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Fuldaer Zeitung

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fir. 145» erstes Blatt.

Donnerstag den 26» 3unt 1913»

40. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 25. Juni 1913.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Be­ratung des Staatsangchörigkeitsgesetzes. — Dazu haben die Sozialdemokraten ihre in 2. Lesung ab^clehnten An­träge, die die Erwerbung der Reichs- i Staatsange­hörigkeit erleichtern wollen, wieder eing^-.acht.

Abg. Landsberg (Soz.) begründet die Anträge und macht die endgültige Zustimmung seiner Partei von der Annahme der Anträge abhängig.

Staatssekretär Dr. Delbrück bittet, die sozialdemo­kratischen Anträge, die zu unentwirrbaren Rechtszustän- den führen würden und daher für die verbündeten Re­gierungen unannehmbar seien, abzulehnen.

Nachdem sich noch Abg. Blunck (23p.) gegen die An- träge ausgesprochen, werden dieselben abgelehnt.

Auf die Frage des Abg. Haussen (Däne), weshalb die Verhandlung mit Dänemark über die Staaten­losen in Norsckleswig keinen Fortgang nähmen, ertvi. derte der Staatssekretär Dr. Delbrück, daran trage die dänische Regierung die Schuld.

Ein weiterer Abänderungsantrag der Sozialdemo­kraten wird im Hammelsprung abgelehnt.

Nach § 10 gilt die Anstellung im Staatsdienst, im Dienste einer Gemeinde, im öffentlichen Schuldienst oder im Kirchendienst für einen Deutschen als Aufnahme, für einen Ausländer als Einbürgerung.

Abg. Gröber (Z.) beantragt, statt „im Kirchendienst" zu sagen: „im Dienste einer von einem Bundesstaate anerkannten Religionsgemeinschaft, um einem Notstände vieler jüdischen Gemeinden, die aus Deutschland selbst nicht die nötigen Kultusbeamten beziehen könnten, um ihren Gottesdienst in der hergebrachten und ihnen würdig erscheinenden Form abhalten zu können, abzu­helfen.

Staatssekretär Dr. Delbrück bittet um Ablehnung des Antrages, da es nicht angehe, bei einer solchen Ge­legenheit in ein Gebiet einzugreifen, das den Bundes­staaten Vorbehalten sei.

Der Antrag Gröber (Z.) wird gegen die Rechte an- genommen.

Der Rest des Gesetzes wird debattelos angenom­men; ferner ein Antrag Beck und Gen., wonach das Gesetz am 1. Januar 1914 in Kraft treten soll.

In der Gesamtabstimmung wird der Gesetzentwurf gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Polen und Dänen angenommen. „

Eine Resolution der Kommission auf Schaffung emes Reichsverwaltungsgerichts, dem auch tue Entscheidung über Streitfragen auf diesem Gebiete in letzter Instanz zu übertragen ist, wird angenommen, ebenso eine Resolution der Nationalliberalen auf Schaf­fung einer Zentral st eile im Auswärtigen Amte, durch die ehemaligen Deutschen die Wiedererlangung der Reichsangehörigkeit erleichtert wird.

Es folgt die erste Lesung des Abkommens zur Ber- einheitlichung des Wechselrechts vom 23. Juli 1912 nebst der dazu gehörigen einheitlichen Wechselordnung. — Die­ses Haager Wechselrechtsabkommen stellt in der inter­national. Rechtsentwicklung einen bedeutenden Fortschritt dar. Jeder Vertragsstaat übernimmt die Verpflichtung, die einheitliche Wechselordnung bei sich einzuführen und sie unverändert beizubehalten, solange für ihn das Ver­tragsverhältnis besteht.

Staatssekretär v. Jagow hält die internationale Re­gelung des Wechselrechts durch die Haager Wechselord­nung für eine glückliche Lösung des Wechselrechts, der sich wohl auch England und die Vereinigten Staaten anschlietzen würden.

Staatssekretär Dr. SiSto stellt Bet Zustimmung zu beut Abkommen die Vorlage der neuen Wechselordnung für nächsten Winter in Aussicht, nach deren Zustimmung die Ratifikation des jetzigen Abkommens erfolgen könne.

Abg. Landsberg (Soz.) erklärt sich mit dem Abkom- men auch ohne Kommissionsberatungen einverstanden.

Abg. Belzer (Z.) begrüßt das Zustandekommen des Abkommens und bedauert, daß sich Großbritannien und die Vereinigten Staaten nicht beteiligt haben. Um bet solchen internationalen Abkommen künftighin den Ent- wurf beraten zu können, verlangt er bei solchen Fällen die Vorlegung eines Weißbuches und hofft, daß die Re­gierung diesem Wunsche bereits bei der in Aussicht stehenden Vereinheitlichung des Scheckrechts entsprecht. Die Einrichtung eines obersten Gerichsthofes, eines in- iernationalen Kassationshofes für das neue Wechselrecht

Dar Münchner KinM.

25] Roman von Felix Nabor.

„Wenn die Weihnachtsglocken Hingen," sagte sie m ihrem Vater, „dann mutzt Du zu uns nach Berlin kommen — und im nächsten Sommer wohnen wir wieder in einer Villa am Starnberger See."

Sie hängte sich in seinen Arm, wie sie es als kleines Mädel immer getan hatte, wenn sie mit ihrem schönen Papa durch die Straßen ging. So folgten sie der Maximiliansstrahe, die ins Herz der Stadt hineinführt. „ .

Mit einem wehen, lieben Lächeln grüßte Anme all die Menschen, die chnen begegneten; alle schienen ibr bekannt und vertraut, und in Gedanken rief sie ihnen zu: ..Wißt ihr's schon, daß ich euch verlassen nm]:? — W^!. weit sehr ich fort und sehe euch ntcht ioieber. — Lebt wohl! — Habt mich lieb! — Vergeßt mich nicht!" . ,

Selbst die endlose, kahle Front, welche das Hof­theater wie eine Gefängnismauer^ gegen die Straße kehrte, erschien ihr heute nicht so sürchterlich übe tote sonst: sie toar verklärt durch die Schönhettswunder, die Annie dort erlebt hatte. Die graue Mauer er­schien ihr toie ein freundliches Gretsengesicht, in das Oie Sonne hineinschaut, daß aus den Äugendem hel­ler Strahl von Jugend und Freude bricht, sie nickte hinüber: „Leb' wohl! — Und hab' Dank für die Stunden der Weihe!"

Im dichten Gedränge der Passanten gingen sie durch die Residenzstraße, wo die langen Grenadiere vom Leibregiment Wache standen. Sie blickte lächelnd auf die schmucken Jungen. „Ihr Glücklichen wie habt ihr's schön! — Ihr dürst in der Heimat biet» ben!"

Tann gingen sie zurück durch die Dienerstraße, wo die rote Ampel des Rathauskellers vertraulich grüßte, zum Marienplatz, der nun schon im leichten Dämmer lag. Die blanken Scheiben der Straßen­bahnwagen blitzten auf, der „alte Peter", der treue Wächter" der Stadt, blickte mit hellen Augen herüber

hält er für erwünscht und auch leicht durchführbar und hofft, daß die Haager Konferenz diesen weiteren Fort- chritt bringen wird. Dem jetzigen Abkommen stimmt er zu, da die Neuerungen zum großen Teil den Wünschen >er deutschen Kaufleute entsprächen und von den beul* chen Vertretern vorgeschlagen sind.

Die Abgg. Tove (Vp.) und Warmuth (Rp.) stimmen ebenfalls zu.

Ministerialdirektor Dr. Krieger erklärt, gerne dar­auf Bedacht nehmen zu wollen, künftighin dem Reichs­tag sobald wie möglich von solchen Verhandlungen in Form eines Weißbuches Kenntnis zu geben. Im vor­liegenden Falle sei das nicht möglich gewesen, da das Ergebnis derartiger diplomatischer Verhandlungen erst veröffentlicht werden dürste, nachdem die Zustimmung sämtlicher Staaten eingeholt sei, was bei der Beteiligung aller Staaten der Welt im vorliegenden gälte sich sehr verzögert habe.

In zweiter Beratung wird die Vorlage debattelos angenommen.

Der Gesetzentwurf betr. die Entschädigung der Schöf­fe« und Geschworenen wird in dritter Lesung debattelos einstimmig angenommen, desgl. in erster und zweiter Le­sung der Nachtragsetat znm Haushaltsetat 1913 (Reichs­amt be§ Innern bezw. statistisches Amt).

Es folgt die zweite Beratung des einmaligen WehrbettrageS.

Staatssekretär Kühn: Der Grundgedanke der Vor­lage war, das Vermögen zu treffen. Gegen die Art der Durchführung dieses Planes hat eine scharfe Kritik eingesetzt. Es wurde die ausgleichende Gerechtigkeit ver­mißt. Die Kommission hat diesem Mangel abzuhelfen versucht, ist aber dabei fast ins entgegengesetzte Extrem verfallen. Während die Regierungen im wesent­lichen das Vermögen besteuern wollten, hat die Kommis­sion eine Att einmaliger Einkommensteuer in das Gesetz eingefügt. In der Presse sind gegen die Ar­beit der Kommission außerordentlich scharfe Angriffe ge­richtet worden. Diese Kritik beraubt sich selbst von vorn­herein der Möglichkeit des Eindrucks und jeder Beweis­kraft, indem sie sich in maßlosen Uebertreibungen be­wegt. (Sehr richtig!) Eingriffe in das Privateigentum sind bei jeder Steuergesetzgebung notwendig. Der Ge­setzgeber hat nur Sorge zu tragen, daß das zulässige Maß nicht überschritten wird. Die Frage des Maßes ist aber im wesentlichen abhängig davon, ob es sich um eine einmalige oder dauernde Abgabe handelt. Wir haben jedenfalls eine neue Steuerära nicht angebahnt, denn ich kann auch bei diesem Anlaß nicht umhin, mit vollem Nachdruck zu betonen, daß eine so außerordent­liche Maßnahme, wie es die Forderung dieses Wehrbeitrages ist, sich nicht wie- derholen darf. (Bravo rechts — Heiterkeit.) ES mutz für uns alle, die wir an der Heeresvorlage und an ihrer Deckung mitarbeiten, jetzt, wenn wir diese Gesetze verabschieden, von vornherein feststehen, daß ein zweiter derartiger Zugriff nicht mehr eintreten darf. Nur unter dieser Voraussetzung konnten die verbündeten Regierun- gen den Vorschlag dieses Wehrbeitrages machen. Diese Stellungnahme und diese öffentliche Erklärung sind die Regierungen nicht nur sich selbst schuldig, sondern auch den Steuerzahlern, bei denen sonst nicht ohne Grund eine Beunruhigung eintreten könnte. Zur Beruhigung der Steuerzahler ist notwendig, zu betonen, daß die Kom­mission sich dafür entschieden hat, den etwa ü b e r s ch i e. ßenden Betrag den Steuerzahlern wieder zu­gute kommen zu lassen. Es ist zu begrüßen, daß sie nicht etwa umgekehrt vorgesehen hat, daß Minderein­nahmen durch Zuschläge gedeckt werden sollen. Ich der- kenne nicht, daß die Vorlage ein Opfer für die Nation bedeutet, sie wird e§ aber Bringen, um sich die Aussicht auf den Frieden zu erlaufen! (Beifall.)

Abg. David (Soz.): Wir lehnen das Gesetz ab, durch das Unsummen zu unproduktiven Zwecken dem Wirt- schaftsleben entzogen werden. Die Vorlage stellt nach den Kommissionsbeschlüssen eine Vermögens- und Ein- kommenbesteuerung dar, die beide in gerechter Weise ge- staffelt sind. In den zunächst Betroffenen Kreisen ist die Begeisterung für die Opferfreudigkeit geschwunden und ein Sturm der Entrüstung hat Platz gegriffen. Der Staatssekretär schwört Stein und Bein, die ABgabe soll nur einmal fein! (Heiterkeit.) Es kommt noch anders, denn die Rüstungspolitik wird weitergehen. D,e Vorlage hat ihr Gesicht Bekommen durch den Druck der Sozialdemokratie im Hause und im Reiche. 1(Sehr rich. tig! bei den Soz.)

nach der toeißen, reichen Fassade des neuen Rathau­ses, wo der goldene Reiter in seiner Nische toie ein Heiligenbild gleißte.

Annie drückte ihres Vaters Arm. „Papa — ich hab solch brennende Sehnsucht — ich möchte zum Dom."

Obwohl Pirkheimer nichts weniger als stemm war, erfüllte er doch ihre Bitte, und sie gingen zur Frauenkirche. Sie war ihm lieb und verttaut, ein Stück Jugendland lag ihm hier begraben! Wie ost hatte er hier am Altäre gedient, toie oft die Glöcklern erklingen lassen und das goldene Wechrauchfaß ge­schwungen! Und später, als Jüngling und Eleve der Akademie der Tonkunst, hatte er auf dem hohen Chore mitgesungen oder die zweite Violine im Orche­ster gespielt, hatte die Orgel erbrausen lassen, und Meister Rheinberger, der hier den Taktstock führte, war sein Lehrer und später sein Freund geworden.

Selige Zeiten — nun alles dahin!

Wie stüher als Knabe, so trat er auch jetzt bewun­dernd vor das Kolossalgemälde der Himmelfahrt Ma­rias im nördlichen Seitenschiff; versunkene Welten stiegen in ihm empor, eine leise Flamme von Fröm­migkeit zuckte durch seine Seele.

Da sah er sein Kind mit gesenktem Haupt knien, vom Lichte einer Lampe toie von einer Aureole um­flossen, schön und strahlend in ihrer jungen Frauen­würde wie eine Königin.

Jetzt erhob sie das Haupt. Ihre Wangen brann­ten, die Lippen lächelten, die Augen begannen zu leuchten, zu strahlen. —

Was mochte das junge Weib vom Himmel zu erflehen haben? Welche Gedanken bewegten ihre Brust? Es war nicht mehr die Jungfrau, die hier betete, sondern das totffenbe Weib, dem sich die hei­ligen Mysterien des Lebens erschlossen hatten! —

Wieder huschte ein Lichtstrahl über ihre Gestalt hin und toob einen zitternden Schein um ihr junges Haupt. War es eine Gloriole — oder eine Dornen­krone? — Es glänzte so rot toie Blut!

Pirkheimer erschrak, als hätte er ein Phantom ge­sehen, und faltete unwillkürlich die Hände. „£eir!"

Abg. Spahn (Z.): An der Generaldebatte wollen wir uns weiter nicht Beteiligen. Nur eine kurze Bemerkung: Wenn die Vorlage ein schöneres Gesicht bekommen hat, so ist das das Hauptverdienst des Berichterstatters Abg. Westarp und nicht bas der Sozialdemokratie. (Lebhafte Zustimmung.)

Abg. Halem (Rp.) gibt seiner Genugtuung Ausdruck, daß es in der Kommission gelungen sei, eine Reihe be­denklicher Anträge der äußersten Linken zurückzuweisen.

§ 1 wird unter lebhaftem Beifall des Hauses fast einstimmig angenommen. Ebenso die $§ 2 bis 4.

Zu § 5 Betr. des Kapitalvermögens wird ein Kom- promitzanirag angenommen, der die Bank- und sonstigen Guthaben freilassen will, soweit sie zur Bestreitung der laufenden Ausgaben für drei Monate dienen, ebenso ein Kompromitzantrag, wodurch noch nicht fällige An­sprüche aus Lebens- und Kapitalversicherungen der Ren­tenversicherungen, Bei denen der Berechtigte noch nicht in ben RentenBezug eingetreten ist, nicht als Kapitalver­mögen zu Betrachten sind.

Zu 8 8 wird ein sozialdemokratischer Antrag abge­lehnt, der auch die Schmucksachen besteuern will. Die Sozialdemokraten Beantragen einen Besonderen Para- ecn, der die Beitragspflicht der toten Hand fest­will. Der Antrag wird abgelehnt. Zu 8 12 (Bei. trägspflicht der Aktiengesellschaften und Kommanditge­sellschaften a. A.) wurde der Antrag der Sozialdemokra­ten, die Regierungsvorlage wieder herzustellen, abgelehnt.

8 13 sieht Beitragsfreiheit der kleinen Ver­mögen Bis zu 10 000 Mk. vor. Die Sozialdemokraten Beantragen, das beitragsfreie Vermögen auf 30 000 Mk. zu erhöhen bei :inem Einkommen von weniger als 5000 Mark und auf 50 000 Mk. bei einem Einkommen von weniger als 8000 Mk. Die Kommission hatte beschlos­sen, diese Sätze auf 50 000 Mk. bei weniger als 2000 Mark Einkommen und auf 30 000 Mk. bei einem Ein­kommen von 2000 bis 4000 Mk. festzusetzen.

Abg. Dr. David (Soz.) beantragt, die Abstimmung über diesen Paragraphen bis zur Beschlußfassung über die Staffelung (§ 31) auszusetzen.

Nach längerer Erörterung wurde der Paragraph in der Fassung der Kommission angenommen, ebenso ohne Debatte einige weitere Paragraphen.

Donnerstag: Weiterberatung, Reichsstempelgesetz.

K Einmal und nicht wieder!

„Eine so außerordentliche Maßnahme, toie es die Forderung eines Wehrbeitrags ist, darf sich nicht wiederholen." So sagte zur Er­öffnung der zweiten Lesung der Schatzsekretär Kühn „mit vollem Nachdruck".

Diese Versicherung ist sehr am Platze, um der Beunruhigung vorzubeugen. Man darf aber auch dem „Einmal und nicht wieder" Vertrauen schenken.

Das Sprichwort, daß der Appettt beim Essen komme, wird sich hier nicht anwenden lassen. Dieses Mal ist es freilich dem Schatzsekretär gelungen, sich auf dem ungewöhnlichen Wege ein leckeres Milliar­dengericht zu verschaffen. Doch in Zukunft wird er seinen Appetit zügeln durch die einfache Erkenntnis, daß es unmöglich sein würde, zum zweiten Male einen solchen Wehrbeitrag durchzusetzen.

Schon der Bundesrat würde für eine wie­derholte Vorlage dieser Art nicht zu haben sein. Um so weniger, als der recht einfach gehaltene Entwurf im Reichstage eine bedeutende Erweiterung und Ver­feinerung erfahren hat, namentlich durch die ausge­bildete Heranziehung der E i n k o m m e n. Je kunst­gerechter das Gesetz ausgestaltet wurde, desto mehr greift es in die Finanzgebahrung der Einzelstaaten, in ihr System der direkten Steuern hinein. „Einmal ist keinmal", tröffet man sich, und läßt sich die Aus­nahme gefallen. Der wiederholte Versuch aber würde auf die schwersten Bedenken und oen schärfften Widerstand der einzelstaatlichen Schatzmeister stoßen.

Auch im Reichstag hätte die Wiederholung einer solchen Vorlage keine Aussicht. Jetzt trafen

rang es sich wie ein Notschrei aus seiner Seele, „Herr, schütze mein Kind!"

Da erhob sich Annie, gewahrte ihn und grüßte ihn mit verklärtem, friedvollem Lächeln. „Ich bin so froh," sagte sie, „so erfüllt von Ruhe und Vertrauen, daß ich am liebsten mit Dir nach Hause möchte. Einen Abend im Frieden unseres Hauses mit Dir allein, Papa! Ich will Abschied nehmen von meiner Ju­gend, von Dir und von allem, was mir lieb ist."

Sie gingen schweigend Sette an Seite — und es wurde ein Mer Abend voll Frieden und voll hehrer Weihe. Vater und Tochter brachten einander noch einmal alle Liebe entgegen, die sie im Herzen tru­gen, und niemand ftörte sie, niemand trat trennend zwischen sie. Es war eine reine Harmonie der See­len, ein Ausklingen heiliger Liebe! Es war, als rauschten heilige Bronnen und silberne Quellen, es klang toe ein fernes, süßes Läuten aus schöner Ju­gendzeit, aus dem entschwundenen Paradiese!

Sie saßen Seite an Seite, tauchten Auge in Auge, wanken Worte der Liebe von des anderen Mund.

Wie ein Märchen war das Leben, tote ein ernster, schöner, goldener Traum! —

Um so häßlicher wirkte am anderen Tage die Wirklichkeit! Alles im Hause ging drunter und drü­ber: das Packen wurde mit solcher Hast betrieben, daß man kaum zu Atem kam; bei jedem Schritt war man in Gefahr, über Koffer, Körbe und Pakete zu fallen; Packpapier und Holzwolle lagen in wüstem Durch­einander umher, und die Arbeiter lärmten und mach­ten schlechte Witze, daß man gerne ihre Nähe mied.

Dazwischen raste das Auto durch die Stadt, und in aller Hast wurden die notwendigen Abschiedsbesuche gemacht; dabei drängte Hardy immer wieder: „Fort, wir haben Eile!" Es war die reinste Parforcejagd, und Annie wurde todmüde dabei. Hardy aber schien Nerven von Stahl zu haben, seit er wußte: es geht nach Berlin, — es geht an die Arbeit!

Wie ungemütlich war das! Man hatte kaum ein­mal eine um auszuruhen.

ganz außerordentlich günsttge Verhältnisse zusam­men, um für diese kühne Maßregel sowohl im Volke als bei den Abgeordneten Stimmung zu machen. Die schleichende Kriegsgefahr und die Verschiebung der Kräfte im nahen Orient hatten allenthalben das Bewußtsein lebendig gemacht, daß wir zur Erhaltung des Friedens und zur Sicherheit des Vaterlandes alle persönlichen und sinanziellen Kräfte einsetzen müßten. Das Hundertjahrgedächtnis von 1813 rief zugleich den Opfergeist wach. Es war eine nationale Säkularstimmung, die nicht in allen gewöhnlichen Jahren und unter den gewöhnlichen Verhältnissen nach Belieben wieder heraufbeschworen werden kann. Die patriotische Leidenschaft flieht, aber die Liebe und Treue kann doch bleiben. Nur muß man fortan von außerordentlichen Anforderungen absehen und die Bedürfnisse des Vaterlandes fortan wieder auf dem alten hergebrachten Wege der regelmäßigen Jahressteuern zu decken suchen.

Die Rückkehr zur normalen Stimmung und zum normalen Verfahren hat auch nichts Beunruhigendes. Im Gegenteil: wir selbst und unsere Nachbarn sehen daraus, daß Deutschland auch ohne außerordentliche Nervenanspannung das feinige zu leisten vermag. Ferner wird der Verlockung zum Uebermaß vor­gebeugt. Wenn sich die Ansicht geltend machte, daß man jeden Augenblick wieder eine neue Milliarde vom Volke erlangen könne, so würden die Rüstungs­schwärmer in ihren Forderungen und Treibereien bis ins ungeheuere gehen. Es muß überall die Er­kenntnis vorherrschen: das Notwendige läßt sich wohl erreichen, aber auch nur das Notwen­dige.

Unsere Ueberzeugung, daß der Reichsschatzsekretär nicht eine zweite Vorlage für den Wehrbeitrag einbringen werde, stützt sich also weniger auf den guten Willen der wechselnden Minister oder Kanzler, als vielmehr aus die Unmöglichkeit, zum zwei­ten Male ein solches Opfer dem Bundesrat, dem Reichstag und dem Volk annehmbar zu machen. Es ist gut, wenn darüber volle Klarheit geschasst wird, nicht bloß zur Beschwichtigung der Gemüter, sondern auch zur Beruhigung des Handels und Wandels. Wir haben schon genug zu tun, um die Einwirkung der fortlaufenden Steuern auf das geschäftliche Leben zu verdauen. Daß noch ein neuer außerordentlicher Beitrag oder auch nur die Furcht vor einer solchen Belastung störend eingriffe, wäre zu viel der Prüfung.

Durch die Ablehnung einer Wiederholung wird die große moralische und materielle Bedeutung des Wehrbeitrages nicht geschmälert. Vielmehr tritt der außergewöhnliche Wert dieses Opfers im Opfer­jahr so erst recht hervor.

Deutsches Reich.

* Berlin, 25. Juni 1913. Der konservative Reichs­tags- und Landtagsabgeordnele Graf Kanitz, der Vorsitzende der konservativen Fraktion, ist ernstlich erkrankt. Eine schwere Influenza, verbunden mit rheumatischen Beschwerden, die auch das Herz in Mitleidenschaft gezogen haben, zwangen den Grafen laut ,Kreuzztg/, ein Sanatorium aufzusuchen. — Ter «Reichs- und Staatsanzeiger' veröffentlicht das Gesetz bett, den Ausbau von Wasserkräften im oberen Quellgebiet der Weser. Danach wird die Staalsregierung ermächtigt, für den Ausbau der Wasserkräfte im oberen Quell gebiet der Weier 10500000 Mark nach Maßgabe der von dem zuständigen Minister festzustellenden Pläne zu verwenden. Davon dürfen, solange die Wasserkräfte bei Münden nicht zum Aus- bau gelangen, nur 6500000 Mark verwende! werden. Das Anlagekapital wird mit vier Prozent verzinst und mit 1/s Prozent zuzüglich der durch Tilgung er­sparten Zinsen getilgt.

Ach bei Kommerzienrat Heberger, der Annie an diesem letzten Abend bei sich haben wollte, drängte Hardy vorzeittg zum Aufbruch; aber hier drang er nicht durch. Sie saßen bis 11 Uhr beisammen, tran­ken Sekt und waren stöhlich.

Dafür hatte Annie andern Tags einen schweren Kopf und blasse Wangen, und ein würgendes Gefühl faß in ihrer Kehle; erst als sie ein kaltes Bad genom­men hatte, wurde chr Wohler. Aber die trübe, schwer­mütige Stimmung blieb zurück, und jetzt war es das Weh, das ihr die Kehle zuschnürte. Sie fuhr sich immer wieder mtt dem Taschentuch an die Augen, und Hardy brummte ärgerlich etwas über „schwache Nerven" und „Weiber-Sentimentalität". „Richte Dich zurecht", mahnte er, „um 11 Uhr fahren wir weg. Ich hoffe, daß bis dahin alles klappt."

Nach 10 Uhr kam Tante Betty, schalt die dumme Gusti aus, die alles verkehrt anfaßte, schimpfte auf die lärmenden Arbeiter und auf den „rabiaten Berliner" und warf sich dann plötzlich ihrer „süßen Annie" wei­nend an den Hals. Da ließ auch Annie ihren Tränen freien Lauf, küßte das häßliche, alte Fräulein und schluchzte: „Vergiß mich nicht, Tante! — Hab' mich immer lieb! — Und sieh' manchmal auch nach Papa!"

Die Tante konnte vor Weinen nicht reden. Sie nickte nur immerfort mit dem grauen Tituskovse und schluckste. Dann rang es sich endlich wie ein erlö­sender Schrei aus ihrer Brust: „Ach Kind, liebstes Kind, warum gehst Du nur so schrecklich weit fort! — Da siebt man sich ja sein Lebtag nicht mehr! — Der Puck läßt Dich grüßen und wünscht Dir alles Gute. Kommen kann er nicht. Er liegt sterbens- matt in Amerland, und ich fahr' jetzt gleich wieder zu ihm hinaus und pflege ihn. Der arme, arme Mensch!"

Sie holte einen Strauß Feld- und Wiesenblumen und drückie ihn Annie in die Hand. „Ta, nimm! — Die Blumen hab' ich in eurem Garten, in den Jsar- auen und draußen am Starnberger-See gepflückt — als letzten Gruß der Heimat!"

„Ich danke Dir, Tante. Diesen Strauß werde ich in Berlin in mein Zimmer stellen und an die Heimat denken, an Papa, an Dich, an alle —"

(Fortsetzung folgt.)