Zuwaer Zeitung
_ . nnielaen* Der Roum einer einspaltigen CekmeheWt, 4T em breit, Woftet JSPlfa*
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40. Zahrgang
Donnerstag den 17. 3uli 1913
€rftes Blatt
Nr. 163
des Besitze! geleistet ha
die
Ferner ist es jetzt an der Zeit, aufzuräumen mit der alten Verleumdung, daß die Mehrheit von 1909 es auf die Schonung der Besitzenden und die Belastung der schwachen Schultern abgesehen gehabt. Dieser Vorwurf wurde nicht bloß gegen die Konservativen, sondern auch gegen das Zentrum und gegen die Bethmann'sche Regierung gerichtet. Nun muß aber doch alle Welt anerkennen, daß sowohl das Zentrum als auch die Regierung in der Heranziehung des Besitzes zu den Reichslasten alles mögliche geleistet haben. Daraus ergibt sich, daß der Widerstand gegen die Witwen- und Waisensteuer im Jahre 1909 nicht aus Eigennutz oder aus Mangel an sozialem Gefühl hervorgegangen war, sondern aus ernsten, sachlichen unb politischen Bedenken, deren Gewicht auch die damaligen Gegner nicht leugnen können. Die tatsächliche Entwicklung lehrt unS,_ daß das Scheitern der alten Witwen- und Waisensteuer ein Glück gewesen ist. Denn wäre dieses sehr mangelhafte und bedenkliche Gesetz damals zustande gekommen, so hätte man jetzt auf diesem schlechten Fundament einen schlechten Ausbau errichtet und wäre nicht zu der allgemet n en Besteuerung j edes Vermögenszuwachses gekommen, die doch zweifellos eine viel bessere Lösung des Problems darstellt.
servativ, freikonservativ, gemaßtgt-konservatw oocr deutsch-konservativ bezeichnen und die wöchentlich öfter als drei, aber weniger als siebenmal erscheinen. Ueber die ganz kleinen Zeitungen, die weniger als dreimal und die größeren, die mehr als sechsmal wöchentlich herausgegeben werden, gibt diese Statistik, die für einen ganz bestimmten Zweck angefertigt ist, keinen Ausschluß. Da von den genannten 188 Zeitungen 143 auf das Königreich Preußen und 30 auf das Königreich Sachsen entfallen, ergibt sich die Tatsache, daß an kleineren und mittleren Tageszeitungen konservativer Richtung für das übrige Deutschland nur 15 verbleiben. Es ist das ein erneuter Beweis dafür, daß die Konservativen mit ihrer Tagespresse gegenüber den liberalen Parteien und dem Zentrum stark im Rückstände sind.
= Der sozialdemokratische Rittergutsbesitzer. Das sozialdemokratische .Bayerische Wochenblatts brachte in seiner Nr. 27 folgende Notiz:
Für die Reichstagsersatzwahl in Landshut (an Stelle des verstorbenen Barons Malsen) stellt das Zentrum den Reichsrat Freiherrn v. Aretin auf. Also wieder einen Junker und Reichsrat dazu! Das ist eine schwarze .Volks
und folgende Tage vor dem Kriegsgericht der Berliner Kommandantur wegen passiver Bestechung und fahrlässigen Landesverrats zu verantworten haben. Die Offiziere sollen von Kruppschen Beamten für Mitteilungen Geschenke angenommen haben. Auf ausdrücklichen Wunsch des Krtegsrntm- steriums wird die Verhandlung unter strengstem Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt und auch der Schweigebesehl gegeben werden, da durch die Oeffentlichkeit der Verhandlung eine Gefährdung der Landesverteidigung
hört, wieder einmal zu berichten. Sie veröffentlicht eine von „unterrichteter katholischer Seite" idr zugegangene Mitteilung aus Köln, worin es heißt:
„68 war von jeher das Bestreben der Berliner Richtung, durch eine große, weitverbreitete Tagesprcsse, vor allem im Westen, publizistischen Einfluß zu gewinnen; wurde doch in Kreisen, die es wissen konnten, erzählt, daß dem Nachfolger des Kardinals Fischer alsbald nach seiner Wahl von einflußreicher Seite ein Kapital von einer halben Million Mark zur Bersügung gestellt wurde, um ein Konkurrenzunternehmen gegen die .Köln. Volksztg/ ins Leben zu rufen. Was damals nicht gelingen wollte, scheint sich jetzt zu verwirklichen. Mit dem 1. Ok-' tobet ds. Js. geht nämlich eines der bestrentierenden Zentrumsblätter, der in Aachen erscheinende .Volks- sr rund', in die Hände einer Gesellschaft über, die in Berlin ihren Sitz hat. Der Kauspreis beträgt eine Million Mark, die «erkaussverhandlungen wurden in aller Stille und mit größter Vorsicht geführt. Als Vertreter des Verlags wird ein Aachener Rechtsanwalt auftreten, der sich bisher bei der Zentrumspartei betätigt hat. Hinter dieser finanziellen Transaktion steht auch daS Kapllal derer von Oppersdorff. Es ist auch der Gedanke schon erwogen worden, oder, besser gesagt, hat schon greifbare Form angenommen, den bekannten Kaplan Schoppen in die Schriftleitung des Blattes zu setzen. Ob man nun doch von Anfang an das Visier lüften wird, bleibt abzuwarten."
Wir sind der Ansicht, daß die ,Tägl. Rundschau' lange zu warten haben wird, ehe sich die Wahrheit ihrer Meldung heraasstellen wird. Es gilt für uns als völlig ausgeschlossen, daß der neue Erzbischof von Köln die Hand zu einem Unternehmen bieten könnte, das nicht nur im Westen, sondern in der gesamten Zentrumspartei die größte Verwirrung Hervorrufen müßte. Ganz abgesehen davon, daß das Aachener Konkurrenzunternehmen der .Köln. Volksztg.' keinen Abbruch tun würde und bei den Zentrumsleuten im Westen schon die gebührende Aufnahme finden würde, scheint es uns undenkbar, daß wirklich autoritative kirchliche Kreise die Verantwortung mit übernehmen könnten, daß der leidige Zwist im katholischen Lager nunmehr auch in die westlichen Provinzen übertragen würde, die bisher zum großen Teil sehr zu ihrem Vorteil davon verschont geblieben sind. Vorderhand können wir der Meldung der .Täglichen Rundschau' jedenfalls keinerlei Glauben beimessen und erwarten die „weiteren, nicht minder interessanten Einzelheiten", mit denen bas Blatt dienen will, wenn Ableugnungsversuche gemacht werden sollten.
* Wiesbaden, 16. Juli 1913. Bei der letzten Landtagswahl tauchten Zweifel auf, ob die Einteilung der Urwahlbezirke in Homburg v. d. H. zutreffend sein könnten. Die Zweifel haben sich dev ,Rhein. Vzt/ zufolge jetzt als begründet erwiesen! In den Stadtteilen, wo der Hauptsache nach Zentrums- Wähler wohnten, wurden gesetzwidrig zu wenig Urwahlbezirte gebildet, sodaß auch entsprechend weniger Wahlmänner der Zentrumspartei gewählt werden konnten. Der erste Stadtsekretär in Homburg, Weißen, hat absichtlich diese falsche Abgrenzung der Bezirke vorgenommen, in der zu gestand en en Absicht, dem nationalliberalen Kandidaten einige i Wuhlmänner mehr zuzuschanzen. N. wird sich demnächst gerichtlich zu verantworten haben.
die Taffe nich an. „Hol' mir den Pelz," befahl er, „ich mtuß in die Stadt."
„Ja, wos is denn dös?" rief Gusti und ritz Mund und Augen auf. „Woll'n S' denn Ioan Kaffee net!" „Wein. Und die Koffer brauchst du vorderhand auch nicht zu packen — aus der Reise nach Berlin
wird nichts!"
„Jeff' —" das Wort blieb der Gusti im Munde stecken, und sie sah ihren Herrn ganz entsetzt an. Stumm half sie ihm in den Pelz und sah ihm kopfschüttelnd nach. Dann löste sich all ihr Staunen in dem erlösenden Worte aus: „Mir scheint, die große Berliner Glücksglocken, die hat an Ritz bekommen! Ach, mein arm's Annerl!"
Sie legte den Finger an die Unterlippe, ließ diese ein paarmal schnalzen und sann und sann. — Dann seufzte sie tief auf, sah die unberührte Kaffeekanne, und il: Gesicht verklärte sich. Sie machte sich's in des Professors Seffel bequem, goß sich Kaffe ein und schlürfte behaglich aus der goldumrandeten Schale. Der kräftige Duft, der ihr in die Nase stieg, verscheuchte alle Sorgen: sie gedachte ihres Liebsten bei den Schweren Reitern und träumte von kommenden Faschingsfreuden.
Darüber nickte sie ein und überhörte das Klingeln im Korridor; erst beim dritten Läuten, das gar kein Ende nehmen wollte, fuhr sie mit einem Schrei empor, rieb sich die Augen und eilte zur Haustüre um sie zu öffnen.
bas Münchner Rindl
43] Roman von Felix Nabor.
„Wird Papa den Notschrei seines unglücklichen Kindes verstehen?" fragte sie sich. „Oder wird er in seinem verletzten Künstlerstolz auch mir, der Unschul- I &igen, zürnen?"
Und sie harrte nun Tag für Tag auf den Retter in der Not, der sie an der Hand nehmen und hinweg- I führen würde Über die Trümmer ihres Glückes. I
XII.
Professor Pirkheimer saß im Klubseffel und starrte immerfort auf den kleinen weißen Bogen, bis die Buchstaben vor feinen Augen tanzten und ferne Hände zitterten. „Nein, nein, nein", rang es sich endlich aus seiner trockenen Kehle, „das hat mein Kind nicht geschrieben! — Meine Annie will nicht, daß ich in Berlin singe — ist denn das möglich? Schämt sie sich meiner, weil sie nun reich und vornehm ist?" r
Sein Blick streifte das „Münchner Kmdl" über dem Schreibtisch und dann schüttelte er energisch den Kopf und sagte: „Nein — da ist ein anderer hinter ihr gestanden und hat ihr den häßlichen Brief drk- tiert Und meinem armen Kinde hat dabei daZ Herz I geblutet." .
Seine Fäuste ballten sich zornrg. „So serd chr, ihr Neichen?" stieß er hervor. „So hart,und herzlos und grausam? Versteht ihr es denn nicht, daß ich I meine Kunst ausüben muß, um das Heimweh nach meinem Kinde zu betäuben und um mir aus der Not zu helfen? Denn ich bin arm! Ader was witzl denn ihr von der bitteren Not verschämter Armut, die chr in Sammt und Seide gehet! Was wißt ihr von den Sorgen des Lebens, die uns gleich grauen Gespenstern verfolgen Tag und Nacht! Ich war auf dem besten Wege, mir Ruhm und Geld zu erwerben — dä stößt mich mein eigenes Kind in den Abgrund der Armut zurück! — Nein, nein, ich zürne, dir nicht, Annie, die andern haben es je getan, die andern. Aber wehe tut es doch — bitter wehe!"
Er stützte den Kopf in die Hand und sann darüber nach, was nun zu tun sxi; er wußte nicht, sollte er den ganzen Plan seiner Konzertturnee aufgeben — 1 oder aber, dieser stolzen Adelssivve rum Trotz, als I
Er wollte diesen Entschluß seinem Agenten sofort mitteilen, aber dann besann er sich eines andern; zuvor wollte er mit seinem Freunde Heuberger über die Sache sprechen, vielleicht wußte dieser einen Rat.
Gustt brachte den Kaffee, abckr Pirkheimer rührte die Taffe nich an. „Hol' mir den Pelz," befahl er,
Der dritte Punkt, den wir nach der Nachprüfung an der Hand der Tatsachen empfehlen möchten, ist die rFage nach dem Wert und Nutzen des Hansabuu- d e s Was hat denn diese Ausgeburt der Erregung von 1909 eigentlich geleistet? Er hat nrcht dre Vertretung von Handel und Gewerbe im, P r' ''ment gefördert, sondern nur die Zahl der sozialdemokratischen Abgeordneten. Er rühmt sich, für Dte Interessen des Mittelstandes einzutreten, hat aber in der Steuerfrage ausschließlich, auf das em- eitigste und radikalste, die Interessen des Großkapitals verfochten, und zwar so, daß die eigene liberale Partei „unferm Rießer" nicht folgen konnte.
Wenn mit den abgestandenen Hetzereien aufgeräumt wird, so kann man auch gleich diesen unfruchtbaren Hetzbund ins Krematorium bringen! , t..
r: Eine Gewiffensersorschnng anzustellen, empfiehlt sich setzt für die Sleuerhetzer von 1909. .
Eine Hetze, wie sie nach der vorigen großen Finanzreform einfetzte, ist nach den neuen Steuergc- setzen, die der Reichstag kürzlich verabschiedet hat, ausgeblieben. Damals eine Flut von Verdächtigungen, Verleumdungen und Bes.r.impsungen. Jetzt aber sachliche Aussprache, von einer Verhetzung kann man leben« falls nicht sprechen. Wir wollen nicht nachträglich noch über den Lärm von 1909 unb den folgenden Jahren uns aufregen, aber für die, die an jener Hetze mitgewirkt haben, dürste sich allmählich doch eine zeitgemäße Revision der alten Schlagworte empfehlen. Die Entwickelung hat handgreiflich klar gemacht, daß manches vollständig unwahr und ungerecht war, was man damals den Steuerzahlern und Wählern eingeredet hat.
Wie albern erscheint z. B. heute das früher fo zugkräftige Schlagwort vom „schwarzblauen B lo ck"? Wir haben von Anfang an bestritten und immer wieder bestreiten müssen, daß bas zeitweilige Zusammengehen von Zentrum unb Konservativen ben Charakter eines Blockes habe unb bie Ausschaltung bes gesamten Liberalismus bezwecke. Aber bte Zentrumspresse unb die konservative Presse mochten sagen was sie wollten: es wurde nach wie vor in der politischen Kinderstube Deutschlands mit dem schwarzblauen ober blauschwarzen Blockgespenst gearbeitet. Jetzt sagen bie Zeitungen von damals: der schwarz-blaue Block sei „gesprengt" worden Nein, es hat sich nur gezeigt, daß eine derartige Blockbildung überhaupt nicht ftattgefunben hatte. Zentrum unb konservative Parteien hatten stets ihre volle Aktionsfreiheit sich gewahrt. Sie gingen zusammen, so oft ihre Ansichten unb Absichten sich bedien; sonst ging jeber Teil feinen Weg. In ber neuesten Te- ckungsfrage gingen bie An- unb Absichten auseinander; daher auch die Wege. Das ist aber kein Hindernis für ein künftiges Zusammenarbeiten in anderen Fragen, bei denen die Grundsätze und Interessen sich wieder im Einklang befinden. Das Zentrum hat mit Erfolg die Verständigung mit den Nationalliberalen betrieben, zu ber schon im vorigen Jahre in bem bekannten Besitzsteuerparagraphen ber Grund gelegt war. Ein durchschlagender Beweis, daß unserer Partei jene Einseitigkeit und Ausschaltungssucht, die man uns nachsagt, durchaus fern liegt, sondern vielmehr bie Sammlung aller positiven Kräfte unser Wunsch und Bestreben ist.
„Nein nein! Ich habe nicht gewußt, daß ... Kunst in diesem Hause so niedrig gewertet wird!"
„Sei nicht ungerecht, Kind! Wir schätzen die Kunst —wenn sie wirklich Kunst ist. Aber, „Lieder zur Laute!" — mein Gott, das erinnert doch zu sehr an Zupfgeige und Gitarre —"
,Mn Ziehharmonika, Zither und Hackbrett!" entgegnete Annie bitter, „an Bettelmusikanten, bte in Kneipen unb auf Jahrmärkten ihr Unwesen treiben! Nein, nein — bieses erlauchte Haus soll durch derartige .Kunst" nicht entweiht, der swlze, ruhmvolle Name der Familie nicht gebrandmarkt werden! Ich schreibe Papa ab — noch in dieser Stunde!"
„Tue das, mein Kind! Dein Papa soll uns von Herzen willkommen sein, aber ohne — Laute!"
Annie nickte stumm und ging. Mit schweren, müden Schritten ftieg sie die Treppe empor. Warum waren nur mit einem Male die Stufen so steil? Fast vermochte sie dieselben nicht zu ersteigen. Ihr war es, als trüge sie Bleigewi^te an den Füßen, als wäre sie mit ehernen Ketten gefehlt, die bei jedem Schritte klirrten. Sie war hier eine '.rrembe, eine Gefangene im goldenen Kerker — darum waren bie Stufen fo steil, darum war ihr Weg fo schwer, fo hart und bitter.
Nein — mit diesen stolzen, kalten herzlosen Menschen dieses Palastes hatte sie nichts mehr gemein; diese Stunde hat alle Bande des Herzens zerbrochen — nur die Ketten blieben. —
Lange saß sie an ihrem Schreibtisch, um ben rechten Ton für ben Brief an ihren Vater zu ftnben. Alle Zärtlichkeit unb Liebe ließ sie einfließen unb umhüllte bamit bie bittere Wahrheit, daß das Ansehen der Familie von Sandow darunter leiden wurde, wenn Papa käme, um in Berlin öffentlich Zu^singen. — „Komm' recht bald zu mir, Herzenespapa, schloß sie, „ich freue mich unsäglich auf Deinen Besuch, ich vergehe vor Sehnsucht: aber wenn Du kommst, ]o laß die Laute zu Hause!"
zu befürchten wäre.
— Konservative Provinzzeitungen. Der neueste Zeitüngskatalog von Mosse ergibt nach der Deutschen Tageszeitung, daß in Deutschland im ganzen 188 kleinere und mittlere Zeitungen bestehen, die sich als kon- fteikonservattv, gemäßigt-konservativ oder lservativ bezeichnen und die wöchentlich
Ausland.
** DaS englische Oberhaus hat am Dienstag in zweiter Lesung bie Homernle-Vorlage mit 302 gegen 64 Stmmen abgel-hnt und den Antrag des Lords Lansdowne, bie Vorlage zuvor bem Urteile bet Wählerschaft zu unterbreiten, angenommen.
△ Rußland gegen die Polen. Vor etwa fünf Jahren entstand bie neuslaviiche Bewegung. Ihre Vorkämpfer suchten den Russen klar zu machen, welche große Gefahr bie Bebrückung ber Polen für bie panflavische Sache sei. Es würbe daher versucht eine Annäherung aller slavischen Völkerschaften anzubahuen
Mit zornrotem Gesichte trat Fräulein Bettr Moosbrugger ein unb überhäufte Gusti mit einer Flut von Schmähungen. „Natürlich hast wieder g'schlasen!" zeterte sie. „Ja, das ist ein Kreuz — wenn bie Herrschaft fort ist, nachher tanzen du Mäuf!"
Gustt mußte über biesen ein wenig hinkenben Ber. gleich heimlich lächeln, aber sie zog es vor, bem Zorn« ber gestrengen Tante durch eisiges Schweigen zu tro- tzen — und da verrauchte auch rasch der Zorn vor Tante Betty. Sie war gekommen, um wieder ein- mal „nach dem Rechten" zu sehen, legte Hut uni Mantel ab, schürzte die Röcke, band sich eine Riesem schürze um, wand sich ein knallroj.es Tuch wie einer Turban um den Tituskopf — und dann ging es an ein Abstäuben, Bürsten, Scheuern und Putzen, das der Gusti der Schweiß von der Stirne lief.
Das dauerte bis zum Abend, unb als alles w Hause blank unb sauber war, setzte sich Tante Betti an ben Herb, trank eine Tasse aufgewärmten Kaffei unb gab Gusti zum Lohn für ihre Anstrengung uni Mühe ein Fünfziger!, daß sie sich drüben im Neuhofe; Keller eine Maß Bier und ein „G'felchtcs" hole.
Während Gusti diesem Auftrag mit schmunzeln dem Behagen nachkam, ertönte kurz unb scharf bü Klingel, und als Tante Betty öffnete; trat ihr Pu» blaß unb verstört entgegen. .
„Ja, Mensch — wie siehst bu aus?" rief sie ti höchstem Schrecken. „Unb wo kommst bcnn her?'
„Eingefperrt bin ich gewesen!" antwortete Puck toäbrenb" ei bei Tante ins Eßzimmer folgte. „Ist Kabinett!, beim Kommerzienrat! Da hätt' ich err Phantasiebilb komponieren sollen, aber mein Kop, ist so vernagelt gewesen, daß ich keinen einzigen gescheiten Gedanken gehabt hab'! Und da — da brr ich ausg'riffen! Und bie ganze Malerei kann rru g'stohlen werben! Ich halt's nimmer aus hier, td lauf’ bavon!" —
„Ja, wohin benn, Schorfchl?
Er setzte sich an ben Tisch, vergrub den Kopf rr bie Arme unb schüttelte sich, als ob ihn das Fieoe? mit aller Macht gepackt hätte
I (Fortsetzung folgt.)
Deutscher Reich. M s'
** Berlin, 16. Juli 1913. Der .Reichsanz/ »er« öffentlicht bas Gesetz übet Aenberungen im Finanzwesen vom 3. Juli 1913.
♦ Beschränkungen des Gewerbebetriebes im Umber» flehen. Für den Gewerbebetrieb im Umherziehen sollen Beschränkungen herbeigeführt werben durch eine Novelle zur Gewerbeordnung, bie bem Reichstage im Winter zugehen bürste. Im § 56 ber Gewerbeordnung sind eine Reihe von Waren vom Feilhalten unb Ankauf im Umherziehen ausgeschlossen. Dieses Verbot sgll sich in Zukunft auch erstrecken auf Rohbernstein unb Psanb- , scheine. Ferner soll der im § 56 zugelassene Hausierhandel mit Gemüse- unb Blumensamen aus- gehoben werben. Der § 56 c soll einen Zusatz erhalten, nach bem bie Landes-Zentralbehörden befugt find, für ihr Gebiet ober für Telle ihres Gebietes zu bestimmen, baß ber Betrieb eines Wanderlagers ber Erlaubnis ber zustänbigen Behörbe bedarf. Die Landes - Zentralbehörden sollen auch bestimmen können, baß eine solche Erlaubnis für diejenigen Ortschaften erforderlich ist, für welche dies durch statuarische Bestimmungen festgesetzt wird. Die Erlaubnis soll aber nur versagt werden, wenn ein Bedürfnis zur Veranstaltung eines Wanderlagers nicht vorliegt.
•* Ein Staatsanqehörigkeitsgesetz hatte bekanntlich Abg. Gröber beantragt, daß nicht nur, rote nach ber Vorlage, bie Beamten „in Kirchendiensten", sondern alle im Dienste einer von dem Bundesstaate anerkannten Religionsgemeinschaft stehenden Beamten durch ihre Anstellung von selbst Einbürgerung erlangen sollten; der Antrag, der unter besonderem Hinweise auf die Angestellten der Synagogen begründet wurde, hat eine große Mehrheit gefunden. Der , Antiultramontane Reichsverband" weist nun in einer öffentlichen Beschwerde darauf hin, daß der Antrag Gröber vorzugsweise nicht den Synagogendienern, sondern den SJlitglicbern katholischer Orden zugute kommen werde. Wenn Herr Gröber, bemerkt hierzu treffend bie »Deutsche Tageszeitg.', von bem Standpunkte ausgegaugen ist, daß, wasbenSynagogen- bienern recht sei, den Ordensmitgliedern billig sein müsse, so wird man ihm daraus wohl kaum einen Vor wurf machen können; wenn der „Antiultramontane Reichsverband" sich aber beschweren wollte, so hätte er doch höchstens Anlaß, sich an die Adresse der- jenigen Parteien zu wenden, die die Bekämpfung katholischer Orden als Spezialität betreiben, unb von denen er deshalb wohl erwarten konnte, daß sie sich nicht durch den Hinweis auf die Synagogendiener ohne weiteres einwickeln ließen.
)( Die Krupp-Augelegenhnt vor bem Kriegsgericht. Die Enthüllungen bes Reichstagsabgeorbneten, Rechts- anwalts Dr. Karl Liebknecht, haben zu einer um- fassenden Untersuchung ber Krupp-Angelegenheit An- laß gegeben. Die Untersuchung hat bereits die Er- Hebung einer Anklage gegen eine Anzahl Zeug- oifiziere gezeitigt. Diese werden sich am 29. Juli
Partei!"
Wir könnten auf diese blöde Notiz verschiedene Keile setzen. Wir wollen uns mit einem begnügen. Bei der letzten Landtagswahl in Preußen wurde von der Sozialdemokratie im Wahlkreise Ober- und Nieder- barnim der Rittergutsbesitzer Hofer als Kandidat ausgestellt unb auch zum Abgeordneten gewählt. Da- bei zählt die sozialdemokratische Landtagssraktton m Preußen nur 10 Mann. Das ist die rote „Volks- unb Arbeiterpartei".
♦* Die Herabsetzung der Altersgrenze auf bas 65. Lebensjahr wird den Reichstag im kommenden Winter beschäftigen und eine große Mehrheit finden. Es soll nicht verkannt werden, daß bei Verkürzung der Altersgrenze nicht bte Alters-, sondern die Invalidenrente als die Hauptleistung des Gesetzes, auf welches der einzelne mit aller Wahrscheinlichkeit größere Anwartschaft hat, im Vordergründe steht; auch bte Statistik zeiat, daß die Zahl ber alljährlich bewilligten Altersrenten immer mehr zur u ck- geht, umsomehr, ba bie meisten Bezieher von Altersrenten, soweit angängig, ihre Rente in Jnvali- benrente umzuwanbeln suchten, weil biese hoher ist als bie Altersrente. Dennoch sind die Fälle, in denen über 65 Jahre alten Arbeitern, die noch nicht im Sinne des Gesetzes Invaliden seien, keinerlei Rente zugebilligt werden kann, zu zahlreich, als daß man diese Tatsache dauernd unberücksichtigt lasten kann, insbesondere schaffen die Grenzfälle, in denen bte Invalidität dieser Arbeiter ungefähr erreicht ist, für die Beteiligten einen Zustand großer Härte. Es wird auch sonst im bürgerlichen, Leben der Zeitpunkt der Erreichung des 65. Lebensjahres, so bei den Beamten, als solcher angesehen, von welchem ab ein Anspruch auf Pension, auf Ruhegehalt nicht unbegründet erfcheint. _
+ Von einem neuen Vorstoß gegen die „Kölner Richtung" weiß die .Tägliche Rundschau' (Nr. 328), bie in katholischen Dingen sehr oft bas Gras wachsen freier Künstler in Berlin auftreten. Freilich — in biefem Falle hätte feine Tochter hart barunter zu leiben, unb bas wollte er nicht. Unb fo faßte er ben schmerzlichen Entschluß: „Ich will bem Glücke mer- nes Kinbes nicht in ben Weg treten, darum gehe tch n-cht nach Berlin. Meiner Annie zulieb bringe tch dies schwere Opfer unb sage bte Konzerttournee im Norden ab."