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4. Blatt.

vrMWk z»ldan Nette« drusterck m $ irrte.

Zuldaer Zeitung.

> HZ.

samstag 28. Juni 1915.

Unpolitische Zeitiause.

». Berlin, 26. Juni 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Geisteskrank — unzurechnungsfähig — abgemacht' Das ist die einfachste Lösung von entsetzlichen Zwi­schenfällen. Ich kann aber nicht so schnell zur Ta­gesordnung übergehen. Ist denn immer mit Sicher­heit die Grenzlinie zu ziehen zwischen Krankheit und Bosheit? Sind wir genügend geschützt gegen die Ge­walttätigkeit von wirklichen oder angeblichen Geistes­kranken? lind woher kommen denn die wahnsinnigen Gedanken, von denen diese Leute beherrscht werden?

Die grauenhafte Bluttat in der katholischen Schule von Bremen regt sehr ernste Erwä­gungen an. Doch möchte ich erft einen anderen Fall erwähnen, der nicht so weit in die „Politik" ein­greift. Da war ein Mann angeklagt, der bei einer ziemlich gleichgültigen geschäftlichen Verhandlung den Vertreter des Geschäfts niedergeschosien hatte, weil er sich für bedroht hielt. Es wurde nachgewiesen, daß der Angeklagte ein sehr nervöser Mensch ist, der an andere Leute die unglaublichsten Anforderungen stellt und überall Kränkung und Verfolgung seiner Per­son wittert. Die Geschworenen sprachen aber den Angeklagten doch nicht ganz frei; sie wollten ihn allerdings nicht zum Mörder oder Totschläger erklä­ren, aber wenigstens der Körperverletzung mit töd­lichem Ausgang schuldig erklären. Da griff nun das Kollegium der Richter ein. Der Gerichtshof kann nämlich den Spruch der Geschworenen aufheben, wenn er einstimmig der Meinung ist, daß die Ge­schworenen sich zum Nachteil des Angeklagten ge­irrt haben. Hier ergab sich diese Einstimmigkeit; in­folgedessen Wird die Sache zur nochmaligen Verhand­lung an das nächste Schwurgericht verwiesen. 'Ab­weichend von vielen Freunden habe ich gar keine Vorliebe für die Geschworenenbank. Ein gemischter Gerichtshof von rechtsgelehrten Richtern und Schöf­fen aus den: Volke gefällt mir besser. Die Stim­mung, die sich unter dem zusammengewürfelten Du­tzend entwickelt, ist unberechenbar; darum hat man auch das Sicherheitsventil der erwähnten Bestim­mung angebracht. Andererseits kann ich mir Wohl vorstellen,"wie die Geschworenen zu dem beanstan­deten Spruche gekommen sein können. Vielleicht sag­ten sie sich in ihrem praktischen Menschenverstände: ^Der Mann scheint fa etwas verrückt zu sein, doch

wochen-Nun-schau.

stj Fulda, 27. Juni 1913.

, Im Reichstag ist nach uferlosen Debatten am Dienstag endlich die 2. Lesung der Wehrvorlage beendigt worden. Die Sozialdemokraten haben ver­geblich versucht, durch endloses Reden der Verabschie­dung ernste Schwierigkeiten zu bereiten; die bürger­lichen Parteien durchschauten die Taktik der roten Volksvertreter und so kam es, daß in den letzten Ta- 5: der 2. Beratung der Wehrvorlagc fast ausschließ- sozialdemokratischc Abgeordnete zu Wort kamen. Die stärkste Partei im Reichstag hat durch ihre ge­scheiterte Obstruktion gezeigt, daß sie wohl in der Lage ist, Gesetzesvorlagen zu verschleppen, aber nicht fähig ist, ohne fremde Hilfe die Oberhand zu gewin­nen. Tie Sozialdemokratie hat sich wieder einmal als vaterlandsfcindlich erwiesen und dadurch nur er­reicht, daß sich die übrigen Parteien enger zusam­menfanden und ihrer Jnterefsegemeinschaft sich be­wußt wurden. Das zeigt vor allem der Ausgang der Kompromißverhandlungen über die D e ck"u n g s - frage upd die Verhandlungen in der Budgerkom- misswn überhaupt. Schneller als man erwarten durfte, sind die Beratungen der Kommission zu einem guten Ende gediehen. Natürlich kann man das Er­gebnis der Verhandlungen nicht als ideal bezeichnen; das ist stets ausgeschlossen, wenn dir Grundlage von Verhandlungen ein Kompromiß bildet, das notge­drungen seine Licht- und Schattenseiten hat. Nichts­destoweniger kann man im großen und ganzen mit der zustande gekommenen Lösung der Teckungsfrage zufrieden sein und der Umstand, daß schon in der Kommission alle bürgerlichen Parieren mit Aus­nahme der Konservativen sich auf den Boden des Kompromisses gestellt haben, gibt der Hoffnung Be­rechtigung, daß auch im Lande die Einigung in der iDeckungsfrage eine wenn nrcht gerade freundliche, so doch ruhige Aufnahme finden wird. Die Vorteile des geschaffenen Kompromisses liegen in erster Linie auf politischem Gebiet und sind so geartet, daß sie die finanzpolitischen Bedenken in den Hintergrund treten lassen, zumal die Parteien Sorge getragen haben, daß bei der Ausgestaltung der Reichsvermögenszu­wachssteuer alle vermeidlichen Härten auch vermieden worden sind. Die politische Bedeutung der Einigung auf die Reichsvermögenszuwachssteuer ist vor allem darin begründet, daß die bürgerlichen Parteien sich ^zu einer Arbeitsmehrheit zusammengefundcn haben, die gewillt und entschlossen ist, unbekümmert um die Obstruktion der äußersten Linken und über die roten Köpfe hinweg das Werk der Stärkung unserer Heercs- macht zustande zu bringen. Im Plenum wird an dem Kompromiß gewiß hier und da noch eine Aen- derung vorgcnommen werden, im großen und ganzen wird es aber bei dem bleiben müssen, was die Kom­mission geschaffen hat, wenn nicht das ganze Werk wieder gefährdet werden soll.

In Frankreich werden in der Kammer die Debatten über die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit fortgesetzt. In einer der letzten Sitzungen in der französischen Kammer sorgte der französische Liebknecht, Herr Jaurtzs, dadurch für eine große Sensation, als er den Regierungskommissar durch eine direkte Anfrage zwang, zuzugeben, daß der Gene­ralstab bei der Berechnung der Mannschaftsvermeh­rung einen Rechenfehler begangen habe. Iaurtzs hatte ausgerechnet, daß die Vermehrung des Mann- schastSbeftandes nur 70 000 Mann betrage, während nach den Berechnungen des Generalstabes diese Ver­mehrung auf 134 000 Mann angegeben wurde. Man braucht übrigens nicht daran zu zweifeln, daß trotz der fortdauernden Opposition der Sozialdemokraten Herr Barthou die dreijährige Dienstzeit durchsetzen wird. Der Präsident der Republik, Poincars, ist in London mit allen ihm gebührenden Ehren empfangen worden und hat die kurze Zeit seines eng­lischen Besuches benutzt, um eifrig für eine innigere Gestaltung der Entente cordiale Stimmung zu ma­chen. Es ist bezeichnend für die französische Presse, daß sie in der doch eigentlich selbswerständlichen Höf­lichkeit der englischen Gastfreundschaft eine ausgespro­chene Spitze gegen Deutschland zu erblicken vermag.

Marokko macht sowohl Frankreich als Spanien aufs neue zu schaffen. Wenn auch Graf Romanones auf seinen Versuch, Frankreich zu einem gemeinschaft- schaftlichen Vorgehen in Marokko zu bewegen, einen abschlägigen Bescheid bekommen hatte, so scheint man

doch jetzt in Frankreich einer Verständigung mit Spa­nien nrcht ganz abgeneigt zu sein.

Der ungarische Ministerpräfident, Graf TiSza, verwalte sich in einer sehr bedeuffamen Rede über die österreichisch-ungarische Balkanpolitik in sehr deutlicher Form dagegen, daß von russischer Seite eine Vormachtstellung gegenüber dem Balkan­bund angestrebt wird und daß versucht wird, dem Balkanbund eine gegen den Dreibund gerichtete Spitze zu geben. Es ist zweifellos, daß man gegen solche russischen Absichten nicht früh genug Protest einlegen kann, da mit einer derartigen Politik Ruß­land die Bahnen friedlichen Zusammenwirkens aller europäischen Mächte verlassen würde. Eine solche Veränderung der rusiischen Politik müßte nicht nur Oesterreich-Ungarn, sondern auch alle anderen Mächte insbesondere Deuffchland und Italien be­rühren.

Die nerze Balkankrise schleppt sich weiter. Bulgarien ist nicht gesonnen, den festen Boden des Bündnisvertrages zu verlassen und verlangt nach wie vor von Serbien, daß es seine Forderung einer Re­vision des Bündnis- und Teilungsvertrages aufgebe.

Ausland.

*♦ An den Soldatenmeutereien in Frankreich sol­len jetzt die katholischen Offiziere schuld sein. Kriegsminister Etienne verlangt in einem Rundschreiben, jene Offiziere kennen zu lernen, deren Verhalten das Zustandekommen der Meutereien be­wirkt habe. Um dieses neue Angebershstem in seiner ganzen Schändlichkeiten zu begreffen, genügt es, darauf zu verweisen, daß in radikalen Blättern Frankreichs die Behauptung aufgetaucht ist, an den Meutereien seien die katholischen und royalistisch gesinnten Offi­ziere als Anstifter beteiligt. Der Kriegsminister scheint auf diesen plumpen, unsinnigen Schwindel hereingefallen zu sein, denn anders ist fein Rund­schreiben nicht zu verstehen. Combistische Zeitungen haben bereits „festgestellt", daß gprade jene Regimen­ter gemeutert haben, die „klerikale Offiziere" haben! Andere, weniger unverschämte Zeitungen der gleichen Farbe drehen die Sache so, daß die Offiziere „klerika- kt Gesinnung" nicht direkt angestiftet haben, daß sie aber, eben wegen ihrer „klerikalen Gesinnung" bei den Soldaten sehr „unpopulär" sind und keinen Ein­fluß auf die Mannschaften besitzen!

A Die katholikenfeindliche Politik des spanischen Ministerpräsidenten. Fast sämtliche spanische Bi­schöfe haben jetzt gegen das königliche Dekret über die Eheschließungen protestiert. Die spanischen Bischöfe sind bei dem Ministerpräsidenten vorstellig geworden und haben auf die Mißstände hingewiesen, die sich aus der Anwendung des De­krets für die Pfarrer ergeben müssen. Natürlich weiß man im Voraus, daß Romanones alle diese Proteste beiseite legen und in der Verfolgung seiner kirchen- feindlichen Pläne unbeirrt forffahren wird. Die Masse des katholischen Volkes ist durch die ewigen politischen Streüigkeiten auch im eigenen Lager trotz des besten Willens verwirrt und zu einem einhett- lichen Vorgehen nicht vorbereitet.

* Irland. Die Zollbehörden beschlagnahmten an Bock) des Dampfers „Lilli" bei seiner Ankunft in Coleraine in Irland eine große Ladung Gewehre und Bajonette, bie offenbar für die Ulsterleute zu ihrem tollen Kampf gegen die Katholiken besttmmt waren.

Aus dem Nachbargebiete.

ch Hofaschenbach, 27. Juni 1913. Am vergangenen Sonntag erhielt die neue Orgel in hiesiger Kirche die kirchliche Weihe und erklang zum ersten Male zu Gottes Ehre. Die Orgel, welche 16 Register und einen freistehenden, pneumatischen Spieltisch hat, ist erbaut von der Firma Gebrüder Späth in Ennetach- Mengen (Württemberg). Sie wurde nach der Auf­stellung von Sachverständigen einer genauen Prüfung unterzogen. In dem abgegebenen Gutachten heben dieselben folgendes hervor:

DaS ganze Werk macht den Eindruck peinlichster Sauberkeit und schönster Ordnung; es ist in bautech­nischer Hinsicht alles Lobes würdig. Ein Novum ist der TranSpositor, der es dem Spieler ermöglicht, die Ton­lage der gesamten Orgel nach unten bis zu zwei vollen

für das Irrenhaus war er noch nicht reif. Wenn wir ihn nun vollständig freisprechen, so bekommt er ja einen Freibrief für weitere Gewalttaten. Also etwas Strafe muß er haben, damit er sich künftig bester zusammennimmt." In der Tat, der Schutz der Mitbürger gegen „unzurechnungsfähige" Leute ist eine dringende Notwendigkeit. Will man die Ver­rückten, die zu Gewalttätigkeiten neigen, nicht ins Gefängnis bringen, so muß man sie ins Irrenhaus bringen. Sonst ist ja der friedsamste Mensch seines Lebens nicht sicher. An jeder Straßenecke kann ich mit einem solchen nervösen und argwöhnischen Men­schen zufällig zusammenstoßen. Versteht er diese „Rempelei" falsch oder ergibt sich daraus ein Wock- wechsel, so kann ich einen Dolch oder eine Kugel im Leib haben, ehe ich's mir denke. Ich lege mich aufs Krankenbett oder ins Grab, und der Urheber meines Unglücks wird als bemitleidenswerter Gei­steskranker freigesprochen. Freilich, wer verrückt fft, verdient Mitleid; die vernünftige Nächstenliebe er­heischt aber auch^ daß man den Geisteskranken vor weiteren Untaten bcwahck.

Was nun den Fall von Bremen angeht, so ist das Blutbad in der Schule aus jesuitenfeindli­chem Wahnsinn hervorgegangen. Der Mann glaubt, daß die Jesuiten der Ausbund aller Bosheit und die Anstifter aller Schlechtigkeiten seien, sogar die Ur­heber der Todesfälle in seiner Familie. Wie man in Berlin von einem „Blaukoller" spricht, der aus Haß gegen die blaugekleideten Schutzleute hervorgeht, so könnte man hier von einem Jesuitenkoller sprechen. Aber es besteht doch noch ein Unterschied: der Blaukoller kommt nur zum Ausbruch, wenn der Verrückte einen Schutzmann sieht. Der Jesuitenhas­ser in Bremen aber hat nicht gewartet, bis er einen wirklichen Jesuiten zu Gesicht bekäme. Wahrschein­lich hat er überhaupt niemals einen gesehen. Er hält jesuitisch und katholisch für gleichbedeutend. Um den Jesuitismus auszurotten, stürzt er sich auf die katholische Vclksschule und richtet mit seinen Revol­vern ein Blutbad unter den Kindern und den Leh­rern an.

„Die Tat eines Wahnsinnigen", sagen die sonst so redseligen „Weltblätter" und wollen die Akten da­mit schließen. Ich drehe aber die Münze auf die an­dere Seite und stelle die Frage: „Wenn einmal — der Himmel verhüte es! — ein geisteskranker Katho­lik sich in den Gedanken verbisse, das Unheil in der

Tönen, nach oben bis zu einem ganzen Ton zu ver­schieben. DaS Gesamtwerk entfaltet, ohne im mindesten schreiend zu werden, eine Kraft und «inen Glanz, wie man sie sonst nur bei größeren Werken erwartet: dabei «alten in allen Tonlagen die schönsten Verhältniffe vor; insbesondere bilden die kernigen Bässe eine schöne Ein­heit mit den Manualstimmen. Die Herren Späth sind ihren kontraktlichen Verpflichtungen getreu nachgikommen, und das Werk, daS sie geschossen haben, muß in allen Teilen alS sehr gelungen bezeichnet werden."

Werke der Firma Gebr. Späth erklingen in hiesiger Gegend bereits in den Kirchen in Haselstein, Klein­lüder und in den Klosterkirchen auf dem Frauenberg und in Hünfeld. Auch lieferte die Firma bereits eine Orgel nach Südafrika und eine nach Brasilien.

* Frankfurt, 27. Juni 1913. Nach dem Jahres­bericht des Komitees für Zahnpflege in den Schulen stieg die Zahl der in der Schulzahnklinik unentgeltlich behandelten Kinder auf 6353 gegenüber 4702 im Vorjahre. Das Komitee ist an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt. Man Plant die Einführung des sogenannten Abonnentensystems, d. h. die Eltern der Kinder sollen einen kleinen Beitrag leisten. Ohne einen städtischen Zuschuß hält man die Wetterführung der Schulzahnklinik auf größerer Basis nicht für möglich. — Der früher bei einer hie­sigen Seidenwarenfirma befchäftigte 41jährige Kauf­mann D i e st e r w e g, der 4800 Mk. festes Gehalt und Prämiengelder bezog, entwendete im Verlauf von anderthalb Jahren Seidenstoffe im Werte von 800 bis 1000 Mk. Einen Teil der Sachen erhielt der Schneidermeister P r e u ß e r. Die Strafkammer verurteilte Diesterweg wegen Diebstahls zu vier Monaten Gefängnis und Preußer wegen H e h l e r ei zu sechs Wochen Gefängnis.

vermischter.

* Ein vielfacher Brandstifter. Nach dreitägiger Verhandlung verurteilte das Schwurgericht zu Stet­tin den 52 jährigen Ferdinand Rambow aus Polchow wegen zehnfacher Brandstiftung zu acht Jahren Zuchthaus. Rambow hat gegen Entgelt der Besitzer Gebäude und Scheunen in Brand ge­steckt. Gegen eine Anzahl der 91 geladenen Zeugen ist ein Vorverfahren wegen Anstiftung zur Brand­legung eingeleitet worden.

* Im Streit erschoß der 18 Jahre alte Dienst­knecht Reinhardt in der Nähe des Exerzierplatzes Niederau bei Kempten in Bayern einen gleich­alterigen jungen Menschen, dessen Persönlichkeit noch nicht festgestellt werden konnte, da der Täter die nähe­ren Angaben verweigert. Der Hauptmann und Kom­pagniechef Rindle vom 2. Bataillon des 20. Infan­terie-Regiments verfolgte den Mörder zu Pferde in die Jllerauen, wo der Flüchtling sich versteckte. Durch eine Militärstreife ließ Rindle den Platz absuchen und den Täter verhaften.

* Der Kniff einer Gaunerin. Eine gemeingefähr­liche Gaunerin, die schon seit längerer Zeit in B e r- l i n und den Vorocken ihr Unwesen trieb, ist jetzt von der Kriminalpolizei unschädlich gemacht worden. Es handelt sich um das 40 Jahre alte Dienstmädchen Marie Schreyer, Hie schon eine große Anzahl schwerer Vorstrafen erlitten hat. Die Gauneckn studiert eifrig die kleinen Anzeigen der Tagesblätter, um Adressen von Frauen zu erlangen, die ihren 70. oder 80. Ge­burtstag feierten. Diese besuchte sie dann und sprach ihnen ihre „h e r z l i ch st e n Glückwünsche" aus. Sie gab dabei an, daß sie Armenvorsteherin sei und den Auftrag erhalten habe, sich nach den pekuniä­ren Verhältnisten des „Geburtstagskindes" zu erkun­digen, um eventuell für eine Unterstützung Sorge zu tragen, lieber diese verlockende Aussicht hocherfreut, erzählten die alten Frauen, die meistenteils in sehr ärmlichen Verhältnissen lebten, bereitwilligst der „Vorsteherin" alles, was sie zu wissen wünschte. Im Laufe des Gesprächs bat die Gauneckn dann um ein Glas Master. Die Zeit, in der sich die Greisinnen entfernten, um ihre „Wohltäterin" zu befckedigen, benutzte diese dazu, alles zu stehlen, was sie irgendwie für „geeignet" hielt. Der Diebstahl wurde natürlich erst entdeckt, wenn sich die „Vorsteheckn" bereits „em­pfohlen" hatte. Ihr letztes Opfer war eine 88jährige Witwe in der Nosttzstraße, die zusammen mit ihrer erblindeten Tochter wohnte. Hier stahl sie der Greisin ein Täschchen mit 50 Mk. Wie die Diebin zugibt, hat sie im Lause der Zeit über 100 derartige Betrügereien ausgeführt.

Welt rühre von den Hetzern im Evangelischen Bunde her, und wenn dieser Verblendete in eine protestan­tische Volksschule drängte und dort ein Blutbad an- ckchtete — welch' eine Masse von entrüsteten Leit­artikeln und flammenden Protestreden würden dann gegen die „ultramontane Agitation" losgelassen wer­den! In allen Tonacken würde es heißen: An den blutigen Früchten erkenne man, wohin die „jesuitische Hetze" gegen die andere Konfession führe, und wenn der bluttriefende Täter auch wegen der Geisteskrank­heit straflos bleiben müsse, so gehörten doch auf die Anklagebank die Volksverführer die in fein schwaches Gehirn die Lüg» träuft und den Haß gegen den Pro- testancksmus erregt hätte.

So würde es heißen, wenn der Fall u m g e - kehrt läge. Glücklicherweise fft das nicht der Fall und wird hoffentlich auch niemals der Fall sein. Schon aus dem Grunde nicht, weil es auf katholischer Seite ?ar kein ebenbürttges Seitenstück gibt zu der furcht- arett Verlästerung und Verhetzung, die von der an­deren Seite gegen unfern Jesuitenorden betrieben wird. Der Glaube, daß die Jesuiten die abgefeimte­sten Verbrecher seien, sähig zur Giftmischerei und allen möglichen Schandtaten, spukt nicht allein in un­zurechnungsfähigen Köpfen, sondern in zahllosen Ge­hirnen, die sich für höchst aufgeklärt und klug halten. Von ihren Kindsbeinen an haben die Leute ein ab­scheuliches Zerrbild von „Jesuwitern" vorgesührt be­kommen. Die Zeitungen, die sie lesen, sind ooll Aus­fälle gegen Jesuiten und Ultramontanen überhaupt. Für Hetzreden wird ausgiebig gesorgt. Die Frucht ist unausrottbares Vorurteil und eingefressener Haß.

Wenn ich mal mit protestantischen Bekannten in ein Jesuitengespräch geriet, habe ich gewöhnlich die Vorftage gestellt: Haben Sie schon mal einen Je­suiten gesehen? Nein, war die Antwort. Haben Sie fchon mal ein Buch gelesen, das ein Jesuit verfaßt hat? Nein, war die Antwort. Aber die Festnagelung der Unkenntnis nützte doch nichts; ebenfowenig die schönsten Gegengründe aus der Geschichte und aus dem gesunden Menschenverstände. Die festgewachse­nen Vorurteile waren nicht zu erschüttern. Das Er­gebnis der Debatte war in der Regel, daß man auch mich für einen Jesuiten hielt. Bei offenen Naturen kam diese Ansicht manchmal geradezu zum Ausdruck. Wer für die Jesuiten eintritt, ist selber ein verkappter Jesuit, von dem man sich sehr in Acht nehmen muß.

Dazu kommt nun noch ein Umstand, der die nn-

riteransches.

Die Berechnung der Wertzuwachssteuer. Von I.

K l e i n a u, Dtadtsekrctär tn Berlin. Berlin 1913 Verlag Karl M. F. Salzman:,, Berlin NO 55, Es^ marchstrahe 4. Preis 75 Pfg.

Das vorliegende kleine Werk erhebt keinen An, sprach auf eine wissenschaftliche Arbeit. Größere Kom­mentare von bewährten Juristen liegen bereits in ge» nügendcr Zähl vor. Diese Broschüre soll nur den Zweck haben, dem Eigentümer, der vor dem Verkauf seines Grundstückes steht, einen möglichst praktischen Wegivei- ser zur Berechnung der von ihm zu entrichtenden Wert­zuwachssteuer an die Hand zu geben, damit er seinen Verkaufspreis danach ciurichten kann. Die Darstel­lung der Grundzüge des Gesetzes sowie die Beigabe des Gesetzes selbst mit zahlreichen Anmerkungen gibt dem Steuerpflichtigen überdies praktische Winke für sein Verhalten bei dem Steuerverfahren.

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geschulten Köpfe in weitere Verwirrung bringt. Es! besteht doch ein Gesetz gegen die Jesuiten, ein Ge» fey, das der Kaiser unterzeichnet und der Bundesrat und der Reichstag genehmigt haben. Ein solches Gesetz macht man doch nicht gegen unschuldige Leute. Also das Gesetz beweist schon, daß die Jesuiten schlecht und gemeingefährlich sind. Was ist dagegen zu ma­chen? Um dieser Verwirrung der Gemüter eutge- genzutreten, müssen wir in zäher Ausdauer alle Kraft einfetzen für die Aufhebung des Ausnahmegesetzes.! Nicht'die Jesuiten sind gememschädlich, Wohl aber dep Fockbestand dieses Verfolgungsgesetzes.

Das hat sich ja auch in Coesfeld gezeigt. Mö erbaulichen Standespredigten, die dort einige Jesui­ten hielten, konnten bck feinem braven Menschen! irgend welchen Anstoß erregen. Aber der krankhafte Jesuitenhaß brachte eine Denunziation zu Wege, und! das Ende war eine traurige Störung des Friedens und der Festfreude.

Bei Betrachtung der Freveltat von Bremen wo!-« len wir ganz ruhig bleiben und von jeder Person^ l i ch e n Bemerkung absehen. Aber es kann nicht ge­leugnet und darf nicht verschwiegen werden, daß bei uns Einrichtungen und Gebräuche be­stehen, die in einem schwachen Gehirn verhängnisvoll! wirken können.

Sehr beliebt ist die Ausrede der Kulturkämpferff „Wir wollen nur den Jesuitismus und Ultramon«! tanismus abwehren, aber nicht den Katholizismus^ bekämpfen! Eine solche Untertreibung ist nur eine Vorspiegelung. Diese Dinge sind eins und werden tatsächlich gemeinsam bekämpft. Der Blutmensch von Bremen dehnte feinen Jesuitenhaß mit entsetzlicher Folgerichtigkeit auf die katholischen Schulkinder ans.!

Schließlich wollen wir nicht über die Verantwort­lichkeit oder Nichwerantwocklichkeit streiten, sondern uns lieber dahin einigen: Jeder erforsche sein Ge­wissen und frage sich, ob er im Verhalten gegen An­dersgläubige und Andersdenkende immer die rechten Formen und Grenzen eingehalten hat, welche die G e. rechtigkeit und die nationale Gemein­samkeit vorschreiben, und ob er namentlich sich freigehalten hat von leidenschaftlichen Aus­brüchen, die in schwachen Köpfen Verwirrung an­richten könnten!