Zuwaer Zeitun
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fir. §46. erstes Blatt.
40. Zahrgang.
Freitag den 27. Juni §913.
Deutscher Reichstag.
Sitzung bmn 26. Juni 1913.
Die zweite Beratung des Wehrbeitrages
wird bei § 17 (Bewertung von Grundstücken) fortgesetzt. Die Sozialdemokraten beantragen Streichung, die Konservativen beantragen statt des Löfachen des Wertes des Miets- oder Pachtvertrages als Ertragswert das LOfache einzusetzen.
Abg. Graf v. Westarp (kons.) befürwortet kurz den Antrag seiner Partei.
Abg. Emmel (Soz.): Die jetzige Fassung dient le. diglich wieder zur Bevorzugung der Agrarier. Ich bitte, den ganzen Paragraphen zu streichen.
Abg. Graf v. Carmer-Zieserwitz (kons.): Wir halten unseren bereits in der Kommission gestellten Antrag für so wichtig, daß wir ihn hier wieder einbringen müssen. Auch bei der Erbanfallsteuer ist das 20fache anzusetzen.
Unterstaatssekretär Zahn: Es ist schwierig, bei der Bewertung der Grundstücke den richtigen Multiplikator zu finden. Die Kommission dürfte aber das Richtige getroffen haben.
Abg. Ulrich (Soz.): Das 25fache ist das Allermin* beste, was man einsetzen kann.
Nach kurzer weiterer Beratung wird dann der Pa. tagraph in der Fassung der Kommission angenommen.
Zu § 18 (Anrechnung der Wertpapiere zum Kurswert) wird ein Zusatz beschlossen, der den Abzug des Wertverlustes zuläßt, der seit Auszahlung der letzten Dividende entstanden ist.
Zu § 22, der die Rentenberechnung betrifft, wird ein Kompromißantrag angenommen, wonach noch nicht fällige Ansprüche aus Lebens- usw. Versicherungen mit zwei Drittel der eingezahlten Prämien angerechnet werden soll.
Bei der Staffelung von Vermögen und Einkommen tritt ,
Abg. Wurm (Soz.) für die höhere Staffelung nach dem ersten Kommissionsbeschluß ein.
Das Haus bestätigt aber die Staffelsätze aus der zweiten Kommissionslesung.
Zu § 39 (Verpflichtung zur Vorlegung von wirtschaftlichen Büchern) wird ein Krompromiß- antrag angenommen, wonach die Einsichtnahme und Prüfung der Bücher tunlichst in der Wohnung oder im Geschäft des Beitragspflichtigen erfolgen soll.
Zu § 46 (Veranlagung und Feststellungsbescheid) wird trotz des Widerspruchs des Reichsschatzsekretars em Antrag der Polen angenommen, wonach der Bescheid an den Beitragspflichtigen, in welchem Punkte von der Ver- mögenserklärnug abgewichen ist, obligatorisch und nrcht nur auf Verlangen zu erteilen ist.
Zu § 50 (Entrichtungstermin für den. Wehr- beitrag) beantragen die Konservativen, daß das zweite und dritte Drittel des Wehrbeitrages am 15. Febr. 1915 und 1916 statt am 15. März fällig wird. Der Antrag wird einstimmig angenommen.
§ 66a regelt die Verwendung des Wehrbeitrages. Ein etwaiger U eberschuß soll zur Kürzung des letzten Drittels des Wehrbeitrages nach den Beschlüssen der Kommission nach Maßgabe des Reichshaushaltes bereitgestellt werden. Die Sozialdemokraten beantragen, den Ueberschuß auf gründ eines besonderen Gesetzes für Veteranen-, Arbeitslosen- und Säuglings- und Mutterschutz, sowie zur Bekämpfung von Volkskrankheiten zu verwenden. Die Konservativen beantragen, den Ueberschuß durch Kürzung des letzten Drittels des Wehrbeitrages zu verrechnen. § 66a wird in der Fassung der Kommission angenommen. Ebenso wird der Rest des G es e tz e s angenommen.
ES folgt die
zweite Beratung des Stempelgesetzes.
Nach Ablehnung anderer Anträge wird ein konservativer Antrag auf Freilassung von Versicherungsverträgen für I m m o b i l i en angenommen.
Der Rest der Vorlage wird in der KommissionSfas- sung angenommen. Damit ist die zweite Beratung der Vorlage beendet.
Freitag: Kurze Anfragen, Angestelltenversicherung her Privatlehrer, Besitz st euergesetz, kleinere Vorlagen.
+ Die neuen Steuern.
Jetzt geht es mit den Beratungen über die Teüungsvorlagen im Reichstag rasch dem Ende zu.
Zu Unrecht wird von Seiten Unzufriedener gegen den Reichstag der Vorwurf erhoben, daß er aus Feriensehnsucht nunmehr mit Blitzzugsgeschwindigkeit ohne genaue Prüfung und gerechte Abwägung die großen" Stcuervorlagen durchpeitsche. Diese sind in der Kommission und in den Kompro- nt i ß v e r h a n d l u n g e n schon so eingehend durchberaten worden, daß es für das Plenum wirklich überflüssig ist, nochmals des langen und breiten die einzelnen Vorlagen durchzuhecheln. Im Interesse der Sache selbst ist es zudem gelegen, daß im Plenum des Reichstags keine Kämpfe entbrennen, die das Schicksal des Kompromisses gefährden könnten.
Tas Kompromiß stellt für die Mehrheit der bürgerlichen Parteien ein Mindestmaß der Forderungen und ein Höchstmaß der Nachgiebigkeit dar, und wenn jetzt mit rauhen Händen das Werk der Kommission bearbeitet würde, konnte es gar leicht aus- einandersallen Dann ständen wir erneut vor all den Schwierigkeiten, die uns vor noch nicht langer Zeit schier unüberwindlich scheinen wollten, dann könnte auch die Hoffnung zu Grabe getragen werden, das; die Vorlagen, die zur Sicherung von Volk und Vaterland von der Regierung im Reichstag eingebracht worden sind, von diesem Reichstag noch verabschiedet werden. Das mögen vor allem jene bedenken, die in letzter Stund: noch alle Hebel in Bewegung fetten, um Unzufriedenheit mit dem Ergebnis fctr Einigungsverhandlungen hervorzurufen, mögen sie nun die Pflicht der Wahrung gewerblicher und industrieller oder ländlicher und bäuerlicher Interessen Vorschüben.
Kein Mensch in der Welt behauptet, daß das Kompromiß ein Ding ohne Mängel sei, aber die Gerechtigkeit verlangt doch zum mindesten, daß bei der Be- urteilrmg das Ganze und die es begleitenden Umstände und Voraussetzungen in Betracht gezogen werden. Niemand kann sich der Einsicht verschließen, daß die Vermögenszuwachssteuer die einzig durchführbare und nach Lage der Verhältnisse gerechteste und am wenigsten drückende Lösung der T eckungsfrage ist. Oder würden vielleickt die jetzt so sehr in den Vordergrund gerückten Mängel an der Vermögenszuwachssteuer zum größten Terl nicht auch bei einer Vermögenssteuer oder Erbanfallsteuer sich wiederfinden? Wird Industrie und Handel von der neuen Steuer zumeist betroffen, so beweist dies doch nur, daß sich eben dort der größte Vermö- genszuwachs findet. Die Landwirtschaft, soweit sie unzufrieden ist, --- nur Großgrundbesitzer können glauben, hierzu Grund zu haben, denn die kleineren Bauern werden hn Gesetz genügend geschützt — soll sich doch einmal klar machen, ob sie bei einer Erbschaftssteuer, bi von der Sozialdemokratie und dem Liberalismus geschaffen worden wäre, besser gefahren wäre. Und sie wäre von den Liberalen allein geschaffen worden, wenn das Kompromiß nicht zustande gekommen wäre. Daß überhaupt Erbschaften in das Gefey hineinbezogen wurden, bedeutet ein unumgängliches Zugeständnis des Zentrums an die Liberalen und wer genau sein will, wird zu dem Ergebnis gelangen, daß es sich im vorliegenden Fall gar nicht um eine eigentliche Erbschaftssteuer handelt. Denn für die Sieuererhebung kommt nur die Tat- sttche eines Vermögenszuwachses, nicht aber der Eintritt einer Erbschaft in Frage, sodaß vonseiten der 2'e'borben der Nachlaß als solcher gar nicht erfaßt wird. Zudem sind die Bestimmungen über die Er- iasiung des Kindcrerbes so entgegenkommend festgesetzt worden, daß die Landwirtschaft sich eigentlich freuen sollte, so gelinde davon gekommen zu sein.
Heber all den finanzpolitischen und Jnteressenten- bedenken sieht aber der große p o l it i f ch e Vor-
Das Münchner KinM.
z6f Roman von Felix Nabor.
Tante Betth ließ einen schluchzenden Kehllaut hören und küßte Annie heftig auf beide Wangen. „Leb' wohl, Kind! — Vergiß die Heimat nicht! — Und sei glücklich, glücklich!"
Sie ritz sich rasch los und ging mit ihren kleinen, trippelnden Schritten davon.
Annie sah ihr traurig nach. Ein Stück ums an- bete von der Heimat riß sich los, und immer blieb eine brennende Wunde zurück.
Im brennenden Sonnenschein fuhren sie zum Bahnbof: Annie, Hardy und Pirkheimer. Stoch einmal sah Annre ihr liebes München, ganz in Sonne getaucht, von einem strahlend blauen Himmel wie von einem schimmernden Baldachin Überwölbt. Der frohe Strom der Menschen rauschte an ihr vorüber; jede Straße, jedes Haus schien sie zu grüßen. Wie schön war diese Stadl! Wie liebte sie dieselbe! — Eine heiße Freudenwelle quoll in ihr empor, um gleich darauf einem schneidenden Weh zu welchen. Es war doch gar zu hart, all dieses Schöne, Liebe und Traute verlasien zu müssen.
Da hielt der Wagen. Sie stiegen aus, und die mächtige Bahnhofhalle nahm sie auf.
Dann kam das Schwerste — der Abschied von Papa!
„Ach, wenn nur erst das überwunden wäre!" dachte Annie. Auf dem Perron standen sie sekundenlang Auge in Ange, dann warf sie mit einem leisen Schrei die Arme um Papas Hals und küßte ihn mit heißer Zärtlichkeit. „Leb' wohl, Du lieber, bester Papa!"---
Er wollte töpfer sein, aber er vermochte es nicht, zu hindern, daß ihm die Tränen in den Bart sielen. „Mein Kind, nrein liebes — leb' wohl! — Ich weiß nicht, wie ich ohne Dich leben kann! — Aber auf mich kommt es gar nicht an, wenn Du glücklich bist!"
Hardp drängte ärgerlich zum Einsteigen. „Macht es kurz!" mahnte er. „Die Leute gaffen schon!"
Annie wandte ihm ihr verweintes Gesicht zu. „Was gehen uns die Leute an!" sagte sie heftig. „Was wissen sie, wie wir uns lieben!"
Sie küßte ihren Vater noch einmal, drückte ihm die Hand und stieg mit schweren, müden Bewegungen in den Wagen. Hardy verabschiedete sich mit einem kräftigen Händedruck, war mit ein paar Schritten im Abteil und grüßte nochmals. „Auf Wiedersehen!" Dann schloß sich die Türe.
Annie beugte sich zum Fenster hinaus und sah ihren Vater an; zu sprechen vermochte sie nicht. Ihre Lippen zuckten beständig, Träne um Träne fiel aus ihren Augen.
Nun schnaubte die Maschine, die Räder rollten — der Zug fuhr aus der Halle. Ein weher Schrei gellte von Annies Lippen. — „Papa — leb' wohl!" „Annie — Annie! —" Da stand er und schwenkte den Hut und sein Bart wehte leise, und die Augen in dem lieben, guten Gesicht waren verschleiert.
Und dann mit einemmal war er wie versunken und weggeweht.
So sehr sie sich auch reckte und die Augen anstrengte — sie sah ihn nicht mehr. Eine schwarze Rauchwolke legte sich zwischen beide und trennte sie.
Als die Aussicht klar wurde, stieg das Bild von München wie eine Fata Morgana vor chr empor.
Ein Meer von Häusern dehnte sich ins Weite, ein Bild voll Schönheit und Kraft — so lag die Stadt vor ihr. Sie blickte in lange Straßen hinein, die voll Sonne waren — goldene Gassen, die ins Leben, ins Herz der Stadt hineinführten. Und stolz und ehr- furchtgebietend stiegen die Frauentürme über diesem Meer von Häusern empor, wie Leuchttürme an felsigen, wellenumbrandeten Gestaden.
Annie preßte die Hände auf ihr zuckendes Herz. „Leb' wohl, mein liebes München, meine Heimat!"
Ihre Augen weiteten sich, und träumend erlebte sie heilige Wunder.
DaS Häusermeer ebbte zurück, die Türme des Domes zeichneten sich wie dunkle Schatten am Hori-
teil. Eine Arbeitsgemeinschaft der bürgerlichen Parteien kann bei der gegenwärtigen innerpolitischen Situation und dem Bilde des Reichstags nicht doch genug bewertet werden. Nicht vergessen darf man bei der Beurteilung des Kompromisses aber auch die indirekten Folgen, die sich ans ihm ergeben. Die Herabsetzung der Umsatzsteuer auf die Hälfte und die Beseittgung des S ch c ck st e m- pels nicht minder wie die Aufhebung der staatlichen Grundwertzuwachs st euer dürften weite Kreise, die mit Einzelheiten der neuen Steuern unzufrieden sind, für das Ganze versöhnlicher stimmen.
Mag nun politischer Unverstand oder überwiegende materielle Interessen an dem Einigungswerk der Mehrheit der bürgerlichen Parteien herumnör- geln, es wird hoffentlich doch recht bald zustandekom- men und dann mag die Praxis ergeben, ob das Kompromiß wirklich so schlecht ist, wie es jetzt von manchen gemacht wird.
«L Der Rotblock in Baden, Holland «nd Belgien.
In diesen drei Ländern dieselbe Erscheinung: der Liberalismus ist nickt mehr imstande, sich aus eigener Kratt gegen diechristlich-konservativenVolkskräste zu behaupten, und in dieser Ohnmacht hängt er sich an die Rockichöße der Um stürz Partei.
In Belgien ist bei den letzten Wahlen der liberal-sozialdemokratische Block unterlegen. Auch der Generalstreik, den die roten Brüder veranstalteten, hat das Wahlunglück nicht korrigieren können.
In Holland ist es soeben dem Rotblock gelungen, die christlich-konservative Mehrheit zu brechen. Die Katholiken hoben freilich ihren Besitzstand rühmlich behauptet, aber die protestantischen Rechtsparteien haben diesmal ein Dutzend Mandate verloren. Den Profit an Zahl und Macht haben die Sozialdemokraten eingeheimst, die mit ihren 18 Stimmen die ausschlaggebende Stellung in der Kammer haben. Regierungsfähig ist die Blocklinke nicht. Ein „Ge- sckättsministerium" wird von der Langmut der Rechten abhängen. Der Rolblock hat zerstört, aber er kann nicht ickaffen.
In B a d e n ist es durch das entwürdigende Bündnis mit der Umsturzpattei dem Liberalismus zweimal gelungen, die Rechtspatteien an der Erlangung der Mehrheit in der Kammer zu verhindern. Jetzt stehl die Neuwahl bevor, und der Liberalismus will abermals seine Zukunft von der Gnade der Umstürzler abhängig machen. Schanden halber hatte man bisher vorgegeben, das Wahlbündnis solle auf die Stichwahlen beschränkt sein- Aber dieses Feigenblatt hielt nicht stand gegenüber der sogen. Wacker'schen Taktik. Bel den Rechtsparteien wollte man vom Standpunkt des „Heineren Uebels" die Sache betrachten. Um die schwerere Gefahr des Anwachsens der Umsturzpartei abzuwenden, glaubt man in kritischen Wahlkreisen schon int ersten Wahlgang für einen Liberalen stimmen zu können. Unter normalen Verhältnissen nimmt jede Partei bedingungslose Unterstützung ihrer Kandidaten im ersten Wahlgang mit Freuden an. Aber der badische Liberalismus durfte nichts zugreifen, weil er von der Sozialdemokratie abhängig geworden ist. Letztere droht, ihre gnadenspendende Hand bei den Stichwahlen zurückzuziehen, wenn der „Verbündete" sich unterstände, im ersten Wahlgang von den Stimmen der Reckten zu Profitieren- Daher mußten die liberalen Parteihelden ihre Verbeugung noch um einige Grad tiefer machen und sich zu dem demütigen Abkommen vom 22. Juni verstehen, wonach in fünf Wahlkreisen die beiden liberalen Parteien durch Aufstellung von je 2 Kandidaten ihre eigenen Stimmen "zersplittern müssen, um durch diese
zonte ab, blaue Schleier wallten nieder — die Heimat versank.
Mit einem leisen Seufzer sank sie in die Polster. Da umfing sie ein starker Arm, und Hardys Stimme flüsterte ü?r ins Ohr: „Ich hab' Dich lieb, so lieb!"
Sie lächelte unter Tränen und schmiegte sich fest an ihn. „Sei gut zu mir, daß ich das Heimweh verwinde," sagte sie. „Ich laste so viel in dieser Stadt zurück."
„Ja — viel, ich weiß es! Doch das Beste läßt Du nicht zurück — Dein goldenes Herz! Das ist mein eigen! — Du liebes, liebes Münchner Kindl — nun erst gehörst Du mir ganz!"
Er küßte sie, und sie war glücklich. Aber ein leises, ungestilltes Weh blieb gleichwohl in ihrer Brust zurück.
So trug sie der rasende Zug nach Norden, in die Fremde hinaus.
VIIL
Fräulein Olympia Ponelli bewohnte die zweite Etage einer Villa an der Königinstraße, die neben dem freien Ausblick auf den Englischen Garten noch den zweiten Vorzug hatte, daß sie kein Visavis besaß; sie liebte es nämlich nicht, daß man ihr in die Fenster schauen konnte.
Der große Raum ihres „Studierzimmers" war nach englischer Manier stilvoll und vornehm möbliert, von den bordeauxroten Tapeten hoben sich wertvolle Bilder in Goldrahmen ab und vor dem großen dreiteiligen Fenster fielen von blitzenden Mesünostangen schwere Vorhänge bis auf das glänzende Parkett des Bodens nieder.
Olympia ruhte in bequemem Hauskleide in einem Schaukelstuhl und rauchte eine Zigarette, deren blaue Rauchwölkchen sich durch die offene Balkontüre einen Weg ins Freie suchten. Die linke Hand hielt nachlästig die Elektra-Rolle, die sie memorierte.
Max Heuberger faß ihr gegenüber und hörte mit nervösem Lächeln ihre Klagen an. „Es ist nicht mehr auszuhalten vor Hitze," sagte sie im Tone eines eigensinnigen, verzogenen Kindes, das jeden seiner Wün-
Selbstschwächung der Sozialdernokraite zu der geforderten Stichwahl zu verhelfen. So verzichtet man nicht bloß auf die Verteidigung dieser Wahlkreise, sondern arbeitet selbst mit viel Eifer und Kunst an der Auslieferung an die Roten mit, auch wenn es um eine alte liberale Stammburg geht!
Die Entwicklung in Baden zeigt handgreiflich daß eine Partei immer tiefer sinkt, wem: sie mit der Sozialdemokratie sich in ein Bündnit einläßt. Tas liegt in der Natur der Dinge. Di, Sozialdemokratie ist im Groß- oder Rotblock ber stärkere Teil. Sie kann rücksichtslos ihren Willen durchsetzen, denn sie will ja nicht aufbauen, sondern umstürzen nicht schaffen, sondern agitieren, und so kommt sie auch bei einem Krach im Block immer noch auf ihre Kosten. Der belgische Liberalismus hat die niederziehenden Wirkungen des Bündnisses mit der Umsturzpartei auch schon empfinden müssen. Verschiedene Anzeichen lassen erkennen, daß bei den letzten belgischen Wahlen einige Liberale auf die rechte Seite getreten sind, um das Vaterland vor den Erschütterungen zu bewahren, die von einer ausschlaggebenden Stellung der Sozialdemokratie zu befürchten wären. In Holland scheint der bessere Teil des Liberalismus erst durch die Erfahrung klug werden zu wollen. Der Ausfall der letzten Wahlen wird die holländische Polittk in Unsicherheit und Unfruchtbarkeit stürzen. Hoffentlich läßt die Ernüchterung nicht zu lange auf sich Watten.
Wenn man das Unheil betrachtet, das die Groß- unb Rotblock-Verirrung in anberen Staaten anrichtet, so barf man sich erst recht freuen über zwei Tatsachen in unserem Bereich. Erstens über bett Fortbestand der alten Mehrheitsverhältnisse hn preußischen Ab g eo r d n et en h a use, und zweitens über die Sammlung der bürgerlichen Parteien im Reichstag auf das Wehr- und Steuerkompromiß. Wenn die liberalen Parteien des Reichstags bei dieser Stange verbleiben, so darf man trotz der Irrungen und Wirrungen bei der Präsidentenwahl usw. doch annehmen, daß die Rotblock-Krankheit hier zu Lande ihren Höhepuntt überschritten hat.
Deutsches Reich.
* Berlin, 26. Juni 1913. Gegenüber den mehrfach in der Preste auftauchenden Meldungen von einem bevorstehenden Besuch des Kaisers in Gmunden wird halbamtlich mitgeteilt, daß in den nächsten Monaten, für die der Kaiser bereits Dispo« fitionen getroffen hat, ein solcher Besuch nicht beabsichtigt ist. — Der Kaiser hat das Abschiedsgesuch des Generals des 8. Armeekorps in Koblenz» v. Ploetz,j genehmigt und ihn mit der gesetzlichey Pension zur: Disposition gestellt, unter Verleihung des Kreuzes und des Sternes der Komture des Hausordens von Hohen- zollern. Zu seinem Nachfolger ist Generalleutnant v. Tülff, bisher Kommandeur der 12. Infanteriedivision in Neisse, ernannt worden. — Präsident Wilson bezeichnete den Richter James Gerard des Obersten Gerichts des Staates New-Iork für den Botschasterposten in Berlin. — In dem jetzt im Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats erschienenen Verhandlungsbericht über die Februarverbandlungen des Landwirtschastsrats enthält die Rede des Kaisers die bekannte Bemerkung über den Pächter Sohst nicht. Der Kaiser hat aus dem ihm vorgelegten, zum Abdruck bestimmten Stenogramm der Rede den Passus über den Pächter eigenhändig herausgestrichen.
+ Em Zentiumsantrag zur 3. Beratung der Wehrvorlage verlangt:
»Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, Anordnungen zu treffen, daß 1. bet der Vergebung des durch die Heeresvermehrung entstehenden Mehrbedarfes von Arbeiten und Lieferungen das Handwerk und das Gewerbe, insbesondere auch
sche erfüllt zu sehen gewohnt rst. „Bei 30 Grad im Schatten soll ich die Elektra-Rolle memorieren? —■ Das ist ein Ding der Unmöglichkeit — und doch muß die Rolle bis Anfang September sitzen —"
Der Papyrus flog, geschickt geschleudert, zur Bal-, lontüre hinaus, und mit schwerer Stimme rezitierte sie den Monolog:
„Wo bist du, Vater? — Hast du nicht die Kraft, Dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?
Es ist die Stunde, uns're Stunde ist's!
Die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben —"
Sie stockte. „Schau", klagte sie, „schon nach vier Zeilen reißt der Faden. Ja — ich muß heraus aus diesem Glutofen, in frische, reine Lust, in bie Berge — in die Alpen —'
Und da Max noch immer nicht begreifen wollte, lachte sie zornig, nahm ihre Rolle und las mit lauter,, schneidender Stimme:
„Sie schlugen, Vater, dich im Bade tot. Dein Blut Rann über deine Augen — und das Bad Dampfte von deinem Blut! —"
Mar sprang auf und riß ihr die Rolle aus den Händen. „So' hör doch auf mit diesem schrecklichen Monolog," rief er. „Das ist ja fürchterlich! Das trieft förmlich von Blut, — und man könnte '.'er» rückt dabei werden."
Ada zuckte die Schultern. „Mir gefallt es," erwiderte sie. „Es ist so recht grimmig und blutrünst g, ganz meiner Natur entsprechend! Die Elektra-Rolle wird eine neue Stufe zu meinem Ruhme sein. Ha, du sollst nur sehen, wie ich die Elektra barstelle, toie ich in ber großen Nacheszene rase! — Den Zuschauern werden sich die Haare sträuben. Das Grauen soll sie schütteln. O ’— ich werbe noch über die Klara Ziegler hinauswachsen! Aber Ruhe brauche ich'. Ruhe und Sammlung. Du willst mich heute mit Absicht nicht verstehen und ich muß also deutlicher reden. Ich brauche für zwei Monate eine Villa in Patten- kirchen ober Garmisch, damit ich ungestött meine Rolle kreieren kann. Wirst du das Nötige arrangieren?" —
(Forisetzung folgt.)