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Crftes Blatt

40. Jahrgang.

Nr. 148

Montag den 30, Juni 1913

Deutscher Reichstag.

Sitzung Dom 28. Juni 1913.

Ohne Debatte werden erledigt: Petitionen, die Beratung des Antrages zur Vertagung des Reichstages bis zum 20. November 1913, sowie die dritte Lesung des Abkommens zur Vereinheitlichung des Wechselrechts. Weiter werden ohne Debatte in dritter Lesung endgültig angenommen: die Aenderung des Schutzgebietsgesetzes und die Vorlage wegen Aenderung zweier Reichstagswahlkreise wegen-Gebiets­austausches. ES folgt

die dritte Lesung der Wehrvorlage.

Abg. Scheideman» (Soz.): Wir werden dies Gesetz weiter bekämpfen. Der Hatz gegenüber dem Militaris» mus ist in der internationalen Sozialdemokratie unaus. rottbar. Unser Hatz gründet sich von neuem auf das un­erhörte Bluturteil, das gestern gegen sieben Reser, visten in Erfurt gefällt worden ist, die am Tage der Kontrollversammlung in einer Wirtschaft in Prügelei und in Konflikt mit dem Gendarmen und dem Dorfpoli. zisten geraten waren und zusammen zu 16 Jahren Zucht, haus verurteilt worden sind. (Grotzer Lärm bei den Soz. Pfuirufe und Rufe: Unerhört! Abg. Ledebour ruft: Da lacht noch einer!) Ich hoffe, dah Genosse Ledebour sich getäuscht hat. (Abg. Ledebour ruft: Einer der Herren Offiziere hat gelacht!) Wenn ich nicht wühte, daß es Menschen sind, die dieses Urteil gefällt haben, müßten es Bestien in Menschengestalt sein! (Der Präsident rügt diesen Ausdruck.) Tue Abgeordneten, die für die Vorlage stimmen, müssen gegen ihre bessere Ueberzeu. gung handeln. (Der Präsident ruft den Redner zur Ordnung.) Auch das Zentrum war unangenehm überrascht durch diese Vorlage. Auch Herr Erzberger, den ich jetzt nicht hier sehe, hat seine Anschauung gewech­selt, wie die Fortschrittliche Volkspartei, sobald sie nicht mehr glaubt, gegen ein Phantafiebild tapfer ankämpfen zu können. Der Redner richtet heftige Angriffe gegen den Abg. Erzberger. Die Konservativen und die Ratio, nalliberalen sind natürlich geborene Militärparteien. Uns droht von keiner Seite Gefahr. Eine schlimmere Un­gerechtigkeit, wie sie jetzt pom Parlament vorgenommen werden soll, ist noch nicht dagewesen. (Präsident Dr. Kämpf: Ich nehme an, datz SW nicht den Reichstag meinen.) Abg. Scheidemann (fortfahrend): Rein, ich habe an das spanische Parlament gedacht. (Grohe Hei­terkeit.) Wahr ist, datz durch die beabsichtigte Rüstung Deutschlands Frankreich erst gezwungen worden ist, un. ter verzweifelten Anstrengungen am Rande der Er. schöpfung seine Rüstungen vorzunehmem Die Folge der Vorlage wird sein, datz die ganze Welt rüstet. Deutsch, land ist der Agent Provokateur für das Wettrüsten. Frankreich wird trotz unserer Rüstungen {tarier seinalswir. (Inzwischen ist der Reichskanzler am Bundesratstische erschienen.) Wir werden diesseits und jenseits der Grenzen mit allen Mitteln den Krieg zu verhindern suchen. Ein 1870 ist heute unmög­lich. Die wahren Urheber der Revolten in Frankreich, die ein Zeichen wahrer Volkskraft sind, sitzen hier! (Grotze Heiterkeit und Zurufe bei der Mehrheit.) Die gefatzten Resolutionen besagen garnichts. Die Resolu» tionen wollen Ersparnisse und fangen mit der Bewil­ligung von Milliarden an. Trotz der Liebknechtschen Enthüllungen hat der Chef des Hauses Krupp einen hohen Orden bekommen. In letzter Stunde rufe ich Ihnen zu: Suchen Sie Versöhnung mit Frankreich, das den Frieden will. Rieder mit dem Militaris­mus, der Ausgeburt des Kapitalismus. Es lebe der Sozialismus! (Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Präsident Dr. Kämpf ruft den Redner nachträglich zur Ordnung wegen seiner Aeutzerung gegen den Reichs­tag, wenn er auch in seiner Erklärung das spanische Par» lament gemeint habe.

Abg. Erzberger (in einer persönlichen Bemerkung) : Der Abg. Scheidemann hat sich darüber aufgehalten, datz ich, als er seine Angriffe gegen mich richtete, nicht im Saale war. Ich kann eine Verpflichtung, die Reden des Herrn Scheidemann anzuhören, nicht anerkennen. (Sehr gut! im Ztr.) und ich hatte drautzen eine wichtige Be­sprechung. Datz Herr Scheidemann wieder allerlei Lie­benswürdigkeiten gegen mich schleudern würde, das wutzte ich bereits aus seiner Parietkorrespondenz, die mich „Obergauner" nennt und mtt noch anderen ähn­lichen flegelhaften Ausdrücken reguliert hat. Der Abg. Scheidemann hätte sich die persönlichen Bemerkungen

gegen mich sparen können, wenn er meine Rede in der zweiten Lesung genau durchgelesen hätte, in der ich aus­geführt habe, datz in Rüstungsfragen bei dem Volke ein Umschwung eingetreten sei. Wer einem solchen Um- schwung nicht Rechnung trägt, der ist in meinen Augen ein politischer Petrefakt, und das Überlasse ich anderen. (Beifall.)

Abg. Schultze-Brornberg (Rpt.): Das harte Urteil in Erfurt bedauern wir, doch scheinen dort besondere Verhältnisse Vorgelegen zu haben. Scharnhorst würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sähe, wie sich die So­zialdemokratie gegen die allgemeine Wehrpflicht wendet. Die geographische Sage Deutschlands zwischen dem von jeher kriegerischen Frankreich und R u h l a n d be. dingt eine ganz besondere Aufwendung für militärische Zwecke.

Reichskanzler v. Bechmann-Hollweg: Ich möchte einige Ausführungen des Abg. Scheidemann nicht uner­widert ins Land gehen lassen. Der Abgeordnete hat ebenso, wie vor einiger Zeit ein Parteifreund von ihm es getan hat, uns bargelegt, er könne in keiner Weise eine Ueberzeugung davon gewinnen, datz diese Wehrvor­lage nötig sei. Es ist mir vorgeworfen worden, ich hätte meine Pflicht nicht erfüllt, indem ich nicht versuchte. Sie von dieser Notwendigkeit zu überzeugen. Meine Herren! (Zu den Soz.) Wollen Sie sich denn überzeugen lassen? (Grotze Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Sie stellen sich dauernd auf den Standpunkt, datz Sie sagen: Diesem Staat und dieser Armee geben wir keine Verstärkung! Und wenn Sie auf dem Standpunkte stehen, dann gehen Sie an Tatsachen vor­über. die vor aller Augen liegen und die die verbündeten Regierungen gemeinschaftlich mit der großen Mehrheit dieses Hauses überzeugt haben, datz wir Ihnen die Vor­lagen machen lediglich zum Schutz und zur Sicherheit des Vaterlandes. Der Abg. Scheidemann sprach davon, wir seien mit dieser Vorlage der agent provocateur für das Wettrüsten. Ich finde keinen Ausdruck, der geeignet wäre, einen solchen Ausdruck eines deutschen Reichs­tagsabgeordneten zurückzuweisem (Sehr richtig! rechts. Widerspruch b. d. Soz.) Der Vorwurf, datz wir mit un­serer Wehrvorlage zum Kriege,drängen, ist mir oft gemacht worden. Diesen Vorwurf weise ich mit aller Entschiedenheit zurück. Wir suchen keine Feinde in der Welt. Wir wünschen mit allen .unferen

Nachbarn in Frieden und Freundschaft zu leben. Deutschland hat in langer Zeit den Beweis geführt, datz es nicht eine Politik des Angriffes treibt. An dieser geschichtlichen Tatsache sollten die Sozialdemokraten nicht vorübergehen. Ebensowenig an der geschichtlichen Wahrheit. Der Abg. Scheidemann hat sich mit grotzer Emphase heute wieder als einen Feind des Militarismus hingestellt. Was ist M i l i t a r i s - mus? Meinen Sie mit Militarismus unsere Ar­mee? In einem grotzen Organismus, wie unser Heer ihn darstellt, ist dauernd zu arbeiten und dauernd zu besserm Das sieht die Armee selber als ihre Aufgabe am Sie arbeitet daran, und wir alle werden auch mit daran arbeiten. (Beifall rechts.) Wenn Unvollkommen» Gelten zur Sprache gebracht werden — darauf bezieht sich ja ein großer Teil der Resolutionen, die der Reichs- tag angenommen hat — die Armee hat es nicht zu schduen, wenn das geschieht. Die Armee wird pflicht- gemätz prüfen, ob Unvollkommenheiten vorliegen, und wo es nottut, wird sie pflichtgemäß Abhilfe schaffen.. Aber Sie, meine Herren Sozialdemokraten, stellen sich ja bei ihrer Kritik gar nicht auf diesen Standpunkt. Ihnen ist ja gar nicht darum zu tun, mit ihrer Kritik zu bessern. (Anhaltender Beifall rechts. Stürmischer Widerspruch und Lärm links.) Sie haben tast täglich im Laufe der letzten Woche gesagt, datz Ihnen das stehende Heer ein Greuel sei. Sie wollen durch Ihre zersetzende Kritik zerstören, aber mit ihren Bemühungen, das Ver­trauen des Volkes zum Heere zu erschüttern, werden Sie keinen Erfolg haben. In dem Volke, auch bei einer An- zahl von Leuten, die der Sozialdemokratie bei den Wah­len den Stimmzettel geben, steht fest das Bewußtsein, was Deutschland seiner Armee verdankt, besonders die Einigkeit, ba§ einige Seutfäjlanb! Sie haben in aufopfernder Arbeit geprüft, was wir vorgeschlagen, große Forderungen,wie sie noch nicht da. gewesen sind. Wir stehen jetzt davor, das Ergebnis dieser Prüfungen zu ziehen. Ich bin fest davon über» zeugt, daß das Ergebnis ein Beschluß ist, den das ganze Vaterland Ihnen danken wird. (Lebh., anhaltender Beifall bei den bürgerlichen Parteien.)

Das Münchner Ktnöl.

28] Roman von Felix Nabor.

Am anderen Tage schon fuhr Pirkheimer hinüber nach Starnberg und wurde von Frau Marguerite mit Freuden empfangen. „Sie böser, böser Mann!" schalt sie rhn, „warum haben Sie mich vergessen? Ist das Freundschaft?" Aber schon im nächsten Augen­blick schlug ihre Stimme in Hellen Jubel um. „Nun, da Sie zu mir gekommen sind, Hin ich glücklich! Sie verstehen mich, wie kein Mensch in der Welt! Sie lauschen dem Atmen meiner Seel» und vernehmen ihren sehnsuchtsvollen Flügelschlag. Meiner Seele wachsen Schwingen, wenn ich in Ihrer Nähe bin —"

Ihre Hand ruhte einen Augenblick wie schutz­suchend in der seinen, und er lächelte nachsichtig über ihre Schwärmerei; versprach auch sie zu besuchen, so oft es ihm nur möglich sei.

„Ich habe Ihnen auch eine kleine Ueberraschung mitgebracht," fugte er, „meine Laute!"

Sie war wie elektrisiert. „Ach — Musik!" jauchzte sie. „9htn wird das Leben schön. Das soll ein gol­denes Klingen werden. Wo ist die Laute?"

„Im Vorraum habe ich sie aufgehängt —",

Sie lief fort und holte sie und dann satz er ihr im Salon gegenüber uno griff in die Saiten. —

„Wovon singt der Barde?" fragte sie.,

„Er singt von Lenz und Liebe, von seliger, golde­ner Zeit:"

„Das muß wunder-, wunderschön sein!"

,^Jch beginne, edle Frau! —"

Gedämpfte Akkorde klanc.n l irch den Raum und zogen durch die offene Tür hinaus in den son-igen Sommertag. In den Klang der Saiten mischte sich die Stimme des Sängers, der ein Preislied auf die Frauen anstimmte:

„Deutschen Frauen will ich sagen

Schöne Mär;

Aller Welt soll sie behagen

Meb- und mehr!

Was verlang ich von den Süßen? —

Nichts, als daß sie freundlich grüßen''--"

„Ach, wie fchön!" rief Frau Marguerite, „Minne­fang und Minnelieder! — Den deutschen Frauen ist ein neuer Troubadur erstanden — ein edler Ritter, der ihre Tugend, ihre Schönheit preist! — Wie schön, wie ritterlich und edel, wie herrlich! — Die Romantik erwacht aus ihrem Märchenschlaf, das Minnelied feiert feine Auferstehung — die goldene Zeit bricht an! — Ach, mein teurer Troubadour: singe, singe!"

Und er sang Lied um Lied. Jedes war ein schö­ner, reiner Hymnus auf die Anmut und Schönheit, auf die Würde und die Tugenden der Frauen.

Marguerite war begeistert. „Dieser Reichtum an Poesie darf nicht verloren gehen," rief sie. „Den müssen Sie hinaus tragen in die Welt — und damit die Welt erobern. Sie sind berufen, in unserer kal­ten, nüchternen und rechnenden Zeit die wahre Poesie zu retten, versunkene Welten neu erstehen zu lassen. Sie sind der Retter einer begrabenen Kunst — der letzte Troubadour! — O, was wird man Ihnen zu­jubeln! — Mau wird Ihnen die Stirne mit Lorbeer umkränzen und Ihr Name wird ruhmvoll durchs ganze Land klingen. Gleich im Herbste müffen Sie in München ein Konzert geben — aber um's Him­melswillen nicht in Frack oder Smocking! Nein, in historischer Tracht, in rosenrotem Seidenwams mit goldgÄben Puffen, in Mantel und BareH, von dem die weiße Feder wallt —"

Pirkheimer war mit diesem Vorschlag einverstan­den, nur die historische Tracht erregte bei ihm Be­denken. Es kam zu einem kleinen Streit, der damit endete, daß die Kostümfrage bis auf weiteres in den Hintergrund gerück wurde. Dafür stMten sie ge­meinsam ein Programm sür das Konzert auf, bei dem Frau Margueriw ihren seinen, musikalischen Ge­schmack bewies. Er sagte sich, daß er das niemals so glücklich zuwege gebracht hätte und freute sich herz­lich auf die Zukunft; betn nun stand er wieder ganz im Van. kreis der Kunst und sie ward ihm sicherlich auch zur Retterin in seiner Not, die ihm aus Sorgen und Schulden (.«.wachsen war. —

Er blieb bis der Abend kam und verabschiedete sich>von Frau Marguerite. „Kommen Sie recht ost, besuchen Sie mich fleißig in meiner Einsamkeit —

Abg. Scheidemann (Soz.): Der Reichskanzler stellt sich hierher und sagt, alles, was wir gemacht hätten, sei nicht ernft zu nehmen. Wir wollten gar keine Besserung! (Sehr richtig! rechts. Lärm: „Uner­hört!" bei den Soz.) Herr Reichskanzler, ich gönne Ihnen den Beifall der ganzen Rechten, aber Sie haben nicht das Recht, gegen uns einen solchen Vorwurf zu erheben. Ich bedauere, daß das Reichstagspräsidium nicht eine Partei in Schutz nimmt, der ein solcher Vor­wurf gemacht wird. (Andauernder Lärm.)

Präsident Dr. Kämpf ruft den Redner zur Ord­nung. (Beifall rechts. Grotze Unruhe links.)

Abg. Scheidemann: Wer gibt ihm das Recht, im Namen des Volkes zu sprechen? (Schallendes Gelächter. Lebhafte Rufe rechts. Rufe: Unerhört! Grotzer an­dauernder Lärm. Der Präsident läutet fortwährend mit der Präsidentenglocke.) Die Sozialdemokraten stehen hier als die Vertreter der Mehrheit des Volkes. (Schal­lendes Gelächter rechts.)

Auf nationalliberalen Antrag wird die Frage der Kavallerie-Regimenter iwchmals der Ent­scheidung unterbreitet werden. Nach kurzer Erörterung wird die namentliche Abstimmung auf Montag festgesetzt.

Es entspinnt sich darauf eine längere Debatte über den Erfurter Fall, in deren Verlaufe ein Not­gesetz auf Einführung von „mildernden Umstän­den" in das Militärstrafrecht gefordert wurde.

Kriegsminister v. Heeringen bedauert, sich auf keine Kritik des Urteils einlassen zu können, da dieses erst gestern ergangen und noch nicht rechtskräftig sei. Ob für gewisse Subordinationsvergehen „mildernde Um» stände" einzuführen seien, würde reiflich erwogen.

Abg. Dr. Müller (Vp.) bittet den Kriegsminister, für die Verbündeten Regierungen eine bindende Erklä­rung abzugeben, daß eine Novelle zum MilitärstHafgesetz- buch eingebracht werden solle, durch die dem Gericht die Möglichkeit zu milderen Urteilen gegeben werde. An. derenfalls müsse der Reichstag durch einen Initiativ­antrag hier Abhilfe schäften.

Kriegsminister v. Heeringen sieht sich außerstande, solche Erklärung abzugeben, da die Verbündeten Regie- rungen erst über diese Materie beraten müßten.

Abg. Müller-Meiningen (Vp.) betont, daß die Reso- lution der Kommission schon vor Wochen gefaßt sei und der Kriegsminister die Verbündeten Regierungen schon zur Stellungnahme hätte veranlassen können.

Abg. Gröber (Zr.) beantragt, die Debatte auf Mon­tag zu vertagen, um so dem Kriegsmini st er Zeit zu Erkundigungen und zur Ueberlegung z u geben. Wenn auch der Erfurter Fall noch nicht gänzlich beurteilt werden könne, so zwinge er doch ge­radezu dazu, die Vorgänge hier in 3. Lesung zur Sprache zu bringen.

Die Abgg. Bassermann (natL), Frank (Scy.), Müller- Meiningen (Vp.) sprechen sich ebenfalls für die Ver­tagung aus. •

ßriegeminifter v. Heeringen erklärt, auch bis Montag den Erfurter Fall nicht in völlig klarer Weise darstellen zu können. In die Frage, ob ein Notgesetz zum Militär­strafgesetzbuch angemessen sei, fei man bereits ewige- treten.

Abg. Gröber (Ztr.): Wir müssen auch, wenn wir am Montag noch nicht die Einzelheiten über den Erfurter Fall erfahren, eine dauernde Lösung der Frage an­streben. Dazu aber gehört eine gewisse Vorbereitung, man kann das nicht im Handumdrehen hier im Plenum machen. (Beifall!)

Die Weiterberatung des Erfurter Falles wird bis Montag vertagt.

Abg. Irl (Ztr.) begründet eine Resolution seiner Parteifreunde, betreffs möglichste Berücksichtigung der gewerblichen Organisationen bei Ver­gebung von Arbeiten und Lieferungen für das Heer, Verwendung von inländischem Material und angemessener Preiszahlung. Die Resolution wird ange­nommen.

Damit ist die Debatte über die Wehr. Vorlage in 3. Lesung erledigt. Die noch aus­stehenden Abstimmungen sollen am Monag vorgenom­men werden.

Es folgt die

3. Beratung des Wehrbeitrages,

die eine wesentliche Debatte nicht ergibt Die Endab­stimmungen sollen am Montag erfolgen.

Das Reichsstempelgesetz wird in 3. Lesung ange­nommen.

und Vergessen Sie Ihre Laute nie! — Jeden Tag soll von dieser Terrasse die weiße Fahne der Neutralität, die Flagge des Friedens und der Freundschaft wehen, als ein Zeichen, daß Sie hierher willkommen sind. Sollte je einmal eine andere wehen, so bin tch krank oder abloesend oder habe Besuch und kann Sie dann nicht empfangen. Sie brauchen dann den Weg über den See nicht unnötig zu machen. Aus Wiedersehen, Herr Troubadour!"

Pirkheimer fuhr ost über den See und hielt Ein­kehr in der Villa seines Freundes, und es waren im­mer Stunden der Weihe, die er dort zubrachte. Jedes­mal auch wiederholte sich der kleine Streit wegen der Kostümfrage, in der Pirkheimer noch immer keine feste Entscheidung getroffen hatte.

Am folgen) en Samstag wehte die weißblaue Flagge und Pirkheimer wendete den Kiel seines Schfffleins dem jenseitigen Ufer zu.

Mar Heuberger war gekommen. Er hatte feine Braut in Garmisch besucht und wollte bei dieser Ge­legenheit feiner Mama die Hand küsien und dann gleich wieder nach München MÜckfahren. Aber er erfuhr an sich die Buschschen Verse:

„Denn hier wie oft und überhaupt

Kommts meist anders, wie man glaubt. '

E- mackue mit seiner Mama einen Spaziergang am See und sie gerieten so ins Plaudern, daß sie darüber vergaßen, ihre Augen zum Himmel zu er­heben. Sie" wurden von einem Gewitter überrascht und völlig durchnäßt.

Seine zarte Mama mußte sich zu Bette legen, er aber schlüpfte in einen Sommeranzug seines Vaters, der ihm überall zu weit und zu lang war, sodaß er die Aermel und die Beinkleider aufkrempeln mußte. Sein schöner Sakko-Anzug aber baumelte an der Wä­scheleine und er gab der Jungser nicht nur einen Ta­ler Trinkgeld, sondern auch noch die besten Worte, damit sie ihn pichte sobald er genügend getrocknet sei. Besonders liebevolle Fü. sorge empfahl er ihr bei Her­stellung ' einer tadellosen Bügelfalte; er hätte es als eine Todsünde betrachtet, mit einer diesbezüglichen Mißgeburt vor zivilisierte Menschen zu treten.

Montag: 3. Beratung kleinerer Vorlagen, Finanz- und Besitzsteuergesetz, Abstimmungen und Gesetzentwurf betr. Zubilligung mildernder Umstände im Militärstraf­gesetzbuch.

„Militarismus".

Zwischen Lipp' und Kelchesrand. . . . Riesige Schwierigkeiten waren überwunden, und der Reichs­tag glaubte ein fröhliches Erntefest begehen zu können. Ta kam in der letzten Stunde das unglückselige E r f u r t e r U r t e i l wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Neue Zweifel, neue Aufgaben, neue Schwierigkeiten!

Die Sozialdemokratie sucht das harte Urteil mit allen Kräften und Künsten auszubeuten. Das war nicht anders zu erwarten. Man muß anerkennen, daß die rote Fraktion mit ihren 110 Stimmen dem Zustandekommen der Wehr- und Teckungrgesetze noch viel mehr Hemmniffe hätte bereiten können, wenn sie von allen Mitteln der.Obstruktion" Gebrauch ge­macht hätte, etwa nach dem Muster des Widerstandes gegen den Zolltarif vor 11 Jahren. Aber gerads weil die sozialdemokratische Fraktion in ihrer Taktik jetzt gemäßigt geblieben ist, fühlt sie das Bedürfnis, zeitweilig durch scharfe Reden und auffällige Demon­strationen den radikalen Parteigenossen, der blutigen Rosa und ihrem Gefolge, eine Genugtuung zu ver­schaffen. Dazu bietet nun das erwähnte Urteil die „schönste" Gelegenheit. An dem harten Spruch des Kriegsgerichts soll eingestandmer Blaßen der „Haß gegen den Militarismus" neu entfacht werden.

Der Reichskanzler versuchte den Stier bei den Hörnern zu faflen und stellte die Frage: „Was ist Militarismus? Meinen Sie mit dem Militarismus unsere Armee?" Von den sozialdemokratischen Bänken erfolgte darauf der Zuruf: „Sicher." Die große Maffe des Volkes wird es nach wie vor ent­schieden ablehnen, unser deutsches Volksheer als einen Ausbund des Militarismus zu behandeln. Doch bei vielen Freunden und Angehörigen und Verehrern unserer Armee wird sich die Meinung regen, es gäbe in unserm Heerwesen doch noch Einzelheiten, die nach unberechtigtem „Militarismus" aussähen und dringend reformbedürftig seien. Einen von diesen bedenklichen Punkten deckt das Erfurter Urteil auf. Auch der strengste Vorkämpfer der Autorität und Disziplin wird es nicht für gerecht erklären, können, wenn aus einem Wirtshauskonflikt zwischen betrunkenen Reservisten und den Polizeideamten Zuchthausstrafen von fünf bis fünfeinhalb Jahren hervorgehen.

„Militärischen Aufruhr" hat daS Gericht an­genommen. Freilich, wenn aktive Soldaten sich zu^ sammentäten, um einem Offizier oder Unteroffizier tätlichen Widerstand zu leisten, daS wäre ein Ver­brechen schlimmster Art. Aber wenn die Reservisten am Tage der Kontrollversammlung unter die Militär­gesetze gestellt werden, so haben sie doch am Abend, bei der landesüblichen Kneiperei, nicht mehr das rechte Bewußsein ihrer formalen Dienststellung, und wenn ihnen dann als Vertreter der Polizei ein Gendarmerie- Wachtmetster entgegentritt, so betrachten sie ihn leicht als einen gewöhnlichen Polizeibeamten und übersehen seinen militärischen Rang. Solcher Mangel an Um­sicht und Selbstbeherrschung muß bestraft werden, aber nicht mit langjährigem Zuchthaus und Ent­fernung aus dem Heere. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; bet einer neuen Verhandlung kann sich vielleicht noch Herausstellen, daß hier fein militärischer Aufruhr im Sinne des Gesetzes vorliegt, und also die Strafe sür die Rauschausschreitungeo sich auf ein paar Wochen oder Monate Gefängnis bemessen läßt. Inzwischen hat aber der Erfurter Spruch ein grelles Licht geworfen aui die unbedingte Notwendigkeit, in das Mililärstrasgesetzbuch die mildernden Um­stände einzuführen. Die Richter von Erfurt hätten, auch wenn sie militärischen Aufruhr annehmen zu

In seines Vaters Anzug kam er sich unendlich kornisch vor; er sand seinen vom Regen wegge­schwemmten Humor rasch wieder, besonders nachdem er die Entdeckung gemacht hatte, daß Küche und Kel­ler hier wohlbestellt waren.

Sein unfreiwilliger Aufenthalt in der Villa er« schien ihm nun wie ein Faschings-Ulk, wozu beson- ders auch seine für einen Riesen berechnete Kleidung paßte. Er richtete sich im Speisezimmer häuslich ein, bestellte bei der Köchin eine Platte Schinken mit Eiern und stellte für alle Fälle zwei Flaschen Rü-i desheimer und eine Pommery kalt, die er eigenhän« big aus dem Keller holte. Auch die Zigarren san­den Gnade vor seinen Augen und so schmauste und pokulierte er bis gegen Mitternacht, schlief bis tief in den anderen Morgen hinein und erwachte mit brummendem Schädel.

Seine Stimmung war jetzt weniger rosig als ge­stern. Er verwünschte alle Gewitter im allgemeinen und den Wolkenbruch, der ihn gestern überfallen hatte, im besonderen und machte überdies noch die unlieb­same Entdeckung, daß die Sonne ein ganz heim­tückisches Gestirn fei, das just in dem Moment ferne Pflicht versäumte, wo es am dringendsten nötig war. Denn sein Sakko-Anzug war noch immer nicht tro­cken, sondern schaukelte sich luftig an der Leine; er war daher gezwungen, solange in der lächerlichen Maskerade herumzulausen, bis es der Sonne gefiel, ihre Arbeit an seinen naffen Kleidern zu tun. —

Inzwischen aber erwartete ihn eine neue lieber» raschung, auf die er am allerwenigsten gefaßt war: sein Bruder Ludwig traf unertoartet in der Villa ein. Jetzt erst erinnerte er sich! daß Ludwig leidenschaft­lich den Segelsport betrieb und jeden freien Sonntag auf dem Starnberger See zubrachte.

Dieses Zusammentreffen war Max höchst pein­lich. Seit er den kühnen Griff in die Kasse des Ge­schäfts getan hatte, war er Ludwig aus dem Wege gegangen. Nun mußte eine gegenseitige Aussprache erfolgen die für Max nicht besonders ang-” ' war.

A (Fortsetzung folgt.)