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Zuwaer Zeitung

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Wochen-Veilage:

Zuldaer Seschichtsblätter

Illustrierte Sonntagszeitung

— halbjährlich Taschenfahrplan, k

s LiehungrNsten 6er preußisch-süddeutsch« Klaffen-Lotterie.

40. Zahrgang.

Mittwoch den 16, 3uti 1913

Erftes Blatt.

Nr. 162

«rfAehrt »oNch IN» ttusnohme Oer Sonn- und Jelertage. viertel. Ehrlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in ßulda sowie auswärts 1.50 Mark. « - Rototionsbrudi und Verlag der - s Zuldaer flrtienbrudterei in Zulda. Zemsprecher Nr. 9. ::

poltfgen Coloneljelle, 47 em breit, kostet 15 Pfg.

Reklamen: Der Raum einer Colonelseite, 74 mm breit, kostet 40 Pfg. Bel Wieberholungen Rabatt. $ür Offert- und fluskunttameigen 20 Pf. extra. Jn Konkursfällen wirb her bewilligte Rabatt hinfällig. Erfüllungsort für bas ein- klagen von Sortierungen ist Zulda. flnjeigen-flnnafjme bis 10 Uhr vormittags« xj ~ SrSßere knzeiom erbitten wir uns tags vorher. ~ *

X Reichsfteuern und Landessteuern.

Ist durch die neuen Finanzgesetze des Reiches die Steuerhoheit und die Leistungsfähig- feit der Einzelstaaten beeinträchtigt toorben?

Die Gegner des Kompromisses behaupten das. Aber der Bun des rat, der doch der berufenste Wächter der Selbständigkeit der Einzelstaaten rst, hat das Gesetz über die Besteuerung des Vermogenszu- wachses genehmigt. Warum soll man söderalisüscher sein, als die einzelstaatlichen Regierungen selbst? Letz­tere haben offenbar erkannt, daß die landesrechtliche Steuer vom Vermögens bestand nicht untergraben wird durch die reichsrechtliche Steuer vom Zutvachs des Vermögens.

Der Widerspruch der konservativen Partei wurzelt auch eigentlich nicht in den sogen, sördercrtiven Bedenken Ihr Führer v. Hehdebrand erklärte vor vier Jahren, seine Partei habe die Erbanfallsteuer hauptsächlich deshalb abgelehnt, weil man nicht dem auf demokratifchen Stimmrecht beruhenden Reichstag die Schraube der Besitzsteuer in die Hand geben wolle. Die Konservativen sind im Grunde ihres Herzens gegen jede Reichssteuer auf den Besitz. Dieser Standpunkt ist aber unhaltbar geworden, seit­dem sich handgreiflich herausgestellt hat, daß die Be­dürfnisse des Reiches durch Verbrauchssteuern und Verkehrsabgaben nicht mehr gedeckt werden können. Daher kam schon im vorigen Jahre der bekannte Paragraph Bassermann-Erzberger in's Ge­setzbuch, der die allgemeine Besitzsteuer vorsah.

Der Bundesrat hatte sich schon 1909 mit dem Uebergriff des Reiches auf den Besitz abgefunden, als er die Erbanfallsteuer beantragte. Wenn diese Be­steuerung des Gatten- und Kindererbes mit der Steuerfreiheit und Leistungsfähigkeit der Einzel- staaten vereinbar war, dann mußte man auch die allgemeine Zuwachssteuer für erträglich halten; denn die großen Gewinne aus Spekulationen und erfolg­reichen Geschäftsbetrieben vertragen eine besondere Reichsbelastung doch mindestens ebenso gut, wie das Kindeserbe.

Der Rückgriff des Reiches auf den Besitz hätte sich nur dann vermeiden lassen, wenn man mit allgemei­ner Begeisterung den Ausbau der M a t r i k ul ar­beit r ä wa betrieben hätte. Aber die Vorliebe für die Matrtkulärdeiträge ist der Schwindsucht verfallen.

In der Reichsverfassung waren ursprünglich die Matrikularbeiträge nur als vorübergehendes Aus­hilfsmittel vorgesehen; sie sollten durch direkte Reichs­steuern ersetzt werden. Im Jahre 1879 sorgte aber das Zentrum für die Erhaltung der Matrikularbei­träge als einer wertvollen konstitutionellen und förderativen Garantie. Darüber waren die Einzelregierungen fehr erbaut, — so lange nach dem Matrikularfuße Ueberschüssc verteilt wurden. Als aber das Reich nichts mehr geben konnte, sondern nehmen mußte, da erhoben mehrere Bun­desregierungen laute und zähe Klagen über die „un­gedeckten Matrikularbeiträge", die sie gar nicht auf­bringen könnten, und in mehrfachen Anläufen ver­suchte man, die Einzelstaaten von der Haftbarkeit für die Reichsbedürfnisse zu befreien. Je weniger die Einzelstaaten leisten wollten oder konnten, desto mehr Reichs steuern mußten natürlich gemacht werden.

In den letzten Deckungsvorlagen hatte man nun den Versuch gemacht, der direkten Reichssteuer durch „v e r e h el t e Matrikularbeiträge" auszuweichen. Die „Veredelung" hatte aber ihre Haken. Erstens ist der reale Unterschied zwischen dem alten einfachen und dem neuen künstlichen Umlageverfahren nicht erheb­lich; zweitens erfordert das Verfahren Normativbe­stimmungen, die in die Selbstherrlichkeit der Einzel­staaten eingreifen, und drittens werden die Steuer-

Das Münchner Lind!.

42} Roman von Felix Nabor.

Unwillkürlich beugte sich Annie vor der Größe dieses Edelmannes; er und Hardh erschienen ihr wie Riesen, welche für die Größe und den Ruhm ihrer Heimat kämpften, zu denen sie voll Bewunderung aufblickte; sie reichte dem alten, weißhaarigen Kava­lier die Hand und sagte: „Ich danke von Herzen für diese Belehrung — und weiß nun meinen Weg und meine Pflicht!"

„So ist's recht," erwiderte Leo von Sandow, „und mm hoffe ich, daß du Hardh tragen hilfst, — denn er hat schwer zu tragen, Kind!"

Das war für Annie eine erhebende und weihe­volle Stunde gewesen, weil sie ihr das Vertrauen der Familie erschlossen hatte, aber gleich darauf fie­len die ehernen Tore des Schweigens hinter ihr zu.

Sie war wieder einsam wie zuvor — und selbst das Weihnachtsfest mit seinem hellen Lichterschim­mer vermochte sie nicht aufzuheitern: ihr brannten keine Kerzen des Glückes!

Sie erkannte wohl die Größe des Hauses, dem sie angehörte, sah, wie diese Menschen rangen und den höchsten Zielen mstrebten. bewunderte sie — aber freuen konnte sie sich nicht, weil an ihnen, wie an ehernen Säulen ihr Glück in Trümmer ging.

Trübe und endlos schlichen die Tage und Stun­den hin, und wenn sie am Ende ihrer Gedanken­kreise ankam, dann stand es klar vor ihr, daß sie hier nicht am richtigen Platze war. Sie konnte nicht Wurzel schlagen in dieser fremden Erde, sie fand wohl den Maßstab, mit dem ihre Umgebung gemessen wer­den mußte, aber sie selber paßte nicht in den großen, goldenen Rahmen; sie kam sich so unendlich klein und armselig vor gegenüber diesen Arbeitsriesen. Und das drückte sie nieder, brachte sie säst zur Ver­zweiflung. Dann suchte sie die trüben Gedanken zu vertreiben und riß den schwarzen Faden, den sie ge­sponnen, entzwei — er hätte doch nur in ein düsteres Labhrinch geführt, aus dem es keinen Ausweg gab.

In solchen verzwcfflunqsvollen^Sttmmungen fluch- ,

in.

bgrenzung von Fabrik uni t einem Schiedsgericht unterbiet

Deutsches Reich.

i Berlin, 15. Juli 1913. Der Kaiser arbeitete heute vormittag allein und nahm später die Vorträge der Chefs des Militär- und Marinekabinetts ent­gegen, ferner die des Vertreters des Auswärtigen Amtes, Gesandten v. Treutler. Heute nachmittag machte der Kaiser in Balestrand einen Spaziergang an Land.

Handwerk sollen einem Schiedsgericht unterbrei­tet werden. Der Antrag der Handwerkskammern, die Bk e i st e r p r ü f u n g von der Zurücklegung des 24. Lebensjahres abhängig zu machen, wurde von den Betitretern der verbündeten Regierungen abge-

+ Debet das Ergebnis der Handwerkskonferenz, die Anfang dieses Monats im Reichsamt des Innern stattfand, berichten jetzt die dazu hinzugezogenen sie­ben Vertreter des deutschen Handwerks ihren Kor­porationen. Man erfährt daraus zum erstenmal, was auf der Handwerkskonferenz fachlich entschieden wor­den ist. lieber die drei hauptsächlichsten Punkte,, die zur Beratung standen, kam man nach Berliner Blät­tern zu folgendem Ergebnis: Der vielumstrtttene § 100 q der Reichsgewerbeordnung, der die Innungen berechtigt, ihren Mitgliedern die öffentliche Bekanntmachung der Preise für ihre Waren und Leistung» zu verbieten, soll geändert wer­den, doch darf dies für die Mitglieder dieser Innun­gen nur fakultativ, nicht obligatorisch geschehen, d. h. es darf ein Zwang auf die Mitglieder nicht ausgeübt werden. Der Name Zwangsinnung soll in Pflichtinnung geändert werden. Die Streittg- keiten übre die Abgrenzung von Fabrik und

Unter diesen Umständen blieb nichts anderes Übrig, als den subsidären Plan der Zuwachs­steuer zu dem Haupt- und Kernpunkt der Deckung ;■ '■ Damit haben auch die einzelstaatli­chen Regierungen sich abgefunden, da sie erkannt ha­ben, daß der mäßige Zuschlag auf den Zuwachs ihre landesrechtliche Steuer auf den Vermögensbestand nicht erschüttert. Und die einzelstaatlichen Parlamente können froh sein, daß sie kein Kopfzerbrechen und keine Streitigkeiten und keine Nachwehen wegen der Deckung des Neichsbedarfes zu Überstehen brauchen. „Es geht auch so."

kämpfe in die Landesparlamente hineinge- tragen. Man müßte mit der Möglichkeit rechneti, daß ein Landesparlankdnt versagt; daher hatte der Bundesrat vor vornherein die Besteuerung des Ver­mögenszuwachses als Notbehelf und Lückenbüßer vor- gefehen. Im Reichstage aber zeigte sich gerade dort, wo die Interessen der Einzelstaaten besonders ge­pflegt werden, eine starke Scheu vor der Uebertragnng der Steuerfabrikation auf die Einzellandtage> Man hielt es für besser, daß das Reich seinen Bedarf selber umlege und ausschreibe, damit die ganze Last und Gefahr und Verantwortlichkeit auf die breiten Schul­tern des Reichstags und des Bundesrats fallen.

Ankündigung „billiger Preise" an sich nicht gegenjxe Standesehre oder gegen den Gemeingeist der Jn- nungsmitglieder verstößt. Anders liegt es jedoch, wenn die Innung sich darauf befchränkt, ihren Mit­gliedern unlauteres Geschäftsgebahren, zum Beisziel marktschreierische Reklame oder die öffentliche An­kündigung von nicht üblichen Gratisangeboten oder von Schleuderpreifen, die mit dem Wert der ange­botenen Waren oder Leistungen in offenbarem Miß­verhältnis stehen, zu verbieten. Auch die Veröffent­lichung einer Unterbietung etwaiger von der Innung bekanntgegebener ortsüblicher Preise für gleiche Waren und Leistungen kann sich im Einzelfall als unreell darstellen und demgemäß den Jnnungsmit- gliedern untersagt werden. Derartige Verbote wür­den, so führt der Handelsministe aus, in den Vor­schriften der Gewerbeordnung über die Aufgabe der Innung zur Aufrechterhaltung der Standesehre und zur Pflege des Gemeingeistes unter den Innungs- Mitgliedern eine Stütze finden. Durch die in der Handwerkerkonferenz in Aussicht genommene Aen- derung des § 100 q würde, wie oben erwähnt, den Zwangsinnungen oder, wie sie später heißen sollen, den Pflichtinnungen über den jüngsten Erlaß des Handelsministers hinaus Befugnisse beigelegt werden.

4- Die Erhöhung der Bezüge für die Altpen­sionäre des Reiches soll mit Beginn des neuen Etats- zahres, am 1. April 1914, eintreten. Vorerst soll eine gründliche Prüfung der Frage mit eingehenden Verhandlungen mit den Bundesregierungen Hand in Hand gehen. Die Angelegenheit ist zurzeit, da eine Aufbesserung der Pensionen aus laufenden Etats­mitteln gedeckt werden soll, noch keineswegs geklärt, und anstelle einer gesetzlichen Regelung der Frage könnte auch die Bereitstellung von besonderen Mit­teln zu einem Fonds in Frage kommen, aus dem je nach Bedarf Zuschüsse für bedürftige Altpensionäre entnommen werden können. Die Wünsche der Alt- pensionäre gehen bekanntlich dahin, eine gesetzliche Regelung zu erstreben, die die persönlichen Verhält- niffe außer Betracht läßt.

c. Eine Ergänzungssteuer in Sachsen? Durch die neue Steuergesetzgebung des Reiches ist im König­reich Sachsen zum ersten Male eine Veranlagung des Grundvermögens erforderlich geworden. Es ist deshalb, wie aus Dresden gemeldet wird, nicht aus­geschlossen, daß bei dieser Gelegenheit die Ergänzungs­steuer eingeführt wird, die Sachsen bisher nicht besaß. Allerdings würde dann die Aufhebung der» Grund­steuer eintreten. Bei immte Entschlüsse der sächsischen Regierung liegen noch nicht vor, und erst der im Jahre 1915 zusammentretende Landtag würde sich damit zu beschäftigen Haden.

— Hebet eine Revision der Besoldungsordnung für die preußischen Unterbeamten werden in anderen Blättern Nachrichten verbreitet, nach denen eine all­gemeine Aufbesserung der bisherigen Bezüge in Vor­bereitung sei. Wie der ,$ag' aus Beamtenkreisen, die über den Stand der Dinge gut unterrichtet sind, erfährt, ist es verfrüht, von günstigen Aussichten einer solchen Vorlage zu sprechen, da die Angelegenheit noch nicht über das Stadium der Erwägungen hinaus- gelangt ist.

-> Die Verteilung der Reichstagswähler. Das Kaiserliche Statistische Amt veröffentlicht in seinem dritten Hefte zu den Reichstagswahlen von 1912 eine Zusammenstellung, aus welcher sich die Verteilung der Wähler auf die einzelnen Parteien und in großen Zügeu zugleich ihre Verteilung über Stadt und Land ergibt. Von den Wählern haben gestimmt: 34,8 v. H. sozialdemokratisch, 16,4 v. H. für das Zentrum, 13,6 v. H. nattonalliberal, 12,3 v. H. fortschrittlich, 9,2 v. H. konservativ, 3,6 v. H. polnisch, 3 v. H. freikoniervativ, dann folgen noch die kleineren den Freude, „Papa kommt nach Berlin! Mein be­rühmter, lieber Papa!"

Sie schob Hardh den Brief hin. „Da lies! Du freust dich doch auch, nicht?"

Er gab keine Antwort, und das eisige Schweigen um sie her befremdete sie nun doch. Sie wußte es sich nicht zu erklären, und fuhr in ihrer Verwirrung fori: „O, Papa fängt an, wirklich berühmt zu wer­den! Er reift nämlich als Künstler! Er gibt Kon­zerte und ist in München sehr gefeiert —"

„Klavierkonzerte?" fragte Frau von Sandow mit hochgezogenen Brauen.

„Nein, Mama! Klavierviriuofen gibt es doch die Menge; er pflegt eine ganz neue Kunst. Er singt nämlich —"

Ein klatschender Schlag von Hardys Hand auf den Brief unterbrach sie. „sJcein," rief Hardh, „das ist unerhört! Das dulde ich nicht!"

Annie zuckte zusammen, als ob sie einen Schlag ins Gesicht erhalten hätte, erblaßte und preßte die Hände aufs Herz. „Aber —"

Hardh achtete gar nicht auf sie. „Das ist der Gipfel der Verrücktheit!" rtef er. „Denkt euch nur: Annies Vater will hier in Berlin drei Konzerte ge­ben! Er reift quasi als — Troubadour! Er singt nämlich — Lieder zur Laute!"

„Lieder — zur — Laute?" sagte Frau von San­dow so gedehnt, als ob sie ein Abgrund von einem solchen Menschen trennte. „Das ist ja unerhört!" Und mit einem vernichtenden Blick auf Annie erhob sie sich und rauschte hinaus.

Hardh goß die volle Schale seines Zornes über sein junges Weib aus. „Seid ihr denn beide toll?" rief er. „Wie kannst du es dulden, daß sich dein Vater zum — Bänkelsänger erniedrigt?"

Annies beleidigter Stolz empörte sich gegen diese Beschimpfung. „Mein Papa ist kein Bänkelsänger," rief sie entrüstet, „sondern ein Künstler!" .

Hardh lachte verächtlich. „Ein Künstler im Nar­renkleid!"

„Du!" schrie sie drohend auf und ballte die Fäuste Sen ihn, „beschimpfe meinen Papa nicht! Er ist befte Mensch — tausendmal besser als du mit deinem kalten Egoismus!"

lehnt. Es soll bei dem jetzigen Zustand bleiben. Alle diese Aenderungen sollen als Novelle zur Ge­werbeordnung veröffentlicht werden. Zu gleicher Zeit hat der preußische Handelsminister über die Befug­nisse der Zwangsinnung einen Erlaß heraus­gegeben. Danach ist die Frage, inwieweit Zwangs- tnnungen berechtigt sind, ihren Mitgliedern die öffentliche Bekanntgabe der Preise ihrer Waren und Leistungen zu verbieten, grundsätzlich dahin entschie­den worden, daß einem solchen Verbot zwar die Vor­schrift des § 100 q der Gewerbeordnung nicht ent­gegensteht, daß die Zwangsinnung aber gleichwohl durch ein derartiges Verbot ihre durch die Gewerbe­ordnung begrenzten Befugnisse überschreiten; da die tetesie in ihre Münchener Stube, und ihre Seele flog in die Heimat. Dort lebten Menschen, die sie lieb­ten, die sich um sie sorgten. Das war ein Trost; aber es war auch wieder Bitternis dabei •— denn sie durfte ihnen auch jetzt die Wahrheit nicht schreiben.

Ihr Vater schrieb nur selten; aber wenn eine Karte von ihm kam, war es für sie immer ein heim­licher Jubeltag. Daß er zu Neujahr nicht schrieb, befremdete sie; um fo glücklicher war sie, als Mitte Januar ein Brief von Papa kam, der ihr feine baldige Ankunft in Berlin ankündigte.

„Um mich über deinen Verlust zu trösten, liebste Annie," schrieb er, „habe ich eine halbvergessene Kunst aufgegriffen, die mich über die Einsamkeit und den Schmerz des Heimwehs hinwegtröstet. Ich bin wie­der ausübender Künstler geworden, und meine Lie­der zur Laute — das war doppelt unterstrichen — „haben in München so großen Beifall gefunden, daß ich vor Weihnachten sechs Konzerte bei ausverkauftem Saale gab. Eine Konzert-Agentur hat nun die Sache in die Hand genommen und bereits in verschiedenen großen deutschen Städten eine Reihe von Konzerten vereinbart. Da mich hier ein jüngerer Kollege ver­tritt, so kann ich zwei Monate lang als „Troubadour" durch die Welt ziehen. In Berlin sind drei Abende borgemerft, und wenn alles glatt abläuft, fo bin ich in drei Wochen bei dir, mein Herzenskind!" —

Annie wurde bei dieser Nachricht von einem wahren Freudenrausch erfaßt. Papa kam zu ihr! Sie sollte ihn hier haben, ihn herzen und bedienen dürfen in ihrem Hause — dies Glück war kaum zu fassen. Die ganze Heimat brachte er mit, ber liebe, liebe Papa! Sie konnte ihr Glück nicht für sich be­halten, sie mußte es hinausjubeln in die Welt, oder doch den andern, der ganzen Familie, mitteilen. Ah, — was würden die staunen! Ihr schöner, lieber, gefeierter Papa in Berlin! — Kaum zu fassen war dies Glück!

In ihrem Herzensjubel lief sie hinab in die Woh­nung ihrer Schwiegereltern, wo diese nebst Hardh eine ernste Beratung zu halten schienen. Annie ge­wahrte in ihrer Freude die vorwurfsvollen Blicke der alten Dame nicht, empfand heute auch nicht die Vor­nehmheit und Kälte dieses prunkenden Gemaches.

-Denkt euch nur," rief sie in ihrer übersprudeln-

Gruppen. Daraus ergibt sich, daß bei der Sozial demokratie auf der einen wie bei den Konservativen auf der anderen Seite die Zahl der gewonnenen Reichstagssitze saft völlig ihrem Anteile an der Ge­samtheit der Wählerstimmen entspricht. Annähernd ist das auch noch bei den liberalen Parteien der Fall, während das Zentrum bei der Verteilung der Man» bäte bester wegkommt; dabei muß in Betracht ge­zogen werden, daß eine Partei mit einer besonders großen Anzahl sicherer Wahlkreise tatsächlich mehr Wähler als abgegebene Wahlstimmen hinter sich hat.

)( Tie erste Reichstagswahl am Sonntag. Die Reichstagsersatzwahl in Landshut ist von her Re­gierung in Niederbayern auf Sonntag, den 31. August, angesetzt worden. Es ist das der erste Fall, wo eine Reichstagswahl an einem Sonntag stattfindet. Der Wahlkreis ist sicherer Zentrums besitz.

0 Ter Wahlsieg Tr. Böhmes in Salzwedel-Gav belegen wird in der nationaüiberalen Presse fast durchweg als ein Sieg durch eigene Kraft hingestellt. Aber ganz zu Unrecht. Schon bei der Hauptwahl haben Hunderte von Sozialdemokratischen Wählern, wie ja auch der .Vorwärts" alsbald feststellte, nich! für den ganz aussichtslosen eigenen Kandidaten, sondern für Dr. Böhme, den sie bei der Stichwahl doch hätten wählen müffen, gestimmt. Die Stimmen, die der Bauernbundführer im zweiten Wahlgange ,gei wonnen" hat, würden also zu einem Siege aus eigener Kraft nicht ausgereicht haben, wenn die »Ge- Hoffen" ihn im Stich gelassen hätten. Zudem ist es, wn die .Kreuzztg" mit Recht bemerkt, eigentlich mehr bi( Sache des Gewählten als die der nationalliberale« Parteipresse, sich über die Umstände bei der Stich­wahl und über seine Tributpflichtigkeit gegen die Sozialdemokratie auszusprechen. Daß dies nicht ge­schieht, ist doch wohl ein Zeichen für die Heber» zeugung Dr. Böhmes, außerstande gewesen zu sein,! aus eigener Kraft den konservativen Gegenkandidaten, aus dem Felde zu schlagen.

--- Erfüllung der Wünsche der Eisenbahnasfistenteu. Einer in Berlin vom Eisenbahnminister von Breiten­bach empfangenen Deputation teilte der Minister mit, daß die für die Assistenten beschlossene Gehalts- erhöhung im nächsten Etatsjahre auch den preußisch- hessischen Eisenbahn-Assistenten gewährt werden solle, so daß bann bic volle Gleichstellung im Anfangs- und Endgehalt herbeigeführt sein würde. Anstatt der bisherigen Gehaltsskala: 1650—1900—2150—2400— 2650—2900—3100—3300 Mark beziehen die Eisen- bahnassistenlen also vom 1. April 1914 ab die folgenden Gehaltssätze: 1800 -2100—2350—2600^ 2850-3100-3350—3600 Mark.

Ausland.

* Tas englische Oberhaus und Homerule. Vor dich besetztem Oberhause brachte Marquis of Crewe bi. zweite Lesung der Homerule-Bill ein. Er führte aus, daß der Widerstand Ulsters sich hauptsächlich auf em Gefühl des Hasses gegen die römisch' katholische Kirche stütze. Der Führer der Oppo- sition Lord Lansdow ne brachte eine Resolution ein; die erklärt, das Haus lehne es ab, sich mit der Bill zu beschäftigen, bevor sie die Billigung des gesamte« Königreichs gesunden habe. Die Grundsätze der Btt seien verabscheuenswert und verderblich. Der Redner schloß: „Wenn das Land die Bill wünscht, sind wir bereit, sie ihm zu geben. Wir bitten die Regierung, die Frage der Beurteilung des Landes zu unterbreiten. Wir sind bereit, uns seiner Entscheidung zu fügen.". Das Oberhaus l e h u t e die zweite Lesung der Homerule- bill mit 302 gegen 64 Stimmen ab und nahm einen Antrag Lord Lansdownes an, die Bill zuvor dem Urteil der Wählerschaft zu unterbreiten.

Vor dem drohenden Blick feiner kalten, hochmüti­gen Augen erzitterte sie; dieser Mann aus Stahl uni Eisen zerbrach sie wie ein schwaches Spielzeug; auf- schluchzend sank sie auf einen Sessel und starrte ihn erschrocken an

Mit seiner harten, herrischen Stimme sagte er. „Als Gast ist uns dein Vater selbstverständlich jeder­zeit willkommen — aber singen darf er hier auf keinen Fall! Wir Sandows wären ja sonst vor der ganzen Stadt blamiert! Und das gerade jetzt, wo wir im besten Zuge sind, unseren Namen groß und berühmt zu machen! Nein, da soll mir dein Vater tä- nen Strich durch die Rechnung machen! Auf der Stelle schreibe ich chm —"

„Nein, nein," rief Annie angstvoll, „schreibe nicht! Du könntest ihn verletzen. Ich selber will ihm schrei- hen, so schonend als möglich!" —

„Gut, so schreibe ihm; aber heute noch!"

„Heute — noch!" hauchte sie und legte die Händl vor das Gesicht, um ihren Schmerz zu verbergen; ein großes Glück war ihr in diesem Augenblick in Trüm­mer gegangen. —

Hardh ging wütend davon. Leo von Sandow traf zu der Weinenden und berührte ihre Schulter. „Kind nimm dich zusammen," sagte er. „Hardh hat recht: es ist unmöglich, daß dein Vater hier Konzerte gibt.

„Was liegt mir an den Konzerten," schluchzte sie; „aber meinen Papa will ich haben!"

„Das sollst du auch — nur — du verstehst?"

„Nein, ich verstehe nicht!""

„Aber Kind, hast du denn vergessen, welchen Na men du trägst? Du kennst doch die Stellung, du unsere Familie in Berlin einnimmt! Weißt, daß wn nur mit den höchsten Kreisen verkehren und daß un­sere Verbindungen bis zum Throne hinauf reichen. Da ist es denn ganz unmöglich, daß einer nuferer Verwandten hier öffentlich auftritt, um —- Tut zu fingen! Tas wäre geradezu ein Eklat! Der ^urft, die Hof- und Ädelskreise würden sofort ihren Verkehr mit uns abbrechen, wir wären degradiert vor der ganzen Stadt —geächtet! Und das wirft du uns nicht zumuten, nicht wahr?"

(Fortsetzung folgt,)j