2. Blatt.
Drvd bet Jalbcer 3etit«6rnti«ci ii Saldo.
Geschäftsbericht
%e% Bolksvereins-Sekretariats zu Fulda für das Jahr 1912.
Wiederum wendet sich das Sekretariat mit seinem Geschäftsbericht an die Oeffentlichkeit, um zu zeigen, datz es eine Stätte freudigen Schaffens ist, und sich stets be- mLht, seiner Pflicht nochzukommen. Das späte Erscheinen des Berichts ist auf die starke Inanspruchnahme des Sekretariats zurückzuführen.
1. Auskunfterteilung und Rechtsbe- s o r g u n g.
Im Berichtsjahre wurden an 2142 Personen, davon 1557 Mitglieder des Volksvereins, insgesamt 2352 Auskünfte erteilt und 1780 Schriftsätze angefertigt, welche sich auf die einzelnen Rechtssachen wie folgt verteilen: Krankenversicherung 137 Auskünfte, 156 Schriftsätze, Unfallversicherung 471 bezw. 526, Invaliden-, Alters, und Hinterbliebenenversicherung 452 bezw. 130, Steuer 192 bezw. 56, Dienst- und Arbeitsvertrag 60 bezw. 23, Miete und Pacht 43 bezw. 2, Zivilrecht einschl. Armen, recht 534 bezw. 115, Erbschaft, Testament und Teilung 71 bezw. 22, Vormundschaft 7 bezw. 7, Privatversicherung und Haftpflicht 69 bezw. 16, Schule 14 bezw. 3, Militär 71 bezw. 31, Armenunterstützung und Alimentation 4 bezw. 10, Verwaltungsrechr 35 bezw. 16, Polizei, und Strafsachen 44 bezw. 30, Sonstiges 148 bezw. 637. Die Rechtsbesorgung des Sekretariats hat ganz erhebliche Erfolge aufzuweisen, von Lenen einige kurz angeführt werden sollen: Der Landwirt R. in Pf., welcher in einer Unfallsache durch das Sekrciariat vertreten wurde, erhielt eine Unfaürente von 216 Mk„ eine Angehörigenrente von 96 Mk., eine Rentennachzahlung von 157 Mk. und Erstattung der aufgewendeten Kurkosten von 326 Mark. Da die zuständige Berufsgenossenschaft die Entschädigungspflicht entschieden ablehnte, und in einem ähnlichen Falle schon erfolgreich abgelehnt hatte, so kann dieser Erfolg nur der sachgemäßen Tätigkeit des Sekretariats zugeschrieben werden. Der Arbeiter L. in F. er. litt bei einer anstrengenden Betriebtätigkeit heftige» Lungenbluten, welches ihn zunächst um 50 Proz., später um 100 Prozent arbeitsunfähig machte. Da die Berufsgenossenschaft die Entschädigungspflicht verneinte, so er- stritt das Sekretariat vor dem Schiedsgericht für Arbeiterversicherung und vor dem Reichsversicherungsamt in Berlin obsiegendes Urteil. Der mit Kindern reichgesegnete Arbeiter erhielt zunächst eine Jahresrente von 350,98 Mk. und eine Rentennachzahlung von 338,73 Mk., später erwarb ihm das Sekretariat die Vollrente von 101,97 Mk. und eine nochmalige Rentennachzahlung von 822,57 Mk. Eine 72jährige Frau hatte sich schon lange »ergcblich um die Invalidenrente bemüht. Nachdem sie ihre Angelegenheit dem Sekretariat übertragen hatte, er- hielt sie schon nach kurzer Zeit die Rente von 112,50 Mk. jährlich und eine Nachzahlung von 135 Mk. Die Freude dieser Frau war groß. Für eine völlige arbeitsunfähige und mittellose Dienstmagd konnte ebenfalls die Jnva. lidenrente im Betrage von 129 Mk. und eine Nachzahlung von 294,19 Mk. erstritten werden; auch sie hatte sich vorher lange vergeblich um die Rente bemüht. Einem kranken Fuhrmannc, dem die verpflichtete Krankenkasse die Unterstützung verweigert hatte, mußte die Kasse auf Betreiben des Sekretariates das Krankengeld, sowie Arzt, und Arzneikosten im Gesamtbeträge von 541 Mk. bezahlen. In vielen Fällen, in denen sich die Krankenkassen an der Unterftützungspflicht vorbeidrücken wollten, genügte ein einfaches Schreiben, um die Kasse zur Ge. Währung der Unterstützungen zu bewegen. Veteranen, welche mit ihrem Anträge aus Gewährung der Veteranenbeihilfe abgewiesen worden waren, erhielten nach Anrufung der höchsten Instanzen die Beihilfe von jährlich 120 Mk. In vielen anderen Rechtssachen konnte das Sekretariat ganz erhebliche Erfolge erzielen, an denen auch Nichtmitgkieder des Volksvereins beteiligt sind. Die Tätigkeit des Sekretariats kommt also nicht nur den Mitgliedern, sondern auch der Allgemeinheit zugute. An- zehörige anderer Konfessionen kommen oft von weither, am die Hilfe des Sekretariats in Anspruch zu nehmen, obwohl sie an ihrem Wohnorte oder in nächster Nähe ähnliche Einrichtungen haben.
Um den Bewohnern der vom Sitze des Sekretariats weitab gelegenen Orten die Inanspruchnahme desselben zu erleichtern, wurden in Hünseld, Geisa, Eiterfeld, Schmalnau, Neuhof, Großenlüder und Hilders insgesamt 51 Sprechtage abgehalten, die zum teil sehr gut besucht wurden. Die Sprechtage in Großenlüder und Schmalnau wurden eingestellt.
Von den das Sekretariat in Anspruch nehmenden Personen waren 486 Arbeiter, 304 Handwerker und Gewerbetreibende, 795 Beamte und Landwirte und 273 weibliche Personen. Daß die Zahl der Rechtsuchenden aus dem Bauernstände größer ist, als die der übrigen Stände, ist ein ganz natürlicher Vorgang, der sich daraus erklärt, daß der Sekretariatsbezirk eine überwiegend ländliche Bevölkerung aufweist. Ist es nun einerseits sehr erfreulich, daß das Sekretariat das Vertrauen der Landbewohner in weitgehendem Maße genießt, so ist es anderseits sehr bedauerlich, wenn von gewisser Seite hinterhältige Angriffe gegen das Sekretariat geführt werden. Da wird dem Arbeiter plausibel zu machen versucht, daß das Sekretariat in der Hauptsache für die Bauern arbeite und umgekehrt wird den Handwerksmeistern gesagt, das Sekretariat sei nur für die Arbeiter tätig. Ein solches zwiespältige, die Sache schädigendes Gebühren richtet sich von selbst, und wird schließlich auch allgemein erkannt und richtig eingeschätzt.
Ein Wnnver.
Skizze von Minna von Heide.
(Nachdruck verboten.)
„Meine liebe kleine Rose-Marie!
-- — — das kann ich ja noch gar nicht fassen! Ihtb daß gerade Dir all das Leid geschehen mußte! Tante Steffi hat mir alles geschrieben. Und ich bin tief erschüttert. Dein armer Vater! Er war immer so voll Güte. Glaube mir, Liebste, den Besten geschieht allemal das tiefste Leid.
Und Du erteilst nun Musikstunden, Kleines? Bist Du denn nicht viel zu zart dazu? Aber was frage ich! wo ich doch selbst aus so gründlicher Erfahrung weiß, wie unerbittlich das Leben sein kann. Wenn ich doch helfen könnte, Rose-Marie! Wie arm ich eigentlich bin, das weiß niemand, auch II-.: habt es nie erfahren. Es ist ja vielleicht ein bummer Stolz, aber er sitzt nun mal in mir. Ich habe ry-: von niemandem helfen lassen mögen, auch von ->>ocn mitfühlenden Freunden nicht. Und insofern hast Du recht getan, Rosa-Marie, Dich gleich auf eigene Füße zu stellen. Milde Gaben sind bitter, auch wo sie von Herzen kommen.
Freilich, als ich zunächst von Deinem Entschluß hörte, stieg gleich das sylphenhafte kleine Mädchen vor meinem geistigen Auge auf, das Du immer warst, und weißt Tu, was ich alte unverbesserliche Närrin tot? Ich flehte unfern Herrgott im Himmel mit krampfhaft ineinandergepreßtcn Händen an, er möge doch ein Wunder tun. Möge Dich bewahren vor Kampf und Bitternis und möge in Dein kleines tod- trauriges Herz wieder die Sonne schicken!
Ach, Liebes, ich bleibe immer die Alte. Das alte Fräulein mit der Brille auf der Nase, das das Leben eigentlich nie von der rechten Seite besehen hat. Das Peterle, das arme Petcrlc, das man wohl hier und da lieb gehabt hat, das man aber meistens nicht ganz für voll nahm, und das bei aller Nachsicht doch auch die pedantische Gewissenhaftigkeit, wo es ging und stand, mit sich herumtrug, und die kleinen Mädchen, die ihm ,««vertraut waren, drangsalierte.
Iuldaer Leitung.
M WZ.
Samstag 28. Juni 1915.
2. Korrespondenz.
Es gingen ein: 618 Briefe, 173 Karten, 198 Drucksachen, 33 Pakete, 16 Geldsendungen und 9 Telegramme; zusammen 1047 Sachen. Es gingen aus: 823 Briefe, 131 Karten, 1478 Drucksachen, 14 Pakete, 20 Geldsendungen und 1 Telegramm; zusammen 2467 Sachen. Der Ein« und AuSgang beträgt demnach 3514 Sachen. Die ausgehenden Drucksachen müssen in der Regel durch den Sekretär auf dem Wege der Vervielfältigung erst hergestellt werden. Es mußten 2660 Seiten geschrieben und 1276 Seiten vervielfältigt werden.
3. Organisation und Agitation.
Neben den umfangreichen Büroarbeiten wurde auch das Vereinsleben nach Möglichkeit unterstützt und gefördert. Der Sekretär nahm an 117 Versammlungen und Zusammenkünften teil und hielt 57 Vorträge, meist be- lehrenden Inhaltes. Es entfallen auf den Volksverein 40 Versammlungen und 35 Vorträge, auf soziale Stan- desvereine, Unterrichtskurse und christliche Gewerkschaften 77 Versammlungen und 22 Vorträge. In Weyhers, Weiperz, Hauswurz, Magdlos und Salzschlirf wurde der Volksverein neueingeführt bezw. wiederbelebt. Hierbei und in sonstigen Versammlungen wurden insgesamt 345 Mitglieder gewonnen. Geschäftsführer- und Vertrauensmännerkonferenzen mit nachfolgenden Versammlungen wurden im November in Fulda, Neuhof, Hilders, Hünfeld und Geisa abgehalten. Die Entwicklung des Volksvereins im Bezirk des Sekretariats kann im allgemeinen befriedigen. In vielen Orten herrscht reges Vereinsleben, die Hefte werden regelmäßig verteilt, es finden öfters Versammlungen statt, die Beiträge kommen regelmäßig ein und es wird auch rechtzeitig abgerechnet. In ninro-en andern Orten dagegen will es nicht recht vorwärts gc welches darauf zurückzuführen ist, daß keine oder doch nur sehr selten Versammlungen abgehalten und die Hefte sehr unregelmäßig verteilt werden; zufällig kann man oft ganze Stötze vergilbter Ver- einshefte liegen sehen, welche nicht verteilt wurden. Für die ungenügende Beteiligung am Vereinsleben wird oft mangelndes Verständnis der Mitglieder ins Feld ge. führt. Wendet man dagegen ein, datz dieser Mangel, wenn er wirklich vorhanden sei, durch regelmäßiges Verteilen und Lesen der Vereinshefte und durch öftere Versammlungen mit geeigneten Vorträgen behoben werden könnte, so werden wieder andere Gründe vorgebracht. Oft ist es nicht leicht, die maßgebenden Stellen zur Abhaltung einer Versammlung, welche von den Mitgliedern dringend gewünscht wird, zu bewegen. Unsre heutigen Zeitverhältnisse erfordern es, datz dem Volksverein aller, orts das ihm gebührende Interesse entgegengebracht wird. Denn seine Aufklärungs- und Schulungsarbeit in staatsbürgerlicher, sozialer und wirtschaftlicher Bezie- hung, seine Verteidigung des Gottesglaubens gegen die Angriffe der Gottesleugner und Kirchenfeinde, sind in unserm Zeitalter unumgänglich notwendig. In fast alle Orte dringen heute die ungläubigen, staatsgefährlichen und volksverhetzenden Strömungen unsrer Zeit. Diesen Zeitströmungen durch die wirkungsvollen Abwehrmatz- regeln einer achtunggebietenden, leistungsfähigen und schlagfertigen Organisation, wie sie der Volksberein ist, entgegen zu arbeiten, ist unsre heiligste Pflicht. Mögen darum die noch fernstehenden Männer und alleinstehende Frauen des Bezirks sich dem Volksverein anschließen und tatkräftig Mitarbeiten, damit der Verein nicht nur an innerer Kraft, sondern auch an Mitgliederzahl den gegnerischen Organisationen überlegen fei.
4. Schluß.
Allen denen, die mitgearbeitet haben, herzlichen Dank. Mögen sie in ihrer Vereinstätigkeit nicht erlah- men und immer und überall wackere Streiter für die Sache des Kreuzes Christi sein! Mögen sie für diese Sache neue Mitstreiter gewinnen und um das Kreuzes- Banner scharen, damit es uns gelingt, an dieses Banner den Sieg zu heften.
Fulda, im Juni 1913.
Wilhelm Frank, Sekretär des Volksvereins für das kath. Deutschland.
Lokales.
Fulda, 28. Juni ISIS.
# Personalien. Polizeiassessor Dr. Auerbach in Frantfurt a. M. wurde zum Polizeirat, Landrichter von Bartenwerffer auS Neuwied zum OberlandesgerichtSrat in Frankfurt a. M. und Land- gerichtSrat Hegener in Frankfurt a. M. zum Landgerichtsdirektor in Wiesbaden ernannt.
V Dom. Beim Bischöflichen Amte morgen am Feste der Apostelfürsten PetruS und Paulus gelangt die Missa in F«bur von R. VeuSkenS für vierstimmigen Männerchor mit Orgelbegleitung zur Aufführung. Es ist das erste Mal, daß diese großangelegte, sehr selbständige Messe gesungen wird. Nach dem Offertorium singt der Chor das Tu es Petrus von Haller mit Orgelbegleüung.
A Leihhaus Fulda. Gemäß Beschluß deS Landes« ausfchusfes zu Kassel wird bet dem Leihhause Fulda vom 1. Januar 1914 ab der Zinsfuß für Spar- einlagen um */« Prozent auf 33/* Prozent erhöht werden und gleichzeitig die Einführung der täg lich e n Verzinsung erfolgen.
Nun gar, mein kleines Mädchen! Nun sitze ich in einem einsamen, verlassenen Winkel, was sollte ich da wohl für meinen verwöhnten Liebling tun können!
Und doch, Rose, ich bete weiter! So töricht es klingen mag. Nicht daß ich mich zu irgend einer Zeit hinsetze und die Hände falte, sondern wenn es wieder einmal so recht in alter kindlicher Weise über mich kommt, dann bitte und bettle ich, Glaube mir. Kind, ich kann das bis zu den hellen Dränen. Und hinterher ist es mir immer eigen leicht um mein meist so bedrücktes Herz.
Du warst immer ein begabtes Kind, Rose-Marie, und aus Deinen Briefen habe ich im Laufe ber Jahre gesehen, wie prächtig Du Dich weiter entwickelt hast, und wie frei und leicht Dein Geist seine eigenen Wege geht. Dennoch, Kind, mit dem Recht, das mir meine ehrliche Zuneigung zu Dir gibt, laß Dich von Herzen bitten: mach manchmal über allen Dingen beide Augen zu und kehre für Momente zu der naiven Frömmigkeit zurück, mit der unser armseliges menschliches Wissen nichts zu schaffen hat und aus der wir das Glück unserer Kindertage herleitcn. Es siegt eine unendliche Wohltat darin, die sicher ihren tieferen Sinn hat. —
Ich schreibe Dir bald wieder, Du armes Hascherl, und inzwischen denkt täglich Dein
Deine alte treue Thea Peters."
„Nun wie geht's?" sagte Lora, als seine Herrin atemlos von den vielen Stufen wieder in das bescheidene Stübchen trat.
Das alte Fräulein ging zu dem Papagei und krauelte ihm zärtlich den Kopf. Dabei sagte es in seine eigenen Gedanken verloren: „Nicht gut geht es mir, Lora. Das einzige Menschenkind, das seiner alten Erzieherin wirklich in Herzlichkeit zugetan blieb, ist in bitterer Not."
Lora jedoch schien das Herzeleid seiner Herrin ziemlich gleichgültig zu sein, er liebte ausschließlich die Aufmerksamkeit für sich selbst und so legte er den Kopf drollig auf die Seite und wiederholte in den höchsten Tönen: „Nun, wie geht's?"
-5- Jugendpflege. Im Roten Saale der Orangerie war gestern, dem Rufe des Herrn Landrats Frhrn. v. Doernberg folgend, eine große Anzahl von Damen und Herren aus Stadt und Land Fulda erschieneu, um über die weitere Organisierung der Jugendpflege im Kreise Fulda zu beraten. Nachdem der Ein- berufer der Versammlung den Anwesenden einen herzlichen Willkomm entboten und sie mit den Grund- zügen der beiden Minifterialerlaffe über Mittel, Zweck und Ziele der männlichen und weiblichen Jugendpflege bekannt gemacht hatte, nahm der Präses des Jugendvereins der Stadtpfarrei, Herr Stadt- kaplan Börsting, das Wort zu einem eingehenden, auf Erfahrung und einschlägiger Literaturkenntnis fußenden Vortrag, in dem er auf die mannigfache Tätigkeit hinwies, die das Wort Jugendpflege in sich schließt, dessen Aufgabe es sei, die in der Schule gewonnenen religiösen und kulturellen Werte zu festigen und weiter auszubauen. Die Berechtigung der Jugendpflege ergebe sich aus dem Anwachsen der religiösen und sittlichen Gefahren, sowie aus den Umständen, daß die schulentlassene Jugend in größerem Umfange als früher unabhängig und der Umgarnung durch sozialdemokratische Agitation ausgesetzt ist. Die Aufgaben der Jugendpflege sind soziale und pädagogische; sie bestehen darin, den jungen Menschen durch Vermittelung der nötigen Kenntniffe zu einem brauchbaren Mitgliede der menschlichen Gesellschaft zu erziehen und die Charakterbildung durch religiössittliche Unterweisung zu fördern. Als Faktore zur Erreichung dieser Ziele können nur die allseitig ausgebildeten konfessionellen Jugendvereine in Frage kommen. Redner schilderte dann das Programm der hiesigen Jugendvereine und hob dabei die Wichtigkeit der Körperpflege für die Charakterbildung des Geistes, wozu sich in erster Linie das Turnen eigne. Redner schloß seine Ausführungen mit einem warmen Appell zur Mithilfe bei diesen großen idealen Bestrebungen. Ter Herr Landrat dankte ihm namens der Versammlung für seine von tiefer Sachkenntnis und einem warmen Herzen für die Jugend zeugenden Worte und wies darauf hin, daß vielleicht doch auch manche nichtkonfessionelle Sportvereine zur Charakterbildung der Jugend beitragen. Es wurde darauf zur Bildung eines Jugendpflege - Kreisausschusses geschritten, für den der Herr Landrat eine Reihe Damen und Herren aus den interessierten Ständen namhaft machte. Diesem Ausschuß soll es auf Antrag des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Antoni überlassen bleiben, die Organisation durch Hinzuwahl geeigneter Persönlichkeiten zu ergänzen. Nach einem kurzen Schluß- und Dankesworte des Herrn Landrates verließen die Erschienenen, neubegeistert für die schöne und wichtige Sache der Jugendpflege, den Saal.
= Die Empfangs-Station für drahtlose Telegraphie in Fulda wurde gestern serliggestellt und in Betrieb genommen. Die dreiteilige Riesen-Antenne ist zwischen den Grundstücken Brauhausstraße 12 und 18 errichtet. Von 10 Uhr vormittags bis abends 6 Uhr konnten verschiedene chiffrierte Depeschen empfangen werden, die teils von Paris, teils von unseren Küstenstationen stammten. Aeußerst klar und scharf wurde das Zeitsignal vom Eiseiturm bei Paris vernommen. Augenblicklich ist eine Sende-Station in Kämmerzell im Bau begriffen; diese Station wird ebenfalls von Ingenieur Ferdin. Schneider-Fulda errichtet und dient hauptsächlich zu dem Zwecke, auswärtigen Interessenten die drahtlose Telegraphie und .Zeitübertragung vorführen zu können. Der Strom der Sende- Station wird vom Elektrizitätswerke Kämmerzell (Mühle) geliefert. Diese beiden Stationen sind die einzigen, welche in Mitteldeutschland von der deutschen Reichspost für Versuchs- und Vorjührungszwecke genehmigt worden sind. In der nächsten Zeit werden sie von einer Kommission des Reichspostamtes Berlin besichtigt und zu Versuchen benutzt werden.
□ Sonderzug zur Regimentsfeier der 80er in Wiesbaden. Am 7. Juli fährt von Fulda nach Wiesbaden zur 100-Jahrseier des Füs.-Regts. v. Gers- dorff (Kurh.) Nr. 80 ein Sonderzug mit ermäßigten Preisen. Die Fahrkarten werden nicht vom Negi- ment zugesandt, sondern müssen von jedem Teilnehmer am Fahrkartenschalter gelöst werden. Die Teilnehmer, die erst mit fahrplanmäßigen Zügen den Sonderzug erreichen können, müssen bis zu der Anschlußstation den vollen tarifmäßigen Fahrpreis entrichten. Die Ermäßigung gilt also nur für die im Sonderzug zurückgelegte Strecke. Die Abfahrtszeiten des Zuges sind: ab Fulda 10.46 Uhr vorm., ab Flieden 11.07 Uhr vorm., ab Elm 11,24 Uhr vorm., ab Schlüchtern 11.34 Uhr vorm. Der Sonderzug führt nur III. Wagenklasse und hält nur auf den angeführten Stationen. Die Fahrpreise bis Wiesbaden betragen von Fulda 2,80 Mk., von Flieden 2,50 Mk., von Elm 2,30 Mk. und von Schlüchtern 2,20 Mk.
Diese Frage gehörte zu Loras Bravourstücken und klang täuschend nach menschlichen Lauten. Und wenn der ulkige Kerl gleich hinterher energisch den Kopf hob und in ermunterndem Ton hinzufügte: „Nur wacker!" dann hätte auch der trübseligste Kopfhänger ein Lächeln zustande gebracht.
Aber Thea Peters schmiegte plötzlich zu Tode betrübt ihren grauen Kopf gegen ihren Liebling nach seinem ausmunternden Ausruf, nahm ihn dann auf den Schoß und sagte mit Tränen in der Stimme und als könnte der Bogel jedes Wort verstehen: „Daß mir das auch nicht gleich eingefallen ist, Lora! Und so lieb ich dich habe, und so bitter ich dich vermißen werde, du sollst zu Rose-Marie! Und das gleich heute, damit ich nicht noch wieder zaghaft werde in dem scheußlichen Egoismus, der uns Menschen angeboren ist. Sieh Kerlchen, ich hab das kleine Mädchen wie mein eigenes lieb gehabt damals. Es hat ein Herzchen wie pures Gold und nun steht es ganz allein, denn Peterle kennt die Menschen. Tu bist mir in vielen Jahren ein Trost gewesen, Lorachen, und jetzt stehst du mir bei in meinem guten Willen, nicht wahr? Und sei nicht gar zu traurig, daß du für die Zeit der Reise in einen Kasten mußt, ich kann es ja nicht ändern! Liebe, schlanke, kleine Finger werden dich streicheln dafür und du sollst einmal sehen, was für eine flaumig weiche Herrin du statt deines schrumpeligen Peterle bekommst!"---
Vorläufig aber ließ Lora seine neue Herrin gar nicht erst zum Streicheln kommen. Er war über die ungewohnte und absolute Gefangenschaft derart empört, daß er mit wenigen kräftigen Schlägen seiner gestutzten Flügel auf und davon war, bevor Rose- Marie überhaupt zufassen konnte.
Rose hatte die Sendung mit dem lebenden Inhalt, über ihrer Rührung jede Vorsicht vergessend, auf ein Tischchen an der offenen Balkontür gestellt und nun spähte sie ganz erschrocken nach allen Seiten, hörte aber keinen Laut und sah kein Tüpfelchen von dem grünen Federkleid.
Da nahm sie sich Peterles Brief nochmal und die lieben Zeilen, die auf dem Postabschnitt standen und
1*1 Strafkammer. Der 19jährige Dienstknecht C H. von Weyhers gebürtig, in Rödersbach in Diensten, versuchte im April in der Wirtschaft von G. M. in W. die Sammelbüchse des Krieger-Vereins zu erbrechen. Es glückte ihm aber nur, den Behälter der Zigarrenspitzen zu erbrechen. Das Gericht billigte dem Angeklagten mildernde Umstände zu und verurteilte ihn zu einem Monat Gefängnis. — Die 52jährige Ehefrau eines Holzarbeiters in Stellberg, die u. a. wegen Brandstiftung schon drei Jahre Gefängnis verbüßt hat, kaufte am 19. November v. Js. bei dem Landwirt Sch. in Lütter ein 4—5 Wochen altes Schwei« für 17,20 Mk. und bezahlte es auch gleich. Nack zwei Tagen ging sie wieder zu Sch., klagte, daß das kleine Schweinchen verendet sei, ihr Mann sich in einer Augenklinik befinde, während er in Wirklichkeit eine Gefängnisstrafe verbüßte, und bergt, mehr. Der Verkäufer ließ sich überreden und gab der Frau 8 Mark in bar. Anstelle des angeblich verendeten Borstentieres will die Angeklagte auf dem Schweinemarkt in Fulda ein älteres Schwein für 25 Mark sich erstanden haben, das später auch verendet und gleich -em ersten im sog. Kirschgraben eingescharrt fei. Daß Die Frau oder ihr Mann dasselbe heimgebracht hätten, konnte in der gestrigen Verhandlung nicht erwiesen werden. Wohl wurde festgestLllt, daß die Frau sich in Thalau einen Transportkorb geliehen hatte, um in Fulda ein Schwein zu verkaufen. Auch hatte sie sich vom Bürgermeister eine Bescheinigung, daß keine Maul, und Klauenseuche in St. bestehe, aus stellen lassen. Beide Eheleute sollen jedoch an dem betreffenden Markttage überhaupt nicht nach Fulda gefahren und das erstgenannte Schwein soll überhaupt nicht eingegangen sein. Das Gericht setzte die Verhandlung aus, um heute im sogen. Krischgra- ben Ausgrabungen nach den Kadavern der beiden Schweine" machen zu lassen. — Dem 40jährigen Bäckermeister L. von hier wurde zur Last gelegt, anläßlich der Jnventuraufnahme bei seinem Konkurs am 2. November 1911 einen Falscheid aus Fahrlässigkeit geschworen zu haben. Zn der umfangreichen Verhandlung waren 18 Zeugen und 4 Sachverständige geladen. Bald nach der Jnventuraufnahme wurde f. Zt. behauptet, daß L. je ein Faß Rüb- und Salatöl beiseite geschafft habe und einen Hausbewohner und seinen damaligen Gesellen zur Hilfeleistung angegangen habe, die jedoch ablehnten. Die Hauptverhandlung ergab, daß die aufgestellten Behauptungen gegen L. nicht belastend waren, sondern die Hauptschuld jenen Beamten treffe, der f. Zt. die Jnventuraufnahme gemacht hatte. Die fachverständigen Aerzte gaben ihr Gutachten dahin ab, daß L. an Epilepsie und Neurasthenie leide und wegen diesen Krankheiten auch vom Militär entlassen wurde. Er sei ein sehr aufgeregter, nervöser Mensch, der öfters in einen Dämmerungszustand verfalle. Geistig minderwertig fei er aber auf keinen Fall und könne für feine strafbaren Handlungen absolut verantwortlich gemacht werden. Nachdem man 14 Zeugen und die 4 Sachverständigen gehört, wurde die Beweisaufnahme geschloffen. Der Erste Staatsanwalt hob hervor, daß es sich ergeben habe, daß ein Beamter f. Zt. bei Aufnahme des Inventars nicht sorgfältig genug vorgegangen sei. Es spreche mancherlei zu Gunsten des Angeklagten, immerhin beantragte er einen Monat Gefängnis. Der Rechtsanwalt trat energisch für Freisprechung ein. Nach %ftünbiger Beratung verkündete das Gesicht ein freisprechendes Urteil, in dem es annahm, daß der Angeklagte, der seine Gedanken nicht vollständig konzentrieren könne, nicht fahrlästig bei Abgabe des Eides gehandelt habe. Die beträchtlichen Kosten trägt die Staatskasse.
•y« Festgenommen wurde gestern in Kaffel der bei einem hiesigen Metzgermeister untergebrachte Zwangszögling Reinhard, der vor einigen Tagen durchgebrannt war.
U Gewerkschaft Rothenberg. Zu der auf gestern nachmittag 4 Uhr nach Fulda einberufenen (Seiner, kenversammlung hatten sich 41 Beteiligte mit 3733 Stimmen eingefunden. Der Vorsitzende, Herr Sauer, teilte inbezug auf die allgemeine Lage der Gewerkschaft Rothenberg mit, daß das Programm dahin gehe, angesichts der in dem Geschäftsbericht zum Ausdruck gebrachten Verhältnisse für das 2. Semester keine Ausbeute zu verteilen und erst die vorhandenen Verpflichtungen von 1 600 000 Mk. zu decken. Die Neuanlagen dürften bis zur Fettigstellung etwa 3 600 000 Mk. erfordern; Die Mittel hierfür hofft der Vorstand ans den Ueberschüffen zu bestreiten, die vom 1. Jan. 1913. bis heute abzüglich aller Unkosten bereits 1 Million Betragen. Bei Fortdauer der jetzigen Geschäftslage sei zu hoffen, daß bis Ende 1914 die durch die Neuanlagen noch entstehenden Verpflichtungen voll gedeckt sein werden. Die Versammlung trat diesen Ausführungen bei. Es gelangte so-
kam nach Wochen unerträglichster Pein zu den ersten befreienden Tränen. —
Derweilen faß Lora auf einem Blumenständer in1 der Glasveranda der Medizinalrättn Sänger, legte den Kops auf die Seite und sagte zu dem eben durch die Gartenpforte schreitenden Herrn: „Nun tote gehts?"
In die ernsten Männerzüge kam ein Helles Erstaunen. „Was ist dc.nn das, Mutterle?"
„Nur toacker!" fagte Lora und hob gebietettsch den Kops.
Die alte Dame mußte herzlich auflachen. Dann sagte sie: „Mein Erstaunen war nicht geringer als deins. Ich sitze hier nichts ahnend beim Spargel schälen, als dieselbe köstliche Frage, die an dich gerichtet wurde, in aller Eindringlichkeit plötzlich da unten von den Steinstufen ans zu mir herausdringt, und in gemächlichem Schritt kommt das Posiierliche Tierchen zu mir heran geklettert. Sieht mich an, prüft mich allergenauesi und scheint für den ersten Augenblick sehr enttäuscht zu sein. Aber dann sagt es tote eben ganz mutig: „Nur wacker!' und klettert auf den Blumenständer.
Ich habe das arme Tierchen einstweilen ruhig fitzen lasten, es fcheint vollständig erschöpft. Jedenfalls ist es ein kleiner Ausreißer Und ich glaube fast, es gehört dem schwarzgekleideten schlanken blonden Mädchen, das uns da seit einiger Zeit gegenüber wohnt. Es stand vor einer Weile auf dem Balkon und hielt trübselig nach allen Seiten Ausschau, als ich gerade hier heraustrat. Ich hätte Doris ja schon schicken können, aber da du jeden Augenblick kommen mußtest, wollte ich gar zu gern, daß du das Kerlchen siehst."
Heinz Sänger — wie sein verstorbener Vater Mediziner — trat vorsichtig an Lora heran, um den immer noch zitternden Vogel nicht zu erschrecken. Aber Lora rührte sich gar nickt, tat als ob er zu Hause sei und war froh, daß man ihn ruhig sitzen ließ.
Der junge Arzt hatte sick in einen Korbsessel neben dem Ständer gesetzt und meinte zu seiner Mutter: „Ich g-he gleich selbst einmal hinüber. Ich