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Fuldaer Zeitung

trfd)dnt »gNch mR Ausnahme Oer Sonn- und Stiertage, viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld In Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. Rotationsbrudt und Verlag der r z Zuldaer fldlenbrudterel in Zulbo. Zemsprecher Nr. 9. ::

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Illustrierte Sonntagsztifung I Zuldaer 6e(chichtsblLtter

s Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — Halbjährlich Taschenfahrplan, k

Erstes Blatt

Nr. 159

Samstag den 12. 3uli 1913

40. Zahrgang.

"nielgen: Der Roum efotr rinfpotfigm Cotonehelle, 47 am breit, »oftet JJDfo. Reklamen: Der Raum einer Coloneljeile, 74 mm breit, koftet 40 Dfg. Bei Wieberholungen Rabatt 5ür Offert- und fluskunftanjeiaen 20 Pf. extra. 3n Konkursfällen wirb ber bewilligte Rabatt hinfällig, erfülluncsort für bas Sa» klagen non Sortierungen Ist $uM flnjeigen-annohme bis fO Uhr normittage, - :: Größere finnigen erbitten wir uns tags vorher. :: H

0 Rosa schwingt die Fuchtel.

Die Haltung der sozialdemokratischen Reichstags­fraktion während der Behandlung der Wehr- und Deckungsvorlagen im Reichstag findet durchaus nicht den ungeteilten Beifall aller Parteigenossen. Bei die­sen hatte sich die Vorstellung festgesetzt, als könnten die roten 110 bestimmend auf die Gesetzgebung des Reiches einwirken oder sie doch beeinflussen. Diese Erwartung fit indessen bitter zunichte geworden. Und die Enttäuschung konnte auch nicht beseitigt werden durch den revolutionären Ton, von dem die so­zialdemokratischen Redner während der Debatte zur Wehrvorlage ausgiebiger denn je Gebrauch machten. Aber alles hat nichts genützt, die Unzufriedenheit der Ueberrevolutionäre zu beseitigen.

Jetzt ist man auf einen neuen Gedanken verfallen. Die Revisionisten fordern jetzt Plötzlich dringend zum Massen st reik auf. Es ist kein Zweifel, daß hierdurch die sozialdemokratischen Wählermassen von den Stiftungen der sozialdemokratischen Reichstags­fraktion abgelenkt werden sollen. Und die rechtgläu- btgen Radikalen riechen den Braten. Die Anregung zum Massenstreik stößt bei der radikalen Richtung der sozialdemokratischen Fraktion auf stärksten Wider­spruch. Rosa Luxemburg wendet sich in schärfster Form gegen diese Bestrebungen und hat an der so­zialdemokratischen Parteileitung sehr viel auszusetzen. Selbstverständlich ist Rosa nicht Gegnerin des Mas­senstrecks an sich, sondern nur des künstlich inszenier­ten Massenstreiks ohne direkten Anlaß. Rosa ver­mißt eine „kräftige offensive" Taktik der sozialdemo- kratfichen Parteileitung und droht, auf dem diesjähri­gen Parteitage die Sache zur Sprache zu bringen. Sie hält der Parteileitung ein ganzes Sündenregister vor („Leipziger Volkszeitung", 145). Weder beim Zarenbesuch in Berlin, noch beim Kaiserjubiläum hätte die sozialdemokratische Patieileitung republika­nische Massendemonstrationen gemacht. Durch eine solche Haltung würden die Massen demoralisiert und die Gegner in ihrem liebennut befestigt. Unter sol­chen Umständen komme bei dem jetzigen Aufurf, einen Massenstreik AU machen, nur eine Blamage heraus, hur als Steigerung einer bereits im Gange befind- lic^n Aktion, als Ausdruck einer Spannung der re­volutionären Energie der Massen, könnten General­streiks machtvoll und wirksam auftreten. Deshalb muffe die sozialdemokratische Parteileitung alle „par­lamentarischen Selbsttäuschungen, alle patiikulari- sttsche Winkelpolittk, alle Illusionen in bezug auf den „alten" und den „neuen" Liberalismus, alle Expe­rimente, um heute das Zentrum mit Hilfe der Na- ttonalliberalen, und morgen die Nationalliberalen mit Hilfe des Zentrums als die „wahre" Reaktion zu Purzen", fortan fallen lassen.

Zweifellos werden diese Ansichten der Genossin Luxemburg von vielen sozialdemokratischen Partei­mitgliedern radikaler Richtung geteilt und man darf sich auf heftige Auseinandersetzungen auf dem dies­jährigen Jenaer Parteitage gefaßt machen. Ob in­dessen die radikale Richtung mit ihrer Auffassung durchdringt, das ist eine andere Frage. Die sozial­demokratische Parteileitung weiß viel zu gut die Vor­teile zu schätzen, die die sozialdemokratische Partei durch ihre opportunistische Taktik mit Hilfe des von chr abhängigen Linksliberalismus davonträgt und Auch fernerhin davonzutragen hoffen darf.

G Ein Zentrumsmann kann nicht Schulinspektor werden.

Aus Bayern wird geschrieben: An Würzburg war die Stelle, eines Schulmspettors zu besetzen. Als be st qualifiziert er Bewerber kam Lehrer Wolz in Betracht, der aber den Fehler hat, daß er Zen­trumsmann ist. Die liberalen Lehrer liefen

l Dar Münchner KinöL

S9] Roman von Felix Nabor.

In seiner Sorge um sie legte der Fürst den Arm am ihre Schultern und sagte: „Sie waren ent­zückend und ich möchte Ihnen mit einem Kusse pauken!" *

Er beugte sich über sie, aber ihre Fäuste stießen ihn zurück. „Nein, nein — lassen Sie mich! — Das r- das fit abscheulich!"

Sie zitterte am ganzen Körper und begann zu weinen. Die ganze Freude an dem Feste war ihr vergällt. „Gibt es denn nichts Reines und Heiliges mehr in der Welt?" stieß sie hervor. „Muß jede Freude mit Bitterkett gemischt sein? — Klebt an allem Schönen der Schmutz?"

Der Fürst war völlig bestürzt. „Aber meine Gnädige," stammelte er, „echauffieren Sie sich doch nicht über so ’ne Lappalie! Das — das war doch nur Spaß!"

„Ich danke für solchen Spaß!" sagte Annie, erhob sich in ihrer gekränkten Frauenwürde und wies dem Fürsten hn eigenen Hause die Türe. Der glänzende Palast erschien ihr wie ein entweihter Tempel, und sobald sie sich umgeHeibrt hatte, verließ sie ihn und flüchtete in ihre stillen Münchner Stuben, wo sie sich geborgen fühlte.

Auch die folgenden Städtebilder fanden viel Bei­fall; bann aber kam das letzte — das Schönste!"

Das Meer blaute, und ein Weib von wunder­barer Schönheit blickte hinaus auf die blauflutenbcn Wellen. Weich schmiegte sich bie leuchtende Seide um den schönen Leib, aus dem dunklen Haar blitzten Per­len und Brillanten auf. Die kleine, goldene Harfe, zu deren Saitenklang sie wohl eben ein Sehnsuchts­und Liebeslied gesungen hatte, war ihren Händen entglitten, und die erhobenen Arme breiteten sich sehnsüchtig dem blauen Meer entgegen, auf dessen Wellen vielleicht eben ein Schiff zum Hafen fuhr, das chr brachte, wonach sie sich sehnte: den Gatten, den .Geliebten.

I Sturm gegen diese Ernennung, machten Eingaben und brachten die Kandidatur Wolz auch richtig zu Fall, wenn sie schließlich auch nicht den Mann er­hielten, den sie ioünschten. In welch' anderem Be­rufe wäre wohl Aehnliches möglich? Den Beamten oder Geistlichen etwa, die sich etwa beifallen ließen, die Nichtberücksichtigung eines bestimmten geeigneten Bewerbers zu fordern, würde der Marsch hübsch ge­blasen werden. Der Lehrerliberalismus aber häliAus- nahmerechte für sich für durchaus selbstverständlich.

Tie Würzburger Zentrumspresse hat natürlich mit Nachduck auf diese drastische Brutalität hinge­wiesen, die einem Befähigten ein Amt verweigerte, einzig weil er Zentrumsmann ist. Die „Bayer. Leh­rerzeitung.", das Organ des bayerischen Lehrerver­eins, bezeichnet es nun als grobe Unwahrheit, wenn den Würzburger Lehrern solche Absichten unterschoben würden. Bei dieser treuherzigen Versicherung war aber die Rechnung ohne den Wirt, d. h. den Herrn Beyhl gemacht. Dieser liberale Würzburger Lehrer­führer hatte nämlich, ausgerechnet 24 Stunden vor­her, in seine „Fr. Bayer. Schulztg." ohne Umschweife ei" '"standen, daß die wahre, wenn auch nicht einge- ftoADene Triebfeder des Handelns der Würzburger Lehrer die Rücksicht auf den Zentrums mann war; alles sonst Vorgebrachte war lediglich Scheingrund, Verbrämung der wahren Absicht. „Man hat sich gescheut", so sagt er, „von politischen Dingen zu reden, obgleich man sie im Auge hatte." Es ist ergötzlich, zuzusehen, wie das eine liberale Leh­rerblatt das andere auf den liberalen Rosenmund schlägt.

Lehrer Beyhl, der Führe des bayerischen Lehrer­radikalismus, vertritt dann frank und frei bett Grund­satz, dieWürzburger Lehrer hätten das volle Recht ge­habt, baauf zu bestehen, daß Wolz nicht ihr Vorgesetz­ter werde, denn er sei ein Zentrumsmann und ein solcher sei nicht geeignet, Schulinspektor zu werben. Das ist kurz gesagt der Sinn der Beyhlfchen Aus­führungen. „Es müssen bei Stellenbesetzungen für uns Lehrer auch scbulpolitische und stanbespolitische Erwägungen mitspielen." Ein Zentrumsmann bars also nie ein höheres Schulamt erlanPn, nur ein Liberaler ober ein Sozi. Eine eigentümliche „Vor- anssetzungslosigkeit"! Da eröffnen sich ja nette Aus­sichten für bie Zeit, da Herr Beyhl bayerischer Kul- tnSminister sein wirb.

Deutsches Reich.

♦♦ Berlin, 11. Juli 1913. Der Kaiser besuchte in Bergen heute vormittag den Regenschirmfabrikanten Eriksens und fuhr um 121/» Uhr mit Gefolge nach Fjossanger, wo bet Konsul Mohr das Frühstück ein­genommen wurde. Das Wetter ist nebelig, sodaß bie Feuer, die gestern zu Ehren de? Kaisers ange­zündet wurden, nicht gesehen werben konnten.

© Auszeichnung. Dem Regierungsrat Stephan M o e s l e im Reichsschatzamt, bekanntlich ein Würt­temberger aus Hemmigkofen, Oberamt Tettnang, wurde am Freitag der rote Adlerorden 4. Klasse mit der Krone vom RcichsschatzfekWtär Kühn unter an­erkennenden Worten für seine ausgezeichnete Tätigkeit beim Zustandekommen der Reichsvermögenszuwachs- stctier und Kes einmaligen Wehrbeitrages überreicht.

+ Nerrs Gesetze über den gewerblichen Rechts­schutz kündigt die „Nordd. Allg. Ztg." an: Seit Jah­ren sind bie Arbeiten int Gange, um bie ben gewerb­lichen Rechtsschutz betreffenben Gesetze zeitgemäß um­zugestalten. Nachdem int Jahre 1909 bas Gesetz gegen ben unlauteren Wettbewerb verabschiedet wor­den ist, handelt es sich jetzt um die Abänderung des Patent- und Gebrauchsmusterrechts so­wie des Warenzeichenrechts. Die Entwürfe nebst den zugehörigen Erläuterungen werden in diesen Ta" gen veröffentlicht, damit die beteiligten Kreise Ge­

Die Glut des Südens war in diesem Weibe mit den satten Farben und der weichen Träumerei des Orients vereint — und alle erkannten in dieser Schönheits-Königin — die Früftin!

Erst hielt man vor Staunen ben Atem an, bann suchte man flüsternd bas Rätsel zu lösen. „Der Orient? — Stambul? — Die Sultana? — Sehn­sucht? — Erwartung? — Liebestiraum?" —

Da löste ber Fürst bas Rätsel: „Obessa unb bie Odaliske." —

Der Beifall war gerabezu beispiellos; zehnmal mußte bas Bilb gezeigt werben unb alle waren barin einig, daß es bie Perle bes Festes bebeute.

Nun bat ber Fürst seine Gäste, ihm zum Souper zu folgen. Die Fürftin hatte sich rasch umqetleibet unb saß bann an ber Tafel zur Rechten bes Prinzen. Ihr Glück kannte keine Grenzen; sie feierte einen Triumph, ber sie förmlich strahlen machte.

Nach bem Mahle erteilte sie Audienzen wie eine Königin, unb als auch Harby von Sanbow einen Augenblick bas Glück hatte, vor ihrem Throne er­scheinen zu bürsen, sagte sie: „Dieser Tag ist ber fchönste in meinem Leben! Ich habe einen Triumph gefeiert, baß ganz Berlin wochenlang bavon reben wirb. Auch Sie haben bas Ihrige bazu beigetragen unb ich banke Ihnen."

Damit war er entlassen.

Harby war enttäuscht. Er hatte wärmere, herz­lichere Worte erwartet. War ber Freundschaftsbund zwischen Ihnen vergesien? — War das Fürsten­gunst? — Hatte ihn bie Fürstin nur als Mittel be­nützt, nm mit seiner Hilfe vor aller Welt einen Triumph zu feiern? —

Er konnte es nicht glguben; er gebachte bes Wor­tes, bas sie ihm gegeben hatte: daß sie ihm die Wege zu Ruhm unb Ehren ebnen werde! Das beruhigte ihn, weckte bie Hoffnung auf eine glänzende Zu­kunft. —

Und wie alle, fo sah auch er in der Fürstin Ilona die Königin des Festes.

Bei dem folgenben Balle war sie es mehr als je.

Sie trug eine märchenhafte Rokoko-Robe von weißer, zarter Seide, in welche Rosengirlanben ae-

I legenheit erhalten, zu ben geplanten Steuerungen I Stellung zu nehmen unb mit etwaigen Verbesse- I rungsvorschlägen hervorzutreten. Das Patentgesetz I vom 7. April 1891, das Gesetz betreffend den Schutz I von Gebrauchsmustern vom 1. Juni 1891 und das Gesetz zum Schutze ber Warenbezeichnungen I vom 12. Mai 1894 sollen aufgehoben unb durch neue Gesetze ersetzt werden. Sachlich stehen die in Be?

I tracht kommenden Rechtsgebiete in engem Zusam- I menhang, sodaß die drei Entwürfe ineinander greifen unb ein einheitliches Ganzes bilben. Insbesondere erhalten sie ihr gemeinsames Gepräge durch den Umstand, daß ihre Ausführung zum großen Teile

I in den Händen des Patentamtes liegt und die Ein- I richtung dieser Behörde und die Verfahrensformen daher von gleichen Gesichtspunkten geregelt sind. Auch inbezug auf die Gebühren hängen die Entwürfe untereinander zusammen und, sofern die einzelnen Vorschriften hierüber in ihrer Gesamtwirkung die Einnahmen des Reichs bestimmen und den allgemei­nen Stand der Finanzen beeinfluffen, von einander ab.

* Von ber Amnestie, bie aus Anlaß des Regierungs- jubiläums erlaffen wurde, hat in den Reichslanben als erster der Sohn des Staatssekretärs Zorn v. Bulach profitiert. Er hatte wegen einer Duell­forderung (!) drei Monate Festungshaft zu verbüßen, erhielt jedoch nach sechs Tagen die Freiheit. Die Straßburger „Neue Zeit" schreibt hierzu:

Wir sind der Meinung, daß die elsaß-lothringische Regierung nun gerade etwas Nützlicheres zu tun ge­habt hätte, als zuerst den Sohn des Staatssekretärs als erster zu begnadigen. Nicht, daß wir ihm den Vorteil misgönnen, oder daß wir der Anstcht wären, daß sein Vergehen nicht unter die Amnestie fallen müßte, aber eS wäre Sache eines feinen Taktes gewesen, in unserem Lande mit Frhrn. ClauS Zorn v. Bulach, dessen nützliche Tätigkeit gut und gern einen Tag später hätte beginnen können, nicht ben Anfang zu machen. Hunderte unb mehr warten für nicht weniger ehrenhaftes Ver­gehen jenseits der Grenze auf den Augenblick, wo sie den Schritt in die Heimat zurückmachen dürfen, und der Staatssekretär hätte sich und seinem Namen ganz anders gedient, wenn er einen aus dieser Zahl als ersten heraus- geriffen und dann erst an sich unb seinen Sohn ge­dacht hätte.

= Bei der Reichstagsstichwahl in Zauch-Belzig erhielt Ewald (Soz.) 17130 und v. Oertzen (Reichspt.) 16197 Stimmen. Die Ergebnisse einiger kleiner Orte stehen noch aus; sie können jedoch nichts mehr ändern. Ewald kann als gewählt gelten.

-i- Dir deutsch-chinesische Hochschule in Tsingtau. Tie Oberleitung ber auszubauenben deutsch-chine­sischen Hochschule in Tsingtau wirb voraussichtlich ber Geh. Abmiralitätsrat Rosenberger öom Reichs­marineamt übernehmen, ber bereits zur Leitung bet entsprechenden Vorarbeiten unb zwecks Aufstellung des Etats im Schutzgebiete weilt. Der Ausbau ber Hochschule, für ben im nächsten Etat entsprechende Mittel geforbeti werben sollen, soll nicht zu einer Universität im chinesischen Sinne, sonbern vielmehr zu einer Hochschule im deutschen Sinne erfolgen, tvas sich zwecks Förderung der Stärkung der deutschen Kulturbestrebungen und in unserem wirtschaftlichen Interesse als nötig erweist. Dieser Ausbau soll ein­mal geschehen durch eine Erweiterung ber deutsch- chinesischen Hochschule, weiter burch eine Vertiefung ihrer Leistungen, sobah sich Lehrplan und Leistungen immer mehr den deutschen Hochschulen annähern. Der Schwerpunkt wirb hierbei auf bie technischen unb mebizinischen Fächer gelegt werben.

4- Die gerüffelten Hunbertzehn. Die Erregung über die Steuerbewilligung durch die roten Hunbeti- zehn nimmt im sozialdemokratischen Lager zu. Jetzt tritt auch bas Organ bei roten Damen, bie „Gleich­heit", auf ben Plön unb schreibt,

der Partei müsse an diesem in die Augen springenden Fall zu Gemüke geführt werden, wie leicht ihre Abgeord-

flochten waren, dazu einen wahrhaft königlichen Schmuck aus Brillanten unb Smaragden, der wun­dervoll zu der Robe stimmte. Im gepuderten Haar thronte ein blitzendes Diadem und die Rechte hielt einen hohen, goldenen, bändergeschmückten Stab. — Die Tage des Sonnenkönigtums schienen wiederge­kehrt zu sein — sie aber herrschte als Königin darin.

Jetzt hob sie den goldenen Stab — die Musik setzte ein. Die Paare traten zum Menuett an —■ es war alles wie int Märchen!

Auch Harby von Sanbow erlebte Wunber. Es war allmählich bekannt geworden^ baß er ben ganzen Festakt arrangiert hatte; man brückte ihm bie Hand, jagte ihm Schmeicheleien —er war „über Nacht" ein begehrter unb beinahe berühmter Mann gewor­ben. Selbst ber Prinz sagte ihm ein paar freundliche Morte der Anerkennung. —

Harby war berauscht von fo viel Güte. Der Weg zu ben glänzenben Gipfeln bes Ruhmes war nun frei, die goldenen Tore ber Welt taten sich vor ihm auf!

Annie aber lag schlaflos bis zum grauenben Mor­gen unb quälte sich mit ihren trüben Gedanken. „Ich bin in eine Welt geraten, bie mir völlig fremb ist", bachte sie. „Was sind doch bas für Menschen, bie ich heute sah! Genuß, Freude, Ruhm unb Ehre sinb ihre Götzen unb alle knien anbetenb vor bem golbenen Kalbe! — Welchen Sinn, welchen Zweck, welche Be­deutung hatte dieses ganze Fest im Palais Ostrawitz? — Es war eine große Parade ohne tieferen sittlichen Inhalt, es diente nur dazu, um den Reichtum des Hauses aller Welt zu zeigen, um geehrt, gelobt, um­schmeichelt zu werden. Und aller Prunk, der dabei entfaltet wurde, war nur deswegen zur Schau ge­stellt worden, damit er den glänzenden Rahmen ad- gebe für die schöne Frau und für ihre Triumphe. Es war eine große, glänzende Komödie ohne sittlichen und ethischen Gehalt, aufgeführt, um die große Menge ber Lust- unb Freubehungtigen zu blenben, unb um sich eine glänzende Position in der Reichshauptstadt zu schaffen!"

Annie bedauerte es, daß sie sich in diese glänzende Welt des Scheins verirrt hatte, die mit ihrem ein- facben. schlichten und natürlichen Wesen in »Aäxfitem

ntien auf dem glatten bürgerlichen Boden des Parla­mentarismus ausglitten. Das mahne die „Genossen" und die .Genossinnen" an die Pflicht einer gesunden Demokratie, über die Konsul« zu wachen. Es müsse also in Zukunft dafür gesorgt werden, daß „zwischen den Parlamentanern und den Truppen der Partei jene lebendige Fühlung besteht, die auch die parlamentarische Aktion der Sozialdemokratie auf dem festen Grunde des revolutionären Klassenkampfes hält".

Die Vertreter des roten Volks im Reichstage sollen also unter bie laufenbe Kontrolle ber Massen gestellt werben. Das würbe zu bem ganzen Wesen ber Sozialdemokratie, die ja Meinungsfreiheit unb Selbständigkeit in ihren Reihen gar nicht ober höch­stens bebstigungsweise gelten läßt, recht gut passen.

* Eine Beschimpfung der Katholiken leistet sich ber nationalliberale „Hannov. Courier". Er benutzte bie Tage bes Schützenfestes dazu, um seine geistlosen und von großer Unkenntis zeugenden Verhöhnungen der katholischen Kirche an den Mann zu bringen. In einem vorgeblich historischen Artikel heißt es: ‘

„Ein ausgezeichnetes Mittel, die Schützenlust zu wecken und zu mehren, fand vor der Resormation die allein­seligmachende Kirche, indem sie den „frumben Schützen- brudern" unentgeltlich Ablaß für alle Sünden gewährt«, und zwar auf vierzig Tage, pränumerando, sofern sie beim Freischießen mit der Armbrust oder Büchse mitschossen. Auch die „Schützenschwestern" waren ein­begriffen. _ Es wird heute geklagt, das Interesse am Bürgerschützenwejen würde von Jahr zu Jahr geringer, trotz ber den guten Schützen winkenden, nach gutem alten Brauch in unserer Stadt beibehattenen Hausabgabefrei­heiten und der Silberpreise des Magistrats. Wie wäre es, wenn die Stadtväter als Zugmittel den Schützen» brüdern auch solchen Ablaß aller Sünden, wenn auch «ur auf vier Tage und den Ballsonntag, aber auf die frumben Schützenbräute unb -kusinen ausgedehnt, erwirken? Jetzt hat so mancher, wenn er am Ascherbonnerstag tag- früh beim Gezwitscher ber Schwalben mit schwerem Kopf unb leichtem Gelbbeutel nach Hause zieht, bas Kerbholz gemessen voll."

Wir überlassen es jedem denkenden und gebildeten Menschen, sich über den albernen Schwindel von dem Ablaß für alle Sünden pränumerando, dessen Ab-, druck ein geistiges Armutszeugnis für den „Hanno-I berschen Courier" bedeutet und besonders auch übers ben Schlußpassus sich sein Urteil selbst zu bilben. Gibt« es wirklich in unseren Reihen noch Leute, bie nicht, mit uns ber Meinung sind, daß gegen eine solches Sorte von Presse genau derselbe Abwehrkampf nötig ist, wie gegen die sozialdemokratische und bie Skan-! balpresse?

** Wählerlisten unb Nachwahlen. Die Wahl- Prüfungskommission bes Reichstages hat sich bei ber Prüfung ber Wahl bes Abgeordneten v. Halem auch mit ber Frage beschäftigt, ob bei einer Nachwahl, wenn für sie bie für bie Hauptwahl aufgestellten Listen benutzt werben, bie in bie Wählerlisten einge­tragenen Personen auch bann wahlberechtigt sinb, wenn sie inzwischen ihren Wohnsitz verlegt haben. Der Reichstag hat biese Frage ftüher verschieben beantwortet, und die Regierung steht auf bem Standpuntt, baß sie zu verneinen fei, weil man zwar Haupt- unb Stichwahl als einen ein­zigen Wahlgang auffaffen könne, nicht aber bie bin­nen Jahresfrist stattfinbenden Ersatzwahlen, bie nach bem Wortlaut des Gesetzes und ihrer tatsächlichen Bedeutung Neuwahlen seien. Die Kommission des Reichstages hat indessen mit 12 gegen 2 Stimmen be­schlossen, baß bie in bie Wählerlisten eingetragenen Wähler bei einer Nachwahl zur Ausübung bes Wahl­rechts auch bann berechtigt, sinb, wenn sie inzwischen chren Wohnsitz verlegt haben.

* Deutschland unb die Bagdadbahn. Das „Ber­liner Tageblatt" ntelbet aus London: Die Bagdad- Verhandlungen nehmen einen befriedigenden Verlauf. Die Beteiligung Deuffchlands an bet Tigris-Schiffahrt in irgenb einer Form soll sicher zu erwarten sein. Laut „Pall Mall Gazette" ist Lord

Gegensätze stand. Sie sehnte sich nach ihrem stillen, bescheidenen unb traulichen Heim zu München. War es auch nur arm und klein, so barg es doch das köst­lichste Kleinod: Den Frieden!

Während Harby sich im Märchenreich bes nächt­lichen Sonnenkönigtums ergötzte, weinte sein junges Weib in ihrer Einsamkeit heiße, bittere Tränen. =

XL

Eine volle Woche lang beschäftigte sich Fürst Ostrawitz bannt, bie Zeitungsberichte über die Eröff­nungsfeier im Palais Osttawitz zu sammeln unb ehr- ürchtsvoll, als ob es Heiligtümer wären, in das „gol­dene Buch" seines Hauses einzutragen. Dabei durch­kostete er noch einmal alle genossenen Wonnen, las lächelnd die Lobsprüche, die ihm gespendet wurden, und erinnerte sich mit unbeschreiblichem Entzücken der warmen, herzlichen Worte, bie ber kaiserliche Prinz beim Abschied zu ihm gesprochen hatte. , ,

Noch mehr als er sonnte sich feine Gemahlin nt bem Glanze, ber von „ihrem" Feste ausstrahlte; sie ühr jeben Tag aus, um sich betounbern zu lassen, war abends im Konzert, im Theater, — kurz, überall da, wo sie sicher war, Aufsehen zu erregen, Schmei­cheleien unb Lobsprüche zu ernten.

Harby v. Sanbow schien vergessen zu fein; aber es war nicht ber Fall. Eines Tages erhielt er eure Einlabung zur fürstlichen Tafel und geriet darüber in solches Entzücken, als ob ihm der siebente Himmel erschlossen worben fei.

Das Mahl war glänzenb, unb das Gespräch drehte sich ausschließlich um „das Fest", das, einem Kometen gleich, seinen glänzenden Schweif hinter sich drein zog. . „ . , ,

Nach dem Dessert fchlug die Fürstin eine Ausfahrt in einem Vierergespann vor, aber der Fürst erhob ab­wehrend die Hände. „Was denkst Du, Jla. nef er. „Ich muß jetzt arbeiten, unb Herr v. Sanbow wird mich entschuldigen, wenn ich mich zuruckziehe.

Hardy verbeugte sich stumm.

Die Fürstin aber ließ ihr hellstes Lachen Horen. „Arbeiten — Tu?" rief sie. „Geh, Mikos, bmb nur keinen schwarzen Bären auf! Was hast ~u beim so notwendig zu — arbeiten?"