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Fuldaer Zeitung

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40. Jahrgang.

Donnerstag den 24» 3uli 1913»

€rfte$ Blatt.

Flr. 169»

+ Der Streik der Werftarbeiter.

Auf den großen Werften an der nördlichen Wasserkante befinden sich seit einigen Tagen die Ar­beiter in einer immer weiter um sich greifenden Streikbewegung, die besondere Beachtung ver­dient.

Der Sachverhalt ist kurz dieser: Nach längeren erfolglosen Verhandlungen zwischen den sozialdemo­kratisch organisierten Arbeitern und den Werftleitun­gen haben die Zentralvorstände der Arbeiterorgani­sationen den Arbeitgebern formulierte Forderun­gen überreicht und die Arbeiter gleichzeitig zur Fortsetzung der Arbeit aufgefordert. Diese haben jedoch trotz der Weisung der Verbandsleitung die Arbeit niedergelegt, worauf die Vor­stände des Metallarbeiterverbandes, des Holzarbeiter­verbandes, des Fabrikarbeiterverbandes, der Ver­bände der Kupferschmiede, Schiffszimmerer, Maschi­nisten, Heizer, Maler und Lackierer eine Erklärung veröffentlichten, in der sie jede Verantwor­tung für die wilden Streiks ablehnten und ausdrücklich betonten, daß durch das Verschulden der Mitglieder die Bewegung schon jetzt auf einem Punkt angelangt sei, wo sie zu einem erfolgreichen Ende nicht mehr geführt werden könne. Nichtsdestoweniger zieht die Streikbewegung immer größere Kreise.

Da fragt sich nun ein jeder, der in der Gewerk­schaftsbewegung nicht ganz Laie ist, wie es nur möglich sein kann, daß wohldisziplinierte Arbeiter gegen den Willen ihrer Leitungen in einen Ausstand treten. Da bleibt nur eine zweifache Erklärung: entweder sind die Arbeiter davon überzeugt, daß die Leitung nur zum Scheine und vorläufig die An­erkennung des Streiks versagt oder aber den sozial­demokratischen Organisationsvorständen sind die Zügel aus den Händen gerisien worden, sie werden die Geister nicht mehr.los, die sie einmal ge­rufen haben. Wahrscheinlich ist das letztere der Fall, denn die maßlose Agitation der letzten Zeit für den Massenstreik, die Aufmunterung, die die Arbeiter in einem großen Teil der sozialdemokratischen Presse finden, sind nur zu sehr geeignet, die Arbeiter blind zu machen und sie zu einer Kraftprobe zu veranlas­sen. Die „Leipziger Bolkszig." hat bereits entschie­den für die Arbeiter gegen die Organisationsvorstände Stellung genommen und hält diesen ihre Verpflich­tung vor, selbst die Fahne aufzunehmcn und sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Wo 40—50 000 organisierte Arbeiter in Frage kämen, da dürsten die Paragraphen nicht zu ehernen Fesseln werden.

Durch die Nichtanerkennung des Streiks von fei­ten der Vorstände wird von der kompetentesten Stelle aus zugegeben, daß der Streik ungerechtfer­tigt ist. Um so schwerer ist darum die Verantwor­tung, die auf jene fällt, die die Arbeiter in den Streik hineingehetzt haben. Arbeitermassen lassen sich nicht mehr von der Durchführung dessen zurückhalten, was man ihnen Wochen- und monatelang als ihr gutes Recht gepriesen hat; der Werstarbeiterstrcik ist ein neuer Beweis dafür, daß revolutionäre Bewegungen nicht im letzten Augenblick zurückgedämmt werden können, daß sie vielmehr über die Kövfe der Führer hinweg strömen und diese mit sich reißen.

* Die Sozialdemokratie als Freundin der kleinen Leute.

Nach sozialdemokratischer Behauptung schöpfen bei unserer Wirtschaftspolitik die großen Besitzer das Fett von der Suppe, während die kleinen Bauern nichts davon hätten. Da sollte man nun wirklich glauben, die Sozialdemokratie würde e§ sich ange­legen sein lassen, für die „Kleinen" ebenso zu sorgen, wie es angeblich von anderer Seite für die „Großen" geschehen ist. Mer weit gefehlt. Sobald es sich

Das Münchner Uindl.

48] Roman von Felix Nabor.

Eine Sekunde lang schwieg Ludwig beklommen. Dann sagte er: „Wenn die Staatsanwaltschaft aus Zweckmäßigkeitsgründen nicht von einer Strafanzeige wegen Betrugs absieht, so trifft ihn das gleiche Los -- wie Herrn v. Pulling! — Zuchthaus!"

Heuberger begann zu stöhnen. „Nein, nein — das — darf — nicht — sein!"

„Dein Zeugnis steht noch aus, Vater! — Wenn du vernehmungsfähig bist, werden die Richter hier er­scheinen. Von deiner Aussage hängt Maxens Schick­sal ab. Man wird an dich die Frage richten, ob der Name auf den Wechseln wirklich deine eigenhändige Unterschrift ist."

„Ja, ja — ich werde — Ja sagen!"

„Aber es ist Unwahrheit! — Du hast die Wechsel nicht unterschrieben!"

„Wer — weiß — denn — das? — Doch, ich habe — sie unterschrieben! — Max — muß — gerettet — werden!"

„Bedenke auch die Konsequenzen deiner Aussage, Vater. Wenn du deine Unterschrift anerkennst, so übernimmst du damit auch die Verpflichtung, die Wechsel emzulösen —"

„Ich — löse — sie — ein!"

„Aber ist sind, alles zusammengenommen, gegen 300 000 Mark!"

„Und — wenn — mein — Vermögen — darauf­geht: ich bezahle! — Max — muß — gerettet — werden! — Wenn nur — unser Name — rein bleibt! — Wenn nur — unsere Ehre — gerettet wird! — Mache soviel Geld — flüssig, als du — kannst — und zahle — zahle! — Tu es mir zulieb, Ludwig!" _

Heubergers Rechte umspannte die Hand^ seines Sohnes, zwei Tränen rollen ihm über die Wangen. Ludwig war erschüttert. Ihn erbarmte des gebroche­nen Riesen und er sagte: „Dir zuliebe, Vater, werde ich alles ordnen! — Aber was soll mit Max werden? Er wird ohne Zweifel aus der Armee ausgestoßen

.werden — das ist noch die mildeste Strafe."

darum handeft, den kleinen Leuten praktisch zu Helsen, hört die sozialdemokratische „Freundschaft" auf. Wenn die kleinen Leute um den Schutz ihrer Existenz bitten, dann werden sie von den Sozial- deniokraten als ebenso „unverschämt" und „habgie­rig" verschrieen wie die „Großen".

Für diese seltsame „Freundschaft" können wir nun wieder ein besonderes Beispiel verzeichnen. Es handelt sich diesmal um die Gemüsebauern. Ter Gemüsebau wird bekanntlich in der Hauptsache von den kleinen und kleinsten Leuten betrieben. Damit die Sozialdemokratie dies nicht nachher wieder be­streitet, wollen wir hierfür gleich ein einwandfreies Zeugnis anführen. Am 19. April schrieb nämlich die „Frankfurter Zeitung": „Der Gemüsebau ist ganz überwiegend Bauernbetrieb." Das freisinnige Blatt stützt sich dabei auf die Erhebungen von Prof. Petersilie über den feldmäßigen Gemüsebau in Preu­ßen und betont schließlich: - „Stützt sich somit die Er­zeugung feldmäßig gewonnener Gemüsemengen über­wiegend auf die bäuerlichen Betriebe, so liefern unsere Zahlen weiter den beachtenswerten Nachweis, daß dir kleinen und kleinsten Wirtschaften im Verhältnis zu ihrer Ackerlandfläche den feld­mäßigen Gemüsebau am stärksten in ihren Be­trieb aufgenommen haben, und somit an diesen Kul­turen em starkes einzelwirtschaftliches Jnteresie be­sitzen." Dabei ist noch besonders zu bemerken, daß es sich hier nur um den feldmäßiqen Gemüsebau bandelt. Das BW würde sich noch viel mehr zu Gunsten der Kleinen und Kleinsten verschieben, wenn auch der gartcnmäßige Gemüsebau noch mst herangezogen würde.

Diese kleinen Gemüsebauern hatten nun in Bres­lau auf einer Versammlung den Schutz ihrer Pro­duktion beantragt. Wir wollen hier nicht in eine Erörterung dieser Frage eintreten, stellen aber fest: Kaum hatten sie diesen Wunsch ausgesprochen, da fällt auch schon die gesamte sozialdemokratische Presse mit gewaltigem Schimpfen über sie her. In einem Artikel, „Der Beutezug der Gemüsebauern", der die Runde durch die ganze rote Presse macht, werden die Konsumenten gegen die „unverscbämten" Gemüse­bauern aufgebeht. Sobald die kleinen Leute den Schub ihrer Produktion beantragen, dann ist den Sozialdemokraten kein Schimpfwort stark genug. Die sozialdemokratische „Dortmunder Arbeiterzeitung" nannte am 16. Mai 1911 die Gemüsebauern sogar „Raubaesellcn" und die „Unverfrorensten unter dem agrarischen Räuberpack".

So sieht die sozialdemokratische „Freundschaft" ge" genüber den kleinen Leuten in Wirklichkeit aus.

deutscher Keich.

** Berlin, 23. Juli 1913. Die schwedischen Marineoffiziere haben mit Erlaubnis ihres Königs beschlos' m, dem deutschen Kaiser am 3. September aus Anlaß seiner 25jährigen Zuge- börigkeit zur schwedischen Marin' einen Ehren- fabel zu überreichen. — Der Minister für Land­wirtschaft, Domänen und Forsten, Dc. Frhr. von S ch o r l e m e r, ist mit Urlaub nach der Nheinpro­vinz abgereist.

+ Zur Sparsamkeit hat kürzlich das vreußisrbe Finanzministerium wieder einmal aufgefordert. Alle Ausgaben, die als einmalige und außerordentliche für den neuen Etat in Betracht kommen, sollen möglichst eingeschränkt werden. Dementsprechend sind auch in den einzelnen Restarts entsprechende An­weisungen erlassen, nach denen möglichste Zurück­haltung in dieser H'nsickit beobachtet werden soll.

* Keife Auton ob lsteuer Wie Berliner Blätter erfahren, Dürfte die Annahme, daß eine Automobil- steuer eingeführt werden solle, nicht zutreffen. Die Ermittelungen, mit denen die Oberpräsidenten beauf-

„Rette ihn, daß er — sich kein Leid — antut!" Schwer sank das müde Haupt in die Kissen und die schmerzenden Lider schlossen sich: er war am Ende seiner Kraft. Nur die zuckenden Lippen stammelten leise noch einmal: „Rette — ihn!" Und die ganze große Liebe des Vaters für den verlorenen Sohn durchzitterte diese Worte.

Ludwig überließ den Kranken der Obhut des Arz­tes und der Pflege der Krankenschwester. und ging, um die unerquickliche Angelegenheit endgültig zum Abschluß zu bringen.

Mar Heuberger wurde gegen hohe Kaution auf freiem Fuße belassen, obwohl er sich im Anklagezu­stand befand. Der schöne, lebenslustige Offizier hatte den früheren federnden Schritt und sein stolzes Selbstbewußtsein verloren und ging nun gedrückt und sorgenvoll, als ob ein Berg auf ihm laste, durch die Stadt.

Eines Tages ging er durch den Hofgarten. Die Bäume standen im vollen Schmuck des Laubes, der Rasen grünte, die Springbrunnen rauschten, die Blu­menbeete sprühten in leuchtenden Farben, die Tau­ben pickten die hingeworfenen Körner auf — und drüben erhob sich ernst und feierlich das Residenz­schloß!

Auf dem großen Balkon hatte er vor wenig Wo­chen den greifen Herrscher stehen sehen und freudig sein Honneur abgegeben. Heute konnte er seinem Kriegsherrn nicht mehr offen in die Augen sehen, mußte den Blick niederschlagen, weil er schuldig uni ein Verbrecher war! — Und wie lange noch, dann riß man ihm den Rock des Königs, dies Ehrenkleid, vom Leibe, weil er unwürdig war, es zu tragen! —

Himmel, wie tat das wehe! Wie brannte die Schuld auf seiner Seele! Weinen — ober sich peit­schen hätte er mögen, weil er so ein schlechter Kerl ge­worden war! — Juoend, Ehre, Karriere — alles da­hin! — Alles vergeudet und verspielt um das arm­selige Linsengericht verbotener Freuden! — Wenn man nur all das Häßliche abschütteln und vorn an­fangen könnte, als ein neuer, reiner und freier Mensch! Aber es war zu spät, zu spät! —

tragt wurden, verfolgen den Zweck, Material über die Klage der Wegebaupflichtigen, über Benutzung der Wege durch Kraftwagen beizubringen und stehen mit (Steuerplänen in keinem Zusammenhang.

— Eine neue Aktion zur Flottenvermehrung. Kaum ist das ungeheure Opfer der Bewilligung der großen Heertövri lagen vorn deutschen Volke voll­bracht, und schon sind gewisse Leute am Werke, die nächste Flottenvermehrung vorzubereiten. Schon auf der jüngsten Hauptversammlung des Deutschen Flortenvercins in Bremen wurde unsere Auslandsvertretung als nicht ausreichend bezeichnet und eine entsprechende Verstärkung der deurschen Kriegsflotte gefordert. In dem foeben erschienenen Jahresbericht des Vereins Hamburger Reeder finden wir die Forderung wiederholt. In dem Be­richt wird zunächst der großen Zufriedenheit über die Entwickelung der deutschen Kriegsmarine Ausdruck gegeben, und es wird sogar die Notwendigkeit betont, daß die deutschen Reeder dem Kaiser für sein Ein­treten für die Wehrmacht Deutschlands zur See oank- bar seien. Es wird ausdrücklich festgestellt, daß da­durch dem deutschen Volke eine ungeahnte Entwicke­lung der wirtschaftlichen Kräfte zur See erwachsen ist. Schritt haltend mit der Entwickelung der industriellen Tätigkeit unseres Vaterlandes habe der deutsche Seehandel auf der Grundlage einer folgerichtig ausgebauten Handelsflotte und gestützt auf die unter der maßgebenden Anregung des Kai­sers geschaffene Kriegsmarine, seinen Einfluß über die ganze Welt ausdehnen können. Das sind sehr schöne und sehr wahre Worte. Allein es heißt weiter:

.Das ureigene Werk Kaiser Wilhelms IL, die deutsche Kriegsflotte, sollte in höherem Maße, als dies in den letzten Jahren der Fall gewesen ist, ihrer wirtschaftlichen Auf­gabe dadurch gerecht werden, daß sie weit häufiger und repräsenlierl durch starke Einheiten in den zulunjtsreichen überseeischen Gebieten ihre Flagge zeigt. Bei den starken und erfolgreichen Anstrengungen, die andere Mächte in dieser Beziehung machen, wird das Deutsche Reich diese wichrige friedliche Aufgabe seiner Wehrmacht zur See nicht remacbläifiqen dürfen."

Die „Tägliche Rundschau", ebenso das Organ des Alldeutschen Verbandes wie des Evangelischen Bun- des, ist ganz der Meinung, wie sie in obigen Aus­führungen ausgesprochen ist. Das Blatt ist schon davon überzeugt, daß die Regierung diesen Wünschen sehr gerne Rechnung tragen würde, wenn das ohne eine allzu große Schwächung der Heimatflotte mög­lich wäre. Aber da steht als Gespenst England im Hintergründe, welches, wie das mit besonderem Nachdruck gerade jetzt wieder anläßlich der großen englischen Flottenmanöver sich zeigt, in der Nordsee eine Flottenmacht unterhält, die der unseren doppelt und dreifach überlegen ist. Infolgedessen muß Deutschland sich in der maritimen Auslandsvertre­tung Beschränkungen auferlegen. Die „Tägliche Rundschau" folgert aus dieser Sage der Dinge zweier­lei: Entweder müssen wir zu einem vertrauensvollen Verhältnis mit England zu gelangen suchen, was bekanntlich nicht allein von uns abhängt, oder aber — wir müssen mehr Schiffe bauen. Und da kommt es freilich auf die Bewilligungsfreundlich­keit des Reichstages an, die nach den schweren Opfern, die soeben erst dem Volke für Rüstungszwecke auferlegt wurden, für die nächste Zukunst nicht son­derlich hoch zu veranschlagen sein dürfte. Wir glau­ben. daß die „Tägliche Rundschau" den DeutsLen Reichstag ganz richtig einschätzt. Die Herren vom Flottenverein und vom Reederbund sollten ihre Wünsche der Oeffentlichkeit nicht eher unterbreiten, als bis sie zugleich Vorschläge für die nötige Deckung machen können. Die Regierung des Reiches und die Parteiführer haben zwar die Wieder­holung des einmaligen Wehr beitrags abgelehnt, aber das schließt unseres Erachtens nicht aus, daß man einen einmaligen Flotten beitrag ins Auge faßt, der etwa nach dem Tonnengehalt der Handels-

Unb niemand war da, der Rat erteilte, der Hilfe brachte! — Nach Hause? — Nein, die waren ihm auch fremd geworden!— Nur sein Vater liebte ihn viel­leicht noch! —

Aber wenn er an ihn dachte, erstarrte ihm das Blut! — Am Tage nach dem Schlaganfall war Max nach Hause gegangen, um seinen Vater zu besuchen. Und dann sah er den besinnungslosen Mann — rö­chelnd, mit halboffenem Munde, blauem, schweiß- bedecktem Gesicht, mit schwerer, lallender Zunge, Schaum auf den Lippen. —

Er taumelte, er starrte entsetzt auf dieses grausige Bild und eine Stimme in feinet* Innern schrie: „Das fit dein Werk!"

Da floh er, wie von Furien gepeitscht, und rannte sinnlos durch die Straßen. Und immer verfolgte ihn dies Schreckensbild — eine stumme Anklage seiner Schuld! —

Heute wollte er bei einer Trost suchen, die ihn stets verstanden hatte, der sein Herz gehörte, für die er hundert Torheiten begangen, der er ein Vermögen geopfert hatte: bei Olympia, seiner Braut! Sie fönte die finsteren Gedanken verscheuchen, die ihn ver­folgten, an ihrem Herzen wollte er allen Jammer der Welt und alle Sorgen des Lebens vergessen.

Er überquerte die Galeriestraße, umschritt das Palais Royal und bog in die Koniginstraße ein. Erst nachdem er Sturm geläutet hatte, öffnete der Haus­meister brummend das Tor. Max wollte an dem wohlbekannten Weißkopf vorüber, aber der versperrte ihm mit seiner Kürassiergestalt den Weg. „Melde gehorsamst, Herr Leutnant, aber das gnä' Fräulein sind nicht zu Hause."

glicht zu Hause? — Wo ist denn Fräulein Olym-

„Berreist! — Aus unbestimmte Zeit, Herr Leut­nant."

„Aber das ist mir ja völlig neu!" rief Max über­rascht. „Davon hat mir Oly kein Wort gefügt Wie kam denn das so plötzlich? —"

«Je nun, wie das so geht! — In letzter Zeit ist Herr Gras Monte oft gekommen und hernach — na, I hernach is das gnä' Fräulein mit Herrn Grafen ab- 1

schiffe bemessen werden könnte mit einem Aufschläge! von 100 Prozent für die Pracht- und Riefenschifie, ■ die dem atlantischen Verkehr und dem Vergnügungs­verkehr im Mittelmeer und nach dem Nordlande, dienen. Zur Aufbringung der dauernden Kosten, können unschwer oie Sätze der Reichsvermögenszu-। Wachssteuer erhöht werden, namentlich bei dem Ver­mögen, das in überseeischen Unternehmungen an­gelegt ist.

* Tas rote Durcheinander, das augenblicklich herrscht, erregt überall Aufsehen. Die konservative.Krrrrzzeitung'. macht sich darüber lustig:

Alles läuft durcheinander. Hier wird die Haltung! der sozialdemokratifchen Reichstagsfraktwn in der Wehr­beitrags- und Deckungssrage als ein staatsmännisches Meisterstück gepriesen; dort wird sie auf das schärfste! verurteilt. Hier erschallt Jammern und Wehklagenj wegen des von zahlreichen Seiten gemeldeten Rück­ganges der Organisationen und der Zeitungsabonnenten­ziffer, dort werden scharfsinnige Vertuschungsmanöver vorgenommen, um den »unaufhaltsamen Fortschritt" der Partei .trotz alledem" nachzuwersen. Und während allerdings der größere Teil der .Genossen" in der Ver­urteilung der keinerlei Initiative zeigenden Parteileitung einig zu fein scheint, geht wieder in den Vorschlägen die Jntliative durch die Heranziehung der Maffen zu stärken, alles auseinander. Sogar die einzelnen Richtungen in der sozialdemokratischen Partei sind gespalten. Es gibt eine ganze Reihe von Radikalen, die von der Anwendung des Massenstreiks zur Belebung der preußischen WahlrechlSbewegung dringend ab rät Und andererseits setzen sich nicht wenige Revisionisten oder Reformisten forsch in Positur, um den Massenstreik zu fordern, j

* Nicht ernst genommen haben will das .Berliner Taget).att', wie es in Nr. 365 versichert, die Versamm­lungen und Zeitungsartikel, die sich für die Auf­hebung des Jesuitengesetzes aussprachen. Eine .Bestätigung" der Auffaffung, daß alles nur Komödie gewesen fei, hat das Blatt jetzt in den Petrus blättern gefunden, aus denen es diesen Satz zitiert:

»Man könnte angesichls der völligen Wirkungslosig' feit der Jesuilenzentrumsartikel wirklich bald den Eindruck haben, als ob dieselben nicht bloß in Regierungskreisen —j nicht ernst genug genommen würden."

Unfetetroegen mag, sagt dazu die ,Augsb. Postztg.',! das ,Berliner Tageblatt' uns versichern, daß es sich? selbst nicht ernst nehme. Wir würden ihm das glauben und es vielleicht noch darin bestärken, daß es damit recht tut. Seinen „Kamps" für Parität und Gerechtigkeit haben wir wenigstens, sowett die Katho­liken in Betracht kommen, schon lange nicht mehr ernst genommen. Die Ernsthaftigkeit dieses Kampfes unserer­seits indes brauchen wir nicht anzweifeln zu lasten, aber auch nicht eigens zu betonen. Jedenfalls werden wir mit dem Kamps gegen das gehässige und unsinnige Ausnahmegesetz nicht aufhören, bis es der Vergangen­heit angehöri. Den Petrusblättern aber können wir versichern, daß es uns zur größten Freude gereichen würde, wenn sie sich daran machen wollten, mit ihren eigenen Jesuitenarlikeln die Wirkung zu erzielen, die der Zentrumspresse bis jetzt versagt blieb. Wenn ihnen der große Wurf gelänge: Neidlos würden wir ihnen die Palme in diesem Kampfe zuerkennen und uns selbst mit der Freude über den Erfolg bescheiden.

* Sehnsucht nach der Festung. In der Umge­gend von Jena sind dieser Tage zwei Gasttvirte we­gen Duldens von Studentenzweikämpfen zu Fe--, stungshaft verurteilt worden. Anläßlich dieser Ver­urteilung erinnern Thüringer Blätter an den ver­storbenen Gastwirt Bucklisch aus München-Gos- serstedt, der die Verurteilung seiner Kollegen sicherlich mit Neid gesehen hätte. Auch in seinem Saale hatten einmal die Jenenser Studenten Mensuren ausge­paukt, und eine Festungsstrafe war für Bucklisch die Folge. Diese Zett bezeichnete er als die Glanzzeit sei­nes Daseins. „Niemals wieder," Pflegte er zu er­zählen, „haben meine Stiefel früh blankgewichst vor der Tür und Kaffee und Essen so pünktlich, reichlich und gut auf dem Tische gestanden, niemals habe ich

gereift. Nach Monte Carlo. Die Verlobung steht doch schon in der Zeitung! —"

„Mit Graf Monte verlobt und abgereist?" stam­melte Max und taumelte, wie von einem Schlag ge­troffen.

„Ja, da is nix zu machen", tröstete ihn der Weiß­kopf, „so fan f halt amal, die Weiber —"

Max wandte sich mit einem Ruck um und ging mit schwankenden Schritten davon. Großer Gott, brach denn alles auf einmal über ihm zusammen? War denn auf keinen Menschen Verlaß? — Diese letzte Enttäuschung war die bitterste von allen. Olh, der er alles — Vermögen, Ehre, Namen und fein junges Herz geopfert hatte! — verließ ihn treulos! Verlobte sich mit einem anderen — einem alten, eitlen Gecken, weil er den nötigen Mammon besaß, um all ihre Launen und Kaprizen zu befriedigen. Verkaufte sich, nur um als Gräfin herrlich und in Freuden leben zu können! — Pfui Teufel! — Der Ekel stieg ihm bis zum Munde empor! — Planlos irrte er durch den Englischen Garten, immer von sei­nen quälenden Gedanken und peinigenden Selbstvor- toürfen verfolgt. Erst am Abend flüchtete et in seine einsame, elegante Gareonwohnung, die so oft Zeuge eines nächtlichen Trinkgelages gewesen war. Jetzt grinsten ihn die Wände höhnisch an und aus den dunklen Ecken schienen unheimliche Dämone hervor­zukriechen, die ihn mit feurigen Augen anglotzten.

Es wurde immer finsterer in ihm und er sah kei­nen anderen Ausweg aus seiner verzweifelten Lage — als eine Kugel. Wohl eine Stunde lang saß er am Tische und hielt die kleine, blanke Waffe in den Händen und wagte es doch nicht, ihren Lauf an die Schläfen zu setzen. War er zu feige dazu, weil er das Leben zu sehr liebte und weil ihm vor dem Tode graute —

Wenn man ihn morgen blutig, mit zerschmetter­tem Kopse fand — nein, dies häßliche Bild wollte er, der nur immer in Schönheit geschwelgt hatte, der Welt nicht Bieten! Und so schloß er die Waffe wie­der in de» Sckrank und kroch zähneklappernd ins Bett.

(Fortsetzung folgt.)