Fuldaer Zeitung
Erscheint »glich mit Ausnahme der Sonn- und Zeiertage. vierte», jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Beslellgeld in Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsdruck und Verlag der - - Zuldaer tictiendruckerei in Zulda. Zemsprecher Nr. 9. ::
Nr. 172.
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Illustrierte Sonntagszeihmg i Zuldaer Seschichtsblütter
n Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan, rt
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Montag -en 28. 3uli 1913.
40. Jahrgang.
Je? Wer hälts am längsten ans?
Alle Friedensbücher, alle Friedensvereine, alle Friedenspreise, alle Friedenstempel im Haag können das Wettrüsten nicht aus der Welt schassen.
Das verlockende Bild der Abrüstung aus Gegenseitigkeit tauchte freilich vor einiger Zeit aus den Meeresivogen auf. Inzwischen ist aber der Gedanke einer vertragsmäßigen Beschränkung der englischen und der deutschen Kriegsschiffbauten wieder in nichts zerflattert. Der Marineminister in London hat seine schöne Rede über ein Weltfeierjahr auf den Werften wieder vergessen; er beschleunigt den Bau von drei bereits bewilligten Schiffen und hoftt, daß Kanada die drei beantragten Kolonialschiffe schließlich doch noch bewilligen werde, so daß England auf jeden Fall über das vorgespiegelte Verhältnis von 16 : 10 doch hinauskommen wird. Die liberale Regierung in London kann auch kaum anders handeln; denn sobald sie eine Schwächung in der Flottenrüstung zeigte, würde sie der Agitation der Gegner zum Opfer fallen.
Die Uebermacht zur See ist für das englische Weltreich die e r st e Sorge und die unbedingte Notwendigkeit. Für Deutschland steht die Abwehr gegen die englische Flottenmacht erst an z w e i t e r Stelle. Wir wollen weiter nichts, als unsere Flotte so stark machen, daß die Engländer das Risiko eines Angriffes scheuen. Eine so begrenzte Flottenlast können wir, wie die Erfahrung von 15 Jahren zeigt, ohne Schädigung unserer sonstigen Jnteresien und Pflichten aushalten. Daß die englische Flotte nicht in den Himmel wächst, dafür sorgt schon, abgesehen von der Geldfrage, die steigende Schwierigkeit in der Beschaffung der geeigneten Mannschaften.
Für uns bleibt immer das Landheer die Hauptsache. Da haben wir nun, um den neuesten Erschütterungen des europäischen Gleichgewichts Rechnung zu tragen, durch das jüngste Militärgesetz mit einem Schlage eine gewaltige Verstärkung der Wehrmacht zu Lande besorgt- Frankreich hat darauf mit der Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit geantwortet. Indem Frankreich fortan (wenigstens von 1915 ab) noch den dritten Jahrgang unter der Fahne behält, kommt es in der Friedenspräsenz dem deuffchen Nachbarn wieder nahe. Freilich nicht in der K r i e g s st ä r k e, d. h. in der Gesamtheit der ausgebildeten Mannschaften von fclddienstsäbigem Alter. Denn diese Gesamtzahl kann Frankreich beim besten Willen nicht weiter steigern, da es in dem kinderarmen Lande nicht so viele taugliche Rekruten gibt, als in Deutschland, wo die Bevölkerung bisher noch fruchtbarer ist.
Durch den Mangel an männlichem Nachwuchs ist den Franzosen beim Wettrüsten eine unübersteig- liche Schranke gezogen- Auch durch die Verlängerung der Dienstzeit läßt sich das nicht ausgleichen. Die zahlenmäßige Schwäche Frankreichs würde nun für uns eine E n t l a st u n g ermöglichen, wenn Deutschland allein mit Frankreich zu rechnen hätte. Aber das ist leider nicht der Fall. Wir sitzen in Mittel- europa eingekeilt und müssen uns also nach Osten ebensowohl sichern, als nach Westen. Das russisch-französische Bündnis, das noch immer in vollster Blüte steht und unter den Balkanwirren erst recht aktuell geworden ist, macht uns diese Pflicht handgreiflich klar. Daher ist die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht tnt Volke und im Reichstag sofort als Notwendigkeit erkannt worden.
Können wir das nun aushalten? Es handelt sich,einerseits um die Persönlichen Opfer, andererseits um die Aufbringung der Kosten.
Die persönliche Belastung drückt bei uns nicht so schwer, als in Frankreich. Hier zwei Jahre Dienstzeit, dort drei Jahre. Das dritte Jahr macht für
Das Münchner Kindl.
61] Roman von Felix Nabor.
„Nein, fo roh bin ich doch nicht, daß ich mich an einem schwachen Weibe vergreife", gab er zurück. „Aber ich werde nicht eher ruhen, als bis Du den Schmuck herausgegeben hast und schicke ihn dann sofort mit ein Paar Begleitzeilen zum Juwelier zurück. Oder, was noch einfacher ist, ich lasse den Juwelier zu mir bitten, so daß wir die Sache Persönlich ordnen können —"
„Nein, nein," rief sie zitternd. Sie schien ein- juschen, daß er bis zum Aeußersten gehen werde und fügte sich scheinbar seinen Wünschen. „Ich will den Juwelier nicht im Hause, müßte mich ja entsetzlich vor ihm schämen. Ich bin doch kein Kind. Willst Du mich vor fremden Leuten bloßstellen?"
„Nun gut — so gehe Du selbst! — Willst Du?" —
Ein rascher, feindseliger Blick, vor dem er erschrak, traf ihn. „Ja — ich — gehe!" kam es leise von ihren Lippen. Es schien, als würden ihr die Worte mit einer glühenden Zange entrissen, so weh und schmerzlich klangen sie.
„So ist's recht! Gib mir die Hand darauf!"
Sie tat es zögernd und erhob sich dann. „Nun geh! Ich will allein sein und mich sür den Ausgang umkleiden.
Heuberger humpelte langsam davon; ihm schien es, als trüge er Bleigewichte an den Füßen. Dieser Auftritt hatte ihn so erregt, daß er am ganzen Leibe zitterte; alles Blut drängte in ihm zum Herzen und zum Kopfe. Ein jäher Schreck befiel ihn und als er,mühsam sein Zimmer erreicht hatte, sank er tod- wüde in einen Sesiel. „Den Arzt!" schrie er dem Diener zu. „Rasch, den Arzt holen! —",
In seinem Kopfe summte es und während er zu Aette gebracht wurde, dachte er: „Sollte mich meine ti'tau belogen haben? — Sollte sie den Rubin Se ----?" Er stöhnte bei diesem Gedanken und er
innerte sich verschiedener Fälle von Kleptomanie bei grauen der besten Kreise, von denen seinerzeit die Hrefse berichtet hatte- Und seine Frau war krank, darüber konnte kein Zweifel sein. Ihr Nerberffystem
den Betroffenen und seine Familie ungeheuer viel aus. Daher fürchteten die französischen Gesetzgeber den gewaltsamen Ausbruch der Unzufriedenheit bei denen, die noch auf zweijährige Dienstzeit gerechnet hatten. In Folge dessen haben sie die Zurückbehaltung der alteren Jahrgänge auf drei Jahre hinaus- ?^schoben und wollen die Lücke füllen durch Hercck- etzung des Rckrutenalters, durch Einstellung der Zwanzigjährigen. Unter den französischen Verhält- nisien ist das gewagt. Die Leistungsfähigkeit der Eingestellten wird noch zweifelhafter, als sie schon war, und ob die Leute im dritten Dienstjahr zufrieden und fügsam sein werden, das muß noch abgewar- tet werden. Bei uns dagegen wickelt sich die Sache ganz einfach und ohne Störung ab. Es werden so und so viele Leute mehr eingestellt, aber die Eingestellten dienen unter denselben Bedingungen wie bisher. Die ausgleichende Gerechtigkeit gibt kein Anlaß zur Unzufriedenheit. Die persönlichen Opfer kann das Land bringen. Die einzige Zukunft s g e f a h r ist das Anwachsen der Kinder- scheu, der Rückgang der Fruchtbarkeit, worauf leider die sogen. Aufklärung und leider auch die Sozialdemokratie hinarbeitet.
Was nun die Geldfrage angeht, so werden auch die Gegner der neuen Deckungsgesetze zugeben müssen, daß diese Steuern doch noch erträglich sind. Die Franzosen sind über den Deckungsgraben noch nicht hinüber. Wenn unser Handel und Wandel in Frieden sich weiter entwickelt, so bringen wir das nötige Geld immer noch auf.
Also ist die Spekulation der Gegner auf unsere Erschöpfung aussichtslos. Wir halten's aus.
Deutsches Reich.
: Berlin, 27. Jnli 1913. Von des Kaisers Nordlandsfahrt wird aus Balestrand gemeldet: Der Kaiser besichtigte am Samstag die vom Gerüst befreite Fridjof-Statue, nahm über die einlaufenden Linienschiffe .Kaiser" und .Friedrich der Große" eine Parade ab und machte nachmittags bei schönem Wetter einen Spaziergang. An Bord ist alles wohl. — Im Auswärtigen Amte sand zwischen dem Staatssekretär v. Jagow und dem Botschafter Cambon ein Notenaustausch über die Regelung des Luftverkehrs zwischenDeutschland undFrank- reich statt.
* In die parlamentarische Untersuchnngskommisfion über die Militärvorlage sind vom Zentrum Die ÄErzberger und Speck durch ein Schreiben eichskanzlers berufen worden. Die erste Kommissionssitzung dürfte im Herbste lOktober) stattfinden.
X Zolltarif in den Vereinigten Staaten und deutscher Haudelstag. Die Verhandlungen über ein neues Zolltarifgesetz in den Vereinigen Staaten von Amerika haben, wie wir in der „Voss. Ztg." lesen, den Deutschen Handelstag veranlaßt, die auf Aende- rung der Zollverwaltungsbestimmungen gerichteten Wünsche deutscher Exporteure durch Befragung seiner Mitglieder sestzustellen. Die darauf dem Deutschen Handelstaa übermittelten Wünsche beziehen sich zum Teil auf die bisher geltenden Bestimmungen, zum Teil auf die Zollverwaltungsbestimmungen der neuen Zolltarifvorlage. Insbesondere ist Widerspruch erhoben worden gegen die Bestimmungen, die eine Erweiterung der Verpflichtung zur Vorlage der Geschäftsbücher zum Zweck der Ermittelung des Wertes der cinzuführenden waren, darstellen, und gegen das Einfuhrverbot, das auf Waren von Firmen, die den Zollbehörden nicht die gewünschten Mitteilungen über Herstellungskosten usw. machen, verhängt werden soll. Das Ergebnis dieser Erhebungen ist dem Reichskanzler in Newyork überreicht worden mit der Bitte, auf die Erfüllung der darin enthaltenen Wünsche nach Möglichkeit hinzuwirken. — Der deutsche
war überreizt, ihre krankhafte Vorliebe für seltene Juwelen war ihm wohlbekannt — und so tag die Vermutung sehr nahe, daß sie auf unerlaubte Weise in den Besitz des Rubins gelangt war.
„Gerechter Gott!" stöhnte er, „erspare mir diese Schande! — Morgen, wenn mir besser ist, will ich den Juwelier doch rufen lassen und die. Sache ordnen. Jetzt ist es mir nicht möglich — ich ersticke, ich verbrenne! — Oh —!"
Da schwanden ihm die Sinne.
In der Dämmerung kehrte Frau Marguerite nach Hause zurück. Sie war blaß und müde, dunkle Ringe umgaben ihre Augen und der Blick hatte etwas Katzenartig-Lauerndes. Ohne mit jemanden ein Wott zu reden, legte sie Hut und Mantel ab und begab sich in ihr Budoir. Hier Preßte sie die Keinen, weißen Fäuste an die schmerzenden Schläfen und stöhnte: „Es ist gräßlich! — Er, mein Tyrann, kennt mein Geheimnis, er allein! — Und wenn er morgen den Juwelier kommen läßt, kommt es an den Tag! — Aber er soll ihn nicht haben, den herrlichen Rubin, und er soll auch den Juwelier nicht kommen lassen, dafür werde ich forgen! —
Sie warf sich auf den Diwan, zog den Rubin aus ihrem Busen und herzte und küßte ihn. Dann verbarg sie ihn wieder.sorgfältig, vergrub ihr Gencht in den Händen und brütete vor sich hin, bis das Klingeln der Hausglocke sie auffchreckte.
Professor Pirkheimer wurde gemeldet und sie ging, ihn im Salon zu empfangen. Er bemerkte ihre Blässe und fragte: „Sind Sie krank?"
All ihr Zorn und Haß, alle Unzufriedenheit und aller Grimm brachen aus ihr hervor. „Ist es denn ein Wunder, daß ich krank und elend bin," rief sie, „da ich gezwungen bin, in einer Hölle zu leben? — Mein Leben ist vergiftet und ich gehe hier zugrunde. Und wenn ich daran denke, daß dieser Zustand noch 2 re lang fortdauern kann, so erfaßt mich Berzweff-
J-"
„Steht es denn so schlimm? — Heuberger wird sich wieder erholen, wird gesund werden —"
Sie sah ihn mit geisterhaften Blicken an. „Erholen?" rief sie. „Nie mehr! ■— Und gesunden? —•
Botschafter in Washington hat daraufhin dem deutschen Handelstag mttgeteilt, daß er die ihm übermittelten Anträge der deuffchen Handelskammern bereits nach Möglichkeit verwertet habe und daß dies auch fernerhin geschehen werde.
* Der starke Bedarf an Offizieren für die Neuformattonen des 1. Oktober veranlaßt, wie die „Mil.- pol- Korrespondenz" berichtet, das Militär-Kabinett, in umfangreicherem Maße, als dies für gewöhnlich geschieht, auf den B e u r l a u b t e n st a n d in der Auffüllung der Lücken zurückzugreifen. So sind jetzt schon durch Kaiserliche Kabinettsorder vom 19. d. M. 14 Offiziere der Reserve, der Landwehr und des inaktiven Dienststandes auf vorläufig ein Jahr zur Dienstleistung bei verschiedenen Truppen, teilen kommandiert worden. Sieben davon gehören der Kavallerie, drei der Infanterie, zwei der Artillerie, je einer den Luftschiffern und dem Train an. Aehnliche Befehligungen und spätere Ueberführungen in die Aktivität der Offizierkorps stehen für die nächsten Monate in noch größerer Zahl in Aussicht.
* Rückgang drr Mißhandlungen im Heere Während im Jahre 1896 noch 743 Offiziere und Unteroffiziere wegen Soldatenmißhandlungen bestraft worden sind, brauchten im Jahre 1912 nur noch 225 solcher Bestrafungen einzutreten. Ihre Zahl ist also auf ungefähr ein Drittel zurückgegangen; der verhältnismäßige Rückgang ist aber selbstverständlich noch größer, weil inzwischen die Zahl der Soldaten ganz erheblich gewachsen ist.
-j- Die Massenstreikdebatte hat natürlich dem Reichs- und Landtagsabgeordneten Dr. Karl Liebknecht keine Ruhe gelassen; er, der sich für den tüchtigsten aller Genossen hält, muß doch zum mindesten seine Weisheit über den Maffenstreik ausgraben. Und Dr. Karl Liebknecht weist im „Vorwärts" nach, daß in Deutschland die Notwendigkeit des Massenaufstands fast überall anerkannt ist und daß im nächsten Winter mit einem Maffenaufstand zur Erringung des Reichstagswahlrechts in Preußen zu rechnen ist. Dr. Liebknecht sagt:
„Es fragt sich für den preußischen Wahlrechtskampf schon längst nicht mehr: ob Maffenausftand, sondern nur noch: wann und unter welchen Bedingungen?" Jedenfalls dürfe „keine Art des Massenstreiks unternommen werden, ohne die Bereitschaft des sofortigen UebergangS zum rücksichtslosen MederwerfungSausstand, falls die Situation dazu im Kampf erwächst. Die Entschlossenheit zum ganzen großen Generalausitand muß hinter jeder Form des Maffenausstandes stehen."
Liebknecht wirft schließlich die Frage auf, ob die Voraussetzungen für einen Massenaufstand heute bereits vorhanden sind. Seine Antwort lautet: Gewiß noch nicht in diestr Stunde. Aber sie werden, wenn nicht alle Zeichen trügen, bald vorhanden sein. Möglich, daß eine Krffe bevoffteht, möglich, daß sie zur vorläufigen Zurückhaltung nötigt, möglich, daß sie gerade in Verbindung auch mit den Zollkämpfen den Ausbruch eines Massenausstandes erleichtern wird. Jedenfalls wird der kommende Winter Ereignisse zeitigen, an die sich ganz von selbst eine neue Wahlrechtsbewegung knüpfen wird. Daß es zum Kampfe kommt, ist gewiß. — Zur Vorbereitung dieses Kampfes fordert Dr. Liebknecht die Einberufung eines preußischen Parteitages für nächsten Herbst. Denn „kommt mit der Eröffnung des Landtages der kritische Moment, so muß alles klar zum Gefecht sein."
Ausland.
** Der Bankerott Böhmens. Bekanntlich hat die Obstruktion der Deutschen im böhmischen Landtag die ganze Selbstverwaltung des Kronlandes Böhmen lahmgelegt, die Ausschreibung und Erhebung der Steuern verhindert und die Hilfsquellen de? Landes
Tas wäre gräßlich! — Nein — er wird lebenslang ein häßlicher Krüppel bleiben und ich, das junge, schönheitsdürstende Weib, bin an ihn wie mit Eisen geschmiedet. Nein nein nein — das ertrage ich nicht! Tas macht mich wahnsinnig! —" In jäh ausbrechnedem Paroxysmus schrie sie laut auf, warf die Arnre empor und schlug ihre Finger gleich Krallen in ihre nachtschwarzen Haare.
Pirkheimer blickte sie bestürzt an. „Was sagt denn der Arzt?" fragte er?
Sie zuckte die Schultern und löste langsam ihre Finger aus dem Haar. „Nichts Bestimmtes," er- widette sie. „Der Kranke kann noch jahrelang hinsiechen, bts seine Kräfte aufgezehrt sind — und davor graut mir! — Es kann aber auch sem, daß ihn eine einzige Nacht hinwegrafst."
Erregt ging sie im Salon auf und ab, wobei sich ihre Erregung von Minute zu Minute steigerte. „Jetzt naht wieder die enffetzliche Stunde, da ich zu ihm muß! — Ich werde wieder all die abscheulichen Gerüche seiner Salben und Oele, mit denen seine halblahmen Glieder eingerieben werden, Einatmen und es wird mir übel werden. Er wird mich mit seinen feuchten Händen erfassen oder gar meine Hand an seine geschwollenen Lippen führen! O, das ertrage ich nicht länger! Daran ersticke ich! — Warum hat mich das grausame Schicksal an diesen fürchterlichen Menschen geschmiedet, den ich hasse wie den Tod! — Was geht mich dieser Krüppel an? Trage etwa ich die Schuld an seiner abscheulichen Krankheit und an all der häßlichen Not, die über dieses verfluchte Haus gekommen ist? — Nein, ich stehe diesem Menschen ferne, bin ihm fremd, habe nichts mit ihm zu tun. Ich gehöre nicht hierher — ich will fort, in die Freiheit! — Dorthin will ich, wo die Freude blüht und das Leben seine bunten Wellen schlägt! — Sonne will ich, Sonne! — Ach, mein Freund, Sie einziger Getreuer, den ich besitze, führen Sie mich weg aus diesem Hause, führen Sie mich in das Sonnenland der Freude, des Glückes — heute noch, heute!"
„Aber Frau Marguerite," rief Pirkheimer erschrocken, „was fällt Ihnen ein? — Fliehen? —■ Tas geht doch nicht. Bedenken Sie den Skandal, die Folgen!"
auf die staatlichen Zuschüffe beschränkt. Mehrere Jahre hindurch hatte der Landesausschuß gegen d«, Willen der deutschen Beisitzer, die einfach überstimmt^ wurden, durch Anleihen die Mittel beschafft, die zur! notdürftigsten Aufrechterhaltung der Landwirtschaft! erforderlich waren. Damit ist es jetzt auch zu Ende und so wird Anfang August der Augenblick kommen, wo die böhmischen Landeskassen völlig leer sein werden. Die amtliche Wiener Zeitung veröffentlicht nun ein kaiserliches Patent, in dem die Aufhebung der Selbstverwaltung des Königreiches Böhmen ausgesprochen wird. Die Verfügungen der Krone umfassen: l.DieEinsetzung einer kaiserlich.Verwaltungs« kommission unter gleichzeitiger Suspendierung der Tätigkeit des LandesauSschusfes. 2. Die Auflösung des böhmischen Landtages. 3. Die Ermächtigung zur Erhöhung der Landessteuern, speziell der Biersteuer.
△ Die Schulfrage in Luxemburg. Der Bischof von Luxemburg hat an den Generaldrrektor des Unterrichts ein längeres Schreiben gerichtet, in welchem er dagegen protestiert, daß der Religionsunterricht von der Liste jener Fächer gestrichen wurde, in denen die Schüler bei der Aufnahme in die mittleren Lehranstalten geprüft werden. Der Bifchof schreibt, daß in dieser Maßnahme eine durch nichts gerechtfertigte Antastung der Würde und der Bedeutung zu erblicken ist, welche die Religion in den mittleren Lehranstalten haben muß. Welches Vertrauen könne die katholische Bevölkerung in die Erziehungsarbeit einer Anstalt haben, an deren Schwelle von einer Prüfung in der Religion nicht mehr die Rede sein wird? Der junge Schüler muß notwendigerweise die Ueberzeugung gewinnen, daß die Religion nur eine Nebensache ist, über die man leicht hinweggehen kann. Der Bischof erörtert sodann die Folgen eines derartigen antireligiösen Verhaltens und ersucht, die getroffenen Maßnahmen rückgängig zu machen.
* Der Volksverri» sür Die Katholiken Italiens macht in einem kraftvollen Aufruf auf den systematischen Verleumdungsfeldzug der geheimen Gesellschaften gegen Priester und Ordensleute aufmerksam. Von ,Varazze' bis .Cefalttt werden eine ganze Reihe von typischen Fällen aufgezählt. Die Katholiken werden um weiteste Verbreitung der entsprechenden Abwehrblätter des Volksvereins gebeten.
** Die Landresorm in Irland. Neben der Selbstverwaltung für Irland ist noch ein anderes großes Reformwerk zugunsten der Iren im Gange, ein Werk, das nichts anderes ist als der Versuch einer Wiedergutmachung der Ungerechtigkeiten früherer Zeiten. Im Unterhause hat Staatssekretär Birrell eine Vorlagt eingebracht, die 1200 Millionen Mark für Landkäufe in Irland fordert. Es ist die Politik des Kleingrundbesitzes, die den irischen Landwirten zu ev träglichen Bedingungen Landparzellen zur Verfügung stellt. Bis jetzt war das Land in überwiegendem Maße im Besitze großer Herren aus England, nicht zum wenigsten protestantischer Ulstermen. Die Regierung kauft das Land und bezahlt zur Hälfte in bar, zur Hälfte in Aktien. Für die Landreform in Irland sind insgesamt 2000 Millionen Mark erforderlich ge«, wesen. Das ist eine gewaltige Summe, sie ist aber auch ein Maßstab sür die Größe des schreienden Unrechtes, das den Bewohnern der grünen Insel widerfuhr. Zu Hunderttausenden wurden sie verarmt nach Amerika und Australien getrieben, wo sie ihre VolkSkraft unter freiheitlicher Gesetzgebung betätigen konnten und heute das Mark neuer Nationen bilden. Diese ausgewanderten Iren hängen aber an ihre, Heimat, und zu ihrer Befreiung haben sie von ihrem erworbenen Besitz schon Millionen hingegeben.
** Tie Unruhen in Süd-China. Nach amtlicher Meldung haben die Nordtruppen H s ü d z h o w f o eingenommen. Auf das Ergreifen des Generals Hunanghtng sei er tot oder lebendig, soll eins
Sie blickte ihn fast verächtlich an. „Ach, was sind die Männer Feiglinge!" rief sie. „Sie wollen mir nicht behilflich fern, aus diesem Hause zu fliehen? —> Nun, so muß eben das Weib handeln! !— Denn frei werden will ich um jeden Preis! — um jeden Preis!"
Sie setzte sich auf den Diwan und starrte vor sich htn.
„Was wollen Sie tun?" fragte Pirkheimer be- S, ängstlich und leise; aber sie gab ihm keine
»ort-
Effi als die Krankenschwester in der Türe erschien, hob sie das Gesicht.
„Der Herr Kommerzienrat läßt die gnädige Fra« zu sich bitten," sagte die Schwester.
Marguerite erhob sich langsam; ihre Augen schienen zu glühen, ihre Bewegungen hatten etwas Unnatürliches, Automatenhaftes. „Ich —■ komme!" sagte sie mit tonloser Stimme.
„Wie geht es dem Kranken?" fragte Pirkheimer die Schwester.
„Nicht gut," erwiderte diese. „Ein leichter Schlaganfall raubte ihnt die Besinnung, aber den Bemühungen des Arztes gelang es, der Schwäche Herr zu werden. Nun sind feine Sinne klar und er verlangt nach der gnädigen Frau, daß sie ihm den Schlaftrunk reiche. Er braucht Ruhe —"
„Geben wir'" sagte Frau Marguerite zu der Schwester „Ich bestehe darauf, daß Sie sich jetzt sogleich niederlegcn und bis zum Morgen ruhen —"
„Aber gnädige Frau! —"
„Keine Widerrede! — Ich will es. Sie sollen Ihre Kräfte nickt unnötig aufrerben. Ich werde bis Mitternacht wachen und dann soll nti_r der Diener ablösen. Wenn es nötig ist, mag er Sie wecken ■—"
Die Schwester ging und Marguerite sagte zu Pirkheimer: „Wenn er die Medizin genommen^hat, komme ich zurück Erwarten Sie mich auf alle Fäll- hier — wollen Sie?"
„Wenn Sie es wünschen — gerne!"
„Ich komme bald! —"
Lautlos schwebte sie hinaus und die Türe schloß sich hinter ihr..--
(Fortsetzung folgt.)'