Fuldaer Zeitung
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Nr. \53. erstes Blatt.
Samstag den 5. Juli 19(3»
40. Jahrgang.
+ Der Wechsel im Kriegsministerium.
Die Nachricht von dem Rücktritt des Kriegs- Ministers von Heeringen kommt nicht überraschend. Wer die politischen Vorgänge mit Aufmerksamkeit verfolgte, wußte so gut wie bestimmt, daß in der Leitung des Kriegsministeriums über kurz oder lang ein Wechsel eintreten mußte.
Herr v. Heeringen verläßt den Posten, den er seit vier Jahren inne gehabt hatte, um als Nachfolger des Generalfeldmarschalls Frhrn. v. d. Goltz Generalinspekteur der zweiten Armeeinspektion (Berlin) zu werden. Der Abschied des Ministers erfolgt mit allen Ehren und es ist zu erwarten, daß der neue Posten eines Generalinspekteurs Herrn v. Heeringen ein dankbareres Feld bieten wird, als das Amt eines Kriegsministers. Herr v. Heeringen scheidet aus dem politischen Leben ohne viel Feinde, aber auch ohne viel Freunde. DaS Zentrum hatte einige Male Grund, sich über gerade unhaltbare Auffassungen in der Frage des Offizierduells mit Herrn v. Heeringen zu unterhalten und in seine staatsmännischen Fähigkeiten einigen Zweifel zu setzen, als er erklärte, ein Offizier, der aus religiösen Gründen ein Duell ablehne, gehöre nicht in die Gesellschaftskreise des Offizierskorps. Schon allein diese Aeußerung zeigte klärlich, daß Herr v. Heeringen wohl ein den Standesvorurteilen seines Kreises getreuer Offizier war, daß ihm aber die Eigenschaft eines Ministers, welcher seinen Etat vor dem Parlamente zu vertreten hat, zum guten Teil mangelte. Wenn trotzdem unter Herrn v. Heeringen die größten Heeresvorlagen bewilligt wurden, so hatte sicher die kriegsministerielle Tätigkeit Herrn v. Heeringens die geringste Schuld daran. Das parlamentarische Milieu entsprach wenig der Natur des Kriegsministers, dem man aber allerdings nicht vorwerfen kann, daß er selber sich für einen tüchtigen Kriegsminister gehalten hätte. Die Gerechtigkeit gebietet es, Herrn v. Heeringen zuzugestehen, daß er in den letzten Wochen seiner Tätigkeit bei der Vertretung der Wehrvorlage im Reichstag nicht ganz so ungeschickt operierte, wie man es von ihm gewohnt war. Zweifellos bietet die neue Stellung Herrn v. Heeringen ein Feld, wo er manches Gute leisten kann. Besseres jedenfalls als auf seinem Ministerposten.
General Josias v. Heeringen, der am 9. März 1850 in Kassel geboren wurde, gehörte dem Heere feit 1867 an. Einen großen Teil feiner Dienstzeit verbrachte er im Großen Generalstab und im Preußischen Kriegsministerium. 1903 wurde er Divisionskommandeur, 1906 kommandierender General des 2. Armeekorps, 1909 wurde als Nachfolger des Herrn v. Einem zum Kriegsminister ernannt.
Unter den Nachfolgern auf den erledigten Kriegsministerposten werden General der Infanterie Be - feier, General der Artillerie G a l l w i tz und Generalleutnant v. Stein, Kommandeur der 41. Division in Deutsch-Ehlau genannt.
£> Die französische Heeresvorlage.
Noch niemals sind foviel falsche Zahlen in amtlichen Reden und amtlichen Berichten der französischen Deputiertenkammer über die französische Heeresstärke wiedergegeben worden, wie in den letzten zwei Monaten, in welchen der Kampf um die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit in den Vordergrund der französischen inneren Politik gerückt ist.
Der Ministerpräsident Barthou operierte zur Begründung der Heeresvorlage mit geradezu verblüffenden Nechenkunststücken, die nur den einen Fehler haben, daß sie grundfalsch sind. Herr Barthou setzt seine ganze Stärke und seine ganze Stellung für das Programm der Wiedereinführung der dreijährigen
Das Münchner KtnM.
53] Roman von Felix Nabor.
Man war nun schon int November. Annie saß am Flügel und spielte eine Beethoveusche Sonate. Das war noch ihre einzige Freude — die Musik! In ihr konnte sich ihre Seele ausweinen, von ihren Schwingen getragen, flog sie zur fernen Heimat. Im Banne Beethovenscher und Mozartscher Musik erblühten ihr Stunden der Weihe, das Adagio der „Fantasia" rührte sie zu Tränen. Auch draußen in der Natur war eine wehmutsvolle Stimmung. Da flockte der Schnee, und der weiche, fleckenlose Hermelin legte sich um die Schultern der erstarrten Erde wie ein weißes, faltenloses Leichentuch.
Annie ließ die Hände in den Schoß sinken und weinte.....
Da stürmte unerwartet ihr Gatte herein. Die Schneeflocken hingen ihm noch am Mantel und ganz erregt rief er: „Annie, komm schnell, die Fürstin ist bei Mama und will dich sprechen. Kleide dich um, aber rasch, rasch! — Ich habe mit dem Fürsten eine kleine Konferenz — unten in meinem Büro. In einer halben Stunde kommen wir auch —"
Annie saß regungslos.
„Nun?" fragte er gedehnt.
Statt der Antwort warf sie sich ihm an den Hals, weinte und bat: „Hab' mich lieb!"
Er schob sie von sich und sagte: „Laß jetzt den Unsinn — man erwartet uns!" Und ging. „Ich bin ihm nur eine Puppe, ein Spielzeug", dachte sie: »Meine Seele sucht er nicht!" Aber sie tat doch, er von ihr verlangte.
Ilona Fürstin v. Ostrawitz ruhte nachlässig auf oem Diwan, blickte mit ihren dunklen Odalisken- augen, die immer zu träumen schienen, zur Decke wit ihrer weichen, verschleierten Stimme: ^Frau v. Sandow, Ihr Salon ist ein Juwel! — Jjojo und Weiß) — Dam diese wundervollen Rokoko- ^SWel.—^ ich bin entzückt!"
Dienstzeit ein. Ein immerhin gewagtes Spiel um Sein oder Nichtsein auf dem Ministersessel, denn die Mehrheiten für Herrn Barthou in der Deputiertenkammer sind nicht gerade groß. Aber Herr Barthou erklärte, daß er selbst mit einer Stimme Majorität weiter regieren werde und läßt sich darum von Zeit zu Zeit von der Kammer ein Vertrauensvotum aus- stellen, das ihm bisher auch immer allerdings knapp bewilligt wurde.
Zweifellos wird die Heeresvorlage in der französischen Kammer angenommen werden, wenn es auch noch manchen erbitterten Kampf abfetzen wird. Den französischen Nationalstolz und die Vaterlandsliebe in Ehren, es scheint uns trotzdem sehr unangebracht und für die französische Volkswirtschaft äußerst bedenklich, wenn ein Volk mit 38 Millionen Köpfen die verzweifeltsten Anstrengungen macht, so viele Soldaten unter seine Fahne zu bringen, wie es das fast um die Hälfte stärkere Deutschland hat. Wenn man bedenkt, daß der Geburtenrückgang in der französischen Republik ständig im Wachsen begriffen ist, während von einem relativen Geburtenrückgang in Deutschland noch nicht die Rede sein kann, so kommt man immer mehr zu der lleberzeugung, daß die französische Heeresvorlage eine prozentual geradezu unverantwortliche Belastung des französischen Volkes bedeutet, eine Belastung, deren Konsequenz das Land in einigen Jahrzehnten dem sicheren Untergang weihen muß.
Schon in den Jahren 1910 und 1911 ist die Zahl der Mannschaften, die Frankreich gegen uns ins Feld führen kann, um mindestens 110 000 Köpfe vermehrt worden. Die zwei großen Vorlagen, die derzeit das französische Parlament beschäftigen, werden, wenn die dreijährige Dienstzeit durchgeführt ist, in den französischen Grenzlanden bei Elsaß-Lothringen mindestens 156 000 Mann aufbringen, während der deutsche Heeresstand in den Reichslanden nach Durchführung unserer neuen Heeresvorlagen in zwei Jahren höchstens ans 130 000 Mann kommen wird. Es liegt auf der Hand, daß dieses Verhältnis, rein rechnerisch genommen, ein Unding ist.
Wir haben keinen Grund, uns über den dadurch bedingten Verfall der französischen Volkswirtschaft graue Haare wachsen zu lasten, wenn man auch vom rein menschlichen Standpunkt aus bedauern möchte, daß ein Volk mit offenen Augen in fein eigenes Grab hineinmarschiert. In diesen Tagen wurde ein A n - trag M essimh, der eine Dienstzeit von 30 Monaten vorschlug, in der Kanuner abgelehnt. Mestimv, welcher unter dem Kabinett Gailleaux Kriegsminister war, begründete seinen Antrag recht ausführlich und hartnäckig. Er meinte, fein Antrag beseitige alle Besorgnisse und gewähre das ganze Jahr hindurch Deckungstruppm, die jedem Angriff gewachsen fein. Aber Herr Barthou erklärte, er werde alle Abänderungsanträge und Vorschläge, die eine Herabsetzung der in der Regierungsvorlage geforderten Dienstzeit betreffen, mit allen Mitteln bekämpfen.
Herr Barthou wird ohne Zweifel siegen. Daß aber der ganze Wert der militärischen Kräftigung am Schlüsse ein großes Minus an der französischen Volkskraft darstellen wird, ist jedem unbefangen Urteilenden klar
Deutsches Reich.
*»Berlin, 4.Juli. Die Kaiserin ist Donnerstag morgen von Kiel nach Grünholz und daraus abends von dort im Sonderzuge zu längerem Aufenthalte nach Homburg v. d. H. abgereist. —Der Reichskanzler, der beabsichtigt hatte, heute morgen nach Berlin zurückzukehren, ist nun einer Einladung des Kaisers gefolgt, auf bet „Meteor" nach Travemünde
Frau v. Sandow thronte in königlicher Haltung auf ihrem Sessel und neigte zustimmend und dankend das Haupt. „Ein Werk meines Sohnes, Durchlaucht!" sagte sie stolz.
Die Fürstin warf Hardh einen ihrer träumerischen Blicke zu und lächelte. „Ja — Ihr Sohn", sagte sie, „der ist eben auch ein Juwel! Was er uns soeben über die künstlerischen Beziehungen zwischen Renaissanee und Gegenwart sagte, das war ebenso klar wie geistvoll — das war genial!"
Fürst Ostrawitz hatte seine hagere Gestalt an der Seite seiner Gemahlin aufgepflanzt, und seine dunkeln, unruhigen Augen gingen irrlichternd von einem zum andern. Nun nickte er mit dem dunklen Kopfe, auf dem die kurzgeschorenen Haare steil wie eine Bürste emporstanden, zog die rechte Schnurrbartspitze hoch, daß das weiße, blanke Wolfsgebiß bloßgelegt wurde und sagte mit rauher, knarrender Stimme: „Famos! — Faktisch!"
Die Fürstin zuckte nervös zusammen; die rauhe, unästhetische Sprechweise ihres Gemahls verursachte ihr immer einen leisen körperlichen Schmerz. Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, reichte Hardy ihre kleine, weiche, beringte Hand und sagte: „Ich danke Ihnen. Bei Ihrem Vortrag ist mir eine neue Welt ausgegangen. Sie müffen mich diesen Winter in die Geheimnisse der Architektonik ein- weihen. Das ist so schön, so schön! — Nun sagen Sie mir aber, tote steht es mit der Eröffnungsfeier unseres Hauses? Werden Sie mit Ihren Arbeiten im Laufe dieser Woche fertig?"
„Schwerlich, Durchlaucht", erwiderte Hardy. „Es ist noch vieles unfertig, und den Vorwurf der Halbheit möchte ich nicht auf mich laden."
Die Fürstin tauschte einen verständnisvollen Blick mit ihm und sagte: „Dann verlegen wir die Eröffnungsfeier aus den Dezember."
„'Aber Jla", warf der Fürst ein, „das geht doch nicht!"
Sie richtete sich kampfbereit auf, funkelte ihn aus zürnenden Augen an und rief: „Es muß gehen! — Oder willst Du. etwa den Vorwurf auf uns laden, wir wären Kunst-Barbaren? — Wir bestimmen also den ersten Samstag im Dezember. Bitte, Mikos
mitzusegeln, um an Bord dem Kaiser Vortrag zu halten. — Der König von Württemberg hat dem Reichskanzler anläßlich der Zustimmung des Reichstags zur Wehrvorlage telegraphisch seine wärmsten Glückwünsche ausgesprochen. — Zum Präsidenten der Ansiedlungskommission in Posen soll der Oberregierungsrat v. Tilly in Königsberg ernannt werden. — Die Ostseezeitung in Stettin erfährt von unterrichteter Seite, daß bas italienische Königs paar auf der Rückreise von Stockholm am 9. Juli vormittags an Bord der Jacht Trinaeria in Swinemünde eintreffen wird. Der Panzerkreuzer Amalfi wird wahrscheinlich die Trinaeria begleiten.
* Herbsttagung des preußischen Landtags. Wie eine parlamentarische Korrespondenz wissen will, dürste der preußische Landtag zu einer Herbsttagung einberufen werden, wenn auch ein Beschluß darüber noch nicht gefaßt worden ist. Man geht davon aus, daß bereits im Herbst wichtige Beratungsgegenstände vorliegen können, aber auch davon, daß die allgemeine Etatsberatung diesmal eine besondere Bedeutung durch die neuen Steuergesetze erfahren wird.
* Der Scheck-Stempel. Es wird vielfach die Ansicht vertreten, daß der Scheck-Stempel bereits mit Ablauf dieses Jahres aufgehoben wird. Dies ist jedoch nicht der Fall, der Scheck-Stempel wird erst mit dem 1. Januaz 1917 ausgehoben, er ist also noch 31/» Jahre zu zahlen.
** Der Kaiser gegen das Trinken der Studenten. Beim Empfang der studentischen Deputation, die den Jubiläumsfackelzug führte, richtete der Kaiser an die Mitglieder der Deputation eine energische Warnung vor dem übertriebenen Alkoholgenuß. Er sagte: »Ich erwarte, daß Sie den Alkoholgenuß wesentlich einschränken werden!" Auch bei früherer Gelegenheit, bei der Ansprache an die Fähnriche zur See in Mürwick, bat sich bekanntlich der Kaiser in ähnlichem Sinne geäußert. — Dieser Mitteilung stelle man die Angabe der,Berl. Ztg/ entgegen, daß bei dem Berliner Jubiläumskommers der Studenten rund zehn Hektoliter Bier getrunken wurden. Die Universität habe sogar aus dem ©tu« dentensonds jedem Teilnehmer fünf Glas Freibier dediziert.
** Hansabund und Deckungsvorlagen ist die lieber» schrjst einer an Deutlichkeit nichts zu roünften übrig lassenden Widmung für das Tagebuch des Hansa- bundes, welche die .Deutsche Tageszeitung" (Nr. 331) niederschreibt:
Gegenüber der Feststellung, daß die vom Hanla- bunbe zur Deckungsfrage gestellten Forderungen vom Reichstag in b<n wichtigsten Punkten nicht beachtet worden sind, obwohl doch die Hansabundsparleien behaupten, die Maßgebende Führung bei dieser Frage gehabt zu haben, veröffentlicht der Hansabund eine langatmige Erklärung, die durch die Auszählung erfüllter Hansabundwünsche die Sachlage ein wenig tröstlicher für das Ansehen des Rießerbundes darzuslellen sucht. Die Allgemeinheit Dürften dabei wohl nur zwei Punkte näher interessieren: der Hansabund spricht seine Genugtuung darüber aus, daß die zu weit gehenden Ehren- strasen für Steuerdrückeberger schließlich herab- gemildert worden sind; doch wohl ein klarer Beweis dafür, wo man solche Strafen am meisten zu fürchten hat. Ferner aber heißt es in der Hansabunderklärung, die hohe Staffelung des Wehrdeitrags hätte sicherlich noch eine stärkere Milderung erfahren, wenn die Regierung den Grundgedanken ihrer früheren Vorlage flärter verteidigt hätte; man habe .anscheinend" in den Sietfen der Parteien mit einer energischen Aktion der Verbündeten Regierungen in vieler Richtung gerechnet und, als diese ausblieb, sich gefcheut, selber die Initiative zu ergreifen. Diese Aeußerung wirft ein belonvers hübsches Licht auf die Hansabundparteien: unter sozialdemokratischem Drucke gingen sie zuerst mit der Staffelung soweit heraus, daß thnen selber angst und bange wurde; dann warteten sie zaghaft-ergeben auf ein energisches Work der Regierung; und als dieses ausblieb, ließen sie sich durch die Scheu vor dem roten Bundesgenossen
abhalten, selber die Initiative zu ergreifen. Wirklich eine . zielbewußte", hochgemute Politik, die man vor dem Lande als eine Berücksichtigung »sozialer" und »idealer" Gesichtspunkte ausruft! Man kann dem Hansabunde Dank wissen, daß er so offen aus der Schule geplaudert hat.
Ausland.
* Der landwirtschaftliche Ausstand in der Provinz Ferrara, einer der fruchtbarsten Italiens, an dem sich über 150 000 Ackerbauer beteiligen, beginnt ganz beängstigenden Umfang anzunehmen und scheint die bedenklichsten Folgen nach sich ziehen zu wollen. Die große Streitfrage wird ausgefochten zwischen der Lc^ beitskammer in Farrara — der alle Bauernbündler der Provinz beigetreten find — und der Fedcrazione Agraria, dem Verband der Grundbesitzer. Der Zwist datiert aus dem Jahre 1911, als der erste, große, fer- raresische Agrarausstand in Szene gesetzt wurde. Damals wollte die Arbeitskammer in Ferrara, um den durch die Arbeitslosigkeit hervorgerufenen Schaden teilweise wieder gut zu machen, die Grundbesitzer zwingen, sich nur derjenigen Arbeiter zu bedienen, die ihnen durch das Vermittlungsbureau der Kammer, zngewiesen würden. Die Eigentümer gingen hierauf nicht ein, und nachdem dann durch den allgemeinen Agrarausstand fast die ganze Getreideernte jenes' Jahres verloren gegangen war, fällte der Präfekt von Ferrara, nach vielen schwierigen Vorunterhandlungen, eine endgültige Entscheidung, die von beiden Parteien angenommen wurde. Neber die richtige Aus- legung dieses Schiedsspruches ist der heutige Streit: ausgebrochen. Die durch die Syndikalistengruppe auf- gestachelten Streikenden verüben jede Art von G e- walttätigkeit, sogar Angriffe mit bewaffneter Hand gegen die freien Arbeiter. Häuser, Ställe, Heuschober "werden niedergebrannt, landwirtschaftliche Maschinen untauglich' gemacht, kurz, es handelt sich um einen regelrechten revolutionären Kampf gegen das Eigentum. Die Grundbesitzer erklären, Getreide und Hanf lieber auf dem Felde verfaulen zu lassen, als sich den Syndikalisten zu fügen. Inzwischen ist nun das Getreide soweit reif, um geschnitten zu werden. Wird innerhalb zehn Tagen nicht zur Ernte geschritten, dürfte alles verloren sein! Abgesehen von dem tatsächlich verschiedene Auffassungen zulassenden Richterspruch, bleibt der Kern der Zwistigkeiten immer die Frage der Wahl der Arbeitskräfte. Tie Regierung beschränkt sich darauf, die Arbeit der nichtstreikenden Ackerbauer durch Soldaten zu beschützen. Es ist dies aber ein ganz unwirksamer Schutz, so lange nicht ein Soldat hinter jedem Arbeiter steht, und so lange nicht ein Fähnlein Reiter in jedem Hof untergebracht wird, wo Korn gedroschen wird. Jetzt passiert es, daß während freie Arbeiter in einem Anwesen von Soldaten beschützt sind, andere auf einem Nebenfelde von den Ausständigen angegriffen werden, und während die Polizei einen Heuschober vor Feuersbrunst rettet, geht der des Nachbars in Flammen auf.
a lieber neue Verfolgungen der Katholiken in Portugal berichtet das halbamtliche Organ des Vatikans, der,Osservatore Romanow
Trotzdem Art. 17 des TrennungSgesetzeS den Bruderschaften das Recht zufpricht, sich mit der Instandhaltung des Kultus zu befassen, unter der Bedingung, daß sie ihre Statuten mit den gesetzlichen Bestimmungen in Einklang bringen, trotzdem diese Anordnung durch ein Zirkular vom 23. Juni 1911 bestätigt wurde, geht bü Regierung gegen die Bruderschaften vor. Die Regierung besteht jetzt darauf, daß auch an Kirchen, in denen Bruderschaften bestehen, Kultusgesellschaften gebildet werden; dabei stellt sie mehrere Pfarreien unter eine Kultusgesellschaft. Dies geschah auch in Lissabon, wo drei Pfarreien, trotzdem die bestehenden Bruderschaften ihre Satzungen in dem von der Regierung vor
notiere das Datum! Du bist so vergeßlich und machst mir sonst am Ende eine schreckliche Konfusion."
Gehorsamst holte der Fürst ein in Juchten gebundenes, mit einer Krone geschmücktes Notizbuch hervor und kritzelte ein paar Zeilen hinein. „Sorge auch dafür", fügte die Fürstin hinzu, „daß die Einladungskarten rechtzeitig versandt werden. Hast Du es notiert? — Schön — und nun wollen wir das Programm skizzieren. Wenigstens im Umriß. Einzelne Nummern sind bereits festgelegt, nicht wahr, lieber Mikos? — Also — Juwanoff, der Tenor der Petersburger Oper, singt zwei Arien. — Caruso wäre mir freilich lieber gewesen, aber der ist ja seit Oktober im Dollarlande und nicht zu haben! — Dafür werden wir Madame Acts hören, sie hat eine so süße Stimme. Ich denke, das „Zigeunerlied" aus Carmen und eine Arie aus „Salome". Für den musikalischen Teil dürfte das genügen —■ man soll seine Gäste nicht übersättigen."
Der Fürst schnalzte mit der Zunge. „Das sind ja wahre Delikatessen!"
„Selbstverständlich! — Mimik und Choreographie sind vertreten durch die Geschwister Wiesental! — Reizende Kinder!" fügte sie, zu Frau v. Sandow gewendet, hinzu. — „Madame Rejan, die im Dezember hier gastiert, wird einen ihrer berühmten Vorträge halten, vielleicht „L'amour". —"
„Aah —". Der Fürst leckte mit der Zunge seine schmalen Lippen und schnaubte durch die Nüstern vor Vergnügen.
„Den Abschluß bildet dann ein Rokokoball, wie wir ihn im vorigen Winter in Budapest mitmachten — bei der Erzherzogin Augusta."
„Donnerwetter!" stieß der Fürst hervor, „das ist eine famose Idee — faktisch. Aber die Geschichte wird ihren Pfeffer kosten —"
Die Füfftin zeigte eine schmerzliche Leidensmiene und sagte mit vibrierender Stimme: „Wenn Du nur nicht immer in Deiner derben Reitersprache reden wolltest, Mikos! — Also, die Programmnummern stehen fest. Nun fehlt mir aber ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das müstte , freilich etwas ganz Originelles feit?-"
Der Fürst, der in Erfindung neuer Ideen nicht groß war, brummte vernehmlich und blickte von' einem zum andern.
In diesem Augenblick trat Annie ein. Da aber alle zu sehr mit der Lösung des schwierigen Problems beschäftigt waren, wurde sie nicht beachtet. Sie blieb an der Türe stehen, deren Einfassung sie wie ein Rahmen aus Elfenbein, mit goldener Randleiste, umschloß.
Der Fürst betrachtete sekundenlang das reizende Bild, dann sagte er: „Ich habe eine Idee, Jla!"
„Nicht möglich, Mikos!" erwiderte die Fürstin und sah ihn verwundert an.
„Eine famose Idee, Jla! Fak — Pardon! —1 Lebende Bilder!"
Die Fürstin gähnte. „Ach ja, das ist wirklich das Allerneueste!" Dann lachte sie höhnisch. /Lebende Bilder stellt man heute sogar in Hinterpommern."
Aergerlich kaute der Fürst an seiner Schnurrbart- spitze, überließ die Lösung des Rätsels den andern und ging zu Annie, die er lebhaft begrüßte und dann feiner Gemahlin zuführte.
Annie machte ihren Knix. Die Fürstin lächelte ihr gönnerhaft zu und fagte: „Wie geht es, Kind? Immer noch im Honigmond?" Nach dieser Begrüßung gab sie Annie an Frau v. Sandow weiter, die sich die Hand küssen ließ und sich dann nicht weiter um sie kümmerte. Hardy nickte ihr flüchtig zu und war dann gleich wieder bet dem „Festakt".
„Der Gedanke Seiner Durchlaucht wäre zu erwägen", fagte er. „Es müßte aber etwas Exquisites sein. Was sagen Sie zu „Städtebildern"? ■ Lebenden — symbolischen, natürlich."
Die Fürstin war elektrisiert. „Städtebilder? --- Ah, das ist brillant! Der Clou der Saison wäre es! — Bitte, erklären Sie mir die Idee!" Sie zog ihn neben sich nieder und drängte ihren Gatten mit beiden Händen von sich. „Nein, Mikos!" rief sie „red' mir nichts darein! Du zertrittst mir fönst mck Deinen großen Füßen den ganzen piwnen Plan.. Und das bitte ich mir ans: me ^bce bleib- unter
.uns Geheimnis!"