mark weniger an Zolleinnahmen einge­gangen, als im ersten Vierteljahr 1912; zugleich aber ist auch ein fast ebenso großer Mindereingang an Steuern und Gebühren zu verzeichnen. Auch die Mehreinnahmen der Reichspost von 9,4 Millionen Mark bleiben jedenfalls hinter dem Voranschläge, der für das ganze Jahr 51 Millionen Mark mehr beträgt, zurück. Nur die Einnahme aus der Reichseisenbahn­verwaltung, die 39,1 Millionen Mark gegen 36,04 Millionen für 1912 betrugen, haben den Voranschlag überschritten.

** Der Antrag ans Aufhebung deS Jrsmtengesetzes, den der Reichstag im Frühjahr dS. IS. angenommen hat, liegt, so meldet die ,Tägl. Rundschau' den zu­ständigen Ausschüsse» des BundeSrats zur Beschlußfassung vor. Der Bundesrat wird noch (!) in diesem Jahre zu dem neuerlichen Aufhebung-« antrag Stellung nehmen.

** Die Beschäftigung weiblicher Personen im Eisenbahndienst in ertoetieitem Umfange durch die beteiligten Diensfftellen hat, nach Berliner Blättern, zur Folge gehabt, daß auch vielfach schwächliche weib­liche Arbeitskräfte angenommen wurden, die den an sie zu stellenden Anforderungen sich nicht gewachsen fühlten. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat daher in einem jetzt ergangenen Erlaß darauf hin­gewiesen, daß bei der Annahme weiblicher Hilfskräfte nur gesunde und durchaus kräftige Personen zu berücksichtigen sind, die den Anforderungen auch in körperlicher Hinsicht in vollem Umfange genügen. Blutarme, bleichsüchtige oder nervös veranlagte Be-

Das Münchner KinöL

62] Roman von Felix Nabor.

Pirkheimer trat an das Fenster. Die Sonne war antergegangen und am Himmel zogen dunkle Wolken hin, geheimnisvoll und gespenstisch, wie wilde Strei- ter in zerfetzten Mänteln nach einer verlorenen Schlacht. Das war ein düsterer, unheimlicher Anblick. Pirkheimer wandte sich ab, entzündete die elektrische Krone und blätterte in einem Prachtbande. Aber seine Gedanken waren nicht bei den Bildern des tta- lienischen Meisters. Immerfort mußte er an Mar­guerite denken und wie es möglich sei, sie von diesem Hause zu lösen. — Scheidung? — O, er wußte, daß Heuberger fein Weib nicht frei gab, weil er sie liebte! >— Aber was sonst? Heimliche Flucht? — „Nein, nein, —" sagte er sich, „dazu biete ich niemals die Hand! Es wäre eine Schmach für das Haus meines Freundes und am Ende würde man sagen: ich hätte die junge Frau entführt! Davor aber soll mich Gott bewahren!'— Ich will noch einmal versuchen, Mar­guerite umzustimmen und sie mit ihrem Gatten zu versöhnen. Ach, warum habe ich mich in Diese un­selige Sache gemischt! Ich habe nichrs als Aerger und Verdruß davon und am Ende des Teufels Dank! Man soll sich nie zwischen Ehegatten stellen, sondern sie ihren Weg zu zweien gehen lassen! Die Rolle des Versöhners und Friedensstifters ist ja gewiß eine ideale Sache, aber sie kann zum . zweischneidigen Schwerte werden, das mich selber trifft! Ich wollte, ich könnte mich aus dieser unerquicklichen Sachlage lösen — aber c-3 ist zu spät. Beide halten mich fest, beide verlangen, daß ich ihnen meine Freundschaft beweise — beide muten mir Unmögliches zu. Denn wenn ich dem einen helfe, so hält mich das andere für falsch und treulos. Himmel, gib mir einen ret­tenden Gedanken ein, daß ich herauskomme aus die­ser Mausefalle."

Aber so sehr er auch sein Gehirn zermarterte — er fand keinen Ausweg und ärgerte sich darüber. Die Zeit wurde ihm lang und er vertiefte sich in die Silber der italienischen und niederländisch«» Mei­

ster. Darüber verging die Zeit und es schlug zehn Uhr, ohne daß Frau Marguerite kam. Nun wurde er unruhig und schickte sich zum Gehen an.

Aber da kam sie eben zurück. Sie war schnee­weiß im Gesicht, ihre Augen flackerten und ein Ztt- tern lief über ihre Gestalt. Ein irres Lächeln spielte um ihre Lippen und als sie den nächsten Schrill machte, taumelte sie. Er sing sie auf und geleitete sie zum Diwan. „Was ist Ihnen, Frau Mar­guerite?" fragte er erschrocken. „Sie sind so selffam!"

„Halten Sie mich fest," bat sie leise. „Ich falle, ich sinke —"

Er hielt ihre Hände und sie schloß einen Augen­blick die Augen und holte lange und tief Atem. Dann erhob sie sich blitzschnell, stand aufrecht vor ihm und riß mit so wilder Geberde ihr Gewand über den Armen entzwei, als ob sie Ketten zerbreche und von sich abschüttle. Und die Arme emporwerfend, rief sie mit einem Jubelschrei: „Jetzt bin ich frei! — frei! — frei!"

„Frau Marguerite", rief Pirkheimer, „was ist geschehen? Haben Sie mit Ihrem Manne geredet? — Hat er Sie freigegeben?"

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein — das nicht!"

„Aber wieso sind Sie dann frei?"

Wieder zuckte das irre Lächeln um ihren Mund. „O", flüsterte sie, „ich — habe — mich — selbst — frei — gemacht!"

„Wie denn? — Ich verstehe Sie nicht! — Was haben Sie getan?"

„Was ich tun mußte! — Was mir der Haß ein­gab

„Marguerite!" schrie er auf. „Sagen Sie mir die Wahrheit! — Mich packt eine entsetzliche Angst! — Was ist's mit Ihrem Gatten?"

Sie beugte sich zu seinem Ohr und flüsterte: „Er schläft! — Und es war eine höchst einfache Sache — drei Morphiumpulver auf einmal! — Er schläft so fest, — daß er nie mehr erwacht! — Mein Trouba­dour — wir fliehen! Auf, der Weg ist frei!"

Pirkheimer starrte sie voll Entsetzen an; er ver­mochte das, was er soeben vernommen hatte, nicht

zu fasten. „Das — ist — nicht — möglich!" stammelte er endlich, als er die Sprache toiebergefunben hatte.

„Doch — doch!" nickte sie.

„Frau Marguerite", stammelte er schreckensbleich, „das haben Sie getan? — Ich kann es noch immer nicht glauben —"

„Es ist so, mein Troubadour!"

Da kam ein gräßlicher Schrei aus seiner Brust. „Ich bin nicht Ihr Troubadour! — Ach, was fft ge­schehen! — Sie Schlange, Sie Tigerin! — Was haben Sie meinem armen Freund getan? Aber ich will ihn retten, ich eile zum Arzt —"

Mit einer Kraft, die er ihr nimmermehr zuge­traut hätte, hielt sie ihn fest und ein überlegenes, wildes, triumphierendes Lachen ausswßend, zischte sie ihm ins Ohr: „Zu spät! — Tausend Aerzte kön­nen ihn nicht mehr retten: er atmet nicht mehr!"

Mit zorniger Kraft machte er sich frei und schleuderte das unselige Weib von sich, daß es cm die Wand taumelte. „Ungeheuer! — Bestie!" rief er. „Wer hätte geahnt, daß sich hinter diesem schö­nen, süßen Gesichte so viel Bosheit und sogar Ver­brechen verbirgt? — Fürwahr — eine giftige Schlange! Mir graut vor diesem Weibe und ihrer Tat! Ach, ich Unglücklicher — meine Freundschaft wurde mir zum Verhängnis.

Frau Marguerite lehnte mit dem Rücken an der Wand, die gespreizten Finger schienen sich in die Tapete einzukrallen. Ihre Haare sträubten sich, die Augen waren starr und erschreckend weit geöffnet. „Was sind das für Worte, mein Troubadour?" flüsterte sie. „Ich verstehe sie nicht! — Ich habe falsch gehört! — Ich sagte doch — ich sei frei! — Ich will weg von hier — und du bist doch mein Troubadour! — Gib mir die Hand! — Nimm mich weg von hier! — Wir gehen ins Sonnenland." —

Sie löste die Hände von der Wand und streckte sie nach ihm aus, als ob sie ihn halten und fasten wollte. Er aber wich vor ihr zurück und rief: Zu­rück! — Ich habe nichts gemein mit diesem fürchter­lichen Weibe, mit dieser — Mörderin!" —

Zitternd an allen Gliedern, von Schrecken, Schmerz und Oual etfüHt, eilte er aus diesem unselige», un­

werberinnen, sowie solche mtt schwächlichem Körper­bau sollen daher grundsätzlich ausgeschlossen werden, Im übrigen hat sich die Beschäftigung weiblicher Per­sonen bei der Eisenbahnverwaltung mit einfachen zeichnerischen Arbeiten nach den kürzlich er^ statteten Berichten gut bewährt, sodaß in mehreren Direktionsbezirken eine Erhöhung der Zahl dieser Ar­beitskräfte in Aussicht genommen ist. Bei einer könig­lichen Eisenbahndirektion sind sie auch im Betriebs­büro mit gutem Erfolge beschäftigt worden. Im Hin­blick auf die gesammelten günstigen Erfahrungen empfiehlt der Eifenbahnminister den Eisenbahndirek­tionen, auf eine weitere Heranziehung weiblicher Per­sonen zum Zeichnerdienst auch im Betriebsbüro Be­dacht zu nehmen. In Bayern hat man gleichfalls gute Erfahrungen mtt weiblichen Beamten bisher gemacht, sodaß demnächst die Kanzlist en stellen bei den Effenbahndirektionen mit weiblichen Beamten besetzt werden sollen. Diese Beamtinnen werden als Bureaugehilfinnen aufgenommen und erhalten ein Tagegeld von 2,20 Mk., das sich nach Zurücklegung einer anrechnungsfähigen Dienstzeit von 18 Monaten auf 2,70 Mk. erhöht. Nach mindestens vierjähriger anrechnungsfähiger Dienstzeit folgt Anstellungsprü­fung. Die etatsmäßige Anstellung kann dann als „Bureauassistentinnen" mit einem Gehalt von 1200 bis 1800 Mk. erfolgen.

♦ Ein neuer Beitrag zur Reformbedürftigkeit der Militiirjustiz. In der „Köln. Volksztg." lesen wir; In Kiel stand ein ergrauter angehender Sech- z ig e r als Fahnenflüchtiger vor dem Ma­rinekriegsgericht. Der Mann beteiligte sich 1879 an der Expedition unter Kapitän z S. Heusner nach Südamerika zum Schutze der Deuffchen während des chilenisch-peruanischen Krieges. Als die ,^Hansa" unterwegs Colon besuchte, verschwand er am 12, April 1879 und entkam über Panama nach San Franzisko. Dort ließ er sich anmustern, und 34 Jahre lang befuhr er alle Meere der Erde. Mit dem Alter stellte sich das Heimweh ein. Am 18. Juli tauchte er plötzlich in Kiel auf und stellte sich der Beh örde. Die Verhandlung ergab, daß der ergraute, aber sehr rüstige Deserteur auf den Am­nestie-Erlaß des Kaisers zum Regierungsjubiläum teilweise feine Hoffnungen gesetzt hatte. Das Kriegs­gericht erkannte auf sechs Monate Gefängnis und Versetzung in die zweite Soldatenklaste. In den 34 Jahren, also einem Menschenalter, war dis Strafverfolgung nicht verjährt. Hätte der Mann einen ohne weiteres der Todesstrafe toürbige» Mord begangen, so hätte man ihm schon vor vier­zehn Jahren nichts mehr anhaben können, da die Strafverfolgung wegen Mordes in zwanzig Jahre» verjährt.

** Eingestelltes ErmittelungSversahreu. Das Er­mittelungsverfahren gegen den unbekannten Täter] der dm Wortlaut der elsaß-lothringische« Ausnahmegesetze an Pariser Zeitungen, den ,Temps' und den .Matiw, verraten hatte, ist jetzt ein­gestellt worden. Die Regierung, die durch den Staats­sekretär Frhrn. Zorn v. Bulach den Antrag auf Eilst leitung deS Verfahrens beantragt hatte, wollte be­kanntlich auf diese Weise den Namen des verräterischen Beamten ausfindig machen. DaS ist trotz der An, Wendung von ZeugniSzwangSmaßregeln nicht gelungen,

* Nürnberg, 28. Juli 1913. Der Prinzre­gent Leopold von Bayern ist mit seiner Ge­mahlin und vier Töchtern nebst großem Gefolge nach Nürnberg gereist, um der zweitgrößten Stadt des Landes nach seinem Regierungsantritt einen vier­tägigen Besuch abzustatten.

* Sasbach bei Achern (Baden), 28. Juli 1913, Das Befinden des Prälaten Dr. Lender hat sich weiter verschlimmert, der Kräfteverfall hat zug« nommm.

heimlichen Hause weg, in welchem sich das Verbre­chen eingenfftet hatte, und irrte planlos, leise weh­klagend, als ob ihn selbst ein Unglück getroffen hätte; durch die Stadt.

Marguerite stand wie zu Stein erstarrt; ihr Blick bohrte sich in die Türe, durch die er verschwunden war. Sie konnte es nicht fasien, daß er sie verlieh Ihre Gedanken verwirrten sich, der Atem kam pfeii send aus ihrer gequälten Brust. Das §erä Pochst in wilden Schlägen; in ihrer Brust tobte ein Schmerz, als hätte man ihr das Herz mit einem Speer durch­bohrt.

„Mein Troubadour — verläßt mich?" stöhnte sich „Das versteh' ich nicht! — Komm zurück! — Bring mich fort — ins Sonnenland — ich bin ja frei!" —< Ein wahnsinniges Gelächter brach aus ihrem Munde, vom Blitze getroffen brach sie zusammen, ftnsters Schatten umfingen ihren Geist. —■

Am andern Morgen sand man in Heubergers Hause einen Toten — und eine wimmernde, wahn­sinnige Frau! —

XV-

Mit allem Prunk, der einem so hervorragende» Bürger gebührte, wurde Joseph Heuberger begraben. Taufende befanden sich im Leichenkondukt, aber keiner ahnte das Geheimnis, das sie da in die Tiefe senkte».

Die beiden Söhne des Verstorbenen standen blaß am Grabe Max trug zum letzten Male die Uni­form, da ihm der schlichte Abschied bevorstand. Frau Marguerite fehlte; ihre Nerven waren so zerrüttet, daß sie in einem Sanatorium untergebracht werden mußte.

Pirkheimer hielt sich scheu vom Grabe fern. Als er aber doch herantreten mußte, um eine Scholle hinabzuwerfen, glaubte er, eine Totenhand streckte kich drohend aus dem Grabe hervor und nach ihm aus. Da toanfte er und mußte gestützt werden. Der Arzt, der Heuberger behandelt hatte, führte ihn weg und sagte: „Ruhe, Herr Professor! —- Ich glaube, daß Sie dieser Schlag hart getroffen hat. Aber e» ist das Beste so und Ihrem Freunde ist Wohl, weil ein Herzschlag ihn rasch hinwegnahm. Oder hatte» Sie es "ieber gesehen, wenn dieser Riese jahrelang als Krüppel gelebt hätte? — Ruh- Ruhe!"